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III. Konflikte der Kanzleiinhaber untereinander
III. Konflikte der Kanzleiinhaber untereinander
Oftmals heftiger als in einer Lebenspartnerschaft
Wer kennt es nicht vom täglichen Leben. Ein Ehepaar mit gemeinsamen minderjährigen Kindern,
einem gemeinsamen Familienheim und einem gemeinsamen Hausrat streitet sich, trennt sich und
lässt sich scheiden, weil sie miteinander nicht mehr können. Gut, die Partnerschaft ist aufgelöst, das
gemeinsame Vermögen verteilt. Was bleibt, sind gegenseitige Verletzungen, die die Persönlichkeit
der beiden Eheleute stark getroffen haben und als Wunden bleiben. Auch bleibt man in weiteren
Angelegenheiten, nämlich über die Kinder noch verbunden und das schafft weitere Gelegenheiten zu
gegenseitigen Verletzungen und der ständige Kontakt lässt die vergangenen Verletzungen nur schwer
in Vergessenheit geraten. Die finanzielle Grundlage ist keine gemeinsame mehr und hat in der Regel
auf beiden Seiten höhere Kosten zur Folge. Ferner muss sich jeder nunmehr selbst darum kümmern,
wie der Lebensunterhalt finanziert wird. Nach dem Ende des Gemeinsamen beginnt nun jeder mit
einem Neuanfang. Viele der ursprünglichen Träume sind zerplatzt und die Bereitschaft, neue Abenteuer einzugehen, sinkt in der Regel erheblich.
Ähnlich geht es oftmals Partnern einer kleinen Kanzlei. Diese sind meist noch enger verbunden
wie Eheleute oder andere Lebenspartner. Sie sind zeitlich intensiver zusammen als mit ihren Lebens­
partnern. Und finanziell sind sie in der Regel auch enger miteinander verbunden, da der Erfolg oder
Misserfolg der Kanzlei die Partner selbst trifft. Eine Partnerschaft von Berufsträgern in der Kanzlei
ist daher wie eine Lebenspartnerschaft langfristig angelegt. Man lernt sich dabei kennen, wie man
wirklich ist, mit allen Stärken und Schwächen. Wie bei einer Ehe kommt es unweigerlich zu Konflikten und Fehlvorstellungen.
Eine Partnerschaft sollte solche Konflikte überleben, was nicht immer der Fall ist. Es kommt entscheidend darauf an, wie die Partner mit Konflikten umgehen. Das ist nicht einfach, vieles kann man
erlernen und man kann sich auch fremde Hilfe in der Krise holen. Wer es nicht schafft, bringt die
Kanzlei und ihren wirtschaftlichen Erfolg in arge Nöte.
Beispiele für Ursachen gescheiterter Berufspartnerschaften sind:
• Zu unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale und zu unterschiedliche Methoden für den Umgang
mit Konflikten.
• Wirtschaftliche Krisen in der Kanzlei, die sich auf die persönliche Ebene der Kanzleiinhaber
übertragen, etwa durch gegenseitige Schuldvorwürfe.
• Unterschiedliche Zielvorstellungen insbesondere zur Vision und Strategie.
• Persönliche Schicksale wie langanhaltende Krankheit eines Partners.
Nachfolgend ein paar Anekdoten zu diesem Thema:
• In der Anekdote 6 geht es darum, wie Beziehungskrisen zwischen Kanzleipartnern gelöst werden können.
• In der Anekdote 7 geht es darum, wie Beziehungskrisen nicht gelöst werden sollen und welchen
Schaden dies für die Kanzlei anrichtet.
1.1 Grundsätzliches zur Lösung von Beziehungskrisen
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1. Hans Maier und Benno Huber – eine Beziehungskrise unter
Partnern: Wie es geht
Mit dem richtigen Konfliktlösungsmodell Beziehungskrisen entschärfen
Anekdote 6
Der Steuerberater Hans Maier und der Wirtschaftsprüfer Benno Huber waren Partner einer gemeinsamen Kanzlei. Sie kannten sich bereits aus dem Studium und waren befreundet. Nach dem Studium waren beide bei unterschiedlichen Steuerberaterkanzleien angestellt. Beide heirateten und
beide hatten bald Kinder. Beide kauften sich ein kleines Reihenhaus am Stadtrand einer Kleinstadt
und lebten dort mit ihren Familien.
Die beiden Familien trafen sich regelmäßig und nach einigen Jahren vereinbarten Hans Meier und
Benno Huber, sich gemeinsam in einer eigenen Kanzlei selbständig zu machen. Auch die beiden
Ehefrauen fanden das gut. Hans Meier und Benno Huber kündigten bei ihren Arbeitgebern und
schlossen einen einfachen GbR-Vertrag für ihre Sozietät Meier & Huber. Sie vereinbarten, dass
Anschaffungen, Kosten und Gewinne je zur Hälfte geteilt werden. Sie mieteten gemeinsam ein
Büro in der Innenstadt. Zwei Steuergehilfinnen aus der Kanzlei, bei der Hans Maier beschäftigt
war, kündigten dort und wurden von der neuen Kanzlei Maier & Huber angestellt. Hans Meier
und Benno Huber arbeiteten gut und vertrauensvoll zusammen. Sie fanden stets ihren Weg, den
Umfang ihres beruflichen Einsatzes mit ihren persönlichen Bedürfnissen abzustimmen. So vereinbarten sie, dass das Wochenende der Familie und den Kindern gehört und man auch unter der
Woche mal am Nachmittag freimachen könne, um mit der Familie was zu unternehmen.
Viele Jahre lang wurde das so problemlos praktiziert. Dieses System sollte sich erst ändern, als die
Ehe von Benno Huber zu kriseln begann. Die Familien von Hans Meier und Benno Huber trafen
sich von nun an immer seltener, weil diese Treffen eher von einer schlechten Stimmung überschattet waren und Hans Meier und seine Frau nicht die Lust hatten, die Ehekrise von Benno Huber
so nah mitzuerleben. Die Krise in der Ehe von Benno Huber führte zuletzt dazu, dass seine Frau
mit den Kindern in eine ferne Stadt zu ihrer Schwester zog, um Abstand von Benno und seinem
Umfeld zu bekommen.
Die zusätzliche Zeit nutzte Benno Huber nun in zunehmendem Maße dazu, mehr zu arbeiten.
Damit konnte er auch seinen Kummer besser verdecken und sich ablenken.
Enttäuscht von der Welt wurde Benno Huber immer unzufriedener, so auch dass er die meiste Arbeit in der Kanzlei erledigt, und auch am Wochenende im Büro ist. Er war mürrisch und
schlecht gelaunt. Als Hans Maier ihn auf seine schlechte Stimmung ansprach, erwiderte er nur mit
eher unfreundlichem Ton: „Du könntest auch mehr arbeiteten. Ich arbeite hier alles weg, verdiene
das Geld und Du profitierst zur Hälfte an meinem zusätzlichen Einsatz.“ Hans war zunächst irritiert, weil er Benno so nicht kannte und nicht wusste, was tatsächlich vorgefallen war. Nach einer
Weile bat er Benno Huber zu einem Gespräch.
1.1 Grundsätzliches zur Lösung von Beziehungskrisen
Langjährige Partnerschaften in einer Kanzlei haben eines gemeinsam: Eine Krise kommt bestimmt.
Offen ist aber, welche Folgen eine solche Beziehungskrise dann hat. Die Trennung der Partner ist
eine der möglichen Folgen und wird meist zu schnell und zu oft praktiziert. Denn der Umgang mit
Beziehungskrisen muss gelernt sein und Berufsträger können noch so gut in ihrer Arbeit sein, in
dem Management eigener Beziehungskrisen sind sie meist sehr schlecht. Wer also in der Struktur
der Partnerschaft nicht vorsieht, dass es zu persönlichen Krisen der Partner untereinander kommen
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III. Konflikte der Kanzleiinhaber untereinander
wird, riskiert den langfristigen Erfolg einer Kanzlei. Denn das, was in guten Tagen aufgebaut wird,
wird in schlechten Tagen wieder abgebaut und dies meist in höherem Maße.
Es ist eigentlich nicht besonders schwer, Beziehungskrisen zu lösen und diese gar als Chance für
eine künftig bessere Beziehung zu verstehen. Viele Partner wissen aber nicht, wie das geht. Um zu
erkennen, ob die Beziehungskrise so schwerwiegend ist, dass die Beziehung endgültig gescheitert
und damit die Trennung die einzige Option ist, müssen erst mal die Schritte gegangen werden, die
den Partnern zeigen, ob die Verletzungen beseitigt werden können und wie es gemeinsam weitergehen kann. Wenn es nicht mehr weitergehen kann, dann sollte die Trennung aber nicht mehr aufgeschoben, sondern sofort vollzogen werden. Die Einhaltung langer Kündigungsfristen führt meist zu
einem höheren Schaden für die Kanzlei als eine schnelle einvernehmliche Trennung.
Die Lösung einer Beziehungskrise läuft in drei Schritten ab:
• Schritt 1: Der Verletzte stellt fest, dass und wodurch er von seinem Partner verletzt worden ist.
Er teilt ihm dies mit.
• Schritt 2: Der Verletzende akzeptiert dies und teilt dem Verletzten mit, dass es ihm leidtut. Er
bittet ihn um Entschuldigung.
• Schritt 3: Oftmals ist die Verletzung mit Schritt 2 beseitigt. Wenn nicht, hilft Schritt 3 mit einer
Tat zur Wiedergutmachung.
Diese drei Schritte werden nachfolgend näher erläutert.
1.1.1 Schritt 1
Oftmals versucht der Verletzte, die Verletzung nicht anzusprechen, vielleicht weil er sich davor
scheut und hofft, dass sein Ärger wieder verfliegt oder er seinerseits ängstlich ist, den Verletzenden
in Streitgespräch zu verletzen. Dies ist der falsche Weg, denn die Verletzung bleibt aktiv und sucht
an anderen Stellen eine Reaktion. Der Verletzte soll seine Wut und Enttäuschung unmissverständlich
kommunizieren und auch die Art und Weise der Verletzung mitteilen, insbesondere, was genau ihn
dabei verletzt hat.
Viele Verletzungen beruhen auf Missverständnissen und oftmals auf einem Defizit an Informationen. So hat etwa der Verletzende andere Informationen als der Verletzte. Wenn die Verletzung an
einem unterschiedlichen Informationsstand liegt, dann räumt die Aufklärung über die vorhandenen
Informationen oftmals die Verletzung aus oder schwächt sie zumindest ab.
Besonders falsch ist es, wenn der Verletzte sein Schweigen innerlich damit rechtfertigt, dass er sich
entweder kleiner oder größer macht. Kleiner macht er sich dadurch, indem er sich einredet, dass
der Grund für seine Verletzung vielleicht nicht wichtig sei und er nur mit seinen Emotionen überreagiert habe und dass sein starker Partner einer solchen Situation überlegen wäre, sodass er seine
Verletzung gar nicht verstehen könne. Größer würde er sich dadurch machen, indem er versucht,
Verständnis für den Verletzenden zu zeigen, indem er sich einredet, die Verletzung sei nur Ausdruck
einer Schwäche des Partners, und wenn er die Verletzung ansprechen würde, dann würde er ihn nur
diskreditieren. Beide Fälle führen dazu, dass sich die Partner nicht mehr auf Augenhöhe befinden,
was in der Regel das System der Partnerschaft ändert und dies dann die Quelle weiterer Verletzungen
in der Zukunft ist.
Besonders fatal ist es, wenn der Verletzte Genugtuung dadurch empfindet, die verletzende Handlung des Partners in ein persönliches Sündenregister einzutragen, aus dem auf Abruf ihm immer
wieder vorgeworfen werden kann, wann er welche Verletzungen begangen hat, er also nachtragend
reagiert. Ein solches Sündenregister verhindert, dass die Verletzung ein für alle Mal ausgeräumt werden und keine schädliche Wirkung mehr erzeugen kann.
1.2 Möglichkeiten zur Lösung der Beziehungskrise von Meier und Huber
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1.1.2 Schritt 2
Der Verletzende sollte sich nicht damit rechtfertigen, dass er die Verletzung nicht erkannt hat. Es
geht nicht um seine Perspektive, sondern nur um die Perspektive des Verletzten. Der Verletzende
sollte sich gedanklich in die Position des Verletzten versetzen und so lange nachfragen, worin und
weshalb sich der Verletzte verletzt fühlt, bis er aus der Perspektive des Verletzten die Verletzung
selbst spüren und nachvollziehen kann.
Warum eine Verletzung erfolgt ist, spielt keine Rolle. Der Verletzende sollte vielmehr dem Verletzten mitteilen, dass er es erkannt hat, dass seine Handlung für ihn verletzend war und dass es ihm
leidtut. Er sollte darüber hinaus aktiv den Verletzten um Verzeihung bitten.
Auf gar keinen Fall sollte er versuchen, diese Verletzung mit anderen und früheren Handlungen
des Verletzten aufzurechnen. Denn dies würde das Führen eines Sündenregisters dokumentieren,
wie zu Schritt 1 bereits beschrieben wurde. Ein solcher Aufrechnungsversuch würde die Krise umso
mehr befeuern.
1.1.3 Schritt 3
Die Einsicht des Verletzenden, wie im Schritt 2 beschrieben, sollte noch mit einer Tat umgesetzt
werden, auch dann, wenn sie der Verletzte nicht fordert. Die Tat macht das Bedauern der Verletzung
umso glaubwürdiger.
1.2 Möglichkeiten zur Lösung der Beziehungskrise von Meier und Huber
Geht man nach dem oben dargelegten dreistufigen Schema zur Lösung von Beziehungskrisen vor, so
könnte das Gespräch, das Hans von Benno erbat, wie folgt aussehen:
Hans: „Ich habe Deine Reaktion gestern, als wir am Kaffeeautomaten standen, nicht recht nachvollziehen können. Warum bist Du eingeschnappt? Ich bitte Dich, mir das näher zu erklären.“
Benno: „Mich ärgert es zunehmend, dass ich wesentlich mehr Stunden im Büro verbringe als Du
und ich finde es ungerecht, an dem Gewinn der Kanzlei nur zur Hälfte beteiligt zu sein.“
Hans: „Gerade diese Aussage verstehe ich nicht. In einer langjährigen Partnerschaft gibt es immer
Unterschiede im Zeiteinsatz, die sich dann auf lange Sicht ausgleichen. Mal arbeitet der eine und
mal der andere mehr. Jetzt arbeitest Du mehr und wir wissen ja, warum. Wenn Du dadurch aber
unzufrieden bist, wäre es kein Problem gewesen, wenn Du mir mitgeteilt hättest, dass Du deshalb
mehr Geld haben willst. Du hättest mir gleich vorschlagen können, wie Du Dir eine Vergütung für
Deine Mehrleistung vorstellst. Dann hätten wir sicherlich eine zeitweise Regelung für diese Situation
finden können. Man habe doch früher über alles geredet, warum ist das nicht jetzt passiert?“
Benno reagiert nachdenklich und unsicher. Zögernd sagt er: „Hans, da ist noch was. Erinnerst
Du Dich daran, dass wir uns mit unseren beiden Frauen vor einigen Wochen beim Italiener am
Bahnhof zu einem gemeinsamen Abendessen getroffen haben. Dort gab es wieder – wie meist –
einen Konflikt mit meiner Frau. Deine Frau hatte dann zu meiner Frau gesagt, sie solle sich zusammenreißen und nicht immer so herumzicken, sondern dann lieber zu Hause bleiben, bevor sie wie
immer die Stimmung vergifte. Ja, ich habe dies verstanden und war ihr nicht böse. Mir war es ja
selbst peinlich, dass sich meine Frau wieder so daneben benommen hat. Aber Du hast die Aussage
Deiner Frau wiederholt und zu meiner Frau gesagt, dass es schon besser sei, sie würde nicht mehr
mitkommen und Du hast dazu noch eines drauf gegeben, nämlich dass sie auch das Kanzleiklima
vergiften würde, weil ich ihre Aggressionen mit ins Büro nehmen würde. Mich hat Dein Verhalten
sehr geärgert und verletzt, weil ich erwartet hätte, dass Du Dich aus der Sache entweder heraushält
oder versuchst, vermittelnd tätig zu werden. Denn ich hatte ja immer noch Hoffnung, dass meine
Ehe die Krise übersteht und ich habe die Hoffnung auch heute noch. Ich hatte es nicht verschmerzen
können, dass Du dies als mein Freund und Partner nicht siehst. Ich habe ob Deiner Reaktion tagelang
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III. Konflikte der Kanzleiinhaber untereinander
zuhause die Hölle gehabt und habe mir Tiraden Deiner schlechten Seiten und Eigenschaften anhören
müssen und dass es ungerecht sei, ob dieser schlechten Eigenschaften mit dem Finger auf andere
zu zeigen.“
Hans: „Danke für Deine offenen Worte. Ich kann mich jetzt gut in Deine Situation hineindenken.
Ich hatte es nicht wahrgenommen, dass du weiterhin um Deine Familie kämpfst. Ich fühle die Verletzungen, die ich Dir mit meinen Reaktionen an diesem Abend zugefügt habe. Es tut mir von Herzen
leid, dass ich damals so reagiert habe. Ich bitte Dich, mein damaliges Verhalten zu verzeihen. Kann
ich was tun, damit das wieder aus der Welt geschafft wird? Wann wollen wir wegen Deiner Zusatzvergütung für Deine Mehrarbeit sprechen?“
Benno: „Ist schon gut, mir genügt es, dass Du weißt, warum ich in den letzten Tagen und Wochen
so mürrisch und ärgerlich war. Das wegen der Zusatzvergütung ist nicht wichtig. Ich wollte nur
meinen Ärger los werden und wusste, dass ich Dich mit meiner Aussage verletze. Es tut mir leid.
Bitte verzeih mir.“
Hans: „Ok, alles in Ordnung. Ich kenne einen guten Freund, der ein klasse Eheberater ist und der
Euch sicherlich helfen kann. Soll ich mit ihm Kontakt aufnehmen?“
2. Bertram Becher – eine Beziehungskrise unter Partnern:
Wie es nicht geht
Wie es nicht geht, sich von einem Partner zu trennen
Anekdote 7
Bertram Becher war ein exzellenter Strafverteidiger in Wirtschaftssachen. Er hatte eine Kanzlei mit
zwei weiteren Partnern, Hauser und Schulze. Becher hatte die Kanzlei vor mehreren Jahrzehnten
aufgebaut und mit dem Steuerberater Hauser bestand die Partnerschaft seit mehr als zehn Jahren.
Dieser unterstützte ihn insbesondere in den strafrechtlichen Mandaten wegen Steuerhinterziehung. Schulze war langjähriger Mitarbeiter der Kanzlei und wurde erst ein Jahr zuvor als Partner
aufgenommen. Er war Rechtsanwalt und Steuerberater.
Im Sozietätsvertrag hatte sich Becher viele Rechte vorbehalten, die ihm viele Rechte und seinen
Partnern wenig Rechte gaben. Denn er alleine hatte die Kanzlei aufgebaut und zum Erfolg verholfen. Mittlerweile waren Hauser und Schulze so tief im Geschäft, dass sie überproportional den
Erfolg der Kanzlei erwirtschafteten. Becher war autoritär, durchsetzungsstark und cholerisch.
Die langjährige und in der Kanzlei sehr beliebte Sekretärin Michelle Sorglos machte einen Fehler,
indem sie die Kopie einer Strafanzeige eines Mandanten gegen seine eigene Ehefrau, mit der er in
Scheidung lebte, versehentlich an die Ehefrau selbst schickte. Becher rastete aus und bezeichnete
sie lautstark und vor allen anderen Mitarbeiterinnen als miese Schlampe. Die Sekretärin war sehr
erbost und bezeichnete Becher als impotenten Knacker, bei dem selbst die mieseste Schlampe
das Weite suchen würde. Becher erklärte daraufhin sofort die außerordentliche Kündigung des
Arbeitsverhältnisses.
Dies wiederum erboste die Partner Hauser und Schulze, war doch Becher in der Kanzlei für seine
cholerische Art bekannt. Sie fanden es gut, dass die Sekretärin ihm Paroli geboten hatte. Sie hoben
die Kündigung gegenüber der Sekretärin wieder auf, was wiederum Becher sehr erboste. An diesem Konflikt entzündete sich ein bereits lange aufgestauter Konflikt zwischen Becher einerseits
und Hauser und Schulze andererseits. Das Ziel von Hauser und Schulze war, dass Becher aus der
Kanzlei ausscheidet, weil sie mit ihm nur schlecht zurechtkamen und das Betriebsklima dadurch
meist schlecht war. Sie sprachen Becher direkt darauf an und baten ihn, aus der Kanzlei auszuscheiden. Sie wären bereit, wie sie sagten, Becher für diesen Fall eine gute Abfindung zu zahlen.
2.1 Mobbing
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Das begehrte Ausscheiden von Becher sollte einvernehmlich geschehen, weil der Gesellschaftsvertrag keine Kündigungsmöglichkeiten gegenüber Partnern, sondern nur eine Auflösung der Kanzlei
insgesamt vorsah.
Becher wollte aber nicht ausscheiden, sondern wollte, dass Hauser und Schulze ausscheiden.
Auch er könne denen, wie er sagte, eine Abfindung bezahlen, die allerdings wesentlich geringer
wäre. Dies wiederum wollten Hauser und Schulze nicht. Es entbrannte über Wochen und Monate
ein zermürbender Nervenkrieg. Bei jeder Gelegenheit bekämpften sich beide Seiten. Die Sekretärinnen stellten sich hinter das Lager von Hauser und Schulze und taten genüsslich ihren Teil dazu,
dass der Konflikt nicht erlosch. Es entzündete sich ein gewaltiges Mobbing gegenüber Becher.
Dieser aber war noch immer nervenstark und ging souverän mit dieser Situation um, indem er
mehr austeilte, als er einsteckte. Eines Tages eskalierte die Situation wieder. Gleichzeitig mussten nämlich am letzten Tag der Frist in Rechtsmittelsachen noch Schriftsätze zu Gericht. Es war
Nachtarbeit angesagt. Die Sekretärin Michelle Sorglos arbeitete vorrangig für Hauser und Schulze.
Becher wies mehrfach auf die ablaufende Zeit hin und forderte Michelle Sorglos auf, sich zu beeilen. Die Arbeiten für Hauser und Schulze dauerten länger und die Arbeit von Becher blieb liegen.
Michelle Sorglos schaffte es nicht mehr, die Rechtsmittelschrift von Becher bis 24 Uhr in den
Nachtbriefkasten einzuwerfen. Becher wurde zornig wie nie, er tobte und war völlig außer sich.
Es kam zu einem ganz besonders lautstarken Streit zwischen den beiden. Hauser und Schulze
eilten herbei um die Situation zu deeskalieren, was aber nicht gelang. In seiner Wut nahm Becher
ein volles Wasserglas, das auf dem Schreibtisch von Michelle Sorglos stand, und schüttete es ihr
in den Ausschnitt.
Nach einer nächtlichen Krisensitzung erklärten Hauser und Schulze gegenüber Becher den Ausschluss aus der Kanzlei. Es folgte ein langer Rechtsstreit um die Frage der Wirksamkeit des Ausschlusses, denn Becher wies darauf hin, dass der Gesellschaftsvertrag keinen Ausschluss vorsah,
sondern allenfalls die Kündigung der Partnerschaft insgesamt mit der Folge ihrer Auflösung und
Abwicklung. Hauser und Schulze stellten sich auf den Standpunkt, der Gesellschaftsvertrag sei so
auszulegen, dass das Hinauskündigen eines Partners aus wichtigem Grunde möglich sei.
Folge des langen Rechtsstreits war die Kündigung durch mehrere Mitarbeiter, weil ihnen das
Betriebsklima nicht mehr gefiel. Dies betraf vor allem solche Mitarbeiter, die im Hinblick auf ihre
Ausbildung, Erfahrung und Leistungskraft von der Konkurrenz abgeworben wurden. Auch Umsatz
und Gewinn der Kanzlei gingen erheblich zurück, weil sich die Partner auf die Abwicklung der
Kanzlei einstellten und ihre Nachfolgetätigkeiten vorbereiteten.
2.1 Mobbing
Mobbing ist ein psychosozialer Prozess und bezeichnet einen Psychoterror. Mobbing kommt dort
vor, wo Menschen intensiv zusammenwirken. Besonders häufig wird Mobbing am Arbeitsplatz als
Waffe, nämlich als soziale Sanktion im innerbetrieblichen Wettstreit eingesetzt. Je nach der Situation, die Mobbing auslöst, kann in der Regel jeder zum Mobber werden.
Mobbing kennt keine Richtung. Diese kommt sowohl von Oben nach Unten, z.B. wenn Führungskräfte Mitarbeiter, die einem Kündigungsschutz unterliegen, aus der Kanzlei hinausdrängen wollen.
Diese Art von Mobbing wird auch „Bossing“ genannt. Oder sie kommt auf derselben Hierarchiestufe
vor, wie etwa zwischen Mitarbeitern, um etwa eine ungeliebte Mitarbeiterin auf einen anderen
Arbeitsplatz zu verdrängen. Diese Art von Mobbing wird auch „Staffing“ genannt. Sie funktioniert
aber auch von Unten nach Oben, um etwa einen ungeliebten Chef hinauszudrängen.
Mobbing zielt darauf ab, dass sich eine Gruppe von Personen an diesem Psychoterror beteiligt,
damit das Ziel des Mobbings effektiver wird und Druck entsteht. Mobbing von Unten nach Oben
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