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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Aula
Moderner Pranger
Mobbing in digitalen Zeiten
Von Elisabeth Raffauf
Sendung: Sonntag, 12. Oktober 2014, 8.30 Uhr
Redaktion: Ralf Caspary
Produktion: SWR 2014
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
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Ansage:
Mit dem Thema: „Moderner Pranger – Mobbing in digitalen Zeiten“.
Ob Facebook, Twitter, WhatsApp oder Instagram – diese Plattformen verbinden
Menschen, aber sie können auch das Gegenteil bewirken: Sie können Menschen in
Täter und Opfer aufteilen, in Mobber und Gemobbte, denn die Hemmschwelle ist durch
die digitale Technik gesunken: Wie schnell hat man eine verächtliche Nachricht
öffentlich gemacht oder eine intimes Bild gepostet?
Wie sieht Mobbing unter Jugendlichen heute aus, welche Verhaltensmuster liegen dem
zugrunde, vor allem, was kann man als Opfer oder als Lehrer tun? Antworten gibt die
Diplompsychologin Elisabeth Raffauf, Sie hören einen öffentlich gehaltenen Vortrag im
Rahmen der Kooperation zwischen dem Gymnasium in Achern und SWR2 Aula.
Elisabeth Raffauf:
Ich weiß es noch genau: Es war in der 10. Klasse. Wir waren auf Klassenfahrt und
hatten eine Mitschülerin in unserem Zimmer, die unserer Meinung nach „streng roch“.
Abends, als das Licht aus war und sie schon länger nichts mehr gesagt hatte, fingen wir
an: „Die stinkt“, „Iiieh“, „Man müsste ihr mal ein Deo schenken“, „Sollen wir sie
einsprühen?“ – Ich hatte mindestens zwei verschiedene Gefühle in mir: Einerseits war
mir mulmig: „Das ist gemein“, klopfte es in meinem Kopf. Kerstin, so hieß das Mädchen,
bestätigte dieses Gefühl auch kurz darauf, als sie irgendwann hochschoss und schrie:
„Seid ihr fies.“ – Das andere Gefühl war ein erhabenes, ein mächtiges, ein sicheres. Ich
gehörte dazu, zu der Gruppe, ich war auf der Seite der Macher, derjenigen, die das
Geschehen bestimmten. Und: Ich war nicht allein, wie sonst oft, wenn ich einsam über
den Schulhof ging, weil ich keine richtige Freundin in der Klasse hatte.
"Seid ihr schon mal gemobbt worden?", haben eine Kollegin und ich 12- bis 15-jährige
Mädchen einer Mädchengruppe gefragt. Alle hatten diese Erfahrungen gemacht. Ganz
unterschiedlich und auch ganz ähnlich. Immer wieder wird Martha von zwei, drei Jungs
aus ihrer Parallelklasse „Vampir“ genannt oder „Dracula“, weil sie zwei etwas höher
stehende Zähne hat. Sie wird geschubst, ausgelacht, verhöhnt, an der Bushaltestelle
abgefangen, auf dem Schulhof eingekreist. „Du bist hässlich. Dass du dich überhaupt
aus dem Haus traust!“ Auch in der Stadt ist sie nicht vor Angriffen sicher.
Auch an Vera veranstalten die Mitschüler regelmäßig Geruchsproben. Sie kommen ihr
nah, schnüffeln an ihr: „Du stinkst“, „Wasch dich mal“, „Du hast ja immer die gleichen
Klamotten an. Hast du keine anderen?“, „Seid ihr so arm, dass ihr euch keine Seife
leisten könnt?“ Der Geruch ist ein elementares, ein körpernahes, intimes, ein sehr
verletzendes Mobbing-Thema. Lia ist etwas untersetzt. Sie hat zwar eine große Klappe
und lässt sich nichts gefallen, aber auch sie wird fertig gemacht: „Du bist fett“, „Du hast
Schweinchenaugen“, „Du Schlampe“. Sie wird geschubst, getreten und geschlagen.
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Traurige Geschichten, von denen viele Schülerinnen und Schüler erzählen können. Sie
wissen, wie es sich anfühlt, verletzt zu werden. Und sie leiden darunter. Umso
erstaunlicher scheint die Antwort derselben Mädchen auf die Frage: „Habt ihr schon mal
gemobbt?“:„Ja“, kommt mehr oder weniger zögerlich und beschämt von fast allen aus
der Gruppe die Antwort. Was habt ihr gemacht? „Ich habe mitgemobbt. Ein Mädchen in
meiner Klasse. Sie ist etwas korpulent und sie zieht sich so komisch an. Sie ist
Außenseiterin. Irgendwann war ich mal dabei, wie die Anderen sie mobbten und dann
habe ich mitgemacht. Ich habe mir gedacht: ‚Mach’ ich doch mal mit, bevor ich selber
wieder gemobbt werde‘.“ Das war Vera. „Ich habe mal im Internet voll ausgepackt. So
richtig. Unterste Schublade. Ich habe ein Mädchen übelst beschimpft. Die hat mich
vorher auch gemobbt“, bekennt Nadine. Janina erzählt von Blitzen in den Augen, die sie
gehabt hätte, als sie ein Mädchen fertig gemacht hätte. Sie habe ihre Fäuste sprechen
lassen. Und Carla hat eine richtige Strategie, einen Jungen zu ködern, der ihr sehr weh
getan hat. Gemeinsam mit zwei Freundinnen hat sie sich einen Decknamen
ausgedacht, um ihn hochzunehmen, ihm immer wieder Nachrichten zu schicken von
einer fiktiven Verehrerin. Sie hatten viel Spaß.
Nicht alle Mobbing-Opfer schikanieren ihrerseits andere, viele ziehen sich zurück,
werden stumm und deprimiert.
Warum mobben Menschen Andere? Was soll das? Gerade, wenn man selbst erlebt hat,
wie schmerzhaft das ist? Das erscheint paradox. „Ganz einfach“, sagen die Mobber:
„Lieber mobben als gemobbt werden.“ „Ich gehör doch lieber zur Gruppe als draußen zu
sein.“ Lieber oben als unten schwimmen. Lieber mitmachen, als nicht mitmachen. Die
Erfahrung, so gedemütigt, ausgegrenzt, runtergemacht, angegriffen zu werden, ist für
viele so traumatisch, dass sie es nie mehr selber erleben möchten. So helfen
Menschen, die gemobbt wurden, oft auch anderen nicht, die dasselbe Schicksal
erleiden: „Wenn ich sehe, dass meine Freundin gemobbt wird, schlag’ ich mich doch
nicht auf deren Seite, sonst werde ich selber noch gemobbt“, sagen viele Jugendlichen,
die eigene Mobbing-Erfahrungen haben. Denn das Gefühl ist schrecklich: „Wenn man
gemobbt wird, fühlt man sich nutzlos, wütend und traurig zugleich, als würde man am
lebendigen Leib verbrennen“, erklärte mir eine Jugendliche. Und andererseits: „Wenn
man mobbt, dann ist es, als schickt man den Hass, den man abkriegt, einfach weiter“,
ergänzt eine andere.
Was ist es, was einen dazu bringt, andere so zu demütigen? Meist ist es nicht ein
Grund, sondern sind es mehrere Gründe. Vielen sind sie nicht bewusst. Aber es gibt die
unbewusste Hoffnung, selbst erfahrene Demütigungen auf diese Weise loszuwerden,
Rache zu nehmen, zu verarbeiten, was mit einem selbst geschehen ist. „Ich bin
gedemütigt worden, vielleicht werde ich das Gefühl, das in mir lebt, auf diese Weise los.“
Es erscheint wie die Wiederholung eines Traumas. Manchmal ist es auch eines.
Andererseits: Menschen, die andere mobben, haben – entgegen allen Zuschreibungen
– meist ein schlechtes Selbstbewusstsein. Sie haben oft viele Misserfolge erlebt, in der
Schule, zu Hause oder auch in der Clique. Sie machen sich sozusagen auf Kosten
anderer groß. „Wenn ich den klein mache, dann bin ich umso größer“, ist die Annahme.
Es geht darum, sich mächtig zu fühlen, Aufmerksamkeit und Respekt zu bekommen.
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Der Erfolg ist allerdings nicht von Dauer. So müssen die Aktionen immer wieder
wiederholt werden.
Wie geht es den Opfern? Manche Menschen, die gemobbt werden, haben nach einer
Zeit das Gefühl, sie seien selbst schuld daran, dass sie gemobbt würden. Sie hätten
sich zu auffällig verhalten oder zu unauffällig, sie seien zu dick oder zu dünn, zu
uninteressant oder zu speziell. Das stimmt nicht. Es kann sehr viele treffen und die
Gründe können sehr vielfältig sein. Menschen werden gemobbt, weil sie zu oft die
Kleider wechseln, immer das Neueste anhaben und genau aus dem gegenteiligen
Grund, weil sie sie zu selten wechseln. Menschen attackieren Menschen, die irgendwie
anders sind, mehr lesen, eine Brille tragen, eine andere Hautfarbe haben, einen
anderen Stil haben, weil sie neu in der Klasse sind oder nicht so sportlich, all das
können Anlässe sein, sind aber keine sicheren Gründe. Es gibt auch Unsportliche,
Brillenträger, Schwarze, die in der Klasse beliebt sind und nicht gemobbt werden. Die
Gründe liegen bei den Tätern, nicht bei den Opfern. Das zeigt sich oft daran, dass etwa,
wenn ein Schüler oder eine Schülerin, die gemobbt wurde, tatsächlich die Klasse
verlässt, jemand neues ausgeguckt wird.
Was heißt eigentlich mobben? Das Wort mobben gibt es im Deutschen noch gar nicht
so lange. Es kommt von dem Englischen „to mob“ und das bedeutet anpöbeln und
belästigen. Das klingt erstmal nicht soooo schlimm und das hat es immer schon
gegeben. Man kann das Wort auch anders übersetzen. Zum Beispiel so: Mobbing ist,
wenn man andere immer wieder und über einen längeren Zeitraum seelisch quält und
unter Druck setzt, wenn man sie bloßstellt, erpresst und demütigt, gezielt Gerüchte
verbreitet, sie körperlich attackiert. Die Engländer sagen dazu übrigens „bullying“.
„Bullying is, when you keep picking on someone, because you think you’re cooler,
smarter, stronger or better than them“. Das ist die Definition der kanadischen AntiBullying–Organisation Brim. Zu Deutsch: Bullying ist, wenn du immer weiter auf
jemandem herumhackst, weil du denkst, du bist cooler, smarter, stärker oder besser als
er. Ich würde sagen, du glaubst nicht wirklich daran, dass du cooler, smarter, stärker
und besser bist, sondern du zweifelst daran und musst dieses Überlegenheitsgefühl
durch das Heruntermachen des anderen erst herstellen und es beweisen, dir selbst und
anderen.
Mobbing – das haben Forscher herausgefunden – ist nicht zufällig und wahllos, sondern
es funktioniert nach einem immer gleichen Muster. Es gibt Mobbing-Strukturen, die sich
in jedem, noch so unterschiedlichen Fall wiederfinden lassen.
Das eine ist die Anordnung der Personen: So gibt es immer ein Opfer. Und es gibt in der
Regel eine kleine Anzahl von Tätern. Ein bis drei Personen, die die Attacken
durchführen oder dazu anstiften. Dann gibt es noch eine kleine Gruppe von
Schülerinnen und Schülern, die vielleicht auch mal einen Kommentar abgeben, das sind
die Assistenten oder Verstärker des Täters. Und dann gibt es den größeren Teil der
Gruppe, die schweigen. Sie sind unbeteiligt. Sie sagen nichts. Sie stehen außen, aber
sie bekommen alles mit. Schließlich gibt es manchmal noch sozial kompetente Leute,
die versuchen sich einzumischen, sie sagen: „Lasst ihn doch in Ruhe“, aber sie sind in
der Regel erfolglos.
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Das ist die Besetzung. Und dann, wie läuft das Schauspiel ab?
Am Anfang hat es vielleicht einen positiven Kontakt gegeben zwischen Opfer und Täter,
vielleicht sogar eine Freundschaft, die dann gescheitert ist. Dann wird gestichelt: „Guck
mal die!“, „Findest du dich eigentlich cool mit deinen neuen Sandalen?“, „Was hast du
denn so in deinem Ranzen? Lass doch mal gucken!" Und von der ehemaligen Freundin
kommen jetzt dumme Sprüche. Die zu freundschaftlichen Zeiten in privater Atmosphäre
anvertrauten persönlichen Geheimnisse werden jetzt als Waffe eingesetzt. „Du schläfst
ja noch mit deinem Teddy“, „Dein Tom liebt aber eine andere. Mit dir will doch eh keiner
zu tun haben“ und so weiter. Dann steigern sich die Angriffe so langsam, sie werden
massiver, die Attacken hässlicher. Irgendwann wird es körperlich: Schubsen, schlagen,
nach der Schule abfangen, erpressen kommen dazu. Dass es passiert, wird zur
Gewissheit. Ungewiss ist: Wann passiert es wieder? Was passiert? Wo passiert es? Die
Angst wird unermesslich. Angst vor den Begegnungen, Angst vor den Demütigungen,
Angst in die Schule zu gehen, Angst vor den neuen Schikanen, die sich die Mobber
ausdenken. Es existiert kein angstfreier Ort mehr. Zu jeder Zeit und an jedem Ort kann
es einen treffen, denn da sind ja noch Computer und Smartphone und damit die Angst,
den Rechner anzumachen oder auf das Handy zu gucken. Im Kinderzimmer, zu Hause,
in den Ferien, bei den Großeltern – überall geht der Terror weiter. Für sich genommen,
als einzelne Aktion, erscheint das alles überwindbar. Aber als Paket, als immer wieder
kehrende, unberechenbare Note im Schulalltag und unterwegs und zu Hause, rund um
die Uhr ist es unerträglich.
„Das hat es doch immer schon gegeben. Schubsen, hänseln, mit dem Kopf in die
Mülltonne stecken, prügeln. Das ist doch normal“, sagen vielleicht manche, die sich an
ihre eigene Schulzeit erinnern und daran, dass es auch dort hässliche Szenen,
Prügeleien und Ausgrenzungen unter den Schülerinnen und Schülern gegeben hat.
„Das ist doch Zickentheater“, denken vielleicht Lehrer, denen Schülerinnen erzählen,
dass die anderen sie immer ärgern. „Da musst du jetzt durch. Das wird schon wieder“,
sagen Eltern. Ja, es gibt auch ganz normale Konflikte, aber das ist etwas anderes. Ein
Streit, eine Auseinandersetzung ist irgendwann auch wieder vorbei. Er ist nicht von so
langer Dauer, nicht so strukturiert, nicht so nachhaltig.
Nein, Mobbing ist anders. Es ist nicht normal und es ist auch nicht mit Zickentheater zu
beschreiben, was sich abspielt. Mittlerweile wird an Universitäten viel geforscht über
dieses Thema und es gibt unvorstellbar hohe Zahlen: Wöchentlich werden ca. 500.000
Schülerinnen und Schüler in Deutschland gemobbt. Das haben Psychologen der
Universität München in einer Langzeitstudie herausgefunden. 600.000 Schüler haben
Tätererfahrung. An allen Schulen gibt es Mobbing. Am häufigsten an Grundschulen, am
wenigsten an Gymnasien. Und noch mehr Zahlen: Ein Viertel aller Jugendlichen ist
schon mal im Internet gemobbt worden, 60 Prozent der Lehrer haben bei ihren Schülern
schon einmal Cyber-Mobbing erlebt.
Die Gründe dafür, warum gemobbt wird, warum Menschen andere fertig machen, sind
gleich geblieben. Auch früher fühlten sich gedemütigte Menschen, die eigentlich wenig
Selbstwertgefühl hatten, zeitweise stärker, wenn sie ihrerseits demütigen konnten.
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Was sich geändert hat, sind die Möglichkeiten zu mobben, die Formen, die
Dimensionen, die solche Attacken annehmen können, und auch die prominenten
Vorbilder, die Jugendliche zum Teil in den Medien präsentiert bekommen, haben sich
geändert. Früher gab es keinen Dieter Bohlen, keinen Stefan Raab, keine Heidi Klum,
die wöchentlich im Fernsehen dafür Applaus kriegen, dass sie junge Menschen
herunterputzen. Die dafür sogar viel Geld kriegen und mit weißen Stretch-Limousinen
von Party zu Bühne, zu Interview, zu Party gefahren werden. „So müsste man leben“,
könnte man sich als Fernsehzuschauer denken. Unsere Idole damals waren Hoss und
Little Joe von Bonanza, Tarzan und die bezaubernde Jeannie, die sich durch die Welt
zwinkern konnte. Die meisten waren keine Leute, die ihren Ruhm auf Kosten anderer
einheimsten, sondern gute Menschen, die anderen halfen, die sich für Gerechtigkeit und
Respekt und Ehrlichkeit und Vertrauen einsetzten und dabei viel Witz und Charme
ausstrahlten. Wortwitz und Selbstironie anstatt öffentliches Blamieren Schwächerer, um
sich selbst ins Licht zu rücken.
Dazu kommt: Die Existenz der digitalen Medien hat die Dimensionen des Mobbings
grundlegend verändert. Handys und Computer, soziale Netzwerke, Kameras, schnelles
Versenden, Verbreiten von Filmen, Bildern, Texten in Sekunden an eine ungeahnte
Anzahl von unbekannten Leuten, das ist neu. Harmlose Scherze und nicht harmlose
Attacken, sie bleiben im Netz, für immer. Ihre Nutzung gleitet nicht nur den Opfern,
sondern auch den Tätern völlig aus der Hand.
Die Geschichte der 15-jährigen Kanadierin Amanda Todd zeigt die Dimensionen: Als sie
die siebte Klasse besuchte, gerade mal 12 Jahre alt, setzte sie sich vor eine Webcam,
um neue Leute zu treffen und zu reden. Hier bekam sie Anerkennung von einem
vermeintlichen Freund. Sie sehe „toll“ aus, „schön“, „perfekt“. Irgendwann wollte ihr
Bewunderer mehr sehen, er wollte, dass sie sich vor dem Bildschirm entblößt. Sie hatte
ein komisches Gefühl, aber er war so nett und er schenkte ihr Aufmerksamkeit, also tat
sie es. Und dann erpresste er sie. „Wenn du keine Show für mich hinlegst, schick’ ich
deine Titten rum“, schrieb er. Und so ging es weiter. Sie bekam Angst und
Panikattacken. Der Bewunderer baute eine facebook-Seite mit ihrer nackten Brust als
Profilfoto. Er schickte das Bild an ihre Freunde, Mitschüler und Verwandte.
Klassenkameraden versendeten es sich auf ihren Smartphones. Amanda wurde von
allen gemieden. Man tuschelte über sie und beschimpfte sie. Rückendeckung bekam sie
nirgendwo. Sie wechselte die Schule. Dreimal. In der neuen Schule saß sie allein. Als
sie sich mit einem Jungen anfreundete, trommelte seine Freundin fünfzehn Leute
zusammen. Sie beschimpften Amanda, schlugen sie zusammen, filmten das Ganze und
stellten es ihrerseits ins Internet. Sie machte einen Selbstmordversuch. Als sie aus dem
Krankenhaus nach Hause kam, las sie bei facebook, sie solle ein anderes Bleichmittel
nehmen, mit dem sie dann hoffentlich sterben würde. Dann hat sie eine Überdosis
genommen, kam wieder ins Krankenhaus und wurde nach zwei Tagen entlassen. Sechs
Wochen später hängte sie sich in ihrem Zimmer auf.
Eine extreme Geschichte, die die Einsamkeit, die unglaubliche Verzweiflung, die
Ausweglosigkeit zeigt. Kein Einzelfall. Der 13-jährigen Amerikanerin Megan Meier erging
es ähnlich. Sie hatte sich in eine Internetbekanntschaft verliebt. Irgendwann wandte sich
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der virtuelle Freund von ihr ab und hetzte die Onlinegemeinde MySpace gegen sie auf.
In Wahrheit steckten hinter dem Profil des Jungen eine ehemalige Freundin und deren
Mutter. Auch Megan nahm sich das Leben. Die Geschichte der 14-jährigen Laura aus
Deutschland, die sich auf Wunsch eines Freundes vor der Kamera selbst befriedigt und
ihm das 20-sekündige Video zuschickt, verläuft ähnlich, auch wenn Laura sich nicht das
Leben genommen hat.
Was ihnen gemeinsam ist: Sie alle fühlen sich allein, sind unsicher, suchen
Anerkennung, Bestätigung, Freundschaften. Täter und deren Umfeld argumentieren
häufig: Ist sie doch selber schuld. Warum hat sie das auch gemacht? Auch Laura
musste sich von ihrer Mutter fragen lassen, ob sie die Mutter der Nutte der Stadt sei.
Ihre Einsamkeit wurde noch größer.
Mobbing und sexuelle Übergriffe im Internet passieren täglich und Mädchen machen
häufiger unangenehme Erfahrungen als Jungen. 17 % der 12- bis 19-jährigen Mädchen
sagen, dass es ihnen schon passiert ist, dass jemand peinliche oder beleidigende Bilder
oder Videos von ihnen im Internet verbreitet hat. Ein Viertel hat es schon erlebt, dass im
Internet jemand gezielt von der „Peergroup“ fertiggemacht wurde.
Noch eine Mobbing-Medien-Geschichte, die so oder ähnlich täglich passiert: Die 13jährige Natascha ist bei WhatsApp immer wieder in eine Gruppe hineingekommen,
obwohl sie das nicht wollte. Sie ist immer wieder ausgestiegen. Der sogenannte
Gruppenleiter, das ist in der Regel der, der die Gruppe gründet, hat sie immer wieder
reingeholt. „Komm, lass uns Natascha in die Gruppe holen und sie dann wegmobben“
hatte er als Parole ausgegeben. In der Gruppe waren Freunde ihrer Klassenkameraden.
Die Mitglieder der Gruppe haben ihr dann massiv und verhöhnend ihre Liebe erklärt.
„Mich hat das fertiggemacht“, erzählt Natascha, „ich bekam 500 Nachrichten pro
Stunde.“Dann ist sie aus der Gruppe raus und hat alle gesperrt. Außerdem hat sie ihre
Lehrerin informiert.
Im Internet zu mobben ist sozusagen gefühlsgedämpft. Als Schreiber am Computer
sitzend bekommen wir die Wirkung des eigenen Tuns nicht mit. Wir sehen nicht, wie der
Andere sich in sein Kissen wirft und bitterlich weint, wir sehen die Tränen nicht.
Mitgefühl, wenn wir es überhaupt zulassen, ist sehr abstrakt und leichter wegzuhalten.
Außerdem können wir es wegclicken. Das senkt die Hemmschwelle. Es ist ja gar nichts,
nur ein Tastendruck. Ein Mädchen, das vor mir steht, dem ich in die Augen schaue,
traue ich mich nicht so leicht aufzufordern, ihren Pullover hochzuheben. Und das
Mädchen traut sich in der realen Welt auch nicht so leicht es zu tun. Zu Hause am
Computer gibt es das trügerische Gefühl, geschützt zu sein: "Ist ja keiner da und ist ja
nur ein Moment." Die Millionen, die diesen Moment immer und immer wieder anklicken
können, sind so unwirklich, so unvorstellbar. Die Bedeutung, die Konsequenzen, das
Leid auf der anderen Seite bleiben virtuell.
Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden, bleiben oft sehr lange allein mit ihren
Sorgen. Sie haben Angst: "Wenn ich etwas sage, dann wird es alles noch schlimmer,
dann geht meine Mutter vielleicht zum Lehrer oder zu den Eltern der anderen und dann
wird das Mobbing noch unerträglicher. Also sag’ ich besser nix." Vielleicht haben sie
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auch die Erfahrung gemacht, dass ihnen nicht geglaubt wird: „Ist doch gar nichts“ oder
dass ihnen die Schuld zugeschoben wird: „Wenn du dich nicht immer so anstellst, dann
ärgern die anderen dich auch nicht.“ Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich nichts
sage, wird es schlimmer. Weil die Täter sich dann geschützt fühlen. Sie haben freie
Hand. Sie können noch mehr erpressen, noch mehr demütigen, es passiert ja nichts.
Deshalb ist es so wichtig, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine bleiben, und dass sie
nicht aufgeben, wenn die Eltern oder die Lehrer nicht sofort reagieren. Es ist wichtig,
das Problem jedem zu erzählen – Gleichaltrigen, Eltern und Lehrern, alle ansprechen.
Dran bleiben, wenn der erste Lehrer oder die Mutter nicht reagieren. Nochmal sagen,
einen anderen Lehrer ansprechen, andere Jugendliche. Ich muss mir Unterstützung
holen bei vielen und sagen: „Ich brauche eure Hilfe, als Zuhörer und ganz konkret:
Morgens auf dem Schulweg, tagsüber auf dem Schulhof, nachmittags auf dem
Nachhauseweg. Wer kann mich begleiten?“
Jungen und Mädchen, die in der Schule gemobbt werden, haben meist das Gefühl: "Alle
sind gegen mich." Sie nehmen die ganze Klasse als geschlossene Gruppe und als
Feinde wahr. Das ist in der Regel nicht so. Deshalb ist es gut, sich die Mitschülerinnen
und Mitschüler genau anzuschauen. Die Masse vor seinem geistigen Auge in
Einzelpersonen aufzuteilen und zu gucken: Wer ist der Anführer? Wer sind die
Assistenten? Wer ist Zuschauer? Und wer probiert sogar, mir beizuspringen? Und dann
sollte man die Zuschauer und die Unterstützer einzeln ansprechen und um Hilfe bitten.
In Wirklichkeit ist die Klasse keine Einheit, in meiner Einsamkeit nehme ich sie aber so
wahr. Wenn die Eltern nicht reagieren, gibt es vielleicht eine Tante, die ein offenes Ohr
hat, oder jemand anderen in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis.
Und die Mobbing-Zuschauer, auch sie könnten etwas tun. Auch ihnen geht es nicht gut.
Mobbing mitzubekommen macht Angst: "So könnte es auch mir ergehen, wenn ich was
sage, wenn ich die Klappe aufreiße, wenn ich mich auf die Seite des Opfers schlage".
Das ist verständlich, aber vielleicht kann ich mir erstmal für mich einen neutralen
Ansprechpartner außerhalb holen, dem ich von meinem mulmigen Gefühl berichte, dem
ich vertraue und der mich unterstützt.
Und die Eltern – was können sie tun? Sie können in erster Linie ihre Kinder ernst
nehmen. Das heißt, dass sie deren Sorgen nicht abtun, auch wenn sie sie selber als
gering bewerten. Das Kind leidet. Zuerst mal ist es wichtig, ein offenes Ohr zu haben, es
erzählen zu lassen, erstmal ohne Kommentar – auch wenn es schwer fällt. Am
hilfreichsten ist es, wenn die Eltern ruhig bleiben können und gemeinsam mit ihrem Kind
überlegen, wer unterstützen kann und was sie als Eltern tun können. Wichtig ist dabei,
dass sie einerseits nichts hinter dem Rücken des Kindes machen, denn dann ist das
Vertrauen verschüttet. Dass sie andererseits dem Kind aber sagen, das sie unter
Umständen, möglicherweise auch zunächst gegen seinen Willen unternehmen müssen.
Eltern können mit ihrem Kind zusammen überlegen, wie es in der nächsten Zeit sicher
vor den Mobbern geschützt werden kann und wer gegebenenfalls noch um
Unterstützung gebeten wird. Eltern sollten bereit sein, sich an die Schule zu wenden und
sich mit den Lehrern zu besprechen. Was sie auf keinen Fall machen sollten ist, im
Hintergrund selbst agieren, mit anderen Eltern kämpfen oder ihnen beleidigende oder
vorwurfsvolle Mails zukommen lassen.
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Der Schlüssel beim Thema „Mobbing“ sind die Lehrer. Sie sind die Rudelanführer, sagt
die Münchner Wissenschaftlerin Dr. Mechthild Schäfer. Sie haben den größten Einfluss
auf die Klasse, sie geben vor, welches Klima dort herrscht, was durchgeht und was gar
nicht geht. Selbstverständlich dürfen sie nicht mitsticheln, nicht verharmlosen, Hilfe
suchende Schüler nicht abwimmeln, nicht weggucken. Lehrer haben eine
Schlüsselfunktion und es ist wichtig, dass sie die wahrnehmen und nutzen. Auch sie
sollten sich möglicherweise Unterstützung bei Kollegen holen. Was kann ich tun? Wie
kann ich reden? Mit wem? Kommt eventuell ein Außenstehender neutraler Lehrer mit in
die Klasse oder zu Gesprächen? Welche Regeln sollen für meinen Unterricht gelten?
Ein grundsätzlich respektvoller, wertschätzender Umgang zwischen allen in der Klasse
ist die Basis dafür, dass wenig Mobbing-Situationen entstehen und dass es in den
Anfängen erkannt und aufgegriffen wird.
Die Frage ist natürlich wie: Studien haben gezeigt, dass Mobbing, wenn es zum Thema
wird, Schuldzuweisungen und Bestrafungen nach sich zieht und dass dadurch die
Situation oft verfestigt wird und dass Opfer am Ende noch einsamer sind oder dass das
Mobbing ungebremst weitergeht. Erfolgversprechender ist der sogenannte „No-BlameApproach“. Dabei werden alle aus der Schülergruppe angesprochen und die
Schülerinnen und Schüler aktiv mit Ideen und Aktionen an der Lösung der Situation
beteiligt. Es gibt keine Bestrafungen und keine Schuldzuweisungen.
Die Schule, das heißt natürlich, die Personen, die die Schule tragen – an erster Stelle
der Rektor und dann das Lehrerkollegium, sie prägen die Atmosphäre. Unabhängig von
Mobbing können sie sich fragen: Gibt es ein gutes Lernklima? Gibt es verbindliche
Schul- und Klassenregeln? Gibt es genug Gestaltungsmöglichkeiten für die Schüler?
Gibt es kooperative Lernformen? Gibt es Austausch mit Schülern und Eltern? Wird aktiv
und konstruktiv mit Konflikten umgegangen? Gibt es Spaß in der Schule, spannende
Lern-Inhalte, ein „Wir“-Gefühl? Interessieren sich Lehrer für ihre Schüler? Engagieren
sie sich dafür, dass die Schule ein Ort ist, an dem sich alle wohlfühlen?
Allerdings: Mobbing ist nicht grundsätzlich zu verhindern, auch nicht von den besten
Lehrern, denn die Fahrt, die eine Mobbing-Geschichte aufnehmen kann, die Wucht, mit
der sie flächendeckend wirkt, kann auch geschulte Leute völlig überrollen. Aber eine
aufmerksame Schule bietet die beste Prävention. In einem guten Klima entwickelt
Mobbing sich schwerer.
Eine gute Idee, es Internet-Mobbern schwerer zu machen, hat eine 14-jährige Schülerin
in den USA entwickelt. "Rethink" heißt die Initiative von Trisha Prabhu. Ihr Gedanke, zu
dem sie bereits eine Studie durchgeführt hat: Mobbing im Internet kann verhindert
werden, wenn Nutzer ihre Beiträge noch einmal überdenken müssen, bevor sie sie auf
facebook, Instagram oder twitter veröffentlichen. Bevor Nutzer etwas Beleidigendes
posten, soll ein Button erscheinen, der sie darauf aufmerksam macht, dass ihre
Nachricht andere verletzen kann. Sie sollen gefragt werden, ob sie das wirklich
möchten. In ihrer Studie hat die Schülerin Versuchspersonen beleidigende Botschaften
präsentiert und sie gefragt, ob sie sie veröffentlichen wollen. Die Gruppe, die auf "Ja"
klickte und noch einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie andere verletzen
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könnte, entschied sich daraufhin zu 93 % dagegen. Die Kinder, die diese Frage nicht
gestellt bekamen, schickten nur zu 30 % die Nachricht nicht weiter. Durch eine solche
Frage wird Usern einerseits ein Spiegel vorgehalten, andererseits werden sie nochmal
zum Nachdenken, zum Mitgefühl aufgefordert. Es wird plötzlich menschlich.
Meine Klassenkameradin Kerstin damals hatte das Glück, dass sie nicht noch, wo sie
ging und stand, mit Emails,WhatsApp-Nachrichten und SMS bombardiert wurde, und:
Ich hatte ein verdammt schlechtes Gewissen und habe mich am Ende ziemlich mies
gefühlt. Das mit dem Stinken hatte übrigens zuvor mal jemand zu mir gesagt.
*****
Elisabeth Raffauf ist Diplom-Psychologin und Systemische Beraterin mit einer Praxis
als Coach, Beraterin und Supervisorin in Köln. Sie ist Autorin zahlreicher
Erziehungsratgeber, Aufklärungsbücher sowie Broschüren der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung.
Internet:
www.elisabethraffauf.de
Bücher (Auswahl):
- Das Mädchen-Buch. Beltz-Verlag. 2013.
- Pubertät heute – ohne Stress durch die wilden Jahre. Beltz-Verlag. 2011.
- „Das können doch nicht meine sein“ – Gelassen durch die Pubertät. 4. Auflage. BeltzVerlag. 2009.
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