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Andrej E. Skubic: Koliko si moja? Wie sehr bist du mein?

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Andrej E. Skubic: Koliko si moja? Wie sehr bist du mein?
1. (Romanauszug)
Nein, zuerst mal zusammenfassen, wie das alles aussah, wie sie waren, Anjas Manifestationen in der
Akutphase.
Als ich nach Hause kam und dieses Ding da auf der Ablage im Badezimmer sah, war mir erst mal
nichts klar. So ein Stäbchen, wie der Griff einer abgehobenen Zahnbürste, hatte ich noch nie
gesehen, um zu wissen, was das ist. Eigentlich hatte es mich schon gewundert, wo Anja war, denn
ihre Schuhe standen im Vorzimmer, sie meldete sich jedoch nicht, auch in der Wohnküche sah ich sie
nicht und die Schlafzimmertür war verschlossen. Doch dann erschütterte mich der Blick auf diesen
Strich und das Kreuz in den zwei Fensterchen auf dem Gerät, die beide etwas ähnelten, das ich doch
schon mal gesehen hatte, im Fernsehen, in der Werbung.
Adrenalin knallte mir rein: Ich starrte Strich und Kreuz an und überlegte verwirrt, was denn ein Kreuz
und ein Strich bedeuten könnten, ob es zwei Striche sein müssten – die Interpretation einer
substantiellen Information von lebenswichtiger Bedeutung, nur gänzlich arbiträr. Und dann sah ich
sie im Spiegel in der Badezimmertür stehen: Sie sah aus wie aus so einer Horrorshow, sofort war mir
alles klar. Sie war total aufgeschwollen, verändert; sie war aus dem Schlafzimmer gekommen,
offensichtlich hatte sie geweint. So sieht ein Mensch nicht aus, wenn die Info lautet: NEIN.
Ach ja, der Kontext: Zu dieser Zeit waren wir tatsächlich dabei, ein Kind zu machen. Ehrlich gesagt,
eher auf ihr Drängen als auf meines, aber ich muss gestehen, dass ich mich langsam für die Idee
erwärmen konnte. Solche Anwandlungen hatte sie bereits vor etwa fünf Jahren gehabt, doch damals
war mir diese Vorstellung so abgedreht und inkompatibel mit unserem Lebensstil erschienen, dass
ich entschieden dagegen war, und deswegen hatten wir sogar einige Streitereien, weil sie etwas vom
Alter redete. Voll Alter, mit fünfunddreißig. Dann gab sie fünf Jahre Ruhe, und als sie unlängst das
Thema noch einmal erwähnte, war es irgendwie anders; ich meine, es kam mir ein bisschen so vor,
als könnten wir die Sache durchziehen. Vielleicht hatte ich das nicht mit besonderer Begeisterung
gezeigt, aber ich hatte nichts dagegen gesagt, war eher still, auch später, als sie mir offenbarte, dass
sie mit der Pille aufgehört hatte. Und tatsächlich begann mir der Gedanke irgendwie zu gefallen, im
Geist zeigte sich dieses Bild wie etwas total Erwünschtes, Angenehmes: Ich, sie und noch jemand, ein
unseres.
Und dann geschah das alles vierzehn Tage, nachdem ich aus Griechenland zurückgekommen war, aus
Patras, wo wir drei Wochen gedreht hatten. Warum ich eigentlich nach Griechenland gegangen war:
Es war nicht hundertprozentig notwendig gewesen, aber solche Dinge mache ich gerne, weil sie fein
sind und es für die Mann-Frau-Beziehung gut ist, wenn sich beide ab und zu voneinander ausruhen
können. Es stimmt zwar, dass sie damals nicht ganz meiner Meinung war, ihr schwebte etwas vor,
dass wir zu dieser romantischen Zeit nach Stein an der Donau fahren könnten, Neujahr feiern, ins
Kamptal Wein kaufen und so: Aber ich hatte eine so gute Gelegenheit, wieder einmal ein wenig von
ihr wegzukommen. Als wir uns verabschiedeten, war sie ein wenig verärgert, als ich zurückkam, nicht
mehr. Nein, als ich zurückkam vögelten wir wie… wie, ach, es war, als gäbe es kein Morgen, total
euphorisch, Sex, den man nicht vergisst, sie vergewaltigte mich praktisch; kein Zeichen von Groll. Auf
ein Zeichen erfolgreicher Befruchtung warteten wir schon eine Zeit lang, tja, ein gutes halbes Jahr, so
dass, nun, dieser Zusammenhang – Strich und Kreuz, im Spiegel ihre verschwollene, emotionale
Fratze – man kann sich vorstellen, wie mir alles in den Kopf schoss und wie ich mich umdrehte, ich
grinste so, dass ich noch jetzt den Krampf im Gesicht spüre, ich war wirklich glücklich, als sei endlich
etwas Großes in meinem Leben geschehen; doch als nächstes blieb vom Grinsen nicht viel mehr als
der Krampf. Jetzt ist wohl schon jedem Idioten klar, was dann geschah, und es geschah so, dass sie
nur eine Sache sagte, ganz einfach:
– Es ist nicht deins.
Und das war’s, hat keinen Sinn weiter zu sprechen.
Dann waren meine Kommentare nur noch gedämpft zu hören, wie aus einem tiefen Gewässer. Denn
dann war alles nur noch, keine Ahnung, wer da redete, das war nur noch ein Film, ich hatte mich
selbst überhaupt noch nie in so einem Film gesehen. Das war nur noch die reinste
Fantasievorstellung.
(Wie meinst du das jetzt?)
– Egal. Es ist nicht deins.
(Trockener Mund, große, riesige Zunge, hölzern wie ein entwurzelter Baumstumpf, in den Ohren
hämmerte es.)
(Red‘ keinen Scheiß! Bist du irre? Was, nicht meins? Von wem ist es denn, dieses „nicht meins“?)
– Das ist jetzt nicht wichtig. Das ist egal. Lass mich in Frieden, bitte … Lass mich einfach in Frieden.
(Wem ist das egal?)
– Komm, bitte, geh‘. Geh‘ raus.
(Wohin soll ich gehen?)
– Geh‘ irgendwohin. Nur, dass du jetzt eine Zeit lang … eine Zeit lang nicht hier bist, nur das bitte ich
dich. Ich würd dich nicht … nie … ich hab nicht … Geh einfach.
Ich weiß nicht, was mit mir los war. Ich starrte sie an und wünschte, dass es mich nicht gäbe. Was
geht denn jetzt hier ab? Noch immer konnte ich mir kein bisschen vorstellen, was hier geschehen
war. Moment, ich bin doch nur zur Tür reingekommen. Wie, nicht meins? Von wem? Wann hätte das
denn passiert sein sollen? Anzeichen hatte es auch keine gegeben. Und dann war mir klar:
Griechenland, über Neujahr.
– Warte, hör zu, Anja, ich sprach langsam, langsam kehrte ich zurück ins Bild. – Das kann, was weiß
ich, was sein, aber könnten wir nicht ein wenig …
Das sind diese Worte, auf die ich ein wenig mehr hätte beharren sollen, und alles könnte ganz anders
sein.
– Nein, nicht der richtige Zeitpunkt, sagte sie. – Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Später. Los jetzt,
geh!
Ihr Gesichtsausdruck war so sehr am Rande des Wahnsinns, dass er mit ihr selbst total im Argen war,
und so was von nicht von dieser Welt, dass er mich regelrecht erschreckte. Das war nicht dieselbe
Frau, mit der ich morgens Kaffee getrunken hatte. Ich hatte Kaffee getrunken und war dann zum
Schneiden gegangen, aber das war ein anderer Film. Hier war gerade eine Alte aus Studenec inmitten
einer psychotischen Episode, in – was weiß ich, etwas, meiner Welt so fern, dass ich mich in diesem
Moment nicht einmal zufällig damit auseinandersetzen konnte. Ich hätte ihr ein paar scheuern sollen,
aber wie kann man einer so sexy Frau mit Beinen bis zum Himmel ein paar scheuern? So ganz
unvermittelt? Dann hätte sie sich vielleicht beruhigt, und wir hätten uns unterhalten können. Aber
das tat ich nicht.
– Komm zurück, sagte sie, als ich mir die Schuhe wieder anzog. – Geh nicht.
Ich richtete mich auf.
– Jetzt geh, aber später komm zurück, sagte sie. – Ich meine, nicht so, nicht fortgehen.
– Verfluchte Scheiße, sagte ich und hatte in Rekordzeit meine Jacke wieder an, obwohl ich jetzt
knapp davor war, ihr doch ein paar zu scheuern, weil das ein angebrachter Abschied gewesen wäre.
Eine solche Idiotie hat die Welt in ihrer ganzen Geschichte noch nicht gesehen.
– Komm zurück, bläute sie mir ein, als ich bereits wie ein Trottel im Flur stand, sie hielt die halb
geöffnete Tür fest und nur ihr Kopf war in der Tür, Licht umflutete ihn, so dass ich ihre Visage
überhaupt nicht mehr sehen konnte. – Mach, komm später zurück.
– Und von wem ist es dann? fragte ich noch einmal, weil ich mir trotz allem bereits ein paar Konzepte
zurechtgelegt hatte, vorher, beim Anziehen.
– Es ist nicht deins, sagte sie entschlossen und warf die Tür zu, dann hörte ich nur, wie die Schlösser
klickten, dreimal unten, zweimal oben. Und hundertpro die Schlüssel stecken gelassen.
2. (Romanauszug)
Komische Geräusche aus dem Klo unterbrechen mich, Anja spricht laut, weil das Fenster an der Seite
des Hauses geöffnet ist und sie weiß, dass ich sie auch hier hören kann, am Tisch unterhalb des
Wirtschaftsgebäudes:
– Was ist denn das jetzt? Warum blut‘ ich jetzt so?
Ich spitze die Ohren. Ein total unangebrachter Kommentar an diesem spätsommerlichen Nachmittag.
Er lässt sich jedoch nicht ignorieren.
Ich springe auf und trete ins Haus.
– Hast du etwas zu mir gesagt?
– Tomo, ich blute wie irre. Das kann nicht wahr sein.
Als ich durch die Speis ins Badezimmer blicke (ja, so ein System haben wir), ist die Tür geöffnet und
sie streckt mir ein Stück Klopapier entgegen, das ich lieber nicht gesehen hätte, rot mit schwarzen
Flecken dazwischen. Oh, fuck, ihr Weiber, bei euch rinnt ständig wo etwas: Was denn, ist das normal
für dich, mit diesem Stück Papier herumzufuchteln? Würde ich am Klo bluten, würde ich es dir denn
als allererstes auf’m Klopapier zeigen?
– Es tropft ja nicht wirklich, aber alles ist blutig, meint sie.
– Tut dir was weh?
– Nichts.
Wir starren einander an. Anja wirft das Papier weg, nimmt ein neues, wischt sich damit ab. Ich stehe
da wie angenagelt: Was ist nur mit dieser Schwangerschaft? Das darf doch wohl nicht wahr sein.
Könnte es nicht anders sein? Wären wir jetzt in Ljubljana, wären wir in fünfzehn Minuten im
Krankenhaus, aber so – wer hätte das gedacht? Aber auch hier bringen Frauen Kinder zur Welt und
machen daraus kein solches Drama, sie gebären vielleicht auf dem Feld, oder haben es einmal getan.
Warum gerade wir?
– Was jetzt? frage ich. – Ins Krankenhaus?
– Weiß nicht, meint Anja, sie hat einen abwesenden Blick, die Augen starren irgendwohin nach innen.
– Für eine Frühgeburt ist es zu früh. Das Kind treibt ab.
– Geht man dafür nicht ins Krankenhaus?
– Es tut nicht weh, sagt sie und schaut dabei ganz verloren drein.
Ich springe zur Kredenz und nehme die Schlüssel. Wir werden hier jetzt wohl nicht
herumphilosophieren.
– Zieh dich an, sage ich. – Und nimm deine Versicherungskarte mit.
– Warte, meint sie, ich ruf‘ die Gynäkologin an.
Nicht zu glauben. Sie blutet, Anfang sechster Monat, und jetzt möchte sie telefonieren. Das sind
diese Frauen, die so viel auf Kommunikation halten.
– Zieh dich an! brülle ich. Sie sieht mich verloren an, dann bedauernswürdig. Das ist so ein Moment,
in dem wir Männer die Sache in die Hand nehmen müssen. Sie wischt sich noch einmal ab, rasch,
nimmt aus dem Kästchen eine Einlage, platziert sie fürchterlich langsam, gedankenversunken und
zieht das Höschen gleich mit der kurzen Hose hoch. Heuer trägt sie zum ersten Mal kurze Hosen. Und
das gerade heute.
– Warte, ich nehm noch das Notizbuch, ruft sie mir nach, als ich draußen schon beinahe das Auto
starte.
– Komm, fick dich! schreie ich.
Nach zwei Minuten fahren wir vom Haus hinunter Richtung Ter. Wahrscheinlich habe ich vergessen
abzusperren, denke ich mir, aber, drauf geschissen. In so einem Gefühlszustand habe ich noch nie
den Blick von unserem Hang auf den kleinen Markt im Savinja-Tal genossen. Anja blickt ins
Notizbuch, drückt die Tasten am Handy, wartet.
– Die Gynäkologin meint, wir sollen gleich zu ihr kommen, sagt sie dann. – Sie hat gerade Dienst.
– Nach Šiška?
– Nach Šiška. Wohin denn sonst?
Ich bin wohl auch ein wenig verwirrt.
Während der Fahrt werfe ich hin und wieder einen Blick zu ihrem Schritt: Sie trägt schwarze kurze
Hosen, also wäre nicht viel zu sehen, außer vielleicht auf den weißen Schenkeln oder dem grauen
Sitz; sie schaut, glaube ich, überhaupt nicht hin, starrt nur hinaus, als ob sie noch immer etwas
lauschen würde. Ich überlege, wie es denn wäre, würden wir jetzt zu einer normalen Geburt fahren –
entspannter? Wo bin ich hier hineingeraten? Das geht wider die Natur.
Soweit ich Anja kenne, müsste sie bei solchen Geschehnissen auszucken, bis zur totalen Frustration.
Sie ist keine Frau, die es leicht erträgt, wenn etwas einfach so falsch läuft, erst recht mit ihrem
Körper. Na Gottseidank bin ich hier jetzt nicht schuld. Was sie betrifft, davon bin ich überzeugt, so
überlegt sie, dass ihr Körper sie verraten hat. Ha, das heißt, auch sie auch sich selbst verraten hat.
– Babylein, halt durch, flüstert sie plötzlich, so dass ich sie mit einem Blick streife. Nein, sie starrt
noch immer hinaus, nicht zu mir.
Babylein, halt durch. Was geht denn mit dieser Welt?
BILDER:
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Okonina, ein spektakuläres Dorf mit imposanter Jakobs-Kirche, das der Voralpengegend
einen überraschenden, beinahe byzantinischen Charakter verleiht;
Rečica, schon seit 1585 Markt, seine Sehenswürdigkeit ist ein erhaltener Steinpranger, der
einzige im gesamten Tal, heute eine eigene Gemeinde (wahrscheinlich gerade deswegen);
Nazarje, dominiert von dem imposanten Franziskanerkloster auf einem Hügel, in dem auch
ein seltenes Exemplar der Dalmatin-Bibel aufbewahrt wird.
OPTIONEN:
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Das Auto explodiert plötzlich, genau hier und jetzt, nach dem Kreisverkehr in Mozirje, gleich
nach dem Tuš-Supermarkt, neben der Tanke, so dass auch noch die Feuer fängt und bei der
Explosion auch der Hofer und das große Genossenschaftsgeschäft in die Luft gehen; viele
Todesopfer, Waren aus den Geschäften und Leichenteile regnen am Ortsrand von Mozirje
und auf die gesamte Wiese fast bis zur Savinja nieder.
Ich muss anhalten, weil sie es nicht mehr aushält, schreit; sie rennt über die Wiese zum
Wasser, stürzt dort auf die großen Granitsteine und in ihrer schrecklichen Agonie treibt das
Kind eine Zeit lang ab (Man beachte das Wortspiel mit den treibenden Flößen auf der
Savinja); dann stirbt sie schließlich, weil niemand weiß, wie in so einem Fall zu helfen ist.
Irgendwie holen wir das Kind aus ihrem Bauch, das für sein Alter extrem entwickelt ist und
alle mit seiner Überlebensfähigkeit überrascht, mit seinem Überlebenskampf und dem

Durchätzen der Böden mehrerer Stockwerke mit seinen extrem ätzenden Ausscheidungen;
es folgen drei Sequels und zwei Crossovers mit dem Predator-Franchise.
Alles läuft ohne wesentliche Veränderung ab, alles nur zu meiner Unterhaltung und die
Frauen beweisen mir, dass Gebären überhaupt nicht so simpel ist, wie wir Männer uns das
vorstellen.
Anja empfand ich immer als wenig konventionelle Person und als Spitzenfrau, die manchmal zickig
sein kann, nicht als Organismus, in dem etwas glucksen und dann entweichen könnte. Ich weiß, dass
sie kackt und furzt, seit jeher, aber nicht, dass sie ein fremdes Wesen in sich einpflanzt, einen großen
Bauch bekommt und dann das alles herumschüttet und mir im eigenen Haus blutiges Klopapier mit
schwarzen Gerinseln vor die Fresse hält. Das ist ein Exzess.
Ich kann nicht davor fliehen. Und sie bleibt stumm, starrt hinaus, während die Landschaft vorbeieilt.
BILDER:
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Letuš, die Grenze zwischen dem Oberen und dem Unteren Savinja-Tal;
Autobahn;
Der Tunnel bei Trojane, mit 2,9 Kilometern der längste zweiröhrige Tunnel in Slowenien;
Lukovica, nicht weit von hier wohnte der Schriftsteller Janko Kersnik, dem es gelungen war,
auf natürlichste Weise die Konversation der slowenischen Herrschaft des 19. Jh. authentisch
wiederzugeben;
Nordumfahrung Ljubljana, verstopft wie immer.
Sagen wir mal, diese ganze Angelegenheit erledigt sich von selbst. Wir sprechen kein Wort, den
gesamten Weg, eine Stunde. Was gibt es denn zu sagen? Nichts. Wir werden weder philosophieren
noch spekulieren, weil es nichts zu spekulieren gibt und unser Erleben der Situation nicht genügend
gemeinsame Punkte aufweist. Und würde dieser genetisch gesunde Fötus nun bereits in ihrer
Unterhose ruhen, wüsste ich das auch schon, weil das nicht so geschehen würde, im ruhigen
Dasitzen, beim Aus-dem-Fenster-Starren, mit kaum merklichem Lippenkauen. Und der Sitz ist nach
wie vor kein bisschen blutig.
Ich würde das Auto mit Freuden in die Werkstatt bringen, um den Sitz austauschen zu lassen, wenn
nur
Nein, verdammte Scheiße, bin ich ein Idiot. Aber es wäre eine Gelegenheit für eine lehrreiche
Demonstration einer Strafe Gottes für Sünden! Ein amerikanisches Kind hat sich in einem Aufsatz
beim Religionsunterricht das siebte Gebot gemerkt als: Thou shalt not admit adultery. Was diesen
Kindern alles klar ist und ihren Eltern nicht.
*
Wir halten vor dem Ambulatorium. Es hat mich immer ein wenig gewundert, dass sie ihre
Gynäkologin in einem Ambulatorium hat und nicht in einer neueren, privaten Variante, aber das sind
wahrscheinlich ihre demokratischen Prinzipien. Ich war noch nie in diesem Gebäude, außer, als ich
mich gegen die Schweinegrippe impfen ließ.
Als wir im Warteraum sind, kommen wir praktisch sofort an die Reihe, weil die Schwester bei der
Nennung des Namens nur nickt und die Tür weit aufmacht – dieser Anruf vorher, aus Ter, hatte das
seinige getan. Anja bleibt kurz in der Tür stehen und packt mich am Oberarm.
– Gehst du mit? fragt sie und ihre Finger krallen sich in meine Schulter, wenngleich sie rücksichtsvoll
spricht, so, als wäre es wahnsinnig ehrlich. Sie scheint noch immer ein wenig an mir zu zweifeln.
Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich diesen berühmten Gynstuhl, unterschiedliche seltsame
Gerätschaften, das Ding an der Seite erkenne ich als Ultraschall. Es schnürt mir die Kehle zu. Die
Einlage ist nicht durchgeblutet, aber was wird nun an den Tag kommen?
– Ah, alle beide, meint die Ärztin.
Ok, keine Zeit jetzt für feine Details. Dieser Vorhang, hinter dem in der Ecke das Umziehen
vonstatten gehen sollte, erscheint mir total absurd, ein bisschen so, als wären vor den Hockklos bei
der Jugoslawischen Volksarmee in der Ecke Umkleiden, wo du alles ablegen kannst, bevor du zu
deinem Loch spazierst und dich würdevoll hinhockst. Anja tänzelt hinter dem Vorhang hervor,
schwingt sich geübt auf den Stuhl, legt die Beine an die richtige Stelle. Ich starre sie an. Hinter der
Gardine hat sie auch diese Einlage gelassen, keine Ahnung, wie die jetzt aussieht, aber nun ist
offensichtlich nicht viel zu sehen.
– Ich weiß nicht, ob ich mich überhaupt gut genug abgewischt habe, sagt sie irgendwie gelassen,
faktisch.
– Nicht weiter schlimm, meint die Ärztin. – Sieht so aus, als hätte die Blutung aufgehört.
Anja ist nichts peinlich. Mir auch nicht. Alles ist so biologisch und auch ich fühle mich nicht wie ein
Anfänger, wie ich es der ganzen Logik dieser Sache nach eigentlich tun sollte. Ich bin eben ein
jüngerer Mann, mit Erfahrung in vielerlei Dingen. Und ich habe eine feste Absicht. Wenn mir nur all
diese Dinge nicht dazwischen kämen. Aber, wird schon alles in Ordnung kommen. So oder anders.
Eins nach dem anderen.
Warum ist es ihr nicht peinlich? Sie ist so gelassen. Damals, als sie hervor gepresst hatte: „Es ist nicht
deins“, war sie es nicht gewesen. Und jetzt ist es ihr nicht unangenehm. Aber vor mir war es das
schon? Jetzt noch immer? Auch vor ihm war es ihr nicht peinlich, damals, als sie
Und auch damals hat sie es nicht zum ersten Mal getan. Sie kannte alle Aromen, Bewegungen
Ziehen wir das jetzt durch! Erst jetzt wirkt alles zusammen irgendwie physisch, wie es ja wohl auch
ist. Wir müssen es durchziehen.
Die Ärztin hat ihr bereits den Bauch mit einem durchsichtigen Gel eingeschmiert und den Ultraschall
angemacht. Auf dem Bildschirm sehe ich nichts, was mich an etwas Greifbares erinnern würde, und
sie gleitet mit dieser Kugel über ihren Bauch und starrt in den Bildschirm, als wäre ihr alles klar. Und
Anja auch. Ja, sie sieht das nicht zum ersten Mal. Das haben die beiden gemeinsam; ich bin hier nur
Statist.
– Das Kind ist noch immer an seinem Platz, meint sie. – Ich sehe nichts Ungewöhnliches. Es hat sich
nichts abgehoben, kein Bluterguss.
Gott sei Dank, wenn sie nur nichts Ungewöhnliches sieht. Was weiß sie denn. Hier liegt Anja Tršar,
die schwanger ist, mit jemandem, der nicht „alle beide“ ist, und ich stehe daneben und sehe zu, wie
ihr diese Frau einen riesigen Metalldildo mit dickem Kabel in die Muschi schiebt und dabei auf
schwarz-graue Flecken auf dem Bildschirm starrt. Ich könnte jetzt zum Beispiel noch eine Bank aus
dem Wirtschaftsgebäude reparieren, schrauben und streichen.
– Es ist lebhaft.
– Es ist ein Mädchen, sagt Anja.
– Aja? meldet sich die Ärztin redselig. – Waren Sie bei der Fruchtwasseruntersuchung? Ach, ich habe
ja gesehen, dass es in Ordnung ist, nur das Geschlecht habe ich nicht gesehen …
– Woher kommt denn dann das Blut? fragt Anja, als würde sie meine Abscheu für die
Gesamtsituation spüren. Bleiben wir medizinisch sachlich. Die Frau zuckt mit den Achseln.
– Das kann schnell passieren, meint sie. – Muss nicht sein, dass es etwas Besonderes zu bedeuten hat
… Ihr Körper könnte Sie nur darauf aufmerksam machen, ein bisschen zu rasten. Sieht nicht so aus,
als würde es noch bluten.
– Ich mache ja nichts Besonderes, meint Anja, – ich arbeite zu Hause.
– Ach ja, Sie sind selbstständig … gehen Sie es nur für einige Zeit ruhiger an, trotzdem. Das sagt Ihnen
Ihr Körper. – Soll ich Sie krankschreiben?
– Ich bekomme erst nach einem Monat etwas, meint Anja.
– Ja, aber schaden kann es auch nicht, oder? Ruhen Sie sich nur ein wenig aus.
Anja zuckt mit den Schultern und streift mich mit ihrem Blick.
– Ja, ok, meint sie. – Kann nicht schaden …
Ich kann nicht glauben, was hier abgeht.
Anja hat geblutet. Eine Stunde sind wir schweigend unterwegs gewesen, die Welt bestand überhaupt
nicht mehr. Der gesamte Weg ist hohl, ich kann mich nicht erinnern, wie ich gefahren bin. Ich hing in
der Luft, ganz einfach, wie in einem total glatten Raum, alles geschah ganz automatisch. Und dann
kommen wir hierher, kein Blut mehr, das Kind ist voll dabei, und die unterhalten sich über ein wenig
Ruhe und jämmerliche Einkünfte von Selbstständigen während der Schwangerschaft. Ich versuche
mir vorzustellen, wenn es bei mir in der Brust zu drücken beginnen würde, Blut würde aus der Nase
rinnen, Anja würde mich panisch eine Stunde in die Notaufnahme führen und dann der Arzt: Alles in
Ordnung, nur, dass Ihnen alle zusammen ein bisschen zu sehr auf die Eier gehen, gehen’s lieber auf
ein Bier. Warum können Frauen einen so viel mehr erschrecken?
Das ist nicht fair. Aus der ganzen Geschichte erinnere ich mich noch am meisten an dieses idiotische:
„Babylein, halt durch…“
Du hast mir noch nie gesagt: Tomo, halt durch. Meine Mutter wahrscheinlich schon etwas in die
Richtung, wenn ich zu einer Prüfung gegangen bin, aber niemals mit nur annähernd so einer Stimme,
und ich war bereit, dich im Zentrum meines Lebens zu empfangen, sogar nach dem Umzug. Klar, ich
weiß, dass dieses Wesen jetzt in größerer Gefahr war als ich jemals, seit ich um mich weiß. Aber
dennoch. Wie viel, liebes Mädel, haben wir gemeinsam? Hm? Was bist du für mich? Was bin ich für
dich?
Du hast mir die ganze Zeit über den Eindruck vermittelt, du hättest mich in deinem Leben gefunden.
Das war für Momente ein wenig mühsam, ein bisschen überflüssig, aber nicht annähernd so wie das
jetzt. Aber wer hat wen gefunden?
Ich habe diese Erde gefunden, ich bin auf sie gefallen, ok. Ich habe auch noch dich gefunden. Und
jetzt rinnt aus allem irgendwas, alles möchte irgendetwas forttragen, verdammte Scheiße, du bist
doch ein bewusstes Wesen, du könntest deine Flüssigkeiten in dir behalten, aber auch das schaffst
du nicht.
– Wenn wir schon mal hier sind, meint Anja, als wir vor der Ordinationstür stehen und uns Richtung
Gang, Ausgang bewegen – lade ich dich zum Mittagessen beim Žabar ein. Ich glaube, wir haben uns
das alle beide verdient.
Wir Menschen sind nicht für diese Welt, denke ich. Zuviel Ich-Bewusstsein passt uns nicht.
Warum zum Henker bin ich froh, warum bin ich erleichtert, dass ihr das Kleine nicht rausgefallen ist?
Jetzt könnte schon alles vorüber sein. Ad acta, wir wären frei, nur noch eine posttraumatische
Therapie, kein Problem. Vielleicht könnten wir danach sogar wieder vögeln, wer weiß. Und nur
wegen diesem „Babylein, halt durch“? Anja dreht sich plötzlich zu mir und drückt mich, drückt mich
so fest an sich, dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Und jetzt hast du mich hier gefunden. Als hätte
ich etwas damit zu tun. Ich bin nur gefahren, Alte.
– Mein, du bist mein, sagt sie.
Aus dem Slowenischen von Sebastian WALCHER
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Seele and Geist
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