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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Eingebildet
Wie die eigene Vorstellung unsere Wirklichkeit gestaltet
Autorin:
Ines Molfenter
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Mittwoch, 29.12.10 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
___________________________________________________________________
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MANUSKRIPT
Atmo Matrix:
Morpheus: "Hattest du schon mal einen Traum, Neo, der dir vollkommen real schien?
Was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachst? Woher würdest du
wissen, was Traum ist und was Realität."
Atmo Matrix Musik
Autorin:
Ein Ausschnitt aus „Matrix.“ Der Film, eigentlich ein Aktionfilm, greift indirekt eine alte
philosophische Frage auf: Woher wissen wir, dass das, was wir für real halten, auch
wirklich real ist? Den Programmierer Neo beschleicht immer wieder das Gefühl, sein
Handeln und Denken würden auf eine unheimliche Weise von außen gesteuert
werden. Als er den mächtigen Anführer einer Untergrundorganisation, namens
Morpheus kennenlernt, beginnt er durch ihn zu begreifen, dass er bisher nur in einem
computergesteuerten Traum gelebt hat.
Atmo Matrix Musik
Neo: "Das kann nicht sein!" - Morpheus: "Was? Realität?"
Autorin:
Neo weiß zuerst nicht, ob er dem, was ihm als Wahrheit offenbart wird, trauen kann,
denn die Wirklichkeit, in die er erwacht, gleicht einem Albtraum.
Atmo Matrix:
"Ich sagte nicht, dass es für Dich leicht würde, nur, dass es die Wahrheit ist."
Neo: "Schluss damit! Lassen Sie mich hier raus - lassen sie mich raus, ich will hier
raus!!" - Trinity: "Ruhig, Neo, ruhig..." - Neo: "…. Fasst mich nicht an, lasst mich in
Ruhe, lasst mich in Ruhe! Ich glaub das nicht, ich glaub das nicht, ich glaub das
einfach nicht..."
Autorin:
Neo weiß nicht mehr, was er glauben soll. Was ist Wirklichkeit, was ist Traum, oder
ist das alles ein Wahn?
Dr. Ursula Voss:
Der Traum und der Wahn sind zwei Zustände, die eng aneinander liegen.
Autorin:
Die Psychologin Dr. Ursula Voss lehrt an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in
Frankfurt am Institut für Psychologie und erforscht unter anderem den Schlaf und den
Traum.
2
Dr. Ursula Voss:
Im Traum ist es so, dass wir von der realen Welt abgeschottet sind, das Gehirn ist
auf sich gestellt und im Wahn ist es so, dass das Gehirn eigene Bilder generiert und
auch eigene akustische Halluzinationen generiert, das aber die Wirklichkeit noch
zugeschaltet ist, das heißt, wir haben hier eine wirkliche Überflutung, von Reizen,
das Gehirn produziert und die Außenwelt produziert und der Betreffende kann nicht
mehr unterscheiden. Beides ist unheimlich intensiv, wie der Traum auch unheimlich
intensiv ist, wenn wir im Traum sind, merken wir ja nicht, dass wir träumen,
normalerweise und wir haben ganz starke Emotionen, die damit einhergehen, weil es
sich so wirklich anfühlt und das ist in der Psychose offenbar der Fall, dass wir diese
Unterscheidung nicht mehr treffen können.
Autorin:
Zwischen der Zuschreibung, ob man krank oder gesund ist, einen Wahn oder einen
Traum hat, verläuft nur eine schmale Grenze, nämlich die zwischen Schlafen und
Wachen. Wird man im Traum von Monstern bedroht, oder springt von Häusern
herunter, weil man glaubt, man könnte fliegen, dann gilt man als gesund. Geschieht
dasselbe jedoch im wachen Zustand, wird man als krank eingestuft. Anita Medick,
die als Logotherapeutin unter anderem mit ehemaligen Wahnpatienten arbeitet,
weiß, wie fließend die Grenze zwischen Wahn und Traum sein kann und erzählt von
Anna, die ein phantastisches Erlebnis bis heute für eine wunderbare Realität hält.
Anita Medick:
Sie erzählte mir, dass sie eines Nachts aufwachte, ihr Zimmer war ganz hell, und sie
hörte so etwas wie eine himmlische Musik und sah lauter Engel um sich herum und
auch draußen, als sie hinausblickte, und sie war von einem Glücksgefühl erfüllt, wie
gar nie vorher und gar nie nachher in ihrem Leben und sie hat es wie eine Art
Einweihung erlebt und dieser Eindruck ist so stark gewesen für sie, dass es für sie
auch heute noch eine Realität darstellt, von der sie nicht abrückt, also sie besteht
darauf: Es ist so gewesen und hat nichts mit einem Krankheitsgeschehen zu tun,
obwohl sie durchaus anerkennt, dass sie psychotisch erkrankt war, sie war ja auch in
‘ner klinischen Behandlung, aber dieses Ereignis, das steht für sie ganz einzeln und
hat auch heute noch eine solche Wirkung und eine solche Macht über sie. Das ist
wie das Zentrum ihres Lebens. Ihres Schicksals.
Musik
Autorin:
Jeanne d’Arc hörte Stimmen und folgte ihnen, Hildegard von Bingen, Franz von
Assisi und Gotthold Ephraim Lessing waren berühmte Stimmenhörer, die von ihren
inneren Stimmen gelobt, kritisiert oder auf den richtigen Weg verwiesen wurden.
Religiösen Menschen gelten sie als Heilige, als von Gott auserwählt. Für manche
sind sie Visionäre, - andere wiederum halten sie für verrückt. Wie mit Traum, Vision
und Wahn umgegangen wird, scheint sehr von der Kultur, Religion und vor allem der
Zeit, in der wir leben, abzuhängen.
Petra Gehring:
Die Frage ist ganz alt, die Frage nach Unterschieden zwischen Wachen und
Schlafen, unterscheiden zwischen traumlos schlafen und mit Träumen schlafen. Aber
auch unterscheiden zwischen gesund sein und krank sein.
3
Diese Zustände zu unterscheiden, das ist ein Interesse gewesen, so alt wie alle
Überlieferungen, die wir haben. ..Beispiele für die Unterschiedlichkeit führen uns
sozusagen in ferne Jahrhunderte…...
Autorin:
Die Philosophieprofessorin Petra Gehring, hat sich in ihrem Buch „Traum und
Wirklichkeit“ besonders dafür interessiert, wie im Laufe der Menschheitsgeschichte
Träume, Wahnvorstellungen und Visionen bewertet wurden. Während heute fast
überall der Traum als ein rein biologischer Prozess betrachtet wird, in dem
irgendwelche Nervenzellen unkontrolliert Bilder ins Gehirn projizieren, hatten die
Menschen aus der griechischen Antike ein anderes Verständnis von Träumen und
Wachen.
Petra Gehring:
Es gab ein Wachen des Tages und ein Wachen der Nacht oder des Schlafes.
Insofern hat die Traumerfahrung, aus Sicht der griechischen Antike, Interessantes zu
bieten. Eine ganz vernünftige und eingespielte Alltagstechnik war, wichtige
Finanzentscheidungen nicht zu treffen, ohne sich doch noch mal einige Nächte lang
mit Träumen, die man so hat, zu beschäftigen. Mal zu gucken, gibt’s da
Traumzeichen, die irgendwie wichtig sind, bevor ich diese Investitionsentscheidung
treffe.
Autorin:
Dieses Selbstverständnis mit dem Traum, den Visionen dieser irrationalen Seite
umzugehen, hat sich erst mit der Epoche der Aufklärung verändert. Denn alles, was
sich durch die Vernunft nicht fassen lässt, wird ab dem 18. Jahrhundert rigide
abgelehnt. So hat die Aufklärung den Menschen zwar von blindem Aberglauben
befreit und als reflektierendes und denkendes Individuum mündig gemacht.
Andererseits hat sie den Menschen aber auch einer Dimension beraubt, die in
anderen Kulturen oder auch in früheren Zeiten eine Selbstverständlichkeit waren,
nämlich das Unerklärliche, das Irrationale ernst zu nehmen. So ist der schmale Grad
der Vernunft zu unserem Leitfaden geworden. Der Philosoph Reneé Descartes, der
Begründer dieses frühen Rationalismus schreibt:
Zitat Reneé Descartes:
„Ob wir wachen oder schlafen, nie sollten wir uns durch etwas anderes lenken
lassen, als durch die Klarheit unserer Vernunft“.
Musik
Autorin:
Im Mittelalter dagegen, erklärt Petra Gehring, wurde der Traum sehr ernst
genommen. Während ein Mensch schlief, hatten sowohl Gott als auch Teufel leicht
Zugang zum Geist Schläfers.
Petra Gehring:
In der Traumerfahrung kann uns das ganz besonders Bedeutsame zustoßen,
Zeichen Gottes beispielsweise. Aber wir sind auch ganz besonders gefährdet. Also
üble Einflüsse, Dämonisches, vor dem uns im Wachen die Moral und die Haltung und
der Glaube schützen, prasseln nachts ungefiltert auf uns ein. Wir sind verführbar in
der Nacht, durch irgendwelche Dinge, die uns vorgegaukelt werden, die gefährlich
sind und uns in Richtung Sünde beeinflussen und so weiter.
4
Das heißt, die Traumerfahrung nachts wird erstens zu einer hochgradig
bedeutsamen, ganz anders als in der Antike, einer vielleicht sogar brisanten
Erfahrung, vor der man aber tendenziell auf der Hut sein muss, die man sehr besorgt
prüfen muss.
Autorin:
Die Bibel ist voller Geschichten von Träumern und Menschen, die Erscheinungen
haben: Abraham, Jakob, Moses, Maria, um nur einige zu nennen. Ihre Visionen
beeinflussten sie in ihrem realen Leben. Doch wie sicher kann man sich sicher sein,
dass unsere Wahrnehmung die Wirklichkeit wiederspiegelt?
Atmo Matrix:
Neo: "Das hier ist nicht wirklich?" Morpheus: "Was ist die Wirklichkeit?? Wie definiert
man das, Realität? Wenn du darunter verstehst, was du fühlst, was du riechen,
schmecken oder sehen kannst, ist die Wirklichkeit nichts weiter als elektrische
Signale, interpretiert von Deinem Verstand.“
Autorin:
Die Farbe Grün zum Beispiel: physikalisch gesehen gibt es sie nicht. In der Physik ist
sie nur ein Spektrum aus unterschiedlichen Wellenlängen. Von dem Wellengemisch
des Sonnenlichts saugen z.B. Blätter alle möglichen Farben auf, reflektieren aber
lediglich den Grünanteil. Was wir als grün definiert haben, sieht jedoch eine Biene
beispielsweise, völlig anders. Ihr Sehapparat nimmt einen anderen Bereich des
elektromagnetischen Spektrums wahr. Wie sehr kann man also seiner
Wahrnehmung trauen, wenn sie einem vorgaukelt, die Blätter seien grün. Der
Kommunikationswissenschaftler und Philosoph Paul Watzlawick, ist bei seinen
Forschungen zu dem Schluss gekommen:
Zitat Paul Watzlawick:
„Der Glaube, es gebe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste Selbsttäuschung.“
Autorin:
Wer meint, die Welt wäre genau so, wie er sie sieht, sollte nicht vergessen, dass
Natur- und Geisteswissenschaftler immer wieder neue Erkenntnisse und Theorien für
psychische Prozesse entwickeln. Abhängig auch von gesellschaflichten
Konventionen und den Möglichkeiten der Forschung. Heute weiß man, dass bei der
Entstehung des Wahns unter anderem entgleiste chemische Prozesse im Gehirn
beteiligt sind. Doch gleichgültig, was wir tun, unsere mentalen Tätigkeiten werden
immer von einem biochemischen Cocktail, in unterschiedlicher Zusammensetzung,
begleitet. Und gibt es nicht Zustände, die uns auch als „Normale“ aus dem
vernunftorientierten Lebensweg katapultieren können, wie z.B. das Verliebtsein? Der
Philosoph und Psychologe Prof. Erich Kasten hat in seinem Buch: „Die irreale Welt in
unserem Kopf“ beschrieben, von wie viel Faktoren unsere persönlichen
Wahrnehmungen abhängen.
Prof. Erich Kasten:
Also, wir finden sowohl beim Wahn wie auch bei Halluzinationen durchaus Vorstufen
beim normalen Menschen. ….Wenn der 50 jährige sich in eine 23jährige verliebt,
können sie ihm das nicht ausreden.
5
Da spielt ein Hormoncocktail in seinem Gehirn völlig verrückt und der kann sich noch
1000mal sagen: Er setzt seine Ehe aufs Spiel und das kostet ihn ‘ne halbe Million,
wenn er aus der Ehe aussteigt, weil dann Scheidung und so weiter wird teuer. Wenn
die Hormone ihm sagen, die 23jährige ist hübsch, dann kommt er nicht gegen an.
Und das sind auch so Vorstufen von wahnhaftem Denken, die jeder Realität, jeder
Logik entbehren und trotzdem tun wir es.
Autorin:
Schafft sich also jeder seine eigene Wirklichkeit? Eine Überlegung, die einem
nahelegt, zu überdenken, was man oft gedankenlos als normal, unnormal oder
verrückt bezeichnet. Denn wenn man sich überlegt , wie lange die Menschheit schon
über das Phänomen Wirklichkeit und Wahn nachgedacht hat, wird einem bewusst,
dass sich auch die Bedeutung des Traums, der Visionen, ja sogar des
Stimmenhörens im Laufe der Geschichte gewandelt hat.
Prof. Erich Kasten:
Es gibt es interessanterweise auch, dass manche Erfindungen im Traum gemacht
werden…..
Atmo: Musik
Zitator:
" Mein Arbeitszimmer lag nach einer engen Seitengasse und hatte während des
Tages kein Licht.... Ich drehte den Stuhl nach dem Kamin und versank in Halbschlaf.
Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Alles in Bewegung, schlangenartig
sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfasste
den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie
durch einen Blitzstrahl erwachte ich; auch diesmal verbrachte ich den Rest der Nacht
um die Konsequenzen der Hypothese auszuarbeiten."
Autorin:
Der Chemiker Friedrich August Kekulé hatte die Strukturformel von Benzol im Traum
gesehen und damit die Grundlagen für die organische Chemie gelegt.
Prof. Erich Kasten:
Dafür hat man Erklärungen und zwar ist es so, dass wir im normalen Alltagsleben,
bei der Arbeit haben wir dominante neuronale Verknüpfungen. D.h., man hat also
gelernt, welches Denken zum Erfolg führt. Bei manchen Dingen, die man so
abarbeiten muss, kreisen wir dann, wenn wir die Lösung eines Problems suchen,
immer in denselben Bahnen, die sich als dominant erwiesen haben. Nur, wenn es um
etwas völlig Neues geht, können wir im Wachbewusstsein diese dominanten
Gedankengänge nicht verlassen. Im Schlaf ist es dann so, dass hier quasi durch die
Sedierung des Gehirns diese dominanten Gedankengänge nicht mehr so wichtig
sind und dann kann im Schlaf also ein völlig neuer Impuls sich durchkämpfen, den
wir im Wachbewusstsein niemals gehabt hätten, weil wir ihn einfach als unwichtig
abgetan hätten.
Autorin:
Doch was passiert, wenn sich dieses seelische Gefüge nicht nur in der Nacht lockert,
sondern am Tag? Auch im Wahn verändern sich plötzlich Wahrnehmungen, steigt
man aus bekannten Denkmustern aus.
6
Und mancher scheinbar seelisch kranke Patient gebiert trotz oder gerade wegen
einer seelischen Erkrankung - Großartiges. Nicht selten haben berühmte Künstler
von ihren Dämonen erzählt; ihre „Irrwege“ spiegeln sich in ihrer Kunst wieder. Ob
Robert Schumann, Hölderlin, Nikolaus Lenau, ob Vincent van Gogh oder Chopin, die
Liste wäre noch lange fortzusetzen. Vielleicht würde man heutzutage den einen oder
anderen großen Geist sedieren, würde mit Psychopharmaka versuchen, ihn in die
Welt der Normalen einzugliedern. Vincent van Gogh hatte dazu seine eigene
Meinung:
Zitator:
Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen - doch es
wachsen keine Blumen auf ihr.
Autorin:
Die Kunst, Blumen wachsen zu lassen, ist ein Akt der Phantasie - ein Wort, das wir
ohne Scheu im Alltag verwenden, obwohl es doch höchst Irrationales beinhaltet.
Phantasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „Erscheinung“,
„Vorstellung“, „Traumgesicht“. Denn die gleichen neuronalen Prozesse, die es uns
ermöglichen, Bilder zu malen, Romane zu schreiben oder auch Häuser zu entwerfen,
sind daran beteiligt, dass die Grenzen zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit
verschwimmen.
Atmo: Musik
Alice M:
Ich hatte ein kleines Appartement an einer befahrenen Straße und steckte mitten in
meinem Kunststudium. Eines Abends überkam mich das Gefühl, als wäre ich nicht
allein in der Wohnung. Es war ein merkwürdiges Gefühl und auch während ich
dieses Gefühl hatte, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ich geträumt habe oder
ob ich wach war. Das passierte immer, wenn ich in meinem Bett saß. Dann hatte ich
plötzlich das Gefühl, da ist noch jemand im Raum. Ein Wesen, irgendwie, das mich
beobachtet. Es war komisch, weil: es sprach nicht mit mir. Ich fühlte nur diese
Verbindung zwischen uns. Manchmal, wenn dieses Gefühl zu stark wurde, bin ich
aufgestanden oder meinte zumindest, ich wäre aktiv aufgestanden und hätte mich in
dem kleinen Badezimmerspiegel angeschaut, wie um mich meiner zu versichern. Da
kamen mir dann plötzlich meine Augen ganz fremd vor. Sie blickten mir aus dem
Spiegel entgegen, als gehörten sie nicht zu mir.
Autorin:
Viele Jahre spätere, Alice M. hatte geheiratet und Kinder bekommen, geriet sie in
noch tiefere Wahrnehmungsirritationen. Heute weiß sie diese als ein Signal zu
erklären, dass sie dringend etwas an ihrem Leben ändern musste. Ihre Gedanken
und Erfahrungen hat sie für diese Sendung aufgeschrieben.
Alice M:
Manchmal folgt man einer inneren Stimme, einem Gefühl, das einen direkt in die
Hölle zu bringen scheint und doch war es im Nachhinein gut so.
Autorin:
Alice M. lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem kleinen Dorf. Eine enge
Welt, die ihr nur noch wenig Luft zum atmen ließ.
7
Ein Ausbruch aus ihrem „goldenen Käfig“, wie sie ihn später beschreiben wird, trieb
sie kopflos in die Arme eines früheren Liebhabers und bracht so ihr seelisches
Gefüge gefährlich ins Wanken. Obwohl es zwischen Alice und dem Mann aus ihrer
Vergangenheit nicht zum Äußersten gekommen war, wie sie sagte, hatte sie bereits
eine Gewissensgrenze überschritten.
Alice M:
Auf der Heimfahrt in der Nacht überwältigten mich solche Schuldgefühle.
Irgendetwas ging mit mir vor. Mir stieg die Hitze ins Gesicht, ich spürte, dass sich
meine Gedanken festzurrten, wie kleine Ketten um mich herum legten. Ich war
plötzlich besessen von einem Gedanken, dass ich mich mit einer schweren Krankheit
bei ihm angesteckt haben könnte und ich hatte furchtbare Angst, dass ich nun
wiederum meine Kinder anstecken könnte. Es war wie in einem Albtraum aus dem
ich nicht aufwachen konnte.
Autorin:
Alice hatte die letzten beiden ihrer drei Kinder knapp aufeinander bekommen. Ihre
Schlafreserven waren aufgezehrt. Ihre Kunst, die Malerei, die ihr bis zur Geburt ihres
ersten Kindes ein wichtiges Ventil gewesen war, hatte keinen Platz mehr in ihrem
Leben.
Atmo Musik
Alice M:
Als ich in der Nacht nach Hause kam, freuten sich alle so, dass ich wieder da war.
Das war unerträglich. Ich war zu einer Verräterin geworden. Ich hatte kein Recht
mehr auf ihre Liebe - vielleicht war der Gedanke, dass ich mich angesteckt hatte und
schwer krank war, sowas wie eine Selbstbestrafung.
Autorin:
Vielleicht hingen die wahnhaften Gedanken aber auch mit einer totalen psychischen
Überforderung zusammen. Der Arzt Wilhelm Dement hat In den 60er Jahren einen
Versuch durchgeführt, in dem er Menschen den Traum genommen hat. Jedes Mal,
kurz bevor der REM Schlaf einsetzte, hatte er die Klienten geweckt. So konnte das
Gehirn Erlebtes nicht mehr verarbeiten. Eine Reizüberflutung, die sich dann tagsüber
bei den Klienten ein Ventil in Form von Halluzinationen, seelischen Störungen oder
auch Wahnvorstellungen suchte. Alice war durch Schlafentzug, das Aufgeben ihrer
Malerei, in einem ähnlichen Zustand.
Alice M:
Alles drehte sich nur noch um die Wahrscheinlichkeit, ob ich mich angesteckt haben
könnte oder nicht und welche Wege ich mit meinen Kindern vermeiden musste. Ich
gestand meinem Mann, was passiert war. Es war Sommer und ich wagte nicht
einmal mehr, mit meinen Kindern ins Schwimmbad zu gehen.
Autorin:
Schon in der Kindheit habe sie sich oft ins Bett gelegt und im Dämmerzustand ihre
inneren Bildern und Gedanken aus sich heraus fließen lassen. Sie hatte deutlich
gespürt, wie dann in ihre Seele Frieden eingekehrt war, als hätte jemand darin
aufgeräumt, erklärt sie. Doch jetzt waren ihre Gedanken ständig damit beschäftigt,
den Ausweg aus ihrem Irrglauben zu finden, unheilbar krank zu sein.
8
Ihre Freundin aus Kindertagen, die Lehrerin Amena Mallick, versuchte sich damals in
das Problem hineinzudenken.
Amena Mallick:
Was eigentlich das Schwierige war, ist, dass eigentlich kein normales Gespräch
mehr möglich war, weil immer mitgeschwungen ist: Ist alles in Ordnung? Kurzfristig
war‘s in Ordnung, es war lustig, es konnte vergessen werden, aber es war immer
wieder da. Und schwierig war die Ohnmacht, dass man selber nichts dagegen
machen kann. Dass man kurzfristig Erleichterung und Trost spenden kann, sagen
kann: es ist alles in Ordnung, aber weiß, es hält nicht lange an.
Alice:
Ich fing an, darauf zu achten, wo ich meine Zahnbürste hingelegt hatte und sobald
ich mir nicht sicher war, ob die Kinder vielleicht ihre mit meiner verwechselt hatten,
fing ich an darüber nachzudenken, ob und wann sie im Bad waren. Ich war einfach
fest überzeugt davon, dass ich für mein Fehlverhalten bestraft würde.
Amena Mallick:
Alles ringsum war Gefahr der Ansteckung. Zum Beispiel ganz praktisch: Löffel! Ein
Löffel, der benutzt wurde , musste möglichst schnell gespült werden, weil wenn er
unbeobachtet auf dem Tisch lag, eventuell von einem der Kinder genommen werden
konnte und benutzt werden Dann kamen Fragen: „Meinst du, er hat den Löffel
genommen?“ und dann wurde recherchiert, ob es denn die Möglichkeit gab, dass er
überhaupt den Löffel hätte benützen können und es wurde dann bis ins Detail
betrieben und wiederholt und dann wurde wirklich in detektivischer Arbeit
nachgedacht, wo denn derjenige in der Situation gewesen ist, wo der Löffel gelegen
ist und ob - und dann dann wurde recherchiert, ob es denn die Möglichkeit gab, dass
er überhaupt den Löffel hätte benützen können und es wurde dann bis ins Detail
betrieben und wiederholt und dann wurde wirklich in detektivischer Arbeit
nachgedacht, wo denn derjenige in der Situation gewesen ist und wo der Löffel
gelegen ist und dann immer die Fragen: Meinst du oder nicht? Oder doch?
Autorin:
Alice M. holte sich Hilfe bei einem Psychiater. Er verschrieb ihr Psychopharmaka und
behandelte sie mit Psychoedukation, einer Methode, die dem Patienten genau
erklärt, woran er leidet. Alice hatte eine Mischung aus Depression und einer
Angststörung, zu der sich jetzt noch der Zwang gesellt hatte.
Amena Mallick:
Man hat das Gefühl gehabt, ihr Gehirn schaltet gar nicht mehr ab und schaltet gar
nicht mehr runter. Und was auch schlimm war, war zu sehen, dass es sie äußerlich
mitgenommen hat. Man hat wirklich gesehen, dass sie verzweifelt an ihrer eigenen
Sorge und ihren eigenen Ängsten.
Autorin:
Ihren Liebhaber hat sie nicht wieder gesehen. In der Zwischenzeit lebt Alice M. von
ihrem Mann getrennt. Sie hat sich aus der engen Lebens- und Gedankenwelt befreit.
Auch die Tabletten braucht sie nicht mehr. Ihre Angst krank zu sein und andere
anstecken zu können, ist verschwunden. Eine Psychotherapie hat ihr geholfen zu
verstehen, dass es ihr schwer fällt sich abzugrenzen, sich ein eigenes Leben zuzugestehen. Eine mögliche Folge aus Erfahrungen in ihrer Kindheit.
9
Alice:
Meine Eltern hatten sich in meiner Kindheit massiv gestritten. Ich musste immer
vermitteln, tröstete in den Nächten meine Mutter, hatte aber auch Verständnis für
meinen Vater. Mich zu lösen, war für mich immer mit Schuld behaftet Ein Muster, das
ich auch auf mein Familie und meine Ehe übertragen habe.
Prof. Erich Kasten:
Es sind fast immer traumatische Erlebnisse in der Kindheit, so Liebesentzug von der
Mutter, Waisenkinder, oder so was, Schlüsselkinder, …gravierende Verluste….das
Risiko steigt schon, also sowohl auf Grund, ‘ner genetischen Basis, also, so wie
frühkindlichen traumatischen Erlebnissen.
Autorin:
Abgesehen von den bisherigen Therapien bei einem Wahn oder einer Psychose,
wird von Wissenschaftlern der Universitäten Bonn, Darmstadt und Mainz sowie der
Harvard Medical School noch ein anderer Weg aus dem Wahn erforscht. Die neuen
Überlegungen sind aus Erfahrungen von Menschen mit Alpträumen abgeleitet. Die
können lernen, ihre Trauminhalte zu beeinflussen. Man nennt das auch Klarträumen
oder luzides Träumen. Dem Träumer gelingt es mit einiger Übung, sich im Träumen
bewusst zu machen, dass er träumt. um dann gestaltend in die Traumhandlung
einzugreifen. So werden die Träumer vor dem Einschlafen aufgefordert, sich schon
im Vorfeld Interventionen für mögliche Angreifer auszudenken.
Dr. Ursula Voss:
Typischerweise ist es so, dass man auf der ersten Stufe ein Werkzeug mit in den
Traum hineinnimmt, dass man dann einsetzt, also z.B. ein gedachtes Werkzeug oder
eine gedachte Waffe, einen Stock, mit dem man den Angreifer in die Flucht schlagen
kann oder, was viele auch tun, dass sie den Angreifer dann zur Rede stellen, also
dass sie lernen, anstatt wegzulaufen oder in Angst und Panik zu verfallen, stehen
bleiben und sich zu dem Angreifer hinwenden und den fragen: „Was willst du von
mir?“
Autorin:
Die Erfahrung, dass man trainieren kann, auf die Träume einzuwirken, kann
möglicherweise auf Menschen mit einer Psychose übertragen werden, hofft Dr.
Ursula Voss. Die Ergebnisse bei Klarträumern sind jedenfalls beachtlich. Mancher ist
schon so geübt, dass seine Angreifer und Schreckgespenster längst verschwunden
sind und er sich ganz den Schönheiten und Freiheiten des Träumens hingeben kann.
Dr. Ursula Voss:
Ich hatte einen Probanden, der hat einfach immer mit einer Handbewegung Häuser
weggewischt oder wieder zum Vorschein kommen lassen, einfach immer hin und her.
Eine andere Probandin hat Feuerbälle geworfen und dadurch hat sie auch immer
unterschieden, ob sie wach ist oder schläft. Sie hat dann festgestellt, dass wenn sie
die Feuerbälle werfen kann, dann muss sie wohl im Traum sein und wenn sie sie
nicht werfen kann, dann ist sie wach.
Atmo Musik Matrix:
Morpheus: [Neo öffnet seine Augen] "Willkommen in der wirklichen Welt!
10
Buchtipp:
Paul Watzlawick
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Wahn, Täuschung, Verstehen.
Taschenbuch: 252 Seiten
Piper; Auflage: 21. (1995)
ISBN-10: 349220174
ISBN-13: 978-3492201742
Dr. Erich Kasten
Die irreale Welt in unserem Kopf:
Halluzinationen, Visionen, Träume"
284 Seiten
Reinhardt Verlag, München; Auflage: 1., Aufl. (19. März 2008)
ISBN-10: 3497019828
ISBN-13: 978-3497019823
Dr. Petra Gehring
Traum und Wirklichkeit
Zur Geschichte einer Unterscheidung
Campus Verlag 2008
ISBN-13: 9783593387352•
ISBN-10: 3593387352•
Best.Nr.: 23846146
11
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Seele and Geist
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