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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
Mehr als schlechte Noten
Wie man Lernschwächen richtig behandelt
Autorin:
Susanne Harmsen
Redaktion: Christoph König
Produktion: Susanne Harmsen
Sendung:
Samstag, 26.03.2011, 8.30 Uhr, SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben (Montag bis Freitag
10.05 bis 10.30 Uhr) und SWR2 Wissen am Samstag (8.30 Uhr bis 8.58 Uhr) sind beim
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MANUSKRIPT
Melvin:
Also die schriftlichen Fächer, Deutsch und so, da ja hänge ich halt schon so ein
bisschen hinterher als die anderen. In anderen Fächern hatte ich nicht so Probleme,
in Mathe gar nicht. Mündlich mache ich halt besser mit als so schriftliche Sachen. In
Mathe bin ich halt gut. Dagegen Deutsch, nicht halt.
Sprecherin:
1
Mehr als schlechte Noten – Wie man Lernschwächen richtig behandelt. Eine
Sendung von Susanne Harmsen.
Petra Reimann-Kilinc:
Mit Melvin war es das erste Mal, dieses Problem Legasthenie. Und in der zweiten
Klasse fing es an, dass er hinterher hing, weil er Aufgabenstellungen nicht verstand.
Man musste ihm das vorlesen, und irgendwann hat der es dann verstanden. Dann
hat er auch, z.B. das s c h verkehrt rum geschrieben. Und man konnte ihn das üben
lassen, wie man wollte, am nächsten Tag waren die gleichen Fehler wieder drin.
Sprecherin:
So schildert Petra Reimann-Kilinc den Leidensweg ihres Sohnes. Melvin ist
inzwischen 15 Jahre alt und lernt in der 9. Klasse. Heute kann er dank einer
Lerntherapie mit seinen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben umgehen. Doch
als Zweitklässler verzweifelte er an seiner Unfähigkeit, so schnell und scheinbar
mühelos zu lernen wie seine Klassenkameraden. Er suchte die Ursache bei sich
selbst, hielt sich für dumm und faul, weil alles Üben nutzlos blieb. Schließlich gab er
auf, wie seine Mutter mit ohnmächtiger Sorge beobachtete:
Petra Reimann-Kilinc:
Er wurde immer ruhiger, zog sich immer mehr zurück, es ging schon fast in die
Depression rein. Und in der dritten Klasse haben mich dann die Lehrer
angesprochen, sie hätten die Idee, dass das vielleicht Legasthenie sein könnte. Und
dann habe ich mich aber auch selbst erkundigt bei den Behörden, habe mir dort
einen Termin geben lassen, dann wurde er dort getestet. Man stellte fest, er ist
Legastheniker. Und als wir dann das Ergebnis erfahren haben, Legasthenie, haben
wir uns wirklich darüber gefreut. Und sind erst mal ein dickes fettes Eis essen
gegangen, weil wir uns wirklich gefreut haben, wir wissen jetzt was er hat, und jetzt
können wir handeln. Aber dieser Weg dann bis man dann diese Therapie bekommen
hat, dass das alles freigegeben worden ist, das war superschwer, muss ich wirklich
sagen. Also wir haben von der dritten Klasse an bis Ende der vierten Klasse darum
gekämpft, dass das anerkannt wird, dass die Therapie genehmigt wird, und dass
auch der Nachteilsausgleich in den Schulen akzeptiert wird. Es war schon sehr sehr
schwierig.
Sprecherin:
Der Nachteilsausgleich bestand darin, dass über mehrere Jahre Melvins
Rechtschreibung nicht benotet wurde, damit er nicht täglich neue Nackenschläge
erleidet. Doch für den Schulabschluss setzt die Benotung wieder ein. Und die
Fortsetzung der Lerntherapie muss seine Mutter alle halbe Jahre neu erkämpfen.
Dank der speziellen Therapie in einem Legasthenie-Zentrum haben sich nicht nur
Melvins Leistungen in Deutsch verbessert. Er hat vor allem wieder Selbstvertrauen
gefasst und nun in der 9. Klasse konkrete Zukunftspläne für den Mittleren
Schulabschluss, MSA, und die Zeit danach:
Melvin:
Jetzt erst einmal MSA und dann halt, wenn ich es schaffe, Fachabi, das normale
Abitur schaffe ich halt auf dieser Schule nicht. Da sind halt die Leistungen noch
einmal erhöht worden. Später dann halt zur Polizei. Später dann noch weiterbilden
lassen zum SEK und dann dort bleiben.
2
Sprecherin:
In Deutschland lernen derzeit knapp neun Millionen Kinder an allgemeinbildenden
Schulen. Fünf Prozent von ihnen leiden an einer Lese- oder Rechtschreibschwäche,
ebenso viele an Dyskalkulie, zu Deutsch Rechenschwäche. Manche können weder
richtig rechnen noch richtig lesen. Dazu kommen Kinder mit
Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität. Geschätzte 10 Prozent insgesamt, also
fast eine Million Schüler sind von diesen Problemen betroffen. Im regulären
Schulbetrieb kann ihnen nicht geholfen werden. Normal intelligente Kinder werden
durch diese Teilleistungsstörungen ins Aus befördert, versagen in der Schule,
verzweifeln an ihrer Zukunft. Eine Ausgrenzung, die sie sogar zu Patienten in der
Kinder- und Jugendpsychiatrie machen kann. Zum Beispiel in der des Berliner
Klinikums Westend, deren Leiter Michael von Aster ist.
Michael von Aster:
Das sind sehr komplexe Störungen mentaler Reifungsfunktionen, die ein sehr fein
abgestimmtes Vorgehen erfordern. Wenn das nicht erfolgt, ist ein Scheitern in
diesem spezifischen Bereich praktisch vorprogrammiert. Das ist für Lehrer aber,
wenn sie einer Klasse von 25 bis 30 Schülern gegenüber sitzen, sehr schwer. Noch
dazu dann, wenn Lehrer selbst nicht ausreichend wissen, was eine Dyskalkulie oder
was eine Legasthenie und wie man ihr am besten begegnet.
Sprecherin:
Die Schwäche in der Schule zerstört mit der Zeit das Selbstwertgefühl der Kinder und
führt zu erheblichen psychischen Problemen mit Symptomen wie Aggression gegen
Mitschüler und Lehrer, aber auch Depressionen und Selbstverletzung. Nach
aktuellen Angaben des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg steigen die
Zahlen stationärer Behandlungen von Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie
kontinuierlich. 2009 lagen sie bei fast 5.000. Dafür gibt es viele Gründe. Aber die
meisten, rund zwei Drittel, landen in der Psychiatrie, weil sie in der Schule versagen.
Michael von Aster:
Michael von Aster:
Das Geheimnis der Schulbewältigung ist eigentlich, dass Kinder in der Schule
erfolgreich sein müssen und nicht unterlegen und nicht versagend. Mit den Kindern,
mit denen wir hier zu tun haben, da kann man sehen, ist ein hervorstechendes
biographisches Merkmal das Merkmal des Scheiterns in der Schule. Und das
wiedergutzumachen, ist oft sehr viel aufwändiger und braucht viel mehr
Anstrengungen, als ein umschriebener Lernrückstand in irgendeinem Bereich es sein
müsste.
Sprecherin:
Zugrunde liegende Lernschwächen werden oft nicht oder zu spät erkannt. Erst mit
der Diagnose Legasthenie oder Dyskalkulie können Eltern beim Schulamt erreichen,
dass ihre Kinder vorübergehend in Rechtschreibung oder Mathematik keine Noten
bekommen. Das nimmt die immer neuen Schicksalsschläge der Fünfen und
Sechsen. Zum sogenannen Nachteilsausgleich gehört eigentlich auch mehr Zeit bei
Tests und Klassenarbeiten, weil die Schüler schon für das Verstehen der Aufgaben
länger brauchen. Doch das bleibt im Schulalltag meist graue Theorie. In jedem Fall
benötigen die Kinder eine parallele Lerntherapie, um den Ursachen ihrer Probleme
beizukommen. Wolfgang Nutt vom Legasthenie-Zentrum Berlin-Schöneberg hilft
unter anderem Melvin:
3
Wolfgang Nutt:
Wir gucken uns eben den Stand der Kinder an und versuchen, auf dem Niveau zu
üben, wo das Kind auch noch Erfolge hat. Weil es ganz wichtig ist, dieser
Misserfolgserwartung, die Kinder entwickeln, entgegen zu arbeiten. Dann haben wir
natürlich noch diverse psychotherapeutische Verfahren zur Verfügung, die wir zum
Einsatz bringen, dass wir nicht nur auf dieser lerntherapeutischen Ebene arbeiten,
sondern auch mit kognitiven oder verhaltensmodifizierenden Maßnahmen versuchen,
Kinder zum Umdenken zu bringen. Also dieser Gedanke, ich bin doof, ich kann das
sowieso nicht, was die dann auch selbst sich ständig sagen, das gezielt zu
bearbeiten in verhaltensmodifizierten Maßnahmen, auch in der Elternberatung oder
mit den Lehrern und darauf hinzuarbeiten, dass die das auch unterstützen.
Sprecherin:
Obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO Legasthenie längst als Krankheit
anerkannt hat, stehen Therapien gegen Lernstörungen bei den deutschen
Krankenkassen nicht im Leistungskatalog. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel gibt es
gerade mal etwas über 20 niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater, die
Lernstörungen genau diagnostizieren können, dazu einige Klinikambulanzen. Noch
schwieriger wird es, einen kompetenten Therapeuten zu finden und das Jugendamt
zur Übernahme der Kosten zu bewegen. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz,
Paragraph 35 A ist geregelt, dass jedes Kind einen Anspruch auf Hilfe bei
Teilleistungsstörungen hat, vorausgesetzt, es droht eine seelische Behinderung oder
sie liegt schon vor. Das heißt im Klartext, Hilfe gibt es erst nach Jahren, wenn schon
ein Schaden an der Seele des Kindes eingetreten ist und die eigentliche Lernstörung
viel schwieriger zu bessern. Dabei sind die Bildungschancen eigentlich gut, weiß
Lerntherapeut Wolfgang Nutt aus jahrzehntelanger Erfahrung:
Wolfgang Nutt:
Als Regel kann man sagen, es ist nicht heilbar, aber man kann diese Schwierigkeit in
ganz vielen Fällen gut kompensieren, so dass auch alle Schulabschlüsse möglich
sind, auch ein Studium möglich ist: Hin und wieder brauchen diese Kinder dann
gezielte Unterstützung oder auch Ausnahmeregelungen bei Prüfungen, was übrigens
an Universitäten leichter durchzukriegen ist als an der Schule. So dass man schon
sagen kann, im Prinzip kann ein Legastheniker alles werden, aber er braucht
Unterstützung.
Sprecherin:
Ähnliches gilt für Dyskalkulie. Ins Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in
Berlin kommt seit zwei Jahren regelmäßig Sophie:
Sophie:
Ich bin zehn Jahre alt, ich gehe in die fünfte Klasse. Also als ich zum erstenmal
hierher kam, kam ich mir schon echt komisch vor, also ich finde jetzt auch schon,
dass ich besser geworden bin. Und ich freue mich auch schon darüber, dass ich jetzt
besser geworden bin. Sie haben mich sehr gut verstanden und da werde ich auch
versuchen, jetzt mitzuarbeiten.
Sprecherin:
Wie so oft war es auch bei Sophie ein Zufall, dass eine informierte Lehrerin ihr
Problem entdeckte und den Eltern den Weg zur Hilfe zeigen konnte.
4
Sophies Mutter:
Das fing ja in der zweiten Klasse schon an, dass wir merkten, dass sie da schon
Schwierigkeiten hatte. Bis eben die Lehrerin sagte, dass wir doch mal so einen Test
machen sollten. Ob ich damit einverstanden bin, dass es vielleicht mit einer
Rechenschwäche zu tun hat, dass sie darunter leidet.
Sprecherin:
Seitdem geht sie mit Sophie einmal die Woche zur Therapie. Aktuell machen ihnen
die neuen Bruchzahlen wieder Sorgen, aber Sophie ist optimistisch, die Mathematik
mit Hilfe der Therapeuten weiter zu bewältigen. In ihrem Fall ist das Jugendamt
bereit, die Kosten von rund 70 Euro pro Therapiestunde zu übernehmen, und
Sophies Mutter ist es den Zeitaufwand alle mal wert:
Sophies Mutter:
Das hilft schon viel, wenn ein Kind unter dieser Rechenschwäche leidet. Alleine
kommt man da, glaube ich, gar nicht zurecht. Da kann man gar nicht so helfen. Das
ist ja schon wichtig, dass sie das versteht. Zu rechnen und so.
Sprecherin:
In anderen Fällen werden Eltern hellhörig und sind sogar bereit, die Therapie selbst
zu bezahlen, weil sie nicht warten wollen, bis ihre Kinder massive Schulängste
entwickeln. Christian Witt:
Christian Witt:
Unser Sohn geht in die zweite Klasse. Er geht gern zur Schule, kann man eigentlich
sagen. Anfang der zweiten Klasse ist er überall gut mitgekommen, wir haben gute
Rückmeldung bekommen, und das wurde dann im Laufe der fortschreitenden
Aufgabenstellungen auch im Mathematikbereich immer etwas schwieriger. Wir haben
das auch zu Hause gemerkt, dass wir immer mehr zurückgehen müssen zu
einfacheren Aufgaben, also wenn die Schule weitergeht und bis 100 rechnet, hat
man gemerkt, man muss dann zurückgehen und den Zehnerbereich, den
Zehnerübergang noch einmal ansehen. Das war dann der Anlass, noch einmal zu
gucken, ist denn da etwas, wo wir uns Hilfe suchen müssen, was wir einfach nicht,
mit selber fleißig üben und mehr Hausaufgaben machen, hinkriegen.
Sprecherin:
Bei Legasthenie geht man inzwischen davon aus, dass die Reifungsstörungen im
Hirn bei der Hälfte der Betroffenenen ererbt sind. In anderen Fällen können
Krankheiten im Kleinkindalter dazu führen, dass trotz gesunder Augen und Ohren die
Signale im Gehirn nicht richtig verarbeitet werden. Auditive oder visuelle
Wahrnehmungsstörungen nennen die Fachleute das. Ähnliche Ursachen vermuten
sie für Dyskalkulie. Die Auswirkung ist in jedem Fall, dass die Kinder Zahlen nur als
leere Worte wahrnehmen, nicht jedoch als Begriff für eine Menge. Lerntherapeut
Rudolf Wieneke erläutert, wie er die Zahlen ganz neu erklärt:
Rudolf Wieneke:
Jede Zahl besteht aus eins, die sieben besteht im Unterschied zur sechs aus einer
eins mehr. Dass sie das gleichzeitig in diese Verhältnisse setzen, dass sie die sieben
als Differenz zu allen anderen Zahlen, so dass sie langsam ein sogenanntes
Kardinales Zahlverständnis entwickeln, Kardinal heißt in diesem Fall, dass Zahlen
5
nicht nur in der Reihenfolge verstanden werden, also 1., 2., 3., 4., sondern als
Mengenverhältnis und als Differenzverhältnis. Und das entwickeln wir sozusagen
durch eine Theoretisierung der Anschauung und entwickeln so den Ansatz für das
verständige Rechnen, was erstmal seinen Ausgangspunkt hat im Verstehen der
Zahlen. Und das ist die Grundlage für die Entwicklung eines Therapiekonzeptes.
Sprecherin:
Was am dringendsten fehlt, ist eine gezielte Suche im Vorschulalter, spätestens aber
in der zweiten Klasse, um Kinder mit Lernschwächen zu finden und fachkundig zu
fördern, bevor sie zu Schulversagern werden. Erziehungswissenschaftler der
Universität Münster haben schon vor Jahren begonnen, den Schulen Mittel und
Wege zu geben, frühzeitig die Kinder zu finden, die beim Lesen und Schreiben
Probleme haben. Gemeinsam mit der Elterninitiative Bundesverband für Legasthenie
und Dyskalkulie entstand LISA, ein Lernserver im Internet, der allen Lehrern
kostenlos zur Verfügung steht. Friedrich Schönweiß:
Friedrich Schönweiss:
Was wir den Schulen liefern, ist, dass die Schulen ganze Klassen oder ganze
Jahrgänge diagnostizieren können und dann feststellen, welche Kinder sind
eigentlich dabei, die besonderen Unterstützungsbedarf haben. Oder wie setzt sich
eigentlich die Klasse zusammen? Wir haben wir ja auch Normierungsmöglichkeiten
implementiert, mit einer Ampel, die auch visualisiert, welchen Unterstützungsbedarf
die Kinder haben. Und die Lehrer können vor dem Hintergrund dieser Information
auch entscheiden, welche Fördergruppen, wie viele Fördergruppen auch sie
einrichten müssen, welche Kinder auch, und das ist eine wichtige Information,
vielleicht gar nicht im Rahmen des normalen Klassenförderunterrichts gefördert
werden können, sondern die eine zusätzliche, individuelle Förderschleife drehen
müssten, oder wo externe Experten hinzugezogen werden müssen.
Sprecherin:
Über 800 Schulen mit 10.000 Kindern haben inzwischen an der Studie
teilgenommen. Für den festgestellten Förderbedarf können Lehrer und Eltern
Materialien beziehen, die an die Klassenstufe und die festgestellten Probleme
angepasst sind. Außerdem bildet das Lernserverteam inzwischen Lehrer, Studenten,
Ruheständler und andere Interessierte weiter, damit sie vor Ort bei der Förderung
helfen können. Friedrich Schönweiß:
Friedrich Schönweiss:
Ich denke, dass wir dafür auch ein sehr gutes Angebot entwickelt haben, das auch
auf unterschiedliche Lerntypen seitens des Lehrers zuzuschneiden ist, mit vielen
Spielanregungen, mit Wortlisten und Übungsmaterialien, so dass also auch ein
Lehrer, der nicht umfassend ausgebildet ist, hier eine sehr hoch qualifizierte Arbeit
leisten kann. Übrigens auch wie viele Tausend Eltern inzwischen, die die Förderung
der Kinder mit unserer Hilfe inzwischen in die eigene Hand nehmen.
Sprecherin:
Es gibt auch andere Hilfsprogramme und Materialien mit guten Effekten. Aber mit
dem Lernserver können sich Eltern, Lehrer und Fachleute ständig austauschen.
Friedrich Schönweiss:
6
Wir haben mehrfach die Arbeit von Schulen und auch kompletten Regionen evaluiert,
was denn das Ergebnis auch der Förderung war, wir haben auch die Möglichkeit
geschaffen, durch B-Tests, nach Ende der Förderung ziemlich einfach festzustellen,
wie die Kinder sich verbessert haben. Und das Ergebnis ist durchweg positiv. Wobei
das Entscheidende vor den ganzen Zahlen für mich einfach ist, dass die Kinder
wieder Selbstvertrauen gefasst haben, sich selbst wieder mehr zutrauen und auch
wieder lieber in die Schule gehen. In den Noten schlägt es sich natürlich auch nieder.
Es ist im Schnitt ungefähr zwei Notenstufen, um die die Kinder sich verbessern,
eigentlich mit Tendenz noch nach einer besseren. Aber das andere ist natürlich auch
sehr wichtig, dass die Kinder jetzt gern lesen, und auch die Kinder von sich selbst
rückgemeldet haben, dass sie sich dann mehr mit anderen Gegenständen, mit
anderen Themen auch befassen können, weil sie Texte einfach schneller erschließen
können.
Sprecherin:
Ein ähnliches Programm für Rechenschwächen zu entwickeln, wird noch einige Zeit
und einiges Geld brauchen. Bis dahin gibt es immer noch zu viele Schüler, die an
ihren Lernschwächen verzweifeln, verhaltensauffällig reagieren, aus der Schule
fliegen und schließlich in der Psychiatrie landen. In Berlin Westend leitet Michael von
Aster die Kinder- und Jugendpsychiatrie und forscht speziell zur Dyskalkulie:
Michael von Aster:
Für Kinder mit Rechenstörungen braucht es besondere Unterstützungen, die in den
Schulen aber sehr oft nicht zur Verfügung stehen. Erst nach einem langen
Leidensweg, oftmals wenn Kinder sich schon aufgegeben haben, wird das überhaupt
als Problem wahrgenommen. Vorher wird eigentlich bestraft, es wird systematisch
bestraft, kann man sagen. Nun weiß man, dass Strafe nicht lernförderlich ist, sie
erzeugt Angst. Das ist nun einmal leider Gottes unsere schulische Realität. Und die
Kinder-und Jugendpsychiatrie ist oft aufgerufen, solche Versäumnisse von Schule,
zu helfen, diese gerade zu biegen. Das ist bedauerlich.
Sprecherin:
Ein weiteres Problem ist, dass durch den Kostendruck im Gesundheitswesen die
Patienten im Schnitt nach vier Wochen geheilt oder gebessert sein sollen. Doch
jahrelanges Scheitern, zerrüttetes Selbstvertrauen, aggressive oder depressive
Reaktionen darauf heilen nicht in einem Monat. Deshalb gründete Michael von Aster
auf dem Klinikgelände eine spezielle Schule für verhaltensauffällige Kinder.
Michael von Aster:
Wenn wir die Kinder nach einer längeren klinischen Behandlungsphase entlassen
und in ihre Schule zurückschicken, dann passiert es oft, dass sie nach vier, sechs
Wochen wieder scheitern, und im Grunde genommen das gleiche Spiel sich
wiederholt. Und das ist nicht zielführend. Wir brauchen gerade für Kinder, die
Probleme in der Regulation von Verhalten haben, im rechtzeitigen Erkennen von
Gefühlen, die noch nicht so gut ihr Verhalten steuern können und abstimmen können
auf andere, gerade diese Kinder brauchen Bedingungen, die sie schützen vor zu
schnellem Wiedereintritt von Misserfolgserlebnissen. Was diese Schule zum Ziel hat,
ist, dass wir die Kinder mit einer längeren Phase im Grunde genommen vorbereiten
können auf die leider Gottes schwierige Realität der Regelschule. Die Bedingungen
dafür zu verbessern, dass sie dort erfolgreich ihren Weg machen.
7
Sprecherin:
Im Zentrum für Schulische und Psychosoziale Rehabilitation ZSPR in Berlin haben
seit zwei Jahren jeweils 24 Kinder nun die Gelegenheit, bei erfahrenen
Sozialpädagogen und Lehrern, mit Unterstützung therapeutischer und
medikamentöser Behandlungen, Schule neu zu erfahren. Das Zentrum wird von den
DRK-Kliniken getragen, das Geld kommt von Schulverwaltung, Krankenkassen und
Jugendämtern, je nach Zuständigkeitsbereich. Ziel ist die Reintegration der Kinder in
Regelschulen nach spätestens zwei Jahren. Die Lehrerin und Sozialpädagogin
Kerstin Schicke leitet die Schule.
Kerstin Schicke:
Wir wissen ja oft nicht, was Henne und was Ei ist. Es gibt natürlich schwere
Lernstörungen, Teilleistungsstörungen, die Misserfolge bescheren und dann in der
Nachfolge diese Verhaltensauffälligkeiten produzieren. Aber es gibt genauso diesen
anderen Teil, d. h. also ungünstige Bedingungen, die also die
Verhaltensauffälligkeiten gebracht haben, überdecken die eigentliche Lernfähigkeit.
Diese Erfahrung haben wie hier immer wieder gemacht. Sobald die Kinder sich in
einer einigermaßen stabilen Lage befinden, fangen wir erst an, uns die
Lerndiagnostik und die Lernstandsanalyse anzuschauen. Weil das andere, was
davor ist, überlappt zu sehr die eigentliche Lernfähigkeit. Und wir merken sehr, dass
Kinder unter stabilen Bedingungen ganz andere Lernfähigkeiten zeigen, als sie
vorher zu sehen waren.
Sprecherin:
Die Kinder sind von acht bis 16 Uhr in der Schule, in kleinen Klassen zu zehnt oder
zwölft. Neben dem auf ihre Möglichkeiten ausgerichteten Unterricht essen sie
gemeinsam, spielen, treiben Sport, kochen oder erholen sich im Ruheraum „Atlantis“.
Die Erzieher der nachmittäglichen Tagesgruppen arbeiten eng mit Lehrern und Eltern
zusammen, um den Schülern allmählich nicht nur das Lernen, sondern auch das
soziale Miteinander neu zu vermitteln. Gerade das Zusammensein mit anderen
Problemkindern erweist sich dabei für die Schüler als Vorteil, erläutert
Sozialpädagogin Heike Pausch:
Heike Pausch:
Ich glaube, das ist sehr gut für die Kinder, weil sie oft erlebt haben, dass sie ein
Defizit haben im Vergleich zu Regelschul-Mitschülern und sich dabei ziemlich
schlecht gefühlt haben und hier können Sie eben kennen lernen, dass es andere
gibt, denen es ähnlich geht, die vielleicht nicht die gleichen Schwierigkeiten haben,
aber in anderen Bereichen, der eine kann vielleicht gut rechnen und gar nicht
schreiben, der andere kann gut vorlesen und kann sich beim Sport nicht gut
bewegen. Und die Summe aus allem ist, glaube ich, für alle ein gutes Grundgefühl zu
haben, man kann ein Defizit haben, aber man hat auch ganz viele tolle Seiten. Dass
wir eher den Fokus davon wegbekommen, was kannst du nicht, sondern was kannst
du richtig gut oder was macht dich so aus als Persönlichkeit. Weil sie haben eher so
einen Defizit Blick, wenn sie hierher kommen und das halte ich für sehr wichtig, dass
sie davon wegkommen.
Sprecherin:
Die Arbeit der Erzieher und Pädagogen braucht besonders viel Geduld. Dennoch
kann es immer wieder zu Rückschlägen kommen, zu Wutanfällen oder Resignation.
8
Was reizt Heike Pausch an diesen Problemkindern, die andere abgeschoben haben,
an denen selbst die Eltern oft verzweifeln?
Heike Pausch:
Das sind sehr energetische Menschen, sie sind oft sehr kreativ oder haben eben
eine so besondere andere Begabung, die mich dann reizt. Und so das gesamte
Paket finde ich dann spannend. Vielleicht auch, warum entwickelt sich ein Mensch
so, dass er dort eine große Auffälligkeit hat, und das andere dann ist so kreativ. Ich
finde, diese Persönlichkeiten sind besonders. Und auch besonders anstrengend und
es ist auch nicht jeder Tag dann nur leicht, aber die Energie, die sie mitbringen, die
mag ich halt ganz gerne.
Sprecherin:
Unterstützt wird die Arbeit in der Schule natürlich weiter von den Ärzten der Kinderund Jugendpsychiatrie. Ergebnisse der modernen Forschung gehen so in die
praktische Therapie ein. Klinikleiter Michael von Aster:
Michael von Aster:
Man weiß heute, dass das Gehirn sehr plastisch ist. Auch Schwächen, die da sind,
können bewältigt werden, wenn man angemessen und professionell genug
Unterstützung bereitstellt. Auch die Verhaltensdefizite, die Kinder haben, die ein
sogenanntes ADHS haben, also nicht lange aufpassen können, sich leicht ablenken
lassen, all diese Dinge werden vermittelt durch Funktionen des Frontalhirns, das bis
ins späte Jugendalter in Reifung begriffen ist. Das heißt, hier können wir, wenn wir
Bedingungen schaffen, die erfolgreiches Lernen möglich machen, schrittweise
Hirnreifungsprozesse unterstützen, mit denen die Funktionen dann auch nachhaltig
gebessert werden. Das gleiche gilt für Schriftspracherwerb und für
Mathematikerwerb.
Sprecherin:
Gemeinsam mit anderen entwickelte er ein Lernprogramm, das Kindern im
Grundschulalter mit Dyskalkulie helfen soll. Über einen Monat hinweg übten sie
täglich zehn Minuten damit. Die Erfolge waren erstaunlich. Michael von Aster:
Michael von Aster:
Kinder mit Rechenstörungen haben häufig Defizite in der Fähigkeit, sich Zahlen
räumlich vorzustellen. Und diese Fähigkeiten werden im Scheitelhirn vermittelt. Diese
Fähigkeiten kann man unterstützen. Und wir haben in der Untersuchung, die wir
durchgeführt haben, Kinder vor diesem Training mit einer Methode untersucht, wo
man das Gehirn arbeiten sehen kann, mit einer Funktionellen
Magnetresonanztomographie, sagt man dazu. Und wir haben nach diesem Training
die Kinder noch mal gemessen mit dieser Technik. Und wir haben gesehen, dass die
neuronalen Netzwerke, die gebraucht werden, um Zahlenraumvorstellung zu
erzeugen, sehr viel besser geworden sind. Also, das Gehirn verändert sich, wenn die
Bedingungen dafür, die geistige Ernährung dafür, angemessen ist.
Sprecherin:
Auch die ersten Erfahrungen der ZSPR-Klinikschule geben zum Optimismus Anlass.
Die ersten Schüler konnten in eine Regelschule entlassen werden. Da sie auch in
der Klinik dem normalen Lehrplan gefolgt sind und ein Zeugnis mitbringen, haben sie
auch keine Schuljahre versäumt. Kerstin Schicke:
9
Kerstin Schicke:
Und das letzte Beispiel, das wir hier hatten, war ein sehr gutes, der Junge war sehr
schnell in der Oberschule reintegriert und konnte sich sehr schnell dort auch einen
Platz erobern, wir haben also gesehen, er hat viel von dem mitgenommen, was wir
ihm hier geben konnten. Jedes Kind hat sein persönliches Ziel, an dem es arbeiten
möchte, das wird positiv formuliert und wird über den ganzen Tag hin immer wieder
in kleinen Schritten bewertet. Wenn dann das Kind noch das Gefühl hat, es kommt
zum Lernen, es kann wie andere Schüler auch tatsächlich lernen und es kriegt Ziele,
die es auch erreichen kann, dann haben wir beobachten können, wie das eigene
Selbstbewusstsein und die Selbstregulation der Kinder auch wieder wächst. Sie sind
nicht mehr so abhängig von ständigen Außenreizen, sondern sie können sich auch
ein Stück weit selbst regulieren.
Sprecherin:
Zehn Prozent der Kinder in unseren Schulen, also rund eine Million Schüler haben
die eine oder andere Lernschwäche oder Aufmerksamkeitsdefizite. Das ist kein
Erziehungsfehler und kein Versagen von Lehrern oder Eltern. Es ist eine
Entwicklungsstörung des Gehirns. Diese kann und muss so früh wie möglich von
qualifizierten Therapeuten behandelt werden, fordert Michael von Aster:
Michael von Aster:
Eltern spüren oftmals schon sehr früh, dass ihr Kind in dem einen oder anderen
Bereich Schwierigkeiten hat. Günstig ist in jedem Fall, das weiß man heute, dass ein
möglichst frühzeitiges Erkennen von Entwicklungsauffälligkeiten oder
Entwicklungsschwächen maßgeblich ist. Je mehr man vom Leidensweg verhindern
kann, desto günstiger die Prognose. Heute kann man schon im Vorschulalter Tests
durchführen, die Hinweise geben, ob ein Kind ein Risiko z. B. für die spätere
Entwicklung von Legasthenie oder Dyskalkulie hat oder nicht.
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