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10. Folge Projekttagebuch, 3. Dezember 2009 Wie funktioniert eine

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10. Folge Projekttagebuch, 3. Dezember 2009
Wie funktioniert eine Frauenselbsthilfegruppe und, gibt es solche Gruppen nur für
Frauen?....
Mit diesen Fragen werden wir in Trier oft konfrontiert und deshalb habe ich mich bemüht,
solche Selbsthilfegruppen zu besuchen. Und um es gleich vorneweg zu sagen, ich fand die
Arbeit in den Frauenselbsthilfegruppen sehr beeindruckend, erstens weil die Frauen und
somit auch ihre Familien eine wirkliche Verbesserung ihrer existenziellen Situation erfahren,
und zweitens, dass ihr durch die indische Tradition scheinbar „festgeschweißter“
Abhängigkeitsstatus deutliche Brüche bekommt. Vor allen Dingen gemeinsam treten die
Frauen selbstbewusster auf und sind somit auch in der Regel die Triebkraft für eine positive
Entwicklung.
Die Sozialarbeiter der PMD werben die Frauen für eine solche Gruppe an, in der Regel sind
es ca. zwanzig Mitglieder. Zunächst geht es nur um das Sparen und das mindestens ein
halbes Jahr lang. Jede Frau muss einen bestimmten vereinbarten Betrag und seien es auch
nur 10 Rs pro Monat in einen Fond
einzahlen. Das ist nicht so einfach,
wenn man fast nichts hat. Und das
Einkommen aus der Tagelohnarbeit
ist sehr unregelmäßig. Aber erst
wenn die Gruppe das gemeinsam
geschafft hat, können die Mitglieder
ein amtliches Zertifikat für einen
Kleinkredit bei einer öffentlichen
Bank erhalten. Hier bekommen sie
dann
unter
bestimmten
Bedingungen einen bezahlbaren
Kleinkredit, für den sie dann auch
gemeinsam gerade stehen müssen.
In der Zwischenzeit lernen sie ein
Handwerk, z.B. die kunstvolle Bestickung
und Dekoration von einfachen SariStoffen zu wertvollen Gewändern. Die
Stoffe
werden
mit
Schablonen
verschiedener Muster und Ornamente
mithilfe von Kohlepapier markiert. Dann
kommt die eigentliche Feinarbeit, das
Besticken mit Seide und das Aufbringen
der Pailletten. Die Gruppen treffen sich
allwöchentlich,
aber
auch
zu
bestimmten
Blockseminaren.
Sie
werden von professionellen Handwerkerinnen und Sozialarbeiterinnen angeleitet und betreut. Die Materialien für einen
solchen Sari werden zunächst von der PMD gestellt. Sie kosten ca. 250 Rs. Die fertigen Saris
können dann für 1000 RS. verkauft werden. Am Anfang ist die PMD beim Vertrieb der Saris
behilflich, z. B. vermittelt sie diese Stücke in die Geschäfte der nächst größeren Stadt, die an
einem Ankauf der geschmückten Saris sehr interessiert sind. Die Saris dieser einen Gruppe,
die ich besucht habe, werden so schön, dass es mittlerweile für diese Exemplare eine lange
Bestellliste gibt. Nach einem halben Jahr wird eine solche Gruppe dann in die vorläufige
Selbstständigkeit entlassen. Mithilfe des Kleinkredits sollen und können sie sich die
Materialien selbst einkaufen und
dann Werkstücke gemeinsam oder in
Hausarbeit fertigen. Mit dem
Verdienst zahlen sie den Kredit
zurück und mit dem Wertzuwachs
haben sie nicht nur einen deutlich
Zuverdienst für ihre Familien, sie
können auch einen Fond ansparen,
mit dem sie später dann vielleicht ein
eigenes Geschäft eröffnen können.
Darüberhinaus kann aus dem Fond
z.B. in Notfällen einzelnen Familien
ausgeholfen werden. Die Frauen und
Familien sind somit nicht mehr in Zwangssituationen, z. B. in einem Krankheitsfall, auf die
erpresserischen Kredithaie angewiesen, die überall und jedem Geld leihen, aber zu so
sittenwidrigen Bedingungen, dass sie die kreditnehmende Familie oft in eine totale
Abhängigkeit zwingen, die nicht selten mit der Leibeigenschaft endet. All das wird durch
funktionierende Frauenselbsthilfegruppen Vergangenheit.
Natürlich braucht das alles seine Zeit, bis eine solche handwerklich orientierte
Frauenselbsthilfegruppe auch wirklich selbstorganisiert funktioniert. Deshalb werden diese
Gruppen bis zu drei Jahren von
Sozialarbeitern der PMD betreut und
trainiert. Es ist beeindruckend, wie
viele
solcher
Frauenselbsthilfegruppen
sich
gebildet haben und wie viele davon
es zu einer eigenen selbstbestimmten
Existenzsicherung geschafft haben:
3000 dieser Gruppen in den 150
Dörfern der PMD-Region um
Mangalapuram. Bisher haben 60000
Frauen ein Zertifikat für einen
Kleinkredit bei einer öffentlichen
Bank erhalten.
Natürlich funktionieren nicht alle Gruppen gleich gut, manchmal gibt es gruppendynamische
Reibungsverluste, das wäre bei uns sicherlich auch so. Zum anderen ist die Verlässlichkeit
nicht aller Frauen bei der Rückzahlung oder bei den Spareinlagen gleich. Dann kommt es auf
die sozialen Trainer an, das Beste daraus zu machen. Insgesamt funktioniert dieses System
aber beinahe unfassbar erfolgreich, denn die Rücklaufquote der Kredite liegt bei über 95%.
82% der Frauen gaben bei einer Untersuchung, die unser ehemaliger Schülersprecher Jonas
Wipfler im Rahmen seiner Magisterarbeit durchgeführt hat, an, dass sich ihr familiäres
Einkommen deutlich verbessert hat.
Bleibt noch die Frage, warum es kaum Männerselbsthilfegruppen gibt. Männer lassen sich
offensichtlich trotz vieler Bemühungen nicht so leicht auf eine Form der Selbsthilfegruppe
ein. Zu viele Männer finden keine Arbeit und suchen sie auch nicht. Sie scheinen sich viel
eher ihrem Schicksal zu ergeben und fühlen sich für ihre gezeugten Kinder weniger
verantwortlich als Frauen. Das
Alkoholproblem im ländlichen Bereich
betrifft praktisch nur die Männer. Das
Geld dazu bekommen sie aus
gelegentlicher Arbeit oder nötigen es
ihren Frauen ab, die dieses Geld in
harter Arbeit auf den Feldern
verdient oder durch ihre Tätigkeit in
der Selbsthilfegruppe erwirtschaftet
haben. Eine Frauenselbsthilfegruppe
aus
Odiyatur
wollte
diesem
grausamen Kreislauf von Nichtstun,
Alkohol
und
anschließender
häuslicher Gewalt nicht länger
zuschauen und hat den einzigen staatlichen Alkoholshop zur Aufgabe gezwungen. Zuerst
haben sie an ihre Männer und an den Staat appelliert, dann haben sie demonstriert und
haben dann zum letzten Mittel der Drohung gegriffen, sich vor dem Alkoholshop in aller
Öffentlichkeit mit Kerosin überschüttet und die Möglichkeit des Freitods in Betracht
genommen. Wenn eine Gruppe so weit geht, muss sie schon sehr verzweifelt sein, aber nicht
jeder wird die Maßnahme billigen. Dennoch, sie hatten Erfolg, der staatliche Alkoholladen
wurde geschlossen. Fortan kann man in Odiyatur keinen Alkohol mehr kaufen. Solche
Aktionen machen natürlich die Runde und es macht die Frauen selbstbewusst, sich gegen die
tägliche Erpressung und häusliche Gewalt zu wehren.
Während ich diese Zeilen als Mann schreibe, stelle ich immer wieder die Frage, ob die
Männer in Indien denn alle besonders schlecht sind? Das sind sie natürlich nicht, es gibt
auch positive Beispiele, in denen man sehen kann, wie sich Männer rührend um ihre Kinder
kümmern und fleißig auf dem Feld schuften. Aber das indische traditionelle System hat die
Frauen zu Menschen zweiter Klasse werden lassen. In den Dörfern ist es vielen Frauen noch
nicht einmal erlaubt, ihre Männer beim Namen nennen oder zu rufen. Da ist noch viel
Aufklärung und Infragestellung von Nöten. Aber die neue Zeit hat begonnen und vielleicht
sind sogar manche Männer stolz auf ihre Frauen, die sich gesellschaftlich derart einmischen,
um die Verhältnisse zu ändern.
Meine Zeit geht hier langsam zu Ende. Ich wünsche mir, noch einmal zu schreiben können,
um dann hoffentlich von der Ankunft des Containers in Anaiyeri zu berichten.
Josef Malat (JosefMalat@aol.com)
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Bildung
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