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1 Der Traum vom Traumjob von Sonja Steiner Klingt wie ein

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Der Traum vom Traumjob
von Sonja Steiner
Klingt wie ein Paradoxon. Montag bis Freitag, irgendwas zwischen einer 35-VW-Std. Woche
und einer 80+ Std. Woche für Weißkittel, Bull & Bear-Broker, FIFA WM-Eventmanager und
andere Freaks. Denn Traumjob bedeutet man merkt gar nicht wie schnell die Zeit vergeht.
Dunkelheit beim Verlassen des Hauses, Dunkelheit beim Zurückkehren. Bei entsprechenden
Arbeitszeiten klappt das totale Tageslicht-Vermeiden sogar im Sommer. Die Bürofenster
werden abgedunkelt, der gleißende Sonnenschein auf dem Monitor stört. Man hat die eigene
Haut leintuchweiss in den Winter hinübergerettet und hegt ein angespanntes Verhältnis zum
Handy-Wecker-Piepsen und ein entspanntes Verhältnis zur Freizeitgestaltung, die man einfach völlig links liegen lässt. Kein Urlaub während der Probezeit, Urlaubssperren, bitte nicht
den Jahresurlaub am Stück nehmen, kein Problem, ich bin flexibel.
Der Traum vom Fliegen zum Beispiel. Auch ein Traumjob von mir. Mit wohl nichts auf der
Welt ist das Gefühl zu vergleichen, wenn man in dem weichen Ledersessel zwischen all den
Schaltern und Leuchtknöpfen Platz nimmt, die Weite des Rollfeldes und des blauen Himmels
direkt vor sich, die Hand auf dem alles entscheidenden Hebel. Das tonnenschwere elegante
Gebilde mit all den mir fremden Menschen an Bord erhebt sich durch die mit meiner Handbewegung ausgelöste Schubkraft. Der erste Testpilot für den A380. Kein Oskarpreisträger
könnte stolzer über den roten Teppich schreiten als ich auf dem Weg zu meiner Maschine.
Aber ich glaube ich habe auch schon mal was von allmorgendlichen Treibstoff- und Windberechnungen, Crewunterweisungen, Maschinencheck, Autopiloten und problematischen Beziehungen gehört. Wie viel Traum kommt dabei auf wie viel Alltag?
Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006TM. Ein Traum in jeder Hinsicht. 15.000 Volunteers, die für diesen Traumjob für umme geschuftet haben. Was für ein Traumjob ist es da
erst, wenn man zu denen gehört, die für die organisatorische Arbeit auch noch bezahlt werden! Wie leicht fällt da das Aufstehen, das Verhältnis zum Handy-Wecker-Piepsen entspannt
sich merklich. Das Finale war in Stuttgart! JA, aber was ist dann am 10. Juli? Die innere Leere und die Tränen der Wehmut werden aufgesaugt vom Papierkram, der unendlich geduldig
auf deinem Tisch auf dich wartet. Nun, nach der WM ist bekanntlich vor der EM. In Zeiten
des Knowledge-Managements wissen wir, dass trotz Wissenstransfer Südafrika 2010 unser
Wissen unersetzlich bleibt. Die Deutschen bleiben in Ihrer weltbekannten Tugend der Effizienz ungeschlagene Weltmeister, diese Jobs bleiben erhalten.
Ein Job als Unternehmensberater wäre auch traumhaft. Jeden Tag im Anzug, jeden Tag wichtig, jeden Tag effizient. Wechselnde Projekte, internationale Tätigkeit, Arbeiten unter Zeitdruck, echtes Problemlösungsmanagement. Strategische, intellektuelle Herausforderungen.
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Oder doch nur Powerpoint Perfektionisten? Und viel Geld. Was könnte man damit für tolle
Sachen machen. Reisen zum Beispiel.
Reisen ist mein allerliebstes Hobby. Ist es nicht DER Traumjob, wenn man sein liebstes Hobby zum Beruf macht? In meinem Regal stehen sechs Lonely Planet Reiseführer. Nicht die
kleinen. Die Dicken, die bedeuten dass man es ernst meint mit dem Reisen. Wochenlanges
Backpacken, wo Entbehrungen Spaß bedeuten, wo wenig Geld ein Heranrücken an die Menschen in den Ländern bedeutet und die Eintrittskarte in eine zauberhafte Welt unvorstellbarer
Erfahrungen sind. Wo das stundenlange Vorbereiten der Reise genauso viel Spaß macht wie
das Reisen selbst. Wo das geduldige Recherchieren, Organisieren und Planen der Reise für
das nächste Jahr darüber hinweg tröstet dass in diesem Jahr keinen Urlaub mehr übrig ist. Wo
der Tagtraum von dem was mich auf der geplanten Reise erwartet auf der morgendlich immergleichen Strecke in der S-Bahn und den Mitmenschen mit den langen Bürogesichtern ein
Lächeln in mein Gesicht zaubert. Wäre es nicht phantastisch, wenn ich diese 1 von 1 Million
wäre, die morgens ungeduldig aus dem Bett springt, weil sie es kaum erwarten kann mit der
Arbeit in ihrem Traumjob zu beginnen?
Bei den Kurz-Lebensläufen der Autoren im Reiseführer bleibe ich grundsätzlich hängen und
sehe, dass es noch krassere Nomaden als mich auf der Welt gibt. Ja, und würde das Schreiben
von Reiseführern nicht super mit meiner zweiten großen Liebe, den Fremdsprachen, zusammen passen? Würde auch super zu meinem festen Vorsatz passen, bis zu meinem Lebensende
in jedem Land einmal gewesen zu sein. Aber ob ich auch dann noch jeden Morgen aus dem
Bett springen würde, wenn die Recherche von all diesen nervig-winzigen Details ansteht?
Macht bekanntlich selten so viel Spaß wie das große Ganze. Aber ich könnte durch die ganze
Welt reisen, wundervolle Dinge erleben, wäre mein eigener Chef. Doch, die Menschen die
das zum Beruf gemacht haben würde ich gerne mal kennen lernen.
Ein Leben als Autorin wäre sicher auch ein echter Traumjob. Ich würde mit meinem Laptop
an einem wunderschönen Ort, irgendwo auf der Welt sitzen und hätte völlig freie Zeiteinteilung. Tagträumen und in Phantasien schwelgen erlaubt. Ich könnte die Phantasie von Millionen von Lesern bereichern, etwas mitteilen. Mit Zeit zum Reisen, denn Reisen regt die Phantasie an. Endlich wäre Lesen nicht mehr etwas, das man versucht in seiner knappen Freizeit
unterzubringen, sondern Teil eines Ganzen. Ein gut recherchiertes Sachbuch wäre auch etwas
Schönes, man hinterlässt der Welt etwas für die Ewigkeit. Ich sehe die Danksagung auf der
ersten Seite schon vor mir, das Thema meines in alle Sprachen übersetzten Werkes leider
noch nicht.
Übersetzerin wäre auch so ein Traum. Selbstverständlich nicht für das Übersetzen von
Gebrauchsanweisungen, nein, man wäre die erste, die das neue Harry Potter Manuskript bekommt und sich mit Fiebereifer über das Buch hermacht. Wo mit jedem Satz, den man im
Text weiter vorrückt, das farbenprächtige Bild vor Augen mehr und mehr Gestalt annimmt,
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wo man vor lauter Anspannung kaum wagt zu atmen und erst wenn die vor dem geistigen
Auge entstandenen Bilder in dem sich gerade entwickelnden Satz ihren würdigen Eingang
gefunden haben, kann man erleichtert aufatmen. Es ist nicht nur eine maschinelle routinemäßige Übertragung dessen, was andere geschrieben haben; eine gelungene Übersetzung ist
vielmehr etwas mit den eigenen Händen und der eigenen Phantasie Geschaffenes. Aber wehe
dem, der sich mit dem Übersetzen von Gebrauchsanweisungen über Wasser halten muss, das
tötet den Geist und die Liebe zur Sprache.
Ich könnte aber auch etwas Nützliches für die Menschheit tun. Eine Tätigkeit für Ärzte ohne
Grenzen zum Beispiel. Oder für die GTZ. Vor Ort, dort wo man gebraucht wird. In Teams mit
Leuten, die so denken wie ich. Ich könnte die Versorgung für den Libanon steuern, mein Wissen für die elementarsten Bedürfnisse der Menschen einsetzen, für Menschen, die nicht das
Glück haben, sich überlegen zu können, was denn auf der ganzen weiten Welt wohl ihr
Traumjob ist.
Wäre denn nicht der Job der Traumjob, den man auch dann noch machen möchte, wenn man
36 Millionen Euro gewonnen hat? Wer dann nichts machen und im Luxus leben möchte, der
braucht nicht weiter suchen, für den existiert so ein Traumjob nicht. Ein Traumjob ist nur etwas für Menschen, die wirklich von etwas träumen können. Auch wenn sie manchmal eine
rationale Wahl treffen und unter der Bedingung dass man im Leben als Nicht-Hotelerbin nicht
einfach tun kann wozu man zufällig grad Lust hat, ganz simpel ihre Brötchen verdienen. Aber
vielleicht, eines Tages führt sie der Weg wieder zu ihrem Traumjob zurück, solange sie ihn im
Herzen behalten und nicht aus den Augen verlieren.
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