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F Raum erleben Der gebaute Raum ist Materialisierung. Wie Raum

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Institut für
Raumgestaltung
Vo Raumwahrnehmung WS 2007/08
Univ. Prof. Arch. Irmgard Frank
F Raum erleben
Der gebaute Raum ist Materialisierung.
Wie Raum materialisiert wird und die Gründe dafür hängen von einer Reihe
von Kriterien ab. Einige, architektonisch wesentliche, sehen wir uns jetzt
genauer an.
Jeder architektonischen Entscheidung – sozusagen jedem Entwurf – liegt
ein Konzept zugrunde, das sich aus den Anforderungen einer Vielzahl von
Prämissen entwickelt und in eine räumliche Gestalt transferiert wird.
Zu diesen Prämissen zählen:
- die Aufgabe / der Zweck des Gebäudes an sich (ist es ein Krankenhaus,
ein Theater, ein Museum, ein Hotel, ein Industriegebäude, ein Wohn- oder
Bürohaus...),
- der spezifische Ort, der Kontext,
- die Bauweise der Region,
- die zur Verfügung stehenden Mittel – finanzielle, logistische, konstruktive
- die Materialien, aber auch
- klimatische Bedingungen,
- die Gesetzeslage – also Bebauungsbestimmungen, Bauordnung etc.
- die architektonische Haltung.
Was wir uns heute ansehen wollen, ist aber nicht die Frage, wie man zu einem
Entwurf kommt und unter welchen Bedingungen sowie Herausforderungen,
architektonische Lösungen entwickelt werden. Wir sehen uns heute den
Zusammenhang zwischen der architektonischen Gestalt und ihrer Wirkung
an.
Welche Möglichkeiten haben wir als Werkzeug, Repertoire, in der Hand, um
einem Raum diese Ausstrahlung, jene Wirkung zu geben?
Drei wesentliche Parameter sehen wir uns heute exemplarisch an:
a) Die bauliche Gestalt, also der Baukörper und die Raumform, des sich in
diesem befindlichen Hohlraumes / Innenraumes.
b) Die Materialisierung, das heißt, die Wahl der Materialien und wie diese
eingesetzt werden, um einen bestimmten Raumcharakter zu erzeugen und
in Folge erleben zu können.
c) Die Ausbildung und Bewältigung der Übergänge sowie die Hinführung zu
einem Raum.
Bauliche Gestalt und Innenraum
Jedes Gebäude, jedes Objekt das wir planen hat eine Form, eine Gestalt.
Es ist ein Körper. Und jeder Raum, in den wir uns hineinbegeben, ist der Inhalt bzw. Teil eines Inhalts eines Körpers, ist ein Hohlraum, ein Gefäß oder
geläufiger formuliert ein Innenraum. Als Innenraum bezeichnen wir einen
Raum, der einen oberen Abschluss, also eine Decke aufweist. Ein städtischer
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Platz, umschlossen von Gebäuden, ist in diesem Sinne kein Innenraum, da
er über keinen oberen Abschluss verfügt.
Jede bauliche Gestalt hat einen Ausdruck und vermittelt eine bestimmte
Haltung, suggeriert ein Bild. Wir lesen Gebäude ikonografisch, abhängig
vom kulturellen Kontext, in dem wir leben. Das heißt, wir sind fähig, über
den baulichen Ausdruck eines Gebäudes gesellschaftliche Zusammenhänge
oder einfach nur die Entstehungszeit abzulesen. Der bauliche Ausdruck entsteht durch die Überlagerung von Baukörper und dessen Gliederung, sowie
Materialisierung.
Im Falle eines Gründerzeithauses wäre das: der Baukörper, bereichert durchseine Gliederung (Sockelzone, Gesimsabschluss, Dach, Verhältnis Wand /
Öffnung) und Feinstrukturierung (Stukkatur).
Das heißt auch, dass wir eine Siedlung, bestehend aus selbstgebauten
Einfamilienhäusern, jedes anders und trotzdem alle gleichartig, auf diese
Weise lesen. Sie drückt durch die Art und Weise ihrer Bauten eine Haltung
der Bewohner aus.
Sowohl die architektonische Auseinandersetzung innerhalb der Disziplin als
auch gesellschaftliche Entwicklungen und Lebenshaltungen führen dazu,
dass sich Ausdrucksweisen, manifestiert durch Gebautes, fortwährend ändern. Es gab und gibt daher eine Vielzahl von Formulierungen zum Thema
Form bzw. Gestalt.
Die Shaker waren eine Glaubensgemeinschaft, die versuchten das Lebens
und somit auch das Zusammenleben in der Gemeinschaft auf das absolut
Notwendige zu reduzieren. Mother Ann Lee, eine Wortführerin der Shaker,
vertrat die Ansicht, dass jede Kraft eine Form hervorbringt und dass, sinngemäß, eine einfache, schöne Form die beste Antwort auf diese Kräfte wäre.
Das absolut Notwendige meint hier, alles Überflüssige wegzulassen.
Der wohl bekannteste Ausspruch in der Architekturdiskussion des 20. Jhdts.
stammt von Louis Sullivan: „form follows function“.
Sullivan meinte wörtlich:
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Ikonografie: die Form- und
Inhaltsbedeutung von Bildwerken.
Mother Ann Lee, 1736-1784,
Mitglied der Shaker, spin-off
der Quaker
Louis Henry Sullivan,
1856-1924, amerik. Architekt,
“Vater der Moderne“.
„Und inmitten der ungeheuren Zahl und Vielfalt lebendiger Formen bemerkte ich, dass grundsätzlich immer die Form die Funktion ausdrückt, so zum
Beispiel der Eichenbaum die Funktion Eiche, der Kiefernbaum die Funktion
Kiefer, und so weiter. Und als ich mich intensiver damit beschäftigte, entdeckte
ich, dass die Form nicht einfach die Funktion ausdrückt, sondern dass die zugrundeliegende Idee folgende ist: Funktion schafft oder bildet ihre Form.“ 1
Frank Lloyd Wright, ein Schüler Sullivans, interpretierte diesen Ausspruch
dahingehend, dass er Form und Funktion als identisch sah.
Frank Lloyd Wright
1867-1959, amerik. Architekt.
Falling Water, Guggenheim
Museum.
1 Louis I. Sulllivan, The Atobiography of an Idea, New York, 1956
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In den 1980er Jahren hat eine Gruppe von Designern und Architekten (Memphis) diesen Anspruch hinterfragt, indem sie persiflierend darauf hinwiesen,
dass auch gerade in der sogenannten „Moderne“ die Form lediglich ein Hinweis darauf war, wie die Funktion zu verstehen ist.
Der Gestalter Otl Aicher hat anhand einer Studie über die Form und Funktion
des Autos nachgewiesen, dass z.B. besonders „windschlüpfrig“ aussehende
Autos im Windkanaltest nicht optimal abschnitten. Das heißt, es ging den
Designern und Produzenten dieser Autos mehr darum, durch die gewählte
Form des Autos Windschlüpfrigkeit auszudrücken, als die Form so weit zu
optimieren, dass dadurch verringerter Luftwiderstand erreicht wurde.
Sie sehen also, es gibt einen Willen zur Form und gleichzeitig das Bedürfnis,
diesen Formwillen zu begründen, durch Thesen zu untermauern. Wie an den
aufgeführten Beispielen ersichtlich wurde, geht es aber in der Regel viel mehr
darum, was eine Form auszudrücken vermag. Die Form ist somit ein Symbol,
durch das eine Haltung mitgeteilt wird.
Diese Haltung entsteht auf mehreren Ebenen. Sie entwickelt sich aus dem
Lebensgefühl, welches innerhalb einer Gesellschaft transportiert wird. Gesellschaft ebenso, wie zentralen Fragestellungen, mit denen sich die Gesellschaft
auseinandersetzt. Innerhalb der Fachdisziplin – dem Bauen selbst führen
neue technologische Entwicklungen, wie beispielsweise in der Glasindustrie
der letzten Jahrzehnte und davor schon einmal in den 1920 Jahren auch zu
Veränderung im Bauwesen und der damit verbundenen Möglichkeit in der
Ausdrucksform. So kann man zum Glas sagen, dass die Offenheit, sprich
Durchsicht, also Blickbeziehung – Einblick/Ausblick an Bedeutung gewonnen
hat. Aber auch, dass Glas als Wand begriffen wird, die eben anders als Mauer,
Transparenz besitzt. Im konstruktiven Prozess eines Wandaufbaus, der heute
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„Memphis“, eine der prägenden Designerbewegung
der 80er Jahre.
Otl Aicher, 1922-1991, einer
der prägendsten deutschen
Gestalter des 20. Jhdts.
in Regel aus mehreren Schichten besteht, kann daher Glas als seine Schicht
gesehen werden, der z.B. eine Sonnenschutzschicht, die Gleichzeitig die
Transparenz verändern kann, davor gesetzt oder davor geschoben werden
kann (Jalousien) und im Inneren ein textiles Element weiteren Einfluss auf
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die Lichtwirkung hat (z.B. Ausgrenzen des Lichteinfalls).
Denkt man in einem größeren zeitlichen Zusammenhang, also in geschichtlichen Dimensionen, so sieht man auch hier ganz deutlich, dass sich die
Bedeutung von Raum und die damit verbundenen Raumkonzepte verändert
haben.
Siegfried Giedion spricht von drei vorherrschenden Raumkonzepten in der
Architekturgeschichte2. Er teilt ein in:
a) die Architektur als Plastik (die frühen Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens, Griechenlands), Tempelbauten, Pyramiden sind in ihrer plastischen
Erscheinung wirksam, der Innenraum zählt nicht;
b) die Architektur als Innenraum (Römisches Reich, Mittelalter, Renaissance,
Barock).
Gottfried Richter führt in seinem Buch, Ideen zur Kunstgeschichte, im Kapitel
„Barock“, aus:
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Siegfried Giedion,
1888-1968, schweizer Historiker und Architekturkritiker.
„Der Innenraum als ein Wesenhaftes erlebt, ist es eigentlich, der ein- und
ausatmet, anschwillt und zurückweicht, Räume aus sich hervortreibt und
andere in sich hineinreißt“ 3 und an anderer Stelle „Der Innenraum wächst
in die Außenwelt über“. 4
Es ist also ein raumsprengendes Vorgehen. Alle Maßnahmen werden so
gesetzt, dass der Raum wie eine Membran erlebt wird, gleich einer Lunge,
die sich mit Luft füllt und wieder zusammenzieht.
c) die Architektur als Plastik und Innenraum (Konzeption des 20. Jhdts.).
Sowohl die skulpturale, plastische Wirkung des Baukörpers ist von Relevanz,
als auch der Innenraum.
Wir bezeichnen in der Architektur alles was dreidimensional ist, alles, was
Raum umschließt, als Körper. Demzufolge wird auch in Nachschlagewerken
(Duden, Wikipedia, etc.) Körper als Leib, Rumpf, Gestalt definiert. Wir selbst
nehmen die Erfahrung der leiblichen Organisation unseres eigenen Körpers
denn auch als Basis, um architektonische Gestalt zu ermessen. Die Gestalt
unseres eigenen Leibes ist somit Gradmesser in der Einschätzung baulicher
Gestalt.
Heinrich Wölfflin schreibt: „Selbst toter Stein bleibt für uns in einigen Eigen-
schaften einfühlbar. Denn das was wir mit dem toten Stein teilen, sind die
Verhältnisse der Schwere, des Gleichgewichts, der Härte usw. Lauter Verhältnisse, die für uns einen Ausdruckswert besitzen.“ 5
Heinrich Wölfflin, 1864-1945,
schweizer Kunsthistoriker
Zusammenfassung: bauliche Gestalt / Raum / Körper
Jedes Bauwerk hat eine bauliche Gestalt. Es nimmt Raum/Platz ein und es
schafft Raum/Innenraum. Es ist Körper, hat Volumen und es birgt in sich
2 Siegfried Giedion, Siegfried Giedion, Architektur und Phänomen des Wandels, Tübingen 1969
3 Gottfried Richter, Ideen zur Kunstgeschichte, Verlag: URACHHAUS, 1/1995
4 ebda.
5Wöfflin, Heinrich, „Über Tektonik in der Baukunst“, Textbeitrag „Der Mythos der Konstruktion und das Architektonische“, S. 15, Hrsg. Hans
Kollhoff, Vieweg 1993.
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Volumen. Damit hat es eine gebaute Form. Wir können diesen Gedanken
nun umdrehen und werden feststellen – Alles was raumbildend ist, hat eine
Form.
Auch ein Zelt ist raumbildend und hat eine Form. Seine äußere Form bildet
unmittelbar den Innenraum ab. Sei es nun ein Giebeldachzelt, eine Jurte oder
ein „Dom“. Ebenso ist natürlich auch eine durch Pflanzen gebildete grüne
Laube, letztendlich ein Körper. Ein Körper, durch Äste und Laub gebildet, in
dem wir wandeln können.
Das heißt, die Entscheidung für eine bestimmte Gestalt ist in dem Moment
bereits getroffen, in dem wir Raum denken und sie manifestiert sich in dem
Augenblick, in dem Raum gebaut wird. Diese bauliche Gestalt gibt uns den
Grundeindruck eines Raumes oder eine Idee davon, denn nicht immer kann
man von der äußeren Form, dem Baukörper, auf die innere Gestalt, den
Raum, schließen. Manchmal sind äußere Hülle / bauliche Gestalt und innere
Hülle / raumkonstituierende Form, nicht identisch.
Materialisierung
Mit architektonischen Mitteln sind wir nun fähig, den durch die Gestalt erzeugten Raumeindruck zu verstärken oder abzuschwächen. Wie wir Raum
erleben, wird durch die Art und Weise der Materialisierung und Akzentuierung,
die Wahl der Materialien und – wie wir vom letzten Mal wissen – durch das
Setzen von Öffnungen und damit Einbringen von Licht bestimmt.
Der Raum in seiner Grundgestalt hat eine Raumwirkung, die nicht gänzlich
aufgehoben und durch die Materialisierung geändert werden kann. Wenn
Sie sich an die vorangegangenen Vorlesungen erinnern, hängt das mit dem
Maßstab, der Proportion, der Verhältnismäßigkeit – also den Bezug Mensch/
Raum zusammen.
Die jeweils gesetzte architektonische Akzentuierung kann jedoch die Art wie
Raum erlebt wird, maßgeblich verändern.
Wir betrachten zwei jeweils mit Gewölben überdachte Innenräume mit annähernd gleicher Proportion und merken dabei Folgendes:
Der erste Innenraum, eine Weinkellerei, ist durch seine Materialität geprägt.
Der graue Beton, verwendet sowohl für das raumbildende Gewölbe als auch
für den Fußboden, das Herunterziehen des Gewölbes ohne dem vermittelnden „Zwischenelement“, einer lastabtragenden Stütze, betont Massivität und
Schwere, die jedoch durch die Größenrelation und ausladende Breite nicht
erdrückend wirkt.v
Beim anderen Innenraum (Glücksburg) ist der Boden vom raumbildenden
Gewölbe abgesetzt und zudem vermitteln Säulen und der seitliche Raumabschluss / die Wand zwischen beiden Elementen. Das Gewölbe berührt somit
nicht den Boden, es geht nicht unmittelbar aus diesem hervor. Das wesentliche Charakteristikum ist jedoch die Akzentuierung der Gewölbegrate durch
lineare Elemente. Dadurch entsteht der Eindruck eines filigranen raumüber-
Weinkeller in Navarra, Spanien, Arch. J.G.Quijano,
A.Fernandez de Mendia.
Glücksburg, roter Saal,
Deutschland, Nicolaus
Karles, 1583-1587.
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spannenden Netzes, dessen Füllflächen (weiß verputztes Gewölbe) wie eine
dünne Haut in Erscheinung treten.
Wir sehen somit, dass die Körperhaftigkeit eines Raumes, der beispielsweise
im „Rohbau“ sehr stark wirksam ist, als solche herausgearbeitet werden kann
oder durch eine Textur in seiner Präsenz aufgehoben wird. Im Falle der Betonung durch die Textur tritt der Eindruck, sich in einem Körper zu befinden,
die Körperhaftigkeit, zugunsten der Struktur in den Hintergrund.
Die Entscheidung, welches Material, welche Textur ich wann und wo einsetze,
kann einen konzeptuellen Gedanken erlebbar machen. Das Künstlerhaus in
Marktoberdorf in Bayern von Bearth & Deplazes vermittelt sich als kubischer
Bau in einer Textur aus Klinkerziegel.
Im Inneren ist die äußere Form als Hohlraum deutlich präsent. Erreicht wird
dies dadurch, dass die Innenseite/Innenwände des Körpers in der Textur
ident mit der Außenseite ist/sind. Die Geschossebenen, entweder als Brücken
ausgebildet oder als eingelegte Plattformen definiert, sind durch die helle
(weiße) Farbe und ihre glatte Oberfläche deutlich vom Raumkörper zu unterscheiden. Der Boden im Erdgeschoss wird als Teil des Körpers behandelt,
die körperabschließende Decke nicht, sie ist wieder weiß. Dort, wo ein Kubus
auf den nächsten trifft, wird dies wiederum durch einen Klinkerstreifen, also
dem Material des Kubus / der Kuben, kenntlich gemacht.
Eine weitere Möglichkeit, Raum zu konstituieren, ist die Raumbildung durch
Flächen. Ein in dieser Hinsicht klares Beispiel ist eine Ikone der Architekturgeschichte: Der Barcelona Pavillon von Mies van der Rohe.
Vertikal und horizontal zueinander gesetzte Flächen bilden hier Raum, ein
Raumkontinuum. Fußboden und Deckenelemente als horizontale Flächen
oder Platten, Raumbegrenzungen als vertikale Flächen, horizontale geknickte
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Flächen – wie etwa die Wand, die den Hof bildet. Die Differenzierung in der
Materialwahl – wie der edle Stein (Onyx), der das Zentrum darstellt, ohne es
im klassischen Sinne zu sein.
Das nächste Beispiel zeigt Ihnen einen Zwitter im Sinne der bereits heute
genannten Betrachtungsmerkmale – „Struktur“ und „Fläche“.
Das traditionelle japanische Haus, letztes Mal im Zusammenhang mit Lichtqualitäten besprochen, ist konstruktiv ein Skelettbau, der ein Dach trägt. Unter
dieses hineingestellt ist das raumbildende Element. Papierdünne Füllflächen
zwischen den Unterteilungen des Skeletts bilden den Raum. Erlebt wird das
Spiel unterschiedlicher Flächen, die – wiederum unterteilt – Raum bilden und
durch ihre Materialität und durch Hell/Dunkel Kontraste jeweils den Raum
unterschiedlich akzentuieren.
Halten wir uns ein Laubblatt vor Augen, so erkennen wir, dass es sich aus
einer Struktur (Blattstamm und Verzweigungen/Adern) und Füllflächen zusammensetzt. Sehen wir uns gotische Kirchen an, so ist die Raumanmutung
ähnlich. Eine feingliedrige, sich weit verzweigende Struktur definiert den
Raum. Die Füllflächen dazwischen sind notwendig, um bauphysikalisch von
einem Innenraum zu sprechen. Im Erleben des Raumes sind sie nebensächlich. Es ist die Struktur, die uns den Raum präsent macht. Die dadurch
erzeugte Anmutung lässt den Stein und die teilweise doch sehr massiven
Pfeiler emporwachsen, entgegen jeder Erdenschwere.
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Ein sakrales Beispiel neueren Datums ist die Kapelle von Peter Zumthor in
Graubünden. Von außen wirkt die holzverschindelte Fassade wie ein Schal,
der sich um die konstruktiven Stäbe wickelt. Diese tragen das leicht bombierte, gewölbte Dach. Der Abstand zwischen Hülle und Dach, als lichteinbringendes Band konzipiert, verstärkt den Eindruck von Skelett und Haut.
Gemeinsam bilden sie einen Körper und somit Innenraum. Im Inneren ist
der „Schal“ ein Paravent, der Abstand genommen hat – konstruktiv quasi
unabhängig – vom Dach.
Raum erfahren wir zuerst dadurch, dass wir uns in diesem befinden, aber
auch durch das, was wir auf dem Weg in diesen Raum an Informationen bekommen. Das heißt, auf dem Weg zu einem bestimmten Raum durchschreiten
wir andere Räume, die uns auf diesen Raum vorbereiten, die das Erleben
dieses einen Raumes beeinflussen. Wir werden durch die einzelnen Raumerlebnisse der vorangegangenen Räume auf den nächstfolgenden Raum eingestimmt. So macht es einen gravierenden Unterschied, wie unvermittelt bzw.
vermittelt man einen Raum betritt. Unvermittelt wäre zum Beispiel von einer
stark frequentierten Straße einen Kirchenraum zu betreten. Der Wechsel vom
gerade erlebten bewegten Straßenraum zum stillen Innenraum der Kirche,
lässt den Kirchenraum vorerst in seinem Kontrast zum Außenraum erleben.
Hingegen wird man beispielsweise auf den Hauptraum, den großen Saal
im Schloss Schönbrunn durch eine Enfilade von vorgeschalteten Räumen
vorbereitet. Die Ausbildung einer Schwelle ist die Thematisierung der Vermittlung zwischen zwei Räumen, meist des Außenraumes mit dem Innenraum
eines Gebäudes. Schwelle ist Übergang. Ein Windfang ist ein klassischer
Schwellenraum. Abgesehen von der thermischen Notwendigkeit, ist es der
Raum, der den Übergang schafft, eine Vorbereitung auf den Innenraum /
die Innenräume, das Ankommen in einem Haus darstellt. Er hat quasi eine
Vermittlerrolle zwischen außen und innen. Ein weiterer Raum dieser Art, ein
Vermittlerraum, ist der Gang.
Der architektonische Umgang mit diesen vorbereitenden Räumen, den Übergangs – und Schwellenräumen ist besonders im urbanen Kontext interessant,
da hier eine städtebauliche Situation mit den räumlichen Anforderungen
des Gebäudes überlagert werden muß. Eine architektonisch fulminate aber
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gleichzeitig auch typologisch für diese Zeit charakteristische Lösung bietet
die ehemalige Länderbank in der Hohenstaufengasse 3 in Wien 1, erbaut
1883/84. Hier integriert sich ein Straßentrakt in die Häuserzeile, der dahinter
liegende größere Gebäudeteil jedoch dem Grundstücksverlauf. Die damit
verbundene Verschwenkung der beiden Gebäudeteile zueinander im Winkel von ca. 25° löst Wagner im Eingangsbereich durch ein Gelenk in Form
eines Kreises/Zylinders. Mit diesem architektonischen „Trick“ wird die leichte
Verschwenkung nicht wahrgenommen. Die Raumfolge Eingangsraum mit
Stiege-Umlenkraum-Vestibül ist eine Vorbereitung und Einstimmung auf den
Hauptraum (Schaltersaal mit Glasdecke).
Sehen wir uns anhand eines Hauses von Valerio Olgiati am Zürichsee an,
was wir gerade besprochen haben: Das Haus ist in seiner architektonischen
Ausformulierung sehr radikal. Radikal in dem Sinne, weil das Erleben von
Raum die zentrale Frage ist.
Situiert an einem Hang mit Ausblick auf den Zürichsee, betritt man das
Haus im Obergeschoss, das zugleich das Schlafgeschoss ist. In seiner
Materialisierung ist das Haus ein ausgehöhlter Monolith. Das Material dieses
Monoliths ist heller Beton. Betritt man nun das Haus, so befindet man sich
unmittelbar in einem Raum, der eben nur diese eine Materialität – heller Beton
– aufweist und damit nicht zwischen Fußboden, aufgehender Wand und Decke unterscheidet. Schließt man die Tür, so ist man von der Außenwelt abrupt
abgeschlossen. Kein Fenster stellt den Bezug nach außen her. Die Figuration
des Raumes erinnert an ein unterirdisches Gangsystem. Die Abwinkelung,
der Knick, und die Deckenleuchten, die sich an diesen Eckpunkten befinden,
lenken weiter, vorbei an einigen Türen bis zu einer Stiege, die ins untere Geschoss führt. Unten angekommen steht man in einem Raum mit vier gleichen
großen Fensteröffnungen. Ein einziger Einschub drängt sich als Körper in
Valerio Olgiati, *1958, schweizer Architekt.
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diesen Raum. Der Raum ist über Eck symmetrisch ausgelegt. Der Bezug
nach außen in die Umgebung differenziert die räumliche Wahrnehmung.
Das Gebäude selbst vermittelt sich, geht man auf dieses zu, hermetisch
abgeschlossen. Es gibt keinen Hinweis auf das Innenleben, darüber, welche
Räume einen erwarten. So ist die Eingangstür Schnittstelle. Der Weg dahinter ist einerseits bereits ein Raum, der von außen kommend ohne Schwelle
unvermittelt betreten wird und anderseits selbst Übergang.
Wir haben festgestellt, der Weg hinab zu einem Raum beeinflusst, wie wir
diesen Raum erleben. Gleichermaßen verhält es sich auch mit dem Weg, den
wir durchschreiten, um zu einem Gebäude zu gelangen. Das Gebäude ist
Körper und besetzt Raum. Im Falle eines freistehenden Gebäudes innerhalb
einer Ortschaft bildet es eine Konstellationen mit anderen Baukörpern. Der
Weg zu diesem Gebäude und dessen Stellung im Kontext gibt uns räumliche
Informationen.
Hier vermittelt sich das Haus als Teil der Ortschaft, obschon mit zeitgenössischen Mitteln interpretiert. Entlang eines Weges / einer Straße stehen
einzelne Gebäude im losen Verband zueinander. Je nach Nutzung sind sie
aus Holz oder aus hell verpuzten Stein gefertigt. Die Erscheinung des neuen
Hauses schlägt eine Verbindung zur Materialität der bestehenden Wohnhäuser in Farbton und Helligkeit sowie durch das „Gemauerte“ (Beton). Der, aus
der Grundstückskonfiguration entwickelte Baukörper, schiebt sich quasi an
den Straßenrand vor, um in der Krümmung der Straße, am Ende des Körpers
über eine Nische auf den Eingang zu verweisen. Die Nische in ihrer Funktion
als Übergangsraum stoppt kurzfristig den Weg, um diesen dann, nach Öffnen der Tür, im Inneren des Hauses fortzusetzen. Ein geschlungener Weg
führt zum Haus und setzt sich als spiralförmig angeordneter Weg im Haus
fort. Anders als im vorangegangenen Haus, weitet sich der Weg nach oben
immer wieder zu Räumen aus, an denen man vorbeigeht, oder durch die
man durchgeht. Ist beim Haus am Zürichsee der Weg ein introvertierter und
damit die Konzentration auf den Weg fokussiert, an dessen Ende ein Raum
liegt, so ist hier das Raumerlebnis ausgeweitet durch Blickbeziehungen nach
außen und die zeitweilige Kombination von Raum und Weg, sodass der letzte
Raum im Obergeschoss ein nicht gänzlich unerwarteter ist.
Haus Meuli
Bearth&Deplazes
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Auch hier wird durch die Gleichbehandlung von Boden, Wand und Decke
die Wirkung als in diesem Falle tektonischer Körper, in dessen Inneren man
sich befindet, verstärkt.
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SANAA - Kazuyo Sejima und
Ryue Nishizawa
Ein drittes und letztes Beispiel zeigt die Annäherung an ein Gebäude, dass
gänzlich freigestellt im Wald steht.
Das Gebäude, besteht aus zwei ineinanderliegenden Ringen mit partiell angedockten „Rucksäcken“ sowie einem, sich in die Landschaft schiebenden,
konischen „Rüssel“, der auf einem Fuß aufgebockt ist.
Die Annäherung an das Gebäude erfolgt hangaufwärts. Die in Erscheinung
tretende Gebäudeform – ein Zylinder – unterstreicht seine Wirkung als Solitär.
Eine Ausstülpung erklärt sich als Eingang. Er sitzt an der schmalsten Stelle
der beiden Ringe. Man steht unmittelbar vor der gekrümmten Wand des
Innenrings in der sich eine Tür befindet. Die Entscheidung, einfach ins Innere des Innenzylinders vorzudringen oder tangential nach links oder rechts
auszuweichen, steht damit offen. Im Gegensatz zum Baukörper in seiner
äußeren Erscheinung sind die Innenwände – genauer gesagt die Innenseite
des äußeren Zylinders und die innen liegende Außenseite des inneren Zylinders mit Holzfurnier belegt. Die Innenseite des inneren Zylinders ist hingegen
wieder weiß. Man könnte es auch so sehen, dass beide erlebbaren Zylinder,
sowohl der Baukörper außen, als auch der Hohlraum innen, durch die Farbe
weiß entmaterialisiert, weil abstrahiert sind; hingegen der Zwischenraum
der beiden Zylinder sich durch die Wahl des Materials (Holzfurnier) davon
deutlich abhebt und somit einen anderen Raum kennzeichnet. Dieser Raum
kann als Zwischenraum gelesen werden, der durch die Position der beiden
Ringe/Zylinder zueinander vom schmalen Gang zum wohlproportionierten
Wohnraum mutiert.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten sich dem Kernraum/Kunstgalerie anzunähern:
- Der Zugang über eine Tür, die sich gegenüber des Eingangs befindet. Man
passiert – von Außen kommend – zwei Türschwellen und den dazwischenliegenden Tunnelraum (etwa 3-4 Schritte).
- Eine langsame Annäherung durch Umkreisung des Kernraumes: dies ermöglicht partielle Einblicke, z.B. durch die Fensterschlitze. Somit gewinnt
der/die Näherkommende Vorinformationen über die räumliche Dramartugie
und Höhenentwicklung des Innenraumes.
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