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Der Abriss ist wie eine Befreiung - Louisa Noack

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SONNABEND
11. SEPTEMBER 2004
GÖ RLITZER NACHRICHTEN
St ad tumb au
SÄCHSISCHE ZEITUNG
Eva Kumpfe freut sich, dass die Platten-Neubauten am Deutsch-Ossig-Ring endlich Stück für Stück verschwinden
Milbradts Problem
mit dem Barhocker
Statt Geschenken lieber für Lehrmittel spenden
Von Louisa Noack
Von Peter Chemnitz
W
D
ass Jugendamtsleiter Maik
Grüllig besorgt um das Wohlbefinden seiner Mitmenschen ist, bekundete er diese Woche
gegenüber den neu gewählten Mitgliedern im Jugendhilfeausschuss.
Müssen diese nämlich nach einer
richtig langen Sitzungen noch einmal die Toilette aufsuchen, sollten
sie ihr Vorhaben bei ihm und seinen
Mitarbeitern zuvor anzeigen. Er
wolle schließlich nicht, dass jemand
versehentlich eingeschlossen wird
und im Amtsgebäude auf der Hugo-
enn Eva Kumpfe in den
letzten Jahren aus dem
Fenster ihrer Wohnung
schaute, sah sie nichts
anderes als graue, kahle Betonmauern und eintönige, hohe Wände.
Denn Eva Kumpfe lebt im DeutschOssig-Ring im Görlitzer Stadtteil
Weinhübel. Doch nicht etwa im
fünften Stockwerk in einem der großen Blöcke. Die 68-Jährige wohnt
seit acht Jahren mit ihrer Familie in
einem Zwei-Familien-Haus auf der
Leschwitzer Straße. Umschlossen
von riesigen Plattenbauten.
GÖRLITZER
Kaum Sonnenlicht dringt
in die Fenster des Hauses
Die große Hecke
schützt vor den Blicken
„Aber mit der Zeit hatte ich mich an
diese Situation gewöhnt, irgendwann kann man damit Leben“, sagt
sie. Frau Kumpfe und ihre Familie
hatten aber auch ein paar andere
Tricks, damit sie die Platten nicht
anschauen musste: „Irgendwann
hatten wir dann so eine große Hecke, dass wir vor den Blicken auf des
Neubauten geschützt waren und
überdies den grauen Beton nicht
mehr sehen mussten.“ Endlich war
Entspannung pur im kleinen Gärtchen angesagt.
Doch für Eva Kumpfe hatten die
Platten auch ein paar Vorteile: „Als
noch viele Familien hier wohnten,
war wenigstens Leben im Hof. Es
Geflüster
Wollen Sie uns was flüstern?
Telefon 03581 – 47 10 52 50
Nur noch ein paar Trümmer sind geblieben von den Neubaublöcken am Deutsch-Ossig-Ring. Im Hintergrund ist übrigens
das Haus, wo Eva Kumpfe wohnt und nun wieder mehr Ausblick genießt.
Foto: SZ/Thomas Fiedler
gab viele Kinder und Jugendliche,
die im Hof spielten. Da ging das
noch auszuhalten.“ Doch immer
mehr Familien verließen aufgrund
der Wohnlage die alten Platten, entschlossen sich in andere Stadtteile
und in ruhigere Gebiete zu ziehen.
Auch die Jugendlichen gingen
fort. Sie zogen der Arbeit hinterher.
Viele sagten sich damals „nie wieder
Platte“, doch für Evas Kumpfe war
die zunehmende Einsamkeit im zugigen Hufeisen aus harten Stahlbeton noch schlimmer als alles Vorangegangene: „Als die Familien nach
und nach auszogen, war es für mich
fast nicht mehr auszuhalten.“ Egal
aus welchem Fenster sie schaute,
überall waren lediglich dunkle Fenster zu sehen. „Das Leben war plötzlich weg“, sagt sie traurig.
Kurze Zeit später wurde beschlos-
sen, dass der Deutsch-Ossig-Ring
zum Großteil abgerissen werden
soll. Die letzten Familien suchten
das Weite. Vor drei Monaten wurden jetzt die Fenster demontiert, der
Abriss
langsam
vorbereitet.
„Manchmal kamen mir die Fenster
vor wie Schießscharten.“ Das sei
wirklich schlimm gewesen, sagt die
Frau: „Irgendwie fühlte ich mich
auch belästigt.“
Die Situation war
einfach unheimlich
Wenn der Wind durch die leeren
Blöcke pfiff, durch die ehemaligen
Wohnungen, durch Bäder, Küchen,
ganze Stockwerke, getraute sich Eva
Kumpfe nicht mal mehr aus dem
Fenster zu schauen, so unheimlich
war ihr diese Situation.
Gartenolympiade
Von Blattlausplage verschont
Peter Langelotz verträgt sich mit Wespen / Winfried Neumann hat tolle Pfirsiche
Hobbygärtner stellen ihre Ernteerfolge vor und plaudern aus der
Gartenschule. Heute erzählt die
Görlitzer Peter Langelotz vom
Gärtnern auf dem Balkon, und
Winfried Neumann berichtet von
seinen Pfirsichen.
Peter Langelotz wohnt in Rauschwalde. Er hat mit Interesse den Beitrag über Orchideen von Detlef
Rentsch (SZ, 1. September) gelesen.
Denn er pflegt ebenfalls drei dieser
Exoten. Seine älteste hat er vor drei
Jahren erhalten. Die hat nun eine
Blütenrispe mit über 50 Knospen
bzw. Blüten. Eine zweijährige Orchidee entwickelt derzeit einen neuen Blütenstand. Seine Orchideen
haben bisher jedes Jahr geblüht.
Auch ein im Dezember erworbenes Alpenveilchen steht zur Zeit in
voller Blüte. Zu seinen hobbygärtnerischen Erfolgen zählt er, dass er seine Balkongeranien immer wieder
zum Blühen bringt. Demnächst werden sie gestutzt und im Keller überwintert. Außerdem gewinnt er
durch Stecklinge, die er selbst heranzieht, neue Begonien. Der Rosmarin, der in der frostfreien Zeit auf
dem Balkon steht, ist 50 cm hoch
und hat einen Umfang von 70 cm.
Auf der Kräutertreppe, die Peter
Langelotz für den Balkon gebaut
hat, nisteten sich in diesem Frühjahr
Wespen ein. Er wollte das Nest beseitigen lassen. Im Naturkundemuseum wurden seine Bedenken gegen
die Insekten jedoch zerstreut. Inzwischen lebt er schon mehrere Monate
damit, dass diese auf dem Balkon
ein- und ausfliegen. Während in der
Nachbarschaft viele Balkongärtner
über Blattlausbefall geklagt haben,
waren seine Pflanzen nicht davon
betroffen. Tagtäglich kann Peter
Langelotz die Wespen beobachten.
Bis jetzt hat ihn noch keine gestochen. „Im Gegenteil, wenn sie mich
berühren während ihres Ausfluges,
ist es als wollten sie mich begrüßen“,
erzählt“, Peter Langelotz, der seit
drei Jahren auf seinem Balkon gärtnert. Auch Gäste wurden bisher
17
Stad tgeflüster
Der Abriss ist wie eine Befreiung
Kaum Sonnenlicht dringt in die
Fenster des kleinen hellgelben Hauses an der Hauptstraße. Im Osten,
Westen und Süden stehen die großen Blocks. Riesige Schatten liegen
über dem Innenhof und über dem
Dach des kleinen Domizils der
Kumpfes.
Als Eva Kumpfe einzog, war der
Deutsch-Ossig-Ring schon längst gebaut und die ersten Mieter lebten
bereits seit 1989 in der neuen „Platte“ in Weinhübel. Wenn sie in ihrem
Garten saß, fühlte sie sich schon ein
wenig unwohl. Konnten doch alle
Einwohner des großen Hufeisens in
ihren Garten schauen. Rechts und
links, wohin Eva Kumpfe auch
schaute, überall sah sie nur graue
Mauern und hunderte Fenster.
. .
nicht belästigt. Dass Wespen gar
nicht so aggressiv sind, wie viele
Menschen glauben, kann man auch
auf der Internetseite des NABU (Naturschutzbund) nachlesen. Dort
heißt es unter anderem, dass allergisch reagierenden Menschen ein
GartenOlympiade
Serie der Sächsischen Zeitung
Wespennest in der Nachbarschaft
vielleicht nicht zuzumuten sei, aber
ansonsten lasse sich mit den Wespen
zusammenleben, wenn man hysterische Reaktionen vermeidet.
Es gibt einige hundert Wespenarten in Deutschland – davon sind
aber den meisten nur die „lästigen
Wespen“ bekannt, die auf dem Kuchen sitzen oder als Erdwespen unangenehme Gartenbewohner sein
können. Dabei sind nur einige wenige Arten sozial lebend. Die meisten
Arten leben solitär. Dort versorgt ein
Weibchen alleine ihre Brut. Es gibt
keine hilfreichen Arbeiterinnen,
sondern nur Männchen und Weibchen, von denen nur die Weibchen
den Nestbau und die Brutpflege betreiben.
Pfirsiche im Hausgarten
Pfirsiche, der Sorte South Haven,
hat Winfried Neumann in seinem
Hausgarten jetzt geerntet. Seine Enkel Ninja und Floyd (unser Bild) lassen sich die gelbfleischigen und großen Früchte schmecken.
20 Jahre hat Neumann schon Pfirsichbäume. „Viel zu schneiden gibt
es bei dieser Obstart“, ist eine Erfahrung. Um den Bäumen eine gute
Grundlage zu geben, hat er bei der
Pflanzung den lehmhaltigen Boden
ausgetauscht und die neue Erde mit
Kalk und Sand vermischt. Der
Hobbygärtner sagt, er habe seine
Bäume gut gepflegt, musste aber
schon einige der für Kräuselkrankheit anfälligen Pfirsichbäume auswechseln.
GARTENOLYMPIADE
p Gefragte Früchte sind: die längste Gurke, die größte Tomate, die dickste Kartoffel, die schwersten Zucchini, die exotischste und die kurioseste Frucht.
p Gemessen und gewogen: Teilen Sie
uns mit: Länge, Umfang, Gewicht und
wenn möglich die Herkunft der Frucht.
Nicht vergessen sollten Sie ihre Adresse
und Telefonnummer, damit wir Sie besuchen und uns von Ihrem Prachtexemplar
überzeugen können.
p Melden Sie sich in der SZ-Lokalredaktion Görlitz, Jakobstraße 32,
Telefonnummer 03581/47 10 52 56.
Die rotbäckigen großen Pfirsiche in
Opas Garten sind genau das Richtige
für Ninja und Floyd Posselt. Von den
süßen und saftigen Früchten naschen
sie gern.
@ sz.goerlitz@dd-v.de
p Preis: Auch in dieser Woche verlosen
wir ein T-Shirt der Landskron-Brauerei.
Dann begann der Abriss. Für Eva
Kumpfe und ihre Familie war dieser
Tag wie eine Befreiung. Mittlerweile
sind die Abrissbagger schon bis zum
ehemaligen Südblock vorgedrungen, genau gegenüber vom Haus der
Kumpfes. Der Lärm und Dreck, der
zurzeit in der stickigen Luft der letzten Wochen liegt und noch ein paar
Wochen andauern wird, stört Eva
Kumpfe nicht. Denn bald sind die
Blöcke Geschichte. Dann soll auf
dem Gelände eine Grünanlage entstehen. Zur Erholung.
Nur ein Block bleibt stehen. Der
Ostblock, dort wo jeden Morgen die
Sonne aufgeht. Hauptsache genau
dieser Block nimmt dann nicht die
Morgensonne, wenn die Kumpfes
wieder genüsslich im Garten, mit
ein wenig Abstand von ihrer hohen
Hecke, frühstücken wollen.
Keller-Straße übernachten müsse.
Eine Übernachtung hatte Daniel
Cohn Bendit in Görlitz von vornherein nicht geplant. Der Vorsitzende
der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament, hatte einen
straffen Zeitplan für die Neißestadt
vorgesehen: 11.30 Uhr Besuch des
Kulturhauptstadtbüros,
12 Uhr
Treffen mit der Presse an der Vierradenmühle und anschließend Empfang beim Oberbürgermeister im
Rathaus. Da Cohn-Bendit auch „an
Informationen aus Polen interessiert“ sei, es jedoch in der Kürze der
Zeit nicht schaffe, die Grenze zu
überqueren, sollten ihn Journalisten
über die Situation informieren,
wünschte sich Andreas Jahnel, Landesgeschäftsführer der sächsischen
Bündnisgrünen. Eine Begegnung
mit den Görlitzer und Zgorzelecern
war nicht vorgesehen. Nun musste
Jahnel kurzfristig alles absagen, der
„Fraktionsvorsitzende ist bei wichtigen Terminen in Brüssel leider unabkömmlich“.
Vielleicht ist der Grüne auch in
Belgien geblieben, nach dem er von
dem Pfeifkonzert für CDU-Chefin
Angela Merkel in Görlitz hörte.
Auch SPD-Landtagsabgeordneter
Karl Nolle, der zur Unterstützung
des Görlitzer Landtagskandidaten
an die Neiße gekommen war, zog es
vor, nicht unter freiem Himmel aufzutreten, sondern lieber im Keller
der Vierradenmühle. Genau 18 Interessierte hatten sich hier eingefun-
den und am Ende resümierte Nolle:
„Das war eine der Großveranstaltungen in diesem Wahlkampf, wir
werden nicht verwöhnt.“
Nicht verwöhnt werden möchte
Hermann-Josef Schmitz zu seinem
50. Zwar feiert der Chefarzt der Urologie im Carolus-Krankenhaus am
18. September im Mercure, aber er
hat alle Freunde, Bekannte und Mitstreiter gebeten, statt Geschenke zu
kaufen, lieber für Lehrmittel zu
spenden. Die Situation an den Görlitzer Schulen sei katastrophal.
Dem Geheimnis der Görlitzer Bäcker und ihrer handwerklichen
Künste war in dieser Woche Julia
Gluma von der „Deutschen Bäcker
Zeitung“ auf der Spur. Aber die Redakteurin aus Bochum zeigte sich
nicht nur von der Backkunst, sondern auch von „dem wunderschönen Görlitz“ angetan.
Auch Görlitzer Fußballfans sorgen dafür, dass die Neißestadt bekannt wird. Bei der Fernsehübertragung des Spiels Deutschland gegen
Brasilien freute sich der gerade in
Stuttgart weilende Görlitzer Unternehmensberater Matthias Krick, als
er plötzlich auf dem Bildschirm das
Schild „Görlitz grüßt Michael Ballack“ sah.
Ganz auf die Eigenarten von
Georg Milbradt war der Wahlkampfauftritt gestern in Görlitz zugeschnitten. Da der sächsische Ministerpräsident bekanntlich kein talentierter Volksredner ist, aber gerade jetzt bei den potenziellen Wählern ankommen soll, wurde die
Form eines Interviews gewählt, bei
der der Christdemokrat ihm bekannte Fragen beantworten musste.
Nicht bedacht hatten die Organsatoren allerdings, dass Milbradt relativ
klein ist. So saß der CDU-Spitzenkandidat entweder auf dem Barhocker und versuchte vergeblich mit
einer Schuhspitze Bodenkontakt zu
bekommen, oder er lehnte mehr am
Stuhl, als dass er saß. Ein Problem,
das auch CDU-Landtagskandidat
Volker Bandmann hatte.
Neben Broschüren gab es an den
CDU-Ständen auf dem Marienplatz
nicht nur Bonbons, Milbradt-Anstecker und Streichhölzer, sondern
auch für die Junge Union werbende
Liebesperlen, allerdings nur hinterm Tresen.
p Mitarbeit Susan Ehrlich
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