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(233) 9 Die Polymorphie gewisser Formenkreise ist keine so seltene

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Die Polymorphie gewisser Formenkreise ist keine so seltene Erscheinung wie man gewöhnlich
annimmt. Sie beschränkt sich in Europa keineswegs auf Hieracium, Rosa und Rubus.
Man denke an
formenreiche Arten wie Agroslis alba, Festuca ovina, F. rubra, Atriplex haslalum, Salix repens,
S.triandra
usw., sodann an Hauptarten mit schärfer umgrenzten Seitenästen (Unterarten), wie Erophila (Draba)
verna, Capsella bursa pasloris, Scleranlhus annuus, Belula alba, manche Gallen und Cenlaureen, die
mediterranen Spergularien, die orientalischen Eichen usw. Deutlichere Arten finden sich bei Melampyrum, Euphrasia, Thymus, den Genlianen der AmareZZa-Gruppe, den Carex der CaespZZosa-Reihe und
in zahlreichen anderen Fällen. Der Artwert der Formen, d. h. die Verschiedenheit zwischen je zwei eng
verwandten Gliedern einer Gruppe, kann jeden Betrag zwischen 0 und Species-Höhe erreichen. Alle
diese Tatsachen lassen sich nur dann unter einen einzigen Gesichtspunkt zusammenfassen, wenn man die
Polymorphie als eine Entwicklungsstufe in dem sich über geologische Epochen erstreckenden Lebens­
laufe der botanischen Species betrachtet. Gleich wie kein Kind vollständig seinen Eltern gleicht, so stellt
auch keine einzelne Pflanze eine genaue Wiederholung ihrer Vorfahren dar, wenn auch die Unterschiede
für unser Wahrnehmungsvermögen meistens unmerkbar werden. Unter Umständen werden aber die
Abweichungen beträchtlicher, so dass allmählich oder „sprungweise" deutliche Varietäten entstehen.
Bildlich gesprochen kann der äusserlich wahrnehmbare Entwicklungsgang der Varietäten sich gleich­
sam auf einer R a m p e oder auf einer Treppe, also stufenweise, vollziehen, aber das Endergebnis bleibt
in beiden Fällen dasselbe. Die eigentlichen Ursachen der sichtbaren Umänderung liegen oft weit zurück.
Ausländische Pflanzen bleiben bei Samenanzucht in europäischen Gärten zunächst unverändert, aber
nach längerer Zeit, etwa nach Jahrzehnten oder noch viel später, bemerken die Gärtner zwischen
manchen Arten eine „Varietät", und dann pflegen bald an den verschiedensten Orten ähnliche oder
auch verschiedene „Varietäten" aufzutreten.
Offenbar häufen sich nach und nach die Einflüsse der
veränderten Umgebung auf den Stoffwechsel; die unvermittelte Wirkung kann man der plötzlichen
Farbenänderung bei langsamem Zusatz v o n Alkali zu einer sauren Phenolphthaleinlösung oder v o n
Silberniträt zu einer Mischung von Chlornatrium und Natriumchromat vergleichen; die Ursache hat
schon lange eingewirkt, bevor sich plötzlich der Erfolg zeigt. Die ausserordentliche Mehrzahl der ent­
stehenden Varietäten (mit Einschluss der Mutationen) ist minder lebensfähig als die Stammform, so dass
die Neuheiten, etwa abgesehen von künstlicher Pflege, nach einer oder wenigen Generationen erlöschen.
Aber schliesslich finden sich zwischen Tausenden von Abänderungen einzelne, die unter besonderen
Verhältnissen den Stammformen überlegen sind, so dass sie dieselben an bestimmten Orten oder all­
gemein verdrängen und ersetzen. Aus einer Stammform kann dann eine besser ausgerüstete Nachfolgerin
entstehen oder es können daraus mehrere abweichenden Verhältnissen angepasste Parallelarfen hervor­
gehen. Die Zahl der Möglichkeiten ist nun sehr gross, die Schicksale der neuen Rassen und Arten sind
ungemein mannigfaltig. Schliesslich bleiben dann die durch grössere Lücken getrennten, durch scharfe
Merkmale kenntlichen „ g u t e n " Arten der Systematiker übrig. Je mehr sie spezialisiert und besonderen
Verhältnissen angepasst sind, um so weniger sind sie veränderlich; es gilt dann die Regel: „sint ut sunt,
aut non sint." Bei einem Wechsel in den Lebensbedingungen gehen sie zu Grunde. Etwas weniger
„ g u t e " Arten lassen unter solchen Umständen, namentlich wenn die Konstanz mittels Krenzungen
durchbrochen wird, wieder Varietäten, Mutationen und Rassen entstehen — wenn das Alte stürzt,
erblüht neues Leben aus den Ruinen, d. h. aus der abermaligen Polymorphie.
In den ausgesprochensten Fällen v o n Polymorphie spielen, so weit bekannt, stets Kreuzungen
eine Rolle. Nicht nur in den Gärten oder bei Rosa und Polenlilla, sondern auch in manchen andern
Gruppen, z. B . auch bei Callilrichc und Sphagnum, habe ich ganz analoge Verhältnisse angetroffen,
wie bei Rubus. Verkümmerung eines Teils der Pollenkörner (oder Sporen) ist eine regelmässige, Ver­
minderung der Samenzahl eine häufige Erscheinung bei den Hybriden. Es würde zu weit führen, auf
diese Verhältnisse hier näher einzugehen. Die Kreuzungen liefern die formenreichen Hybriden, aus denen
Rassen hervorgehen, welche nahezu beständig sind, aber doch häufig „Mutationen" (abgespaltene Seiten­
zweige der aus Hybriden entstandenen Mischrassen) bilden. Nicht nur bei Versuchen der Botaniker,
sondern in viel grösserem Massstabe in den Kulturen der Gärtner und Pflanzenzüchter, ist die Entstehung
BIbliotheca botanica. Heft 83,
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Gesundheitswesen
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