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Ein Mann wie ein Elektroauto

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IV
BLICK VOM FERNSEHTURM
Nr. 78 | Montag, 12. Juli 2010
Feine
Freunde
aus Freiburg
Die Concertband lädt
sich Gäste zum Sommerkonzert
ein. Von Martin Bernklau
Hohenheim.
in bisschen früher hatte die Concertband der Uni Hohenheim am Samstag ihr Sommerkonzert angesetzt,
des kleinen Fußball-Finales der WM wegen. Ein Doppelkonzert war angekündigt.
Und trotz der Sommerhitze waren vielleicht deshalb die Ränge im Katharinasaal
des Euroforums fast so dicht besetzt wie
der Bühnenraum. Denn dort zweimal nacheinander siebzig, achtzig Musiker und allerhand Schlagwerk unterzubringen, ist
schon für sich eine logistische Leistung.
Musikalische Spitzenleistungen boten
beide Bands. Bei den Gastgebern kennt
man das. Die Gäste aber, das Freiburger
Blasorchester, die spielten sensationell.
Dieses Freiburger Blasorchester ist aus
einem ganz normalen Musikverein im
Stadtteil Haslach erwachsen und binnen
vierzig Jahren im Ranking des Verbandes
zu einem Höchststufen-Orchester für sinfonische Blasmusik aufgerückt. Unter seinem sensibel und ungemein suggestiv leitenden Dirigenten Stefan Grefig begann es
mit einer „Danza Sinfonica“ des 1949 geborenen Amerikaners James Barnes, in der
sich die ganze Vielfalt moderner sinfonischer Blasmusik versammelt. Wobei gerade hierbei andere Instrumente eine immer wichtigere Rolle einnehmen: die
Schlagwerker. Neben zwei Cellistinnen
hatte das Ensemble auch seine fünfköpfige
Percussion-Gruppe dabei, die ihre höchst
anspruchsvollen Aufgaben herausragend
erledigte.
Mit einem Zwiegespräch zwischen Marimbafon und Fagott beginnt dieses suitenartige Stück und fächert nicht nur schil-
E
Musikvereine bergen Schätze. Denn aus scheinbar „ganz normal“ wird brilliant: Das Freiburger Blasorchester begeisterte die Zuhörer.
lernde Harmonien und komplexe Rhythmen auf, sondern auch eine weite Klangwelt jenseits der in allen Instrumenten vertretenen Bläser: Kastagnetten bis zum
Gong, von Zimbeln bis zur Pauke und zum
Reibeholz. Zwischendurch klang das mal
nach Ravels Bolero, dann wieder nach Film
oder nach Carmen. Aber immer gut, immer
fein, auch im Fortissimo.
Ganz präzise in den Klangschattierungen und verzwickten Rhythmen gelang
auch die „Fourth Symphony“, die der amerikanische Altmeister Alfred Reed 1992 geschrieben hat. Sie entwickelt sich aus einer
düsteren Elegie über ein heiteres Intermezzo hin zu einer furiosen Tarantella, die
freilich in ihren Gegenrhythmen schwer zu
tanzen wäre. Der jüngeren Generation ge-
hört der Brite Philipp Sparke an. Seine dreisätzige „Hymn of the Highlands“ feiert
nicht nur die erhaben strenge schottische
Landschaft, sie erfordert für ihre Nuancen
nicht nur bei den Schlagwerkern höchstes
Fingerspitzengefühl. Und das war reichlich vorhanden.
Mit diesem fabelhaften Auftritt in
freundschaftliche Konkurrenz zu treten,
war für Daniel Buchers Concert Band nach
der Pause gewiss kein leichtes Spiel. Die
Hohenheimer hatten freilich übersichtlichere, weniger komplizierte Stücke vorbereitet, die eher flächig, eher tonal und eher
klassisch blieben, dabei aber keineswegs
leicht oder gar banal.
Auch die Gastgeber verfügen über eine
fingerfertige und sensible Percussion-
Truppe und sind in Holz und Blech für alle
Farben gleichermaßen gut und stark besetzt.
So wurde Pieter Leemans einleitender
Marsch der belgischen Fallschirmjäger keineswegs zum zackig-preußischen Dschingderassabumm, sondern ließ mit seiner feinen Machart sogar den Moderator über die
Kampfkraft dieser Luftlandetruppe witzeln. Fast ein wenig konventionell trotz ihrer Exotik wirkten hingegen die Variationen über ein koreanisches Volkslied von
John Barnes Chance, der dort als Soldat
stationiert war. Klassisch festlich „A Festival Interlude“ des Schweizers Franco Cesarini.
Jörg Murschinsky, der frühere Leiter
der Concert Band, hat einem seiner Musi-
Foto: Martin Bernklau
ker ein Medley als Geburtstagsgeschenk arrangiert, mit dem sich zum Höhepunkt alle
Register der anspruchsvollen Blasmusik
ziehen ließen, vor allem die amerikanischen, vor allem die aus Chicago. Dorthin,
gerade zur Messe und dem Festival „Midwest“, pflegen auch immer wieder einige
Hohenheimer Kontakte. Diese musikalische Collage vereint Standards von fetzigem Bigband-Sound mit Swing und Musical, den Jazz mit dem Blues. Und nicht nur
der mit Szenenapplaus bedachten Soli wegen wurde sie gefeiert.
Trotz Hitze, trotz kleinem Finale, kamen beide Band nicht um Zugaben herum.
Die Freiburger spielten Schostakowitsch,
die Hohenheimer bliesen mit „Brighton Beach“ den Marsch.
Ein Mann wie ein Elektroauto
Murat Günak, ehemals Designer von Daimler und VW,
wirbt für die Elektromobilität. Von Marc Schieferecke
Plieningen.
urat Günak scheint seinen Job
verkörpern zu wollen, im Wortsinn. Er ist so schlank, als hätte er
seit seiner Volljährigkeit nicht zugenommen. Er wirbt für die Vorzüge des Produkts, das er heute mal wieder zu vermarkten versucht – ein Anzug-und-Schlips-Termin. Er hat beides daheim gelassen. Günak
witzelt hierhin und lächelt dorthin, ein
Mann, dem Frauen ihre Kinder anvertrauen oder Männer ihren Porsche. Elektroautos müssen leicht sein, sagt er, einfach und sympathisch. Also wie er. Sein derzeitiger Job ist, die Mia zu vermarkten, ein
E-Mobil des französischen Kleinproduzenten Heuliez, man beachte das Die.
Günak spricht bei GFT, einem IT-Unternehmen, das seinen Sitz im oberen Teil der
Plieninger Privatuni Simt hat. Die Branche
mag ebenso wenig zum Thema passen wie
der Anlass, der ist das Sommerfest der
M
Murat Günak „schaudert ein bisschen“ –
wenn er Maybach hört. Foto: Marc Schieferecke
Firma. Egal: Er hat eine Botschaft über die
Welt zu verbreiten, vielleicht nur über
Europa. Denn während die EnBW jüngst
mit Werbetamtam einen E-Roller-Großversuch begann, fährt halb Asien längst auf
elektrisch getriebenen Zweirädern.
Sofern Günak tatsächlich seinen aktuellen Job verkörpert, hat er in der Vergangenheit beruflich viel falsch gemacht. Er zeichnete als Daimler-Designer den Maybach
und den SLR mit. Wenn er das heute hört,
„schaudert mich ein bisschen“, sagt er. Später wurde er Designchef bei VW. Dann
schlug die Elektrizität in die Autokonzerne
ein, als würden die Chefetagen mit Blitzen
bombardiert. Günak wechselte nicht die
Antriebskonzepte in VW-Karossen, sondern den Arbeitgeber. Er entwarf für die
Schweizer Mindset AG einen E-Sportwagen. Ob der je verkauft wird, ist fraglich.
Das Unternehmen geriet in Geldprobleme
und das Auto ist ein Geldproblem, „sehr
teuer, eher ein Prestigeobjekt“, sagt Günak.
Jetzt also Heuliez’ Mia, ein Dreisitzer,
den Günak im März auf dem Genfer Automobilsalon vorstellte. Bei den Journalisten
kam das Auto gut an, das aus allen Ansichten an die alte Ritter-Sport-Reklame erinnert: quadratisch, praktisch, gut. „Eine
Knubbelkugel“ nennt der Designer sein
Werk. Die Stadt Paris will helfen, diese
Knubbelkugel zu verkaufen. Zur Serienausstattung soll ein Anteil an einem Windpark
gehören, der dem Strom für 15 000 Fahrtkilometer jährlich entspricht. Aber ganz so
fest steht das noch nicht, genauso wenig
wie der Verkaufspreis. Er soll aber unter
20 000 Euro liegen.
Hätte es in der Frühgeschichte des Automobils nicht diesen dummen Zufall gegeben, müsste Günak heute keine Fragen der
Skeptiker beantworten: nach der Reichweite, der Verfügbarkeit von Ladestationen, der Sicherheit ultraleichter Kleinwagen oder von Fußgängern, weil Elektromotoren leise sind. Alles gelöst oder nur ein
Scheinproblem, sagt Günak, außer eben
der leidigen Reichweite. Viel mehr als hundert Kilometer sind nicht drin im Akku.
„Auf die Frage, wie komme ich nach Hamburg, ist das Elektroauto keine Antwort“,
sagt er, „noch nicht, aber die Zeit vergeht
schnell“. Er meint die Entwicklungszeit für
neuartige Batterien. Der Akku der Zukunft
muss entweder in Minutenschnelle ladbar
sein oder mindestens soviel Energie speichern wie ein randvoller Tank. Hätte es den
dummen Zufall nicht gegeben, gäbe es diesen Akku wahrscheinlich schon längst.
Denn in der Frühgeschichte des Automobils war ein Elektroauto das erste, das auf
100 Stundenkilometer beschleunigte. 1910
fuhren 40 000 Elektroautos der Marke Baker durch Amerika. Kurioserweise war
Elektrizität kaum verfügbar. Nur vier von
hundert US-Haushalten waren ans Stromnetz angeschlossen. Dann kam der dumme
Zufall: die Erschließung der ersten Erdölfelder. „Ein Jahr später wurden schon
18 Millionen Barrel gefördert“, sagt Günak,
„und das Öl schien unendlich“. Das war
eben nicht nur ein Irrtum, sondern auch
das Ende des Elektro-Mobils.
Keine Bäder, dünne Wände
Autorin Christine Breig setzt sich mit der Vergangenheit
und der Gegenwart der Falterau auseinander. Von Benjamin Schieler
Degerloch.
ufgewachsen in Gablenberg, wohnhaft in Unterensingen, beruflich
häufig in den Kunstzentren der
Stuttgarter Innenstadt tätig – auf den ersten Blick hat die Kunsthistorikern Christine Breig kaum eine Verbindung zu Degerloch. Und doch hat der Stadtbezirk eine
entscheidende Rolle in ihrem Leben gespielt. Ende der 1980er Jahre schrieb Breig
ihre Magisterarbeit über die Kolonie Falterau. Die Analyse war so gut, dass ihr ein
Gutachten des Stadtarchivs zu einer Buchveröffentlichung verhalf. 18 Jahre später
kehrte Breig auf Einladung des „Arbeitskreis Degerloch 1900“ als Referentin an die
Stätte ihrer einstigen Forschung zurück –
und traf auf zwei Dutzend interessiert zuhörende Anwohner, die selbst so manches
zu erzählen hatten.
Wer seine Gegenwart verstehen will,
muss sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Für Helmut Doka, Mit-Initiator des AK Degerloch 1900, ist dieser
Satz wesentlicher Antrieb eigenen Handelns. Als einen „unglaublichen Glücksfall“
bezeichnet er es, im näheren Umkreis der
Roßhaustraße gleich drei historisch wertvolle bauliche Zeugen ihrer Zeit zu haben.
Da ist erstens das Wasserwerk von 1872,
das älteste auf den Fildern, dessen seit 70
A
Jahren verschollene Baupläne Doka vergangene Woche in einem Archiv gefunden
hat. Da ist zweitens das Gaswerk von 1904,
das für die Degerlocher einen immensen
Fortschritt darstellte und um das zuletzt
heftige Diskussionen ausgebrochen sind.
Der große Traum der Arbeitskreis-Mitglieder ist es, auf dem Fundament einen Museumspavillon zu schaffen. Nun herrscht
große Empörung, weil der Gemeinderat gegen den einstimmigen Willen des Bezirksbeirats einem Verkauf des Werks zugestimmt hat, wenngleich unter der Bedingung, dass es nicht abgerissen werden darf.
Und da ist drittens die Kolonie Falterau,
die von 1911 an durch eine von Arbeitern
gegründete Baugenossenschaft entstand.
Am Wochenende war sie Abschluss eines
Spaziergangs durch die Epochen.
Im Schatten des Brünnele an der Hadäckerstraße, damals wie heute Treffpunkt
für die Bewohner, stieg Christine Breig in
einen Dialog mit den Zuhörern ein. Das
Bauland, sagte sie, sei gewählt worden, weil
es sich einst außerhalb Degerlochs befand
und günstig zu kaufen war. Gespart werden
musste auch in den Häusern, die kein eigenes Bad besaßen und deren Wände so dünn
wurden, dass die Gebäude sehr hellhörig
waren – was sie, wie die Anwohner lachend
Christine Breig und Helmut Doka, Mit-Initiator des AK Degerloch 1900, erzählen und diskutieren über die Falterau.
erwiderten, noch immer sind. Der Denkmalschutz für die Häuser des ersten Bauabschnitts von Werner Glatte und Richard
Weigle, über den zuletzt ausgiebig diskutiert worden ist, bestand bereits, als Breig
vor 20 Jahren Gespräche mit Anwohnern
führte. „Viele haben nichts davon gewusst“,
sagt sie. „Oder es nicht wissen wollen“, wie
einer ihrer Zuhörer vermutete.
Die Rollen von Referent und Rezipient
wechselten bei Breigs Vortrag stetig – für
die Falterau-Expertin ein interessantes Experiment. Eher zufällig über persönliche
Kontakte war die Kunstgeschichtsstudentin zu ihrem interdisziplinären Magisterarbeitsthema gekommen. Ihre Dissertation
schrieb sie kurz darauf über den Villenund Landhausbau des Großherzogtums.
„Ich habe“, scherzt sie, „schnell die Seite
gewechselt.“
Mit Degerloch verbinden sie nach wie
vor viele persönliche Kontakte. Doch die
Foto: Benjamin Schieler
Falterau war lange aus ihrem Blickfeld verschwunden. Ihre Magisterarbeit, die 1992
im Silberburg-Verlag erschien, ist im Buchhandel nicht mehr verfügbar und nur noch
in Bibliotheken zu finden. Restexemplare
wurden vor acht Jahren eingestampft. „Die
Menschen haben mir das Buch nicht gerade aus den Händen gerissen“, erinnert
sie sich. Das Interesse an der Kolonie jedoch – Breig durfte es selbst erfahren – ist
nach wie vor vorhanden.
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