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- 2 - Wie konnte es nur so weit kommen? Wir sitzen auf einem in

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Wie konnte es nur so weit kommen?
Wir sitzen auf einem in aller Eile zusammengezimmerten,
äußerst wackligen Holzfloß. Es ist kaum drei Meter lang, besteht
aus hastig vernagelten Brettern und den teuersten, weil stabilsten
Wohnzimmermöbeln. Jedesmal, wenn jemand aufsteht, schwankt
es und droht zu kentern. Sieben Menschen auf einer unsicheren,
schwimmenden Insel.
Sie meinen, daß wir in Seenot geraten sind? Daß unser Schiff
mitten auf dem großen Ozean in einem furchtbaren Sturm untergegangen ist? Daß wir uns in letzter Sekunde und schon halb
ertrunken auf ein paar Schiffsplanken haben retten können und
nun hilflos auf den Wellen treiben?
Daneben. Weit daneben.
Unser Floß treibt in dem kaum zehn Meter langen Swimmingpool in unserem Garten. Das einzige, was wir mit Schiffbrüchigen gemeinsam haben, ist, daß wir ebenfalls mit unseren Nerven
am Ende sind.
Wie konnte es nur so weit kommen?
Die Zimmer unseres einst hübschen einstöckigen Holzhauses
sind von Kilometern gespannter Wäscheleine verunstaltet. Das
Wohnmobil, das kaum fünfzehn Meter von unserer Insel dicht
am Gartenzaun geparkt ist, zeigt deutliche Spuren eines zu überhasteten Einzugs nach einem zu überhasteten Auszug aus dem
Haus.
Zwischen Swimmingpool und Haus gähnt ein Loch, das dem
Explosionstrichter einer Hundert-Kilo-Bombe alle Ehre gemacht
hätte. Von Daddys sorgsam gepflegtem Bedford-Rasen sind nur
noch Spuren zu erkennen. Die empfindlichen Rasenpflänzchen
sind unter spatengroßen Schollen guter, schwerer North Carolinischer Erde geknickt und begraben.
Unter diesen Umständen fällt es kaum noch auf, daß das Wasser, auf dem wir schaukeln, in einem kräftigem Kaminrot eingefärbt ist.
Sie werden sich sicher fragen, was eine ganz normale, langweilige amerikanische Familie dazu bringen kann, ihr Heim
derart zu verschandeln. Nun, die Antwort ist ebenso einfach wie
tückisch: Ein Zeitloch. Und das, was sich in den letzten sieben
Tagen auf unserem Grundstück in den Vorortbezirken von Charlotte abgespielt hat, wird als die Zeitlochkrise in die Familienchronik der Turners eingehen.
Ach, Sie wissen nicht, was eine Zeitlochkrise ist? Danken Sie
dem Herrn, daß Sie es nicht wissen. Trotzdem muß ich es erläutern: Sie wissen natürlich, was eine Krise ist. Krisen kommen in
jeder Familie vor. Das ist nichts furchtbar weltbewegendes.
Wissen Sie auch, was ein Zeitloch ist? Sehen Sie, jetzt wird's
kompliziert. Ich meine nicht einfach ein Loch, das entsteht, wenn
Ihnen ein Bekannter im Supermarkt begegnet und Ihnen lauter
Zeug erzählt, das sie doch nicht hören wollen und so Ihre Zeit
stielt. Ich meine ein Loch in der Zeit.
Machen Sie sich nichts draus, ich weiß bis zum heutigen Tag
auch nicht, was genau ein Zeitloch ist.
Fast nebensächlich ist es dabei schon, daß diesem Zeitloch
zwei Freundschaften und ein Rasenmäher zum Opfer gefallen
sind.
Am besten, ich erzähle die ganze vertrackte Geschichte von
Anfang an, damit Sie sich ein eigenes Bild von den Vorgängen
machen können.
Zunächst sollte ich uns vorstellen.
Wir, das sind die Mitglieder der Familie Turner: Die Frau, die
auf der Tür des feuchten, aufgeweichten Mahagohnischränkchens
sitzt und ein Baby teilnahmslos in den Armen wiegt, ist meine
Mutter. Die lockigen Haare von Meggi Turner sind zerzaust, ihr
Blick stumpf.
Das Kind auf ihrem Schoß ist Little John. In glücklicheren
Zeiten -präziser gesagt: vor zwei Wochen- haben wir seinen
zweiten Geburtstag gefeiert. Das 'Little' vor seinem Namen ist im
Grunde überflüssig, denn niemand würde ihn mit seinem Vater
verwechseln.
John Turner liegt einem Nervenzusammenbruch nahe auf der
Eichenholzsitzbank. Seine Beine baumeln in das rote Wasser. Er
ist eingenickt. Schläft einen gnädigen Schlaf. Die Brille sitzt
schief auf seiner Nase.
Die beiden Zwillinge kann nichts aus der Ruhe bringen. Nicht
einmal ein Zeitloch. Zehn Jahre alt und zu ebenso vielen Streichen am Tag aufgelegt. Natalie und Nathanial. Beide werden
'Nat' gerufen. Was den Nachteil hat, daß beide kommen, wenn
man nur nach einem ruft. Wenn sie überhaupt kommen. Was aber
durch den Vorteil ausgeglichen wird, daß sie sich beide angesprochen fühlen, wenn sie etwas ausgeheckt haben. Man kann
also nie einen falschen beschuldigen. Vor allem, weil sie sowieso
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alles gemeinsam anstellen.
So wie jetzt. Nat(hanial) läßt den Hausschuh seines Vaters zu
seiner Schwester schwimmen, die auf der Lehne des Küchenstuhls sitzt. Er macht mit der Hand Wellen, damit sein Schiffchen
schneller ankommt.
Habe ich schon meine Schwester Tina erwähnt? Sie thront mit
angezogenen Beinen auf unserer 2000-Dollar-Standuhr, die bis
zum Schlagwerk im Wasser steht. Müde und mit halb geschlossenen Augenlidern dämmert sie vor sich hin. Tina Turner.
Ja, ich weiß schon, was Sie jetzt denken. Nein, sie ist nicht
DIE Tina Turner. Wie oft habe ich diesen Satz schon am Telephon wiederholt?
Ich fasse an meine Shorts und spüre eine unangenehme Feuchte. Die Holzbohle aus der Garage ist bis zur Sättigung mit Wasser
vollgesogen. Sie liegt schwer im Wasser. Drei handspannengroße
Nägel und ein Stück Elektrokabel verbinden sie mit der Standuhr.
Ein Nagel hat voll die Kristallglasscheibe des Uhrenkastens
getroffen. Wenn die Zwillinge nicht so viele Wellen machen
würden, könnte ich die Scherben auf dem Boden des Swimmingpools ausmachen. Selbst durch das Rot des Wassers hindurch.
Ich hätte besser mit dem Hammer zielen sollen.
Schweren Gedanken nachhängend, was sonst gar nicht meine
Art ist, drehe ich DIE Schere in den Händen. Ich habe sie schon
so oft herumgedreht, daß meine Finger nach dem fremden Metall
stinken. Ich sollte damit aufhören.
'Ich' hat auch einen Namen: Brian Turner. Achtzehn Jahre
jung und somit drei Jahre älter als Tina.
Und da im Moment Daddy im Reich der Träume weilt, ist
Brian als ältestes männliches und aktionsfähiges Familienmitglied der Kapitän dieses stolzen Schiffs.
Schiff? Was gehört denn noch zu einem echten Schiff? Na?
Sie haben richtig geraten: Ein Schiffshund. Unserer heißt Woopy
und ist ein stolzer Cockerspaniel mit seidigem Fell. Daß heißt,
wenn er nicht gerade wie jetzt mit durchnäßtem und ungekämmten Fell, das an seinem Körper klebt, bettelnd und winselnd die
Zehen von Tina ableckt.
Es ist keine Stunde her, daß Buster Piebodie, unser linker
Nachbar, kopfschüttelnd um den Pool gehumpelt ist.
Eigentlich wäre mit seinem Besuch wieder alles in Ordnung
gewesen, wenn...
Aber urteilen Sie selbst. Wenn wir etwas falsch gemacht haben, scheuen Sie sich nicht, uns zu schreiben. Unsere Adresse
ist...vielleicht doch nicht so wichtig.
Also: Versetzen Sie sich eine Woche zurück. Es ist der dritte
Mai. Ein wunderschön schöner Vorsommertag. Von ein paar
hohen Wolkentürmen einmal abgesehen, die sich am Horizont
herumdrückten. Aber die konnten mit ihrer Regenladung Charlotte nicht belästigen.
Tina lümmelte sich in dem großen Ledersessel vor dem Fernseher. Ich saß etwas spartanischer neben ihr auf dem Teppichboden. Im Schneidersitz. Ich sah auf das Fernsehgerät, aber ich
sah nicht fern. Das tat ich nur, um beschäftigt zu erscheinen.
Mehr als einmal war es mir passiert, daß sich Nat(hanial) von
hinten an mich herangeschlichen hatte, als ich sinnend und träumend in die Luft geschaut hatte.
"Denkst du schon wieder an Cherryl, Brian?" hatte er gefragt.
Und ich war wie von der Tarantel gestochen aufgefahren und
hatte ihn aus dem Zimmer gescheucht. Woher zum Kuckuck
wissen kleine Brüder immer, was in den Gehirnen großer Brüder
vorgeht?
Natürlich ist nichts dabei, wenn man voller Sehnsucht an seine
neue Freundin denkt. Aber es ist doch irgendwie befremdend,
wenn alle Leute um einen herum wissen, daß man in diesem
Moment an seine Freundin denkt.
In diesem Augenblick sagte mein Bruder:
"Denkst du schon wieder an Cherryl, Brian?"
Ich zuckte mächtig zusammen. Warf mich dann herum, um
mir den Störenfried zu greifen. Verfehlte Nat(hanial)s Hosenbein
um Millimeter. Ich wollte schon aufspringen und ihm nachsetzen,
was zweifelsohne in einem unserer berüchtigten Ringkämpfe
geendet hätte.
Aber so weit kam es heute nicht.
Mam stand im Türrahmen zur und rief mir zu:
"Brian, wo ist Little John hingekrabbelt?"
Ich stöhnte und hielt mitten im Sprung inne. Das ist die Last
des ältesten unter Geschwistern: Hat man eine Frage, dann fragt
man ihn. Er soll dann alles wissen und können. Aber wie soll
man gleichzeitig an Cherryl denken, vorgeben Fernsehn zu
schauen, seinen Bruder verprügeln und auf ein Baby aufpassen?
Wissen Sie das?
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Ich weiß es nicht.
"Eben war er noch hier, Mam. Ist bestimmt nach draußen auf
den Rasen gekrabbelt."
Nat hatte sich natürlich längst die Treppe hinauf gerettet und
spähte vorsichtig durch das Treppengeländer die Lage hier unten
aus.
Mam verschwand wieder in der Küche.
"Dann sieh bitte nach ihm. Ich kann den Kaninchenbraten
nicht aus den Augen lassen. Er muß jeden Augenblick fertig
sein."
Ich wollte schon in den Garten gehen, als Tina zum ersten
Mal den Kopf vom Fernseher wandte. Was für ein Film lief überhaupt?
"Kannst dir sparen, Brian. Da kommt Little John angedüsed."
'Angedüsed' halten Sie vielleicht für ein reichlich verwegenes
Attribut für einen zweijährigen Säugling? Dann haben Sie Little
John noch nicht in voller Aktion gesehen. Der jüngste Sproß der
Familie Turner krabbelte vom Rasen auf die Terrasse, um den
Grill herum durch die Tür zu uns ins Wohnzimmer herein. Und
das mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Wenn Johnny auf
allen Vieren losspurtet, kommen Sie kaum mit Zweien nach. Wir
hätten ihn nicht Little John sondern Fast John nennen sollen.
Der Film schien nicht sonderlich spannend zu sein, denn Tina
schwang die Beine von der Sessellehne und stoppte Johns rasante
Fahrt.
"He, was hast du denn da, Kleiner?"
Little John umklammerte mit seiner kleinen Faust ein Ding,
das halb so lang wie sein Unterarm war.
"Na los, zeig schon her!" forderte ihn Tina auf.
John hielt das Ding umso fester.
Tina ist kein sehr geduldiger Mensch, und so öffnete sie ihrem Bruder mit sanfter Gewalt die Faust.
Was Little John mit einem infernalischem Brüllen quittierte.
"Brian, was ist denn das?"
Ich erahnte Tinas Frage mehr, als das ich sie hörte. Habe ich
schon erwähnt, daß Little John ebenso laut schreien wie schnell
krabbeln kann?
Mam kam aus der Küche geeilt.
"Brian, Tina, warum laßt ihr den Kleinen so schreien?"
Haben Sie es gemerkt? Tina hat den Kleinen auf dem Arm,
und ich werde wieder als erster angeklagt.
"John hat das Ding aus dem Garten mitgebracht. Ich wollte
nur sehen, was es ist. Er macht sich schmutzig damit. Das Ding
ist ganz ölig."
Mam übernahm John, worauf sich der Kleine etwas beruhigte,
aber immer noch mit den Ärmchen zu Tina und dem Ding hin
ruderte.
Meine Schwester drehte das Metallding in den Händen, begutachtete es stirnrunzelnd.
"Was hast du da?" fragte Nat(hanial), dessen Neugier stärker
als seine Vorsicht war und der sich wieder die Treppe heruntergetraut hatte. Nat(alie) hatte er auch gleich im Schlepptau mitgebracht.
Tina gab das Ding an Nat (beide) weiter. Aber auch die Zwillinge konnten nicht viel damit anfangen. Schließlich landete das
Ding bei mir. Ich überlegte eine Weile, kam dann zu einem Ergebnis. Ich hielt das Ding für ein Teil aus einem Rasenmähermotor.
Mam wollte wissen: (Natürlich schon wieder von mir.)
"Wo hat Little John das Ding her, Brian?"
"Wo er es her hat, weiß ich nicht. Aber ich halte es für ein
Stück Rasenmähermotor."
Weitere Erläuterungen meinerseits wurden dezent vom siebenmaligen Schlag unserer 2000-Dollar-Standuhr unterbunden.
Ich nahm es ihr aber nicht übel. Ich hatte ohnehin nichts mehr zu
sagen und in dieser Sekunde beschlossen Cherryl anzurufen.
Und dann ließ Tina ganz nebenbei die Bemerkung fallen:
"Es könnte aus einem Zeitloch gefallen sein."
"Zeitloch?" riefen die Zwillinge wie aus einem Mund.
"Ja. Frederic hat ein Buch gelesen, in dem ein Zeitloch die
Hauptrolle spielt. Eine ganze Reihe von Gegenständen, ja sogar
Menschen gelangen durch das Loch von der Erde auf Planeten,
die nicht räumlich, sondern zeitlich voneinander getrennt sind."
"Science Fiction", schnaubte ich verächtlich, was sie mit einem ärgerlichen: "Was verstehst du denn davon? Du hast ja noch
nicht einmal einen Science-Fiction-Roman gelesen!" quittierte.
Ich schaute an die Decke. Würde ich genauso reagieren, wenn
jemand Cherryl indirekt so angreifen würde? Wahrscheinlich.
Mam wiegte Little John hin und her, der endlich ruhig war.
"Ich glaube auch, daß das etwas übertrieben ist, Tina. He, ich
habe eine gute Idee: Warum verabredest du dich für nächste
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Woche nicht mit Mike Sotherham? Der ist doch so ein netter
Junge."
Doch kaum war eine Sekunde vergangen, da setzte sie hinzu:
"Sind diese Zeitlöcher gefährlich?"
Warum können Frauen nie konsequent sein?
Ich kam nicht mehr dazu, mir diese Frage zu beantworten,
denn der charakteristische Sound von Daddies Ford Thunderbird
dröhnte vor dem Haus. Die Zwillinge rannten hinaus, um eine
Minute später mit John Turner zurückzukommen.
Daddy merkte sofort, daß etwas außergewöhnliches passiert
war. Dazu gehörte jedoch nicht viel. Bei uns passiert fast jeden
Tag etwas ungewöhnliches.
Er lockerte den Krawattenknoten, warf sein Jackett über den
Fernsehsessel, stellte den Aktenkoffer ab und gab Mam einen
flüchtigen Begrüßungskuß.
"Also wo ist das ominöse Zeitloch, von dem mir die Zwillinge
so aufgeregt berichtet haben?"
Und Tina ließ noch einmal ihre verrückte Theorie vom Stapel.
Ich vermute, größtenteils nur um mir widersprechen zu können.
Woopy hatte sich bettelnd neben Dad gesetzt. Seinen zerbissenen, grünen Lieblingstennisball im Maul. Die eine Pfote winkend
erhoben. Aber Woopy mußte heute warten.
"Hm."
Nichts gegen Daddy. Nichts gegen Staatsbeamte. Aber das
war die typische Antwort, wenn sie nicht mehr weiter wissen.
Besonders, wenn es sich um technische Dinge handelt. Also kam
die unvermeidliche Frage:
"Was hältst du von dem Ding, Brian?"
Ich brauchte gar nicht nachzudenken, mein Mund sprach wie
von selbst:
"Ich denke, es stammt aus einem Rasenmähermotor."
"Es sieht irgendwie abgenutzt aus und ist so dreckig. Unser
Rasenmäher ist nagelneu, und den alten habe ich schon letzten
Monat zum Schrotthändler gebracht", hielt Dad dagegen.
"Little John kann zwar krabbeln wie ein Weltmeister und
brüllen wie Tarzan. Aber er kann doch keinen Rasenmäher auseinandernehmen", behauptete Tina und ließ sich wieder in den
Fernsehsessel fallen.
"Schon gar nicht einen, den Daddy auf den Müll geworfen
hat", sagte Nat(hanial) und seine Zwillingsschwester ergänzte:
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"Und das schon vor einem Monat."
Und Mam fühlte sich verpflichtet zu sagen:
"Nein, so etwas macht unser kleiner Schatz doch nicht!"
Gab Little John einen Kuß auf seine dicken Wangen, worauf
dieser vergnügt quietschte.
Was sollte ich auf einen solch gewaltigen, fünffachen TurnerEinspruch entgegnen? Ich beschloß zu schmollen und erst einmal
die Entwicklung der Dinge abzuwarten.
Plötzlich bemerkte Daddy:
"Meggi, was hast du denn da im Backofen?"
Meine Mutter zog prüfend den Geruch in die Nase, der sich
heimlich ins Wohnzimmer geschlichen hatte. Dann drückte sie
mit einem Aufschrei Little John Daddy in den Arm und rannte in
die Küche.
Ich konnte mir die leise Bemerkung nicht verkneifen:
"Ich fürchte, unser Kanninchen hat angebrannte Ohren bekommen."
"Bekommen wir jetzt nichts zum Abendessen, Daddy?" befürchtete Nat(alie).
"Ach was, Schatz. Mam wird etwas anderes für uns zum Essen
zaubern."
Resultat des heutigen Abends: Ein verbrannter Hase, sieben
Paar verölte Hände. Als Ausgleich hierfür ein nunmehr blitzsauberes Metallding, von dem niemand mit Sicherheit wußte, wohin
es gehörte.
Ich mußte unbedingt telephonieren.
***
Das war der Donnerstag. Der schwarze Donnerstag der Familie
Turner. Der Freitag wurde noch schwärzer.
John Turner ist als Beamter ein tüchtiger und gründlicher und
gewissenhafter Mensch. So war es nicht weiter verwunderlich,
daß er mir am Abend einen Vorschlag machte, während wir auf
der Terrasse saßen und der Sonne zusahen, wie sie hinter den
Baumwipfeln von Rosens Garten verschwand.
"Wir sollten der Sache nachgehen, mein Sohn."
"Welcher Sache?"
Dafür kassierte ich einen vorwurfsvollen Blick.
Ich hatte das Ding von gestern fast schon wieder vergessen,
denn ich hatte etwas ganz anderes im Kopf. (Ja, ja, ich weiß
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schon, was Sie wieder denken! Ich muß zugeben, daß Sie recht
haben.)
Väter vergessen nie etwas. Besonders wenn es um ihre Familie geht.
Zehn Minuten später stand unser nagelneuer Rasenmäher auf
dem Terrassentisch, der kurzerhand zu einem Seziertisch umgebaut wurde. Dad schickte Nat(hanial) los, um das Operationsbesteck zu holen. Schwerbeladen und mit Woopy als Begleiteskorte kehrte er zurück. Ein Hammer; ein Satz Schraubenzieher;
zehn Maulschlüssel; drei Kombizangen; die Holzfällersäge, die
so groß war, wie er selbst.
"Nein, Nat, ich glaube die Säge brauchen wir nicht."
Nat zuckte beleidigt mit den Schultern und schleppte die Säge
wieder um das Haus herum in die Garage.
"Nat!" -womit Dad Natalie meinte- "Hol' das Ding. Wir brauchen es zum vergleichen."
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Little John funktionierte den Boden unter dem Tisch zu einer
Rennbahn um, wobei er die Tischbeine als Wendepunkte benutzte, während wir oben über die wehrlose Maschine herfielen.
Es war bereits zehn Uhr, als John Turner leicht seine Edelstahlbrille lüpfte und befriedigt feststellte:
"Aus dem Rasenmäher stammt es auf keinen Fall. Das steht
jetzt fest."
Wir hatten kein Teil gefunden, das UNSEREM Teil auch nur
ähnlich war.
Ich schaute auf die Überreste des Rasenmähers, die im Licht
einer improvisierten Operationslampe auf Tisch und Boden verstreut lagen. Vielleicht hätten wir unseren Forscherdrang etwas
bremsen und uns die Auseinanderbaureihenfolge genauer merken
sollen. Aber bei den ersten Teilen sah alles noch ganz klar aus.
Wenigsten klebte heute Abend kein dreckiges Öl an unseren
Händen. Dazu war der Mäher noch zu neu. Ich prüfte die Qualität
des Öls an meinen Fingern, indem ich die Fingerspitzen aneinanderrieb. Fühlte sich eigentlich ganz angenehm an.
Dad wandte sich an Tina.
"Also einmal ganz theoretisch, nur so spaßeshalber: Wenn es
vielleicht doch so etwas wie ein Zeitloch geben sollte, dann bist
du der Meinung, daß das Ding von einem anderen Universum
durch das Loch hier auf die Erde gefallen sei?"
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"Nagle mich bitte nicht darauf fest, Daddy. Es wäre eine Erklärung. Eine unwahrscheinliche, das gebe ich ja zu. Aber wenigstens ist es eine."
"Dann kann auch etwas von unserer Seite auf den anderen
Planeten gelangen. Ein Loch ist von beiden Seiten hin offen."
Das klang einleuchtend. Deshalb sagte ich:
"Logisch."
Und Dad:
"Manchmal ist gerade die unwahrscheinlichste Erklärung die
richtige. Wir dürfen auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Wir
müssen Vorsichtsmaßnahmen treffen."
Mam runzelte die Stirn.
"Das Loch muß sich irgendwo auf unserm Grundstück befinden. Wir müßten die sicheren Bereiche im Haus markieren,
damit niemand in das Loch fällt."
"Sichern, Mam?" fragte Nat(alie).
"Ja, zum Beispiel mit Schnüren. Wie sie es auf Baustellen
auch machen."
Dad nickte.
"Großartige Idee, Meggi. Jeder läuft ab sofort nur noch auf
den Wegen, die er seit gestern benutzt hat. Wir müßten genug
Wäscheleine haben. Und in der Garage ist noch die große Trommel mit Hanfseil. Los jetzt! Und seid vorsichtig, Kinder. Wir
wissen nicht, wie gefährlich das Zeitloch ist."
Und so durchzogen wir unser Haus mit einem Gespinst von
Fäden, die dem Netz jeder Spinne alle Ehre gemacht hätte.
Für die Zwillinge war es ein lustiges Abenteuer, Woopy kam
an die Leine, Little John kam in seinen Laufstall, und ich fand es
ziemlich lächerlich, mitten in der Nacht unser Haus mit Kilometern von Wäscheleine zu verunzieren.
***
Trotzdem versuchten wir unseren normalen Tagesablauf beizubehalten. Der Samstag war wie jeder Samstag: Daddy wusch
am Vormittag im Hof vor dem Haus den Ford wie das alle Väter
in unserer schönen baumbestandenen Straße und in ganz Charlotte tun. Und wahrscheinlich in ganz Amerika.
Nat (beide) spielten Baseball oder fuhren auf den Skateboards
mit den Nachbarskindern klackernd den breiten Gehweg auf und
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ab.
Wir blieben von weiterem Besuch nicht verschont. Schwesterchen Tina hatte es für eine gute Idee gehalten, Frederic mitzubringen. Die Sache sozusagen von einem Experten begutachten
zu lassen.
So standen wir im Wohnzimmer. Von Wäscheleinen eingezäunt. Ich wurde das Gefühl nicht los, in einem Boxring zu stehen. Daddy schilderte die Lage.
Und Frederic wurde bei jedem Satz blasser, seine Augen hin-
ter den kreisrunden Brillengläsern immer größer. Frederic laß
viel Science Fiction. Von ihm konnten wir Verständnis und Hilfe
erwarten.
"Waaas? Sie haben ein Zeitloch auf Ihrem Grundstück,
Mr.Turner? Und das Ding hier ist hindurchgekommen? Das Ding
kann alles mögliche sein. Wahrscheinlich ist es gefährlich. Eine
Bombe, bestenfalls eine Waffe. Man kann die Mentalität fremder
Lebewesen schlecht einschätzen, aber wenn sie uns ähneln, was
sollten sie anderes als eine Bombe durch das Loch werfen? Ganz
Charlotte, ach was, ganz North Carolina könnte in die Luft fliegen. Tina, bist du wahnsinnig, mich hierher zu schleppen?"
Worauf er fluchtartig zur Tür hinausstürmte. Tina brachte nur
noch schwach hervor: "Aber Frederic!!" und setzte laut schreiend
hinterher: "Du Feigling! Ich bin fertig mit dir."
Sie rannte fluchtartig in ihr Zimmer rannte. Das ganze Seilsystem wackelte und bebte.
Dad hob beschwichtigend die Hände:
"Es könnte etwas an dem dran sein, was Frederic gesagt hat.
Das Ding muß schnellstens aus dem Haus."
Ich weiß auch nicht, was in diesem Moment über mich kam.
Wahrscheinlich wollte ich nur die Schlappe mit dem Rasenmäher
wieder gutmachen. Zu allem entschlossen griff ich mir das Ding
und spurtete durch die noch offene Tür. Rannte über den Hof und
den Gehweg. Unter der Baumreihe hindurch. Ließ das Ding wie
eine glühende Kohle mitten auf der Straße liegen und lief so
schnell wie nie in meinem Leben zurück ins Haus.
Der Rest der Familie hatte sich inzwischen hinter den Fensterbrüstungen verschanzt und lugte durch die Gardienen.
Dann wurde mir etwas bewußt, was meine heroische Tat etwas schmälerte: Wenn das Ding wirklich so eine große Sprengkraft hatte, daß ganz Charlotte dabei eingedampft wurde, war es
herzlich egal, ob das Ding hier drin bei uns oder draußen auf der
Straße explodierte.
Sechs Minuten und dreizehneinhalb Sekunden verrannen, und
wir starrten immer noch gebannt auf das Metallding.
Nichts.
Als Mr.Rosen mit seinem Mitsubishi die Straße entlangkam,
hielten wir alle den Atem an. Ich hatte leider nicht bedacht, daß
auf der Straße ab und zu auch Autos fuhren.
Mr.Rosen war unser linker Hausnachbar. Ein alleinstehender,
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Mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Laufkorridore im Haus.
Leicht peinlich wurde es allerdings, als unsere rechte Nachbarin,
Mrs.Piebodie, vor der Tür stand.
Sie und Mam spielten jeden ersten Samstagnachmittag im
Monat eine Runde Bridge. Heute war der erste Samstagnachmittag im Monat.
Es war kein Wunder, daß Mam das vergessen hatte.
Und so stand sie nun an der Tür. Dieselbe nur einen Spalt
geöffnet, damit Mrs.Piebodie die Schnüre nicht zu Gesicht bekam. Mam trat von einem Fuß auf den anderen.
"Oh, Elsa?! Es tut mir wirklich leid, aber aus unserem Spiel
heute wird leider nichts!"
Elsa Piebodie zog ihr fettes Gesicht in Falten.
"So? Haben Sie keine Lust, Meggi? Dann könnten wir einfach
eine gute Tasse Kaffee trinken."
Sie wollte schon an die Tür fassen, als Mam improvisierte:
"Nein, ich fürchte, selbst das geht nicht! Natalie hat...hat die
Windpocken und liegt mit hohem Fieber im Bett. Sie könnten
sich leicht anstecken!"
"Habe ich sie nicht noch vor einer Stunde auf der Straße gesehen?"
Ich eilte zur Tür und leistete Mam Schützenhilfe:
"Nein, da irren Sie sich, Mrs.Piebodie. Es sind so viele Kinder
auf der Straße. Sie liegt im Bett. Mit Fieber. Mit hohem Fieber.
Ja, ja."
"Na, wenn das so ist. Richten Sie der Kleinen gute Besserung
von mir aus."
Mam schloß zuerst die Tür und dann die Augen.
"Brian, such sofort Natalie."
***
achtzigjähriger Rentner. Etwas verschrullt, aber sonst ganz liebenswürdig. Und ganz bestimmt hatte es nicht verdient, von einer
dummen außerirdischen Bombe ins Jenseits befördert zu werden.
Er traf mit seinem linken Vorderreifen genau das Ding. Wir
kniffen die Augen zusammen.
Es klirrte leise. Wie eben ein Metallstück auf Asphalt klirrt,
wenn ein Mitsubishi darüberrollt. Das war alles.
Als wir wieder hinsahen, war Mr.Rosen schon in seiner Garage verschwunden, und Charlotte und North Carolina sowie die
gesamten Vereinigten Staaten von Amerika noch vorhanden.
Am Sonntag entschloß sich Dad, in die Offensive zu gehen. Er
rief den Familienrat zusammen. Die nun folgende Debatte blieb
ungefähr so in meinem Gedächtnis haften:
John T.:
"So kommen wir kein Stück weiter. Wir dürfen uns nicht in die Enge drängen lassen. Wir
müssen etwas unternehmen. Hat jemand eine
Idee?"
Tina T.:
"Wir werfen Frederic in das Loch. Vielleicht
können wir es damit stopfen."
John T.:
"Hat jemand eine realistische Idee?"
Natalie T. hob die Hand für eine Wortmeldung.
John T.:
"Ja, Nat?"
Natalie T.:
"Nein, Dad."
Brian T.:
"Wenn wir es irgendwie fangen könnten?"
Tina T.:
"Wie willst du ein Loch fangen, Brian?"
Brian T.:
"..."
Meggi T.:
"Wenn das Metallding durch das Zeitloch gefallen ist, muß sich das Loch in Bodennähe,
wenn nicht sogar auf dem Boden selbst der
Planeten, die es verbindet, aufhalten. Richtig?
Es gehorcht also physikalischen Gesetzen.
Auch der Schwerkraft."
Brian T.:
"Da ist etwas dran, Mam."
Nathaniel T.:
"Ganz bestimmt, Mam."
Meggi T.:
"Also müssen wir nur einen Trichter graben
und es rollt vielleicht hinein."
Little John T.: "Bla, brah, rab-rab."
Es gab nur einen einzigen Platz auf unserem Grundstück, wo
wir ein Loch graben konnten. Dad erhob nur schwachen Protest,
denn auch ihm war klar, daß nur ein Platz in Frage kam.
"Nein. Auf keinen Fall. Nicht auf meinem Bedford-Rasen!"
Verstehen Sie jetzt, wie der Explosionstrichter auf unserem
Rasen zustande kam?
Wir gruben und buddelten den ganzen langen heißen schwülen
Sonntag. Nach kurzer Zeit sahen wir aus wie die Schweine, aber
die Gewißheit, die Sache endlich zu einem guten Ende zu bringen, verlieh uns die Ausdauer indischer Arbeitselephanten. Zum
Glück ist unser Garten von dichtem Strauchwerk umgeben, und
unsere Nachbarn bekamen nichts von unserer sonntäglichen
Körperertüchtigung mit.
Nur manchmal sahen wir Buster Piebodies kleinkariertes,
Hemd durch die Blätter blitzen, als er ab und zu vom Haus in
seinen Werkraum im Gartenschuppen ging. Mr.Piebodie ist ein
leidenschaftlicher Heimwerker. Es gibt kaum eine Arbeit, die er
nicht konnte. Mir fiel wieder unser zerlegter Rasenmäher ein,
dessen Einzelteile seit Freitag auf der Terrasse lagen. Nebensache, Nebensache. Unwichtig. Wichtig ist dieses Drecksloch. Zeitloch. Wie auch immer.
"Keine Bombe also", stellte Tina fest. Wischte sich die Haare
aus der Stirn und rieb sich die Hände, an denen langsam Blasen
wuchsen. "Mag sein, daß das Ding ganz zufällig in das Zeitloch
gefallen ist. Es ist bestimmt nicht gefährlich."
Ich warf einen Spaten voll Erde aus dem Trichter. Wir hatten
uns schon ganze zwei Meter nach unten gekämpft.
"Man könnte noch weiter gehen; es als Botschaft ansehen. Ein
Versuch der Kontaktaufnahme zwischen intelligenten Völkern."
Dad schlug die Spitzhacke mit einem wuchtigen Schlag in den
Boden.
"Dann überschätzen sie unsere Intelligenz ein bißchen. Ich
kann diesem Metallstück keine Botschaft oder Nachricht abgewinnen. Da steht nirgendwo drauf: 'Hallo, wir sind die Abaturianer vom Planet Zebilon. Besucht uns doch mal, dann können wir
eine Tasse Kaffee trinken oder eine Partie Bridge spielen.'"
Unfreiwillig stellte ich mir einen Abaturianer vom Planet
Zebilon vor. Er sah genau aus wie die fette Mrs.Piebodie vom
Nebenhaus.
Die ganze vertrackte Geschichte begann mit der Zeit mächtig
an unseren Nerven zu zerren.
- 14 -
- 15 -
***
"Meggi!" rief Dad den Trichter hinauf. "Ich brauche Natalies
Wasserball aus dem Swimmingpool."
Meine Schwester beschwerte sich postwendend:
"Das ist gemein, Daddy! Erst verbietest du uns, im Pool zu
schwimmen wegen diesem blöden Loch. Und jetzt willst du auch
noch meinen Ball! Das ist gemein!"
Trotzig verschränkte sie die Arme vor ihrer flachen Brust.
"Aber Schatz! Ich will den Ball doch nicht für mich. Wir
brauchen den Ball als Anzeiger. Wir legen ihn in den Trichter.
Rollt das Loch in den Trichter, wird der Ball entweder zur Seite
gedrückt oder von dem Loch verschluckt."
"Waaaas?? Du läßt zu, daß mein schöner Wasserball einfach
von einem dummen Loch verschluckt wird?!?!"
Unter Daddys heiligem Versprechen, ihr einen neuen, viel
schöneren Ball zu kaufen, falls dieser ein Opfer des Lochs wurde,
bekamen wir den Ball.
***
Am Montag Morgen machte Nat(alie) ein säuerliches Gesicht.
Wir auch. Sie bekam keinen neuen Ball, und der alte lag exakt
dort, wo ein Ball liegen sollte, wenn er in einen Trichter rollt:
Genau im Mittelpunkt.
Unsere Zuversicht war wie weggeblasen. Als sei sie statt des
Wasserballs in das Loch gefallen. Daddys Entschloßenheit wandelte sich mehr und mehr zu Verbissenheit. Immer öfter griff er
sich nervös an seine Brille. Wir alle spürten, das wir diese Sache
zu Ende bringen mußten, bevor wir wieder unser normales Leben
leben konnten. Oder wir konnten nie wieder ein normales Leben
leben. In uns war etwas von dem alten amerikanischen Pioniergeist erwacht, mit dem die ersten Siedler allen Gefahren getrotzt
hatten.
Genau. Das war es.
Die Gemeinschaft unserer Familie machte uns stark. Darin
fanden wir die Kraft, die Krise durchzustehen. Sieben Turner
gegen ein einziges lächerliches Loch. Was konnte uns denn
schon geschehen?
In einem kleinen Winkel meines Gehirn fragte ich mich, ob
die ersten Pioniere auch mit Zeitlöchern zu kämpfen hatten, als
sie vor zweihundert Jahren mit ihren Planwagen über das weite
- 16 -
Land gezogen waren.
"Daddy?"
"Brian?"
"Wir habe etwas übersehen."
"Kann leicht geschehen bei einem Loch, das man nicht sieht,
mein Sohn."
Geschickt warf John Turner die Hackfleischfladen für die
Hamburger auf die andere Seite. Seit Ausbruch der Krise war der
Grill praktisch nicht mehr ausgegangen. Mir kam der Vergleich
mit den Siedlern wieder in den Sinn. War der warme Grill eine
Zuflucht vor der Kälte und den Unbilden der restlichen Welt(en)?
Eine Art Lagerfeuerersatz?
"Wir haben angenommen, daß das Loch in den Trichter rollen
könnte. Dazu muß es aber beweglich sein. Die Luftzirkulation
treibt es vielleicht vor sich her. Unsere Seilstraßen sind nicht
mehr ohne Risiko begehbar."
Ich war mir meiner Worte so sicher, daß ich fast erwartete,
daß das Loch in der nächsten Minute dahergeweht kam und unseren Grill verschlang. Ich hoffte nur, daß es nur solange wartete
bis unsere Hamburger gar waren. Ich hatte nämlich einen ungeheuren Hunger.
Dad überdachte meinen Gedankengang intensiv, aber nicht so
intensiv, daß er dabei das Herumdrehen der Fleischfladen vergaß.
Dad ist ein pragmatischer Mensch.
"Wir sollten unser Terretorium verkleinern. Dann ist die
Wahrscheinlichkeit geringer, daß es uns erwischt. Brian, du hast
uns vielleicht das Leben gerettet. Meggi!!"
***
Das war vorgestern. Irgendwie muß mir das Zeitloch nachgetragen haben, daß ich ihm auf die Schliche gekommen bin. Denn
gestern wurde ich das Opfer des Lochs:
Jemand klingelte an der Haustür. Wir konnten es vom Garten
aus hören.
"Der geht schon wieder, Kinder. Soll nächste Woche wiederkommen. Wir können es nicht riskieren", sagte Mam und griff
sich Little John, der schon zu einem Spurt durch den Garten
angesetzt hatte.
Geradewegs in diesem höchst unpassenden Moment erinnerte
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sich Nat(hanial) an seine gute Erziehung. Mam hätte ihm doch
nicht so oft erklären sollen, daß es unhöflich ist, wenn jemand an
der Tür ist und man nicht öffnet.
Noch ehe wir es richtig mitbekommen hatten, war er durch die
Terrassentür ins Haus verschwunden. Woopy heftete sich ihm
natürlich begeisternd bellend an die Fersen.
"Verdammt, jemand muß ihm hinterher!" forderte Tina.
Und da Dad der Kopf und Steuermann unserer Familie und
damit unentbehrlich war... Genau, ich sehe schon, Sie haben
richtig getippt, wer übrig blieb.
Also hangelte ich mich das Führungsseil entlang. Über die
absterbenden Bedford-Rasenpflänzchen hinein in den Trichter.
Und wieder heraus. Sprang über die Rasenmäherüberreste direkt
ins Wohnzimmer.
Und in diesem Augenblick wünschte ich, ich wäre in das
Zeitloch gesprungen:
"Cherryl!"
Mein Ausruf muß nicht gerade begeistert geklungen haben,
denn eine dicke Sorgenfalte legte sich wie eine Schmetterlingsraupe über ihre Stirn.
Ich lehnte mich so lässig wie möglich an eines der Seile,
zwang ein Lächeln auf meine Lippen.
"Hi! Nett, daß du mich besuchen kommst."
Nat schaute drei Köpfe tiefer erst mich, dann Cherryl an.
"Mein Bruder ist manchmal etwas komisch: Er denkt die
ganze Zeit an dich und wenn du da bist, scheint er sich gar nicht
zu freuen. Aber du als Frau wirst das sicher verstehen."
Wobei er wichtigtuerisch mit dem Kopf nickte und dann mit
Woopy in den Garten zurückrannte.
Unnötig zu sagen, daß mein Kopf noch röter wurde.
Cherryl strich sich eine Strähne ihres blonden, schulterlangen,
absolut göttlichen Haares aus der Stirn.
"Du warst seit zwei Tagen nicht in der Schule. Ich dachte
schon, du wärst krank geworden. Hättest vielleicht einen Unfall
gehabt oder so etwas. Ist alles in Ordnung?"
Ich war mir sicher, daß sie an ihrer letzten Frage selbst gezweifelte. Würden Sie nicht? Dann haben Sie das Chaos in unserem Haus nicht gesehen.
"Äh.., ja. Natürlich. Alles in Ordnung. Alles o.k.!"
"Was sollen all die Stricke, Brian?"
Zu meinem Leidwesen begann sie das Wohnzimmer zu durch-
queren.
"Waschtag. Wäscheleinen. Meine Mutter wäscht."
"Und dann hängt sie bei diesem Sonnenwetter die Wäsche im
Haus auf?"
Ich ergriff sie bei den Armen, wollte sie aufhalten.
"Bitte geh' nicht weiter, Cherryl! Es ist gefährlich. Sehr gefährlich!"
"Rede keinen Unsinn. Wieso sollte es gefährlich sein, durch
ein Wohnzimmer zu gehen? Oder bist du etwa nicht allein, Brian
Turner?"
Ihre Sorgenfalte wurde noch tiefer.
"Genaugenommen nicht. Aber es ist nicht so wie du denkt!"
Ich unternahm einen letzten, verzweifelten Versuch, sie von
der Terrassentür abzulenken, aber es war schon zu spät: Die
Rasenmäherleiche, der Bombentrichter, die verkohlten Hamburger auf dem Grill und dazu die Turners, die sich in ihrem Wohnmobil gleich neben dem Swimmingpool verbarrikadiert hatten.
"Ich hatte gleich so ein dummes Gefühl, als ich klingelte und
niemand aufgemacht hat. Nein, versuche gar nicht erst, es mir zu
erklären."
Der Donnerschlag, mit dem sie die Haustür zuschlug, hallt mir
jetzt noch in den Ohren.
Im Wohnmobil empfing mich Tina mit den Worten:
"Oh, Brian, das war eben vielleicht knapp: Mr.Rosen ist bis an
den Zaun gekommen und hat sich gewundert, was wir alle hier
drin machen. Du errätst nie was Mam ihm geistesgegenwärtig
geantwortet hat!"
"Nie", sagte ich matt und ließ mich auf die Sitzbank neben
Nat(alie) fallen. Nat(hanial) würdigte ich keines Blickes.
"Sie sagte einfach, wir würden ein Paar Tage für die Sommerferien proben. Wenn wir rauf an die kanadische Grenze fahren.
Ist das nicht toll?"
"Toll", murmelte ich tonlos.
"Zum Glück stand der Wagen zwischen Mr.Rosen und dem
Trichter", ergänzte Dad.
"Zum Glück."
Ich fragte mich, was ich wohl gemacht hätte, wenn ich Cherryls Zuhause in einem solch merkwürdigen Zustand vorgefunden
hätte.
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***
Mittwoch. Der siebte Tag. Heute. Wir sind sieben Leute. Sieben
ist eine magische Zahl.
Brian, nicht durchdrehen!
Nach zwei Tagen im engen Wohnmobil hatte unser Sicherheitsgefühl rapide nachgelassen. Wenn das Zeitloch wanderte,
würde es uns früher oder später doch noch erwischen.
Mam zuckte die Schultern.
"Vielleicht ist es schon längst weitergewandert. Weg aus
unserem Grundstück. Fort von unserer Straße."
"Dann müßten wir die anderen Leute warnen", spann Tina den
Gedanken ihrer Mutter weiter. "Dad, du das könntest das doch
vom Amt aus tun."
Dad grunzte. Früher hat er nie gegrunzt. Staatsbeamte grunzen
nicht.
"Und was soll ich den Kollegen sagen? Etwa: Hört mal alle
her: In unserer schönen Stadt Charlotte treibt sich ein Zeitloch
herum. Bitte tut mir den Gefallen und seid etwas vorsichtig.
Sonst landet ihr aus Versehen noch auf einem fremden Planeten.
Keine halbe Stunde und ich wäre meinen Job los."
Und dann hatte Nat(alie) die Idee, die uns die absolute Sicherheit vor dem Loch brachte. Sie piepste:
"Wir gehen einfach auf den Swimmingpool, da kann uns das
Loch nichts tun."
"Auf den Swimmingpool! So eine blöde Idee", kommentierte
Nat(hanial).
"Iß dein Sandwich auf, Nat. Solange noch welche da sind.
Willst du noch eins mit Schinken?" fragte Mam.
Ich fand die Idee gar nicht so abwegig, ließ den Rest meiner
Sandwichecke auf den Tisch fallen.
"Natürlich! Wir bauen ein Floß. Wenn das Loch in unsere
Richtung wandert, erkennen wir es an einer großen Luftblase im
Wasser."
"Heh, das ist Klasse, Brian. Zwei Dinge können nicht zur
gleichen Zeit am gleichen Ort sein", pflichtete mir Tina bei.
Und Daddy ergänzte:
"In der Garage steht ein Topf mit roter Farbe. Wenn das Wasser eingefärbt ist, ist eine Luftblase noch besser zu sehen. Worauf
warten wir also noch?"
Panik kroch seine Stimme hinauf, als er anordnete:
"Tina, du holst die Farbe. Wir anderen bauen das Floß. In
einer viertel Stunde sind wir in Sicherheit!"
Was sich dann ereignete, war ein Alptraum und ist mir nur
noch bruchstückhaft im Gedächtnis geblieben. Obwohl es erst ein
paar Stunden her ist.
Wir rannten schreiend und in höchster Panik aus dem Wohnmobil. Alle Gefahr ignorierend. Uns war alles egal. Alles, was
wir wollten, war ein Platz, an dem wir friedlich zehn Minuten
schlafen konnten, ohne aufzuwachen und feststellen zu müssen,
daß wir ab dem Bauchnabel in einer anderen Welt weilten.
Wir schafften alles schwimmfähige, was uns im Haus in die
Hände fiel, in den Pool. Kopflos und nur das eine Ziel vor Augen. Wir rannten durcheinander, stießen zusammen, brüllten uns
an. Ich weiß nur noch, daß ich seltsamerweise das Telephon
abgenommen habe, als ich vom Haus zum Pool gerannt bin. Ich
zog es unter einer Schicht Erdklumpen hervor und brüllte nach
kurzem Hinhören hinein:
"Nein, hier wohnt nicht DIE Tina Turner!! Kann ich Ihnen
statt dessen ein Zeitloch anbieten?"
Nach exakt vierzehn Minuten war unsere Rettungsinsel fertig.
Wir sprangen so schnell hinauf, als befürchteten wir eine zweite
Sintflut. Sie kam nicht. Als schwacher Ersatz fielen ein paar
dicke Tropfen vom Himmel. Aber das war nach ein paar Minuten
wieder vorbei.
Wir waren so fix und fertig, daß wir kaum bemerkten, daß
Buster Piebodie gekommen war. Er stützte sich mit seinen kräften Unterarmen auf den Poolrand.
Keiner von uns setzte zu einer Erklärung an, was wir hier
eigentlich trieben. Keiner hatte mehr die Kraft dazu.
Ich wunderte mich nicht einmal, daß sich Mr.Piebodie nicht
wunderte. Wahrscheinlich, weil er einiges von uns gewöhnt war.
"Entschuldigen Sie, John, wenn ich so einfach hereingeplatzt
bin. Ich suche schon seit Tagen ein Teil aus meinem alten Rasenmäher. Ich überhole ihn gerade. Den ganzen Schuppen habe ich
schon auf den Kopf gestellt, aber ich kann es einfach nicht finden. Es ist ungefähr so lang und..."
Wir hingen gebannt an seinen Lippen, sogen jedes seiner
Worte auf.
"Sie haben es nicht zufällig gesehen, John?"
Dad schüttelte heftig den Kopf. So heftig, daß beinahe seine
Brille ins Wasser gefallen wäre.
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Sie werden sicher schon erraten haben, daß Mr.Piebodies
Beschreibung haargenau auf unser rätselhaftes Metallteil paßte.
Mr.Piebodie zuckte die Schultern, trottete davon und wunderte
sich nicht, wie hinter ihm ein siebenstimmiger Jubelschrei durch
die Luft fegte.
Unsere Hochstimmung verflog so schnell, wie sie gekommen
war. Es stimmte nämlich etwas nicht: Woopy, der normalerweise
keine Gelegenheit ausließ, bellte nicht mit. Weil er nicht mitbellen konnte.
"Was hat Woopy denn da im Maul, Mam?" fragte Nat(alie).
Meggi Turner übergab -nein, nicht sich, sondern:- Little John
an Tina. Wobei unser Floß tüchtig in Bewegung kam. Als es sich
wieder beruhigte, hatte Mam eine Schere in der Hand. Ich weiß
auch nicht, wie sie auf die Idee kam, aber sie schnitt einen der
handspannengroßen Zimmermannsnägel, mit denen ich Standuhr
und Holzbohle zusammengenagelt und in der Eile nur halb eingeschlagen hatte, satt in zwei Teile.
Einen Eisennagel mit einem Durchmesser von einem halben
Zentimeter.
Einfach so.
Ohne jede Mühe.
Verstehen Sie jetzt, in welcher Zwickmühle wir sitzen?
Ich drehe die Schere zum hundertsten Mal herum. Nehme sie
in meine Rechte. Sie liegt gut in der Hand. Ganz der menschlichen Anatomie wird sie nicht gerecht, aber dafür ist sie ja auch
nicht gedacht. Jedenfalls wissen wir jetzt, daß sie -wer auch immer 'sie' sein mögen-, Hände besitzen, die den unsrigen ähnlich
sind. Das ist ein beruhigender Gedanke.
Ich lasse die Schere fallen. Mit einem Plop! fällt sie in den
Pool und segelt in einer taumelnden Spirale zu Boden.
Vielleicht wird eines Tages jemand den Mut aufbringen, durch
das Loch zu steigen. Falls wir es jemals finden.
Vielleicht werde ich sogar derjenige sein.
ENDE
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Seele and Geist
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