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Winfried Vogt
Oktober 2014
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Aktuelle ökonomische Debatten
Kapitalistische Ungleichheit nach Piketty
Wachstum und Umwelt aus Sicht von Ökonomen
Das Verhältnis von Markt und Moral
Nimmt der Anteil der Kapitaleinkommen mit sinkendem Wachstum zu?
Klassische Fragen zu Pikettys Kapitalismus im 21. Jahrhundert.
Kein Buch eines Ökonomen hat in letzter Zeit weltweit soviel Aufmerksamkeit erregt und
Zustimmung gefunden, wie der Bestseller
PIKETTY, TH., Capital in the Twenty-First Century, Cambridge 2014.
Von den zahllosen Besprechungen, die inzwischen vorliegen, sei besonders empfohlen:
MILANOVIC, B., The Return of "Patrimonial Capitalism": A Review of Thomas
Piketty's Capital in the Twenty-First-Century, Journal of Economic Literature, June
2014, 519-534.
Pikettys Buch dokumentiert in eindrucksvoller Weise die Entwicklung der Einkommens- und
Vermögensverteilung im Kapitalismus. Es zeigt, dass sich diese nach einer Pause im vorigen
Jahrhundert inzwischen wieder einem Zustand annähert, in dem eine sehr kleine Minderheit
über den Großteil aller Einkommen und Vermögen verfügt, so z.B. in den USA die 10%
Reichsten über fast die Hälfte und die 1% Reichsten über fast ein Viertel aller Einkommen. Es
entstehe ein "patrimonialer Kapitalismus" wie im 19. Jahrhundert, mit zerstörerischen Folgen
für Demokratie und Gesellschaft, weil eine Minderheit ohne Arbeit leben und mit ihren
Mitteln die Politik bestimmen kann.
Als wesentlichen Grund wachsender zunehmender Ungleichheit sieht Piketty einen
wachsenden Anteil der Einkommen aus Kapitalvermögen. Bezeichnet man das
Volkseinkommen (Sozialprodukt) mit Y, den Kapitalbestand (Kapitalstock) mit K und den
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Zinssatz auf Kapital mit r, dann ist dieser Anteil durch :=rK/Y definiert. Piketty hebt die
dabei auftretenden Variablen als "the three most important concepts for analyzing the
capitalist system: the capital/income ratio, the share of capital in income, and the rate of return
on capital" hervor. Die Bestimmung von  (bei ihm lautet sie =r) bezeichnet er
(vielleicht etwas übertrieben für eine Definition) als "the first fundamental law of capitalism".
Die Zunahme dieses Anteils ergibt sich über das Wachstum des Kapitalbestandes. Wenn ein
Anteil s des Sozialprodukts gespart und investiert wird, ist die Wachstumsrate des
Kapitalstocks g:=sY/K. Für Piketty beschreibt diese Gleichung (bei ihm =s/g) "the second
fundamental law of capitalism". Dieses Gesetz sei allerdings "valid only in the long run", was
so zu interpretieren ist, dass g nicht nur als Wachstumsrate des Kapitalstocks, sondern als
"natürliche" Wachstumsrate zu verstehen ist, mit welcher der Produktionsfaktor Arbeit und
seine Produktivität steigt. Dieser Vorstellung liegt eine makroökonomische
Produktionsfunktion Y/L=f(K/L) (mit f '>0, f ''<0 im relevanten Bereich) zugrunde, in der
L den effektiven Arbeitseinsatz beschreibt, der mit der Rate g zunimmt. Wenn diese kleiner
ist als sY/K, dann steigt der Kapitalstock schneller als der effektive Arbeitseinsatz, damit
steigt auch K/L. Als Folge davon sinkt (aufgrund der Eigenschaften der Produktionsfunktion)
die Wachstumsrate sY/K des Kapitalstocks, bis sie auf g gefallen ist. Bei g>sY/K kommt
es über eine Abnahme von K/L zu dieser Übereinstimmung. Pikettys zweites
Fundamentalgesetz bezieht sich auf einen solchen "steady state". Er charakterisiert die beiden
fundamentalen Gleichungen als "minimal theoretical framework...sufficient to give a clear
account of what everyone will recognize as important historical developments", nämlich dass
der Anteil der Kapitaleinkommen  mit der Wachstumsrate g steigt oder fällt. Denn Y/K
ist umso größer, je höher die Wachstumsrate g ist. Dann ist K/Y entsprechend kleiner, und
damit auch der Anteil der Kapitaleinkommen . In Zeiten mit hohen Wachstumsraten ist der
Kapitalanteil niedrig, in solchen mit niedrigen Wachstumsraten ist er hoch. "The return of
high capital/income ratios...can be explained in large part by ...a regime of relatively slow
growth".
Der behauptete negative Zusammenhang zwischen Wachstumsrate und Kapitalanteil blendet
allerdings zunächst mögliche gegenläufige Tendenzen von Sparquote und Zinssatz aus. Wenn
z.B. die Sparquote positiv mit der Wachstumsrate korreliert ist, dann folgt aus g=sY/K nicht
unbedingt, dass Y/K den Bewegungen von g folgt, weil diese durch Änderungen von s
kompensiert werden könnten. In klassischer Denktradition folgt außerdem, dass der Zinssatz
mit steigender Kapitalakkumulation fällt. Bei Wettbewerb auf dem Kapitalmarkt entspricht
der Zinssatz der Grenzproduktivität des Kapitals, r=f '(K/L). Aufgrund der Eigenschaften der
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Produktionsfunktion folgt daraus der angegebene Zusammenhang, d.h. r fällt mit steigendem
K/L, so dass der Einfluss auf  zunächst offen bleibt.
Dieser Zusammenhang wird auch von Piketty gesehen. Seine empirischen Untersuchungen
ergeben aber, dass  nichtsdestoweniger dem Verlauf von K/Y folgt, d.h. dass der Zinssatz
weniger schwankt als der Kapitalkoeffizient K/Y. Piketty begründet dies mit zwei
Argumenten. Erstens stellt er fest, dass der Zinssatz grundsätzlich höher sei als die
Wachstumsrate, und zweitens unterstellt er eine makroökonomische Produktionsfunktion, bei
der rK/Y auch bei fallendem Zinssatz steigen kann, weil der Einfluss von K/Y überwiegt.
Das erste Argument bezeichnet er als "the fundamental force of divergence, fundamental
inequality: r>g." Aus dieser Ungleichung folge logisch, "that inherited wealth grows faster
than output and income. People with inherited wealth need save only a portion of their income
from capital to see that capital grow more quickly than the economy as a whole. Dieses
Argument ist zwar einzelwirtschaftlich richtig, aber gesamtwirtschaftlich fraglich 1. Ein
einfaches Beispiel zeigt das Problem. Wenn alle Kapitaleinkommen, und nur diese, gespart
werden, dann entspricht die Wachstumsrate des Kapitalstocks dem Zinssatz. Ist dieser größer
als die natürliche Wachstumsrate, r>g, dann wächst der Kapitalstock schneller als der
Arbeitseinsatz, d.h. es sinkt L/K. Mit r=f '(K/L) folgt dann, dass auch der Zinssatz sinkt, bis
er der Wachstumsrate entspricht, so dass sich die "fundamental inequality" auflöst.
Das zweite Argument, mit dem Piketty den entgegenwirkenden Zinseinfluss zu relativieren
sucht, beruft sich auf eine spezifische Eigenschaft der makroökonomischen
Produktionsfunktion, nämlich auf die Substitutionselastizität von Arbeit und Kapital, die
angibt, um wie viel Prozent das Einsatzverhältnis von Kapital zu Arbeit steigt, wenn Kapital
um ein Prozent billiger wird als Arbeit. Piketty unterstellt, dass diese Elastizität größer ist als
Eins, weil dann ein sinkender Zinssatz die Zunahme von K/Y nicht ausgleichen kann, so
dass =rK/Y trotz entgegengesetzter Bewegung von r mit K/Y steigt. Man kann diesen
Zusammenhang leichter verstehen, wenn man anstelle von =rK/Y das Verhältnis von
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Bei einer konstanten Sparquote s ist die Wachstumsrate g=sf(k)/k. Mi r=f'(k) folgt r/g=/s, mit  als
Produktionselastizität des Kapitals. Die Ungleichung r>g träfe zu, wenn >s, also die Produktionselastizität
des Kapitals größer als die Sparquote wäre. Bei einem niedrigen Wert von g, der in Pikettys Begründung eine
Rolle spielt, könnte dies der Fall sein, weil dann  hoch ist. Aber wenn die Sparquote mit dem Zinssatz steigt,
ist das Ergebnis wieder offen. Bei einer optimalen Sparquote, wie sie in Wachstumsmodellen mit intertemporaler
Nutzenmaximierung ermittelt wird, ist im steady state r=+g, mit  als Nutzendiskontrate und  als
Elastizität des Grenznutzens des Konsums. Hier gilt die Ungleichung r>g bei >(1-)g, also ebenfalls am
ehesten bei einer niedrigen Wachstumsrate.
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Kapital- und Arbeitseinkommen zu betrachten, nämlich :=rK/wL, mit w als Lohnsatz. Da
sich Kapital- und Lohneinkommen zum Sozialprodukt aufaddieren, also Y=rK+wL ist,
erkennt man leicht, dass  steigt, wenn dies auch für  gilt. Die Substitutionselastizität
beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Verhältnis der Faktorpreise r/w und dem der
verfügbaren Produktionsfaktoren L/K. Wenn L/K sinkt, wird Arbeit relativ knapp im
Verhältnis zu Kapital und als Folge davon auf dem Markt relativ teuerer. Es sinkt also auch
r/w. Daraus folgt, dass sich r/w und L/K in die gleiche Richtung bewegen, so dass der
Einfluss von Veränderungen auf =(r/w)/(L/K) davon abhängt, ob sich r/w stärker oder
schwächer verändert als L/K: Dies eben gibt die Substitutionselastizität von Arbeit und
Kapital an. Ist sie kleiner als Eins, dann ist eine Senkung von L/K mit einer relativ kleineren
Abnahme von w/r verbunden, so dass  sinkt. Ist sie größer als Eins, gilt das Umgekehrte,
d.h.  steigt, und mit ihr der Anteil der Kapitaleinkommen am Sozialprodukt.
Damit kann man Pikettys Hauptthese folgendermaßen zusammenfassen: Aus den beiden
"fundamentalen Gesetzen des Kapitalismus", =rK/Y und g=sY/K, folgt, dass bei
gegebener Sparquote s der Kapitalanteil  mit sinkender Wachstumsrate steigt, wenn die
Substitutionselastizität von Arbeit und Kapital größer ist als Eins.
Mit dieser These lässt sich Pikettys Bild der historischen Entwicklung der kapitalistischen
Verteilung folgendermaßen skizzieren. Man betrachte einen historischen Ausgangspunkt, in
dem L/K hoch, also relativ wenig Kapital vorhanden ist, wie zu Beginn der industriellen
Revolution oder im vorigen Jahrhundert nach den Weltkriegen. Bei einem hohen Wert von
L/K ist auch die Kapitalproduktivität Y/K entsprechend hoch und mit ihr bei einer
gegebenen Sparquote die Wachstumsrate des Kapitalstocks, sY/K, die dann über der
"natürlichen" Wachstumsrate von L liegt. Dies hat zur Folge, dass L/K sinkt und damit
auch r/w. Ist die Substitutionselastizität größer als Eins, so fällt ein wachsender Anteil des
Sozialprodukts an die Kapitaleigentümer bzw. Vermögensbesitzer und die Ungleichheit der
Einkommensverteilung nimmt zu. Nach Piketty wird sich diese Tendenz auch in Zukunft
fortsetzen, weil man mit einer sinkenden Wachstumsrate von L rechnen muss, so dass L/K
weiter fallen wird. Damit sei eine Kapitalkonzentration zu befürchten, die unvereinbar ist
"with the meritocratic values and principles of social justice fundamental to modern
democratic societies".
Wer mit klassischen Vorstellungen (von A. Smith über Ricardo und Malthus zu J.St. Mill und
Marx) über die langfristige Entwicklung des Kapitalismus vertraut ist, wird bei säkular
fallender Wachstumsraten im Gegensatz zu Piketty eher einen sinkenden Kapitalanteil
erwarten, weil der Zinssatz gegen Null geht, so dass Keynes sogar den "Tod des Rentiers"
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prophezeit hat, der nur von Kapitaleinkommen lebt. Diese Perspektive lässt sich gut mit einer
makroökonomischen Produktionsfunktion begründen, die dem klassischen Ertragsgesetz
folgt, nach dem die Grenzerträge des Kapitals zunächst zunehmen, dann abnehmen und
schließlich auf Null fallen. Bezeichnet man das Einsatzverhältnis von Kapital und Arbeit mit
k:=K/L, so ist ganz allgemein Y=f(k)L, r=f '(k) und =kf '/f. Daraus lässt sich ermitteln, wie
sich  mit k verändert. Die entsprechende Formel ist
(k/)/(d/dk)= 1-+ε, mit ε:=kf ''/f'.
Als hinreichende Bedingung dafür, dass  mit wachsendem k fällt, der entsprechende
Ausdruck also negativ ist, ergibt sich ε<-1. Bei einer klassischen Produktionsfunktion (wie
sie z.B. in mikroökonomischen Lehrbüchern dargestellt wird), kann diese Bedingung erfüllt
sein. Eine solche Produktionsfunktion ist, wie gesagt, dadurch charakterisiert, dass sie mit
steigendem k erst zunehmende und dann abnehmende Grenzerträge f '(k) aufweist, die
schließlich auf Null fallen. Die Durchschnittsproduktivität f(k)/k wird dabei mit einer
hügelförmigen Kurve beschrieben, die ein Maximum hat, in dem Durchschnitts- und
Grenzproduktivität bei einem Wert k=kmin übereinstimmen, der sich aus f '(k)=f(k)/k ergibt.
Für k<kmin wäre f '(k)>f(k)/k, bzw. >1, was nicht möglich ist. Für k>kmin ergeben sich
fallende Kurven mit f(k)/k>f '(k). Der maximale Wert von k, der mit k max bezeichnet wird,
liegt bei f '(k)=0. Ein höherer Wert ist nicht möglich, weil sonst <0 wäre. Insgesamt ist die
Produktionsfunktion also definiert über kminkkmax, sowie mit (kmin)=1 und (kmax)=0.
Wenn außerdem die oben genannte Bedingung ε=kf' '/f '<-1 erfüllt ist, dann ergibt sich
folgende Abhängigkeit von  und k: Der Kapitalanteil ist Eins bei der Kapitalausstattung
kmin, er sinkt mit wachsender Kapitalausstattung k und fällt schließlich bei kmax auf Null.
Zur Ergänzung kann man die Substitutionselastizität  betrachten, die durch =(1-)/(-ε)
bestimmt ist. Sie ist unter der genannten Bedingung im ganzen relevanten Bereich kleiner als
Eins. Außerdem ist (kmin)=(kmax)=0 (letzteres wegen ε(kmax)=∞), so dass  hügelförmig
zwischen kmin und kmax liegt. Ein Beispiel für eine solche Produktionsfunktion mit den
beschriebenen Eigenschaften wäre Y=(a-K)K².
Der von Piketty empirisch ermittelte parallele Verlauf von K/Y und =rK/Y scheint dieser
klassischen Vorstellung zu widersprechen. Schematisch zusammengefasst sind danach die
Werte von K/Y und rK/Y zunächst hoch (bis etwa 1910). Sie fallen dann auf ein
niedrigeres Niveau (bis etwa 1970) und steigen schließlich bis zur Gegenwart wieder auf ein
hohes Niveau. Wenn man klassische Vorstellung verteidigen will, muss man diese U-förmige
Entwicklung und ihre empirische Bedeutung unter die Lupe nehmen. Wenn die
Abweichungen der Variablen von ihrem Durchschnittswert signifikant sind, bleibt doch zu
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bedenken, ob sie nicht auf alternativen Gründen beruhen könnten. Bedenkenswert wäre z.B.,
ob der Einbruch von K/Y und =rK/Y auch darauf zurückzuführen sein könnte, dass in der
Periode von 1910 bis 1970 der Auslastungsgrad des Kapitals besonders niedrig war, so dass
K/Y bei Vollauslastung höher gewesen wäre und damit der Kapitalanteil quasi in einem
steady state dem langfristigen Durchschnitt entsprochen hätte. Mit solchen oder ähnlichen
Einwänden bliebe die Frage vielleicht offen, ob die Entwicklung bei einer säkularen
Stagnation auf einen "patrimonialen Kapitalismus" oder doch auf eine "Euthanasie des
Rentiers" (Keynes) hinausläuft.
Wachstum und Umwelt aus Sicht von Ökonomen
Wie unterschiedlich Ökonomen den Zusammenhang von Wachstum und Umwelt einschätzen,
zeigt ein Vergleich der folgenden Bücher von K.-H. Paqué und T. Jackson.
PAQUÉ, K.-H., Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus. Hanser 2010
JACKSON, T., Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen
Welt. Oekom 2011
Während Paqué wirtschaftliches Wachstum fast vorbehaltlos positiv sieht, in Kapitel 2 gerade
auch als Mittel ur Bewältigung von Umweltproblemen, versucht Jackson zu zeigen, dass man
in einer endlichen Welt nicht dauerhaft auf Wachstum setzen kann.
Scharfe Kritik an ökonomischen Modellen zur Einschätzung des Klimawandels üben Stern
und Pindyck in ihren Beiträgen zu einem Forum "How Should We Model Climate Change?"
STERN, N., The Structure of Economic Modelling of the Potential Impacts of Climate
Change: Grafting Gross Underestimation of Risk onto Already Narrow Science
Models. Journal of Economic Literature, September 2013, 838-859.
PINDYCK, R.S., Climate Change Policy: What Do The Models Tell Us?, ebenda, 860872.
So schreibt und begrünet Stern, Verfasser des nach ihm benannten Reports zum Klimawandel,
dass die vorliegenden ökonomischen Modelle die Risiken katastrophaler Folgen des
Klimawandels wesentlich unterschätzen. Pindyck kritisiert die üblichen "integrated
assessment models" als "so deeply flawed as to be close to useless as tools for policy
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analysis" (S. 86). Ebenso wie Stern schlägt er vor, Kosten für den Klimaschutz als
Versicherung gegen eine nicht unwahrscheinliche Katastrophe zu betrachten.
Hinter den zum Teil komplexen ökonomischen Modellen steckt eine einfache Erklärung für
konträre Vorstellungen. Diese beruhen im wesentlichen auf unterschiedlichen Schätzungen
erstens der Wahrscheinlichkeit schwerer Umweltschäden für kommende Generationen und
zweitens der Kosten, die man zu ihrer Vermeidung aufbringen müsste. Eine wesentliche Rolle
in der Auseinandersetzung spielt aber nicht zuletzt die Bedeutung zukünftiger Schäden für die
Wohlfahrt der jetzt Lebenden. In der Ökonomie pflegt man Nutzen und Schäden zukünftiger
Generationen mit einem Faktor abzudiskontieren, der kleiner ist als Eins. Wem die Schäden
kommender Generationen gleichgültig sind, der wird Vermeidungskosten ablehnen, wer sie
genauso gewichtet wie seine eigenen, wird zur Aufbringung bereit sein. Wie bedeutsam dieser
Diskontfaktor für die Auseinandersetzung ist, zeigt die massive Kritik am Stern-Report, der
zur Vermeidung erheblicher zukünftiger Schäden zu relativ hohen Aufwendungen geraten hat.
Man hat ihm vorgehalten, dass er zu diesem Ergebnis nur kommen konnte, weil er die
erwarteten Schäden nicht, wie sonst in der Ökonomie üblich, abdiskontiert hat.
Wie diese Gesichtspunkte in ökonomischen Modellen untergebracht werden, kann mit einem
einfachen Modell verdeutlicht werden. Man stelle sich zwei Generationen vor, eine lebende
und eine zukünftige. Erstere hat einen Wohlstand W1, der auch darauf beruht, dass sie
Umweltschäden verursacht, die ohne Korrektur bei der folgenden Generation mit einer
Wahrscheinlichkeit p eine Katastrophe verursachen können. Ohne diese ist der Wohlstand
der kommenden Generation W2, andernfalls Null. Die Katastrophe kann verhindert werden
durch Umweltkosten in Höhe von cW1, die von der ersten Generation getragen werden. Bei
einem Diskontfaktor R ist die Gesamtwohlfahrt aus der Perspektive der ersten Generation
W1+(1-p)RW2, mit Vermeidungskosten (1-c)W1+RW2. Die erste Generation wird die Kosten
dann auf sich nehmen, wenn der zweite Ausdruck nicht kleiner ist als der erste. Das ist der
Fall für cpR(W2/W1). Die erste Generation wird die Kostenübernahme ablehnen, wenn sie
die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe sehr gering einschätzt und wenn ihr die Wohlfahrt
der kommenden Generation weniger am Herzen liegt, wenn also pR sehr klein ist. Ein
niedriger Wert von R kann auch einen Wohlfahrtszuwachs kompensieren, der sich in
W2/W1 niederschlägt2.
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Wenn man unter W das Sozialprodukt versteht, dann könnte W2/W1 von der Wachstumsrate g bestimmt
sein. Der Diskontfaktor kann mit einer Abzinsungsrate  ausgedrückt werden. Bei g< ist W2/W1<1.
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Das Verhältnis von Markt und Moral
Mit einem Buch des Moralphilosophen Michael J. Sandel ist eine alte spannende Debatte über
das Verhältnis von Markt und Moral neu aufgerollt worden.
SANDEL, M. J., What Money Can't Buy: The Moral Limits of Markets. New York:
Farrar, Straus and Giraux, 2012.
In dem Buch zeigt der Autor, dass der Imperialismus des Marktes, also seine Ausdehnung auf
immer weitere Bereiche der Gesellschaft vielfach moralischen Vorstellungen widerspricht
und bürgerliche Werte verdrängt. Als Beleg verweist er unter anderem auf den Handel mit
Kindern, mit Organen, mit Wählerstimmen, bei Blutspenden, bei der Substitution von
Bußgeldern durch Quasi-Beiträge, bei Bevorzugung von Wohlhabenden im Gesundheits- und
Erziehungssystem. Dabei wirft er der Wirtschaftswissenschaft vor, dass sie, fixiert auf die
Effizienzeigenschaften von Märkten, die sozialen Folgen solcher Auswüchse ignoriere. Mit
einem Beitrag in einer ökonomischen Zeitschrift konfrontiert er die ökonomische Profession
nun gewissermaßen auf ihrem eigenen Feld mit dieser Kritik.
SANDEL, J. M., Market Reasoning As Moral Reasoning: Why Economists Should Reengage With Political Philosophy. Journal of Economic Perspectives, Fall 2013, 121140.
In aller Kürze lassen sich seine Argumente folgendermaßen zusammenfassen. Wenn man alle
menschlichen Aktivitäten zu käuflichen Objekten umwandelt, verdrängt man moralische und
bürgerliche Werte, die für eine Gesellschaft wichtig sind. Man verändert den Charakter von
Gütern, wenn man sie zu handelbaren Waren macht. "Putting a price on every human activity
erodes certain moral and civic goods worth caring about" (S.121). Die Abspaltung von
normativen Fragestellungen und von moralischer und politischer Philosophie versperre der
Wirtschaftswissenschaft den Blick auf diese sozial so wichtigen Phänomene.
Ökonomen haben sich mit dieser Kritik auf unterschiedliche Weise auseinandergesetzt. So
verweisen Bruni und Sugden gegen die Kritik am Markt auf die Tugenden, die Märkte
voraussetzen und fördern, wie z.B. Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit, Respekt für die
Präferenzen anderer, das Prinzip der Selbsthilfe, Erwerb durch Leistung statt durch Macht
oder Almosen.
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BRUNI, L, SUGDEN, R., Reclaiming Virtue Ethics for Economics, Journal of Economic
Literature, Fall 2013, 141-164.
Falk und Szech haben die Frage aufgegriffen, ob die Verdrängung moralischer Werte durch
den Markt empirisch überhaupt hinreichend begründet sei. Sie bezweifeln, dass übliche
empirische Beobachtungen, auch in Form von Langzeit- oder Querschnittsuntersuchungen
darüber Aufschlüsse vermitteln, weil man bei den jeweils unterschiedlichen institutionellen
Voraussetzungen den Einfluss der Märkte nicht isolieren könne. Sie präsentieren deshalb ein
kontrolliertes Experiment, das es gestattet, moralisches Verhalten ohne und mit Markt zu
vergleichen.
FALK, A., SZECH, N., Morals and Markets, Science, Vol. 340, may 2013, 707-711.
In diesem Experiment können Versuchspersonen Geld verdienen, wenn sie sich unmoralisch
verhalten. Es zeigt sich, dass sie dazu eher bereit sind, wenn sie nicht isoliert sondern auf
Märkten handeln. Was man aus diesem Experiment einer doch recht virtuellen Welt für die
Fragestellung lernen kann, ist nicht ganz klar. Die quantitativen Resultate (wie viel Prozent
der Versuchspersonen handeln moralisch etc.) sind sicher keine verallgemeinerbaren
Parameter. Entgegen der Behauptung der Autoren lassen sich die von Sandel vorgetragenen
empirischen Beobachtungen sehr wohl mit Gründen belegen, die Ökonomen nicht fremd sind
und auch im Beitrag selbst angeführt werden, nämlich dass auf Märkten Verhaltensweisen
und Schuldgefühle mit anderen geteilt werden, materialistische Aspekte dominieren und
individuelles Handeln einem Gefangenendilemma unterliegt.
Die überzeugendste Reaktion auf die Kritik Sandels besteht in der Tat im Verweis darauf,
dass die angesprochenen Probleme in den Wirtschaftswissenschaft sehr wohl gesehen und
auch behandelt werden. Dies ist auch der Tenor der Besprechung des Buches von Sandel
durch Besley.
BESLEY, T., What's the Good of the Market? An Essay on Michael Sandel's What
Money Can't Buy? Journal of Economic Literature, June 2013, Vol. LI, Number 2,
478-495.
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Auch Ökonomen wissen vom Wert von Gütern, die nicht gekauft werden können oder sollen,
und es gehört zum ökonomischen Basiswissen, dass Märkte bei öffentlichen Gütern und
externen Effekten Schäden anrichten können. Während Sandel behauptet, dass
Markttransaktionen sogar ohne Externalitäten "objekctionable" sein können (2013, 123),
wenn sie den Charakter von Gütern ändern, weist Besley zu Recht darauf hin, dass es sich
auch hierbei sehr wohl um externe Effekte handeln kann, z.B. wenn Markttransaktionen
soziale Präferenzen ändern. Solche Probleme sind Ökonomen aber durchaus vertraut und auch
immer wieder von ihnen behandelt worden – wenn auch vielleicht nicht so intensiv, wie es
ihrer sozialen Bedeutung entspräche, auf die das Buch von Sandel mit Recht aufmerksam
macht.
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