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EinFall wie aus dem Notizbuch des Sigmund - Alexander Kulpok

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inFall wie aus dem Notizbuch des
Sigmund Freud: Ein empfindsamer
Knabe aus gutem Hause wird mit
acht Jahren von seiner geliebten Gouvernante getrennt, die ihre Stellung kündigt.
Mit 14 verliert er die Mutter, die er
leidenschaftlich, ödipushaft verehrt (und
begehrt?) hat. Sie stirbt an Cholera. Beim
Umgang mit Frauen fehlt ihm fortan die
nötige Selbstsicherheit. Seine Homosexualität und das Bemühen, diese Neigung
vor anderen zu verbergen, bereitet ihm
lebenslange Schwermut, bestimmen sein
Wesen und sein Werk. Er leidet an Depressionen, ist müde, nervös, immer wieder kränkelnd. In Todessehnsucht und in
Liebe zur Mutter bestimmt er im Alter
von 53 Jahren selbst die Todesart: Er
trinkt ein Glas nicht abgekochten Wassers
und stirbt an Cholera. "Dein Gemüt ist
dein Schicksal."
Diese Version - in den Zeiten des Sowjet-Imperialismus in Tschaikowskys
Heimat wegen der Homosexualität des
Komponisten amtlich unterdrückt und
auch in den Biographien bis zur 1943 in
den USA publizierten Lebensbeschreibung des Amerikaners Herbert Weinstock
zumeist verschwiegen - wurde 1981 erschüttert. Die in die Vereinigten Staaten
emigrierte Musikhistorikerin Anatolia
Orowa behauptete, Tschaikowsky sei zum
Selbstmord gezwungen worden. Bei ihren
Studien iI).den Archiven von Leningrad
habe sie 1966 diese bestürzende Entdekkung gemacht. Andere - wie der Brite
David Brown in seinem Buch "Tchaikovsky Remembered" oder der Wiener
Arzt und Pianist Anton Neumayr - übernahmen diese Darstellung aufgrund eigener Recherchen.
Der in den USA lebende Soziologe
Alexander Poznansky hat hingegen die
These, Tschaikowsky sei - um einen öffentlichen Skandal in Sankt Petersburg
zu vermeiden - wegen seiner Homosexualität von einem Ehrengericht hinter verschlossenen Türen zum Selbstmord verurteilt worden, heftig widersprochen. Die
Beweislage ist schwierig, aber das Thema
war und ist beherrschend beim Tschaikowsky-Gedenken zu seinem 100.Todestag am 6. November 1993.
E
*
Obwohl Homosexualität auch in der
Zarenfamilie verbreitet und im zaristischen Rußland in der oberen Gesellschaftsschicht stillschweigend geduldet
war, drohte bei öffentlicher Bekanntmachung die Verbannung nach Sibirien. Orlowa und Brown stützen sich bei ihren
Erkenntnissen auf angeblich schriftliche
Zeugnisse der Witwe des Generalstaatsanwalts NikolaiJakobi. Der soll im Herbst
1893bei Zar Alexander III. vorgesprochen
haben, weil ein russischer Fürst Tschaikowsky der sexuellen Verführung seines
Ulinderjährigen Sohnes bezichtigte.
Am 31. Oktober 1893 habe in der Petersburger Wohnung von Jakobi ein achtköpfiges Gremium aus Mitgliedern des
Juristischen Kollegiums am Zarenhof -
Unterschiedlichkeit und Zwiespältigkeit des überlieferten Bildes eines von
Millionen heißgeliebten Komponisten zeigen sich auch in den beiden Filmversionen vom Lebenswerk Tschaikowskys, die
1971in die Kinos kamen. Fast drei Jahre
lang drehte der Regisseur Igor Talankin
einen verkitschten, farbigen Monumentalschinken, der den Sowjetmenschen
zwei Stunden und vierzig Minuten lang
unter Vernachlässigung jeglicher Fakten
nen stehen: "Serenade melancholique".
Durch den frühen Tod der Mutter endgültig aus dem Kindheitsparadies vertrieben,
mußte er auf Anordnung des Vaters in
Sankt Petersburg eine juristische Ausbildung absolvieren, wurde Beamter, gab
1863seine Stellung im öffentlichen Dienst
des Zarenreichs auf und begann zu komponieren, ging 1866 als Musiklehrer ans
MoskauerKonservatorium und schuf seine erste Sinfonie. Der gutaussehende, von
alles ehemalige Studienkollegen des gelernten Juristen Tschaikowsky - fünf
Stunden lang getagt und dem inzwischen
weltberühmten Komponisten den Selbstmord nahegelegt. Tod durch ein langsam
wirkendes Gift. Nur so sei ein Skandal für
Tschaikowsky\md die Petersburger High
Society zu vermeiden. Die für die Tat
notwendige Dosis Arsen habe das Ehrengericht dem Verurteilten daraufhin zur
Verfijgung gestellt. Das Schauerdrama
vom "Selbstmord auf Befehl" scheint dadurch bestätigt zu werden, daß Tschaikowsky - entgegen den strengen Vorschriften - als angebliches Cholera-Opfer
zwei Tage lang aufgebahrt wurde, daß
Tausende von ihm Abschied nahmen,
seine Stirn und seine Hände küßten, wodurch offenbar niemand infiziert wurde.
ein verklärtes Tschaikowsky-Porträt lieferte. Ganz im Sinne der amtlichen Biographin Galina Pribegina, die Tschaikowsky als "russischen Patrioten" schilderte,
der wußte, "daß eine Heirat seine ganze
Lebensweise verändern würde. Das
schreckte ihn ab und ließ ihn vor dem
entscheidenden Schritt zögern."
Der britische Filmemacher Ken Russell
offenbarte dagegen hämische Freude daran, den unglücklichen Tonschöpfer vom
Podest zu stoßen. Russell deutete Tschaikowskys Schaffen einzig als Ausdruck
einer Sexualneurose und setzte in seinem
Zwei-Stunden-Film als Kontrapunkt zu
"Schwanensee" und "Pathetique" einen
kräftigen Schuß Popästhetik.
Über Tschaikowskys Leben und Werk
könnte der Titel einer seiner Kompositio-
den Frauen stets erfolglos angehimmelte
Tschaikowsky, der große Melodiker und
kühne Harmoniker, voll Glut und Grazie,
melancholisch
und
menschenscheu,
meinte über sich: "Ich bin sehr einsam,
und nur beharrliche Arbeit rettet mich
vor Verzweiflung." Doch er konnte auch
fröhlich, entspannt und hingebungsvoll
sein, wenn er sich in Gesellschaft ihm
zugetaner Menschen glaubte: Seine Gouvernante Fanny schilderte ihn als "gläsernen Knaben", und sie meinte damit sein
kindliches Bestreben, immer höflich und
freundlich zu sein, um niemanden zu
verärgern. Eine Eigenschaft, die Tschaikowskyein Leben lang beibehielt - nichts
weiter als die Suche nach menschlicher
Nähe und Wärme: "Ich sehne mich nach
einem nahen und lieben Menschen, dem
ich all meine Kümmernisse anvertrauen
könnte."
Seine homosexuellen Affären suchte
Tschaikowsky zu verheimlichen. Nur sein
ebenso veranlagter Bruder Modest und
seine Schwester Alexandra waren eingeweiht. In seinen Tagebüchern umschrieb
Tschaikowsky die Homosexualität häufig
mit dem Buchstaben Z. "Litt stark, nicht
so sehr unter dem Gefühl von Z, sondern
stärker wegen der Tatsache, daß es in mir
existiert."
'
Um Gerüchten und gesellschaftlicher
Ächtung zu begegnen, heiratete er 1877
die 29jährige Antonina Miljubkowa, eine
seiner Schülerinnen, die ihm in einem
Brief ihre Zuneigung offenbart hatte. Es
heißt, die Miljubkowa habe Tschaikowsky
an die tragische Figur der Tatjana aus
seiner Oper "Eugen Onegin" - nach dem
Text von Alexander Puschkin - erinnert,
deren berühmte Briefszene er gerade
komponiert hatte. Diese selbst auferlegte
Mesalliance hatte katastrophale Folgen,
die ihn bereits an den Rand des Selbstmords trieben. Bereits nach drei Monaten
, verließ Tschaikowsky seine Ehefrau.
Lebensrettend für ihn war die 14Jahre
dauernde Brieffreundschaft mit der begüterten Witwe Nadeshda von Meck. Sie
unterstützte ihn mit Geld und aufmunternden Worten und bewilligte ihm eine
monatliche Zuwendung von 500 Rubel.
Rund 1200 Briefe wechselten die beiden
zwischen 1876und 1890.Eine Bedingung
hatte diese Freundschaft: Sie wollten sich
nie persönlich begegnen. Selbst als
Tschaikowsky einmal in einer ihrer Wohnungen in Italien lebte und. die Meck nur
einen Kilometer entfernt in einer Villa
residierte, trafen sie sich nIcht. "Es gibt
eine Zeit, da ich'Sie persönlich kennenlernen wollte", schrieb Nadeshda von Meck.
"Je mehr aber Ihre Musik mich bezaubert,
um so ängstlicher fürchte ich eine Begegnung ... Ich ziehe es vor, aus der Ferne an
Sie zu denken, Ihrer Musik zu lauschen
und mich durch Ihre Werke mit Ihnen
verbunden zu fühlen."
Tschaikowskys Kompositionen eroberten schon zu seinen Lebzeiten die Konzertsäle in Europa und den USA: Zum
Beispiel die Phantasie-Ouvertüre' "Romeo
und Julia", sein erster großer Erfolg. Oder
"Manfred", seine "Sinfonie in vier Bildern". Die fünf Sinfonien, denen kurz vor
seinem Tod die sechste, die "Pathetique",
folgte. Sein Violinkonzert, die beiden Klavierkonzerte (das erste mit seinem bombastischen ersten Satz hat ganze Genera-
tionen an die klassische Musik herangeführt). Die Ballettmusiken "Dornröschen", "Schwanensee" oder "Der Nußknacker" und die gefälligen und populären Kompositionen wie "Francesca da
Rimini", "Capriccio Italien" und "Ouvertüre 1812".Von den Opern haben sich bis
heute nur der melodische "Eugen Onegin"
und die "Pique.Dame" feste Plätze in den
Spielplänen gesichert. "Ob ich nun gut
oder schlecht komponiere", hat Tschaikowsky notiert, "das eine weiß ich: Daß es
aus einem inneren, unüberwindlichen
Drang geschieht."
'
Als Frau von Meck .im, Frühjahr 1890
Tschaikowsky eröffnete, sie sei schwer
erkrankt, habe Einbußen an ihrem Vermögen hinnehmen müssen und werde
ihm künftig weder Geld überweisen noch
schreiben, war der Adressat dieses letzten
Briefes fassungslos - "zu Tode getroffen",
wie seine Umgebung feststellte. Alle Versuche Tschaikowskys, den Briefkontakt
wiederherzustellen, scheiterten. Bei der
Suche nach den Beweggründen der Frau
von Meck wird am häufigsten vermutet,
ihr Bekanntenkreis habe sie über die
homoerotischen Beziehungen Tschaikowskys unterrichtet. Der soll noch auf dem
Totenbett im Fieberwahn den Namen seiner einstigen Gönnerin als Vorwurf oder
Beschimpfung gestammelt haben.
Von 1891 an wurden Tschaikowsky
zahlreiche internationale Ehrungen zuteil. Er wurde Mitglied der Academie
fran!;aise, erhielt die Ehrendoktorwürde
der britischen Universität Cambridge und
durfte im Frühjahr 1891 mit eigenen
Kompositionen die Music Hall in New
York- die spätere Carnegie Hall- einweihen. Im Herbst 1891machte er sein Testament, wobei er seinen Neffen und Geliebten Bob Dawidow als Alleinerben einsetz~
te - ihm widmete er auch sein letztes,
meisterhaftes Werk: die "Pathetique". Zusammen mit der 4. und 5. Sinfonie ergibt
sich nach der Absicht des Komponisten
ein "Programm", ein musikalisches Vermächtnis, bei dem die "Pathetique" erklärtermaßen ein "Geheimnis" enthüllen
soll. Vielleicht das Geheimnis seines Lebens und Sterbens.
SZ AM WOCHENENDE
Feuilleton- Beilage der Süddeutschen Zeitung
Redaktion: Klaus Podak (verantwortlich)
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