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F wie vielleicht - fuxx-online.de

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Ausflug mit Drogendealer: die Komödie „Wir sind die Millers“ – Film, Seite 23
KULTUR
WWW.TAGESSPIEGEL.DE/KULTUR
DONNERSTAG, 29. AUGUST 2013 / NR. 21 793
F wie vielleicht
Letzte Worte
Wolfgang Herrndorfs
Suizid – und sein Blog
Als am Dienstag die Nachricht von Wolfgang Herrndorfs Tod bekannt wurde,
hatte man bis in den Abend hineinden Eindruck, dass sein Blog „Arbeit und Struktur“ vom Netz genommen worden sei.
Dem aber war nicht so. Der Blog war überlastet; vielleicht hatte es auch anderweitige technische Probleme gegeben, denn
nicht zuletzt sollte dort noch ein letzter
Eintrag aufgenommen werden, wie man
ihn jetzt nach den 42 durchnummerierten
Blogkapiteln unter der Überschrift
„Schluss“ nachlesen kann: „Wolfgang
Herrndorfhatsich amMontag,den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des
Hohenzollernkanals erschossen.“
Herrndorfs Kollegin und Vertraute Kathrin Passig hatte das vorher schon über
den Kurznachrichtendienst Twitter mitgeteilt, mit einem anderen ersten Satz
noch: „Er starb nicht an Krebs“ – in Absprache mit Herrndorf vor seinem Tod,
wie sie später bekannte. Doch zunächst
fragte man sich: Stimmt die Geschichte
vom Selbstmord tatsächlich? Könnte es
sich nicht auch um ein posthumes Täuschungsmanöver im Stil von Herrndorfs
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grandiosen Agentenroman „Sand“ handeln? Doch dann bestätigte ein Polizeisprecher, dass sich ein Mann am Hohenzollernkanal in Berlin-Moabit das Leben
genommen habe. Herrndorf hatte im Blog
öfters darauf hingewiesen, den Zeitpunkt
seines Todes womöglich selbst bestimmen zu wollen, wenn er etwa schrieb, sich
eine Dokumentation über Selbstmörder
auf der Golden Gate Bridge angeschaut zu
haben: „Wie unterschiedlich sie über das
Geländer springen.“ Eine Geografie
schwebte auch ihm vor, „mit Blick auf das
Wasser, dort, wo ich starb.“
Tatsächlich werden die Texte aus dem
Blog „Arbeit und Struktur“ das nächste
Buch sein, das von Herrndorf im Rowohlt
Verlag erscheint. Einen Veröffentlichungstermin gibt es noch nicht. Nach
Auskunft des Verlages sei noch vieles mit
Herrndorfs Angehörigen zu klären. Auch
die Frage, ob der Schluss des Blogs mit
der Todesmeldung Eingang in das Buch
finden soll.
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Gefördert von GASAG
NACHRICHTEN
Daniel Kehlmann jongliert in seinem neuen Roman mit den ganz großen Fragen nach Schicksal, Zufall und Notwendigkeit
Von Gregor Dotzauer
Was Literatur ausmacht, wird von keiner
offiziellen Verordnung geregelt. Anders
als im gemeinen Lebensmittelrecht existieren weder Reinheitsgebote noch Kataloge freigegebener Zusatzstoffe. Jedes
gute Buch entwirft die Kriterien, an denen es gemessen werden muss, aus sich
selbst heraus – wenn auch nicht jedes
Mal von neuem. Daniel Kehlmanns Roman „F“ zum Bei- Fatum und
spiel ist in vieler Hinsicht eine verbes- Familie: „F“
serte Ausgabe sei- erzählt von
nes Geschichtenreigens „Ruhm“, mit den Wegen
dem er vor vier Jah- dreier Söhne
ren seine metafiktionalen Spiegelkabinette öffnete: noch virtuoser in der selbstbezüglichen Verschränkung seiner Motive – und noch ehrgeiziger in seinen metaphysischen Spekulationen.
Die Mühen haben indes zu keiner Einbuße an Leichtigkeit geführt. Im Hinblick
auf das gedankliche Raffinement und die
konstruktive Kühnheit ragt „F“ turmhoch
über das meiste hinaus, was Kehlmanns
deutschsprachige Generationsgenossen
sonst zuwege bringen. Der Roman lebt
von einem beweglichen Intellekt, einer
im Wortsinn fantastischen Imaginationskraft und einwandfreiem Handwerk.
Sprachlich sitzt hier alles, hat Rhythmus
und Schwung – und überdies den Anspruch, dass jeder, der den Strukturen
und Details wirklich auf die Schliche kommen will, das Buch mindestens zweimal
lesen muss.
„F“ ist ein großer Spaß, doch auch ein
Experiment, dessen Risiken durch die
Übererfüllung aller erdenklichen Qualitäten zunächst verborgen bleiben. Das Literarische quillt ihm derart aus sämtlichen
Poren, dass man leicht übersieht, wie
dünn die Luft in den Regionen ist, in die
es hinaus will, und wie wenige dort reüssieren. Denn das Buch stellt nicht nur die
alten Fragen nach Schicksal, Zufall und
Notwendigkeit in einem ebenso archaischen wie zeitgenössischen Kontext, es
versucht auch, sie in einem genuin literarischen Sinn fruchtbar zu machen.
F wie Fatum. F wie Familie. F wie Fiktion. F wie Fälschung. Oder F wie F, die
mit einem einsamen Initial benannte Figur aus Arthur Friedlands imaginärem
Roman „Mein Name sei Niemand“, der
wiederum Kehlmanns „F“ grundiert und
durchdringt: eines der vielen Beispiele
für eine Technik der mise-en-abyme, bei
der die Darstellung sich selbst als Teil des
Dargestellten enthält. Das sind die wichtigsten Bedeutungsnuancen des Titels, in
dessen Horizont Kehlmann Arthur Friedland, einen erst spät im Leben von einem
Hypnotiseur namens Lindemann zu einem produktiven Schriftstellerdasein befreiten Vater und seine drei Söhne auftreten lässt.
Heuchler und Schwindler sind sie alle:
Arthur durch seinen langjährigen Selbst-
F
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„Drei Hochkaräterinnen“ spielen
Schwab DIE PRÄSIDENTINNEN
2 84 08-1 55
Sonntag, 8. September, 19.30 Uhr im BE!
Goethe-Medaillen in Weimar
überreicht
Der iranische Übersetzer und Autor S.
MahmoudHosseiniZad, derindische Verleger Naveen Kishore und der griechische
Autor Petros Markaris sind im Weimarer
Stadtschloss mit der Goethe-Medailleausgezeichnet worden. Die Medaillen wurden am Mittwoch, Goethes 264. Geburtstag, überreicht. Mit ihnen werden seit
1955 ausländische Persönlichkeiten geehrt, die sich für die deutsche Sprache begeistern und sie in ihren Heimatländern
vermitteln.
dpa
Im Rücken nur Riesen. Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei der Vermessung der Welt in Berlin.
betrug. Martin, ein fresssüchtiger katholischer Priester, dadurch, dass er unfähig
ist, an Gott zu glauben, und zugeben
muss, dass ihm – waren es dunkle Kräfte?
– gegenüber einem lästigen Bettler auch
schon mal der Fuß ausgerutscht ist. Und
seine jüngeren, in ihrer Polarität zuweilen scheinbar verschmelzenden Zwillingsbrüder Iwan und Eric. Dieser ein medikamentensüchtiger Finanzberater mit
diabolischen Visionen, promisker Lebensart und räuberischer Gesinnung am
Rand des finanziellen Abgrunds. Jener
ein schwuler Kunsthistoriker, der über ästhetische Mediokrität zu promovieren gedenkt, sein Talent dann aber darauf verwendet, für seinen Geliebten, den wenig
begabten Maler Heinrich Eulenböck, ein
Aufsehen erregendes Frühwerk anzufertigen und mithilfe des vermeintlich neu
entdeckten Meisters, der zumindest kraft
seines genialen Charismas dazu noch ein
paar verbale Provokationen spendiert, gewinnträchtig zu vermarkten.
Kehlmann widmet sich der Reihe nach
ihren persönlichen Welten, nicht ohne
zwischen ihnen Durchblicke zu schaffen,
die sich erst im Lauf der Lektüre erschließen. So kann man Eric im Beichtstuhl seines Bruders Martin treffen, der den Besucher aber so wenig erkennt, wie er später
nicht begreift, dass der Mord, der ihm
dort gestanden wird, an seinem Bruder
Iwan verübt wurde. Taub und blind für
das seinerseits blinde Schicksal, erteilt er
beiden die Absolution. Welcher Irrwitz
hier und im auseinanderstrebenden Ganzen waltet, spottet jeder Ordnung. Rubiks Würfel, dessen gegeneinander verschobene Farbflächen der Priester Martin in Wettkämpfen gerne zurechtrückt,
ist ein völlig unzureichendes Symbol für
eine auf immer aus dem Lot geratene
Schöpfung.
Ein
Trost in der Hand
Das Denken des Menschen, dem
nichts Wirkliches
der Literatur entspricht.
lebt nicht von Die Zeichen, Zuschreibungen und
verkleideter Andeutungen wandern quer durch den
Philosophie
Text, gesellen sich
mal zu dem einen
und mal zu dem anderen, und am Ende
wird der unheilige Eric, der einmal sogar
dem Leibhaftigen begegnet, zum Katholizismus konvertiert sein, wenn denn eine
klare Chronologie auszumachen wäre.
Keine Erzählebene ist letztlich wirklicher
als die andere – vielleicht ist dies schon
die bodenlose Hölle, die durch die Allge-
Foto: Julia Zimmermann/laif
genwart einer unerträglichen Hitze beschworen wird. Daniel Kehlmann hat wenig Sinn für Sentiment, dafür umso mehr
für Sarkasmus. Sein Theater der Grausamkeiten ist der Austragungsort eines intellektuellen Wettstreits, bei dem alle Parteien das Nachsehen haben.
Die literarischen Bezugspunkte sind dabei die Ideenromane von Thomas Mann,
vom „Zauberberg“ bis zum „Doktor Faustus“, auch wenn die unmittelbar stoffliche, das Problem der Willensfreiheit betreffende Anspielung in der Erzählung
„Mario und der Zauberer“ liegt. Es sind
die fiktionalitätsbewussten Labyrinthe
von Roberto Bolaño, die ethischen Versuchsanordnungen von J. M. Coetzee,
wie sie „Elizabeth Costello“ vorführt, und
die hermeneutischen Ungewissheitszonen von John Burnside. Was Literatur,
die so hoch hinaus will, aber leisten
muss, ist eine Art des Reflektierens, die
so nur in der Literatur stattfinden kann.
Sie darf keine mit Metaphern übergossene Arbeit am Begriff sein, die man auch
in philosophischer Reinform haben
könnte. Und sie darf kein Aufmarsch kostümierter Theoriehelden sein, die sonst
als trauriges Gerippe dastehen würden.
Ohne einen Überschuss des Lebendigen,
einen Sinn für den unaufhebbaren Per-
spektivismus jeder Erfahrung und die
tiefe Ambivalenz rein rational verteidigter Standpunkte, ist sie nicht zu haben.
Sie darf sich aber auch nicht im Umgekehrten einrichten: der Annahme, dass
man argumentativ jede beliebige Karte
zücken darf. Coetzees Bücher ziehen Philosophen deshalb so an, weil sie im Bewusstsein dieser doppelten Versuchung
geschrieben sind. Analytisches Denken
kann, wie Anton Leists und Peter Singers
Band über Coetzees Verhältnis zu Tierrechten, Vernunftkritik oder Geschlechterfragen exemplarisch zeigt, von fiktionalen Formen lernen.
„F“ hat in diesem Sinn weder genügend
Geheimnis, was seine Figuren betrifft,
noch genügend theoretisches Potenzial.
Kehlmann fächert die konkurrierenden
Deutungsmuster zwischen Freiheit und
Determinismus, Lesbarkeit und Unlesbarkeit der Welt nur auf. Er wendet sie einmal persönlichkeitsdynamisch (der Hypnotiseur fördert nur einen Willen zutage,
der ohnehin vorhanden ist), und einmal
theologisch. Das Ergebnis ist ein Schwindel erregendes Panoptikum der Möglichkeiten, dessen Alternativen er zugleich
diskreditiert.
Man muss gar nicht selbst die Existenz
eines Gottes bezweifeln, der über Vergangenheit und Zukunft wacht. Das besorgt
der jesuitisch erzogene Autor mit seinem
glaubensunfähigen Priester schon allein.
Und man muss gar nicht erst denken, dass
Hypnose eine gewisse Nähe zu allerlei faulem astrologischen Zauber hat. Wenn der
Hypnosekünstler Lindemann aus der Eingangsszene, zusehends heruntergekommen, schließlich als stockblinder Wahrsager mit Tarotkarten auftritt, weiß jeder,
was von seinem Handwerk zu halten ist.
Das Fragwürdigste jedoch ist, dass dieses Buch in einer selbstbezüglichen Windung zu viel seine Leseanleitung gleich
mitliefert. Was Kehlmann über die Rätsel
von Arthur Friedlands Roman „Mein
Name sei Niemand“ schreibt, trifft auf seinen eigenen ganz ähnlich zu: „Natürlich
bildet man sich Theorien. Nach und nach
hat es den Anschein, als käme man dem
Verstehen näher, dann meint man sich bereits kurz davor, aber da bricht die Erzählung ab – einfach so, ohne Warnung, mitten im Satz.“ Und über dessen unversöhnte Teile: „Welcher Teil hebt welchen
auf?“
Philosophisch mag es auf das Gros der
Fragen, die „F“ stellt, keine eindeutigen
Antworten geben. Wenn es aber die Aufgabe der Literatur ist, sie in der Schwebe
zu halten, so braucht dieses Spiel doch
einen existenziellen Ernst, den Daniel
Kehlmann mit seinem Hang zur wechselseitigen Neutralisierung aller Gewichte
allzu leichtfertig aufs boshaft ironische
Spiel setzt.
— Daniel Kehlmann: F. Roman. Rowohlt
Verlag, Reinbek 2013. 380 Seiten, 22,95 €. –
Die Buchpremiere findet am Mittwoch,
den 4.9., um 20.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals statt.
Die Nabelschnur der Hoffnung
Pussy Riot: PEN-Zentrum richtet
offenen Brief an Angela Merkel
Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland hat sich mit einem offenenBrief an Bundeskanzlerin AngelaMerkel (CDU) für die Freilassung der beiden
inhaftierten Mitglieder der kremlkritischen Punkband Pussy Riot eingesetzt.
DieLagerhaftzeige den fragwürdigenUmgang in Russland mit dem Recht auf freie
Meinungsäußerung, so das PEN-Zentrum
in Darmstadt. Die Kanzlerin solle sich gegenüber Kremlchef Wladimir Putin beim
G-20-Gipfel Anfang September für die
Freilassung der Frauen einsetzen und darauf bestehen, dass das Gesetz gegen „Propaganda“ oder Werbung für Homosexualität aufgehoben werde.
dpa
SEITE 21
Kino außer Kontrolle: Das 70. Filmfest Venedig eröffnet mit George Clooney und Sandra Bullock, verloren im All
Wetterleuchten am Lido. Noch schnell
den Himmel über der Adria blankgeputzt, noch rasch die Palmenkübel vor
dem Palazzo del Cinema postiert, bevor
mit George Clooney und Sandra Bullock
die ersten Stars über den roten Teppich
laufen. Kein anderes Filmfest der Welt
verrät in den Stunden vor seinem Start so
freimütig die Wahrheit über sich selbst,
über die eigene Künstlichkeit, die Essenz
aus Talmi, Kulisse und Pappmaché. Alles
Fake: Noch am Vortag stapeln sich Paletten voller Zementsäcke auf dem Festivalgelände, Kräne kurven auf den Uferstraßen herum, Teppiche werden verklebt,
Rasenstücke verlegt und die alten Rumpelfahrstühle im Casinò, dem seit Menschengedenken improvisierten Festivalzentrum, mit goldener Farbe angepinselt.
Alte Bekannte, neue Experimente. Die
italienischen Zeitungen klagen darüber,
dass Italien seit fünfzehn Jahren keinen
Goldenen Löwen mehr gewonnen hat,
während die virtuelle Sala Web allabendlich eine für weltweit 500 Nutzer zugängliche Online-Vorführung anbietet. Festivaldirektor Alberto Barbera gibt freimütig zu, dass er einige begehrte Produktionen an Toronto abtreten musste, darunter Steve McQueens Kostümfilm „12 Years a Slave“ mit Michael Fassbender und
Brad Pitt.
Als Startrampe für die Oscar-Saison
wird das nächste Woche beginnende Festival in Kanada immer attraktiver. Der-
weil wirbt Barbera für seine Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica, die die
Fokussierung auf die Filmkunst schon im
Namen trägt und ähnlich wie der Berlinale-Wettbewerb auf Risiko geht. Um die
Löwen konkurrieren große Regie-Namen
(Stephen Frears, Terry Gilliam, Gianni
Amelio, Amos Gitai), Independentfilmer
und Newcomer; aus Deutschland ist Philip Gröning dabei, auch Dokumentarfilme und Debüts gehen ins Rennen.
Aber erst mal werden zur Eröffnungsgala
3-D-Brillen verteilt.
Sandra Bullock und George Clooney,
verloren im All. Selten war 3-D so sinnvoll. In Alfonso Cuaróns „Gravity“ trudeln sie 500 Kilometer über der Erde, ihr
Space-Shuttle wird von herumfliegendem Weltraumschrott zerstört, nun müssen sie freischwebend die nächste Raumstation erreichen, die Sojus der Russen.
Der Sauerstoff wird knapp in den Astronautenanzügen.
Bullock ist die nervöse, hyperventilierende Junior-Ingenieurin, Clooney der
coole Veteran, den nichts aus der Fassung
bringt. Ein komplett im Studio und am
Computer generierter Film über Panikattacken in der Schwerelosigkeit, über Einsamkeit und Kommunikation als Lebenselixier. Hallo, ist da wer? Kannst du mich
hören? So lange die beiden über Funk und
nabelschnurähnliche Kabel miteinander
verbunden sind, gibt es Hoffnung. Der
51-jährige mexikanische Regisseur Cua-
rón („Harry Potter und der Gefangene
von Askaban“, „Children of Men“) präsentiert eine krause Mischung aus Actiondrama, Realismus, Küchenphilosophie
und Trash. Ein paar Lehren hält das
Zwei-Personen-Kammerspiel immerhin
bereit. Wobei die Kammer groß wie der
Weltraum ist.
Erstens: Was immer sich im All bewegt, hat ein verdammt hohes Tempo
drauf. Zweitens: Von wegen himmlische
Stille, der zu mörderisch lauten Geschossen mutierende Space-Schrott müsste
dringend mal weggeräumt werden. Drittens: Wer im All jobbt, sollte über Russisch- und Chinesisch-Kenntnisse verfügen. Auch die Sojus wird geschrottet,
also weiter zur gottverlassenen Station
der Chinesen – wieder mit Gebrauchsanweisung am Armaturenbrett, bloß mit
noch fremderen Schriftzeichen. „Die
Sonne über dem Ganges, großartig“, ist
das Letzte, was Clooney funken kann –
um für seine junge Kollegin doch noch
einen Wodka-beseelten Spacewalk zwischen Leben und Tod zu unternehmen,
der einzige Lacher in „Gravity“.
Also viertens: Du bist nur so allein, wie
du dich fühlst, selbst in der ewigen Nacht.
Und auch die Bilder selber taumeln und
trudeln,kennenkein ObenundUnten,verlieren den Halt. Wer dass sehen will, sollte
schwindelfrei sein. Allen anderen schlägt
„Gravity“ auf den Magen.
Houston, ein Problem. George Clooney und Sandra Bullock im Weltall.
Foto: Warner Bros.
Kino außer Kontrolle, keine schlechte
Eröffnung für ein Filmfestival, dem bleischwer sinnstiftenden Action-Showdown zum Trotz, zumal für die Jubiläums-Ausgabe der ältesten Filmschau der
Welt. 1932 zu Mussolinis Zeiten gegründet, kann Venedig nach einigen Unterbrechungen nun 70 Jahrgänge vorweisen.
Zum Geburtstag schenken 70 Regisseure
aus aller Welt der Mostra je einen Kurzfilm. „Venezia 70 – Future Reloaded“ versammelt Miniatur-Hommagen ans Kino,
eine Kürzestdoku aus Syrien, ein Memorial für die Opfer des Boston-Marathon-Attentats, Smartphone-Spielereien,
Science-Fictions, Blickwechsel, Augenblicke, Selbstvergewisserungen.
Frédéric Fonteyne zeigt seinen Sohn,
ein nacktes, fröhlich glucksendes Baby.
Abbas Kiarostami steuert einen Slapstick
bei. Amos Gitai lässt Jeanne Moreau aus
dem Off über Poesie räsonieren. Der Chinese Peter Chan würdigt die verstorbenen Meister der Filmgeschichte, von
Bergman und Antonioni bis zurück zu
den Gebrüdern Lumière. Ganz schön nostalgisch, diese Zukunftsvision. Bernardo
Bertolucci, der diesjährige Jury-Präsident, filmt die eigenen Füße, die in roten
Turnschuhen stecken, während sein Rollstuhl über Roms Kopfsteinpflaster rumpelt. Die Schwerkraft hat auch Vorteile:
Im irdischen Jammertal, überwindet so
mancher Regisseur sie mit der Kunst der
Selbstironie.
Christiane Peitz
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