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Manuskript
Beitrag: Giftige Schäume –
PFT verseucht Grundwasser
Sendung vom 28. Oktober 2014
von Thomas Münten und Heiko Rahms
Anmoderation:
Vor über 50 Jahren hat die Industrie eine neue Chemikalie
erfunden, betrachtet sie seither als Segen und hat doch einen
Fluch in die Welt gesetzt. PFT heißt die wasser- fett- und
schmutzabweisende organische Verbindung. Sie wird verwendet,
zum Pfannen beschichten, Jacken imprägnieren, oder auch für
Feuerlöschschäume. Unheimlich praktisch. Und unheimlich
verbreitet, auch da, wo PFT nicht nutzt, sondern schadet.
Inzwischen hat jeder Mensch den als giftig geltenden Stoff im
Blut. Und keiner weiß genau, was der da anrichtet. PFT findet
sich im Trinkwasser, in der Atmosphäre, sogar im Schnee der
Arktis. Im deutschen Baggersee schwimmen wir in PFT, zeigen
Thomas Münten und Heiko Rahms.
Text:
Der Suitbertus-See, direkt am Düsseldorfer Flughafen, ist ein
kleines Angler- und Freizeitparadies. Marcus Kreuels und seine
Freunde verbringen jede freie Minute an dem Baggersee. Und die
Ausbeute der leidenschaftlichen Angler ist nicht schlecht.
O-Ton Frontal21:
Wie viel Fisch essen Sie denn?
O-Ton Marcus Kreuels, Angler:
Es kommt natürlich darauf an, wie viel ich fange. Aber so Pi
mal Daumen sind es schon so drei bis vier Kilo im Jahr.
Genau das sollte Kreuels besser nicht tun. Denn der SuitbertusSee und die beiden Nachbarseen sind mit PFT verseucht.
PFT - das sind perfluorierte Tenside. Chemikalien, die in der
Natur nicht vorkommen.
O-Ton Dr. Max Timm, Internist:
PFT ist ein sogenanntes nicht-abbaubares Toxin. Wir wissen
es noch nicht ganz genau, es gibt tierexperimentelle
Ergebnisse. Es ist auf jeden Fall karzinogen, also
krebsauslösend. Es gibt Leberveränderungen, es gibt
nachgewiesene Ablagerungen auch an anderen inneren
Organen.
Seit zwei Jahren kennt man die Ursache der Verseuchung. PFT
ist ein wesentlicher Bestandteil in Löschschäumen. Und die
wurden am Düsseldorfer Flughafen lange Zeit von der Feuerwehr
eingesetzt.
Beispiel: Nach der verunglückten Landung eines Frachtjumbos im
Jahr 2005 schäumte die Flughafenfeuerwehr die Maschine
vorsorglich mit dem gefährlichen Löschmittel ein. Für
Feuerwehrleute im Einsatz ist der Schaum so etwas wie eine
Lebensversicherung.
O-Ton Rainer Kleibrink, Feuerwehrverband NordrheinWestfalen:
Dort besteht natürlich nach einem Flugzeug-Crash die große
Gefahr, dass große Mengen Kerosin austreten, die
Rückzündungsgefahr muss minimiert werden. Und das
gerade ist der Vorteil von fluorithaltigen Tensiden, die
entsprechend die Rückzündung verhindern, und damit auch
das Leben der eingesetzten Kollegen letztendlich schützen.
So versickerte immer wieder belasteter Löschschaum im
Erdreich. Aber auch bei Löschübungen auf dem Flughafen
Düsseldorf wurde großzügig geschäumt. – Was niemand ahnte,
das Übungsbecken der Feuerwehr war undicht. So drang noch
mehr PFT in den Boden ein und gelangte vor dort in die Seen.
Die große Gefahr von PFT: Die Chemikalie ist persistent – also
fast unzerstörbar. So reichert sich der Stoff in der Umwelt immer
weiter an.
Professor Marzinkowski leitet das Fachgebiet Sicherheitstechnik
Umweltchemie an der Universität in Wuppertal. Seit 20 Jahren
beschäftigt er sich mit dem Thema PFT und Umweltschutz.
O-Ton Professor Joachim Michael Marzinkowski, Bergische
Universität Wuppertal:
Es ist schon ein katastrophaler Zustand, einfach deswegen:
Das Grundwasser ist verunreinigt, das Trinkwasser damit
verunreinigt. Das ist ein Trinkwassergewinnungsgebiet. Das
Seewasser enthält PFT. Die Fische, die in dem See
schwimmen, enthalten PFT. Das Seewasser wird gebraucht,
um Gärten und Gemüsebeete zu bewässern. Darüber gelangt
das PFT ins Gemüse. Wenn wir das essen, gelangt das in
unseren Körper wieder rein. Das heißt, dieser Kreislauf, der
sich da abspielt, der wird noch lange andauern.
2007 wurde der Einsatz von PFT deutschlandweit verboten.
Trotzdem sind die drei Seen neben dem Flughafen bis heute
schwer belastet. So misst man am Lambertus-See in Düsseldorf
einen Wert, der um das 57.000-fache über dem Richtwert liegt.
Die Stadt verhängte für den Lambertus-See ein Bade- und
Angelverbot. Eigentlich sollte das Angeln an allen drei Seen
verboten werden. Jetzt empfiehlt die Stadt den Anglern, am
besten keinen Fisch aus den beiden anderen Seen zu essen.
Marcus Kreuels ist aber trotzdem beunruhigt. Er lässt sich sein
Blut auf eine mögliche PFT-Belastung testen. Eine Woche später
liegt das Ergebnis vor: Kreuels PFT-Wert ist mit 14,4 Mikrogramm
PFT pro Liter Blut deutlich über dem Richtwert von 13,5.
O-Ton Frontal21:
Mit diesem erhöhten Wert, wie gehen Sie jetzt damit um, Herr
Kreuels?
O-Ton Marcus Kreuels, Angler:
Ja, man macht sich jetzt erst mal natürlich ein bisschen
Gedanken. Und ich werde jetzt erst mal schauen, ob ich jetzt
meinen Fischverzehr einschränken werde und erst mal so
weiterschaue und dann nach einem Jahr diesen Test
natürlich wiederholen werde, diese Blutuntersuchung.
Der Internist Max Timm warnt vor möglichen gesundheitlichen
Folgen.
O-Ton Dr. Max Timm, Internist:
Magen-Darm-Symptom, Erschöpfungszustände - Symptome,
die man einfach auch nicht primär jetzt damit in
Zusammenhang bringen würde. Es kann natürlich auch
klassische, in der Literatur beschriebene Symptome geben wie Leberveränderungen, -schädigungen, -reizungen – also
sowohl Leber als auch Niere.
Die PFT-Belastungen gibt es in ganz Deutschland. Überall dort,
wo PFT-haltige Löschschäume oder belasteter Klärschlamm als
Dünger eingesetzt worden sind. An allen diesen markierten Orten
sind die Richtwerte deutlich überschritten worden. Hier droht eine
mögliche Gesundheitsgefahr.
So auch am Flughafen Nürnberg. Für die Nordanbindung sollte
eine Autobahn gebaut werden. So wollte die Stadt dem
wirtschaftlich angeschlagenen Airport neuen Auftrieb geben.
Doch das Projekt musste gestoppt werden. Auch hier ist das
Gelände durch Löschübungen stark mit PFT belastet. Eine
Sanierung wäre extrem aufwendig geworden, erinnert sich
Umweltdezernent Peter Pluschke:
O-Ton Peter Pluschke, Umweltdezernent Stadt Nürnberg:
Für das Baugeschehen hätte Wasser abgesenkt werden
müssen, Grundwasser abgesenkt werden müssen, in sehr,
sehr großen Mengen. Und dieses Grundwasser, was PFT
belastet gewesen wäre, hätte raufgepumpt, gereinigt und
dann in gereinigter Form zurückgeführt werden müssen.
Das war das Aus für die neue Autobahn zum Flughafen. Die
Kosten wären unbezahlbar gewesen. Jetzt versucht das
bayerische Landesumweltamt in einem Pilotprojekt eine
grundsätzliche Lösung für das PFT-Problem zu finden.
O-Ton Claus Kumutat, Präsident Bayerisches
Landesumweltamt:
Wir haben alle verfügbaren Aufbereitungsverfahren, die im
Augenblick auf dem Markt sind, vergleichend nebeneinander
getestet und erprobt. Das Verfahren läuft so, dass wir erst
das Wasser vorbehandeln müssen, damit es überhaupt über
den Aktivkohlefilter geleitet werden kann. Nach einer
Beladung der Aktivkohlefilter werden sie dann in Hochöfen
entsorgt, wo wir Temperaturen über 1200 Grad haben.
Ob PFT über das Verbrennen der verschmutzten Kohlefilter
überhaupt tatsächlich vernichtet werden kann, ist unklar, denn
das wurde nie umfassend untersucht.
O-Ton Professor Joachim Michael Marzinkowski, Bergische
Universität Wuppertal:
Dieser Prozess ist sehr unbefriedigend, aus meiner Sicht,
weil man nicht genau weiß, ob eine vollständige Zerstörung
stattfindet oder ob nicht doch Bruchstücke als
nichtabbaubare Perfluorverbindungen übrigbleiben, die dann
über das Gas in unserer Umwelt überall verteilt werden.
Bisher gibt es keine zuverlässige Methode die PFT-Chemikalie zu
vernichten. Und auch die neuen Löschschäume, die nach dem
Verbot von 2007 auf den Markt kamen, sind umstritten.
Die Hersteller behaupten, die PFT-Verbindungen ersetzt zu
haben. Doch durch was? Auf einer Fachmesse fragen wir nach.
O-Ton Lorenz Grabow, Fabrik chemischer Präparate Dr.
Sthamer:
Wir sind eigentlich wirklich sehr, sehr offen. Also, wenn wir
da konkrete Anfragen kriegen, dann sind wir da sehr
kooperativ. Also, es ist nicht so, dass wir dann sagen: Wir
haben Angst, dass die Konkurrenz weiß, was wir da
reinpacken. Selbst in den Sicherheitsdatenblättern ist das
schon ziemlich detailliert, muss es auch sehr detailliert,
aufgeschlüsselt sein.
Doch schaut man sich solche Blätter genauer an, stehen da oft
Begriffe wie „Betriebsgeheimnis“ oder auch
„Fabrikationsgeheimnis“.
Wir fragen noch einmal auf der Messe nach und bekommen vom
Verbandssprecher der Löschmittelhersteller eine überraschende
Antwort:
O-Ton Wolfram Krause, Bundesverband Technischer
Brandschutz:
Ich kann sagen, dass es eine Herausforderung ist, ein
Löschmittel zu entwickeln, was keine Umweltschädlichkeit
hat, aber dennoch die Wirksamkeit erreicht, die ein
fluorhaltiges Löschmittel hat. Das ist vermutlich gar nicht
möglich, aber man arbeitet daran.
Umweltschützer Paul Kröfges hat einen schlimmen Verdacht:
O-Ton Paul Kröfges, BUND:
Die neuen Mittel, die zur Anwendung kommen, sind
eigentlich nur Varianten der alten Stoffgruppe, mit genau den
genau gleichen Problemen. Und das ist eine Entwicklung, die
so nicht akzeptiert werden kann.
Wer erlaubt eigentlich die Verwendung neuer Löschmittel in
Deutschland?
Die Bundesländer haben sich auf die Materialprüfungsanstalt
Dresden geeinigt. Doch die ist inzwischen privatisiert und prüft
nur, was der Hersteller beauftragt. Und was genau geprüft wird,
bleibt aber geheim.
Deshalb fragen wir beim Bundesumweltministerium nach. Das
verweist auf die höchste deutsche Aufsichtsbehörde, das
Umweltbundesamt. Und das wiederum weist jede Zuständigkeit
von sich. Auf unsere Anfrage heißt es schriftlich,
Zitat:
„..wie bereits im Telefonat erwähnt, führt das
Umweltbundesamt keine Umweltverträglichkeitsprüfung von
Löschschäumen durch.“
PFT – ein unzerstörbares Gift. Keine sichere Entsorgung,
fehlende Grenzwerte, unklare Ersatzstoffe. Und Bund und Länder
schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Deshalb fordern
Umweltschützer eine europaweite Regelung.
O-Ton Paul Kröfges, BUND:
Wir fordern vor allen Dingen die verbindliche Einführung von
Grenzwerte für diese Stoffgruppe - und zwar national und
europaweit - damit gezielt gegen die Verursacher und gegen
diese Belastungen vorgegangen werden kann. Darüber
hinaus ist es wichtig, dass diese Stoffgruppe in ihrer
Anwendung eingeschränkt und verboten wird, damit dieses
Umweltproblem auf Dauer nicht sich zu einer tickenden
Zeitbombe, die irgendwann losgeht, entwickelt.
Selbst wenn die Düsseldorfer Seen irgendwann einmal PFT-frei
sein sollten, ist das Gift nur weitergetragen worden - über die
Flüsse in das Meer und die Atmosphäre. Ein ständiger Kreislauf,
denn PFT ist unzerstörbar.
Abmoderation:
Bisher wurde noch kein Ersatzstoff gefunden, der genauso
praktisch, aber weniger gefährlich ist. Also verwendet die
Industrie PFT unverdrossen weiter –weil ihr niemand Einhalt
gebietet.
Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur
zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten
unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen
Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem
Stand des jeweiligen Sendetermins.
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