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Die Praktiker-Insolvenz oder wie man es nicht machen sollte

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Die Praktiker-Insolvenz
oder wie man es nicht machen sollte
Mit dem ESUG (Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen) hat der Gesetzgeber neue
Möglichkeiten geschaffen, ein Unternehmen durch Insolvenz zu sanieren. Neben der Stärkung von Gläubigerrechten bietet das neue Insolvenzrecht dem Schuldner die Möglichkeit, eine Sanierung in (vorläufiger) Eigenverwaltung
durchzuführen. Die Baumarktketten Praktiker und Max Bahr entschieden sich aber für die Regelinsolvenz und
vergaben damit die Chance, alle Möglichkeiten zur Generierung von Liquidität im Antragsverfahren auszuschöpfen.
Es ist verfrüht darüber zu spekulieren, wie hoch die Verfahrenskosten bei den Praktiker-/Max Bahr-Verfahren am
Ende zusammen sein werden. Nimmt man die Karstadt Insolvenz als Maßstab, dürften es für beide Verfahren ca.
60 Mio. Euro sein.
Die bisherige Praxis in (vorläufigen) Eigenverwaltungsverfahren zeigt aber, dass sich die Vergütung des (vorläufigen)
Sachwalters durch Vergütungsvereinbarungen/-absprachen drastisch reduzieren lässt und auch die Gerichte bei
der Vergütungsfestsetzung immer häufiger den Rotstift
ansetzen. Abgesehen davon, dass ein Sachwalter nur
60 Prozent der Regelvergütung des Insolvenzverwalters
bekommt, lassen die Gerichte beim eigentlichen Einfallstor
für hohe Verwaltervergütungen, nämlich bei den Erhöhungstatbeständen, die oft ein Mehrfaches der Regelvergütung betragen, solche nur noch eingeschränkt, überwiegend aber gar nicht mehr zu.
Deshalb werden sich die Verwaltervergütungen – insbesondere bei größeren Verfahren – nur noch auf einen Bruchteil
eines Regelverfahrens begrenzen lassen, wenn man als Verfahrensart die Eigenverwaltung wählt. Die Umsatzsteuer,
jedenfalls soweit die Umsatzsteuerzahllast betroffen ist,
wird im Schutzschirmverfahren (§ 270b InsO) und in der
vorläufigen Eigenverwaltung (§ 270a InsO) – anders als in
der Regelinsolvenz – ebenfalls nicht abgeführt. Die daraus
resultierenden Liquiditätseffekte betragen für Praktiker
und Max Bahr zusammen ca. 40 Mio. Euro.
Gerne wird verwalterseitig dagegen vorgetragen, dass
aber die (Berater-)Kosten der Eigenverwaltung dies überkompensieren. Klassische Sonderkosten wie Insolvenzbuchhaltung, Kassenprüfung, Bewertungskosten oder
Insolvenzgeldvor­f inanzierung sowie Kosten für die Erstellung von Sa­nierungsgutachten für externe Berater oder die
für einen Sanierungsmanager werden üblicherweise aber
auch vom Verwalter über die eigentlichen Verfahrenskosten
in das In­solvenzverfahren abgerechnet. Was bleibt sind die
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reinen Rechtsberatungskosten einschließlich der Kosten
für das Arbeitsrecht, die der Verwalter häufig selber trägt,
die aber meist nur einen kleinen Teil der Verfahrenskosten
ausmachen.
Die Gesamteinsparung bei Praktiker und Max Bahr dürfte
sich, auch unter Berücksichtigung von eigenverwaltungs­
spezifischem Beratungsaufwand, auf 60–80 Mio. Euro belaufen. Warum ist man bei Praktiker und Max Bahr dann
nicht den Weg über die (vorläufige) Eigenverwaltung gegangen?
Zunächst bleibt festzuhalten, dass eine (vorläufige) Eigenverwaltung gut vorbereitet sein muss, um erfolgreich zu
sein. Bei DIY-Unternehmen wie Praktiker und Max Bahr
dürfte eine angemessene Vorbereitungszeit bei mindestens
sechs, besser acht Wochen, liegen. In dieser Zeit gilt es,
zunächst ein tragfähiges Konzept zu erstellen, das den Stakeholdern zeigt, wie die Sanierung im Rahmen einer Planinsolvenz in Eigenverwaltung planerisch bewerkstelligt werden soll und mit welchem wirtschaftlichen Ergebnis sie aus
dem Verfahren kommen werden.
Die wichtigste Rolle spielen dabei die Warenkreditversicherer (WKV) und weniger die werthaltig besicherten Banken.
Mit einem belastbaren Konzept, das den WKV aufzeigt, wie
sie unter optimalen Bedingungen verlustfrei durch das Verfahren kommen, besteht möglicherweise die Chance, Kündigungen der WKV Linien ganz oder zum Teil zu verhindern.
Ohne Limite erhält das Unternehmen Lieferungen nur noch
gegen Vorkasse; bei einer Liquiditätsenge wie bei Praktiker,
der Todesstoß. Die Baumarktkette hat, wie der Presse zu
entnehmen ist, bis zuletzt versucht, weitere Finanzierungsmittel von Gläubigern zu erhalten.
Schon Tage vorher und in Anbetracht des sich abzeichnenden Ausgangs haben die WKV die Limite gestrichen. Spätestens das musste jede Chance auf erfolgreiche Finan-
W W W . B U C H A L I K - B R O E M M E K A M P. D E zierungsverhandlungen zum Scheitern bringen. Deren
Scheitern war deshalb eine logische Konsequenz. Wohl
aus diesem Grunde hat man bereits am nächsten Tag, und
somit ohne jede Vorbereitung, Insolvenzantrag für die
ope­rativen Gesellschaften und erst am darauffolgenden
Tag für die AG gestellt, was die feh­lende Vorbereitungszeit
unterstreicht. Für eine vorläufige Eigenverwaltung oder
gar ein Schutzschirmverfahren ist eine derartige Konstellation allerdings völlig ungeeignet und die Regelinsolvenz
die logische Konsequenz.
OK TOBER 2013
des Unter­nehmens erkannt, sondern betrachten sie als
Ultima Ratio. Während das bei Schlecker als reine Fami­
liengesellschaft vielleicht noch verständlich ist, ist diese
Vorgehensweise bei einem fremdgeführten Unternehmen
kaum nachvollziehbar.
Das gilt auch oder gerade für die Warenkreditversicherer.
Nur wenn sich die Bereitschaft entwickelt, sich In­
solvenzlösungen frühzeitig zu öffnen und WKV-Linien von
Beginn an zur Verfügung zu stellen und dabei auch die
Eigen­verwaltung zu akzeptieren, lässt sich der Ausfall bei
den WKV minimieren oder vollständig vermeiden.
Chance vertan
Die Max Bahr Insolvenz, die wohl für die Beteiligten noch
unverhoffter kam als die Praktiker Insolvenz, obwohl sie in
gleicher Weise vorhersehbar war und von vielen Beteiligten
vorhergesagt wurde, scheint noch schlechter vorbereitet
worden zu sein.
Die Berater scheinen – mehr aus Furcht vor einem bekannten Hamburger Insolvenzrichter denn aus rechtlicher Notwendigkeit – einen Antrag zunächst in Hamburg gestellt zu
haben und sind dann, nachdem er wohl bei dem „falschen“
Richter ankam, nach Saarbrücken gewechselt. Es darf bezweifelt werden, dass ein Verfahren dieser Größenordnung
in einer Interdependenz zwischen zwei Gerichten (Hamburg
und Saarbrücken) und drei Verwaltern (Seagon aus Heidelberg, Gröner aus Saarbrücken und Schröder aus Hamburg,
der dann letztlich für Max Bahr bestellt wurde), sinnhaft
und vor allem erfolgreich abgewickelt werden kann.
Nun wird ein großer Teil des Unternehmens zerschlagen
und nur einzelne Teile werden von Wettbewerbern übernommen. Das belegen auch die Pressemitteilungen der
letzten Wochen. Eine große Lösung wäre wohl nur im Rahmen einer Planinsolvenz in (vorläufiger) Eigenverwaltung
möglich gewesen. Diese Chance hat man aufgrund des viel
zu späten Handelns vertan, was um so weniger nachvollzogen werden kann, da beide Unternehmen schon seit Monaten betriebswirtschaftlich und insolvenzrechtlich hochkarätig beraten wurden und es Insolvenzgerüchte schon seit
mehr als einem Jahr gibt.
Mangelnde Vorbereitung / Durchführung
Die Praktiker und Max Bahr Insolvenzen schließen sich
nahtlos an die Schlecker-Insolvenz an. Die beteiligten
Stakeholder haben die Insolvenz immer noch nicht in ausreichendem Umfang als Chance für eine Fortentwicklung
Die allermeisten Probleme hätten sich mit einem frühen
Antrag unter frühzeitigem Einbezug der WKV und der Banken vor Eintritt der Illiquidität lösen lassen, denn anfäng­
liche Vorkasse-Regelungen können in einem Schutzschirmverfahren bzw. in einer vorläufigen Eigenverwaltung
frühzeitig wieder aufgehoben werden. So wie es im Falle
der Schuhkette Leiser der Fall war, die später erfolgreich
an einen Investor veräußert wurde.
Hier haben die WKV in vorbildlicher Weise rechtzeitig wieder Linien zur Verfügung gestellt. Eine gut vorbereitete
Plan­insolvenz in (vorläufiger) Eigenverwaltung wäre die
richtige Plattform für das an sich überzeugende Sanierungskonzept bei Praktiker und Max Bahr gewesen, basierend auf der Umflaggung der profitableren Märkte in Max
Bahr. Von der Idee, den Rest in einen Discounter umzuwandeln, hätte man sich problemlos verabschieden können. Es
darf bezweifelt werden, dass ein Baumarktdiscount wirklich
ein tragfähiges Konzept darstellt.
Robert Buchalik
Rechtsanwalt,
Partner der Buchalik Brömmekamp
Rechtsanwälte | Steuerberater
Geschäftsführender Gesellschafter der
Buchalik Brömmekamp
Unternehmensberatung GmbH
Schwerpunkte: Insolvenzplan/Eigenverwaltung,
Restrukturierung, Kostenreduzierung,
Ertragssteigerung, Working Capital,
Finan­zierung, M&A, Stakeholder Management,
­Mediation, Interimsmanagement,
Pooladministration, Treuhandlösungen
Tel. 0211 – 82 89 77 110
robert.buchalik@buchalik-broemmekamp.de
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