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Anpfiff SV Mehring - SV Mehring 1921 eV

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alpenglück
Winter
Umweltgeschichte des Skitourismus
Im vom FWF geförderten Projekt „Alpine Skiläufer und die Umgestaltung alpiner Täler“ untersucht ein
Team von UmwelthistorikerInnen Wirkungen und Nebenwirkungen der touristischen Erschließung der
österreichischen Winteralpen. Sie bieten eine neue Lesart der Modernisierung und Reflexionschancen
für alle beteiligten Akteure. Robert Groß und Verena Winiwarter
„I
ch kann Euch zu Weihnachten nichts geben,
ich kann Euch für den
Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen
geben, kein Stück Brot, keine
Kohle, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann
10 | Bergauf 02-2014
Euch nur bitten, glaubt an dieses
Österreich!“
Leopld Figl, Radioansprache
am Weihnachtsabend 1945
Figls Rede hilft, sich zu vergegenwärtigen, unter welchen
Vorzeichen die Nachkriegser-
schließung der Alpen für den
Wintertourismus stand. Wiederaufbau war keine Option,
sondern eine Notwendigkeit.
Schon die Weltwirtschaftskrise
hatte gezeigt, wie tiefgreifend
sich Arbeitslosigkeit und Armut
auf die kleine Volkswirtschaft
Österreich auswirken konnten,
der Krieg hatte die wackelige
wirtschaftliche Basis noch weiter erodiert. Es war unabdingbar,
die Zahlungsbilanz zu sanieren.
Dafür mussten Devisen ins Land
geholt werden. Das aus der Zersplitterung der Monarchie her-
Bergauf | Thema
links: Kulissenwerdung ist kein Phänomen der letzten Jahre, Bergeralm/Tirol. | Foto: Die Fotos auf Seite 9 und 10 stammen aus dem Buch „Ladiz“ – eine fotografische Recherche in der Wirtschaftszone Hochgebirge. G. Sailer.
vorgegangene Rumpfösterreich
war dafür denkbar schlecht geeignet, Tourismus war die plausibelste Hoffnung auf Devisen.
Eisenbahnerschließung war wichtig
Die Kolonisierung der winterlichen Alpen bot eine echte Er-
weiterung in die bislang „tote“
Saison. Dabei ließ sich relativ
bruchlos an die im Gefolge des
Ersten Weltkriegs popularisierte Fähigkeit des Skifahrens anknüpfen. Der schon zu Beginn
des 20. Jahrhunderts erwachte
Ruf, sich in der reinen Natur der
Berge im jungfräulichen Schnee
von der körperlichen wie moralischen Verderbtheit der rasch
gewachsenen Industriestädte
zu erholen, bot ein bereits kulturell verfestigtes Argumentationsmuster dafür.
Für den kanadischen Banff-Nationalpark haben Umwelthistoriker gezeigt, dass touristische
Erschließung, Vertreibung der
indigenen Bevölkerung, Einrichtung eines Naturschutzgebietes
und kommerzielle Nutzung desselben von Canadian Pacific, der
Eisenbahngesellschaft, die den
Raum erschloss, vorangetrieben
wurde. Auch für den österreichischen Wintertourismus spielte
die Erschließung mit der Eisen-
bahn eine zentrale Rolle. Dazu
kamen die neuen Massenmedien, Zeitungen, Zeitschriften, Reiseberichte und zunehmend auch
Film und Radio, die die Botschaft
von der körperlichen und seelischen Erneuerung in und durch
Schnee in vorher nie gekannter
Weise verbreiteten.
Nutzungskonflikte
waren vorprogrammiert
Dadurch wurde manch peripheres Alpendorf unversehens zur
„Destination“, die fortan mehr
und mehr Druck verspürte,
dem massenmedial verbreiteten Bild zu entsprechen. Destinationsmarketing blieb nicht
ohne materielle Konsequenzen.
Mit Skiliftstützen, Postautohaltestellen, Bahnhöfen und später
mit Pistenraupen und Parkplätzen schrieb sich die wintertouristische Inwertsetzung der
alpinen Peripherie in die Landschaft ein. So entstanden neue
Infos
Literatur, Quellen und Autoren
Zitat Fiegl: http://www.aeiou.at/aeiou.
film.01.05.07 (abgerufen am 17.2.2014).
Lucie Varga, Zeitenwende. Mentalitätshistorische Studien 1936–1939. Frankfurt
am Main 1991, S. 156.
Robert Groß, Wie das 1950er Syndrom
in die Täler kam. Umwelthistorische Überlegungen zur Konstruktion von Wintersportlandschaften am Beispiel Damüls
in Vorarlberg. Hg. vom Institut für sozi-
alwissenschaftliche Regionalforschung,
Regensburg 2012.
Infos zu den Autoren
Mag. Robert Groß ist Dissertant und Projektmitarbeiter im FWF-Projekt „Alpine Skiläufer und die Umgestaltung Alpiner Täler“
(FWF P24728-G18) am Institut für Soziale
Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Graz – Wien.
Nutzungskonflikte. Schon in den
1930er Jahren beklagten Jäger
das Verschwinden des Schneehuhns und begannen damit eine fortan von ansässigen Bauern
wie städtischen Naturschützern
fortgeschriebene Liste der Verluste und Schäden. Doch da waren die meisten „Destinationen“
längst auf einem ebenso durch
Verschuldung wie durch Wohlstandserwartung angetriebenen
Wachstumspfad, aus dem ein
Aus- oder Umstieg nur mehr sehr
eingeschränkt möglich schien.
Fortschritt hielt Einzug
Die für die touristische Vermarktung hergestellten Traumbilder
wirkten nicht nur bei den Touristen. Die Unternehmer im Dorf
begannen, ein neues Selbstbild
von sich und ihrer Umgebung
zu entwerfen. Der Fortschritt
hielt Einzug. Dieses Phänomen
beschrieb die früh und tragisch
verstorbene Historikerin Lucie
Univ.-Prof. Ing. Dr. phil. Verena Winiwarter ist eine österreichische Umwelthistorikerin. Seit 1. März 2007 hat Winiwarter an der
Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und
Fortbildung die einzige Professur für Umweltgeschichte in Österreich inne. Sie ist seit
2010 Dekanin der Fakultät. Verena Winiwarter
wurde vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten am01-2014
7. Jänner
2014 |zur
Bergauf
11
„Wissenschafterin des Jahres 2013“ gewählt.
Bergauf | Thema
links: Skigelände bei Damüls,
Bildpostkarte (zwischen 1939
und 1945). | Foto: Risch Lau. Mit
freundlicher Genehmigung der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz
unten: Pistenraupe im Skigebiet Damüls. In: Werbeprospekt
„Damüls, die Sonnenterasse in
Vorarlberg …“ (ca. 1968), hg. v.
Verkehrsverein Damüls.
| Foto: Mit freundlicher Genehmigung
des Damüls – Faschina Tourismus
Varga bereits Mitte der 1930er
Jahre als Hybridisierung von
Stadt und Land: „Aus der Stadt
kommt nun ein neuer, halbreligiöser Begriff ins Dorf, ein dynamischer Begriff mit revolutionären
Implikationen: Fortschritt. Der
Fortschritt, das sind die neuen Hotels, der Tourismus, der
Sport und das Geld. Der Fortschritt, das ist die städtische
Kultur: Stadtbekleidung, Grammophon, moderne Tänze, Kino,
usw. Fortschritt heißt, sich an die
Stadt anzupassen.“
Während klassische tourismushistorische Untersuchungen
kultur-, mentalitäts-, sozialund wirtschaftsgeschichtliche
Erklärungsansätze anbieten,
nimmt die Umweltgeschichte
das gesellschaftliche Verhältnis zur Natur zum Ausgangspunkt ihrer Analysen. Die Natur
der Körper der Skifahrer, deren
Grenzen letztlich zur Herstellung hindernisfreier Abfahrten
mit einem durch Kunstschnee
weitgehend normierten Fahrerlebnis führten, sind dabei nur eine der betrachteten „Naturen“.
Ebenso geht es um Nebenwirkungen und Langzeiteffekte der
Technologien des Wintertourismus. Beschneiungsteiche sind
nur das letzte Glied einer langen
Kette von Eingriffen. Die Bedingungen für die Umgestaltung
12 | Bergauf 02-2014
von Natur werden aber nicht nur
technologisch, sondern auch im
Recht geschaffen, wie das Vorarlberger „Sportgesetz“ von 1968
besonders deutlich zeigt. In ihm
ist das Primat touristischer gegenüber landwirtschaftlicher
Nutzung festgeschrieben.
Träume erwecken
und befriedigen
In den Alpen hat sich seit 1950
vieles verändert, was gleich blieb,
ist das Naturbild, das die Grundlage der Vermarktung alpiner Landschaften bildet. Wie zu Beginn des
20. Jahrhunderts wird den Winteralpen die Qualität eines Rückzugsortes mit Heilmächtigkeit für
Körper und Seele zugeschrieben.
Die Macht über die Bilder liegt bei
der inzwischen hochprofessionellen Tourismusvermarktungsindustrie und damit bei einem Protagonisten, der im Wesentlichen
touristische Träume erwecken
und zumindest bildlich auch befriedigen muss. So schwebt über
plattgewalzten Pisten die Fata
Morgana der unberührten Idylle.
Aus umwelthistorischer Sicht ist
die von alpinen Vereinen beklagte „Kulissenwerdung“ kein Phä-
nomen der letzten Jahre, sondern begann bereits zu Beginn
des 20. Jahrhunderts. In diesem
Jahrhundert erwiesen sich diese Vereine ebenso wie Bürgermeister und Raumplaner als
janusköpfige Akteure, die Modernisierung gleichzeitig bekämpften und (teils ungewollt)
vorantrieben. Umweltgeschichte verkompliziert also das einfache Fortschritts- ebenso wie das
fortschrittskritische Narrativ. Sie
lädt alle Akteure zur Reflektion
eigener Positionen und damit
zur Entwicklung neuer Handlungsoptionen ein. n
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Seele and Geist
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