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Bielefeld, 21. und 22. November 2007
Maria Knauer, Vorstand Gemeinnützige Wohnungsfürsorge AG München:
„2050: Wer wohnt wie, wo und warum?“
Ich habe im Titel meines Beitrags alle Fragen offen gelassen, weil es mir sehr
gewagt erschiene, mit Gewissheit vorherzusagen, wie die Welt in vierzig Jahren
ausschauen wird.
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto ungewisser erschienen mir
alle Vorhersagen und Interpretationen der Zukunft. Und wenn ich mir zudem
überlege, welche Veränderungen unsere Welt in den letzten zwanzig Jahren
ausgesetzt war, dann mag es in vierzig Jahren ein Dasein geben, das wir uns heute
gar nicht wirklich vorstellen können. Auch im Jahr 2050 werden es aber sicher
Menschen sein, die in der Bundesrepublik leben und wohnen. Einige dieser
Menschen will ich Ihnen heute vorstellen:
Dr. Mario F.
Eigentlich ist Dr. Mario F. völlig erledigt. Aber das kann er niemand eingestehen,
nicht einmal sich selbst. Erst recht nicht seiner Frau und seinen Freunden. Dr. Mario
F. hat das wahr gemacht, wovon viele seiner Geschlechtsgenossen in der
Vergangenheit nur geredet haben: er hat beruflichen Erfolg, ein intaktes
Familienleben, das Zusammensein mit seinen beiden Kindern unter einen Hut
gebracht.
Seine Praxiszeiten sind ungewöhnlich – mal frühmorgens, mal spätabends, so kann
er sich tagsüber um die Kinder kümmern. Das ist ihm wichtig, nicht weil er dafür von
Freunden und Kollegen bewundert wird, sondern weil er seine Kinder aufwachsen
sehen will.
Und das mit den Praxiszeiten hat bereits Schule gemacht: es gibt genügend
Patienten, die zu diesen Zeiten kommen. Die sind froh, wenn sie einen
Untersuchungstermin so legen können, dass die Arbeitszeiten nicht unterbrochen
werden. Kann sich ja keiner leisten, zum Arzt zu gehen statt verfügbar zu sein. Und
wissen sollen es die anderen ja auch nicht unbedingt, dass ein Arztbesuch nötig ist.
Also war das mit den Praxisöffnungszeiten eine richtig gute Idee.
Mario F. kann sich nicht beschweren, er hat genug Patienten, um gut leben zu
können. Und sich trotzdem um die Kinder zu kümmern.
Sein Sohn ist jetzt fünf, seine Tochter drei Jahre alt. Inzwischen sind sie beide im
Kindergarten, aber das heißt nicht unbedingt zeitliche Entlastung für Mario F. In den
Kindergarten gehen die beiden, um mit anderen Kindern zusammen zu sein,
Freunde zu gewinnen, soziale Kontakte pflegen zu lernen. Für Mario F .ist es
selbstverständlich, dass er wenigstens tageweise bei seinen Kindern im Kindergarten
ist und sie und ihre Freunde mit betreut. Anders würde man auch gar keinen Platz im
Kindergarten kriegen – zumindest nicht in einem so guten und modernen, wie er ihn
für seine Kinder gefunden hat. Und natürlich will er seinen Kindern das Beste bieten,
was zu kriegen ist.
Das gilt natürlich nicht nur für den Kindergarten. Die Familie von Mario F. wohnt in
einem alten Haus aus dem ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends, da gab es
noch Ziegelbauweise, und die ökologischen Anforderungen sind auch alle erfüllt. Der
Garten ist groß genug zum Spielen für die Kinder und die Innenaufteilung des
Hauses konnte man auch so verändern, dass es den heutigen Ansprüchen genügt.
Waren damals halt doch recht klein, die Zimmer.
Jetzt haben sie alle vier genügend Platz, den brauchen sie ja auch. Gerade wenn
man sich so intensiv mit den Kindern beschäftigt, braucht man auch Rückzugsmöglichkeiten. Wenn Mario F. sich z. B. um den Papierkram seiner Praxis kümmern
muss, übernimmt seine Frau die Kinder. Sie ist Anwältin und kann sich die Zeit nicht
ganz so frei einteilen wie Mario F. – manchmal müssen sie mit den Terminplänen
ganz schön jonglieren, damit alles klappt. Sie haben eine ganz klare Aufteilung für
ihre familiären und häuslichen Aufgaben.
Mario F. hat seinen Schwerpunkt auf die Kinderversorgung gelegt. Seine Frau hat
dafür mehr die Aufgaben im Haushalt übernommen, genauer gesagt, die
Organisation, denn so Arbeit im Haushalt gibt es ja gar nicht mehr mit den ganzen
halb vorgekochten Mahlzeiten und den Maschinen, die einem doch sehr viel Arbeit
ersparen. Zu organisieren und zu regeln gibt es allerdings immer noch genug, und
das kann ja seine Frau auch besser als er.
Es hat sich also alles bestens gefügt im Leben von Dr. Mario F. Er genießt es sehr,
dass er so viel von seinen Kindern weiß und ist stolz auf sein engagiertes und
ausgefülltes Leben. Seine Werte will er den Kindern auf jeden Fall mitgeben, und er
denkt jetzt schon gerne darüber nach, wie er sicher sein kann, dass sie einmal
genauso Familie und Beruf miteinander verbinden werden.
Manchmal denkt er auch voller Mitgefühl an die Generationen vor ihm, die Männer,
die sich nur dem Beruf und der Karriere verpflichtet gefühlt haben und ihre Kinder
fast nie gesehen haben, weil sie schon im Bett waren, wenn die Väter nachhause
kamen. So möchte er weiß Gott nicht leben, und er ist froh, dass so ein enger
Familienbezug heute auch für Männer ganz selbstverständlich und gesellschaftlich
voll anerkannt ist – da nimmt er gerne in Kauf, dass er in seinem Beruf auch mal
Abstriche hinnehmen muss.
Nur sehr selten denkt er daran, dass das alles noch mindestens 10 oder 15 Jahre so
weiter gehen wird. So schön das alles ist und sicher weiterhin sein wird – es strengt
ihn jetzt schon unglaublich an, und er möchte zu gern wieder einmal wenigstens
einen Tag oder zwei verbringen ohne diese ganzen Verpflichtungen und nur
schlafen.
Ilona P.
Ilona P. ist jetzt 30. Sie hat das Gefühl, schon alles erlebt zu haben und sie weiß
nicht, wo das alles hinführen soll.
Sie hat mehrere Berufsausbildungen. Erst war sie Kosmetikerin, aber das war zu
unsicher, deshalb hat sie noch eine Ausbildung als Sozialberaterin draufgesetzt. Es
ist ihr aber auch damit nicht gelungen, so richtig Fuß zu fassen. Nach mehreren
Praktika, die ihr außer Berufserfahrung nicht viel gebracht haben, hatte sie befristete
Jobs, Mitarbeit in Projekten und so, und selbständig als Kosmetikerin ist sie natürlich
auch, für den Fall sich daraus eine Möglichkeit zum Geldverdienen ergibt.
Selbständig sind heutzutage viele. Feste Anstellungen, womöglich jahrelang bei der
gleichen Firma, sind ganz selten und die Leute, die solche Stellen haben, gelten als
unbeweglich und nicht risikobereit. Für Unternehmen ist es viel einfacher, Leistungen
bei Freiberuflichen einzukaufen, und wenn’s einer nicht bringt, weg damit und den
nächsten ausprobieren. Gibt ja genug.
Ilona P. bringt’s nicht so. Sie kann sich und ihren 8-jährigen Sohn mit ihren Jobs
gerade so über Wasser halten. Zur Zeit wohnt sie in einer 2-Zimmer-Wohnung, wo
alles ein wenig eng und umständlich und unpraktisch ist. Wenigstens funktioniert der
Internetanschluss, darauf ist sie dringend angewiesen, um an Jobs zu kommen.
Die Wohnung – überhaupt die ganze Wohnanlage – wirkt ein wenig
heruntergekommen. Es sind ja auch relativ alte Wohnungen ohne großen Komfort.
Sie haben früher mal einer städtischen Gesellschaft gehört, aber das ist lange her.
Damals haben die Kommunen noch geglaubt, sie müssten sich selbst um die
Probleme ihrer Bürger kümmern. Daseinsvorsorge hieß das. Na ja, jetzt gibt es
überall PPP, Public Private Partnership. Das hat die Kommunen finanziell sehr
entlastet und funktioniert auch in vielen Fällen, aber die meisten Probleme muss ein
Bürger jetzt selbst lösen.
Ilona P. macht sich Sorgen, wie ihr Sohn mit diesem unsicheren Leben zurecht
kommt. Er ist ein stilles Kind, das nur zögerlich Freunde findet und mit den
Rabauken, die die Anlage tyrannisieren, nicht klar kommt. Das ist ihr natürlich
ohnehin lieber so, aber sie kann ihm keine Alternativen bieten. Mit seinem Vater hat
sie keinen Kontakt – ihre Beziehungen waren alle ebenso vorübergehend wie ihre
Jobs.
Sie hetzt sich von Job zu Job und verzettelt sich dabei immer mehr. Zeit für ihren
Sohn bleibt ihr wenig, dabei würde sie doch so gerne mal wieder in den Zoo gehen
mit ihm. Er liebt Tiere und wünscht sich einen Hund, aber dafür ist die Wohnung zu
klein und der müsste ja auch noch von ihr versorgt werden.
Sie ist froh, wenn sie über die Runden kommt, zeitlich und finanziell. Und wenn sie
die Wohnung behalten kann, auch wenn sie nicht besonderes ist. Sie hat sie recht
hübsch eingerichtet und es fiele ihr schwer, sie zu verlassen, wenn sie wegen eines
neuen Jobs in eine andere Stadt ziehen müsste. Diese Wohnung ist eine der
wenigen Sicherheiten, die sie in ihrem Leben hat.
Sabine und Klaus B.
Sabine und Klaus B. sind gerade auf Wohnungssuche. Sie werden in einem halben
Jahr ihr zweites Kind bekommen, und bis dahin sollte die Wohnung bezogen sein.
Was es für eine Wohnung sein soll? Also da sind sie ganz offen. Sie haben geerbt
und können sich auch Eigentum leisten, aber eine schöne Mietwohnung wäre ihnen
auch recht. Oder ein Stadthaus, das wäre wahrscheinlich das Schönste, wenn man
so war kriegen würde.
Auf jeden Fall wollen sie mit ihren Kindern in der Stadt leben. Das „Flair“ sei ihnen
wichtig, haben sie dem Makler gesagt, Straßencafes und Boutiquen, und Kinos und
Vernissagen. Sie seien sehr kunstinteressiert, alle beide, aber der Genuss dürfe
auch nicht zu kurz kommen.
Sie haben in das Gespräch immer wieder italienische Brocken eingestreut „va bene“
und „a presto“, das fanden sie offenbar cool. Sie fahren auch gerne in Urlaub nach
Italien, nicht in die Toskana sondern nach Umbrien oder in die Marken. Überhaupt –
italienisches Design und italienische Küche, da hätten sie Vergnügen daran.
In der Wohnung sei natürlich eine große Küche wichtig, wo sie ihre Freunde bewirten
könnten und mit ihnen kochen. „il fuoco“ – der Herd, um den sich alle scharen. Und
dann bräuchten sie ein Home-Office für beide und einen Media-Room für die ganze
technische Ausstattung, die sie ja schon hätten. Das Bad oder der Bereich rings
herum – müsse groß genug sein, um die wichtigsten Fitnessgeräte unterzubringen
für den Fall, wenn man es mal nicht ins Studio schaffe.
Kurz: Nicht nur das Wohnumfeld dient dem Genuss, sondern auch die Wohnung
selbst. Hier geht es nicht um repräsentieren oder darum, eine Fassade zu zeigen,
wie es früher wichtig war, hier geht es nur darum, das Leben uneingeschränkt zu
genießen.
Es wäre verfehlt, Sabine und Klaus B. als oberflächlich abzutun. Sie denken und
handeln umweltbewusst, sie leben einen unkonventionellen, fast alternativen
Lebensstil, auf hohem Niveau. Familien wie sie sind eingebunden in das weit
verzweigte Netzwerk ihres Freundeskreises, ein Ersatz der früheren Großfamilie.
Zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben finden sie sich eventuell in PatchworkFamilien wieder, die wiederum ganz neue Wohnformen erfordern, weil die Kinder
mehrere Lebensmittelpunkte haben. Im Jahr 2050 empfinden Kinder es
wahrscheinlich als normal, zwischen zwei Haushalten zu wechseln.
Aber noch befinden sich Sabine und Klaus B. im besten Einvernehmen. Wünschen
wir ihnen also, dass sie ihr ersehntes Stadthaus finden, wo sie ihr Leben mit
italienischem Design-Klassikern und der bedienungsfreundlichen Espressomaschine
genießen können.
Friedrich G.
Friedrich G. war bis zu seiner Pensionierung mit 70 Jahren politischer Beamter einer
Großstadt.
Jetzt – 5 Jahre später – steht er mit beiden Beinen in einem neuen Berufsleben.
Der Ruhestand war ihm viel zu langweilig, er war ja auch bei seiner Pensionierung
top-fit wie die meisten seiner Altersgenossen. Die wichtigste medizinische
Fachrichtung „anti-aging“ erfreut sich großer Erfolge. So hat er im Internet einen
Shop für Edelweine eröffnet und darf heute feststellen, dass der Laden nur so boomt.
Er kommt kaum nach mit allem, was da zu tun ist. Den Wein verkosten, die Tipps
zusammenstellen, den Versand organisieren.
Natürlich hat er inzwischen Helfer, freie Mitarbeiter, die ihm die Routineaufgaben
abnehmen. Aber das Herzstück des Geschäftes, die Tipps rund um den Wein, denen
gibt er selbst den letzten Schliff. Friedrich G. hat erkannt, dass er als Anbieter von
Weinen, auch wenn sie noch so edel sind, einer von vielen wäre. Sein Shop zeichnet
sich dadurch aus, dass er zusätzlich Service anbietet, Rezepte, zu denen sein Wein
passt, was man sinnigerweise vorher und nachher trinkt, welche Schokolade zu
welchem Wein passt und wo man sie kaufen kann (bei ihm selbst natürlich) und dann
den ganzen Kult des Zubehörs, Korkenziehen, Dekanter, Untersetzer.
Das alles ist nicht neu, aber Friedrich G. hat die Dienstleistung perfektioniert, und das
war genau das, was seine Kunden wollen. Bis vor einem Jahr konnte er ja auf die
Unterstützung seiner Frau zurückgreifen, aber sie hat jetzt ein Seniorstudium in
Soziologie angefangen und hat keine Zeit mehr für ihn. Ganz versteht er ja nicht,
wozu das gut sein soll. Schließlich war sie lange Jahre erfolgreich als Anlageberaterin tätig. Das Problem der Selbstverwirklichung von Frauen kennt er ja aus
seiner Jugend, und er hat wirklich gedacht, dass das gegessen ist. Er wird sich auf
keinen Fall einmischen in ihre Aktivitäten, das hätte sowieso keinen Sinn.
Die G.’s haben eine schöne große Dachterrassenwohnung, die auch Platz bietet für
Enkelkinder, die zu Besuch kommen. Die kommen gerne zu den Großeltern, weil da
immer was los ist. Die Versorgung der Kinder ist kein Problem. Die G.’s leisten sich
mit ihren Wohnungsnachbarn Service wie Pflege, Mahlzeiten, Fahrdienst, den sie
individuell bestellen und gemeinsam finanzieren.
Die aktiven Alten, die selbst nicht aufhören wollen zu arbeiten, haben damit ein nicht
unbedeutendes Arbeitsangebot für Junge geschaffen. Das Berufsbild des
Altersversorgers, das in Reaktion auf die immer älter werdende Bevölkerung und die
Unfinanzierbarkeit der früher üblichen Heimunterbringung entstand, ist im Jahr 2050
nicht mehr weg zu denken.
Annette und Jakob T.
Annette und Jakob T. sind ein auffallendes Paar: sie klein, zierlich, schwarzhaarig
und immer perfekt geschminkt, er groß, drahtig, attraktiv und so charmant.
Sie sind beide in der Werbebranche tätig, haben sich vor 14 Jahren bei einer Messe
kennen gelernt und sofort gespürt, dass sie füreinander bestimmt sind. Seit sie sich
zusammengetan und kurz darauf geheiratet haben – das war nicht unbedingt nötig,
aber sie haben sich so einfach wohler gefühlt – haben sie ganz konsequent
zusammen n ihrem Lebensentwurf gearbeitet und ihn Stück für Stück umgesetzt.
Sie wohnen in einem Loft, Eigentum natürlich. Die ganze Wohnanlage ist erst vor
fünf Jahren fertig geworden. Da wohnen lauter Paare wie sie, Familien weniger, man
muss sich das schon leisten können. Die Anlage ist gut bewacht, da kommt niemand
an der Kontrolle an der Einfahrt vorbei, der nicht hierher gehört. Nur die Securities,
die in der Nacht in der Anlage herumschleichen, die nerven manchmal. Das ist halt
der Preis, den man zahlen muss.
Ein-, zweimal die Woche haben die T.’s Gäste. Sie unterscheiden da nicht so genau
zwischen privat und geschäftlich, das mischt sich ja in ihren Kreisen ohnehin leicht.
Nachdem Job und Karriere im Mittelpunkt ihres Denkens stehen, pflegen sie nur
Freundschaften, die ihnen beruflich nützlich sind. Aber diese Leute sind ihnen auch
persönlich wichtig und sie sehen sie tatsächlich in ihrer Freizeit gerne.
Die Einladungen sind immer sehr individuell gestaltet – Ehrensache! Und das Essen
ist ganz international: Mal ein russischer Tee, mal ein Sushi oder ein bayerischer
Biergartenbesuch auf der Terrasse, stilgerecht mit Brezeln und Weißwürsten. Sogar
an den speziellen süßen Senf hat Annette gedacht. Das gab dann auch einen richtig
dicken Auftrag aus München.
Selbstverständlich wird das Loft regelmäßig umgestaltet und neu möbliert. Das läuft
ganz selbstverständlich über Annettes T.’s Büro, genauso wie das Catering für die
Einladungen und die Reinigung und so.
Man muss das ganz klar sehen: Diese Wohnung ist die Kulisse für die Darstellung
des Erfolgs der T.’s und die ständige Bestätigung, dass dieser Erfolg anhält. Darauf
ist die Ausstattung der Wohnung abgestellt. Jedes Möbel und jedes Dekorationsstück. Die große Kulisse macht logischerweise eine Innenarchitektin, natürlich eine
Freundin von Annette. Aber Annette achtet sehr darauf, den Vorschlägen ihrer
Freundin noch so ein kleines Detail einzufügen, so was Besonderes, Unvorhersehbares, was alle Besucher zu beifälligen Bemerkungen veranlasst.
Annette hat da den Bogen echt raus und Jakob T. steht dazu lächelnd hinter dem
Tresen der riesigen offenen Küche und genießt den Gesamteindruck seiner
Wohnung und die Begeisterung seiner Gäste im gleichen Maß.
Wenn die Gäste weg sind, sagt er seiner Annette auch, wie toll sie das gemacht hat.
„Nichts ist so schwer wie die Leichtigkeit“ hat sie neulich darauf erwidert. Das hat ihn
sehr nachdenklich gemacht.
Wenn die T.’s alleine sind, verlieren sie sich ein bisschen in den 400 Quadratmetern.
Oft kommt das sowieso nicht vor, sie sind ja auch viel unterwegs. Wenn sie dann
zurückkommen aus New York oder Shanghai, freuen sie sich schon auf die
Wohnung und die heimelige Beleuchtung, die bei Einbruch der Dämmerung
automatisch angeht.
Man muss nicht denken, dass den T.’s das alles in den Schoß gefallen ist. Nein,
dafür war jahrelanges professionelles und konsequentes Life-Management
notwendig und d. h. eiserne Disziplin.
Das schaffen nicht viele in diesen Zeiten der Unsicherheitsgesellschaft. Annette und
Jakob T. haben einander viel zu verdanken.
Rudi O.
Rudi Obermeier ist im Jahr 1982 geboren, und es ist ihm lange Zeit sehr gut
gegangen.
Er ist Handwerker – Heizung, Lüftung, Sanitär – da gibt´s immer was zu tun, und er
hat immer gut verdient. Den Ehrgeiz, sein eigener Herr zu sein, hat er nie so richtig
gehabt. War auch nicht nötig, weil er sich mit dem Chef, dem Berti, immer gut
verstanden hat. Der wusste auch immer, was er an ihm hatte. Wenn mal eine
Sonderschicht nötig wurde, weil es einem von den Kunden so pressiert hat, ist der
Rudi immer eingesprungen, da konnte sich der Chef drauf verlassen. Es hat ihm
Spaß gemacht, und das extra Geld konnte er natürlich immer brauchen.
Er hatte ja drei Kinder in der Ausbildung, die haben zwar bei der Mutter gelebt. Die
hat sich von ihm scheiden lassen, 2020 war das. Das fand er nicht so schlimm, er
war ja noch jung genug, ganz was Neues anzufangen. Leider hat das dann doch
nicht geklappt, aber das allein wäre nicht so schlimm. Er kommt mit sich selbst ganz
gut zurecht.
Dass er in letzter Zeit so schlecht schläft, hat einen ganz anderen Grund. In zwei
Jahren wird er in Rente gehen, und davor hat er wirklich Angst. Dabei hat er
eigentlich nur einen einzigen Fehler gemacht: Er hat gedacht, dass es immer so
weiter geht.
Als er jung war, hat er in die Rentenkassen eingezahlt, ziemlich viel von seinem
damaligen Lohn. Damals kamen auf einen Rentner noch 3,4 Einzahler, da hat das
alles wie am Schnürchen funktioniert. Weil er selber so viel einbezahlt hat, hat er halt
gedacht, das geht so weiter, und auch wenn die Banker und die Versicherungsleute
immer gesagt haben, private Altersvorsorge sei unbedingt nötig – also so ernst hat er
das nicht genommen.
Und jetzt? Jetzt kommen auf einen Rentner gerade noch mal 1,4 Einzahler, und da
bleibt halt nicht mehr so viel. Als sie ihm das vorgerechnet haben und er es geglaubt
hat, war´s schon viel zu spät, noch was anzulegen, das konnte er sich schon nicht
mehr leisten.
Er hat dann angefangen, nebenher noch zu jobben, im Stadion als Kontrolleur, und
als das zu anstrengend wurde, im Baumarkt am Wochenende. Gut, das kann er
weiter machen, solange er es halt noch kann. Die paar Kröten braucht er auch neben
der mageren Rente, davon geht ja auch noch der Anteil an seine Exfrau weg,
Versorgungsausgleich oder wie das heißt.
In seiner jetzigen schönen Wohnung wird er nicht bleiben können. Er sucht jetzt
schon nach was kleinem, billigen. Das suchen natürlich viele, bisher hat er kein
Glück gehabt, alles, was ihm noch gefallen hätte, ging dann doch an jemand
anderen, der jünger war oder bessere Aussichten hatte als er.
Angst hat er vor allem, weil er nicht weiß, wie lange er seine Nebenjobs noch
machen kann. Manchmal zwickt´s halt so, im Rücken und in den Knien.
Er weiß natürlich, dass man das alles mit ein paar Operationen wieder hinkriegt, ist ja
heute kein Problem mehr. Aber das zahlen die Krankenkassen in seinem Alter nicht
mehr, und selber kann er es auch nicht zahlen, dafür reicht sein Geld nicht.
Also muss er sich weiter so durchwursteln, jeden Job annehmen, den er findet und
den er körperlich bewältigen kann. In der Arbeit darf er sich nichts anmerken lassen,
die Kollegen würden das überhaupt nicht verstehen. Sie sind alle viel jünger als er,
und er ist für sie in vieler Hinsicht fast so eine Art Vorbild. Die können sich gar nicht
vorstellen, dass er einen solchen blöden Fehler macht.
Jetzt rechnet er jede Woche immer wieder alles durch. Aber es wird nicht mehr
Rente und die Kosten werden nicht weniger. Das Schlimmste, denkt Rudi Obermeier,
wäre wenn er ein Pflegefall würde. Kein Geld und dann noch von anderen abhängig,
also, das darf auf keinen Fall kommen!
Meine Damen und Herren,
Das war eine kurze Vorstellung von Menschen, wie sie – vielleicht – im Jahr 2050
leben und wohnen.
Sie werden in ihren Lebensbedingungen weniger Sicherheit haben als wir und
werden darauf ja nach Veranlagung ganz unterschiedlich reagieren.
Sie werden noch mehr technische Möglichkeiten haben als wir. Möglichkeiten, die sie
gar nicht mehr beherrschen.
Sie werden ihre Wohnungen anders gestalten als wir es heute tun – so wie es vor 40
Jahren auch anders eingerichtete Wohnungen gab. Unser heutiger Einrichtungsstil
ist dann vielleicht Retro oder auch noch nicht interessant genug dafür.
Die Menschen, die dann leben, sind nicht so viel anders als wir. Sie haben wie wir
Ängste, sie wollen wie wir Erfolge haben und glücklich sein.
Einige von Ihnen – unter Umständen mehr als wir uns heute vorstellen können –
werden das Jahr 2050 ja erleben.
Dann, hoffe ich, werden Sie bei bester Gesundheit sein, fit wie ein Turnschuh und
geistig rege, und das beginnende oder bereits begonnene Alter aktiv und bewusst
genießen.
In einem Punkt – und das ist meine letzte Vorhersage aus der Kristallkugel – können
Sie alle positiv in die ferne Zukunft sehen:
Im Jahr 2050 gibt es in der Bundesrepublik mehr als 60 000 Stützpunkte nach dem
Bielefelder Modell - Ihre Versorgung ist
gesichert.
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