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Demographie Spiegel-Online, am 23.12.2004: Wie eine Gemeinde

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Demographie
Spiegel-Online, am 23.12.2004:
Wie eine Gemeinde um junge Familien wirbt
Kinder, Kinder: Wer in der niedersächsischen Gemeinde
Tiftlingerode Nachwuchs bekommt, dem winken Leihwagen,
Babyausstattung und ein Lotterielos. Obendrein gibt es für
junge Familien jeden Morgen frische Brötchen. Und der
Bürgermeister passt auf die Kinder auf.
Um endlich die magische Grenze zum tausendsten Bürger zu
durchbrechen, lässt sich der Gemeindevorsteher des kleinen
Ortes bei Duderstadt einiges einfallen. Der seit 20 Jahren
ehrenamtlich als Bürgermeister tätige Gerd Goebel bietet den
Tiftlingerodern Extras, von denen man andernorts nur träumen
kann: Junge Familien bekommen hier günstige Grundstücke,
ein Auto für drei Monate, einen Kinderwagen, Strampelanzüge,
einen kostenlosen Lottoschein und jeden Morgen frische
Brötchen. Zwei Mal im Monat stellt sich der Bürgermeister
selbst als Babysitter zur Verfügung.
2
Zwar seien die Gemeindekassen leer, räumt Goebel ein. "Wir
haben jedoch Sponsoren aus dem Bereich Handwerk und
Dienstleistung gefunden, die bisher über 15.000 Euro gegeben
haben", erklärt der 54-jährige Bürgermeister, der sein Geld als
Redaktionsleiter eines Anzeigenblattes verdient. Nachdem er
das Projekt vor etwa zwei Jahren gestartet habe, käme
Tiflingerode jetzt dem Ziel, eine 1000-Seelen-Gemeinde zu
werden, sehr nahe: "Im nächsten Jahr erwartet uns ein
Babyboom. Viele junge Familien haben sich ihren größten
Wunsch bereits erfüllt: Nachwuchs zu bekommen", berichtet
Goebel stolz.
Während die demografische Entwicklung in Deutschland
beängstigend sei, sei es hier gelungen, den Trend umzukehren.
In dem niedersächsischen Dorf sind bisher 984 Einwohner
registriert, davon etwa 160 Kinder. Die kleinsten von ihnen
würden jeden Morgen mit dem Bus zu Hause abgeholt und in
den Kindergarten gebracht, sagt Goebel. In der Ferienzeit gebe
es kostenlose Sport- und Freizeitprogramme für
Daheimgebliebene. Die Gemeinde stelle außerdem einmal im
Jahr Eintrittskarten für den Zoo in Hannover zur Verfügung. "In
Zukunft wollen wir ein Rundum-Angebot für Familien schaffen,
damit die Entscheidung für ein Kind noch leichter fällt", sagt der
Bürgermeister. Das Tiftlingeroder Projekt könne nur dann
3
Schule machen, wenn die Politik Kinder wieder ins Zentrum des
Interesses rücke.
Annette Langer
Demographischen Wandel als Chance begreifen - Ein
Handlungsfeld für Kommunen - das ist das Thema dieses
Kongresses, zu dem ich Sie alle sehr herzlich auch in meiner
Funktion als Bürgermeisterin hier begrüßen darf, und
Tiftlingerode zeigt, wie man es machen kann. Allerdings passen
nicht alle Rezepte überall. Der Oberbürgermeister von
München, Christian Ude, würde sich schwer tun, sich in dieser
Weise als Babysitter zur Verfügung zu stellen. Ude seinerseits
erzählt, dass Hans Jochen Vogel in seiner Zeit als
Oberbürgermeister von München noch seine Frau dazu
vergattern konnte, alle empfangsfähigen 100jährigen persönlich
zu begrüßen. Inzwischen sind das einige Hundert, und das ist
Udes Frau nicht mehr zuzumuten. Auch diese kleine Ankedote
zeigt, wie die demographische Entwicklung die Aufgaben der
Kommune verändert, und wer den Schriftverkehr in der
städtischen Verwaltung beobachtet, bemerkt, wie auf einmal
ganz neue Fragen auftauchen. Wie halten wir es mit Muslimen
in städtischen Altenheimen? Wie mit dem Bau von Moscheen?
Und wie können Muslime einen Gebetsraum im Klinikum
erhalten und ihre Toten auf würdige Weise bestatten?
4
Wir werden weniger, älter, bunter, das ist bekanntlich der Kern
der demographischen Botschaft. Eine vielfältige Aufgabe, die in
der Stadt gestaltend anzunehmen ist. Die Erkenntnis kommt
spät. Im Wesentlichen ist die Entwicklung nicht mehr
aufzuhalten (außer vielleicht in Tiftlingerode). Das heißt, es gilt
die Fakten zu akzeptieren, planerisch aufzunehmen, aber auch
zu überlegen, wo und wie gegenzusteuern ist. Die
Handlungsaufgabe der Kommune ergibt sich schon allein
aufgrund der Verpflichtung zur Daseinsvorsorge. Wir müssen
Strukturen anpassen und im Dialog mit allen relevanten
Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft
weiter entwickeln. Dabei sind wir uns alle einig: wir wollen den
demographischen Wandel nicht als ein Problem begreifen,
unter dem man zusammenbricht, sondern als Chance für eine
bewußt gestaltete Zukunft.
Dafür brauchen wir eine klare Politik. Ich darf noch einmal
Christian Ude, den Präsidenten des Deutschen Städtetags und
Oberbürgermeister von München zitieren: „Der demografische
Wandel fordert mehr Stadt und nicht weniger Stadt, wie in
neoliberalen Heilslehren immer wieder verkündet wird. „
Eine große Hilfe dabei ist die Arbeit der Bertelsmann Stiftung
mit dem Wegweiser Demografischer Wandel mit dem
umfangreichen Zahlenmaterial. Augsburg ist dabei der
Demografietyp 1
xx
5
Weißbuch S. 84
Zur Situation in Augsburg nur eine einzige Folie. Insgesamt wird
eine leichte Zunahme der Bevölkerung erwartet. Über die
allgemein erörterten Tatsachen - weniger Junge, mehr Alte hinaus erkennt man, dass sich beim allmählichen Verschieben
der Wanderdüne der Migrantenanteil erhöhen wird. Zur Zeit
haben wir im Bereiche der Migranten 4% Eingebürgerte, 12%
mit Aussiedlungshintergrund, 16,7% Nichtdeutsche, das ergibt
insgesamt 32,7% mit Migrationshintergrund (Weißbuch S. 29).
Seit 2002 betreibt die Stadt Augsburg verstärkt die
demographische Beobachtung der Gesamtbevölkerung. Die
notwendige Datengrundlage wurde geschaffen und wird
fortgeschrieben. Der Wettbewerb der Bertelsmann Stiftung
„Gute Integration ist kein Zufall“ hat mit den Anstoß gegeben,
den Prozess systematisch zu erfassen, Messgrößen
festzusetzen und ein regelmäßiges Berichtswesen zu
etablieren. Eine referatsübergreifende Arbeitsgruppe, die vom
Sozialreferenten Dr. Hummel und mir geleitet wurde, hat die
Grundlagen geschaffen für ein Grünbuch, das dann in einem
breiten Beteiligungsprozess mit Akteuren in der Stadt diskutiert
und vor wenigen Wochen als Weißbuch „Eine Stadt für alle“
beschlossen worden ist.
6
Aus grundsätzlichen Erwägungen heraus werden in dem
Weißbuch Demographie, Integration und Wertewandel
zusammengedacht und entsprechend ineinandergefügt. Alles
hängt ja eng zusammen - bei der „kultursensiblen Altenpflege“
z.B. spielen alle drei Faktoren mit. Oder angesichts der
auseinanderfallenden Familien oder der Auflösung der alten
Arbeitsstätten-Zusammenhänge (das ist gerade in Augsburg
von großer Bedeutung, wo z.B. die Textilindustrie sehr rasch
zusammengebrochen ist mit zigtausenden von Arbeitsplätzen).
Hier sind neue Netzwerke nötig: Nachbarschaftshilfe,
Selbsthilfenetzwerke, Wohnquartiere gewinnen an Bedeutung,
bürgerschaftliches Engagement in allen Bereichen. So versucht
das in Augsburg seit 2002 bestehende Bündnis für Augsburg
mit großer Energie, Politik, Wirtschaft und Bürger zu
gemeinsamer Arbeit zusammen zu bringen.
Bei allem schwingt die Frage mit: was hält unsere Gesellschaft
zusammen? Wir werden in der Zukunft eine andere
Stadtgesellschaft haben. Was müssen wir tun, um den Wandel
ohne Brüche zu gestalten und den Zusammenhalt zu fördern?
Wie lässt sich Gerechtigkeit und Ausgewogenheit zwischen den
Generationen herstellen, was können Alte für Junge tun und
umgekehrt; wie lässt sich das Potential der Interkulturalität
entfalten?
7
Das Weißbuch enthält 20 Grundsätze für eine Integrationspolitik
, die auch in Kurzfassung auf Türkisch und Russisch
aufgenommen sind. Dabei werden die Vielkulturalität, die
Vervielfältigung der Lebensstile und die Altersentwicklung
unserer Gesellschaft als wesentliche Dimensionen des
Umbruchs gesehen, in dem wir stehen. Zitat: „Integration ist
deshalb mehr als die Einpassung der Bürger aus anderen
Kulturen: es ist eine hohe, langfristige Leistung der Bürgerstadt
Augsburg zwischen Deutschen und Migranten, Jungen und
Älteren, Behinderten und Nichtbehinderten, traditionellen und
modernen Milieus. Es gilt gemeinsame Werte zu finden und
diese sozial und kulturell in angemessenen symbolischen
Zeichen zu repräsentieren, die Stadt- und Wohnungsplanung
angemessen daran zu beteiligen. Die Stadtverwaltung will
referatsübergreifend über alle drei Dimensionen hinweg eine
verbindliche Steuerungstruktur definieren, aufbauen und diese
mit geeigneten Beteiligungsformen ergänzen.“ Zitat Ende. An
dieser Steuerungsstruktur arbeiten wir gerade.
Das Weißbuch enthält darüber hinaus 42 Messgrößen der
Integration in Augsburg von der Religionszugehörigkeit der
Grundschüler bis zu Migrantenanteilen an den Pächtern von
Kleingärten; Von den Zahlen aus dem Wegweiser
demographischer Wandel bis zum Wertewandel in den Milieus
der Stadtgesellschaft. Ergänzt wird das Weißbuch durch eine
Dokumentation von Maßnahmen im Jahr 2006, die wesentliche
8
Beschlüsse des Stadtrats enthält und auch die Vielfalt der
Aktivitäten widerspiegelt.
Da gibt es die Stadtteilmütter (S. 72), die nicht nur die
Sprachförderung der Kinder verbessern, sondern durch ihr
Engagement in den Stadtteilnetzwerken ein wichtiges
Bindeglied zwischen der Stadt und den einzelnen nationalen
Gruppen geworden sind. Migranten haben einen Nachholbedarf
an Partizipation. Mit Projekten dieser Art kann es ihnen
gelingen, in die Staatsbürgerrolle mit allen Rechten und
Pflichten hineinzuwachsen. So wie mir kürzlich ein
Russlanddeutscher, der im kulturellen Bereich aktiv ist, gesagt
hat: Ich habe auch als Migrant angefangen.
Da gibt es das Projekt Change in, das Schülerinnen und
Schüler der 8. Und 9. Klasse an eine freiwilliges und
ehrenamtliches Engagement heranführen will. Da gibt es
Freiwillige in den Büchereien (S. 78) und die Kontaktstelle
Neuer Wohnungsbau, die sich als städtische Anlaufsstelle
versteht für Bürger, Gruppen, Freiwillig Engagierte, soziale
Leistungsträger, städtische Fachdienststellen,
Wohnungswirtschaft, Projektinitiativen und Politik, um Projekte
in Gang zu setzen und dem nachbarschaftlichen Wohnen in
Augsburg breiten Raum zu geben, zusammen mit der Initiative
Gemeinschaftlich Wohnen in Augsburg. (S. 79). Und natürlich
das Projekt Mehrgenerationenhaus (S. 81), ein bundesweit
9
aufgelegtes Fachprogramm, an dem sich die Stadt beteiligt.
Das erste Projekt wird es im Stadtteil Herrenbach geben, wobei
eine positive Wirkung in einem nicht einfachen Quartier erwartet
wird.
Soweit das Weißbuch.
Selbstverständlich sind damit noch nicht alle Arbeitsfelder
erfasst, die der demographische Wandel berührt. Sie werden
heute Nachmittag z.B. über die Anpassung der
Verkehrsinfrastruktur sprechen und über die Qualität im
Bildungssystem. Auch der ökologische Aspekt muss gesehen
werden. Im Bevölkerungsrückgang können ja Chancen liegen
für die Umwelt, aber nur, wenn man es richtig macht. Die
rotgrüne Bundesregierung hat im Jahr 2005 in ihrem
„Wegweiser Nachhaltigkeit“ die demografische mit der
ökologischen Perspektive verknüpft und mit
Handlungsanweisungen verbunden. Entsprechende
Förderprogramme sind sehr interessant.w Das Programm
Soziale Stadt hat uns in Oberhausen sehr geholfen, und für das
Textilviertel hoffen wir, vom Stadtumbau West zu profitieren.
Ich möchte hier nur noch einige wenige Beispiele anreißen, wie
die Stadt Augsburg auf den demographischen Wandel zu
antworten versucht. Der Trend geht auch bei uns wieder zurück
in die Städte, gerade von Familien mit Kindern und Senioren,
10
die den Kontakt zum urbanen Leben nicht verlieren wollen. Dies
ist eine Chance für die Stadt, ihre Einwohnerzahl zu halten und
das Problem der Zersiedelung zu stoppen. Die großen
Konversionsflächen der ehemaligen amerikanischen Kasernen
werden nach dem Prinzip Innenentwicklung vor
Außenentwicklung genutzt, um hierfür ein gutes Wohnumfeld zu
bieten. Der Konversionsprozess der Sheridan-Kaserne, der
gerade in die Realisierungsphase geht, wurde von einer
Bürgerwerkstatt begleitet, die auf viel Grün und Lebensqualität
geachtet hat. Ein Bauhandbuch sichert ökologische Standards.
Im Juli letzten Jahres hat die Regenbogenmehrheit das
Jahrhundertprojekt Mobilitätsdrehscheibe verabschiedet, ein
Quantensprung im öffentlichen Nahverkehr, auch dies ein
Schritt zur Familienfreundlichkeit und
Generationengerechtigkeit. Sie verbessert die Lebens- und
Wohnqualität in der Stadt und ist Vorsorge auch im Sinne des
Klimaschutzes.
Seit 2002 wurden mehr als 60 Millionen Euro in die Sanierung
der Schulen investiert - das zeigt, wie ernst das Thema Bildung
genommen wurde. In Oberhausen, einem ehemaligen
Problemstadtteil, der wie gesagt durch das Bundesprogramm
Soziale Stadt sehr gewonnen hat, wurde der Neubau einer
Schule, der Drei-Auen-Schule, genutzt, um ein neues Modell
vorzustellen, das mehr ist als Schule - Lebensort für die Kinder
11
auch am Nachmittag und Treffpunkt im Viertel. Die neue Schule
ist multifunktional gebaut, damit sie bei dynamischen
Veränderungen mitgehen kann.
Ich möchte Ihnen nun noch einige Überlegungen zur
Kulturpolitik darlegen, die in meiner Verantwortung steht. Wie
kann Kulturpolitik auf den demographischen Wandel antworten
und ihn mit gestalten?
Zur Einstimmung möchte ich Ihnen eine kleine Textstelle
vorlesen aus dem neuesten Buch eines Autors, den ich sehr
schätze - des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino. Seine
Figuren sind Menschen, die sich nicht auf der Sonnenseite des
Lebens fühlen, und die Welt deshalb aus dem entsprechenden
Blickwinkel betrachten, wobei eine komische Wirkung
keineswegs ausgeschlossen ist. Im Buch „Mittelmäßiges
Heimweh“ befindet sich der Erzähler auf dem Bahnhof.
„Ich betrachte Reisende, die sich an den neuen TicketAutomaten versuchen und dabei scheitern. In meiner Jugend
brauchten die Menschen noch ihr ganzes Leben, um sich alt
vorzukommen. Heute genügt die Auswechslung einiger Logos
und Automaten, und die Menschen, selbst die jungen, fühlen
sich überrumpelt, ausgesondert oder gar kaltgestellt. Eine
undeutliche Empörung gegen Übervorteilung und
Überforderung treibt die unwillig gewordenen
12
Automatenbenutzer umher, ein bisschen verdutzt, weil sie nicht
wissen, ob ihnen das Ressentiment gegen die Automaten
zusteht oder nicht.“
Das Gefühl, das hier beschrieben wird, schlägt sich in Grünen
Programmen in der etwas grauen Sprache der Soziologen
nieder, in Wörtern wie Exklusion und Inklusion bzw. Kohäsion
der Gesellschaft. Man möchte dazu gehören, und wenn das
nicht gelingt, entsteht Unsicherheit, Unwille und Ressentiment
mit allen Folgen. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, kann wie
hier bei Genazino daher kommen, dass man nicht mit den
Anforderungen der rasanten technischen und medialen
Entwicklungen mithalten kann - ein Gefühl, dass auch mich
zunehmend überkommt - aber natürlich auch aus Armut, Alter,
ethnischer Zugehörigkeit, unangepasstem Lebensstil, Krankheit
und Behinderung und vielem mehr.
Wer bestimmt in unserer Stadt, wer in ist, wer drinnen ist und
wer draußen? Der demographische Wandel wirft hier auch die
eine oder andere bislang nicht hinterfragte
Selbstverständlichkeit über den Haufen. Eines muss klar sein:
Wir wollen eine Stadt sein, in der sich alle wohl fühlen,
zugehörig, eingeschlossen. Und dementsprechend wollen wir
sie einrichten.
13
Die Kultur spielt hierbei eine wichtige Rolle. Wir in der Kultur
bauen keine Straßen, wir genehmigen nichts, wir transportieren
nichts, wir geben keine Führerscheine aus, wir entsorgen kein
Abwasser. Kultur ist der Bereich der Bilder und Symbole, der
Wertungen und Deutungen, der Orientierung in der Welt. Kultur
kann viel dazu beitragen, dass sich alle oder wenigstens
möglichst viele gemeint fühlen. Die Kultur kann und muss
mithelfen, eine Antwort zu finden auf die Frage, was eine
Gesellschaft zusammenhält.
Augsburg hat in der Kultur und durch die Kultur in den letzten
Jahren einen Aufbruch erlebt. Wir hatten in vielen Bereichen
großen Nachholbedarf. Augsburg hat eine vielfältige und auch
sehr originelle Kulturlandschaft von beachtlichem Niveau, von
der Soziokultur bis zum Mehrspartenhaus des Theaters
Augsburg. Doch war die Stadt bislang, aus welchen Gründen
auch immer, nach außen wenig in Erscheinung getreten - wenn
man von der Puppenkiste absieht, die aber nur ein Aspekt des
Erscheinungsbildes sein kann. Es mag an der Nähe Münchens
liegen oder an der notorisch niedrigen Steuerkraft der Stadt;
oder auch an der alten paritätischen Denkweise aus der Zeit
nach dem Westfälischen Frieden, die eifersüchtig darauf achtet,
dass alles immer gleich und ausgewogen bleibt und so den
großen Wurf verhindert. Wie dem auch sei - auf jeden Fall hat
Augsburg immer darunter gelitten, dass es nicht seiner
14
historischen Größe und Bedeutung entsprechend bekannt war.
Da bot sich nach der letzten Kommunalwahl im Jahr 2002 die
Möglichkeit, an dem Prozess der Bewerbung um den Titel einer
Kulturhauptstadt Europas 2010 teilzunehmen. Wie Sie wissen,
mussten wir auf diesem Weg schon zwei Jahre später innerhalb
der bayerischen Konkurrenz der Stadt Regensburg weichen,
was uns sehr betrübt hat. Trotzdem hat uns das Projekt meiner
Einschätzung nach einen mächtigen Impuls gebracht, dessen
Energie uns heute noch beflügelt.
Die Bewerbungszeit war ein Selbstvergewisserungsprozess,
der uns die charakteristischen Züge unserer Stadt positiv ins
Bewusstsein gebracht hat. Gut über ihre Stadt zu reden fällt
den Augsburgern grundsätzlich schwer, aber genau darum ging
es nun - was ist das Besondere an unserer Stadt, was macht
ihren Wert aus, was kann sie Europa bieten im Prozess des
Zusammenwachsens. Mozart, Brecht, der Augsburger
Religionsfriede, die Fugger, die Industriekultur - das war ja alles
nichts Neues, aber plötzlich wurde uns klar, welches Potential auch im europäischen Zusammenhang - in unserer Stadt
vorhanden ist. Die Gunst des Kalenders - der Augsburger
Religionsfrieden hatte sein Jubiläum 2005, Mozart und Brecht
das ihre 2006 – die Gunst und der Druck des Kalenders
erhöhten die Dynamik. Plötzlich fügte sich alles zusammen. So
haben wir uns nun mit großem Erfolg als Friedensstadt
etabliert, wir sind unangefochten die Deutsche Mozartstadt; wir
15
haben ein Brechtfestival gestartet, das deutschlandweit
Beachtung findet, und wir haben im letzten Jahr je nach
Zählweise 4 – 6 Museen eröffnet, die unsere Stadt aus
unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen. Soeben haben wir für
eine neue Stadtbücherei den Grundstein gelegt, und demnächst
ist Baubeginn für das lange ersehnte staatliche Textil- und
Industriemuseum. Und im letzten Stadtrat wurde der Kulturpark
West auf den Weg gebracht, ein sehr interessantes Experiment
im Bereich Jugendkultur.
Natürlich würde ich Ihnen gerne noch viel mehr erzählen, aber
entscheidend ist heute die Frage: Was hat dies mit
Demographie zu tun?
Ich will einige Punkte aufzählen.
Zunächst haben wir kulturelle Projekte als Instrument für
Stadtentwicklung genutzt; haben unser Textilviertel aufgewertet,
Konversionsbrachflächen neu definiert und leerstehende
Gebäude oder Industriedenkmale umgenutzt.
Augsburg hat in den letzten Jahren nach außen Strahlkraft
gewonnen und aufgeholt im Wettbewerb der Städte. Der
kulturelle Aufbruch hat uns bundesweit ein überwältigendes
Medienecho und eine entsprechende Außenwirkung gebracht.
Augsburg wurde als Tourismusziel und als Standort
16
aufgewertet. Die Kommunen werden aufgrund der
demographischen Entwicklung zunehmend in einen
Wettbewerb um die Menschen geraten, im Jargon
Humankapital genannt. Hier kann die Kultur, indem sie
Standortqualitäten entwickelt, das Profil der kulturellen Identität
schärft, neue Einwohner anlocken und auf diese Weise
Wanderung steuern zugunsten der eigenen Stadt.
Wir haben uns hier in Augsburg bemüht, aus der Substanz
heraus
die
Unverwechselbarkeit
unserer
Stadt
herauszuarbeiten und mit neuem Glanz zu versehen. Was ist
das Besondere an unserer Stadt? Das zu wissen ist wichtig für
das Gefühl, zusammenzugehören, gerade angesichts der
Vielfalt in der Stadt. Das kulturelle Erbe und das schöne
Stadtbild sind der Besitz aller. So ist, wie ich hoffe, ein neues
Wir-Gefühl entstanden, das Integrationswirkung entfaltet und
den
Zusammenhalt
der
vielkulturellen
Stadtgesellschaft
befördert.
Natürlich darf hier nicht des Guten zuviel passieren, indem die
ganze Energie und auch das Geld in überdimensionierte
Leuchttürme oder auch eine rein affirmative konservativen
Rückschau gesteckt werden. So gerät Kultur in die Gefahr, für
Wachstum instrumentalisiert und ökonomisiert zu werden.
Albrecht Göschel sagt im letzten Heft der „Kulturpolitischen
Mitteilungen“, worum es geht:
17
„Bewahren Kunst und Kultur dagegen ihre Bildungs-, Kritik- und
Transzendierungsleistung, können sie sowohl zur Bewältigung
von Heterogenität als auch zur Entwicklung sinnerfüllten
Lebens – besonders im Alter nach neuen Altersbildern –
unschätzbare Beiträge leisten.“ (S. 53)
Es gibt ja so etwas wie eine Distinktionsfunktion der Kultur, die
die Unterscheidung der Milieus verstärkt – die einen definieren
sich durch den elitären Mozart, die andern durch die
Massenveranstaltung Megasommer. Es läuft im Grund immer
auf die gleiche Aufgabe hinaus: Einheit in der Vielfalt schaffen.
Jeder soll die Möglichkeit haben, seinen Lebensstil zu leben,
aber, um mit Genazino zu sprechen: keiner soll sich
ausgesondert oder kaltgestellt fühlen.
Wir bemühen uns daher sehr darum, Teilhabe für
unterschiedliche Akteure zu ermöglichen bei unseren Projekten,
und um die Vermittlung von Kultur, kulturelle Bildung in
Verbindung mit dem Schul- und Sozialreferat (gerade haben wir
unseren Kultur- und Schulservice eingerichtet). Für die
Jugendkultur entwickeln wir den bereits genannten Kulturpark
West, der auf Eigenverantwortung und Selbstorganisation
aufbaut. Wir haben ebenfalls damit begonnen, unsere schönen
neuen Museen in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft
hinein zu vermitteln, auch in die Migrantencommunities hinein.
18
Für die große Ausstellung „Augsburger Silber aus dem Kreml“
soll eine Gruppe Russlanddeutscher die Vorbereitungen
begleiten und so dieser Community zu besonders enger
Identifikation verhelfen.
Insgesamt kann und muss man sich wohl mehr als bisher auf
die unterschiedlichen Zielgruppen einstellen, auf Alte, auf
Junge, (so sind wir dabei, für jedes unserer Museen
Wickeltische anzuschaffen, aber auch Rollstühle) auf
unterschiedliche Kulturen und Lebensstile. Der Einsatz von
Freiwilligen, im Ehrenamt. Junge lesen Alten vor oder auch
umgekehrt, die Senioren geben ihr Wissen an die Jungen
weiter. Hier sind wir vielerorts noch in den Anfängen. Das
größte Problem hierbei ist der Mangel an Personalkapazität.
Sehr viel arbeiten wir mit Netzwerken, zwischen den
Institutionen, mit freien Trägern, zwischen den Referaten.
Zuletzt darf ich Ihnen unser unser Projekt PAX vorstellen, das
die unterschiedlichen Aufgaben aus dem demographischen
Prozess ganz gut zusammenbringt.
Zum Jubiläum des Augsburger Religionsfriedens 2005 haben
wir uns ein ganzes Jahr lang mit dem Frieden zwischen den
Religionen, dem Miteinander der Kulturen, dem Lob der Vielfalt
und der Sorge um den Frieden in der Welt beschäftigt. PAX
2005 war Leuchtturm mit großer Außenwirkung und
19
Beteiligungsprojekt zugleich. Dieses Jahr hat nach Meinung
vieler die Stadtgesellschaft verändert. Pax 2005 war ein
Versuch, ein Bild zu schaffen für alle die unterschiedlichen
Menschen in der Stadt, für Einheit in der Vielfalt, ein Bild, das
mithilft, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Das historische
Datum sollte Auftrag an alle sein, allen die Teilhabe
ermöglichen, indem jeder sich auf seine Weise mit dem Frieden
auseinandersetzt. So wurde es ein groß angelegtes
Beteiligungsprojekt mit hunderten von Veranstaltungen
unterschiedlichster Akteure, ein Projekt, das immer wieder die
Grenzen zwischen Szene und Hochkultur wie auch zwischen
den Generationen und den verschiedenen Milieus hat
verschwimmen lassen.
PAX wird nun als Teil der Augsburger Identität jährlich
fortgeführt. Es ist ein Festival, das auf den 8. August, das
Friedensfest hinführt und auf ganzjähriger Netzwerkarbeit in der
Stadtgesellschaft beruht. PAX hat wesentliche Elemente, die
wir brauchen für eine vernünftige Kooperation in der
Gesellschaft:
PAX übt die Zusammenarbeit ein auch über die Grenzen der
Kulturen und Religionen hinweg. Es schafft Bilder für Einheit in
der Vielfalt. Es hat Formen der Umsetzung gefunden, die
Breitenwirkung und Nachhaltigkeit garantieren: Beteiligung der
unterschiedlichsten Akteure, Möglichkeiten für
20
Bürgerengagement und Eigenaktivität, Wertschätzung des
Unterschieds, Gleichberechtigung im Netzwerk. Und ganz
wichtig: PAX hat die Stadt und zugleich die globale
Verantwortung im Blick.
Im Jahr 2007 heißt das PAX-Thema „Wasser und Frieden“.
Wasser ist eine kostbare aber knappe Ressource und schon
jetzt wesentliche Konfliktursache auf der Welt. So ist der
verantwortliche Umgang mit dem Wasser ganz
selbstverständlich auch ein Thema der Friedensstadt Augsburg.
Der Stein, den wir für dieses Projekt ins Wasser geworfen hat,
hat bereits weite Wellenkreise gezogen. Die Kreativität der
Stadtgesellschaft wirkt zu einem Thema zusammen und lenkt
die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten, die Schönheit und
die Verantwortung der eigenen Stadt. Und sie hat diese
Aufgabe schon mit großer Begeisterung angenommen. Es
macht auch großes Vergnügen, gerade in unserer Stadt der
klaren Bäche und Flüsse, der Wasserwerke und schönen
springenden Brunnen, in der mit diesem Element gesegneten
Stadt der Kostbarkeit des Wassers nachzuspüren.
Mit diesem Werbeblock darf ich schließen anfügen und Sie alle
sehr herzlich einladen zu PAX 2007. Der Beginn ist die Lange
Wassernacht am 16. 5. 2007.
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