close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Europäische Identität, sozial, kreativ / wie wird Europa wirkich sozial

EinbettenHerunterladen
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 1 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Wer hätte geglaubt, dass Europäer wegen der Sparkurse nicht mehr so vertrauensvoll
aufeinander zugehen, als das kürzlich noch der Fall war? Kaum einer versetzt sich
ernsthaft in die Lebenssituation anderer. In Zypern sollten einfache Sparer die Finanzpleiten bezahlen, die aus dem Missbrauch des Bankensystems folgten. Die soziale Spaltung
in Arm und Reich vertieft sich; die finanzielle in Nord und Süd wird angemahnt. Alter
Hass gegen Deutschland glimmt auf. Europa scheint einen gemeinsamen Weg zu verlieren.
Grenze des Finanzmodells
Bewahrheitet sich in dieser augenblicklichen Identität, was die sozial nicht sehr kreative
Margret Thatcher dereinst als deutsches Dilemma und kommenden Konflikt erblickte?
Weil die Deutschen eine Scheu davor hätten, sich nach dem zweiten Weltkrieg selbst zu
regieren, würden sie versuchen ein europäisches System zu schaffen, in dem sich keine
Nation mehr selbst regiert.
Auf lange Sicht könne ein derartiges System keine Stabilität erlangen. Angesichts von
Deutschlands Größe und seinem Übergewicht könne unmöglich Ausgewogenheit herrschen. Die zwanghafte Beschäftigung mit einem europäischen Deutschland berge die Gefahr in sich, dass ein deutsches Europa entsteht.
So die frühere britische Premierministerin, die aus gleicher Sorge 1990 auf Abwicklung
der DDR-Industrie bestand, um ein übergroßes deutsches Industriepotential zu verhindern. Zweimal schon hatte es England gefährdet.
Berlin, so meinte sie, suche mit demonstrativer Großzügigkeit zu reagieren. Das sei aber
keine Lösung. Andere kämen in zusätzliche Abhängigkeit und ihre neue Kreditwürdigkeit
sei von den Deutschen geborgt. Die Bundesrepublik selbst werde noch stärker erpressbar.
Das politische Wohlwollen ihrer Euro-Partner hänge direkt von der deutschen Zahlungsbereitschaft ab.
Dieses verquere Geschäftsmodell erreicht gegenwärtig eine Grenze, die überschritten
werden muss. Europäer können das bewirken, wenn sie europäische Identität sozial kreativ entwickeln, d.h. ihre Maßnahmen das Leben eines jeden menschenwürdiger gestalten.
Weil das noch nicht der Fall ist, nehmen soziale Unzufriedenheit und Unruhe zu.
Europas Staaten stehen vor der Wahl, ihre finanzielle, wirtschaftliche und soziale Energie
entweder aufzubrauchen, oder faule Finanzen zu stoppen und Bürger vor sozialen Dilemmata zu bewahren - eine Alternative, der gemeinsame europäische Politik nicht von
Anfang an entgegengetreten ist.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 2 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Soziales war europäischer Identität nicht in die Wiege gelegt. Die günstige Situation nach
dem kalten Krieg wurde zur profitablen Versuchung. Ein politisches und finanzielles Dach
wurde geschaffen. Die Hauptverantwortung für die sozialen Verhältnisse der Europäer
aber den einzelnen Staaten zugeschoben, d.h. ihren Steuerzahlern. Nach wenigen Jahren musste das in der neuen Finanz- und Wirtschaftskrise aufbrechen.
Der wirkliche Weg europäischer Identität ist jetzt besser zu erkennen. Er besteht darin,
die menschenwürdigen sozialen Vermögen aller Europäer und ihrer Staaten voranzubringen. Das bedeutet, den Alltag der Bürger zu erleichtern, zu verbessern und kulturell zu
veredeln.
So verstand Albert Einstein das soziale Wesen von Wissenschaft und humaner Bildung.
Beides sind die dynamischen Grundelemente europäischer Identität. Potentiell überall
anwendbar, zielen sie auf friedliche Verhältnisse und Güter der Menschen. Sie befriedigen
ihr dringendstes Bedürfnis – Leben ohne offene und strukturelle Gewalt gegen Menschen.
Diese kreative soziale Identität der Europäer hilft nicht nur ihnen weiter. Sie verbürgt
auch ihr soziales Ansehen in der Welt. Der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg
und die soziale Marktwirtschaft zeugen davon, wie Europa in der Welt verträglich werden
kann. Schlussfolgerungen politischer, wirtschaftlicher und vor allem kultureller Art ergeben sich auch aus gescheiterten Versuchen, sozialistische bzw. nichtkapitalistische Ordnungen zu erreichen. Denn sozial kreative Identität ist der menschenwürdige nationale
und internationale Weg aller in ihre globale Wirklichkeit.
Doch Vorsicht, warnt der Dialektiker Hegel: Wer von Identität redet, hat noch nichts begriffen! Solange die Identität eines Ereignisses nur nach wahrnehmbaren Fakten verstanden wird, ist sein widersprüchliches Werden in der Geschichte noch nicht begriffen.
Denn Fakten und auch Trends ändern sich. Jeder kann unterschiedlich wahrgenommen
und interpretiert werden. Neue kommen hinzu. Es entsteht eine Komplexität, die kaum
noch zu überschauen ist.
Lineare Vereinfachungen der Strukturen und Funktionen sollen helfen. Entscheidungen
fallen lediglich im Gedankenhorizont der bekannten Fakten. Zeitweilig ist das sehr erfolgreich. Aber welche Verhältnisse der Menschen damit entstehen, steht nicht im Zentrum
der Aufmerksamkeit. Jedoch erst in dieser Komplexität von Fakten und Verhältnissen
sind längerfristige Entscheidungen möglich. Das ist weder im Alltagsleben, noch in Politik,
Wirtschaft und Kultur selbstverständlich, auch nicht in der Wissenschaft.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 3 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Für europäische Identität entsteht damit ein grundsätzliches Problem. Ihre Evolution wird
dann erfolgreich, wenn mit den operativen Fakten und Trends zugleich die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert und nicht rückläufig werden.
Erst die komplexe Analyse von Fakten und wirklichen Verhältnissen macht die historische
Wahrheit im Werden europäischer Identität begreiflich. Menschenwürdiges wird gefördert, gehemmt und sogar zerstört. Menschenwürdiges kann gefördert, gehemmt oder
sogar vernichtet werden.
Diese widersprüchliche Eigendynamik europäischer Identität lässt erkennen, welche progressive Ereignisse für Menschen sie durchlief und höchstwahrscheinlich noch durchlaufen muss. Nicht Ausbeutung, verheerende Kriege und Krisen sind dafür markant, sondern humane soziale Leistungen und friedliche Verhältnisse. Sie bestimmen den Platz
Europas in der sozialen Evolution der Menschheit, die um 1900 real ihre globale Dimension erreichte.
Globale Wende
Diese gesellschaftliche Globalisierung erfolgt nicht etwa erst nach dem Ende der Sowjetunion, seit den 70er Jahren oder schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Wirtschaftsentwicklung. Sie ist nicht allein ein wirtschaftliches, finanzielles oder politisches
Ereignis. Gesellschaftliche Globalisierung umfasst alle Ereignisfelder des Lebens, den gesamten Organismus der Menschheit.
Zu Beginn dieser Wende war die Welt unter Großmächte und Monopole aufgeteilt. Doch
nicht das Industriekapital der Realproduktion blieb vorherrschende Kraft. Die Finanzgewalt des Zinseszins trat an seine Stelle. Das wirkliche Imperium unserer Zeit kristallisierte die transnationale Hochfinanz mit ihren Zentren in London-City und Wallstreet. Die gewohnte Konkurrenz artete in weltweite Konfrontationen aus.
In Europa schürzten sich die Knoten zum ersten Weltkrieg. Weltfrieden zu sichern wurde
die erste Aufgabe kreativer sozialer Identität. Bis in die Gegenwart ist sie nicht befriedigend gelöst und ebenso weltumspannende Aufgaben folgen, vor allem Freiheit, Ernährung, Arbeit, Ökologie, lebenslange soziale Sicherheit und humane Bildung.
Keiner dieser Widersprüche ist konfrontativ lösbar. Das bestätigt die jüngste Geschichte.
Neue soziale Energien müssen aufgebracht werden, nicht mehr gegeneinander, sondern
gemeinschaftlich. Trotz verschiedener Gesellschaftssysteme wurde das in der weltweiten
Koalition gegen den rassistischen Nationalsozialismus erreicht. Auf global bedrohliche
Weise erfolgt es im atomaren Patt, das bisher den 3. Weltkrieg verhinderte.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 4 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Am Beginn des 20. Jahrhunderts engagierten sich jedoch erst wenige für weltweite Aktionen gegen Krieg und forderten sozial gerechte Lösungen in der Welt. Meistens waren es
pazifistische Intellektuelle, die den Kern der damals noch schwachen Friedens- und Frauenbewegungen bildeten. Beispielsweise gründeten Professoren eine internationale
„Deutsche Gesellschaft für moralische Kultur“. Im August 1893 - rund zwanzig Jahre vor
Kriegsausbruch - wurde folgender Programmentwurf erörtert:
1. Vorträge und Besprechungen über Gegenstände der ethischen Erziehung
2. Vorträge und Besprechungen über die ethische Läuterung und Stärkung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
3. Vorberatung über die Begründung eines alle Kulturländer umfassenden ethischen Bundes
4. Vorberatung über die Begründung einer völkerverbindenden Akademie der ethischen
Kultur als eines ersten Mittelpunkts der Forschung und der Lehrwirksamkeit auf den unter
1 und 2 behandelten Gebieten
5. Beratung über die Förderung völkerverbindender Organisationen der gemeinsamen
Arbeit und Verwaltung auf wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Gebieten.
Erstaunlich, was damals schon richtig konzipiert wurde. Kein Chauvinismus oder Eurozentrismus. Globale soziale Aufgaben, verbunden in der Hoffnung, jeden Menschen für
eine friedliche Moral und weisen Kultur in der Welt zu gewinnen! Organisatorisch reichte
die Gesellschaft bald bis in die lokale Ebene, analog der „Urania“. Regelmäßig erschien
eine Wochenschrift, die aktuelle Themen wie Frieden, Militarismus, Religionen und Frauenbewegungen auch theoretisch erörterte.
August Bebel, den man gerne gewonnen hätte, konnte sich jedoch nicht entschließen.
Pazifismus sah er als ideologische Gefahr im Klassenkampf der Arbeiterbewegung. Infolgedessen blieb eine mächtige und gegen Bismarck so erfolgreiche politische Kraft außerhalb der aufkeimenden Friedensenergien in der Welt.
Später war Karl Liebknecht der einzige Sozialdemokrat, der im Reichstag gegen die
Kriegskredite stimmte. Keine der politischen Kräfte der damaligen Zeit sah Grund für eine
Strategie und Taktik des Friedens. Das Gegenteil belegen die Schicksale von Menschen
und Gemeinschaften des 20. Jahrhunderts. Frieden wird nur gemeinschaftlich sicherer,
nicht durch Konfrontationen. Das ist eine Einsicht, die nicht auf sektiererischen Klassenkampf und Konterrevolution begrenzt bleibt, sondern soziales Engagement auf die Höhe
der Zeit hebt. Noch ist das nicht durchgesetzt.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 5 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Neue Konfrontationen
Gegenwärtig ist der Weltfrieden neu bedroht. Die USA legten sich schon Mitte der 60er
Jahre insgeheim auf eine globale Strategie für endgültige Vorherrschaft in der Welt fest.
Die Situation war günstig. Kurz vorher, im Herbst 1964, war von der sowjetischen Führung
eine erste Perestroika abgelehnt worden, für die sich Juri Andropow engagierte. Inhaltlich wurden schon alle Forderungen vertreten, die später Gorbatschow für den zweiten
Versuch wieder aufgriff, der nicht mehr zu umgehen war: Wirtschaftsreform, Demokratisierung, Partei konzentriert sich auf politische Führung, Öffnung zum Weltmarkt, um die
Lebenssituation der Menschen zu verbessern und das Wichtigste - sofortige Beendigung
des „sinnlosen Wettrüstens“ - wörtlich nach dem russischen Text!
Seinerseits hatte Präsident Kennedy anfangs der 60er Jahre versichert, die USA würden in
der Raketenrüstung aufholen. Ansonsten brauche man sich wegen der Russen keine allzu
großen Sorgen machen. Eines sei jedoch unbedingt zu gewährleisten: In der Militärtechnik müsse man den Russen stets ein Stück voraus sein.
1983 wurde das prekär. Die USA kündigten ein SDI-System an. Aus dem Weltraum konnte
es Raketen kurz nach dem Start zerstören. Auf Vorschlag von Wissenschaftlern bot Präsident Reagan Moskau an, SDI gemeinsam zu bauen - gegen China und mögliche andere
Atommächte. Nach Geheimverhandlungen lehnte Andropow ab, damals kurze Zeit Generalsekretär der KPdSU. Wahrscheinlich wollte man sich nicht in die eigenen Karten schauen lassen. Außerdem sollten gerade die Beziehungen mit China gebessert werden. Den
Amerikanern wurde erklärt, man verfüge über die wissenschaftlichen Grundlagen, aber
finanziell sei das Projekt nicht durchzuhalten.
Die USA drohten dann, das SDI-System selbst zu bauen, falls die sowjetische Raketendrohung wieder gefährlich werde, wie unter Chruschtschow zur Zeit der Suez- oder KubaKrise. Von einem erfolgreichen Raketenschlag der Sowjetunion gegen die USA konnte
keine Rede mehr sein, wohl aber von der Gegenseite. Der Nimbus der „Roten Armee“ war
für einige Zeit gebrochen.
Heute sprechen weitsichtige Journalisten wie Peter Scholl-Latour oder Claudia KroneSchmalz davon, dass die USA und der Westen damals die Chance verpasst haben, weltweit gemeinsame Aktivitäten mit Russland und China zu finden.
Stattdessen intensivierten die USA nach dem Ende der Sowjetunion wie verblendet ihren
Kurs auf absolute Vorherrschaft in der Welt, gegen Russland und vor allem China. Z. Brzezinski, „bewährter“ US-Präsidentenberater, setzte dafür in seinem Buch „Die zweite
Chance“ - das kurz vor Ausbruch der Finanzkrise erschien - folgende Bedingungen:
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 6 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Erstens China von Energie und Rohstoffen abzuschneiden und es mit Russland in einen
Konflikt um die Reichtümer Sibiriens verwickeln. Russland und China wirken bereits längere Zeit dagegen, durch gemeinsame Nutzung sibirischer Reichtümer, die SchanghaiKonferenz mit Regierungen Asiens, in den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, deren Wirtschaften jährliche Zuwachsraten von 5-10% erreichen, im
Vergleich mit etwa 2% der EU.
Der zweiten Bedingung des US-Globalstrategen ist weitaus schwieriger entgegenzuwirken. Die USA müssten die überall aufkeimende Bewegung junger Menschen auf ihre Bahn
lenken. Gegen Diktaturen und für besseres Leben sei Menschenwürde in allen ihren Attributen einzufordern, d.h. nicht nur Menschenrechte, mit denen es in den USA keineswegs
zum Besten steht.
Genau in diese Richtung laufen die Stellvertreteraktionen in Nordafrika, Nahost und im
pazifischen Raum, wobei die USA sich nach ihrem Scheitern im Irak und in Afghanistan
offiziell zurückhalten. Trotzdem sind die Verhältnisse so eskaliert, dass sogar Brzezinski
vor einem 3. Weltkrieg in Südwestasien warnte. Auch ein Angriff auf den Iran bringe nur
Russland Vorteile. Henry Kissinger hingegen schreibt hin in seinem Buch über China, die
USA müssten vor allem den Pazifik im Auge haben. Arrangement mit der Großmacht
China sei unvermeidlich.
So stehen unterschiedliche Wertungen gegenüber, aber auch verhärtete Fronten. Die
russische Führung begriff wahrscheinlich erst, als Gaddafi stürzte. Jetzt versucht sie ihren
Einfluss auf Syrien zu erhalten, globalstrategisch und auch wegen ihres Flottenstützpunkts. Waffenstillstand muss weltweit in Verhandlungen durchgesetzt werden. Auf der
koreanischen Halbinsel ist das jetzt vordringlich und die Großmächte sind sich darüber
wohl einig.
Letztlich entscheidet jedoch stets die soziale Energie, die im Inneren einer Nation freigesetzt wird. Äußere Mächte können dafür günstige Bedingungen schaffen, wie 1989/90
bei der Wiedervereinigung Deutschlands. Aber die Westmächte haben auch in Europa die
Chance eines gemeinsamen Neubeginns mit Russland vertan.
Infolgedessen stehen innere und äußere Mächte noch immer vor der Aufgabe, Brandherde rechtzeitig gemeinsam zu löschen. Seit Jahrzehnten fällt das nicht leicht. Außer
strategischen und Rohstoffinteressen darf nicht übersehen werden, dass die Produktion
neuer Waffensysteme und der Waffenhandel auf Hochtouren laufen und jede militante
Spannung Profite bringt. Daran nimmt die offizielle europäische Identität noch keinen
Anstoß und die Bundesrepublik ist sogar zum weltweit drittgrößten Waffenexporteur
„aufgestiegen“.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 7 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Massenpsychologische Manipulation
Natürlich fragt man sich, wie so etwas nach den Erfahrungen des 20.Jahrhunderts möglich
ist. Gewiss, Macht- und Profitinteressen sind im Spiel. Aber Menschen müssen in Bewegung gesetzt werden. Das besorgt vor allem massenpsychologische Manipulation, die mit
falschen, aber logischen Prämissen ihren Erfolg erzielt. Hermann Göring, der Stellvertreter
Hitlers, äußerte sich dazu in einem Interview, das er Gustave Gilbert am 18. April 1946 im
Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis gab ( Nürnberger Tagebuch S.270):
»Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg … Aber schließlich sind es die Führer eines
Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu
bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. … Das ist ganz einfach. Man braucht
nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.«
Das Verblüffende: Diese verbrecherische Methode funktioniert genau nach dem gewohnten logischen Denken, über das jeder Mensch normalerweise verfügt. Deswegen konnte
die Naziführung alle ihre Maßnahmen und Gesetze logisch völlig folgerichtig begründen.
Auf diese Weise wurden Millionen Menschen an ideologisierte Fakten und Verhältnisse
gebunden, die verbrecherisch waren.
Görings Rechtfertigung erhielt vor Ausbruch des Irakkrieges eine bemerkenswerte Reminiszenz. Im amerikanischen Parlament wurde über die Mittel für diesen Krieg abgestimmt. Senator Bird sprach als einer der ganz wenigen dagegen, wie dereinst Karl Liebknecht. Am Schluss seiner leidenschaftlichen Rede zitierte er Göring und schleuderte in
den Raum: "Das - hat der Göring gesagt!“
Aber vergeblich. Die verbrecherische Aktion „für Freiheit und Demokratie“ trat in Kraft.
Später erklärte der damalige US-Generalstabschef öffentlich, dass alles auf einer falschen
Mitteilung der britischen Regierung, d.h. Toni Blairs, beruhte. Strategisches Interesse an
Konflikten in Nahost und Öl spielten eine Rolle. Logischerweise (!) besetzten die USTruppen zuerst das Ölministerium Saddam Husseins. Von Uranbeständen war im Irak
nichts zu finden, wohl aber hatte man die reichen Ölvorräte und die strategische Position
„befreit“.
Konfrontative nationale Propaganda sorgt auch in Europa dafür, eigene Politik zu schönen und andere zu schmähen. Die Instrumentalisierung von Berichterstattung dafür
nimmt erschreckend zu. Zweifellos ist die prinzipielle Bereitschaft, „legitime“ Interessen
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 8 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
der eigenen Nation gegen die anderer Nationen zu „verteidigen“, in allen Nationalstaaten
eine selbstverständliche patriotische Grundhaltung in der Bevölkerung. Zugleich lähmt ein
solche europäische „Identität“ mitmenschliche Energien: Sie wird Springquell gefährlicher
Konflikte. Europa wird scheitern zugleich aber eine Grundlage für Konflikte und die Lähmung auch in der europäischen Union. Europa wird scheitern, wenn e nicht menschenwürdige Energien in die Waagschale sozialer Evolution einbringt.
Historischer Standort
Um das zu begreifen, muss man sich die Spezifik logischer Denkakte vergegenwärtigen.
Formell logisch bleiben sie richtig, aber der geschichtliche Gehalt ihrer Aussagen, und
damit von Ereignissen, Überlegungen, Reden und Dokumenten wird noch nicht erschlossen.
Haben Göring und andere jemals ihre Überzeugungen in Zweifel gezogen und nach deren
wirklichem Inhalt in der Menschheitsgeschichte gefragt? Scheiterten sie nicht letztlich
wegen dieser Unkenntnis ihres historischen Standorts und seiner sozialen Perspektive?
Dieser Sachverhalt betrifft nicht nur Naziführer und Menschen die ihnen folgten. Truman
und Stalin fielen auf die Provokation des kalten Krieges durch Churchill herein. Dem hatte
Roosevelt schon 1944 gesagt, nach dem Ende der Nazis werde auch das britische Empire
nicht mehr existieren. Der Sohn Roosevelts hat dieses Gespräch überliefert. Die unterdrückten Völker der Kolonien würden sich befreien. Die USA würden zusammen mit Russland Hilfestellung leisten, besonders durch den Goldstandard von Bretton Woods und die
UNO.
Die britischen Politiker griffen auf ihre altbewährte Kolonialstrategie des Teile und Herrsche zurück, um ihre Platz als Großmacht zu erhalten. Die USA und Sowjetrussland wurden militärisch konfrontiert. Nie hätten sie sich damals mit Erfolg angreifen können. Gleichem Verfahren folgte die Spaltung Deutschlands, Indiens und anderer Völker. Anstatt
gutem Lebensniveau zu dienen, mit der Hochrüstung Unsummen wie zum Fenster hinausgeworfen,
Fehlender historischer Standort kennzeichnet auch das Verenden der Sowjetunion. Nach
Oktoberrevolution, ausländischen Interventionen und Bürgerkrieg glaubte man sich mit
der Verfassung von1936 bereits an der Schwelle des Kommunismus, nach dem Raketenpatt um 1960 sogar auf dem endgültigen Weg dahin.
Doch Mao Tse Tung war seinen eigenen Ideen gefolgt. Tito, Paktfreie, Togliatti und andere vertraten ihre. Ulbricht erklärte mit Blick auf die Bundesrepublik, keiner könne begreif-
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 9 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
lich machen, dass niedriges Lebensniveau Kommunismus sei. In Moskau einigte man sich
danach auf das Konzept einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft, das Ulbricht vorgeschlagen hatte.
Ein solcher Schritt konnte ohne enormen wirtschaftlichen Aufschwung nicht verwirklicht
werden. Außerdem wurde jeder Versuch menschenwürdiger Verhältnisse vereitelt wie
1968 in der CSSR. Unausbleiblich nahte das Ende der Sowjetunion und ihrer. Verbündeten. Noch heute ringt Russland um seinen historischen Standort in der globalen Wirklichkeit der Menschen.
Eine freie und gerechte Gesellschaft lässt sich auch von den USA nicht „auf den Spitzen
von Bajonetten“ durch die Welt tragen. Ihre militärischen Niederlagen in Korea, Vietnam,
im Irak in Afghanistan sowie die inneren Schwierigkeiten zeugen von enormen Lücken im
Verständnis des eigenen historischen Standorts. Kriege konnten sie scheinbar gewinnen,
aber keine friedlichen Lösungen für die Menschen.
In Wirklichkeit könnten die reichen intellektuellen und materiellen Energien der USA und
der anderen Großmächte echten sozialen Leistungen im eigenen Lande und in der Welt
dienen. Doch Verantwortliche in Politik und Wirtschaft oder in Wissenschaft, Bildung und
Kultur sind noch weit davon entfernt, den qualitativen Wandel zu verstehen, der seit der
Zeit um 1900 die soziale Evolution bestimmt.
Die kapitalistische Ordnung ging nicht nur in ihr imperiales, finanzkapitalistisches Stadium
über. Völlig neuartige soziale Aufgaben entstehen seitdem, Frieden an erster Stelle. Sie
sind von globaler Dimension und können nur gemeinschaftlich gelöst werden.
Das verändert die sozialen Reproduktionsprozesse und Verhältnisse von Grund auf. Nicht
mehr die Evolution einer bestimmten Gesellschaft ist zu gewährleisten, sondern die der
Menschheit. Die bisher konfrontativen Macht- und Sicherheitsstrukturen verlieren ihre
Kraft. Für alle gesellschaftlichen Kräfte hat das Konsequenzen. Doch schon in theoretischer und strategischer Hinsicht werden sie erst in wenigen Ansätzen gezogen.
Das ist auch nicht einfach: Ein neuer geistig-kultureller Ausgangspunkt für Entscheidungen
muss gewonnen werden, der mit nunmehr sinnlosen Konfrontationen und Vorurteilen
bricht und Menschen aller sozialen Gruppen und Kulturen in Würde zusammenführt. Anders können globale Aufgaben nicht gelöst werden. Die weitere Evolution europäischer
Identität ist davon bestimmt.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 10 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Wissenschaften und Identität
Von Naturwissenschaften und Technologien ist der universelle Zusammenhang von Fakten und wirklichen Verhältnissen längst akzeptiert. Man denke an die Bewegungen im
Sonnensystem und die schwierige Rückläufigkeit des Mars gegenüber der Erde, die Kepler aufklärte. Die wirklichen Verhältnisse im Sonnensystem sind andere, als der Anschein
wahrnehmbarer Fakten zunächst vermuten lässt. Gravitation wirkt universell als energetisches Verhältnis, jedoch unsere Sinnesorgane vermitteln uns lediglich das „Fallen“ von
Körpern. Erst wenn Fakten wie Verhältnisse eines Ereignisses erschlossen sind, ist sein
wirkliches energetisches Potential abzuschätzen.
In den Sozial- und Geisteswissenschaften ist das noch nicht der Fall. Das sozialenergetisch kreativen Potential von Politik, Wirtschaft und Kultur wird nicht zusammenhängend analysiert. Zwischen diesen Lebenssphären besteht auch in Europa eine tiefe
Kluft. Gegenwärtig wird sie noch immer ideologisch überbrückt, d.h. durch falsche bzw.
ungenaue Reflexion der Wirklichkeit. Wieviel kreative Energie von Menschen und lebenswichtige Güter werden dadurch vergeudet und aufs Spiel gesetzt.
Dabei ist gesellschaftliches Werden ebenso widersprüchlich, wie in der Natur. Auch die
sozialen Energien hängen nicht nur von den Fakten, sondern letztlich von den Verhältnissen der Menschen auf der jeweiligen Kulturstufe ab - inwieweit sie sich für und gegen
Menschen wenden. Zu dieser widersprüchlichen, energetischen Betrachtungsweise haben sich Sozial- und Geisteswissenschaften noch nicht durchgerungen.
Sie setzt labile energetische Zustände von Ereignissen voraus, die auch in der Elementarphysik – nicht Teilchenphysik – noch nicht akzeptiert sind. Hans-Peter Dürr, langjähriger
Mitarbeiter von Werner Heisenberg und Träger des Alternativen Nobelpreises, vertritt
diese theoretische Verflechtung von Natur- Sozial- und Geisteswissenschaften ein
(„Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch“, München 2009,
oekom verlag). Aus der Naturwissenschaft erwächst so der Ansatz für eine ganzheitliche
Wissenschaft von Menschen in seiner universellen Wirklichkeit
Europäische und globale gesellschaftliche Identität ist das elementar. Beide gehen aus
bewusster Verbindung von Fakten mit menschenwürdigen Verhältnissen hervor. Ihr perspektivisches Werden kann demzufolge nur ein sozial kreatives sein, das menschenwürdiges Denken, Fühlen und Wollen weiter durchsetzt. Wissenschaft und Bildung sind dank
ihres unerschöpflichen Charakters und potentieller Verfügbarkeit in der Praxis die wichtigsten sozialen Energien dieser Evolution.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 11 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Politik hat sie zu gewährleisten, aber auch die entsprechende Art des Wirtschaftens, der
sozialen Sicherheit, politischer Organisation sowie der humanen Bildung und Weiterbildung der Generationen. Dafür fehlt eine komplexe Theorie der Globalisierung, die sich
vom Humanen in den Menschenbildern der Kulturen speist. Ohne sie verbleibt europäische Identität im Gedankenhorizont des Imperiums unserer Zeit, der internationalen
Hochfinanz.
Widerspruch menschlichen Handelns
Der nötige Denk-Ansatz muss konkreter Natur sein, d.h., für jeden erkennbar und von
ihm zu beeinflussen. Infolgedessen ist er nicht in emotionell-psychischen oder linguistischen Sphären zu finden, auf die in Wissenschaft und Zeitgeist gegenwärtig mit Vorliebe
zurückgegriffen wird. Auch Wert- und Moralvorstellungen eignen sich nicht dafür, solange
sie nicht als gesellschaftliches Verhältnis in der Lebenspraxis durchgeführt werden.
Infolgedessen ist der gesuchte Ansatzpunkt das menschliche Handeln selbst. Es ist konkret, für jeden erkennbar und zu beeinflussen. Aber es gibt eine Schwierigkeit, die dabei
auftritt. Jegliches Handeln enthält einen inneren Widerspruch, der nicht sofort zu Tage
tritt. Handeln ist einerseits konkrete Tat bzw. Aktion. Andererseits reproduziert es gesellschaftliche Verhältnisse und kann neue hervorbringen.
Diese ganzheitliche, widersprüchliche Struktur kennzeichnet kreatives soziales Handeln,
das Ereignisse fördern, hemmen und auch zerstören kann. Denn jedes Werden ist zugleich ein Vergehen. Kreativität folglich nicht nur „positiv“ human wie sie meist verstanden wird.
Diese widersprüchliche Komplexität sozialen Energieaufwands ist nicht ohne weiteres
ersichtlich. Ein fundamentaler Unterschied in unserem Denken, Fühlen und Wollen tritt
auf: Die Sinnesorgane nehmen konkrete Ereignisse, Fakten, unmittelbar wahr, nicht aber
ihre wirklichen Verhältnisse. Obwohl Verhältnisse ebenso existieren wie Fakten, erschließen sie erst menschliche Vorstellungskraft und wissenschaftliche Theorie. Handeln für
europäische Identität bedarf deshalb möglichst ganzheitlicher Theoriebildung. Auf diese
Weise können die Schwierigkeiten im Umgang zwischen Politikern und Wissenschaftlern
behoben werden.
Bereits im alltäglichen Leben begegnet die Differenz im Erkennen der Fakten und ihrer
wahren Verhältnisse. Was eine wirkliche Freundschaft ist, stellt sich erst durch Erfahrung
heraus. Wecken ihre Ereignisse Vertrauen oder täuschen sie nur vor? Welches ist das
wahre Verhältnis? Seine Wirklichkeit muss anhand der wahrnehmbaren Realität erst ermittelt werden.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 12 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Auch das Werden europäischer Identität ist nicht anders möglich. Überraschenderweise
erklärt die Differenz im Erkennen von Fakten und Verhältnissen sowohl die schon befriedigende, als auch noch noch unbefriedigende menschenwürdige Konsistenz der EU und
Europas. Jede Idee, das Handeln und alle Maßnahmen bewegen sich in dieser Ambivalenz. Infolgedessen kann der weitere Weg europäischer Identität nur ein sozial kreativer
sein, der den humanen Bedürfnissen jedes Europäers gerecht wird. Taten und Verhältnisse seines Handelns kommen dann in dynamischen Einklang mit der globalen gesellschaftlichen Evolution. Sie kann nicht mehr konfrontativ und finanzgetrieben verstanden werden. Menschenwürdiges Handeln wird allmählich das Elementarereignis europäischer
Identität.
Fast alle Verantwortlichen verstehen Handeln jedoch nicht als in sich widersprüchlich und
konzentrieren sich daher zu wenig auf die vordringlichsten soziale Aufgaben. Dafür wird
ein tiefgreifender geistig-kultureller Wandel erforderlich. Die „realistische“ Linearität des
gewohnten logischen Denkens muss überschritten und das wirkliche Werden menschenwürdiger Lebensverhältnisse begriffen werden.
Wie notwendig das ist, verspüren die „einfachen“ Europäer an den „Rettungsschirmen“
für Banken und anderen finanziellen Maßnahmen, die sie benachteiligen. Freie und sozial
gerechte Identität Europas ist noch weit entfernt. Das hat seinen erkenntnistheoretischen Grund:
Handeln ist, wie wir feststellten, nicht eindeutig. Nicht nur reale Fakten, sondern kreative
Verhältnisse bestimmen das weitere Werden europäischer Identität. Sie sind der Beitrag
der Europäer zur globalen gesellschaftlichen Evolution. Das bedeutet, menschenwürdige
Fakten herbeizuführen und die sozialen Energien ihrer kreativen Verhältnisse zu entfalten, so wie sie in der jeweiligen Entwicklungsphase möglich werden.
Seit Gründung der EU ist dieses Zusammenspiel jedoch nicht erreicht worden. In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftkrise musste dieser Geburtsfehler der gegenwärtigen europäischen Identität unwiderstehlich aufbrechen. Trotzdem versucht man ihn hauptsächlich durch finanzielle Maßnahmen zu beheben, ohne mit den vereinten Kräften von Wirtschaften, Banken und Staaten neue Arbeitsplätze und Arbeitsteilungen zu kreieren. Erst
auf diese Weise kann der immer tieferen Kluft zwischen Arm und Reich - zwischen Ökonomie, Politik und Moral - begegnet werden, die neu aufkeimendes europäisches Selbstbewusstsein zerfrisst.
Die intellektuelle und praktische Schwierigkeit europäischer Identität muss bewältigt
werden, die in der Widersprüchlichkeit des Handelns der Europäer ihre Wurzel hat. Natürlich fußen die Überlegungen und Entscheidungen in Brüssel und Straßburg, in Hauptstädten, Wirtschaft und Banken zu Recht auf Fakten und zielen auf neue.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 13 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Aber den wesentlichen Zusammenhalt der Europäer bilden ihre gemeinschaftlichen, sozial kreativen Verhältnisse, nicht endliche Fakten und Trends Wird das außer Acht gelassen, folgen Missverständnisse, Verdächtigungen und Konfrontationen, wie das gegenwärtig der Fall ist.
Heraufbeschworen hat dieses Dilemma das wirkliche Imperium unserer Zeit, die internationale Hochfinanz. Sie konnte sich mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel darauf
konzentrieren, lediglich aus Geldzeichen und Wetten mehr Geld zu machen, ohne systematisch in die Realproduktion zu investieren. Dieser Wahn begann, die „freie“ Gesellschaft als eine offene Ordnung zu unterminieren und dieser Trend hält an. Als neuer sozialer Charakter der Krise wird er offiziell nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Trotzdem bemerkte feine Witterung die Gefahr, als in den USA erste erste Geldinstitute
scheiterten. In aller Eile wurden finanzielle Maßnahmen ergriffen, die jedoch nur überbrücken. Dass nicht einmal eine Handvoll Ökonomen die Krise vorhersagten, ist schon
vergessen Noch immer herrscht die Meinung, es handle sich um einen der gewohnten
Zyklen, die irgendwann neuen Aufschwung garantieren.
Fragt man nach dem Denkvorgang der solchen unwürdigen Verhaltensweisen zu Grunde
liegt, dann sind es nicht aggressive Triebe, verbrecherische Neigungen, Schlechtigkeit
oder Unmoral.
Schwäche gewohnten logischen Denkens
Erstaunlicherweise ist es das ganz normale logische Denken. Auch Unmenschliches kann
es folgerichtig und daher zunächst überzeugend begründen. Menschen und Gemeinschaften fallen darauf herein, weil ihnen die Spezifik ihres eigenen Denkens nicht bekannt ist:
Es vergleicht Ereignisse und identifiziert sie auf diese Weise. Begründbare Schlussfolgerungen, Hypothesen und Theorien ergeben sich. Und das Wichtigste - ohne diesen logischen Verstand können Menschen nicht existieren. Er unterscheidet sie von anderen Lebewesen. Doch diese im Alltagsleben, in Politik, Wirtschaft und Kultur so erfolgreiche lineare Empfindungs- und Denkweise ist mit einem versteckten Mangel behaftet. Er tritt
nicht automatisch ins Bewusstsein, eben weil der Mensch normalerweise logisch denkt.
Der Mangel ist jedoch schwerwiegend. In allen Ereignisfeldern des Lebens verhindert er
vernünftiges Entscheiden! Der Grund dafür: Das formell-logisch Richtige verbleibt auf der
Gedankenebene lediglich des menschlichen Verstandes, der Erkenntnisvermögen auf
wahrnehmbare Fakten und Trends reduziert. Nach äußeren Unterschieden und Gegensätzen von Ereignissen wird gefragt und entschieden. Welche inneren Verhältnisse eines
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 14 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Ereignisses wirken, kommt zu wenig oder überhaupt nicht in den Gesichtskreis. Die widersprüchliche Komplexität menschlichen Handelns kann nicht begriffen werden. Damit
stehen die vielgerühmte operative Zielstrebigkeit und ihre vorübergehenden Erfolge in
Frage. Denn wie schnell verkehrt sich Erreichtes in sein Gegenteil – ein Problem, das bisher weder Wissenschaft noch Zeitgeist befriedigend beantworten. Man hofft dem durch
Vereinfachungen beizukommen, aber das führt in keinem Ereignisfeld zu Lösungen, die
längerfristig tragfähig sind. Politiker wie Wissenschaftler quälen sich und die Menschen
verstehen nicht, warum vieles in Europas Identität so unsicher bleibt.
Dass die geistige Ursache nicht allein im bösen Willen einiger liegt, sondern im normalen
logischen Denken, ist eben schwer zu verstehen. Aber mehr Vernunft wird verlangt. Das
bedeutet, sich nicht – wie gewohnt – auf äußere Unterschiede von Ereignissen zu verlassen. Entscheidend ist herauszufinden, welche Eigendynamik diese Ereignisse in ihrem
historischen Werden durchlaufen. Auch für die Perspektive der europäischen Identität
trifft das zu.
Zur näheren Erklärung; Das gewohnte logische Denken und auch seine wissenschaftlich
exakte Form verbleiben stets im Rahmen von bereits gegebenen Fakten. Jede Zwielichtigkeit dieser logischen Prämissen muss vermieden werden. Aus diesem Grunde muss das
folgerichtige logische Denken jede innere Widersprüchlichkeit von Ereignissen ausschließen. Damit bleibt ihre ihre historische Eigendynamik außerhalb des Gesichtskreises.
Der Dialektiker Hegel hielt deshalb den logisch exakten Denkstil Kants für unvollkommen und dessen Versuch, im Gedankenhorizont wahrnehmbarer Fakten eine Philosophie
menschlicher Vernunft zu begründen. Was auf diese Weise erreicht werden kann, ist
formell exaktes Denken und – so vertritt man es auch heute - eine möglichst ideale Diskursgemeinschaft, die sich ohne größere Vorurteile und Zweifel über die Bedeutung von
Ereignissen verständigt.
Dieser lineare Denkstil im Rahmen gegebener Fakten ist zur allgemeinen Entscheidungsgrundlage in allen Ereignisfeldern des Lebens geworden. Man verständigt sich auf Bedeutungen. Und weil sich Fakten ständig verändern wird sogar bezweifelt, ob Wahrheit überhaupt möglich ist.
In Wirklichkeit muss der widersprüchlichen historischen Eigendynamik des jeweiligen
Ereignisses nachgegangen werden, die das gewohnte logische Denken noch nicht erfasst.
Sonst finden Irrtümer, Heuchelei, Manipulation und Verbrechen Raum. Logisch folgerichtig kann jedes wahrnehmbare Ereignis ganz unterschiedlich empfunden und interpretiert
werden, sei es ein Fakt in der Natur oder in Menschenschicksalen.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 15 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Der weitere Weg europäischer Identität kann daher nicht nur in logisch folgerichtigen
Fakten und Trends oder äußeren Einflüssen gefunden werden. Der Evolution sozialer Verhältnisse muss nachgegangen werden, die Europas Menschen und ihre Führungen gestalten. Dann werden einvernehmliche Lösungen möglich, die vernünftig sind.
Grundbedürfnis Europas
Für den europäischen Zusammenschluss entsteht daraus eine bislang ungewohnte politische Aufgabe. Überdeutlich wird, dass Finanzmacht kontrolliert, begrenzt und ihr Ausweichen in Verhältnisse politischer Diktatur und Krieg verhindert werden muss. Darin
besteht ist der wichtigste Schritt zu kreativer sozialer Identität Europas. Niemand als die
Europäer selbst können ihn vollziehen.
Der Gang der jüngsten Geschichte bestätigt diese Sichtweise. Trotz aller militanter Gewalt setzt sich Weltfrieden durch, die zentrale globale Aufgabe. Gemeinsam kämpften
Völker den Nationalsozialismus nieder. Das imperiale Kolonialsysten musste weichen.
Scheinkommunistische Diktaturen wurden überwunden. Nach dem Ende des kalten Krieges hofften die Menschen auf eine schnelle Besserung ihrer sozialen Verhältnisse, besonders durch die Europäische Union. Sie ist historisch richtig, denn die Europäer können ihre
soziale Kreativität in der globalen Wirklichkeit nur gemeinschaftlich weiter ausbauen.
Dem „Geschäftsmodell“ EU hängen jedoch zerstörerische Mängel an. Einheitliche rechtsstaatliche Bestimmungen blieben aus, deutlich z.B. in der unterschiedlichen Funktionsweise des französischen und deutschen Staates oder in der Ablehnung von Bestimmungen durch Verfassungsgerichte wie soeben in Portugal. Im Maastricht-Vertrag war vereinbart, eine Schuldengrenze von 3% einzuhalten und Schulden anderer Euro-Mitglieder
nicht zu übernehmen. Das „kleine“ Finnland hat sich strikt daran gehalten, das „große“
Deutschland als erstes dagegen verstoßen! Wem die gegenwärtige europäische „Identität“ wirklich nützt, zeigt erneut die Kalamität Zyperns, die den Interessen der internationalen Hochfinanz dient.
Während das Finanzimperium in früheren Jahren aus Wirtschafts- und Finanzkrisen durch
Kriegsvorbereitung und Krieg herauskam, ist das heute nicht mehr so einfach möglich.
Wegen des Weltkriegsrisikos sind selbst Großmächte nicht so schnell zu Waffengängen
bereit. Doch auch hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit wirklichen Handelns für Frieden.
Das wichtigste ist zunächst, Waffenstillstand zu erreichen. Doch kürzlich erst erklärte ein
früherer Angehöriger des US-Generalstabs, man habe bei der Aktion gegen Saddam Hussein nicht bedacht, was nach dem Sieg geschehen muss.
Dabei hatte schon in den 1960er Jahren Johan Galtung, Friedensforscher und ehemaliger
Generalsekretär der UNO. zwischen negativen und positiven Frieden unterschieden. Waf-
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 16 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
fenruhe ist zunächst negativer Frieden. Erst wenn wirkliche Friedensverhältnisse von allen
Beteiligten hergestellt werden, wird er positiv, d.h. sozial kreativ.
Besonders schwierig ist das bei asymmetrischen Konflikten. Hier ist eine Partei augenblicklich stärker als die andere. Waffenstillstand und positive Friedensgestaltung werden
da nur möglich, wenn die stärkere Seite auf die schwächere zugeht, ihr akzeptable Angebote macht und die schwächere sie mit eigenen Vorschlägen komplettiert Israel und Nahost haben diese humane Verbindung von Fakten und Verhältnissen noch nicht erreicht.
Deshalb besteht dort seit Jahrzehnten geringe Aussicht auf gemeinsames Friedenshandeln.
Elementares ökonomisches Wertverhältnis
Global wie in Europa muss das Fundament menschenwürdigen Handelns in der Art des
Wirtschaftens gefunden werden. Nicht allein Eigentumsverhältnisse und Märkte fallen
dabei ins Gewicht. Schon Aristoteles klagte, man müsse von der „künstlichen“ Geldwirtschaft zum „natürlichen“ Wirtschaften zurückfinden, bezweifelte aber, ob das überhaupt
noch möglich sei. Das aber ist genau die Aufgabe, die im globalen Wirtschaften gelöst
werden muss: Wirtschaften und Finanzen auf die Realproduktion konzentrieren. Sie ist
der entscheidende Motor menschenwürdiger Globalisierung, nicht das sekundäre Geschehen der Märkte.
Hier ist an die Selbstkritik von Marx an seinem Lebenswerk zu erinnern. In allen Überlegungen seiner Theorie und nicht einmal in den Angriffen darauf wird sie berührt. Der
Grund ist zu verstehen. Marx hebt kurz vor seinem Tode die Differenz zwischen wahrnehmbaren Fakten und dem elementaren sozialen Verhältnis des Wirtschaftens hervor.
Tauschwert und ökonomischer Wert habe er in „Das Kapital“ nicht immer genau auseinander gehalten. Doch warum kam Marx nochmals auf den ökonomischen Wert zurück,
und zwar als Kritik an einem Lehrbuch der Politischen Ökonomie, d.h. wissenschaftlich,
nicht etwa bezogen auf aktuelle politische Aktionen?
Das Problem der gesellschaftlichen Arbeitsteilungen ist theoretisch und praktisch weittragender, als es damals vermutet wurde und gegenwärtig erörtert wird. Denn in diesen
Arbeitsteilungen erscheint das elementare ökonomische Wertverhältnis, der wirkliche
ökonomische Wert. Dieses Verhältnis verbindet arbeitende Menschen schon mit dem Akt
ihrer Produktion, d.h. noch ehe andere ökonomische Verhältnisse wie Eigentum, Tauschwert, Märkte, Geld und Kapital dazwischen treten.
Über die Arbeitsteilungen und das Wertgesetz der Zirkulation balanciert dieser Wert die
Labilität der jeweils menschenwürdigen Reife einer Gemeinschaft - ihr Werden in Krisen
und Übergängen. Im gesamten Verlauf der Geschichte ist dieses Verhältnis zusammen mit
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 17 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Moral wirksam. Die Arbeits- und Lebenszeit jedes Menschen wird letztlich vom diesem
realen Wert des Wirtschaftens bestimmt. Auf seiner Grundlage entsteht Menschenwürdiges, wirkliche Freiheit und Solidarität. Die kulturelle Reife einer Gesellschaft wird von diesem elementaren ökonomischen Wertverhältnis bestimmt.
Diese Crux begleitet alle gesellschaftlichen Kräfte bis in die Gegenwart. Auch der sogenannte reale Sozialismus hat das nicht bewältigt. Anstatt alle Kraft auf menschenwürdige
Arbeitsteilung im Lande und in der Welt zu konzentrieren, wurde der wirkliche ökonomische Wert schon in der Theorie übergangen, die auf Macht und Eigentum konzentriert
blieb. Die Kritik von Marx am eigenen Lebenswerk spielte in Forschung und Politik keine
Rolle. Stattdessen wurde versucht, Sozialismus ohne den wirklichen ökonomischen Wert
voranzubringen. Vergeblich!
Hier die entscheidende Stelle bei Marx: Wenn es im „Kapital“ hieß, die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, „so war dies, genau gesprochen, falsch...Ich teile also nicht
den Wert in Gebrauchswert und Tauschwert als Gegensätze , worin sich das Abstrakte,
„der Wert“, spaltet, sondern die konkrete gesellschaftliche Gestalt des Arbeitsprodukts;
„Ware“ ist einerseits Gebrauchswert und andrerseits „Wert“, nicht Tauschwert, da die
bloße Erscheinungsform nicht ihr eigner Inhalt ist.“ ( Bd. 19, Marx-Engels Werke, Berlin
1978, S. 379 f.) Auf S. 375f. fügt er hinzu, dass dieser gesellschaftliche Charakter der Arbeit in allen Gesellschaftsformen existiert.
Das elementare ökonomische Wertverhältnis, der wirkliche ökonomische Wert, darf daher nicht mit dem Tauschwert, der Wertgröße und dem Gebrauchswert verwechselt werden. Sie alle tragen historischen Charakter, wie das wirkliche ökonomische Verhältnis
selbst. Konnte dieser Kern marxistischer Ökonomie und Gesellschaftstheorie übersehen
werden? Das Ende des sog. realen Sozialismus war vorprogrammiert. Vernünftige Arbeitsteilung kam nicht zu Stande.
Das gilt auch für den Ratschlag, den Marx russischen Revolutionären hinterließ, falls sie an
die Macht kommen (S. 384 ). „Nur“ zwei Empfehlungen: Die alte russische Dorfgemeinschaft nicht antasten, solange sie die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt. Und ferner, für seine Industrie benötigt Russland Hilfe entwickelter Länder. Fazit: Größte Aufmerksamkeit den arbeitsteiligen Abteilungen der erweiterten Reproduktion im Lande und
in der Welt.
Der elementare Wert des Wirtschaftens wird noch immer in der offiziellen Wirtschaftswissenschaft, Sozialtheorie und Philosophie unterschlagen. Er ist aber das Fundament
humaner gesellschaftlicher Reproduktion, ihrer Arbeitsteilungen und Kulturen. Sein elementares Wirken ist die Quelle für Wärme in den Beziehungen zwischen Menschen und
Gemeinschaften oder für Kälte, wenn es missachtet wird.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 18 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Das betrifft nicht nur den Kapitalismus, Erkennbar wirkt der ökonomische Wert durch
seine Arbeitsteilungen weltweit in allen Gesellschaftsformen. Auch in denen mit völlig
unterschiedlichen Kulturen, Eigentums- und Machtverhältnissen ist das der Fall. Für vernünftige Lösung von Konflikten erlangen daher gemeinsame staatsmonopolistische Entwicklungen größte Aufmerksamkeit. Sie und neue soziale Bewegungen geben die Chance
friedlicher Wege, die über bloße Empörung hinausgehen. In überlegtem Wandel vereint,
können Männer, Frauen und vor allem Jugendliche weltweit menschenwürdige Lebenszeit durchsetzen. Jeder aufkeimenden Faschisierung würde begegnet! Infolgedessen sollte das kulturell-energetische Wirken des ökonomischen Werts in den Arbeitsteilungen,
Kulturen und sozialen Konsequenzen für die Identität der Menschen Europas wissenschaftlich und politisch intensiv weiter verfolgt werden.
Entwickelte Dialektik
Für menschenwürdige Identität Europas ist entwickelte dialektische Sichtweise des Handelns seiner Menschen sehr vonnöten, weil sie ihre Taten und wirklichen Verhältnisse als
Werden eines widersprüchlichen Ganzen versteht. Zum genauen Verständnis führen wir
an, wie Hegel Dialektik als wissenschaftliche Methode kennzeichnete. Im § 31 seiner
Rechtsphilosophie heißt es: „Die Methode, wie in der Wissenschaft der Begriff sich aus
sich selbst entwickelt und nur ein immanentes Fortschreiten und Hervorbringen seiner
Bestimmungen ist – der Fortgang nicht durch die Versicherung, dass es verschiedene Verhältnisse gebe und dann durch das Anwenden des Allgemeinen auf solchen von uns her
aufgenommenen Stoff geschieht, ist hier gleichfalls aus der Logik vorausgesetzt.
Das bewegende Prinzip des Begriffs, als die Besonderungen des Allgemeinen nicht nur
auflösend, sondern auch hervorbringend, heiße ich die Dialektik. Dialektik also nicht in
dem Sinne, dass sie einen dem Gefühl, dem unmittelbaren Bewusstsein überhaupt gegebenen Gegenstand, Satz, usf. auflöst, verwirrt, herüber und hinüber führt und es nur mit
Herleiten seines Gegenteils zu tun hat, - eine negative Weise, wie sie häufig auch bei Plato
erscheint. Sie kann so das Gegenteil einer Vorstellung, oder entschieden wie der alte
Skeptizismus den Widerspruch derselben, oder auch matter Weise eine Annäherung zur
Wahrheit, eine moderne Halbheit, als ihr letztes Resultat ansehen.
Die höhere Dialektik des Begriffes ist, die Bestimmung nicht bloß als Schranke und Gegenteil, sondern aus ihr den positiven Inhalt und Resultat hervorbringen und aufzufassen, als
wodurch sie allein Entwicklung und immanentes Fortschreiten ist. Diese Dialektik ist dann
nicht äußeres Tun eines subjektiven Denkens, sondern die eigene Seele des Inhalts, die
organisch ihre Zweige und Früchte hervortreibt. Dieser Entwicklung der Idee als eigener
Tätigkeit ihrer Vernunft sieht das Denken als subjektives, ohne seinerseits eine Zutat hin-
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 19 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
zuzufügen, nur zu. Etwas vernünftig betrachten heißt, nicht an den Gegenstand von außen her eine Vernunft hinzubringen und ihn dadurch bearbeiten, sondern der Gegenstand ist für sich selbst vernünftig, hier ist es der Geist in seiner Freiheit, die höchste Spitze der selbstbewussten (ureigenen) Vernunft, die in der Wirklichkeit begründet ist und als
existierende Welt erzeugt; die Wissenschaft hat nur das Geschäft, diese eigene Arbeit der
Vernunft der Sache zum Bewusstsein zu bringen.“
Hegel versteht dialektisches Werden und Vergehen von Ereignissen zwar als Wirken einer
absoluten Idee, die durch die Natur, die Gesellschaft und das menschliche Denken zu sich
selbst zurückfindet. Aber seine Dialektik ist mehr als Diskussion und Dialog. Sie geht
nicht nur Ereignissen in ihren Unterschieden nach, die wahrnehmbar sind. Darüber hinaus versucht sie zu ermitteln, welche inneren Verhältnisse eines Ereignisses dessen Existenz und Werden letztlich bestimmen.
Dieser entwickelte dialektische Denk- und Handlungsstil wird den widersprüchlichen Entwicklungen menschlichen Handeln gerecht, gerecht, die sich in der natürlichen, sozialen
und geistig-kulturellen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts vollziehen werden. Panta rhei –
alles ist in Bewegung, alles verändert sich ständig, aus eigener Energie, auf widersprüchliche Weise. Und so auch echte Diskussion, substanzieller Dialog und Handeln, das ganzheitlicher Wahrheitsfindung dient.
Entwickelter dialektischer Denkstil achtet dabei stets das Werden des anderen und seiner
Gemeinschaften, versetzt sich in ihre Lage und öffnet Wege gemeinsamen Handelns. Er
ist zutiefst menschenwürdig! Obwohl in Deutschland schon einmal weit entwickelt, steht
er noch immer vor seiner Reife in der globalen sozialen Identität der Menschen Europas.
Ob man es wahr haben will oder nicht: Entwickeltes dialektisches Denken und Handeln ist
das wichtigste Vermögen der Europäer gegen das transnationale Finanzimperium, seine
Manipulationen und Populismen.
Kein Wunder, dass dialektische Wertkompetenz - gemäß der Sache selbst - gegenwärtig
weder politisch, wirtschaftlich noch kulturell gefördert wird. Längst ist es jedoch erforderlich, mit ihrer Hilfe die längerfristigen Ansatzpunkte zu ermitteln, aus denen die kreative
soziale Identität Europas im 21. Jahrhundert hervorgehen kann.
Der EU und Europa steht bevor, Krisen zu überwinden und eine sozial ganzheitliche Identität zu gewinnen, die menschenwürdig wird. Auf Kosten der Lebenslage der Bevölkerung
und ihres Steueraufkommens ist das nicht möglich. Gemeinsame finanzielle Initiativen
von Anlegern und Banken, Wirtschaft und Staaten sind vonnöten. Ein solches Revival der
EU und Europas kommt in Sicht und darf nicht ausbleiben.
„Europäische Identität – sozial kreativ!“
von Prof. Dr. sc. phil. Heinz Engelstädter, Berlin (April 2013)
- Seite 20 von 20 -
www.berliner-wertekritiker.de
Dritte „Achsenzeit“
Infolgedessen stehen europäisches Empfinden, Denken und Handeln gegenwärtig vor
einer tiefgreifenden Wende, die sich mit sogenannten Achsenzeiten der Menschheit vergleichen lässt. Karl Jaspers führte diesen Begriff in die Geschichtsbetrachtung ein. Er markiert sozial kreative Umwälzungen im jeweils globalen geistig-kulturellen und materiellen
Leben. Die erste Achsenzeit vollzogen Menschen vom Mittelmeer bis Fernost, in der damaligen globalen Welt, in historisch kurzer Zeit um das 5. Jahrhundert vor Chr. Differenziert entstanden acht neue Auffassungen von Welt und Mensch. In religiöser Form das
Alt-hebräische in Nahost, das Zoroastrische im Irak, der Hinduismus und Jainismus in Indien sowie der Buddhismus. In China der kamen der Konfuzianismus und Taoismus sowie
in Europa die klassische griechische Philosophie hinzu. Alle richteten sich gegen eine
bestehende Priesterherrschaft, ebenso wie später Christentum und Islam. Alle diese
Wandlungen sind heute noch lebensfähig, d.h. sie müssen elementaren Bedürfnissen
entsprechen. Wir Menschen verfügen damit über erste Erfahrungen mit globalen geistigkulturellen Umwälzungen. Neue Identität wurde in regionalen Inhalten und Formen gewonnen, ohne allgemein fixierte Wertvorstellungen durchzusetzen!
Renaissance, Protestantismus und Aufklärung brachten die zweite Achsenzeit mit sich.
Diesmal ging sie von dem entwickelteren Europa aus, bereitete den Boden für größere
persönliche Freiheit und damit für kapitalistische Konkurrenz und Ausbeutung. Schon im
Alt-iranischen war zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte der Gedanke freier
Entscheidung zwischen gut und böse aufgetaucht. Jetzt wurde er zum rationalen Prinzip
menschlichen Erwägens und Handelns. Auch in allen Religionen und humanen Weltanschauungen ist enthalten: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu. Aber die soziale Evolution war noch nicht reif, um das global zu verwirklichen.
Diese Chance entstand erst um die Wende zum 20. Jahrhundert mit dem Wandel des
Reproduktionsprozesses der Menschheit. Jetzt steht die Menschheit anscheinend in der
dritten Achsenzeit. Die Erfahrungen der beiden anderen lehren vor allem differenziertes
Vorgehen in den jeweiligen Kulturen, möglichst ohne Gewalt, aber konsequent gegen
bestehende „Priesterherrschaft“. Niemand weiß, wann und wie das seinen Abschluss findet. Geschichte bleibt offen, nimmt aber einen anderen Gang, als es vielfach noch vorgestellt wird. Zweimal hat sich die Menschheit bereits kulturell erneuert. Warum sollte das
im 21. Jahrhundert nicht gelingen? Unmenschliche Gefahren eröffnen zugleich reale
Chancen für vernünftiges Zusammenleben in der Welt. Deshalb säubert die jüngste Geschichte aus, was dem entgegensteht. Menschliche Kreativität jedes Europäers ist dafür
gefordert.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
1
Dateigröße
169 KB
Tags
1/--Seiten
melden