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Ein liebloses Wort wiegt so viel wie fünf - Lukas Richterich

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Lukas Richterich, www.lukasrichterich.ch, mail@lukasrichterich.ch
Ein liebloses Wort wiegt so viel
wie fünf Zärtlichkeiten!
Von Lukas Richterich
Hie und da sind die Dinge einfacher als sie scheinen. Auch bei Paarbeziehungen. «Wir streiten
über alles, jede Kleinigkeit kann in einen Konflikt münden.» «Sie nörgelt und kritisiert ständig an
mir herum, nichts ist recht, was ich mache». «Er lässt mich einfach links liegen, kümmert sich
nicht um mich und die Kinder, ich platze vor Wut». Solche Kommentare höre ich täglich von
Paaren in meiner Praxis. Ihnen ist gemeinsam, unabhängig von den beteiligten Lebensumständen und Persönlichkeiten, dass es negative Äusserungen sind, die in Vorwürfen und Angriffen,
in Gemeinheiten und Bösartigkeiten ausarten.
Niemand lässt sich gerne Dinge sagen wie: «Du bist einfach ein Egoist, kein anderer Mensch ist
dir wichtig», oder «Dir kann man einfach nie etwas recht machen, du bist stur und rechthaberisch». Werden Menschen angegriffen, und jeder Satz der mit «Du…» und dem ausgestreckten
Zeigefinger beginnt, ist ein Angriff, verteidigen sie sich, durch Gegenangriff, Rückzug oder
Hinterlist. Seltener berichten Paare spontan von positiven Äusserungen. Von Sätzen wie: «Das
schmeckt wieder grossartig, was Du heute gekocht hast», «Ich mag Dein Haar», «Ich bin so
froh, dass ich dich hab», oder liebevollen Handlungen, wie, «Ich habe gedacht, dich interessiert
dieses Buch, hier das habe ich für dich mitgebracht». Seltener sehe ich in meiner Praxis Paare,
die sich liebevoll zulächeln, sich zärtlich berühren. Verwunderlich ist das nicht. Feindselige
Paare sind unglückliche Paare. Sie suchen eher Rat und Hilfe.
Nehmen wir der Einfachheit halber an, wir könnten jede Interaktion zwischen einem Paar einer
Kategorie zuteilen. Sie ist entweder positiv, freundlich und liebevoll oder sie ist negativ, feindselig, lieblos. Einer der wichtigsten Forscher im Bereich der Paarbeziehung ist Paul Gottmann.
Er hat versucht, das Verhalten von Paaren in dieser Weise zu kategorisieren. Die komprimierte
und vereinfachte Zusammenfassung seiner Resultate lautet: Für eine stabile und für die beiden
Beteiligten zufriedenstellende Paarbeziehung braucht es fünf Mal mehr positive Interaktionen
als negative. Was heisst das genau und wieso ist das so? Paarbeziehungen nutzen sich ab. Je
mehr negative Interaktionen (Streit, Kritik, Beschimpfungen, aber auch Ignorierung und Kommunikationsvermeidung), desto schlechter die Qualität der Beziehung. Ein Teufelskreis entsteht:
«Wieso soll ich nett sein zu ihm, wenn er mich ständig beschimpft.»
Negative Interaktionen trocknen die Paarbeziehung aus. Sie führen dazu, dass keine Reserven
mehr da sind. Jede neue Feindseligkeit richtet mehr Schaden an, denn sie wird immer weniger durch positiven Austausch neutralisiert. Umgekehrt sind positive Interaktionen, liebevolle
Zuwendungen, Zärtlichkeiten, Komplimente, Lächeln, Gesten und Blicke nicht nur an und für
sich wichtig und gut, sie immunisieren die Beziehung auch gegen schädliche Feindseligkeiten.
Auch liebevolle Paare streiten sich und haben Konflikte. Oft solche ohne Lösung. Aber diese
Streitigkeiten werden immer wieder relativiert durch die vielen guten Momente. Je mehr positiver Austausch zwischen Paaren, desto weniger Schaden können die negativen Interaktionen
anrichten. Je weniger positive Interaktionen es gibt, desto schädlicher sind die negativen. So
einfach ist das. Theoretisch. Praktisch heisst das: Paare sind stabil, die Qualität der Beziehung
ist befriedigend, wenn sie mindestens ein Verhältnis von fünf zu eins in der Menge positiver zu
negativer Interaktionen aufweisen. Ist das nicht der Fall, gerät die Beziehung in Schieflage. Sie
droht auszutrocknen und wird feindselig oder distanziert.
Je mehr sich Feindseligkeit und Lieblosigkeit breit gemacht haben, desto schwieriger wird es,
die Beziehung wieder zu verbessern. Beide sind unglücklich, zusammen aber einsam. Der
Schritt zur psychologischen Beratung und zur Paartherapie gilt dann als der letzte Ausweg.
Aus dem bisher gesagten ist vermutlich auch klar, welche Interventionen dort geschehen müssen: Es gilt, die negativen Interaktionen zu hemmen, zu unterbinden und zu stoppen, und die
positiven Interaktionen wieder zu fördern, unterstützen und zu festigen. Das ist leichter gesagt,
als getan. Für das Paar und den Therapeuten. Überwiegen Feindseligkeit oder Distanz, kann
das beinahe unmöglich werden. Es lohnt sich deshalb, das Verhältnis von positiv zu negativ im
Auge zu behalten und zu reagieren, falls die liebevollen Interaktionen nicht eindeutig (fünf Mal!)
überwiegen.
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Bildung
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