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Journalisten haben für ihre Arbeit ein Denkraster – wie ist es

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Journalisten haben für ihre Arbeit ein
Denkraster – wie ist es strukturiert und
wie kann man sich einbinden?
Annette Moll
Ausbildungsleiterin Volontariat
ems ELEKTRONIC MEDIA SCHOOL – Schule für elektronische Medien
Journalistisch arbeiten, journalistisch denken
“Warum ist schon wieder niemand von der Zeitung zu unserem Gartenfest gekommen?” “Wie
kriege ich jemand vom Fernsehsender XYZ dazu, endlich einen Bericht über unsere Zusammenarbeit mit der Tafel e.V. zu drehen?” Diese Fragen stellen sich Verbandsfunktionäre wie Mitglieder
sicher immer wieder. Zwei Dinge dazu gleich zu Beginn:
1. Den bundesdeutschen Gartenfreunden geht es diesbezüglich nicht anders als zahllosen
anderen Interessensverbänden.
2. Den Redaktionsbetrieb in Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen bestimmen viele Faktoren, die meist gar nicht mit einem möglicherweise vermuteten Desinteresse zu tun hat.
Zeitdruck, begrenzter Platz in Printmedien, begrenzte Sendezeit bei Radio und Fernsehen,
dazu ein jeweils vorgegebenes Format, das die inhaltliche und gestalterische Richtung vorgibt – all dies beeinflusst die journalistische Arbeit und somit auch die Auswahl und Platzierung von Themen.
Journalisten sind professionelle Informationsübermittler, Berichterstatter, Geschichtenfinder und
-erzähler. Zu ihren Aufgaben zählt es, aus einer überwältigenden täglichen Informationsflut die
jeweils relevantesten Themen für Ihr Medienorgan und für Ihr Publikum herauszufiltern. Dies tun
sie nach bestimmten professionellen Kriterien, die letztlich aber alle auf ein wesentliches Prinzip
menschlicher Kommunikation zurückzuführen sind:
Geschichten zu erzählen, die in erster Linie informieren, die aber auch Interesse wecken, die neugierig machen, die erstaunen, erheitern oder manchmal auch schockieren. Über allem schwebt
stets das Gebot größtmöglicher Objektivität; Journalisten sind professionelle Geschichtenfinder
und -erzähler, aber keine Romanautoren.
Was macht ein Ereignis oder einen Zustand zur medienrelevanten Geschichte?
Ganz vorne in der Reihe der wesentlichen Entscheidungskriterien steht der Nachrichten- und Informationswert.
Grundsätzlich gilt: Das Besondere, das Neue und vielleicht auch Einzigartige schlägt um Längen
das Übliche, das Gewohnte und das Allgemeingültige.
Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 206
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Beispiel: Dass die Pächter einer Kleingartenkolonie Blumen pflanzen, hat eher keinen Nachrichtenwert. Dies passiert schließlich immer. Entschlösse sich aber ein ganzer Kleingartenverein eines
Frühlings dazu, überhaupt keine Blumen mehr zuzulassen, wäre das eine Nachricht. So etwas wäre
noch nie dagewesen, also ungewöhnlich, höchst erstaunlich und damit berichtenswert.
Was ist wissenswert? Auch dies ist eine Frage, die Journalisten abklopfen, um ein Thema zu setzen.
Was sollten unsere Leser/Hörer/Zuschauer unbedingt wissen, weil es sie selbst oder andere in
ihrem Umfeld betrifft? Eine räumliche oder auch gefühlte Nähe zur Geschichte ist ebenfalls wichtig,
ebenso die mögliche Tragweite.
Könnte dieses Problem/dieser Vorfall viele andere Menschen betreffen?
Beispiel: Wenn das Landratsamt eines Tages verfügt, dass alle Kleingärtner ab sofort Gebühren für
ihr Abwasser zu zahlen haben, sorgt das bei vielen Betroffenen für Ärger; zumindest stellen sich
Fragen. Wieso werden auf einmal Gebühren fällig, und wie viel wird es den Einzelnen künftig kosten?
Ein entsprechender Medienbericht kann nicht nur die Fakten liefern, sondern auch eine gewisse
Ratgeberfunktion übernehmen und beispielsweise aufklären, ob es Möglichkeiten gibt, die Zahlungen zu minimieren oder sich von den Auflagen befreien zu lassen.
Jede Medienberichterstattung richtet sich auch nach dem so genannten Gesprächswert, d.h. der
empfundenen Wichtigkeit einer Geschichte. Welches Thema einen hohen Gesprächswert hat, kann
jeder an sich selber testen. Welche Geschichte, die ich erlebt oder irgendwo gelesen habe, erzähle
ich als erstes, wenn ich nach Hause komme? Was finde ich so interessant, dass ich es noch beim
Lesen oder Radiohören meinem Partner/meiner Partnerin/den Kindern zurufe?
Jeder Interessenverband hält seine eigenen Themen selbstverständlich und notwendigerweise für
sehr wichtig. Vorstandswahlen im Kleingartenverein sind für die Mitglieder natürlich interessant, da
sie direkt davon betroffen sind. Für das Vereinsblatt ist dies allemal eine Meldung wert. Ob die
Zusammensetzung des neuen Kleingarten-Vorstands allerdings für eine breitere Öffentlichkeit Relevanz hat, ist fraglich.
Beim Auswählen geeigneter Themen für eigene Pressemitteilungen ist es oft hilfreich, einen Vergleich anzustellen – etwa sich vorzustellen, ob man selber an einem Zeitungsbericht z.B. über die
interne Mitgliederbefragung der Zahntechnikerinnung Interesse hätte. Vermutlich hielte sich die
Begeisterung in Grenzen. Ebenso geht es Menschen, die mit dem Kleingartenwesen bislang keine
Berührungspunkte haben.
Bei der Themenauswahl denken Journalisten auch daran, ob die jeweilige Geschichte einen Bezug
zu übergeordneten, „großen“ Themen hat, die derzeit viel diskutiert werden. Ob dies nun Hartz IV
ist, der Klimawandel oder Live-Style-Bewegungen wie etwa der Drang von Städtern hinaus ins Grüne auf die eigene Scholle, um dort beispielsweise biologisch einwandfreies Gemüse anzubauen.
Wer versteht, wie Journalisten Themen auswählen und gewichten, versteht auch, welche inhaltlichen Schwerpunkte er in seiner Vereinsarbeit auswählen und vertiefen kann, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.
Sag mir, wo die Themen sind!
Bei der Recherche stehen Journalisten vielfältige Möglichkeiten zur Auswahl. Da gibt es zum einen
professionelle Agenturdienste (z. B. die dpa), die täglich tausende Meldungen aus aller Welt, aus
Deutschland und den einzelnen Regionen liefern. Allein die Aufgabe, aus dieser Informationsflut
das wirklich Wesentliche herauszufiltern, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Hinzu kommen viele
Pressemeldungen von Organisationen aller Art, von politischen Stiftungen, über Sozialdienste bis
hin zu Kleingartenvereinen.
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Eine weitere Bezugsquelle von Informationen sind andere Medien. Jeder Journalist sollte über die
deutsche Medienlandschaft gut Bescheid wissen, verschiedene Radio- und Fernsehsender und ihr
Programm kennen, und auch die Zeitung der Konkurrenzlesen.
Die BILD-Zeitung zählt übrigens zur Pflicht-Lektüre; sie hat zwar einen sehr boulevardesken und
oftmals reißerischen Ansatz, bringt aber immer Themen, über die die Menschen sprechen und die
also den notwendigen Gesprächswert haben.
Umgekehrt funktioniert dies ebenfalls. Ein Vereinsmitglied, das die Medienberichterstattung aufmerksam verfolgt und weiß, welche Themen gerade im Schwange sind, kann die eigene Arbeit entsprechend darauf ausrichten.
Ganz unentbehrlich in der täglichen Redaktionsarbeit sind die Kenntnisse und die Kontakte der
Redakteure und Reporter, die sich in ihrer Region besonders gut auskennen und wissen, was gerade wo passiert. Dies bedeutet auch für die Arbeit der Kleingartenvereine, dass sie Kontakte zu Redaktionen herstellen bzw. pflegen müssen, um im persönlichen Gespräch auf ihre Themen und
Anliegen hinzuweisen. Die Entscheidung, welches Thema nun in die mediale Berichtserstattung
aufgenommen wird, liegt natürlich weiterhin in der Hand der Journalisten – oftmals sind diese aber
dankbar für Hinweise auf Neuigkeiten.
Das Aufspüren von Themen und Informationen, die Überprüfung deren Wahrheitsgehalts und die
Einschätzung der Wichtigkeit – dies alles zusammen geschieht in der Recherchephase. Hier lassen
sich mehrere Ansätze unterscheiden:
1. Es gibt die so genannte Initiativ-Recherche, bei der der Journalist aus eigenem Antrieb auf
Informationssuche geht.
2. Bei der Gegen-Recherche überprüft der Journalist den Wahrheitsgehalt z. B. einer Pressemitteilung.
3. Das so genannte „Weiterdrehen“ von Themen nimmt in der Regel einen besonders großen
Platz in der Recherchearbeit ein. Ist in Mönchengladbach beispielsweise zum ersten Mal
ein türkischer Kleingärtner in den Vorstand gewählt worden, so fragen sich Journalisten in
Passau oder Berlin, wie sieht es eigentlich in unserer Stadt aus? Gibt es hier auch Vorstandsmitglieder mit Migrationshintergrund? Wie ergeht es Menschen türkischer Herkunft
in unseren Kleingärten; wie werden sie aufgenommen; bringen sie vielleicht neue Ansätze
mit und sorgen für Veränderung?
Ein anderes Beispiel:
Eine Schlagzeile wie „Lebenslage Haft für Kleingarten-Morde“ sichert einer Zeitung viele
Leser. Es ist ein emotional hoch aufgeladenes Thema, das empört und aufregt – ein richtiges Aufregerthema. Mord und Totschlag interessieren fast immer, und in Kombination mit
der angenommenen Idylle des Kleingärtnerlebens oder der von Außenstehenden bisweilen
vermuteten „Spießer“-Idylle einer Kleingartenkolonie wird aus dem einzelnen Verbrechen
schnell ein Generalthema. Aus Sicht der Kleingärtner ist dies unerfreulich, weil sie sich zu
Unrecht über Wochen mit Mord und Totschlag in Verbindung gebracht fühlen. Doch auch
hier gilt, Journalisten machen ihre Arbeit, wenn sie nachfragen, ob beispielsweise Nachbarschaftsstreitigkeiten über den Gartenzaun häufig vorkommen (oder selten sind), wie Konflikte im Verein gelöst werden usw.
Gerne aufgegriffen werden Themen, die „in der Luft liegen“, die also aktuell einen hohen
Gesprächswert haben. Dazu zählen Themenbereiche wie Umweltschutz, Armut, Generationskonflikte bzw. Zusammenleben der Generationen, soziales Engagement, aber auch der
Umgang mit so genannten Minderheiten, z. B. Menschen mit Migrationshintergrund, Mitgliedern anderer Religionen, Schwulen und Lesben und vielen anderen.
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Wer möchte, dass in den Medien eher die freundlichen als die kontroversen Themen über den eigenen Verband zum Tragen kommen, sollte also dafür sorgen, dass es auch freundliche Themen
gibt!
Funk und Fernsehen
Jedes Medienorgan hat seine eigenen Arbeitsweisen und technisch-gestalterischen Anforderungen.
Insbesondere bei Terminen mit Radio- und Fernsehreportern ist es von großem Vorteil, eloquente
Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen. Fast alle O-Töne (kurz für Original-Töne, also Tonaufzeichnungen der Interviews) werden geschnitten, meistens gekürzt. So hilft es den Journalisten
ungemein, einen Gesprächspartner vor dem Mikrofon zu haben, der lebhaft schildern und sich in
relativ kurzen Sätzen ausdrücken kann.
Schöne Bilder und nachvollziehbare Handlungsabläufe sind insbesondere für Fernsehjournalisten
wichtig, schließlich sollen die Zuschauer einen lebendigen Eindruck vom Ort der Berichterstattung
bekommen. Dreharbeiten allein im Vereinsraum während einer Vorstandssitzung sind dazu eher
weniger geeignet; stattdessen hilft es immer, wenn der Verein selber mögliche Drehorte und Abläufe empfiehlt.
Alle Medien unterliegen einem bestimmten Format, das sich an der Zielgruppe und der thematischen Ausrichtung orientiert. Für jede Begegnung mit Journalisten ist es wichtig zu wissen, für
welches Medium sie arbeiten und in welchem Kontext der jeweilige Bericht ausgestrahlt bzw. gedruckt wird. Eine Nachrichtensendung will informieren, ein Boulevard-Magazin eher emotional
berühren oder amüsieren. Letzteres muss nicht immer im Sinne der Dargestellten sein. Das Publikum amüsiert sich gerne auch auf Kosten anderer.
Man muss sich also über das Medienorgan und seine Ausrichtung informieren, bevor man einem
Interviewtermin zustimmt!
Wider die Vorurteile
Dass alle Journalisten auch Menschen sind, wird nicht überraschen. Auch nicht, dass sie – wie jeder andere auch – manches Vorurteil hegen können, dürfte ebenfalls kaum verwundern. Und so
kommt es immer wieder vor, dass Medienleute mit einem bereits fertigen Beitragskonzept zum
Recherchetermin kommen – einem Konzept, dass Kleingärtnern bisweilen übel aufstößt. Gartenzwerge, bürokratische Auflagen, Spießer-Idylle – das sind wiederkehrende Motive in der Berichterstattung, auch wenn sie in vielen Fällen ganz zu Unrecht in den Vordergrund gerückt werden.
Jeder Verein kann aber dazu beitragen, dieses als schief empfundene Bild zurecht zu rücken, indem
er vorbereitet ist, indem er Informationen anbietet (auch ungefragt). Journalisten sind meist Generalisten. Spezialkenntnisse sind nicht immer vorauszusetzen, dafür aber die Fähigkeit, neue Informationen schnell aufzunehmen, zu bündeln und allgemeinverständlich widerzugeben. Im Journalismus geht es immer darum, die Wirklichkeit so korrekt und objektiv wie möglich darzustellen –
Ausnahmen sind satirische Darstellungsformen, die per Definition beißend-humorvoll sind und
ihren Protagonisten einen Zerrspiegel vorhalten. Jeder ernst zu nehmende Journalist will wissen,
was Sache ist, und ist dankbar über jeden inhaltlichen Input.
Journalistische Darstellungsformen
Um einschätzen zu können, in welche Richtung die Berichterstattung geht, sind einige Informationen zu den gängigen Darstellungsformen hilfreich:
-
Die Nachricht bringt kurz, knapp und präzise eine Neuigkeit auf den Punkt. Dabei werden
im Wesentlichen die W-Fragen beantwortet – Wer, wann, was, wo, wie und warum?
Der Bericht ist eine längere Nachricht und bringt zusätzlich zu den W-Fragen mehr Hinter-
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grund und Einordnungen.
Die Reportage zählt zu den sogenannten subjektiven Darstellungsformen. Sie folgt einem
Protagonisten zu einem bestimmten Anlass (beispielsweise der Gemüse-Ausgabe bei einer
Tafel), ihre Sprache ist lebendig und voller sinnlicher Eindrücke; sie gilt als „Kino im Kopf“.
Der Kommentar ist eine meinungsbetonte Darstellungsform und gibt die Meinung eines
Journalisten zu einem bestimmten Thema wider.
Die Glosse ist ebenfalls meinungsorientiert, dazu aber satirisch-überspitzt und pointiert.
Die Dokumentation oder das Feature sind jeweils eine deutlich längere erklärende oder erzählende Darstellungsform, die entsprechend aufwändiger in der Recherche und Produktion werden.
Doku-Soap bzw. Reality-Soap beleuchten ein Thema auf eine der Reportage ähnliche Weise
und bedient sich dabei Protagonisten, die zuvor gecastet – also sehr intensiv auf Medienund Formattauglichkeit geprüft – worden sind.
Fazit
Bei jeder Medienarbeit im Verein, also auch bei der Vorbereitung von Pressemeldungen und Veranstaltungseinladungen, gelten folgende Goldene Regeln:
-
Immer an den Informationswert denken:
ƒ Was ist bei uns neu und auch für andere wichtig?
ƒ Was trifft gerade ein gesellschaftlich relevantes und aktuelles Oberthema?
ƒ Was macht Menschen betroffen – was betrifft viele Menschen in unserer Region?
-
Selber Service- und Ratgeberthemen vorschlagen:
ƒ Eigene Experten aus den Vereinsreihen stellen und in den Redaktionen als feste
Größe im Pool der möglichen Gesprächspartner etablieren.
ƒ Kontakte zu Redaktionen herstellen und pflegen.
ƒ Grundsätzlich muss man die Medien der Region, ihre thematische Ausrichtung und
die Zuständigkeiten einzelner Redaktionen kennen.
ƒ Persönlich bekannte Journalisten auf Termine hinweisen.
ƒ Saisonal denken und Themen jahreszeitbezogen anbieten. Auch in der so genannten Saure-Gurken-Zeit im Hochsommer sind Redaktionen für gute, „saftige“ Themen dankbar.
Journalistisch denken und aktiv Themen setzen:
ƒ Eigene Aktionen planen, z. B. „Singvogelzählung in unserer Kleingartenkolonie“;
„Lehrgarten für Grundschulkinder eingerichtet“; „Promi-Koch im Kleingartenverein
– Kür des besten Gemüseauflaufs“.
ƒ Eigene Pressemeldungen müssen mit dem Highlight beginnen und neugierig machen (Kurze, knackige Überschrift, gefolgt vom so genannten Teasertext / der Unterzeile, dann folgt im ersten Absatz der eigentliche Text, der Antworten auf die
sechs W-Fragen gibt)
ƒ Besonderheiten hervorheben, beispielsweise:
- Kleingartenanlage mit besonders vielen Kindern
- Erster Kleingarten mit rein bio-dynamischem Anbau
- Hohes soziales Engagement (z.B. Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation „Die Tafel“)
-
„Trommeln gehört zum Geschäft“ – so lautet eine viel zitierte Redewendung, die das Gleiche meint
wie der Ausspruch „Tue Gutes und sprich darüber“. Jeder Verein, der dies beherzigt und zugleich
einige wesentliche journalistische Arbeitsweisen kennt, kann seine Medienpräsenz deutlich verbessern.
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Die große Frage
Was macht Ihr Thema zum Thema für Journalisten?
Die Antwort
Es kommt darauf an:
Nachrichten- und Informationswert;
Art des Mediums;
Journalistische Darstellungsformen;
Kontakte zu Redaktionen und Journalisten.
Informationswert
Was ist neu?
z.B. die Wahl des neuen BDG-Präsidenten.
der Bund verkauft Kleingartenland.
Was ist wissenswert?
Was betrifft den Leser/Hörer/Zuschauer?
Hat das Ereignis eine größere Tragweite, betrifft es also auch
andere?
Besteht eine räumliche / emotionale Nähe zum Thema?
Gibt es einen Service-Wert?
z.B. Ratgeberthema „Frühlingsblumen für den Balkon“.
Hat das Thema einen hohen Gesprächswert? Lädt es zum
Mitreden ein?
„Kinder und Tiere“.
Gefühle.
Konflikt und Spannung.
Außergewöhnliches („Mann beißt Hund“).
Illustriert das Thema ein aktuelles politisches / gesellschaftliches
Thema?
z.B. Hartz IV-Empfänger im Kleingartenverein.
Beispiele
Neu: Kleingarten wird teurer!
Wissenswert: Mehrkosten
betreffen viele Menschen.
Servicewert: Kann man
etwas dagegen tun?
Gesprächswert: Aufregung,
Ärger, Ungerechtigkeit.
Großes Thema: „Alles wird
teurer!“, „Wer soll sich das
leisten?“, „Immer auf die Kleinen!“
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Beispiele
Neu: Job-Chancen.
Wissenswert: Betrifft
möglicherweise viele Leute.
Servicewert: Wer kann an
der Aktion teilnehmen?
Gesprächswert:
Ungewöhnliche Maßnahme.
Großes Thema: Hartz IV und
Kleingärten kombiniert.
Beispiele
Ein Aufreger-Thema:
Mord (Katastrophe)
Nachbarschaftsstreit
Hohe Emotionalität
Hoher Gesprächswert
Spannungsverhältnis:
friedliche Kleingartenwelt vs.
spektakuläres Verbrechen
Beispiele
Noch ein Aufreger-Thema:
Reizthema Fremdenfeindlichkeit
Hohe Emotionalität
Hoher Gesprächswert
Spannungsverhältnis:
Friedliche Kleingartenwelt vs.
Ausgrenzung
Mögliche Bestätigung von
Vorurteilen (z.B. „kleinkarierte
Kleingärtner“)
Wo immer ein gesellschaftlicher oder ein
politischer Konsens in Frage gestellt wird,
ist mit stürmischer Berichterstattung zu
rechnen:
Freiheitsrechte
Umweltschutz
Gleichberechtigung
Deutsche / Migranten
Männer / Frauen etc.
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Beispiele
Ein freundliches Thema:
Außergewöhnlich und neu:
erster türkischer KleingartenVorstand
Emotional
Hoher Gesprächswert
Relativ hohe Tragweite (auch
woanders möglich?)
Beispiele
Achtung Satire: Alfons, der Fernseh-Franzose, spürt „typisch deutschen“
Eigenarten nach. Beim Besuch einer Kleingartenanlage verwickelt er einige
Kleingärtner in Gespräche, die letztlich zur Realsatire werden und ein paar
verbreitete Vorurteile bestätigen (strenge Vorschriften, nicht immer netter
Umgang miteinander). Für viele Zuschauer lustig – für die Betroffenen
vielleicht nicht immer schmeichelhaft...
Beispiele
Trend-Thema:
Passend zur Jahreszeit
Passend zu LifestyleTrend (eigenes
Gemüse, Bio-Qualität,
eigene Scholle, raus
aus der Stadt)
Hohe Tragweite - viele
zieht es ins Grüne;
Geldsparen durch
eigenen Anbau
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Zusammenfassung: Wie wird ein
Thema zum Medienthema?
Quellen journalistischer Arbeit:
Agenturmeldungen
Pressemitteilungen
Berichte anderer Zeitungen, Radio- und Fernsehprogramme und
Online-Medien
Regionale Kenntnisse und Kontakte der Reporter und Redakteure
Initiativ-Recherche (Beispiel Frühlingsbeginn: Wie bereiten sich
die Kleingärtner der Region auf die neue Saison vor?)
Gegenrecherche - Überprüfung z.B. von Pressemeldungen
(stimmt das so?)
Weiterdrehen von Themen
„Dort ist es so – wie sieht es bei uns aus?“ (Beispiel: Erster
türkischer Kleingartenvorstand in Mönchengladbach – wie
viele Türken gibt es in Berliner Kleingärten?)
Einzelfall – oder häufiges Ereignis? (Beispiel: Mord in
Kleingartenanlage - Weiterdrehen: Nachbarschaftsstreits)
Ausgangspunkt „Thema, das in der Luft liegt“ (Beispiel:
Umweltschutz - Wie ökologisch arbeiten Kleingärtner?)
Rahmenbedingungen
journalistischen Arbeitens
1. Aktualität: Was ist wirklich neu?
Da jede Sendung, jede Zeitung begrenzte Zeit, begrenzten Platz für
Geschichten hat, geht Aktualität im Zweifelsfall vor.
2. Medium:
Radio - akustisches Medium
eloquente Gesprächspartner, gute Atmo (Geräusche)
Fernsehen - visuelles Medium
eloquente Gesprächspartner, schöne oder ausdrucksstarke
Bilder, Szenen, Handlungsabläufe (Lässt sich die Geschichte
in Bildern erzählen, ohne öde zu wirken?)
Zeitung
Zeitschrift
Online-Medium
3. Inhaltliche Ausrichtung:
Nachrichten – Boulevard – Satire
Heimatverbundenheit?
4. Format (festgelegte Konzepte von Radio- und Fernsehsendungen)
5. Zeitdruck, redaktionelle Deadlines
Rahmenbedingungen
journalistischen Arbeitens
Beispiel Radio:
Entscheidend ist das Format!
Wie lang dürfen die Beiträge sein (z.B.
maximal 1:30 min) ?
Zielgruppe (junge Leute, ältere Hörer;
regional verwurzelt?; Bildungsgrad?)
Musikfarbe
Inhalte (nachrichtlich orientiert?
unterhaltungsorientiert?)
Sendeuhr
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Wie setzen Journalisten ein
Thema um?
Die wichtigsten Darstellungsformen (Teil 1)
- Nachricht
Potsdamer Neueste Nachrichten, 15.04.2008
Friedrich im Vorstand der Internationalen Kleingartenliga
Dr. sc. Achim Friedrich (71) ist in den Vorstand der Office international du Coin de Terre et de Jardins
Famillaux aufgenommen worden. Auf der Tagung der Internationalen Kleingartenliga, die Verbände aus 15
Ländern vertritt, wurde der Potsdamer Agrarwissenschaftler in Luxemburg einstimmig gewählt. Friedrich
hatte im Vorjahr die Präsidentschaft des Bundes Deutscher Gartenfreunde (BDG) übernommen. Er ist der
erste BDG-Präsident mit ostdeutscher Biografie. eh
- Bericht
(„Zwillingsbruder der Nachricht, aber größer geraten und auch
schon ein wenig reifer“), mehr Hintergrund, mehr Einordnung
- Reportage
(„Kino im Kopf“ - subjektivere Schilderung eines Ereignisses
mit vielen sinnlichen Eindrücken; in der Regel EIN Protagonist)
Bei Radio und Fernsehen gibt es die sogenannten gebauten Reportagen –
diese werden im Studio produziert, nachdem der Reporter Töne bzw. Film
mitgebracht hat.
Und es gibt Live-Reportagen, die vom Radio-Ü-Wagen bzw. dem FernsehÜbertragungswagen aus direkt live über den Sender gehen.
Wie setzen Journalisten ein
Thema um?
Die wichtigsten Darstellungsformen, Teil 2
- Kommentar
(meinungsbetonte Darstellungsform, argumentativ-sachlich)
- Glosse
(meinungsbetonte Darstellungsform, die pointiert, oft satirisch oder
polemisch daher kommt)
- Dokumentation / Feature (erklärende und erzählende, meist längere
Darstellungsform mit vielen Quellen, Zitaten, Hintergründen)
- Doku-Soap / Reality-Soap
(Radio- bzw. TV-Serie mit
Reportagecharakter, die meist ein emotionales Thema anhand zuvor gecasteter
„echter“ Protagonisten beleuchtet)
Wie kommen BDG-Themen in
die Medien?
Immer an den Informationswert denken!
Was ist bei uns wirklich neu – und auch für andere wichtig?
Was trifft ein gerade aktuelles gesellschaftliches Oberthema?
Was macht betroffen? / Was betrifft viele in unserer Region?
Service- und Ratgeberthemen vorschlagen!
Kontakte zu Service-Redaktionen pflegen
Eigene Experten empfehlen (damit die Redaktion im
aktuellen Produktionsdruck Sie als erstes auf der Liste hat)
Bekannte Journalisten auf bevorstehende Termine
hinweisen
Saisonal denken – auch was Veröffentlichungswert angeht
Journalistisch denken - aktiv Themen setzen!
Eigene Aktionen planen: z.B. „Singvogelzählung in unserer
Kleingartenkolonie“; „Lehrgarten für Grundschulkinder
einrichten“; „Promi-Koch einladen für die Kür des besten
Gemüseauflaufs“...
Eigene Pressemeldungen müssen mit dem Highlight beginnen
und neugierig machen
„Höher, schneller, weiter!“, z.B.:
Kleingartenanlage mit den meisten Kindern
Erste Kleingärten mit bio-dynamischem Anbau
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Fazit
Tragweite /
Bedeutsamkeit
Das NochNoch-NieNie-Dagewesene
Aktualitä
Aktualität
Prä
Präsenz in den Medien
Illustration
gesellschaftlicher
Realitä
Realität
Emotionalitä
Emotionalität
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Neue Erkenntnisse, die
vielen helfen
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