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1 2. Tage wie dieser (dröhnende Stille und die - Katharina Lindner

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2. Tage wie dieser (dröhnende Stille und die Küche
müsste auch mal wieder gestrichen werden)
Rauchpause auf einem harten Hocker, niemand da für ein
Gespräch. Ein Stern szintilliert bleich im dürren Geäst, oben
und unten Flackern, in der Weite schimmert ein Licht. Wenn
sie langsam den Kopf schüttelt, blinkt es auf und verlischt im
Wechsel. In den letzten Tagen und Jahren musste sie häufig
den Kopf schütteln. Oder hätte es gemusst. Vielleicht.
Kühltaube Fingerspitzen, das Frühjahr lässt auf sich warten.
Raunen und Zweifeln, durchbrochen nur vom einmaligen
Aufjaulen eines Motors, der unter der warmen Haube klagt.
Er verflüchtigt sich schneller, als die Fledermäuse in
abenteuerlichem Zickzack durch die trauergeschwängerte
Luft flattern. Sie denkt Gedanken, die ihr nicht behagen und
flüstert Worte, die ihr nicht gehören. Der Wein war schon zu
früher Stunde leer. Es muss doch weitergehen – vielleicht.
„Möchtest du einen Salat zum Abendessen?“
„Ja.“
„Paprika und Gurke?“
„Gern.“ (Eishauch im Zimmer, obwohl die Fenster
geschlossen sind.)
„Wie war dein Tag?“
„Gut. Und deiner?“
„Auch gut.“ (Messergeräusch beim Schneiden der Rohkost,
kochendes Wasser auf dem Herd, fließendes Wasser im
Ausguss, eine Colaflasche wird geöffnet.)
„War schon ziemlich warm heute, nicht?“
„Geht so.“ (Man müsste sich vielleicht trennen. Es wäre nicht
so schwierig. Kinder sind nicht vorhanden. Eine Ehe ist
schnell geschieden. Alles kein Akt mehr, heutzutage. Man
könnte irgendwie auf eigenen Beinen stehen. Das Problem ist
nur, dass sie keine Kraft findet. Sie ist so erschöpft, dass ihre
Seele eine Schlafmütze trägt.)
„Bleibt auch schon recht lang hell draußen.“
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„Ja.“ (Keine Kraft: Manchmal nicht genug, um morgens
aufzustehen. Ein Bein aus dem Bett, das andere nachziehen.
Zu schwer. Nicht zu schaffen. Den Wecker ausschalten. Die
Decke über den Kopf ziehen, wunderbare Dunkelheit. Dem
Traum nachhängen – er ist farbiger als das graugetünchte
Leben. Schlafen… Niemandem mehr Rede und Antwort
stehen müssen. Keine Herausforderungen mehr bewältigen,
für die Kraft gebraucht wird. Kraft, die nicht zu finden ist.)
„Ich wasche nachher noch dunkle Wäsche.“ (Brot schneiden,
kauen, das Gurkenglas geht nicht auf.)
„Aha.“
„Falls du noch etwas Dunkles hast…“ (Und dann die
verständnislosen Forderungen derer, die nicht verstehen: Reiß
dich mal zusammen. Hab dich nicht so. Kann doch alles nicht
so schwer sein. Manchmal ist das Atmen schwer und das
Gehen und das Denken. Spiralen im Kopf, wie tausend Sterne
am Himmel, tanzend, dann wieder festgepinnt wie silberne
Nadeln auf nachtblauem Samt. Man müsste ein Mal tief
seufzen.)
„Brauchst du morgen das Auto?“
„Fünfzehn bis siebzehn Uhr.“
„Gut.“ (Früher mal, da sind wir zusammen in einem Boot
gereist. Dann fuhren wir in eigenen Booten, im selben
Fahrwasser, winkten uns zu, lächelnd. Heute begegnen wir uns
nicht mehr auf dem Meer und nicht mehr anderswo. Nur
selten, zufällig, auf dem Weg zur Kaffeemaschine, mit
grimmigem Gesicht, wie zwei Wölfe, die dieselbe Beute
umkreisen.)
„Der Keilriemen muss nachgezogen werden. Und die Milch ist
leer.“
„Hm.“ (Augen: voller Lebensfreude – einst. Es gibt nichts
mehr, was sie miteinander teilen. Nur ein Mal die Woche,
wenn es ihn in den Lenden juckt, nimmt sie nachsichtig die
Schenkel auseinander. Es gehört doch dazu. Er ist halt ein
Mann, er braucht das. Verweigerung führt zwangsläufig zu
Endzeitlaune, die kaum zu ertragen ist. Tausendfach erbeten:
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Funktionier doch mal, Baby! Selbst die Erinnerung an schöne
Momente ist alt.)
„Schmeckt der Käse? Ist kalorienreduziert.“
„Geht so.“ (Widerwillen steigt zwischen zwei Bissen hoch.
Das Geräusch nachts beim Atmen, die Schnaufer und
Schnarcher und Schmatzer. Rotz am Morgen, Auswurf im
Waschbecken, das unechte Grinsen voller Bitterkeit, der
typische Blick: Ich finde dich abstoßend, wie du redest, wie du
schaust, wie du gehst, wie du lächelst. Du kreist um mich,
meine Sonne, viel zu kalt, schon lang erloschen.)
„Die Rechnung für das Zeitungsabo muss bezahlt werden.“
„Klar.“ (Man müsste ihn schlagen oder schütteln, bis ihm
diese vorwurfsvolle Furche zwischen den Augen von der Stirn
fällt. Kurze, abgehackte Sätze, prall gefüllt mit Nichtigkeiten.
Ein Ballon, dem Luft fehlt – er weiß es nur noch nicht.)
„Wir könnten heute Abend einen Film ansehen.“
„Muss arbeiten.“ (Muss reden, eigentlich, aber: Gespräche
enden in lauten Streitereien. Kommen gar nicht zustande.
Finden nie ein gemeinsames Ziel und dienen nur dem
Schlagabtausch in der Hoffnung, der Gegner würde endlich
die Waffen strecken. Gegner. Waffen. Da war doch mal
Liebe?)
„Morgen Abend sind wir auf die Party von Matthea
eingeladen.“
„Geh doch hin.“
„Du bist auch eingeladen.“
„Ich entscheide selbst, wo ich hingehen will.“ (Und bitte:
Schlaf doch heute im Gästezimmer, damit deine Anwesenheit
mich nicht quält.)
Er ist weg, sie hört ihn im Nebenzimmer auf der Tastatur
klackern. Zur Schau getragene Unbeschwertheit: Schau her,
ich hab mein Leben im Griff – du deines aber nicht. Gewohnte
Handgriffe: Spülmaschine einräumen, Tisch abwischen,
Abfälle in den Eimer, Kaffee aufsetzen, Herd putzen.
Zwischen Kühlschrank und Herd bleibt sie stehen, zieht die
Schultern hoch, erwartet beinahe sehnsüchtig das kühne
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Aufbranden von überwältigenden Gefühlen. Einmal richtig
laut weinen, den Schmerz wirklich und greifbar machen:
Schau du her, ich bin an deiner Seite zum Gotterbarmen
einsam! Doch die tosende Welle, heiß erwünscht und
gleichermaßen gefürchtet, bleibt aus. Ihre Welt ist keine, die
mit gewöhnlichen Worten zu beschreiben wäre. Ihre Welt ist
ein Krampf ohne Tränen und ein Stein ohne Hülle. Das Leben
– es war bisher kein einfaches – hat keine Spur auf ihrem
Gesicht hinterlassen. Die Fassade passt sich dem inneren
Erdbeben an, schwingt mit, verbiegt und verdreht sich und
bröckelt kein bisschen, wie sehr die tektonischen Seelenplatten
auch gegeneinander krachen. Er ist Lichtjahre entfernt.
Vielleicht ist er es immer gewesen. Man müsste… reden. Man
müsste… sich trennen. Man müsste… Kraft haben. Man
müsste.
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