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Faires Wirtschaften: Was ist das? Wie kann es funktionieren?

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Liebe Leserin!
Lieber Leser!
Ethisch handeln in der
Wirtschaft, auf Nachhaltigkeit achten, Verantwortung
zeigen. Schlagworte, die im
Zuge der Wirtschaftskrise
plötzlich in den Vordergrund gerückt sind. Befinden wir uns also mitten in
einem Wertewandel? Oder
sitzt allen nur der Schrecken und die Angst vor der
Zukunft und all den Problemen, die zu bewältigen
sind, in den Knochen?
Diese Ausgabe von
Moment widmet sich den
Begriffen Ethik und Wirtschaft. Wir haben Unternehmer und Sozialethiker
gefragt, welche Werte für
sie wichtig sind und wo sie
ein Umdenken für notwendig erachten. Gleichzeitig
haben wir auch nachgehakt, wie ethisch es die Kirche in Wirtschaftsfragen
nimmt.
Christa Hofer
Handschlagqualität, Offenheit und ein ehrliches Miteinander vereinfachen und verschönern das Leben.
Foto: Shutterstock/Liv Friis-Larsen
Besonders Unternehmer und Führungskräfte sind angehalten, ihre Aufgabe mit
Freude, Liebe, Demut und Dankbarkeit zu erfüllen.
Faires Wirtschaften: Was ist
das? Wie kann es funktionieren?
„Fair wirtschaften“: nur
Blabla? – Im Folgenden
die Ausführungen eines
Unternehmers, der sich
ernsthaft darum bemüht.
G E R H A R D
S T O C K E R
Zu Beginn eine Feststellung des deutschen Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler,
der in seiner „Berliner Rede“
am 24. März 2009 meinte:
„Die Soziale Marktwirtschaft
hat uns gezeigt: Solidarität ist
nicht Mitleid. Solidarität ist
Selbsthilfe. Wenn das Band
zwischen Oben und Unten
Halt gibt, dann kommt Kraft
in eine Gesellschaft. Und
mit ihr die Fähigkeit, auch
scheinbar unlösbare Aufgaben zu bewältigen . . . Arbeit,
Kapital und Nachhaltigkeit
gehören zusammen. Bei uns.
Und überall.“
Diese Worte gefallen mir.
In meinen beruflichen Funktionen hatte und habe ich die
Möglichkeit, „bei uns“ auf
das wirtschaftliche Gestalten
Einfluss zu nehmen. Ich versuche schlicht und einfach,
Wirtschaft fair zu leben. Ich
kann damit nicht ein Ergebnis garantieren, wohl aber
das Bemühen. Dass es mitunter sehr schwer sein kann,
fair zu wirtschaften, habe
ich als Obmann von Wacker
Tirol/Innsbruck erlebt. Im
Profisport regiert extrem die
Kurzfristigkeit: „Ich will alles
– und das sofort!“
„Goldene Regel“
Mein oberstes Prinzip ist
die „Goldene Regel“: Behandle dein Gegenüber so,
wie du selbst behandelt werden willst. Damit ist ausgeschlossen, jemandem etwas
anzubieten, was man selbst
nicht annehmen würde. Es
ist automatisch sicher gestellt, Verantwortung für seine Umgebung zu übernehmen: für die Kunden, für die
Lieferanten, für die Familie
aber auch für alle anderen
Partner.
Ein Erlebnis, das unsere
Umgebung verblüffte und
damit (positiv) verunsicherte: Ein Kunde wollte einen
Schaden höher darstellen als
er war, „da das eh die Versicherung zahlt“. Wir sagten
nein, weil unsere Versicherung auch ein Partner ist,
den wir fair behandeln. Damit schaffen wir Vertrauen,
die Basis für effizientes und
Gerhard Stocker.
Foto: Stocker
freudvolles Handeln. Über
Fairness zu reden ist einfach,
danach zu handeln schwierig. Gilt es doch, die Nachhaltigkeit des Tuns ständig
zu prüfen und über den kurzfristigen Erfolg zu stellen.
Kritisch hinterfragen
Arbeit,
Kapital
und
Nachhaltigkeit
gehören
zusammen. Was heißt das
konkret? Wir bei STASTO
wollen nur „mitarbeitende
GesellschafterInnen“, damit
das Miteinander von Arbeit
und Kapital schon in den
Gesellschaftsstrukturen gesichert ist. Wir ermöglichen
den MitarbeiterInnen, sich
als Stiller Gesellschafter zu
beteiligen und damit auch
Erträge aus Kapitalvermögen
zu erwirtschaften. Aber nur
so lange, als sie auch im Unternehmen arbeiten. Dass damit Behörden und Kammern
(noch) nicht viel anzufangen
wissen, ist nachvollziehbar.
Gilt es doch, Denkmuster in
den Kategorien „Arbeitgeber,
Arbeitnehmer, Besitzer, Kapitalgeber“ kritisch zu hinterfragen.
Für uns ist klar: Alle, die
am Erfolg des Unternehmens
mitarbeiten, sollen daran
Teil haben. Der Erfolg soll
„möglichst gerecht“ verteilt
werden. Das ist in der Praxis
nicht einfach. Wir sagen:
Zuerst soll der Mitarbeiter/
die Mitarbeiterin ein Einkommen erzielen, das ihnen
ermöglicht, bei sparsamer
Lebensführung ein Auskommen zu finden. Dann soll die
Firma nach den gleichen Kriterien der Sparsamkeit eine
künftige Existenz und Entwicklung finanzieren. Ein darüber hinaus gehender Ertrag
schließlich wird „möglichst
gerecht“ verteilt, d. h. es wird
von einer großen Mehrheit
als „gerecht“ empfunden.
Arbeitgeber ist der Kunde
und nicht ein „Arbeitgeber
Stocker“ zum Beispiel. Nur
Kunden schaffen Arbeit. Dies
müssen gerade jetzt viele Unternehmen schmerzlich zur
Kenntnis nehmen. Besonders Unternehmer und Führungskräfte sind angehalten,
ihre Aufgabe mit Freude, Liebe, Demut und Dankbarkeit
zu erfüllen. Immer in dem
Bewusstsein: Das irdische Leben ist kurz und die menschliche „Macht“ begrenzt. Ich
bin mit dem „Sinn“ meines
Lebens zufrieden. Ein Weitertragen in die nächsten
Generationen ist jetzt meine
Aufgabe. Wer Nachfolgern
Perspektiven und Hoffnung
gibt, hat „sinnvoll“ gelebt.
Dieser Herausforderung stelle ich mich gerne.
Ehrliches Miteinander
Handschlagqualität, Offenheit und ein ehrliches
Miteinander vereinfachen
und verschönern das Leben.
Jeder soll das probieren. Ich
bin sicher: Es lohnt sich!
Gerhard Stocker ist Gründer
und Gesellschafter der Firma
STASTO Ing. Stocker KG und
war Obmann des FC Wacker
Tirol/Innsbruck.
UNTERNEHMEN
Betrieb. Mit einem Jahresbudget von 36 Mio.
Euro und fast 1000 Beschäftigten ist die Diözese
Innsbruck ein wichtiger
Wirtschaftsfaktor. Seite 2
ANERKENNUNG
Pater-Jakob-Gapp-Preis.
Mit ihm werden Firmen ausgezeichnet, die sich bemühen, Ziele und Kriterien der
Katholischen Soziallehre
zu erfüllen.
Seite 2
KO N KU R R E N Z
Im Gespräch. Ethik und
Markt – passt das zusammen oder ist die Beziehung
dieser beiden Begriffe zum
Scheitern verurteilt? Moment fragte nach. Seite 3
VE R ANL AG UNG
Ethik. Auch die Diözese
Innsbruck veranlagt einen
Teil ihrer Gelder in Aktien
und Anleihen am Kapitalmarkt – nach strengen
Kriterien.
Seite 3
INTERVIEW
Finanzmarkt. Ein unregulierter Markt schafft kein
Gemeinwohl, erklärt der
Moraltheologe und Sozialethiker Wilhelm Guggenberger.
Seite 4
2
TIROLER TAGESZEITUNG Nr. 118-BG
Donnerstag/Freitag, 30. April/1. Mai 2009
D E R K I R CH E N B E ITR AG
Geld, das den Menschen
zugutekommt
Um ihre vielfältigen Aufgaben erfüllen zu können,
kann die Diözese Innsbruck auf Einnahmen von insgesamt 36,583 Millionen Euro im Jahr zurückgreifen.
Der größte Teil davon (73,5 Prozent) kommt aus
dem Kirchenbeitrag: 26,880 Millionen Euro haben
die Gläubigen im Jahr 2007 an Kirchenbeiträgen
gezahlt. „Die Hälfte unserer Einnahmen kommt direkt den Pfarrgemeinden zugute“, erklärt der Leiter
des Kirchenbeitragsreferates der Diözese Innsbruck,
Reinhard Grübl. Für die sozialen Einrichtungen der
Caritas sowie weitere Service- und Beratungseinrichtungen werden insgesamt 38 Prozent der Einnahmen
verwendet. Jeder zehnte Euro fließt in die Bildungseinrichtungen der Diözese, das unter anderem zwei
Bildungshäuser in Matrei am Brenner und Innsbruck
betreibt. Weniger als zwei Prozent gehen an die
Österreichische Bischofskonferenz zur Finanzierung
österreichweiter Projekte, schildert Grübl.
Erfreulich sei, dass die Tirolerinnen und Tiroler
zu mehr als 95 Prozent ihren Kirchenbeitrag ohne
Zögern und Protest zahlen, sagt Grübl. Dessen Höhe
beträgt 1,1 Prozent des jeweils steuerpflichtigen Einkommens abzüglich der Absetzbeträge. „Der Kirchenbeitrag ist eine unverzichtbare Einnahmequelle der
Kirche“, betont Grübl. Aus Studien wisse man, dass
bei Einführung eines freiwilligen Beitragssystems die
Einnahmen um ein Drittel zurückgehen würden.
Alle Informationen zum Kirchenbeitrag, zu den
Absetzbeträgen und einen Online-Rechner gibt es
auf der Homepage der Diözese Innsbruck unter
www.dibk.at/kirchenbeitrag
Walter Hölbling
80.000 Katholiken zahlen
ihren Beitrag an die Erzdiözese
8.842.711 Euro ist der Betrag, den die rund
80.000 Katholikinnen und Katholiken aus den 61
Pfarren des Tiroler Teils der Erzdiözese Salzburg im
Vorjahr zu den Kirchenbeitragseinnahmen beisteuerten. Fast ein Viertel der Gesamtsumme kommt somit
aus dem Westen der Erzdiözese.
Etwa 3.040.000 Euro wurden für die Bezahlung
der 51 aktiven und pensionierten Priester sowie für
36 Mitarbeiter im pastoralen Dienst eingesetzt. Dazu
zählen Zuschüsse zu
den Personalkosten der
Krankenhausseelsorge
in Kufstein und Innsbruck, weiters die Anstellung der Jugendleiter.
Für die Renovierung der
Kirchen und Pfarrhöfe
fanden rund 860.000
Euro Verwendung. Rückstellungen wurden für
Josef Lidicky, Direktor Fi- die Sanierung des Pfarrnanzkammer der Erzdiözese
hofs in Kirchberg und
Salzburg. F: Erzdiözese Salzburg/Rainer
für das künftige Pfarrheim in Hopfgarten gebildet. So konnten die großen
Renovierungsvorhaben der Pfarrkirche Bad Häring,
Brixlegg, Brandenberg und die Pfarrhofrenovierungen
in Aurach, Kelchsau, Hart sowie Going abgeschlossen
oder zumindest in Teilabschnitten unterstützt werden.
Außerdem sind Kleinode wie die Penningberg-Kirche
in Hopfgarten in der Budgetplanung der Erzdiözese
Salzburg mitbedacht. Ein Teil des Kirchenbeitrags
geht weiters an die Religionslehreraus- und Weiterbildung an der KPH Edith Stein in Innsbruck und die
Außenstelle in Wörgl. Außerdem ist das Tagungshaus
Wörgl als Regionalzentrum im Tiroler Teil der Erzdiözese genauso wie das Augustinermuseum in Rattenberg auf finanzielle Unterstützung angewiesen. „Ein
Großteil dieser Aufgaben ist aus dem Kirchenbeitrag
finanziert, deshalb möchte ich mich herzlich bei den
Katholikinnen und Katholiken bedanken“, sagt Josef
Lidicky, der Direktor der Finanzkammer der Erzdiözese Salzburg.
Andrea Huttegger
Wie andere Non-Profit-Unternehmen hat auch die Diözese Innsbruck gesetzliche Verpflichtungen.
Fotos: MEV; Pockstaller
Mit einem Jahresbudget von 36 Mio. Euro und fast 1000 Beschäftigten
ist die Diözese Innsbruck ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Tirol.
Rechnen für den Herrn
Die Diözese Innsbruck ist
einschließlich der Beschäftigten der Caritas
Arbeitgeber für fast 1000
Menschen in Tirol.
R .
P O C K S T A L L E R
geht zurück in die Pfarren
und wird dort für die Entlohnung von Pfarrern, Sekretariatsangestellten, Diakonen
etc. sowie als Zuschuss für
sonstige Ausgaben verwendet.
Viele Berufsbilder
Dass die Diözese Innsbruck ein Wirtschaftsbetrieb
sein könnte wie der Tischler
nebenan, ist vielen ein befremdlicher Gedanke. Und es
stimmt auch nicht so ganz.
Aber die Diözese Innsbruck
hat, so bestätigt Finanzkammerdirektor Markus Köck,
gesetzliche Verpflichtungen
und Rechte wie jedes andere Non-Profit-Unternehmen
auch. So zahlt sie Steuern,
muss arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Bestimmungen einhalten und ist ihren Mitarbeitern gegenüber
verpflichtet. Die Diözese legt
jährlich eine Bilanz, welche
von einer Steuerberatungskanzlei erstellt und von externen, unabhängigen Wirtschaftsprüfern geprüft wird.
2007 betrug das Budget 36
Mio. Euro, was in etwa dem
der Stadt Lienz entspricht.
Die Hälfte dieser Summe
Die Diözese ist derzeit einschließlich der Beschäftigten
der Caritas Arbeitgeber für
fast 1000 Menschen in Tirol.
Rund 220 davon sind Priester
und Ordensleute, die große
Mehrheit jedoch Laien.
Die Palette der Berufsbilder
reicht von den Priestern über
unterschiedliche Formen der
Arbeit in Seelsorge, Bildung
und sozialen Bereichen bis
hin zu EDV-Technikern
und Bedienungspersonal in
den Bildungshäusern. Seit
Anfang 2009 gibt es einen
Kollektivvertrag – den zweiten nach der Diözese Linz in
Österreich. „Wer in der Diözese eine Anstellung sucht,
findet einen Arbeitgeber, der
seine soziale Verpflichtung
den Mitarbeitern gegenüber
sehr ernst nimmt“, betont
Markus Köck und verweist
auf das gute Gesprächsklima zwischen Diözesanlei-
Markus Köck ist Finanzkammerdirektor der Diözese Innsbruck und somit für die
wirtschaftlichen Belange des
„Betriebes“ verantwortlich.
tung und dem Betriebsrat.
Im Gegenzug müssten Interessenten aber zusätzlich
zur fachlichen Qualifikation
die persönliche Bereitschaft
zur Mitarbeit in einer katholischen Institution mitbringen.
Spürbare Krise
Kurzarbeit und Kündigungen sind im Augenblick
kein Thema in der Diözese.
Aber trotz umsichtigen Budgetierens in den letzten Jahren, sind die Auswirkungen
der Wirtschaftskrise spürbar.
Einerseits hat die Diözese
Gelder des Pensionsfonds für
Priester am Kapitalmarkt veranlagt, welche sich durch die
globale Krise nicht wie kalkuliert entwickeln. Andererseits
spürt die Diözese auch, dass
es ihren Mitgliedern finanziell schlechter geht. Viele
Menschen müssen im Alltag
sparen, und davon ist auch
der Kirchenbeitrag betroffen. Dies ist für die Finanzen
der Diözesen bedrohlich,
denn 75 Prozent der Einnahmen kommen aus Kirchenbeitragsmitteln. Allerdings
müsse niemand in finanziellen Notsituationen aus der
Kirche austreten. „Bisher ist
es uns immer gelungen, eine
Lösung zu finden“, versichert
Köck und appelliert an die
Betroffenen, sich in solchen
Fällen möglichst rasch an die
zuständige Kirchenbeitragsstelle zu wenden.
Für die Zukunft wünscht
sich Finanzkammerdirektor
Markus Köck, dass die Menschen die Arbeit der Diözese als echte Dienstleistung
empfinden. „. . . und die
Freude und den Glauben,
die mich persönlich stützen
und durch den Alltag tragen,
auch spüren.“
PATE R - JA KO B - G APP - PR E I S
!NERKENNUNGäFÓRä5NTERNEHMEN
Der Pater-Jakob-GappPreis ist bei Gott kein Allerweltspreis. Betriebe, die ihn
erhalten, bemühen sich,
höchst Anspruchsvolles zu
leisten. Gestiftet hat den Preis
Bischof Manfred Scheuer als
Zeichen des Dankes und der
Anerkennung der Kirche.
Den Anstoß dazu gab die Katholische ArbeitnehmerInnen-Bewegung.
Vergeben wird der Preis an
Betriebe in Tirol mit
mehr als fünf
Mitarbeitern. Deutlich erkennbar muss sein, dass sich
Betriebsleitung und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
nachhaltig bemühen, die Ziele und Kriterien der Katholischen Soziallehre und des
Ökumenischen Sozialwortes
der Kirchen Österreichs zu
erfüllen. Über die Vergabe
entscheidet eine Jury, die der
Bischof ernennt.
Ausschlaggebend für die
Vergabe ist die Beantwortung der Frage, ob ein Betrieb wirklich von einer
Kultur des Respekts und
der Menschenwürde, der
Hilfsbereitschaft und der
guten Kommunikation,
der Solidarität und der angemessenen Bezahlung
u.v.m. geprägt ist. Familienfreundlichkeit steht
ebenso auf dem Prüfstand
wie der Umgang mit jungen
und älteren Mitarbeitern.
Von Vorteil ist ein betriebliches Leitbild mit spezieller
sozialer Selbstverpflichtung.
Der Preis erinnert an Jakob
Gapp (1897-1943) aus Wattens. Der 1996 selig gesprochene Marianistenpriester
fühlte sich besonders den
Anliegen der Arbeiterschaft
verpflichtet. Als Mann des
Widerstands gegen das NSRegime wurde er hingerichtet. Äußere Zeichen des Preises sind eine bischöfliche
Urkunde und ein Modell des
Jakob-Gapp-Denkmals (Bild
links), dessen Original auf
dem Gelände des Marianisten-Bildungshauses „Greisinghof“ in Oberösterreich
steht. Vorschläge und Anträ-
Nach P. Jakob Gapp wurde
der kirchliche Anerkennungspreis benannt. Fotos: Stocker; Diözese
ge zur Verleihung des Preises
nimmt entgegen: Thomas
Garber, Fachreferent für
„Arbeit und Wirtschaft“ im
Haus der Begegnung, 6020
Innsbruck, Rennweg 12, Tel.
0 512/58 78 69-22, thomas.
garber@dibk.at. Franz Stocker
TIROLER TAGESZEITUNG Nr. 118-BG
Donnerstag/Freitag, 30. April/1. Mai 2009
Unethisches Verhalten darf keinesfalls mit dem Hinweis auf angebliche
wirtschaftliche Notwendigkeiten entschuldbar werden.
I N F O R MATI O N
Wie ethisch nimmt’s die
Diözese Innsbruck?
Ethik und Markt – passt
das zusammen oder ist die
Beziehung dieser beiden
Begriffe zum Scheitern
verurteilt? MOMENT
sprach darüber mit Christoph Holzer, Geschäftsführer von SPAR Salzburg und
Tirol.
.
H
U
T
T
E
G
G
E
R
„Ja“, lautet die deutliche
Antwort von Christoph
Holzer, Geschäftsführer von
SPAR Salzburg und Tirol, auf
die Frage, ob es im Konkurrenzkampf denn überhaupt
möglich sei, ethisch zu handeln. „Unethisches Verhalten darf keinesfalls durch
Konkurrenzsituationen oder
mit dem Hinweis auf angebliche wirtschaftliche Notwendigkeiten entschuldbar
werden“, ist der Geschäftsführer überzeugt. Verfolgt
man jedoch die Entwicklung am Arbeitsmarkt und
in der Wirtschaft, scheint
es, als ob alle Bemühungen
umsonst seien und die Krise
die Oberhand gewinne. Unpopuläre Entscheidungen –
Trotz der Wirtschaftskrise wird eingekauft.
den Eindruck haben, dass
unethisch gehandelt wird.
Wichtig ist für mich dabei jedoch, dass derartige Vorgänge transparent und objektiv
nachvollziehbar sind.“ In
seiner bisherigen Karriere als
SPAR-Geschäftsführer musste Holzer noch keine solchen
„unpopulären“ Wege beschreiten. „Es gibt aber schon
Situationen, die mich nicht
nur glücklich machen“, gibt
der Wörgler zu.
Es geht um das Wie
Christoph Holzer.
Foto: Holzer
Entscheidungen, die für die
Betroffenen negative Auswirkungen haben – müssten
manchmal getroffen werden, dies lasse sich nicht immer vermeiden, ist sich der
43-Jährige bewusst. „Man
könnte dabei von außen
Große Unternehmen leben vom Profit und wollen
diesen stets maximieren.
Aber: Die Konkurrenz schläft
nicht. „Das Erzielen von Gewinnen als grundsätzlich
schlecht oder unsozial zu
qualifizieren, davon halte
ich nicht viel. Es geht dabei
immer um das Wie“, sagt der
SPAR-Manager. Er versichert,
dass er mit absolut ruhigem
Gewissen bestätigen könne,
dass sein Unternehmen nie
unsozial handeln würde.
Billigprodukte boomen.
Kaum ein Lebensmittel- oder
Kosmetikanbieter, der nicht
auf eine extrem preiswerte
Angebotspalette setzt. Auch
SPAR schloss sich vor einiger
Zeit diesem Trend an und
verkauft in seinen Filialen
Produkte, die im Vergleich
zu anderen Waren deutlich
günstiger sind. Holzer: „Gerade in schwierigen Zeiten
ist es wichtig, allen Kunden
ein leistbares Angebot an
Produkten mit hoher Qualität zu bieten.“ Er erkenne
in dieser Entwicklung nichts
Unethisches oder etwaige
Tendenzen von mangelnder
Moral. Doch warum sollen
Menschen dann überhaupt
noch andere Artikel ins Einkaufskörberl legen, wenn es
viel billiger geht? „Es gibt
trotzdem viele Konsumenten,
Foto: MEV
die lieber ein klassisches Markenprodukt kaufen“, betont
der Geschäftsführer.
Überflussgesellschaft
Trotz der Wirtschaftskrise
wird eingekauft. Die Vielzahl
und Diversität an Angeboten
erleichtern der so genannten
„Überflussgesellschaft“ die
Kaufentscheidung kaum,
Verführung zum Konsum ist
nicht ausgeschlossen. Man
könnte den Großkonzernen
vorwerfen,
menschliche
Schwächen auszunutzen,
zum Beispiel die Gier, um
noch mehr Profit daraus zu
schlagen. „Wir wollen die
Wünsche unserer Kunden
erfüllen und sie mit dem Angebot begeistern“, sagt Christoph Holzer. Was sich beim
Konsumieren in den Köpfen
der Frauen und Männer abspielt, darüber könne selbstverständlich nur gemutmaßt
werden.
B ESO N D E R E B E D Ü R F N I S SE
)NTEGRATIONäAMä!RBEITSMARKT
„Auch Menschen mit
Handicap sollen in der Arbeitswelt ihren Platz haben“,
ist Josef Koller, Prokurist und
stellvertretender Geschäftsführer der Firma VIKING in
Langkampfen, überzeugt.
VIKING versucht, der Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in der
Arbeitswelt nach dem Behinderteneinstellungsgesetz gerecht zu werden. Darin heißt
es, dass Unternehmen, die
25 oder mehr Dienstnehmer
beschäftigen, verpflichtet
sind, auf jeweils 25 Beschäftigte einen begünstigten Behinderten einzustellen. „Uns
geht es aber nicht um die Fördermittel, sondern um den
Mitarbeiter als höchstes Gut
des Unternehmens, der sich
wohlfühlen soll“, erklärt Kol-
Bernhard Greml (links) ist stolz, bei VIKING einen Arbeitsplatz zu haben. Josef Koller mit
Claudia Huber (Mitte), die im Büro mitarbeitet. Rechts im Bild Özkan Acikgöz, dessen ArFotos: Pirchmoser
beitsplatz an ihn angepasst wurde.
ler den sozialen Auftrag, mit
dem VIKING im Jahr 2005
den Tiroler Integrationspreis
gewonnen hat. Menschen
mit Behinderung werden vor
allem in der Produktion eingesetzt, wo sie vollkommen
akzeptiert sind.
Auch ein Betrieb, der auf
Mitarbeiter mit Handicap
setzt, kann konkurrenzfähig
sein, wie Koller bestätigt: „Natürlich kann man körperlich
oder geistig behinderte Menschen nicht überall einsetzen, aber wir bemühen uns,
für jeden eine passende Aufgabe zu finden.“ Außerdem
bereichert es die Firma, wenn
man sieht, welche Fortschritte diese Mitarbeiter machen,
die teilweise schon zehn Jahr
in der Firma beschäftigt sind.
Daniela Pirchmoser
Wie eine Vielzahl österreichischer Firmen und
Non-Profit-Organisationen veranlagt auch die Diözese
einen Teil ihrer Gelder in Aktien und Anleihen am
Kapitalmarkt. Bei den Geldern handelt es sich hauptsächlich um jene des Pensionsfonds, welcher die
Altersversorgung der Priester gewährleisten muss.
Der Bischof verpflichtet sich bei seiner Weihe persönlich zur Sicherstellung dieser Pensionen, denn
nur mehr die wenigsten Priester haben Anspruch auf
eine staatliche Pension, z. B. aufgrund einer Tätigkeit
als Religionslehrer.
Somit steht die Wertsicherung bei allen
Investmentüberlegungen im Vordergrund.
Seit dem Jahr 2000
gelten zusätzlich
strenge ethische
und genau dokumenFoto: AP/Probst
tierte Richtlinien für
die Vermögensanlage der Diözese Innsbruck, die in
jedem Fall beachtet werden müssen.
Für die Veranlagung in Aktien etwa gilt eine generelle Obergrenze von max. 25 Prozent des gesamten
veranlagten Vermögens. Real lag dieser Wert 2007
bei ca. 5 Prozent. Unternehmen, die in Entwicklung,
Produktion oder Vertrieb von nuklearen, chemischen
oder biologischen Waffen tätig sind, kommen als
Anlageobjekt ebenso wenig in Frage wie die Glückspielindustrie, Alkohol- und Tabakproduzenten, Abtreibungskliniken oder Staaten, in denen die Menschenrechte offenkundig missachtet werden.
Andererseits gibt es Positiv-Kriterien, welche für
ein gutes Ranking sorgen: Unternehmen, die sich für
weltweit konsistente, umweltschonende Verfahren
einsetzen, auf die Einhaltung der Menschenrechte
und die Gewährleistung guter Arbeitsbedingungen
achten bzw. Maßnahmen gegen Diskriminierung setzen werden als Anlagetitel bevorzugt.
Romana Pockstaller
Die Wirtschaft im Dienst
des Menschen
Die Kirche hat vor allem mit Einsetzen der industriellen Revolution immer wieder darauf hingewiesen,
dass sowohl das Wirtschaftstreiben als auch das
Kapital nie Selbstzweck sein dürfen, sondern stets im
Dienste der Menschen stehen. Richtungsweisend waren unter anderem die Enzykliken „Rerum Novarum“
aus dem Jahr 1891 und „ Laborem Exerzens“ von
Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981. Darin
schreibt er unter anderem vom „Vorrang der menschlichen Arbeit gegenüber dem Kapital“.
Die christlichen
Kirchen Österreichs haben
vor sechs
Jahren in
einem
gemeinsamen „Sozialwort“
zu Fragen der
Wirtschaft und der weltweiten Gerechtigkeit geäußert.
Darin steht unter anderem die Forderung nach einer
„Regulierung der Finanzmärkte durch geeignete Maßnahmen, wie etwa die Einführung einer Tobin-Steuer“.
Auch plädieren die Kirchen für eine steuerliche Entlastung der Arbeit und eine Besteuerung anderer
Faktoren, wie zum Beispiel dem Finanzkapital. Wörtlich heißt es in dem Dokument: „Wo der Markt sich
selbst überlassen bleibt, entsteht Ungleichverteilung
von Einkommen, Vermögen und Beteiligungschancen.“ Hier sei es Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen,
dass alle Menschen einen gerechten Anteil an den
gemeinsam erwirtschafteten Gütern und Leistungen
erhalten.
Walter Hölbling
Foto: Keystone
Ethisch handeln trotz
des Konkurrenzkampfs
A
3
4
TIROLER TAGESZEITUNG Nr. 118-BG
Donnerstag/Freitag, 30. April/1. Mai 2009
D I E U M F R AG E
Wieviel Platz hat Ethik
in der Wirtschaft?
Foto: Alexandra Nagiller
Ingeborg Freudenthaler, Geschäftsführerin der
Firma Freudenthaler: Ein Verhalten nach bestimmten
moralischen Normen und Werten in der Wirtschaft
hat nicht nur aufgrund der jüngeren Entwicklung im
Bereich der Corporate Governance plötzlich an Bedeutung gewonnen. Im Gegenteil – ein Handeln nach
bewährten Grundsätzen,
wie Vertrauen, Ehrlichkeit
und Authentizität, ist eine
der wesentlichen Voraussetzungen für langfristige
Kunden- und Mitarbeiterbindungen – und damit
auch unmittelbar für den
Ingeborg Freudenthaler.
langfristigen Erfolg eines
Unternehmers. Ethik in der Wirtschaft ist für mich das
wesentliche Kriterium für ein nachhaltig erfolgreiches
Wirtschaften.
Jürgen Bodenseer, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer: Wenn wir sehen, mit welchen Mitteln und fraglichen Methoden die Wirtschaft draußen
auf der freien Wildbahn versucht, Konkurrenten aus
dem Markt zu boxen, dann ist das aus christlicher
Sicht mehr als bedenklich. Aggressivität richtet sich
gegen den Partner, die Familie, andere Rassen und
andere Religionen und
eben auch gegen Konkurrenten. In der Wirtschaft
dokumentiert sich Aggressivität in Neid, Lohnkürzungen, Entlassungen,
Betriebsverlagerungen,
monopolistischen und
unsozialen Preisen. Wen
Jürgen Bodenseer. Foto: WKT
wundert es, dass Unternehmens-Ethik im Moment
unglaublich populär ist. Offensichtlich erkennen Unternehmer die Notwendigkeit, ihr Handeln auch um
ethische Komponenten zu erweitern. Beim Arzt gibt
es den hypokratischen Eid. Ich glaube, in der Wirtschaft müsste es einen ähnlichen Eid auf moralisch
und ethisch richtiges Verhalten geben.
Direktor Rupert Ascher, Vorstandsvorsitzender
Sparkasse Kufstein: Ich bin in 42-jähriger Berufstätigkeit in der Bankenwelt zur Erkenntnis gelangt, dass
nur in einer guten Balance zwischen ökonomischen
Interessen, Fairness und
Partnerschaft nachhaltige
Wirtschaftsgrundlagen
geschaffen werden und
Entwicklungschancen entstehen. Und das brauchen
eine Bank und eine Wirtschaft, die Zukunft haben
wollen. Nicht schnelles
Spekulationsgeld und die
Rupert Ascher.
Foto: Karg
hohe Kreditlinie dürfen
verherrlicht werden, der gesicherte, mitverantwortete,
generationenbezogene Vermögensaufbau, sowohl für
die Kunden als auch die Eigenveranlagung der Bank,
muss Leitlinie sein und bleiben. Der überragende Nutzen der Ethik in der Wirtschaft wird gerade angesichts
der verlorenen Billionen an Bankwerten sichtbar. Bei
entsprechender Risikoeinschätzung und Wertesicherung konnten Verluste vermieden werden.
Moment
30. April 2009 – Sonderbeilage
Gründungsherausgeber: Komm.-Rat Joseph S. Moser, April 1993 †;
Herausgeber: Gesellschafterversammlung der Moser Holding AG;
Medieninhaber (Verleger): Schlüsselverlag J. S. Moser GmbH.;
Hersteller: Intergraphik Ges. m. b. H.; Sonderpublikationen, Leitung:
Stefan Fuisz; Redaktion: Karin Bauer, Christa Hofer, Walter Hölbling, Andrea Huttegger, Wolfgang Kumpfmüller, Daniela Pirchmoser,
Romana Pockstaller, Franz Stocker.
Diözese Innsbruck, Abteilung ÖA: Karin Bauer. Erzdiözese Salzburg,
Amt für Kommunikation: Wolfgang Kumpfmüller.
Anschrift für alle: 6020 Innsbruck, Ing.-Etzel-Straße 30, Postfach
578, Tel. 0512/5354-0, Fax 0512/5354-3577.
Unser Wirtschaftssystem benötigt laut Wilhelm Guggenberger mehr Solidarität.
Fotos: Keystone; Walter Hölbling
Moraltheologe und Sozialethiker Wilhelm Guggenberger: Dem ungezügelten
Gewinnstreben einen Riegel vorschieben und Finanztransfers besteuern.
Ein unregulierter Markt
schafft kein Gemeinwohl
Im Interview mit Moment
erklärt der Sozialethiker
Wilhelm Guggenberger,
was aus Sicht der Katholischen Soziallehre am
weltweiten Finanzmarkt
verbessert werden muss.
Ist die klassische Theorie, wonach wirtschaftliches Einzelinteresse auch zum größtmöglichen Wohlstand aller führt,
angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise obsolet geworden?
Wilhelm Guggenberger:
Von der Position des katholischen Sozialethikers war sie
immer schon obsolet. Die Sozialenzykliken haben immer
davon gesprochen, dass der
Markt zwar ein hilfreiches
Instrument sein kann, aber
nicht das Regulationsprinzip der Wirtschaft schlechthin. Der unregulierte Markt
schafft nie Gemeinwohl, das
hat sich an den Finanzmärkten gezeigt.
Keine Autorität
Auch aus Wirtschaftskreisen kommen jetzt Forderungen
nach Regulierungen des Finanzmarktes. Haben Sie große
Hoffnungen, dass das tatsächlich passiert?
Wilhelm Guggenberger:
Das ist natürlich schwierig,
da es sich nur um multilaterale Regelungen handeln
kann und wir keine politische Autorität haben, die
das durchsetzen kann. Den
Ruf allerdings finde ich ein
wenig merkwürdig. Die Finanzakteure kommen mir
vor wie kleine Kinder, die
auf dem Spielplatz sind und
die Eltern möglichst draußen halten wollen. Wenn
sie dann auf die Nase fallen,
schreien sie: „Ihr habt uns
das aber nicht verboten.“
Ich denke dennoch, dass
die Chancen jetzt relativ gut
Wilhelm Guggenberger.
sind. Die Frage ist allerdings,
ob das die große Systemmodifikation sein wird.
Was wären Mindestanforderungen an eine Reform?
Wilhelm Guggenberger:
Die Sozialpflichtigkeit des
Geldbesitzes wäre jedenfalls
zu stärken. Das bedeutet
eine stärkere Besteuerung
dieses Bereichs durch eine Finanztransaktionssteuer. Das
würde auch eine überbordende Spekulation eindämmen. Und ein Verbot von
bestimmten Finanzinstrumenten, von denen man
genau weiß, sie dienen nur
kurzfristigen Spekulationsgewinnen an der Börse und haben negative Auswirkungen
auf die Realwirtschaft. Zum
Beispiel Leerverkäufe, wo etwas verkauft werden kann,
was man nur geliehen hat.
In der Realwirtschaft wäre so
etwas unmöglich. Sinnvoll
wäre es, wenn es die Steueroasen nicht mehr geben
würde, wohin sich das Kapital zurückzieht, ohne für das
Gemeinwohl nützlich zu
sein.
Viele Vorgänge an der Börse sind irrational, für viele
Menschen logisch nicht nachvollziehbar. Ist es möglich, in
diesem Bereich ethische Regeln
einzuführen?
Wilhelm Guggenberger:
Die Vorgänge sind irrational,
aber sie entbehren nicht ei-
ner gewissen Logik. Das ist
die Logik der Panik, weil die
Geschäfte an der Börse sehr
wenig auf einer realen Basis
stehen, sondern abhängen
von meiner Einschätzung
der Einschätzung anderer.
Darum schaukeln sich solche
Vorgänge auch gegenseitig
auf, sowohl in der Boomphase als auch in der Phase des
Zusammenbruchs. Ich glaube, die Ethik müsste da sehr
früh ansetzen, nämlich bei
einem Einbremsen des ungezügelten Gewinnstrebens.
Man müsste zurückkommen zu einer Wirtschaft,
die nach einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung
fragt. Börsen sind ja an sich
nichts Schlechtes, wenn sie
dazu dienen, dass Geld, das
momentan nicht gebraucht
wird, für Investitionen zur
Verfügung gestellt wird. Aber
in Österreich sind das nur
zehn Prozent des Geldes, die
wirklich in die Realwirtschaft
gehen. 90 Prozent sind reine
Spekulationsbewegungen.
Maßlosigkeit und Neid
Im Volksmund heißt es „Die
Gier ist ein Luder“. Gegen welche der klassischen sieben Todsünden hat die Finanzwelt am
meisten verstoßen?
Wilhelm Guggenberger: Ich würde sagen, das
sind vor allem die Maßlosigkeit und im Hintergrund
der Neid. Das ist schon eine
trügerische Verheißung der
Geldwirtschaft, dass der Neid
ausgehebelt werden kann,
weil hier angeblich jeder gewinnen könne und es keine
Verlierer gäbe. Das sind die
größten Übel, die da im Hintergrund stehen.
Was erwarten Sie sich von
der Sozialenzyklika des Papstes,
die im Mai veröffentlicht werden soll?
Wilhelm Guggenberger:
Ich erwarte mir eine Fortführung der Enzykliken, die wir
von Papst Johannes Paul II.
kennen. Eine Kritik an der
Maßlosigkeit der Kapitalwirtschaft ist auf jeden Fall
zu erwarten. Aber es wird
kein Draufhauen auf Manager und Banken. Höchst notwendig ist auch, dass in dem
ganzen Reformstreben ganz
massiv die Pflicht gegenüber
den armen Ländern betont
wird und dass wir nicht darauf vergessen, dass das große
Thema der vergangenen Jahre die Ökologiethematik war.
Wenn wir jetzt nur ein System sanieren, damit es weiter läuft wie bisher, haben
wir nur ein aktuelles Feuer
gelöscht, aber wir wandeln
nach wie vor am Abgrund
des Kraters. Insofern sollte
der Blick einer Sozialenzyklika über die aktuelle Krise
hinausgehen.
In welche Richtung könnte
eine grundlegende Änderung des Wirtschaftssystems
gehen?
Wilhelm Guggenberger:
Es braucht mehr Solidarität, der Blick muss mehr in
Richtung Lebensqualität
und nicht auf den materiellen Zuwachs gehen. Dazu
gehört auch ein Grundeinkommen. Unser Sozialsystem wird derzeit abhängig
von der Lohnsumme finanziert, das zwingt dazu, ein
ständiges Wirtschaftswachstum zu produzieren. Aus diesem Sachzwang müssen wir
aussteigen. Es braucht ein
ökosoziales Steuersystem, in
dem die menschliche Arbeit
von Steuern entlastet wird
und Gewinn und Besitz stärker belastet werden.
Das Interview führte
Walter Hölbling.
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Seele and Geist
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