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Im KURIER erzählen drei Frauen, wie schwierig

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18 JOURNAL
Die Marketingfrau
Sonja Heidenwolf (34) baut auf ihre familienfreundliche Firma. Sie weiß ihr Glück zu schätzen.
F
Von NASTASIA SCHIWEG
ür Anne-Marie Slaughter
begann die Woche immer
um 4.20 Uhr. Sie verabschiedete sich hektisch von ihren beiden Söhnen, ihrem Mann
und fuhr nach Washington. Woche für Woche. Die 53-Jährige
war Beraterin von Hillary Clinton im Weißen Haus. Eine TopPosition, ganz oben auf der Karriereleiter. Bis sie hinschmiss.
Slaughter ist Juraprofessorin
und lehrt heute wieder im EliteCollege „Princeton“. Im Nachgang schrieb sie das feurige Essay „Warum Frauen immer noch
nicht alles haben können“ und
sorgte damit für mächtig Wirbel.
„Zwischen den Telefonkonferenzen, Auslandsreisen und politischen Kongressen habe ich
doch an meine Söhne gedacht.
Sie waren 12 und 14, hatten Probleme in der Schule, ich wollte
einfach wieder bei Ihnen sein“,
sagt die 53-Jährige. Wenn ein
Mann diesen Schritt gehen würde, wäre er hochgelobt für seinen
Familiensinn. Als Frau wirkt es
doch schwach, nicht gut genug,
nicht perfekt organisiert genug.
Die Lüge von der
Im KURIER erzählen drei Frauen, wie schwierig
Darum spricht die Amerikanerin
aus, was sich sonst vielleicht nur
alle denken? Ist die Gleichberechtigung nach wie vor nur eine
Lüge?
Ein abgelegenes Seegrundstück in Brandenburg. Hier
wohnt Birgit Fischer (50).
Deutschlands
erfolgreichste
Olympionikin im Kanurennsport
kennt das Problem: „Anne-Marie
Slaughter hat nicht ganz Unrecht. Ich musste mich auch oft
durchsetzen, zunächst gegen
zwei ältere Brüder, dann gegen
Verbandsfunktionäre der DDR.
Ein Kinderwunsch als aktive
Leistungssportlerin in den 80er
Jahren war nicht so einfach um-
zusetzen. Außerdem ist es nach
wie vor so, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Auch mir
ging das so! Aber das Training
und die sportlichen Erfolge
haben mich gelehrt, immer hartnäckig dran zu bleiben. Dank der
Unterstützung meiner Familie,
habe ich es als Alleinerziehende
geschafft. Heute arbeite ich freiberuflich und habe keinen Chef
vor der Nase. Aber einige meiner
Freundinnen erzählen mir oft
über fehlende Gleichberechtigung. Wenn ich heute Vortragsanfragen erhalte, kommt es auch
häufig vor, dass man bei gleicher
Qualifikation eher einen Mann
bucht.“ Die zweifache Mutter
leitet heute das Unternehmen
„Kanufisch“ und gibt Kurse. Sie
weiß, worauf es ankommt:
„Frauen brauchen einfach mehr
Mut, ihre Wünsche zu äußern
und ihre Fähigkeiten nach Außen darzustellen. Männer sind
da einfach lauter.“ Die Frauenquote hält Fischer trotz allem für
falsch: „Wir sind doch keine aussterbende Rasse!“ Heute sind ihre beiden Kinder erwachsen. Die
50-Jährige sucht sich immer
wieder neue Herausforderungen
und möchte jetzt als Botschafterin von „Astraia“ Mädchen stärken, die Unterstützung brauchen.
Ein modernes Fabrikgebäude
im Berliner Medienbezirk. Bei
„Polyprint“ arbeitet Sonja Heidenwolf (34). Die junge Mutter
eines vierjährigen Sohnes ist
Marketingleiterin. Sie meistert
den Spagat zwischen Job und
Kind dank ihres flexiblen Arbeitgebers. „Ich arbeite Teilzeit in einem besonders familienfreundlichen Unternehmen. „Polyprint“
ist erst 21 Jahre alt. Die Gründer
sind deshalb jung und haben
auch Kinder. Hier freut sich der
Chef über eine Schwangerschaft
und findet eine flexible Lösung.
So kann jeder seinen Arbeitsplatz behalten. Aber mir ist
schon bewusst, dass das hier eine
Ausnahme ist.“ Die hübsche
BERLINER KURIER
SONNTAG, 15. JULI 2012
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Die Friseurin
Doreen Brauner (37) baut auf ihren Partner
Robby Klopsch ( 47) und einen Teilzeitjob. Der
kleine Tom (1) hat so mehr von seinen Eltern.
Foto: Lebie, zVg
Die Olympionikin
Birgit Fischer (50) baute auf die Unterstützung
ihrer Familie und will Mädchen Mut machen.
Gleichberechtigung
es ist, Job und Kinder unter einen Hut zu bekommen
Frau lehnt sich auf dem Stuhl zurück: „Ich kann mir schon vorstellen, was Slaughter gemeint
hat. Ich glaube, Männer sind
strikter in ihren Forderungen.
Frauen dagegen immer zurückhaltender. Sie fragen nach, statt
zu fordern. Aber ob sich das jemals ändert oder eher eine charakterliche Frage ist, weiß ich
nicht.“
Der Friseurladen „New Cut“,
Doreen Brauner (37) lächelt, ihr
Rezept: Teilzeit! „Ich arbeite
vier Tage in der Woche. Meine
Chefin ist auch gerade schwanger und hat sich sehr für mich
eingesetzt. Dass ich auf meinen
Arbeitsplatz zählen konnte, hat
mir Ruhe gegeben. Im Babyjahr
war es wirklich toll zu Hause zu
sein und jeden Tag die Entwicklung meines Sohnes zu verfolgen. Aber ein Leben lang nur
Anne-Marie Slaughter (53) war
Beraterin von Hillary Clinton.
Mutter, Wäsche waschen und
Putzen reicht mir nicht.“ Die Friseurin hat einen anstrengenden
Job und volle Tage: „Das gehört
dazu und gerade deshalb fühle
ich mich gleichberechtigt! Mein
Partner und ich arbeiten hart
und gerne. Unsere Arbeitszeiten
ergänzen sich gut. So ist unser
kleiner Tom nie lange in der Kita
und meist bei einem von uns beiden. Auch für ihn sind andere
Kinder wichtig. Dass mein Partner auf Arbeit geht, war selbstverständlich und das war es für
mich auch! Schon rein finanziell
sind zwei Einkommen wichtig“,
sagt sie und füllt neue Farben
auf.
Also hat Slaughter nun Recht
oder nicht? Publizistin Kerstin
Plehwe sieht in den Führungsetagen Handlungsbedarf: „Frauenfreundliches Klima entsteht
nicht nur durch flexible Arbeitszeiten oder Betriebskindergärten. Die Unternehmenskultur
muss sich ändern. Ex TelekomVorstand Thomas Sattelberger
ist in diesem Punkt ein Vorbild.
Sie führten erstmals eine verbindliche Frauenquote ein und
änderten das ganze Selbstverständnis der Führungsetage.“
Cornelia Spachtholz, Bundesvorsitzende des Verbands für berufstätige Mütter pflichtet bei:
„Wenn wir uns die Spitze angu-
cken… dann ist „die“ Karriere im
klassischen Sinne männlich.
Durch alle Branchen hinweg –
oder wie viele Sterne-Köchinnen und Fernseh-Köchinnen
gibt es im Vergleich zu ihren
männlichen Kollegen? Da müssen wir nicht nur in die DAXVorstände gucken, oftmals fängt
Gleichberechtigung vor der
Haustüre an, und zwar vor der
eigenen.
Gleichberechtigung
braucht andere Einstellungen,
Wertewandel, Rahmenbedingungen und Infrastruktur um
Wahlfreiheit des individuellen
und partnerschaftlichen Lebens, Familien- und Arbeitsmodells
zu etablieren!“
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Seele and Geist
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