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ḥadīṯ

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Wie authentisch sind aḥādīṯ?
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
Traditionelle ḥadīṯ-Kritik
Saadat Ahmed
44 | nuuruddin 2011
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
sich durch den Qur-ân nicht erklären
lassen, sollen durch aḥādīṯ beantwortet werden.2,3 Da nun der Islam nach
der ersten fitna zur Zeit des vierten
Kalifen Hadhrat Alirs zerstritten war,
versuchte jeder durch die Erzählungen des Heiligen Prophetensaw die
Legitimation seines Rechts zu untermauern, wobei auch ḥadīṯ-Fälscher
unterwegs waren. Um Fälschungen
vom Original unterscheiden zu können, sowie die Authentizität bei
entscheidenden theologischen und
rechtlichen Disputen feststellen zu
können, wurde die ḥadīṯ-Kritik eingeführt. Obgleich die traditionell islamische ḥadīṯ-Kritik und die modern
islamwissenschaftliche dasselbe Ziel,
das Herausfiltern der Fälschungen,
sowie die Überprüfung der Authentizität der aḥādīṯ, verfolgen, sind die
Ansätze doch verschieden. Nach Albrecht Noth, einen deutschen Islamwissenschaftler, versucht die traditionell islamische ḥadīṯ-Kritik durch die
Überlieferungskette die Authentizität
eines ḥadīṯ zu untermauern, wobei
die moderne Islamwissenschaft anhand des Textes die Authentizität
festzustellen versucht.4
S
chon seit geraumer Zeit werden Handlungen und Erzählungen bestimmter Menschen,
seien es Könige oder Propheten, auf
unterschiedlichste Art weitererzählt.
Heldentaten und Wunderwerke, die
als Vorbild für die Nachwelt gedacht
waren, sollten nicht in Vergessenheit
geraten. Es entstanden Heldenepen
und Prophetenerzählungen, die auf
verschiedenste Arten festgehalten
wurden. Eine literarische Gattung
dieser Art sind die aḥādīṯ, die in der
islamischen Welt eine große Rolle
spielen. Diese geben neben Erzählungen von den Heiligen Propheten Mohammadsaw über bestimmte
Handlungsweisen oder Rechtsbelehrungen in Bezug auf den Islam auch
einen Einblick in das Leben des Heiligen Propheten Mohammadsaw selbst.
Muslime sehen die Entstehung der
aḥādīṯ als eine göttliche Weisung und
berufen sich hierbei auf den Qur-ânvers „[…] Und was euch der Gesandte gibt, nehmt es; und was er euch
untersagt, enthaltet euch dessen.“1
und verstehen die aḥādīṯ neben dem
Qur-ân und der Sunna des Heiligen
Prophetensaw als eine wichtige Quelle
zum Verständnis der Lehren des Islam. Antworten auf Rechtsfragen, die
1 Der Heilige Qur-ân: Sure 59, Vers 8.
Wie man bei der traditionell islamischen ḥadīṯ-Kritik wirklich vorgegangen ist und welche Entwicklungen
diese ḥadīṯ-Kritik mit der Zeit erlebt
hat, stellt dieser Artikel im Folgenden
dar.
Erläuterung von Grundbegriffen der
ḥadīṯ-Wissenschaft
ḥadīṯ:
Unter ḥadīṯ (arabisch, pl. aḥādīṯ)
versteht man in der islamischen
Terminologie all das, was dem Heili2 Mirza Ghulam Ahmad: Unsere Lehre, Verlag der
Islam 2005, S. 22 ff.
3 Saifur Rahman, Malik: ḥadīqatu aṣ-ṣāliḥīn
(Garten der Rechtschaffenen), Hadithsammlung
mit Urduübersetzung, 2003, Qadian, ISBN: 817912-049-X, S.10.
4 Noth, Albrecht: Gemeinsamkeiten muslimischer
und orientalistischer ḥadīṯ -Kritik, in:
Tworuschka, Udo und Klöcker Michael (Hrsg.):
Gottes ist der Orient - Gottes ist der Okzident,
Band 21. Festschrift für A. Falaturi zum 65.
Geburtstag, Köln 1991, S. 40.
nuuruddin 2011 | 45
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
gen Propheten Mohammadsaw zugeschrieben wird. Dies können Überlieferung des Heiligen Prophetensaw
sein, die in Form von einer Belehrung
seinerseits geschahen oder von Taten bis hin zur schweigsamen Zustimmungen des Heiligen Prophetensaw,
die durch seine ṣaḥābars (Gefährten)
in mündlicher und schriftlicher Form
festgehalten wurden.
Das ḥadīṯ wird in der Islamforschung
in zwei Teilen unterteilt. Den isnād
und matn.
isnād/sanad:
Fachspezifisch wird unter isnād/sanad die Überliefererkette eines ḥadīṯ
verstanden, die zum matn eines ḥadīṯ
führt. Diese kann wie folgt aufgebaut
sein: A berichtet, dass er von B hörte,
dass dieser C sagen hörte, welcher
von D erzählt bekam, dass der Heilige Prophet Mohammadsaw folgendes
sagte oder tat oder seine schweigsame Zustimmung zu einer gewissen
Handlung gab.
matn:
Als matn bezeichnet man den ursprünglichen Text der Überlieferung.
ḫabar und aṯar:
Zudem gibt es noch die Begriffe
ḫabar und aṯar, welche als Synonym
für ḥadīṯ verstanden werden können,
doch im Wesentlichen für die Überlieferungen der ṣaḥābars oder tabeinrt
(den Anhängern und Zeitgenossen
der ṣaḥābars) benutzt werden.
Entstehung der ḥadīṯ-Literatur und
der traditionellen ḥadīṯ-Kritik
Über die Anfänge der ḥadīṯ-Literatur
und der damit verbundenen ḥadīṯKritik sind die Meinungen in der
westlichen Islamforschung umstritten. Islamforscher wie Fuat Sezgin,
Josef Schacht, Ignaz Goldziher und
Josef Horowitz sind dieser Frage
nachgegangen und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Gold46 | nuuruddin 2011
ziher sieht die aḥādīṯ nicht als das
echte Überlieferungsgut des Heiligen Propheten Mohammadsaw und
vertritt die Meinung, dass diese von
späteren Gelehrten für die Unterstützung der eigenen Lehrmeinungen erfunden worden sind.5 Schacht
baut die These von Goldziher noch
weiter aus und sagt: „I may take it for
granted, that the traditions from the
Prophet and from his Companions do
not contain more or less authentic
information on the earliest period of
Islam to which they claim to belong,
but reflect opinions held during the
first two and a half centuries after
the hijra.”6 Zudem bezieht er sich hinsichtlich einer Angabe von ibn Sīrīnrt,
dass die traditionelle ḥadīṯ-Kritik mit
ihrer isnād-Kritik in der Zeit der fitna
(des islamischen Bürgerkriegs) ihre
Entstehung hat.7 Er sieht die fitna
als den islamischen Bürgerkrieg, der
mit der Tötung des Umayyaden Kalifen al-Walīd ibn Yazīdrt, im Jahre 126
nach der hiǧra, ausbrach.8 Sezgin und
Horowitz dagegen sehen die aḥādīṯ
schon im ersten Jahrhundert der
hiǧra. Fuat Sezgin ist dieser Frage in
seinem Werk „Geschichte des arabischen Schrifttums, (Bd. 1)“
nachgegangen und kommt durch die
Aufzählung mehrerer Nachrichten
aus islamischen Quellen zum Ergebnis, dass aḥādīṯ schon im ersten muslimischen Jahrhundert, zur Lebzeiten
der ṣaḥābart, vorhanden waren. Zudem zeigt er anhand einer ausgiebigen ḥadīṯ-Methodologie, dass die
isnāden nicht nur mündliche Überlieferer beinhalten, sondern es finden
sich dort auch Überlieferer wieder,
die schon im ersten Jahrhundert
des Islam einige schriftliche ḥadīṯSammlungen zusammengestellt hat5 H
allaq, Wael B.: The Authenticity of Prophetic
Hadith. In: Pseudo-problem in Studia Islamica,
1999, S. 75.
6 Schacht, Josef: A Revaluation of Islamic
Tradition. In: The Journal of The Royal Asiatic
Society, 1949, S. 143.
7 Schacht, Josef: The origin of the Muhammadan
Jurisprudence, Oxford 1959, S. 36.
8 Ebd. S. 36, 37
ten.9
Horowitz zeigt in seiner sīraForschung über die Anwendung der
isnāden, dass diese schon vor azZuhrīrt, der 124 nach der hiǧra verstorben ist, angewendet wurden, obgleich nicht in der Form, wie sie bei
den späteren ḥadīṯ-Werken belegt
sind.10 Zudem sieht er die Araber
bzw. Muslime nicht als die Erfinder
der isnāden, sondern nach seiner
Untersuchung sei das Vorbild der
isnāden in der Praxis der jüdischen
Schulen der talmudischen Zeit zu
sehen.11,12
Die Muslime hingegen sehen die Anfänge der ḥadīṯ-Kritik in der Zeit des
Umayyadenkalif ʿUmar ibn ʿAbd alʿAzīzrt, welcher von 99 bis 101 nach
der hiǧra regierte. Er gilt als der erste
Mensch, dem der Gedanke aufkam
die aḥādīṯ-Sammlungen vor Perversionen zu wahren. Für die Erfüllung
dieser Aufgabe soll er Moḥammad
ibn šahāb az-Zuhrīrt¸ der als einer
der größten sunnitischen Obrigkeiten in Bezug auf aḥādīṯ gesehen
wird, ernannt haben. Ein Grund,
weshalb ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīzrt
die Wahrung der aḥādīṯ und die damit verbundene Untersuchung der
aḥādīṯ beauftragte, lag darin, dass
die Opponenten der umayyadischen
Dynastie die aḥādīṯ aus politischen
Gründen zu ihren Gunsten veränderten oder erfanden.13 Zudem war
die Verwendung der isnāden kein
wichtiger Bestandteil der damaligen ḥadīṯ-Erzählungen. Man konnte
darauf verzichten. „Da die in dieser
Zeit gestalteten Wissenschaftszentren so klein waren, kannten sich die
Gelehrten gegenseitig und den Cha9 Sezgin, Fuat: Die Geschichte des arabischen
Schrifttums, Band I, Leiden 1967, S. 66 ff.
10 Horovitz, Josef: Alter und Ursprung des Isnads.
S. 43, 44.
11 Schoeler, Gregor: Mündliche Thora und
Hadith. In: Der Islam 66 (1989), S. 217.
12 Horovitz, Josef: Alter und Ursprung des Isnads.
In: Der Islam. Bd. 8, 1918 S. 44.
13 Vgl.: Saiyid Zain al-ʿĀbidīn Walīyullāh Šāh:
Im Vorwort von Sahīh al-Buḫārī, Band I von
Muḥammad bin Ismāʿīl Buḫārī, Übersetzung
in Urdu, Sadr Anjuman Ahmadiyya Pakistan
Rabwah, S. 28 u. 29.
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
Überlieferung der aḥādīṯ
rakter der anderen gut. Diese Eigentümlichkeit ergibt sich aus ʿAbdallāh
b. al-Mubaraks (-191/809) Ausdruck,
daß jeder seine Landsleute besser als
andere kannte.“14, 15
14 Dere, Dr. Ali: Ein Überblick über Entwicklung
des Ḥadiṯ und seinen formalen Aspek, Online:
09. März 2011 <http://dergiler.ankara.edu.tr/
dergiler/37/781/10032.pdf>, S. 432 .
15 Vgl.: Saiyid Zain al-ʿĀbidīn Walīyullāh Šāh:
Im Vorwort von Sahīh al-Buḫārī, Band I von
Muḥammad bin Ismāʿīl Buḫārī, Übersetzung
Obwohl die Entstehung der ḥadīṯLiteratur und der damit verbundenen
ḥadīṯ-Kritik bei den Islamforschern
umstritten ist, ist man sich über den
Entstehungsgrund der ḥadīṯ-Kritik einig, und zwar, dass Fälschungen im
Umlauf waren. Um diesen Fälschungen nachzugehen, wurde die islamiin Urdu, Sadr Anjuman Ahmadiyya Pakistan
Rabwah, S. 28 u. 29.
sche ḥadīṯ-Wissenschaft eingeführt.
Die traditionelle ḥadīṯ-Kritik
Der deutsche Islamwissenschaftler,
Albrecht Noth, sagt in seinem Werk
„Gemeinsamkeiten
muslimischer
und orientalistischer ḥadīṯ-Kritik“
aus, dass „das Hauptinteresse der
muslimischen Gelehrten […] dem
nuuruddin 2011 | 47
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
Überlieferung der aḥādīṯ
Isnād“ gilt.16
Diese Aussage widerspricht einer
Untersuchung seitens muslimischer
Islamforscher, wonach der matn mit
dem gleichen Interesse in die traditionelle ḥadīṯ-Kritik einfließt, wie
der isnād. Der Leiter der Abteilung
für Auslandsbeziehungen im „Amt
für Religiöse Angelegenheiten“ und
stellvertretender Vorsitzender der
DITIB, Prof. Dr. Ali Dere, zeigt in seiner Arbeit, dass der matn zwar bei
der Überlieferungskritik in der Epoche der Gefährten stärker als der
isnād berücksichtigt wurde, jedoch
16 Noth, Albrecht: Gemeinsamkeiten
muslimischer und orientalistischer ḥadīṯ -Kritik,
in: Tworuschka, Udo und Klöcker Michael
(Hrsg.): Gottes ist der Orient - Gottes ist der
Okzident, Band 21. Festschrift für A. Falaturi
zum 65. Geburtstag, Köln 1991, S. 40.
48 | nuuruddin 2011
„können wir diese Beurteilung der
Glaubwürdigkeit eines Ḥadīṯes, ohne
den Isnād in Rechnung zu stellen,
nicht nur auf die erste Generation
beschränken. In späteren Generationen begegnen wir einer ähnlichen
Einstellung bei denen, die sich dazu
imstande fühlten. İbn al-Qayyım
al-Ǧawziyya weist in seinem Werk,
das sich mit glaubwürdigen und unglaubwürdigen Ḥadīṯen beschäftigt,
in Beantwortung der Frage, ob es
ein glaubwürdiger Ḥadīṯ, ohne den
Isnād in Rechnung zu stellen, durch
die allgemeinen Regeln von einem
unglaubwürdigen Ḥadīṯ, unterschieden werden kann[…], darauf hin, daß
die Entscheidung über Anerkennung
und Anwendung eines Ḥadīṯes nicht
nur vom Isnād, sondern vielmehr
vom Matn abhängig gewesen war.
Eine Bestätigung dieser Meinung
könnte man bei as Sam’ānī sehen.
Gemäß as-Sam’ānī kann man einen
vollkommenen Ḥadīṯ nicht nur durch
die Überlieferung der vertrauenswürdigen Gewährsmänner, sondern
vielmehr durch die Auffassungsgabe,
die Sachkenntnis und die Häufigkeit
des Anhörens erkennen[…]. Deswegen
kann sich ein Rechtsgelehrter von der
Echtheit einer Überlieferung – falls
deren Isnād keinen unglaubwürdigen
Tradenten enthält - durch den Einklang ihres islamischen Rechtswissenschaft überzeugen. […]“17
17 Dere, Dr. Ali: Ein Überblick über Entwicklung
des Ḥadiṯ und seinen formalen Aspek, Online:
09. März 2011 <http://dergiler.ankara.edu.tr/
dergiler/37/781/10032.pdf>, S. 432, 433.
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
Klassifizierung der aḥādīṯ
Ein ḥadīṯ wird anhand dreier Bezeichnungen klassifiziert. Als marfuʿ
(gehoben) gilt ein ḥadīṯ, wenn etwas dem Heiligen Propheten Mohammadsaw zugeschrieben wird. Dies
können sowohl Worte und Taten als
auch schweigsame Zustimmung, sowie physische Merkmale und Charakteristiken sein. Werden jedoch diese
Punkte den ṣaḥābars zugeschrieben,
so gilt das ḥadīṯ als mauqūf (angehalten). Wenn nun Worte und Taten eines Tābiʿī beschrieben werden, so gilt
das ḥadīṯ als maqṭūʿ (abgetrennt).
Zwei Grundlagen
Forschung
der
ḥadīṯ-
In der traditionellen ḥadīṯ-Forschung
wird das ḥadīṯ in seinen zwei zu untersuchenden Grundlagen, den uṣūl,
unterteilt: Der riwāyat, die die Glaubwürdigkeit eines rāwī (Überlieferers)
und die Qualität der isnāden untersucht18 und der dirāyat, die die überlieferte Thematik untersucht, welche
gemäß der Lehren des Islam (Qur-ân)
und der Sunna des Heiligen Propheten Mohammadsaw zu sein hat.19
a. riwāyat: Die Überliefererkritik
Ein zu untersuchendes Element der
riwāyat, die Glaubwürdigkeit bzw.
Qualität eines rāwī wird auch als ʿilm
al-ǧarh wa at-taʿdīl (die Wissenschaft
der Überliefererkritik) bezeichnet.20
Hierbei wird der rāwī in folgenden
Kriterien unterteilt:
1. ʿādil (rechtschaffen)
2. ṯābit / ḍābiṭ (genau)
John Burton gibt in seiner Arbeit „An
introduction to the Ḥadīth“ noch
18 Mirza Bashir Ahmad M.A.: sīrat ḫatam annabiyyīn, (SEERAT KHATAMUNNABIYYIN),
Published by Nazarat Nashro Ishaat, Sadr
Anjuman Ahmadiyya Qadian, ISBN 81-79120001-5, S. 11 u. 12.
19 Vgl.: Saiyid Zain al-ʿĀbidīn Walīyullāh Šāh:
Im Vorwort von Sahīh al-Buḫārī, Band I von
Muḥammad bin Ismāʿīl Buḫārī, Übersetzung
in Urdu, Sadr Anjuman Ahmadiyya Pakistan
Rabwah, S. 22 u. 23.
20 Ebd.: S. 22
folgende zwei weitere Kriterien bekannt:
3. ṯiqa (glaubwürdig)
4. ḥāfiẓ (gutes Gedächtnisvermögen)
Diese beiden Kriterien findet man bei
der herangezogenen Analyse durch
einige Muslime und Islamforscher
nicht als für sich alleinstehende Kriterien wieder. Als ṯiqa (glaubwürdig)
wird dort jener bezeichnet, der ʿādil
(rechtschaffen) und ṯābit / ḍābiṭ (genau) zugleich ist. Das Kriterium ḥāfiẓ
(gutes Gedächtnisvermögen) findet
man in ṯābit / ḍābiṭ (genau) wieder.21,
22
i. ʿādil
Der rāwī muss rechtschaffen und
fromm in dem Sinne sein, dass in
erster Linie eine gewissenhafte Beachtung der Religion von ihm ausgehen muss, was bedeutet, dass er ein
wahrhaft praktizierender Muslim zu
sein hat. Der Überlieferer muss zudem ein Alter erreicht haben, in dem
er die Wichtigkeit der Überlieferung
des Heiligen Propheten Mohammadsaw
vernommen hat und muss einen
gesunden Menschenverstand haben.
ii. ṯābit / ḍābiṭ
Eine genaue Beschreibung eines genauen rāwī findet man bei Prof. Dr.
Ali Dere. Er sieht die Genauigkeit eines rāwī, indem „der Rāwī wach und
achtsam sei und seine Überlieferung
mustergültig auswendig rezitiere,
wenn er aus dem Gedächtnis tradiert. Wenn er aber von seinem Buch
vorliest, so soll er es vor Fälschungen bewahren. Ferner ist es eine unverzichtbare Bedingung, daß er so
scharfsinnig ist, daß er erkennt, wel21 D
ere, Dr. Ali: Ein Überblick über Entwicklung
des Ḥadiṯ und seinen formalen Aspek, Online:
09. März 2011 <http://dergiler.ankara.edu.tr/
dergiler/37/781/10032.pdf>, S. 435, 436.
22 Vgl.: Saiyid Zain al-ʿĀbidīn Walīyullāh Šāh:
Im Vorwort von Sahīh al-Buḫārī, Band I von
Muḥammad bin Ismāʿīl Buḫārī, Übersetzung
in Urdu, Sadr Anjuman Ahmadiyya Pakistan
Rabwah, S. 23.
chen Bedeutungswandel es haben
kann, wenn er seinen Begriff gegen
einen anderen austauscht. Ein Tradent kann dann für seine Genauigkeit
gelobt werden, wenn seine Überlieferung größtenteils mit denen, die
von anderen gewissenhaften, vertrauenswürdigen Leuten tradiert
wurden, in Einklang steht, auch wenn
es nicht wortwörtlich, sondern nur
hinsichtlich der Bedeutung sei. Wenn
aber dieser verlangte Einklang selten
ist und Widersprüche sich sogar vermehren, dann wird seine Genauigkeit abgelehnt und man darf mit ihm
nicht argumentieren.“
b. riwāyat: Die Untersuchung der
isnāden
Das zweite Element der riwāyat ist
die Untersuchung der isnāden. Diese wird durch zwei unterschiedliche
Herangehensweisen untersucht. Die
Qualität der isnāden und die Quantität der Überlieferer einer Generation
innerhalb eines isnāds.
iii. Qualität der isnāden
Die Qualität der isnāden ist wie folgt
unterteilt:
Als musnad (bestätigt) bezeichnet
man ein ḥadīṯ, wenn eine ununterbrochene Überlieferungskette vorhanden ist. Einige definieren jedoch
einen lückenlosen marfuʿ-ḥadīṯ als
musnad. Haben die Überlieferer eines musnad-ḥadīṯes in demselben
Zeitraum gelebt und sich auch getroffen, so ist das ḥadīṯ nicht nur
bloß musnad, sondern auch muttaṣil
(verbunden) und trägt somit den
Namen musnad-muttaṣil. Fehlen
ein oder mehrere Überlieferer in
der Kette oder ist überhaupt keine
Kette vorhanden, so wird das ḥadīṯ
als muʿallaq (eingestellt) eingestuft.
Werden jedoch nach einem tābiʿī
keine weiteren Überlieferer genannt
und es heißt, dass der tābiʿī sagt, dass
der Heilige Prophetsaw sagte oder er
den Heiligen Prophetensaw sagen hörte, so ist das ḥadīṯ mursal (geschickt/
nuuruddin 2011 | 49
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
losgelassen). Fehlt jedoch ein Überlieferer, unabhängig von der Stelle
der Unterbrechung, ist das ḥadīṯ
munqatiʿ (unterbrochen).
iv. Die Quantität der Überlieferer innerhalb einer Generation
Bei der Untersuchung der Quantität
der Überlieferer von ein und derselben Generation wird das isnād in folgenden Kategorien unterteilt:
mutawātir („ununterbrochen aufeinanderfolgen und sich wiederholen“): Das isnād wird von mehreren
Überlieferern (einer Generation) gestützt und bei denen ist
eine (geheime) Absprache zu
einer Lüge nicht festzustellen.23
1. Es darf in erster Linie nicht im Widerspruch zu den Lehren des Heiligen Qur-âns sein.
2. Es darf der Sunna des Heiligen Propheten Mohammadsaw sowie dem
iǧmāʿ, Konsens der ṣaḥābars, nicht
widersprechen.
3. Es darf nicht im Widerspruch zu
einer mehr authentischen Quelle
bzw. Geschehnis stehen.
4. Das erwähnte Geschehnis im matn
darf den „gesunden Menschenverstand“ nicht widersprechen.�
aḥād (pl. von aḥad è einzel /
einer): Ein ḥadīṯ, welches nicht
mehrere Überlieferer einer Generation beinhaltet.
Die folgenden Kategorien werden von manchen Gelehrten
als eine Unterkategorie von
ahād angesehen. Andere hingegen stellen sie als eine für
sich allein stehende Kategorie
dar.
mašhūr (berühmt): Ein ḥadīṯ,
welches mehr als zwei Überlieferer
einer Generation beinhaltet.
ʿazīz (selten/stark): Ein ḥadīṯ, das an
irgendeiner Stelle des isnāds nur zwei
Überlieferer einer Generation beinhaltet.
ġarīb (fremd): Ein ḥadīṯ, das nur von
einem einzigen Überlieferer innerhalb einer Generation überliefert ist.
c. dirāyat
Bei der Untersuchung der dirāyat
wird das Wesen des matn in Betracht
gezogen. Hierbei wird der matn nach
folgenden Kriterien untersucht:
23 Vgl.: Saiyid Zain al-ʿĀbidīn Walīyullāh Šāh:
Im Vorwort von Sahīh al-Buḫārī, Band I von
Muḥammad bin Ismāʿīl Buḫārī, Übersetzung
in Urdu, Sadr Anjuman Ahmadiyya Pakistan
Rabwah, S. 24.
50 | nuuruddin 2011
Da
man
in
den
ḥadīṯMethodologiebüchern nur den äußerlichen und formalen Aspekt des
ḥadīṯ, den isnād, in Betracht gezogen
hat, findet man die matn-Kritik in
den Büchern der islamischen Rechtswissenschaft, den furūʼ-Büchern. Ein
ḥadīṯ gilt im Hinblick auf das dirāyat
als ṣaḥīḥ (authentisch / gesund), wenn
sie der obigen Beschreibung vollständig zutrifft. Gibt es Unstimmigkeiten,
so ist das ḥadīṯ ḍaʻīf (schwach) und
wird nicht akzeptiert. Kommt jedoch
bei der Untersuchung heraus, dass
der Text gefälscht ist, so wird das
ḥadīṯ zu mauḍūʻ (gefälscht). Hierbei
sind sich einige Gelehrten einig, unter
denen auch ibn al-Ǧauzi zählt, dass
ein ḥadīṯ, welches auch nur einen
kleinen Widerspruch zu den Kriterien der dirāyat aufweist, obgleich ihr
isnād den höchst authentischen Rang
und die authentischsten Überlieferer
beinhalte, als gefälscht und somit als
Märchen der quṣṣaṣ (Geschichtenerzähler) zu betrachten ist. Als maʻlūl
(krank / defekt) gilt ein ḥadīṯ, die von
ihrer äußeren Struktur her als gesund betrachtet wird, jedoch durch
einen scharfsinnigen Traditionskundigen mit „einen weitreichenden
Einblick, ein gutes Gedächtnis und
eine mit Feinfühligkeit ausgestattete
Auffassungsgabe“24 ein Fehler erkundet wird. Dieser Fehler kann sowohl
im matn als auch im isnād vorhanden
sein. Bezüglich der Erkundung
dieses Fehlers heißt es laut
islamischen Gelehrten, dass
„die Traditionerkenntnis […]
[eine Art] Inspiration [ist]. […]
[Hätte man] einen Gelehrten,
der einer Überlieferung gegenüber einen Einwand vorbringt,
nach dem Grund dafür gefragt, weswegen er sie mit der
Schwäche belegte, so hätte er
dafür vielleicht kein Argument
gehabt.“25 Diese Inspiration ist
eine Art Begabung. Die Entscheidung über eine Schwäche
bzw. Krankheit in einem ḥadīṯ
ist nicht die einer einzigen Person, sondern findet ihre Einstimmung auch bei anderen scharfsinnigen Traditionskundigen, wie die
folgende Aussage von Abū Zur’a adDimašqī verdeutlicht:
„Jemand fragte Abū Zur’a ad-Dimašqī
(-281 d.H.), was für einen Beweis er
dafür habe, wenn er eine Überlieferung widerlegt. Seine Antwort darauf
war folgende: „Der Beweis dafür ist,
daß du mich nach einer unvollkommenen Überlieferung fragst, und ich
dir deren Schwäche erkläre. Danach
gehst du zu Muslim b. Warāʿ und
fragst ihn auch danach, ohne ihm
zu sagen, daß du mich zuvor danach
gefragt hast. Dann wird er dir etwas
24 Dere, Dr. Ali: Ein Überblick über Entwicklung
des Ḥadiṯ und seinen formalen Aspek, Online:
09. März 2011 <http://dergiler.ankara.edu.tr/
dergiler/37/781/10032.pdf>, S. 436.
25 Ebd.: S. 437
Wie authentisch sind aḥādīṯ?
ähnliches mitteilen. Ebenso gehst du
dann zu Abū Hātim und er gibt dir die
gleiche Antwort. Falls du, nachdem
du alle Erwiderungen auf diese Frage
analysiert hast, zwischen uns einen
Widerspruch findest, dann wisse,
daß jeder von uns subjektiv gesprochen hat. Aber wenn du andererseits
eine Übereinstimmung siehst, dann
erkenne die Wahrheit dieses Wissens
an.“26
Erkennt man einen Zusatz im Überlieferungstext, so ist das ḥadīṯ mudraǧ
(hochgerechnet).
Authentizität eines ḥadīṯes
Die Authentizität eines ḥadīṯes erfolgt durch eine Unterteilung in den
vier folgenden Hauptkategorien:
1. ṣaḥīḥ (authentisch / gesund)
2. ḥasan (gut)
3. ḍaʿīf (schwach)
4. mauḍūʻ (gefälscht)
Als ṣaḥīḥ (authentisch / gesund) gilt
ein ḥadīṯ, wenn alle Qualitäten eines
Überlieferer (ʿādil, ṯābit/ḍābiṭ, ṯiqa,
ḥāfiẓ) in allen vorhanden Überlieferer eines isnādes nachweisbar sind.
Die Überliefererkette darf dabei nicht
unterbrochen sein und muss bis zum
Heiligen Propheten Mohammadsaw
zurückzuführen sein. Zudem müssen
sich die Überlieferer des Isnādes getroffen haben. Das ḥadīṯ darf nicht
maʻlūl (krank / defekt) sein und es
sollte ein weiterer starker Isnād mit
derselben Überlieferung vorhanden
sein.
Für das ḥasan-ḥadīṯ findet man keine
eindeutige Bezeichnung. Einige ziehen hierbei vor zu untersuchen, wie
ṯābit / ḍābiṭ (genau) ein Überlieferer
ist. Gibt es keine Einstimmigkeit in
der Genauigkeit eines Überlieferers
eines ṣaḥīḥ-ḥadīṯes, so ist das ḥadīṯ
ḥasan (gut). Zudem muss der Inhalt
des ḥadīṯes durch andere parallele
26 Ebd.
Überlieferungen bestätigt sein.
Kann ein ḥadīṯ den Rang eines
ḥasan-ḥadīṯes nicht nachweisen, da
es größere Abstriche in der Genauigkeit oder Rechtschaffenheit eines
Überlieferers gibt oder die Überlieferungskette erreicht nicht den
höchstmöglichen Rang und ist somit
muʿallaq (eingestellt), mursal (geschickt/losgelassen) oder munqatiʿ
(unterbrochen), so ist das ḥadīṯ ḍaʿīf
(schwach).
Widerspricht ein ḥadīṯ den Normen,
die für die Überlieferung des Heiligen
Propheten Mohammadsaw festgelegt
worden sind, so ist es mauḍūʻ (gefälscht) und somit erfunden.
ʿilm ar-riǧāl - die Wissenschaft über
die Männer
Für die Untersuchung der Qualitäten der Überlieferer wurde am Anfang des achten Jahrhunderts das
ʿilm ar-riǧāl - die Wissenschaft über
die Männer (bzw. Überlieferer) eines ḥadīṯes eingeführt. Dabei ging
man „jedem einzelnen der in den
Isnaden erwähnten Gewährsmänner nach, um seinen Charakter zu
ergründen, um zu erfahren, ob er
moralisch und religiös unanfechtbar
sei, ob er nicht Propaganda für antisunnitische Zwecke mache, ob seine
Wahrheitsliebe im allgemeinen als
erwiesen gelten könne, ob er die
persönliche Fähigkeit habe, das Gehörte treu wiederzugeben, ob er ein
Mann sei, dessen Zeugenschaft in civilrechtlichem Sinne vom Richter unbedenklich zugelassen würde. Denn
die Hadithüberlieferung betrachtete man als die erhabenste Form der
Shahada, der Zeugenaussage, da der
Rawi (d. h. der Überlieferer) ein für
die Gestaltung des religiösen Lebens
höchst wichtiges Zeugnis ablegt darüber, dass er diese oder jene Worte
von dem oder jenem gehört habe.“27
Diese Zeugnisse über die Tradenten
sowie ihr ausgiebiger Lebenslauf sind
in den kutub ar-riǧāl, Bücher über die
Traditionarier, festgehalten.
Die Muslime sind bei der Untersuchung der Authentizität der aḥādīṯ
mit äußerster Vorsicht vorgegangen.
Alles wurde bis ins kleinste Detail untersucht und nichts wurde dem Zufall
überlassen. Dabei hat man nicht nur
die isnāden bei der Untersuchung
vorgezogen, sondern dem matn die
notwendige Beachtung zukommen
lassen. Das ḥadīṯ wurde somit in
verschiedenen Kategorien unterteilt
und eine eigene Wissenschaft zur
Untersuchung der Authentizität der
Überlieferungen des Heiligen Propheten Mohammadsaw kam dabei zu
Stande. Bei der Untersuchung des
isnāds wurde nicht nur die Qualität
der Überlieferer in Betracht gezogen,
sondern auch ihre Anzahl innerhalb
einer Generation, um feststellen zu
können, in wie fern ein ḥadīṯ von
mehreren Überlieferer einer Generation überliefert wurde. Zudem wurde
untersucht, in wie weit ein Zusammentreffen der Überlieferer möglich
war. Dabei wurde dasʿilm ar-riǧāl
- die Wissenschaft über die Männer
(bzw. Überlieferer) eines ḥadīṯes eingeführt. Des Weiteren wurde auch
untersucht, in wie weit mehrere, sich
voneinander unterscheidende, authentische isnāden zu einem matn
des ḥadīṯes zu finden sind. Bei der
Untersuchung des matns spielte das
islamische Recht eine bedeutende
Rolle, wobei es keinen Widerspruch
zu den Lehren des Heiligen Qur-âns
und zu der Sunna des Heiligen Prophetensaw beinhalten durfte. Zuletzt
wurden das ḥadīṯ als Ganzes betrachtet und nach den Kategorien
des isnāds und des matns entweder
als authentisch bezeichnet und angenommen oder als schwach oder gefälscht entlarvt und abgelehnt.
27 G
oldziher, Ignanz: Über die Entwicklung des
Hadith. In: Muhammedanische Studien. Bd. II.
Halle 1890. ISBN 3-487-12606-0, S. 142.
nuuruddin 2011 | 51
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Seele and Geist
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