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Arzthaftpflichtbegutachtung - wann und wie - IMB-Fachverband

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ORIGINALBEITRÄG E
F. Schröte r
Zusammenfassun g
Arzthaftpflichtbegutachtung wann und wie leitlinienorientiert ?
Wann leitlinienorientiert ?
Die Nutzung von Leitlinien - definiert
als systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für die Leistungserbringe r
und Patienten über die angemessen e
Vorgehensweise bei speziellen Gesundheitsproblemen - kann dem Sachverständigen im Arzthaftungsprozess weiterhelfen . Gerichte können Leitlinie n
als Hilfsnormen heranziehen und de n
beauftragten Sachverständigen auffordern, den Inhalt einer Leitlinie seine r
Beurteilung zugrunde zulegen . Leitlinien stellen jedoch keine gesetzlich verankerten und damit verbindlichen Re gelungen dar, erleichtern jedoch de m
ärztlichen Sachverständigen die Arbeit und erlauben auch dem Richter da s
Hinterfragen der Plausibilität des gutachtlichen Votums . Dies kann nur gelingen . wenn zur speziellen Problemati k
eine in ihrer Aussagekraft belastbare ,
möglichst auf einer Analyse randomisierter kontrollierter Studien beruhend e
S3-Leitlinie zur Verfügung steht, getragen von mindestens einer, im Idealfalle mehreren wissenschaftlichen Fachgesellschaften . Dabei zeigt sich gar nich t
selten, dass Leitlinien auch Schutzfunktionen gegen ungerechtfertigte Anschul digungen entfalten .
Leitlinien können vom Gutachter i m
Arzthaftungsprozess nur dann verwendet werden, wenn sie zu der anstehen den Problematik auch zur Verfügun g
stehen . Der häufig mit dieser Themati k
beanspruchte Sachverständige weiß je doch um das Problem, dass ärztliche s
Anschrift des Verfasser s
Dr. med . Frank Schröte r
`-Arzt für Orthopädie im Institut fü r
Medizinische Begutachtun g
Landgraf-Karl-Str. 2 1
34131 Kassel
168
Handeln sich in weiten Bereichen außerhalb von Leitlinienvorgaben bewegt ,
Leitlinien auch keineswegs mit ihren
Empfehlungen automatisch die gutacht liche Beurteilung prägen . sondern viel mehr die wissenschaftliche wie auch
die gutachtliche Kompetenz des Sachverständigen gefragt ist, um das Für un d
Wider einer Beanstandung zu wägen .
Dabei ist die - eigentlich ganz einfach e
- Vorgabe der Rechtsprechung (BGHUrteil vom 22 .09 .1987; Az . : VI Z R
238/86) zu beachten : „Der Arzt schuldet dem Patienten neben einer sorgfältigen Diagnose die Anwendung eine r
Therapie, die dem jeweiligen Stand de r
Medizin entspricht . "
Dabei gilt es zu bedenken, dass die
Entscheidung über die Frage, ob nun ei ne ärztliche Behandlung fehlerhaft wa r
oder nicht, sich keineswegs am Erfol g
der Behandlung orientiert . Maßstab der
Beurteilung ist vielmehr die zum betreffenden Zeitpunkt allgemein vorherr schende Überzeugung in medizinische n
Fachkreisen zu der zu prüfenden Thematik . Sofern die Fehlerhaftigkeit der
ärztlichen Behandlung bejaht wird, is t
in einem weiteren Schritt zu prüfen ,
ob sich daraus im konkreten Fall nachweisbar eigenständige gesundheitlich e
Nachteile für den Patienten ergeben haben . Nur dann sind Entschädigungsleistungen wirklich begründbar.
Gibt es zu einer definierten Erkrankung, ihrer Diagnose und Therapie nu r
eine Lehrmeinung, die im wissenschaft lichen Diskurs unumstritten ist, so is t
die gutachtliche Beurteilung in der Regel einfach und bedarf entweder keines oder keines umfangreichen Literaturbeleges . Gefahren lauern dabei abe r
für den - vermeintlich besonders erfahrenen - „alternden" Sachverständigen .
da manch eine althergebrachte „tradierte" Behandlungsform möglicher weise langsam und unbemerkt ins Abseits geraten ist, ohne dass dies in de r
medizinischen Literatur herausgestellt
Grundlage einer Judikativen Beurteilung ärztlicher Handlungsweise n
1 bei vermuteten ärztlichen Behandlungsfehlern ist stets ein ärztliche s
Gutachten . Dem ärztlichen Sachverständigen kommt insbesondere i m
Arzthaftungsprozess eine überragend e
Bedeutung zu, eine Erkenntnis . di e
schon 1811 vom Kammergericht Berli n
zur Begründung der Bestellung eines
ärztlichen Sachverständigen - seinerzeit ein Novum in der Judikative
- so formuliert wurde [51 : „Unendlich
schwankend und unsicher ist die Wi s
senschaft, unendlich mannigfaltig un d
verschieden das Maß der Erkenntnis
und des praktischen Talents unter de n
Ärzten . Der eine wirft dem anderen als
Quelle allen Irrtums vor, worin der andere die Summe aller Wahrheit findet .
Der Staat kann nicht bestimmen . was
wahr ist, weil Wahrheit ewig der Ereilten wissenschaftlicher Entwicklun g
überlassen bleiben muss . . ."
Um in einer solchen, seinerzeit maßgeblich, aber auch heute noch teilweise
eminenzbasierten Wissenschaft mit
konträren Auffassungen dem aktuelle n
Kodex einer guten Medizin gutachtlich '
nahe zu kommen, ist der Sachverständige unbedingt gehalten, sich aussagekräftiger Literaturfundstellen - mit
Bennung derselben - zu bedienen . ,t
Schlüsselwörter Arzthaftpflicht Leitlinien - Begutachtun g
thematisiert wurde . Was den medizinischen Anwendern in der alltäglichen
Praxis bekannt sein sollte, muss nich t
unbedingt auch den _alternden" Gut achter - der andererseits eine immens e
Erfahrung aus seinem Berufsleben un d
in besonderer Weise auch die Fähigkei t
zum Abwägen mitbringt - erreicht haben .
Besonders schwierig gestalten sic h
gutachtliche Überprüfungen von einerseits innovativen, andererseits verlassenen Verfahren . Auch der heutzutage
selten gewordene so genannte Schulenstreit mit zwei oder mehreren parallel stehenden gut akzeptierten Lehrmeinungen - gelegentlich sich auc h
widerspiegelnd in diskrepanten Leitlinien - kann den ärztlichen Sachver-
MEll SACH 104 5/2008
i
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Bildung
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