close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

- CHEFS CULINAR

EinbettenHerunterladen
ANZEIGE
ANZEIGE NR. 96/167
Zur Ruhe setzen ist eine
verlockende Aussicht.
Im Grand Repos können
Sie dies täglich tun –
elegant und komfortabel.
Das Original kommt von:
Montag, 13. Oktober 2014 · Nr. 237 / 42 D 2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
40 Milliarden
Euro für Erzeuger
von Ökostrom
hmk. BRÜSSEL, 12. Oktober. Den
größten Anteil der Energiesubventionen in der Europäischen Union erhalten die Ökostromhersteller. Das ist das
Ergebnis einer von Energiekommissar
Günther Oettinger in Auftrag gegebenen, noch unveröffentlichten Analyse,
die dieser Zeitung vorliegt. Die Ökostromlobby hat lange auf den Bericht
gewartet. Das Ergebnis dürfte eine Enttäuschung sein. Vierzig Milliarden
Euro sind nach der von dem Beratungsunternehmen Ecofys federführend betreuten Untersuchung 2012 an die Erzeuger von Energie aus Wind-, Sonnenkraft und Biomasse geflossen. Das waren mehr als ein Drittel der auf rund
120 Milliarden Euro bezifferten Subventionen. Knapp 15 Milliarden Euro
davon entfielen auf die Sonnenkraft,
zehn Milliarden Euro auf Windkraftwerke an Land. Die Erzeuger von Wärme und Strom aus Biomasse erhielten
rund 8,5 Milliarden Euro. Kohle als
Energieträger wurde nur mit zehn Milliarden Euro gefördert, Erdgas mit fünf
Milliarden Euro und Kernenergie mit
sieben Milliarden Euro. Oettinger will
die Analyse noch innerhalb seiner voraussichtlich Anfang November endenden Amtszeit als Energiekommissar offiziell in Brüssel vorstellen. Innerhalb
der Kommission herrscht aber offenbar noch Streit darüber, wie die Ergebnisse zu bewerten seien. (Siehe Wirtschaft, Seite 15.)
Heute
Der letzte Tango
in Buenos Aires
Der Tango gehört nicht mehr den
Argentiniern, ihn haben sich die
Touristen unter den Nagel gerissen. Deutschland und die Welt, Seite 7
Die Lücke im Manuskript
Brandts legendäre Worte vom
Zusammenwachsen fanden sich
nicht in seiner Rede. Also schrieb
er sie später hinein. Politik, Seite 3
Modiano verliert sich nicht
Paris feiert den neuen Roman des
Nobelpreisträgers Patrick Modiano „Damit du dich nicht im Quartier verlierst“. Feuilleton, Seite 9
Spitzenpositionen in Statistikämtern würden politisch vergeben –
kritisieren Statistiker. Die Politik
widerspricht. Wirtschaft, Seite 17
Von Michael Hanfeld
um Schluss wird Jaron Lanier paZ
thetisch. „Lasst uns die Schöpfung lieben“, ruft er der Festversammlung in der Frankfurter Paulskirche zu.
Es klingt wie das Wort zum Sonntag:
Ein Internet-Vordenker beschwört den
Wert der Schöpfung. Nicht, wie Terroristen und Diktatoren sie bedrohen, ist
das Thema des Friedenspreisträgers,
sondern wie Konzerne der Bewusstseinsindustrie die Schöpfung zerlegen,
berechnen und programmieren – und
mit ihr den Menschen. Wer sich in der
digitalen Welt bewegt, hinterlässt einen täglich wachsenden Datensatz.
Für Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon wird das Individuum dadurch immer berechenbarer, so
dass sie zu wissen glauben, was jeder
von uns als Nächstes tun und lassen
will und soll. Das ist das Ende der Freiheit; es tut nicht einmal weh, weil jeder einzelne Schritt der digitalen Verwandlung als zwingend und nützlich
daherkommt. Wir bezahlen dafür allerdings mit allem, was unser Leben bislang ausmacht.
Lanier hat diese Entwicklung seit
langem kommen sehen. Vor einem
Jahrzehnt wurde er häufig gebeten, an
Benefizkonzerten zugunsten namhafProphet des Menschlichen: Jaron Lanier in der Paulskirche
Internetpionier Lanier: Ohne Menschen
sind Computer Raumwärmer
Friedenspreisträger warnt vor den gesellschaftlichen Risiken der Digitalisierung
wiel. FRANKFURT, 12. Oktober. Der
am Sonntag mit dem Friedenspreis des
Deutschen Buchhandels ausgezeichnete
amerikanische Internetpionier Jaron Lanier hat einen „neuen Humanismus“ in
der digitalen Welt gefordert. In seiner
Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche bemühte sich Lanier um eine Versöhnung von Skepsis gegenüber der Digitalisierung und Fortschrittsoptimismus. Zugleich hob er die Besonderheit des Menschen hervor: „Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen“, sagte er. Lanier reicherte seine
Rede mit Beispielen aus der eigenen Biographie und seiner Familiengeschichte
an, in der es viele Opfer des Holocausts
gibt. Die Rückschau auf den Nationalsozialismus verstärke seine Sorge, dass „das
Internet als überlegene Plattform für
plötzliche Massengewaltausbrüche von
Rudeln oder Clans dienen könnte“.
In Laniers Rede überwog indes die
Hoffnung. Digitaler Kulturoptimismus
sei trotz allem nicht verrückt, hob er hervor. Der Geehrte widmete seinen Preis
auch Frank Schirrmacher, dem im Juni
verstorbenen Mitherausgeber dieser Zeitung. Lanier nannte Frank Schirrmacher
„eine Quelle des Lichts in unserer Zeit“.
Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, würdigte Lanier in seiner
Laudatio als einen Verteidiger der „Einzigartigkeit des Menschen im digitalen
Zeitalter“, der davor warne, „Computer
und Netzwerke über das Menschliche zu
stellen“ und dabei den Menschen klein zu
machen. Als „Literat, Musiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Lehrer, Aktivist
und Erfinder“ sei Jaron Lanier ein „schillerndes Beispiel für eine Patchwork-Identität, die nur auf den ersten Blick postmodern anmute. Tatsächlich erinnere Laniers Persönlichkeit an das Humboldtsche Bildungsideal.
Lanier thematisierte in der Paulskirche
insbesondere die Veränderung des Mediums Buch, das durch die Digitalisierung
von einem Erkenntnis- zu einem Überwachungsinstrument zu mutieren drohe.
„Bücher haben uns immer geholfen, die
Probleme zu lösen, die wir uns aufgehalst
haben. Jetzt müssen wir uns selbst retten,
indem wir die Probleme erkennen, die
wir den Büchern aufhalsen“, sagte er.
Schulz verwies darauf, dass Schirrmacher schon im Jahr 2000 über Lanier geschrieben habe, er sei der „Protagonist jener neuen Intellektuellenszene, von der
Europa noch kaum eine Ahnung hat und
doch endlich haben müsste, um aus dem
Schlaf des alten Jahrhunderts aufzuwachen“. Die Digitalisierung, sagte Schulz,
berühre gesellschaftliche Fragen, die alle
angingen. Der Glaube, dass Menschen
nur die Summe ihrer Daten seien, sei entwürdigend und verkenne, „wer der Schöpfer von Kultur ist“. Der Friedenspreis
wird seit 1950 vom Börsenverein des
Deutschen Buchhandels vergeben und ist
mit 25 000 Euro dotiert. (Siehe Feuilleton, Seiten 9 und 13.)
Streit mit Moskau über Petersburger Dialog
Deutsche Teilnehmer: Wollen nicht Kronzeugen für vorgeblich freien Austausch werden
sprünglich, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, das Treffen in Sotschi absagen wollen. Doch die
Russen machten ultimativ klar, dass bei einer Absage der gesamte „Petersburger Dialog“ tot sei. Das Forum war 2001 von Gerhard Schröder und Wladimir Putin aus der
Taufe gehoben worden. In Berlin ist in der
Union wie auch in der SPD von „Erpressung“ durch Moskau die Rede.
Unterdessen wurde bekannt, dass das
russische Justizministerium die Auflösung
von „Memorial“, einer der größten Menschenrechtsorganisationen Russlands, erzwingen will. Es hat vor dem Obersten Gericht eine entsprechende Klage mit der Begründung eingereicht, die Struktur der Organisation widerspreche dem russischen
Recht. (Siehe Seite 4; Kommentar Seite 8.)
Millionenschaden nach
Unwetter in Genua
Verteidiger Kobanes
loben Luftangriffe
Dijsselbloem fordert von
Deutschland Reformen
Doppelsieg für
Mercedes in Sotschi
jöb. ROM, 12. Oktober. Nach den schweren Überschwemmungen in Genua haben
die Behörden eine erste Bilanz gezogen.
„Die erste Schätzung über die öffentlichen
Schäden liegt bei 200 Millionen Euro“, sagte der Präsident der Region Ligurien, Claudio Burlando. Dazu sollen noch 100 Millionen Euro an Schäden für Privatleute und
Unternehmen kommen. Am Sonntag stieg
die Wut der Bürger auf die Behörden, die
vor dem heftigen Unwetter nicht gewarnt
und zu spät auf die Fluten reagiert hatten.
(Siehe Deutschland und die Welt.)
F.A.Z. FRANKFURT, 12. Oktober. Die
Militärchefs der westlich-arabischen Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS)
wollen von diesem Montag an in Amerika
über ihre Strategie beraten. Der amerikanische Generalstabschef Martin Dempsey
hat dazu mehr als zwanzig ranghohe Militärs eingeladen. Mit Blick auf die Kämpfe
um die syrische Grenzstadt Kobane zeigte
sich der amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel am Samstag vorsichtig
optimistisch. „Tatsächlich gibt es da einige
Fortschritte“, sagte er, sprach aber von einer weiter gefährlichen Lage. Ein Sprecher der kurdischen Verteidiger Kobanes
sagte der Deutschen Presse-Agentur am
Sonntag, die jüngsten Luftangriffe seien
„sehr hilfreich“ gewesen. (Siehe Seite 2.)
pwe./wmu. WASHINGTON/BRÜSSEL,
12. Oktober. Der Vorsitzende der Eurogruppe, der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, hat Deutschland
aufgefordert, sich nicht auf den Lorbeeren
der vergangenen Arbeitsmarktreformen
auszuruhen. „Strukturreformen sind nicht
etwas, was man alle zehn oder zwanzig Jahre macht“, sagte Dijsselbloem dieser Zeitung in Washington. Dijsselbloem spielt
mit der Kritik darauf an, dass die HartzIV-Arbeitsmarktreform ein Jahrzehnt zurückliegt. Dijsselbloem äußerte die Kritik
unmittelbar vor dem Treffen der Eurogruppe an diesem Montag, auf der sich die Diskussion der Eurostaaten über die Förderung von Wachstum und Investitionen fortsetzen dürfte. (Siehe Wirtschaft, Seite 15.)
F.A.Z. FRANKFURT, 12. Oktober. Mercedes hat am Sonntag durch einen Doppelsieg von Lewis Hamilton und Nico Rosberg beim Großen Preis von Russland in
Sotschi den Konstrukteurstitel in der Formel 1 gewonnen. Die deutsche Fußball-Nationalelf musste in der Qualifikationsrunde zur Europameisterschaft 2016 die erste
Niederlage hinnehmen. In Warschau verlor der Weltmeister 0:2 gegen Polen. Am
Dienstag trifft die deutsche Auswahl im
dritten Gruppenspiel auf Irland. Sebastian
Kienle aus Mühlacker hat den berühmtesten Triathlon, den Ironman auf Hawaii, gewonnen. Kienle benötigte für 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und einen Marathonlauf 8:14,18 Stunden. (Siehe Sport.)
Intuition kann trügen
Wenn Aufsichtsräte scheitern,
sind nicht selten menschliche
Schwächen der Grund.
Der Betriebswirt, Seite 16
Seite 18
4<BUACUQ=eacdaj>:m;l;V;Z;n
ter Künstler teilzunehmen, die kein
Auskommen mehr hatten, weil Musik
im Internet als kostenloser Zeitvertreib ausgegeben wurde. Geistige Arbeit, Patente, Kultur? Nichts mehr
wert, sofort verfügbar, gratis. Zuerst
traf es die Musiker, dann die Journalisten. Weitere Gewerbe werden folgen –
und mit ihnen die Mittelschicht. Hier
Milliardäre, die Geld, Macht und Daten horten, dort Bettler, so sieht die digitale Gesellschaft aus, in der Konzerne den Staat ersetzen.
Mit dieser Dystopie findet Lanier
sich nicht ab. Er will den Datenkapitalismus auf die Spitze treiben: Die Konzerne sollen uns für unsere Daten bezahlen. Das wäre die Umwertung des
Kosten-Nutzen-Modells, auf das sich
Internetkonzerne mit der amerikanischen Regierung und den Geheimdiensten verständigt haben. Das Prinzip muss lauten: Wir bleiben Herren
unserer selbst. Es ist Zeit, dass die Europäer, die von Silicon-Valley-Propheten gerne als Zukunftsverweigerer bezeichnet werden, aus der Defensive
kommen. Sie haben die technische Entwicklung zwar verschlafen, doch sollten sie sich wenigstens gegen das Ende
des humanistischen Menschenbildes
stemmen. Es geht um das, wovon Lanier spricht: um den Menschen, nicht
als Summe seiner Daten und nicht als
Diener der Maschinen, sondern als –
Schöpfung.
Wenn das Wachstum ausbleibt
gleich die kritische Zivilgesellschaft in
Russland massiv unter Druck gesetzt
wird“. Es sei auch falsch, dass nach der russischen Aggression gegen die Ukraine
„eine Normalität in den deutsch-russischen Beziehungen simuliert wird“.
Die Unterzeichner hatten diese Position zuvor in einem Schreiben an Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und Außenminister Steinmeier (SPD) dargelegt. Lothar de Maizière reagierte verärgert auf
die Absage. „Diese Leute sind Gesprächsverweigerer“, sagte er dieser Zeitung. „Probleme kann man nur in Gesprächen lösen, aber nicht dadurch, dass
man ihnen fernbleibt.“ Auch der Russland-Koordinator der Bundesregierung,
Gernot Erler (SPD), wird nicht nach Sotschi reisen. Die deutsche Seite hatte ur-
DOSB-Präsident Alfons Hörmann
spricht über den Nutzen Olympischer Spiele und die Zukunft des
Leistungssports. Sport, Seite 27
F. A. Z. im Internet: faz.net
Foto Wonge Bergmann
mwe./rve. BERLIN/MOSKAU, 12. Oktober. Die deutsch-russischen Beziehungen
sehen einer weiteren Belastungsprobe entgegen. Die Zukunft des „Petersburger Dialogs“, eines Gesprächsforums beider Länder, ist unklar. Fünf deutsche Organisationen, darunter die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung, haben ihre Teilnahme am nächsten Treffen in Sotschi abgesagt, das Ende Oktober stattfinden soll.
In einem Brief an den deutschen Ko-Vorsitzenden, Lothar de Maizière (CDU),
heißt es, der „Petersburger Dialog“ werde
seinem Anspruch nicht gerecht, ein Diskussionsforum zu sein, das die Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften fördere. Zudem wollen die Organisationen
„nicht zu Kronzeugen für einen vorgeblich
freien Austausch werden, während zu-
Am Scheideweg
2,30 € D 2954 A
Die Schöpfung
Abhängig von der Politik?
Briefe an die Herausgeber

Z E I T U NG F Ü R D E U T S C H LA N D
Grand Repos, Antonio Citterio, 2011
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: leserbriefe@faz.de
Belgien 3,00 € / Dänemark 23 dkr / Frankreich, Griechenland 3,00 € / Großbritannien 3,00 £ / Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande 3,00 € / Österreich 3,00 € / Portugal (Cont.) 3,00 € / Schweiz 4,80 sfrs / Slowenien 3,00 € / Spanien, Kanaren 3,00 € / Ungarn 780 Ft
Von Holger Steltzner
it schöner Regelmäßigkeit setzen der Internationale WähM
rungsfonds, die amerikanische Regierung und die Investmentbanken aus
New York und London Deutschland
auf die Anklagebank. Sie werfen der
Bundesregierung vor, zu wenig für die
Konjunktur zu tun – und meinen damit: nicht genug Schulden zu machen.
Routiniert hat Bundesfinanzminister
Schäuble auch beim diesjährigen
Herbsttreffen von Währungsfonds und
Weltbank alle Vorwürfe abperlen lassen. Aus gutem Grund: Staatliche Konjunkturprogramme sind Strohfeuer;
sie sorgen nicht für nachhaltiges
Wachstum, sondern nur für noch höhere Schulden.
Deshalb führen auch die ständigen
Klagen aus Rom und Paris über das vermeintliche Spardiktat aus Berlin in die
Irre. In Wahrheit sind in der Währungsunion die Staatsschulden gestiegen,
und die Neuverschuldung wächst heute schneller als vor der Euro-Krise –
auch deshalb, weil Staaten leichter als
je zuvor neue Schulden machen können. Die Europäische Zentralbank hat
den Zins für Euro-Staatsschuldner fast
auf null gedrückt.
Allerdings können Bundeskanzlerin
Merkel und ihr Finanzminister die Kritik nicht länger in der Rolle des wirtschaftlich Klassenbesten abwehren
und ihrerseits den Partnern mit Ratschlägen für Strukturreformen auf die
Nerven gehen. Denn sie haben ihre
Hausaufgaben nicht gemacht. Die Bundesregierung hat ihren finanziellen
Spielraum leider nicht für eine vorausschauende Wachstumspolitik genutzt.
Sie hätte in Bildung, Infrastruktur
oder die Digitalisierung investieren
können. Auch begrenzte sie nicht die
Bürokratie, sondern ließ der Regulierungswut auf allen Feldern freien
Lauf: Dämmung, Duschköpfe, Mietpreise, Frauenquote, Arzttermine und
vieles andere mehr. Statt kluger Wirtschaftspolitik betrieb sie teure Sozialpolitik.
Weit mehr als hundert Milliarden
Euro werden die Wahlgeschenke Frührente (SPD) und Mütterrente (CDU)
kosten. Auch der gemeinsam betriebene flächendeckende Mindestlohn dürfte noch teuer werden, wenn in Ostdeutschland die Arbeitslosigkeit steigt,
weil in Polen oder der Tschechischen
Republik nun einmal Stundenlöhne
von kaum mehr als zwei Euro bezahlt
werden. Für die Vervielfachung der
Strompreise sind ebenfalls die verschiedenfarbigen Regierungen von
Frau Merkel verantwortlich. Hierfür
werden diejenigen Verbraucher noch
lange zahlen, die nicht auf das Subventionskarussell aufgesprungen sind.
Warum glaubt die Bundesregierung
eigentlich, die Abkühlung der Weltwirtschaft und die Stagnation im Euroraum könnten Deutschland nichts anhaben? Natürlich ist die reduzierte
Wachstumsprognose von etwas mehr
als einem Prozent, die am Dienstag in
Berlin vorgestellt werden dürfte, kein
Rückfall in eine Rezession. Aber
Deutschland muss um seine Wettbewerbsfähigkeit fürchten und sollte sich
nicht länger auf den Lorbeeren der vergangenen Arbeitsmarktreformen ausruhen, wie der Vorsitzende der Eurogruppe, der niederländische Finanzminister Dijsselbloem, jetzt mit Recht in
dieser Zeitung mahnt.
Die Wachstumsprobleme und die
hohe Arbeitslosigkeit sind nicht unerwartet über Europa hereingebrochen.
Jahrelang hatten die Politiker die Möglichkeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die EZB hat ihnen viel Zeit gekauft, aber die Regierungen in Rom
und Paris haben sie nicht genutzt. Nun
zerschlägt sich die Hoffnung, die Eurozone könne mit geldpolitischen oder
kreditfinanzierten Impulsen der Währungskrise und dem Schuldensumpf
Nicht nur Rom und Paris
scheuen Reformen. Auch
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sinkt.
entwachsen. Was bleibt, ist die bittere
Erkenntnis, dass vor allem in Frankreich und Italien die Sozialleistungen
weiter schneller wachsen als die Staatseinnahmen, der öffentliche Dienst
überdimensioniert ist, die Arbeitsmärkte für die Jungen versperrt sind
und die Lebensarbeitszeiten zu gering
bleiben. In einem solchen Umfeld, das
Innovationskraft lähmt und Zutrauen
untergräbt, halten sich Unternehmer
und Investoren zurück. Wenn nun
schon wieder von reformfaulen Politikern als Ausweg gepriesen wird, was
seit Jahren nicht funktioniert, kann es
keine Besserung geben. Denn jedermann weiß: Durch staatliche Ausgabenprogramme steigen erst die Schulden und dann die Steuern.
Ein Witz ist, dass ausgerechnet der
frühere amerikanische Finanzminister
Summers in Washington sagte, das Gerede von Strukturreformen treibe Europa in die Deflation, es drohten japanische Verhältnisse. Erstens bedeutet
eine niedrige Inflationsrate nicht Wirtschaftskrise. Zweitens beweist Japan,
dass Konjunkturprogramme nichts taugen. Drittens gibt es in Japan auch
nach zwanzig Jahren noch keine Strukturreformen, aber dafür die höchsten
Schulden der Welt.
Weder mit dem Öffnen aller Geldschleusen noch mit einer scharfen Abwertung des Euro kann die EZB die
Schwierigkeiten der Eurozone lösen.
Nicht einmal Käufe von Anleihen werden Wachstum erzwingen können,
weil die Finanzierung nicht das Problem ist. Aber es wachsen die Kosten
dieser Politik. Die EZB wird noch
mehr Risiken zu Lasten des Steuerzahlers umverteilen – ohne demokratisches Mandat. Und es steigen die sozialen Kosten dieser Geldpolitik, denn sie
macht Reiche tendenziell reicher und
Arme ärmer, weil Kleinsparer durch
negative Zinsen bestraft werden.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
39
Dateigröße
358 KB
Tags
1/--Seiten
melden