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Mädchen! Wie sie glücklich heranwachsen - Beltz

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Zum Geleit
Ich erinnere mich noch genau daran. Es war nicht leicht: Ich
wartete auf den Kaiserschnitt für unser zweites Kind. Ich hatte
Angst um meine Frau, wegen meiner eigenen Machtlosigkeit,
nicht helfen zu kçnnen, und um dieses kleine Leben, das aus
dem Bereich unter den grünen OP-Tüchern herausgeholt wird.
Und dann hçre ich jemanden sagen: »Es ist ein Mädchen!«
Und inmitten meiner Tränen der Erleichterung finden sich
Freudentränen, die mich vollständig überraschen. Lange haben
wir auf dieses neue Baby gewartet und unser Sohn ist inzwischen schon sieben Jahre alt. Hätte mich jemand noch vor
Stunden gefragt, ich hätte nur das alte Klischee wiederholen
kçnnen – »Egal, was es ist, Hauptsache gesund.«
Warum bin ich also so glücklich? Was hatte ich vor mir
selbst verborgen?
Ein Mädchen ist etwas anderes, etwas Besonderes für mich
als Mann, auf eine andere Art und Weise wundervoll wie auch
ein Sohn wundervoll ist, und ich werde mich den Rest meines
Lebens immer wieder fragen, warum. Und werde mit dieser
Frage glücklich sein. Ich weiß, es ist eines der Geschenke des
Lebens, ein Kind, das zu einer Frau werden wird, und egal,
was passiert, doch immer meine Tochter bleibt.
Für einen Vater ist eine Tochter etwas Gewaltiges. Für eine
Mutter auch, aber aus ganz anderen Gründen. Und wir fühlen
dies selten so intensiv wie im Augenblick ihrer Geburt. Da sitzen wir zwischen zwei Stühlen, zwischen dem Gefühl, so
glücklich, so gesegnet zu sein, und dem Gefühl der Angst, alles
falsch zu machen und der Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
Um Hilfe zu erhalten stürzen wir uns auf all das, was unseI
Zum Geleit
re Kultur so gut kann – wir lesen Bücher, geben uns unseren
Vorstellungen hin, wir nehmen an Diskussionen teil, um unser
Verständnis zu erweitern und aus dem Leben anderer zu lernen. Wir haben keine »¾ltesten«, wir haben kein »Dorf, das
uns hilft«. Wir haben nur eine Gesellschaft, die Fragen um Fragen aufwirft, die dabei oft genug geschwätzig ist, und die uns
andererseits Vorstellungen aus aller Welt nahe bringt, Fragestellungen, die aus dem Leben anderer Menschen hervorgingen, und die wir verarbeiten, nutzen oder verwerfen kçnnen.
Dieses Buch geht tiefer und berührt das, was tief in uns verborgen liegt, wenn wir Eltern von Mädchen werden und sind.
Denn viele der Schwierigkeiten, die wir immer noch mit Mädchen haben, sind dort in unseren eigenen Erfahrungen verwurzelt, haben mit den Verletzungen zu tun, in einem schrecklichen Jahrhundert aufgewachsen zu sein. Denn die meisten
von uns, Männer und Frauen, wuchsen in merkwürdigen und
schwierigen Zeiten auf: Unnahbare Väter lehrten uns nicht,
Väter zu sein; chaotische Beziehungen und weit verbreitete
Scheidungen machten uns misstrauisch und unsicher, wie starke Beziehungen gebildet und erhalten werden. Wir hatten nur
wenig spirituelle Tiefe: Die alten Religionen zerbrachen, wurden aber lediglich durch Geld und Vergnügen ersetzt. Wir
kannten nicht wirklich den tief reichenden Frieden der Erde
und des Himmels um uns, nur das Geschwätz des Fernsehens
und das Durcheinander von Kinderzimmern voll mit Plunder.
Was wir unseren Tçchtern geben wollen, haben wir häufig
nicht einmal selbst. Aber die Suche geht weiter. Ein kleines
Mädchen in unseren Armen, weiche Haut, staunende Augen,
mit dem Willen, groß und erwachsen zu werden, fordert uns
dazu auf, uns mit all unseren Sinnen zu konzentrieren und die
Werkzeuge und das Verständnis zu suchen, das wir bençtigen.
Dieses Buch wurde von einer Frau auf ihrer eigenen Suche
geschrieben und vieles darin regt uns zum Nachdenken an.
Anstatt Rezepte, Checklisten und schnelle und einfache
II
Zum Geleit
Ratschläge anzubieten (ein sicheres Zeichen für einen drittklassigen Eltern»experten«), fordert Gisela Preuschoff zu einer
Suche im Inneren auf, so dass die Dinge, die in Ihnen vergraben sind, an die Oberfläche kommen – Ansichten, Leidenschaften, vergessene Erinnerungen, die Ihnen helfen kçnnen,
Sie zu einem bewussteren, lebendigeren Menschen zu machen,
anstelle eines nur noch funktionierenden Roboters, der automatisch Mahlzeiten zubereitet, die Kinder zur Schule fährt, die
Schulranzen für einen weiteren Tag erbarmungslosen Konkurrenzkampfs kontrolliert. An was sich unsere Kinder erinnern
werden und was sie stark werden lässt, sind die Augenblicke
der Nähe, der Ehrlichkeit und der friedvollen Zeiten, die wir
mit ihnen im allgemeinen Kampf des Lebens verbringen: Die
Zeiten, in denen wir sie beschützen und die wir zu etwas Besonderem machen, in denen wir uns weigern, dem Mainstream zu folgen und stattdessen einen Garten anlegen, in dem
die Liebe gedeihen kann.
Es hat sich etwas für Mädchen verbessert. Wir dürfen das
nicht vergessen. Da ist das »verstaubte« Video, das wir vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt gefunden haben, das wir
gleichzeitig als ganz lustig, aber auch erschreckend empfunden
und dann weggelegt haben. Ein Moderator holt Kinder aus
dem Publikum auf die Bühne und fragt sie, was sie einmal
werden wollen. Der Junge wird ein berühmter Fußballspieler.
Das Mädchen Sekretärin. Ein anderer Junge Arzt. Ein anderes
Mädchen Krankenschwester. Damals galt das als progressiv –
heute wollen die Mädchen einen richtigen Job! Das zwanzigste
Jahrhundert engte Mädchen mit eng gesteckten Rollen ein, so
wie es Jungen mit dem unsäglichen Druck einengte, mutige
Soldaten, distanzierte Väter, Haustyrannen, frustrierte Gehaltssklaven zu werden.
Manches war dann wirklich revolutionär und heute kçnnen
Mädchen alles tun, was sie wollen, oder doch nicht? Denn
ganz so einfach ist es nicht. Das Imperium hat zurückgeschlaIII
Zum Geleit
gen und hässliche Mächte der kommerziellen Gier besetzen
das Vakuum, das durch den Zusammenbruch der alten Werte
entstanden ist, und formen eine gänzlich neue Art der Sklaverei für Mädchen: – Du musst schlank sein. Du musst große
Brüste haben (auch wenn das bedeutet, dass du deine Brust
çffnen und Silikonkissen hineinschieben lassen musst). Du
musst dein ganzes Leben lang arbeiten, auch wenn du dich
einfach nur nach etwas Frieden und Ruhe mit deinem neuen
Baby sehnst, oder du musst kreativ sein, oder du musst Zeit
haben, einfach zu sein. Du musst dies und das sein oder dies
und das haben.
Wir haben Fortschritte bei Mädchen gemacht, aber dieses
hervorragende Buch zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor
uns haben. Und zeigt gänzlich neue Wege auf, die vielversprechend sind und die Welt verändern werden, so wie die Veränderungen in den 60ern des letzten Jahrhunderts die Welt
verändert haben.
So gibt es zum Beispiel viel über Mädchen zu lernen:
V
V
V
IV
Dass die anscheinend ruhige Zeit im ersten Lebensjahr eine Zeit ist, in
der das Gehirn so schnell wächst, dass anscheinend alles Wichtige in
diesem kleinen Kopf und Herz ausgebildet wird. Die Fähigkeit zu lieben, sich sicher und entspannt zu fühlen, die Fähigkeit, sich mit anderen Menschen zu identifizieren und Vertrauen in sie zu haben – dies
alles geschieht in diesem ersten Jahr, und wir dürfen nichts übereilen
oder unsere Tochter behandeln, als wäre sie nur ein Ding, das gefüttert und am Schreien gehindert werden muss.
Dass die Welt, in der wir leben, für Kinder sehr gefährlich ist – die
Botschaften der Medien und die Nahrungsmittel aus dem Supermarkt.
Wir müssen also sorgfältig abwägen, welche Nahrung wir für ihren
Kçrper und Geist aussuchen.
Dass wir als Eltern auch schweres kulturelles und psychologisches Gepäck und große Wunden mit uns herumschleppen, die wir nur allzu
leicht weitergeben kçnnen. Ich mçchte Sie hier nicht ängstigen, son-
Zum Geleit
dern nur daran erinnern, dass wir die Hälfte unseres eigenen Selbst
an unsere Kinder weitergeben, und dieses Selbst häufig dringend Hilfe
bençtigt.
Was haben wir noch gelernt?
V
V
Dass die Vorstellung des 20. Jahrhunderts von einem Vater als distanziertem Ernährer oder Witze erzählendem Fremdling viel Schaden angerichtet hat. Wir wissen, dass Väter einen unersetzlichen Beitrag
zum Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bei Mädchen
leisten. Dies ist eine heikle Rolle, die Zuneigung ohne Aufdringlichkeit, Spaß mit Strenge und Fürsorge mit wachsenden Graden von Vertrauen und Freiheit erfordert. Studien über jegliche Aspekte von Anorexie bis hin zur Berufswahl, von sexueller Freiheit bis hin zu
Ausbildungsmçglichkeiten haben gezeigt, dass ein liebender, an der
Erziehung beteiligter Vater einen sehr großen Unterschied machen
kann.
Dass die Eile zur Gleichberechtigung viel Schaden verursacht hat –
weil Gleichberechtigung mit Gleichheit verwechselt wurde. Jungen und
Mädchen gehen unterschiedliche Wege zum Erwachsenwerden. Man
darf sie nicht in einen Topf werfen und erwarten, dass sie aufblühen.
Insbesondere in Sekundarschulen gibt es gute Gründe dafür, Mädchen
und Jungen zu trennen und Klassen zu schaffen, in denen die beiden
Geschlechter frei von der Verletzlichkeit gegenüber einander und dem
Druck vom anderen Geschlecht sind. In denen sie ungehindert lernen
und ihre eigenen zerbrechlichen neuen Identitäten erforschen kçnnen,
ohne den stereotypen und defensiven Täuschungen zu unterliegen,
nach denen sie macho oder sexy, aufgeweckt oder zurückhaltend,
aggressiv oder schlau sein müssen.
Ihre Tochter ist vielleicht neu geboren. Oder ein Kleinkind
oder Schulanfängerin. Sie ist vielleicht ein Teenager, verletzlich, aber mit wachsender Identität und eigener Persçnlichkeit.
Sie ist vielleicht eine junge Frau, trifft sich mit Männern,
macht ihren eigenen Weg in der Welt, braucht Sie weniger und
V
Zum Geleit
weniger, zumindest scheint es so. Sie mag vielleicht sogar
selbst schon Mutter sein und kommt zu Ihnen mit einem neuen Bewusstsein über das Gemeinsame, das Sie verbindet. Sie
selbst werden immer ihre Mutter oder ihr Vater bleiben.
Je bewusster und lebendiger Sie selbst sind, je mehr Sie
über Ihr eigenes Leben nachdenken und nicht alles verschließen oder verdrängen, desto mehr haben Sie Ihrer Tochter zu
geben, und desto mehr werden Sie über die Ereignisse lächeln
kçnnen, die Ihrer beider Leben begleiten.
Steve Biddulph
Steve Biddulph, Psychotherapeut, ist Autor erfolgreicher Elternratgeber.
Folgende Bücher von Steve Biddulph sind im Buchhandel erhältlich:
Das Geheimnis glücklicher Kinder; Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen; Lieben, lachen und erziehen in den ersten sechs Lebensjahren;
Männer auf der Suche; Mein Vater und ich; Weitere Geheimnisse
glücklicher Kinder; Wer erzieht Ihr Kind?; Wie die Liebe bleibt.
VI
Vorwort
Meine Freundin Angela ist überglücklich. Sie ist soeben
Großmutter eines kleinen Mädchens geworden. Das Kind heißt
Ronja. »Der Name ist ja geradezu ein Programm«, beglückwünsche ich sie und freue mich mit ihr.
Denn Ronja Räubertochter aus dem gleichnamigen Roman
von Astrid Lindgren zählt zu den Mädchenfiguren in der
Kinderliteratur, die mich von Herzen anrühren und erfrischen.
Sie wurde in einer Gewitternacht geboren, und ihre Mutter
Lovis sang bei der Geburt. Ronja ist mutig und hat manchmal
auch Angst. Sie schätzt die Natur, aber sie kennt auch deren
Gefahren. Sie liebt ihre Eltern und sieht zugleich ihre
Schwächen. Und sie kämpft wie ein kleiner Löwe gegen die sinnlose und dumme Feindschaft zwischen zwei Räuberbanden und
das Räuberleben überhaupt. Sie steht zu ihren Überzeugungen,
und sie steht zu ihrem Freund, den sie genauso mag wie sich
selbst.
»Was sollten die Eltern eines Mädchens besonders beachten?«, frage ich meine Freundin.
»Sie sollten sich als Erstes auf die Suche nach ihren inneren
Bildern machen«, antwortet sie mir. »Sie sollten sich fragen:
›Was bedeutet es für mich, dass es ein Mädchen ist?‹«
»Und warum ist das wichtig?«
»Damit sie das Kind und sein künftiges Leben nicht mit einem unbewussten Auftrag belasten, indem sie zum Beispiel sagen: ›Sie soll auf keinen Fall so werden, wie meine Mutter.‹
Oder: ›Sie darf nicht so verhätschelt werden wie meine
Schwester.‹ Oder: ›Sie soll sich durchsetzen können wie Frau
Thatcher.‹ Wenn Eltern sich über ihre inneren Bilder im Klaren
7
Vorwort
sind, können sie sich selbst mit einem Lächeln davon distanzieren oder auch dazu stehen. Das Mädchen hat dann später die
Chance, gegen diese Erwartung zu rebellieren oder die zugedachte Rolle bewusst anzunehmen.«
Da ist er, nein sie also nun: ein kleiner Mensch, ein Mädchen!
Reagieren Eltern immer so wie meine Freundin Angela – oder
steht nicht eine ganz andere Frage im Mittelpunkt, nämlich die
nach dem Geschlecht des Kindes?
Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 1987. Ich hatte schon
drei Söhne und war wieder schwanger. »Wenn es wieder ein
Sohn wird, möchte ich
mich darauf vorbereiAuch heute lautet die am
ten«, dachte ich. »Und
häufigsten gestellte Frage
werdender Eltern: Welches
wenn es ein Mädchen
Geschlecht wird unser Kind
ist, freue ich mich ganz
haben?
besonders – ich kann es
nicht leugnen.« Aus diesen Gründen ließ ich eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen, obwohl ich mir auch viele Gedanken über die Begleiterscheinungen machte, die mit diesem Eingriff verbunden sind.
Würde ich das Kind abtreiben wollen, wenn es nicht gesund wäre? Zum Glück musste ich diese Frage nie wirklich beantworten.
Mir wurde dabei allerdings bewusst, dass ich mich tief im
Innern längst für das Kind entschieden hatte.
Schließlich brachte ich ein gesundes Mädchen zur Welt! Was
ich aber nie vergessen habe: Das Geschlecht wurde mir erst zu
einem Zeitpunkt mitgeteilt, zu dem ein Schwangerschaftsabbruch nicht mehr in Frage kam. »Damit nicht Kinder abgetrieben werden, weil sie das ›falsche‹ Geschlecht haben«, erklärte
man mir.
Jedes Kind ist in meinen Augen ein wunderbares, einzigartiges
Geschenk. Doch trotz aller Individualität gibt es erkennbare
8
Vorwort
Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So sind es immer noch
die Frauen, die die Kinder bekommen. Aber auch Eigenheiten, die
nicht so offensichtlich sind, trennen die Geschlechter voneinander. Oftmals sind es Eigenschaften und Fähigkeiten, die so fein
aufeinander abgestimmt und wunderbar zu entdecken sind, dass
wir nur staunen können. Frauen haben zum Beispiel ein feineres
Gehör als Männer und können hohe Töne – Frequenzen, in denen Babys bekanntlich schreien – besser unterscheiden. Bereits
nach einer Woche können weibliche Säuglinge die Stimme ihrer
Mutter und das Weinen eines ebenfalls im Raum befindlichen
Babys von anderen Geräuschen unterscheiden. Jungen können das
nicht, behaupten Allan und Barbara Pease (Pease 2002; Seite 64).
Außerdem nehmen Frauen Details visuell besser wahr – eine Fähigkeit, die im Umkreis eines Kleinkindes von großer Bedeutung ist.
Heutzutage sind erstmals ganze Forschungszweige damit beschäftigt, die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen,
Männern und Frauen zu ermitteln. Sind sie biologisch vererbt
oder auch gesellschaftlich
bedingt? Es waren
Wie gehen wir mit dem
vor allem Frauen, die
Geschlecht unserer Kinder
festgestellt haben, dass
um?
in der sozialwissenschaftlichen und medizinischen Forschung der vergangenen Jahrzehnte hauptsächlich Jungen und Männer untersucht wurden.
Die Wissenschaftlerinnen ärgerten sich nicht nur darüber, sondern trugen mit Ihrer Arbeit dazu bei, dass nunmehr auch
Mädchen und Frauen ins Blickfeld der Wissenschaft kamen.
Ob man einen Jungen oder ein Mädchen bekommt, so scheint es,
macht für uns Eltern – abgesehen davon, dass wir uns vor allem
Kinder wünschen, die gesund zur Welt kommen – doch einen
Unterschied. Die entscheidenden Fragen, die wir uns deshalb stellen sollten, lauten: Was schließen wir aus dem Geschlecht unseres
Kindes? Und: Wie gehen wir damit um?
9
Vorwort
Das Thema »Junge oder Mädchen?« ist offenbar alt, denn
schon viele Märchen sprechen es an. In Die zwölf Brüder beschließt der König, dass alle Söhne sterben sollen, wenn das
dreizehnte Kind ein Mädchen wird. In König Lindwurm erfährt
die Königin, dass sie durch den Verzehr einer roten oder weißen
Rose entscheiden kann, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen
bekommt. Sie entscheidet sich zunächst für ein Mädchen, weil
bei einem Jungen die Gefahr besteht, dass er in den Krieg ziehen
muss und stirbt.
Auch heute noch spielt die Frage »Junge oder Mädchen?«
rund um den Globus eine bedeutende Rolle bei den Überlegungen zur Familienplanung:
• In Europa wünschen sich laut Umfragen wieder mehr Ehepaare ein
Mädchen statt einen männlichen »Stammhalter« als erstes Kind –
vielleicht in der Hoffnung, dass Mädchen sich später eher um ihre alt
gewordenen Eltern kümmern.
• In China sollen Eltern nur ein einziges Kind bekommen – und das
soll dann möglichst ein Junge sein. Mädchen sind unerwünscht und
werden vielfach abgetrieben.
• In einigen Ländern Afrikas ist die Verstümmelung der weiblichen
Geschlechtsteile noch Sitte. Welche Art Sexualität wird Frauen und
Mädchen heute zugestanden? Wie denken Sie darüber? Wie sieht
ihre Vorstellung von einem Mädchen aus? Beantworten Sie diese Frage,
und vergleichen Sie Ihre Auffassung mit der Ihres Partners und den
Stellungnahmen anderer Menschen. Es geht hierbei um ein sehr
wichtiges Thema: Projektion.
Mein Ziel ist es, Sie, liebe Leser, mit diesem Buch empfänglich zu
machen für das, was Experten »doing gender« nennen: Im
Gegensatz zu »sex«, das Geschlecht, mit dem ein Kind geboren
wird, ist »gender« das, was eine Gesellschaft daraus macht. Indem
wir unseren Töchtern ein bestimmtes Rollenverhalten vorleben
und ihnen durch Medien, Verhalten und Erziehung zeigen, was es
10
Vorwort
heißt, eine Frau zu sein, wirken wir an diesem Rollenverständnis
aktiv mit: doing gender.
Was wünschen Sie sich für Ihre Tochter? Ab welchem Alter
wird sie zum Mädchen gemacht? Mit wie viel Monaten oder
Jahren soll sie ihre erste
Was ist das Besondere
Kette tragen? Und wann
daran, ein Mädchen zum
sollen ihr Ohrlöcher geK ind zu haben?
stochen werden? Manche Eltern haben da
ganz klare Vorstellungen! Und niemand wird sie davon abbringen können.
Andere haben sich darüber gar keine Gedanken gemacht,
tragen aber wahrscheinlich unbewusste Bilder in sich.
Ich möchte Sie mit diesem Buch zum Nachdenken anregen. Was
ist eigentlich das Besondere daran, ein Mädchen zum Kind zu haben? Zu welcher Art Frau darf/soll sich Ihre Tochter entwickeln?
Wie wichtig diese Überlegung ist, zeigt die folgende Begebenheit:
Als man eine Gruppe von männlichen und weiblichen Babys in
rosafarbene und hellblaue Strampelanzüge steckte und eine
Gruppe von Vätern aufforderte, die Kinder zu beschreiben, behandelten sie die »rosafarbenen« deutlich anders als die »hellblauen«. Die »rosafarbenen« wurden als zerbrechlich, hübsch, süß
und niedlich beschrieben, obwohl auch Jungen darunter waren,
die »hellblauen« hingegen als gesund, robust, stark und aufmerksam – darunter auch etliche Mädchen.
Wie wir in Marianne Grabruckers Tagebuch nachlesen können, reagieren Menschen auf ein männliches Baby anders als auf
ein weibliches. Und das ist ja auch normal, denn schließlich gibt
es Unterschiede. Die allerdings sind nicht nur biologisch bedingt, sondern beruhen auch auf gesellschaftlichen Einflüssen,
Erwartungen und Prämissen – in allen Kulturen und zu allen
Zeiten gab und gibt es so etwas wie eine Mädchenkultur oder eine Kultur des Weiblichen. Wir können uns dagegen wehren, uns
11
Vorwort
dem aber nie ganz entziehen. Erst wenn wir uns als Eltern bewusst werden, welche Bilder und Vorstellungen von
Weiblichkeit wir in uns tragen und welche dieser Bilder gesellschaftlich wirksam sind, können wir uns damit auseinander setzen, vielleicht darüber streiten und neue Wege beschreiten oder
auf bewährten Pfaden wandeln.
Eines jedoch sollte uns von Anfang an klar sein: Kinder sind
nicht Wachs in unseren Händen. Sie gehören sich selbst und
bringen ihre eigene Persönlichkeit und ihre einzigartige
Lebensaufgabe mit. Als Eltern haben wir das Glück, sie eine Zeit
lang begleiten zu dürfen. Damit das gelingt, ist es wichtig, auch
unsere eigene Geschichte als Mutter und Vater zu kennen.
Mädchen! Wie sie glücklich heranwachsen – dieser Titel formuliert einen Auftrag – nicht nur an die Eltern, sondern zunächst
an mich, die Autorin.
Und so werden Sie im
Kinder sind nicht Wachs
Verlauf der Lektüre imin unseren Händen – sie
mer wieder auf konkregehören sich selbst!
te Anregun-gen für den
Umgang mit und die
Erziehung Ihrer Tochter stoßen. Hierfür habe ich auf Erlebnisse
mit meiner eigenen Tochter, auf wissenschaftliche Erkenntnisse
und auf die Erfahrungen von vielen Eltern aus meiner
Beratungs- und Seminararbeit zurückgegriffen. Ich habe an das
kleine Mädchen gedacht, das ich einmal war und an all die vielen Mädchen und Frauen, die ich in meinem Leben kennen lernen durfte.
Bei all dem, um was es hier geht, spielen auch Väter und
Brüder eine entscheidende Rolle. In keinem Buch über
Mädchen habe ich jedoch etwas darüber gelesen. Dabei begleiten ein Mädchen auch die Erfahrungen, die es mit den männlichen Familienangehörigen macht, ein Leben lang. Frau lässt
sich nun mal nicht ohne männlichen Gegenpart definieren (das
12
Vorwort
gilt umgekehrt natürlich auch), ebenso wenig wie es kein Laut
ohne Leise, kein Hell ohne Dunkel und kein Groß ohne Klein
gibt! Und so gibt es keine Töchter ohne Väter, selbst wenn diese
– aus welchen Gründen auch immer – getrennt von ihrer
Tochter leben und/oder den Kontakt völlig abgebrochen haben.
Die meisten Kapitel in diesem Buch handeln nicht von einer bestimmten Altersgruppe, sondern sprechen Fragen an, die unabhängig vom Entwicklungsstand Ihrer Tochter aufkommen. Richten Sie sich beim Lesen deshalb nach Ihren derzeitigen Interessen.
Die Reihenfolge, in der Sie die einzelnen Kapitel lesen, spielt dabei
keine Rolle.
Sie haben ein Mädchen – eine kleine Persönlichkeit – und es
gilt, dieses Geschenk im wahrsten Sinn des Wortes zu entwickeln. Auf diesem Weg möchte ich Sie mit meinem Buch begleiten. Es geht mir darum, auf Gefahren hinzuweisen und ihnen
vorzubeugen, vor allem jedoch möchte ich einen guten Weg des
Miteinanders aufzeigen.
Darüber hinaus wünsche ich mir, dass dieses Buch für Sie eine Entdeckungsreise zu Ihren eigenen Wurzeln und Anschauungen ist, in deren Verlauf Sie erkennen, welche Chancen die
Geburt eines Mädchens Ihnen persönlich bietet.
Gisela Preuschoff
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