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Kein Job ist so hart wie keiner?! Die meisten der 24 Teilnehmer

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Kein Job ist so hart wie keiner?!
Die meisten der 24 Teilnehmer/innen an der Tagung für Erwerbslose in Haus Villigst im April haben
diese Frage bejaht.
Trotz des leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahlen hat sich die Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt.
Wer sogenannte „Vermittlungshemmnisse“ aufweist, z.B. krankheitsbedingt, hat nach wie vor so gut
wie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die finanzielle Situation ist für die meisten Erwerbslosen
oder für Menschen, die im Niedriglohnbereich oder geringfügig beschäftigt sind, eine große
Belastung. Das System der Transfer- und Unterstützungsleistungen ist höchst kompliziert und birgt
Fallen, die den Menschen Angst machen. Die Angst vor dem Termin im Jobcenter wirkt sich zuweilen
sogar körperlich auswirkt. Nicht selten entsteht der Eindruck, man werde schikaniert. Teilnehmende
berichteten davon, wie sie wegen der Veränderung von Zuständigkeiten von A nach B, von B nach C
und schließlich an eine vierte Stelle verwiesen wurden; manche klagten über viel zu enge
Fristsetzungen oder über die wiederholte Ablehnung bei der Beantragung ihnen zustehender
Leistungen. Die personelle Ausstattung der Jobcenter halten sie oft nicht für ausreichend – und die
Qualifizierung der Fallmanager müsse an vielen Orten verbessert werden.
Leistungssystem und -umfang jedenfalls gewähren nicht allen ein Leben oberhalb der Armutsgrenze.
„Es ist fast nicht möglich, die Hilfsmittel, die wegen meiner Behinderung wirklich nötig sind, zu
bezahlen.“ sagte ein Teilnehmer. Auch wer durch gesundheitliche Einschränkungen auf besondere
Lebensmittel angewiesen ist, kommt kaum zurecht.
Hilfreich waren bei der Tagung rechtliche Hinweise, Erfahrungsaustausch und die Empfehlung,
individuelle Beratung und Begleitung im Dschungel des Leistungssystems in Anspruch zu nehmen.
Die meisten Teilnehmenden haben so gut wie keine Aussicht auf eine Stelle im Arbeitsmarkt. Deshalb
standen Möglichkeiten der guten Gestaltung des Alltags im Zentrum der Tagung: mit wenig Geld und
ohne vorgegebene Strukturen. Die Erfahrungen, die Christoffer Schäle von der BUND-Jugend bei dem
Versuch, ein Jahr ohne Geld unterwegs zu sein, gemacht hat, waren dabei anregend. Insgesamt ist
ein solches freiwilliges Experiment natürlich nicht übertragbar. Hilfe für andere und eigene
Fähigkeiten z.B. im Tausch gegen Kost und Logis oder anderes anzubieten, fanden die Erwerbslosen
attraktiv – wie auch die Beteiligung an Tauschbörsen oder die Einrichtung von Repair-Cafés. Das hilft,
mit schmalem Budget Lebensqualität zu erhöhen. Am gesellschaftlichen Leben wirklich teilzuhaben,
bleibt eine große Herausforderung: Tickets für Veranstaltungen über die Kulturloge zu bekommen, ist
das eine; die Fahrtkosten zum Veranstaltungsort aufzubringen das andere. Zwar mag das Sozialticket
helfen – aber die Kosten für dieses Ticket übersteigen bereits bei weitem den im Regelsatz für
„Mobilität“ vorgesehenen Rahmen. Die Angebote für Menschen mit wenig Geld variieren regional
sehr stark. Eine Übersicht über solche Angebote in Siegen haben Erwerbslose im „Dschungelbuch“ im
Internet veröffentlicht. Auch in Bochum wird an einer solchen Zusammenstellung gearbeitet.
Den Alltag zu strukturieren ist eine weitere große Herausforderung. Das gelingt z.B. durch das
Mitwirken in Selbsthilfegruppen, durch ehrenamtliche Tätigkeit, durch die Pflege sozialer Kontakte.
An dieser Stelle wurde die Tagung selbst zur Selbsthilfegruppe.
Bei einem Workshop, den Andreas Lengemann vom Landessportbund gestaltet hat, konnten alle ihre
körperliche Fitness steigern. Übungen, die der Gesundheit und dem Erhalt der Beweglichkeit dienen,
und die jeder und jede auch ganz leicht zu Hause weiterführen kann, wurden vorgestellt und
ausprobiert. Für den einen oder die andere war das ungewohnt und auch anstrengend – für die
meisten eine Bereicherung.
Dem Engagement der Teilnehmenden, ihrer Offenheit für Anregungen und Hinweise, ihrer zum Teil
profunden Kenntnis der Rechtslage ist das Gelingen der Veranstaltung zu verdanken.
Die Tagung hat Möglichkeiten aufgewiesen, wie Menschen ihre persönliche Situation auch in der
Armut menschenwürdig und lebenswert gestalten können – und gleichzeitig hat sie den Skandal der
Armut in einem reichen Land deutlich gebrandmarkt. Beides, ganz konkrete Hilfe leisten und auf
politische Schieflagen hinweisen, ist Auftrag der Kirche.
Heike Hilgendiek
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Bildung
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