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1 Der Schleier der Alltäglichkeit oder: Wie ist Fallverstehen möglich

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Der Schleier der Alltäglichkeit oder: Wie ist Fallverstehen möglich?
von Wolfgang Wahl
Von Alltags- bzw. Lebensweltorientierung ist in der Sozialen Arbeit viel die Rede. Bei
genauerem Hinsehen wird darunter allerdings häufig ganz Unterschiedliches verstanden. Die Begriffe werden als kritisches Konzept Sozialer Arbeit, als Leitlinien moralischer Orientierung sozialarbeiterischen Handelns, als Strukturmerkmale von Sozialen
Diensten oder auch als Qualitätskriterium sozialpolitischer und sozialraumorientierter
Organisationsprinzipien verhandelt. Vielfach dient die Formel „Alltags- und Lebensweltorientierung“ jedoch der Selbstverständigung der Sozialen Arbeit; ihr kommt
auch und vor allem eine identitätsstiftende Funktion zu.
Als Handlungsmaxime praxisorientierter Sozialer Arbeit steht hinter den Begriffen die
Intention, möglichst Nahe an der alltäglichen Lebenswelt, d.h. an der Wirklichkeit der
Adressaten zu stehen. In dem folgenden Kurzbeitrag geht es darum aufzuzeigen,
dass die Forderung an die SozialarbeiterInnen, die alltägliche Lebenswelt ihrer KlientInnen zu deuten und zu verstehen1, nicht so einfach umzusetzen ist. Verstehen der
alltäglichen Lebenswelt von KlientInnen ist ein paradoxes Unterfangen. Es geht zunächst darum, Alltag zu rekonstruieren. Anhand eines literarischen Beispiels soll verdeutlicht werden, dass es einer spezifischen Deutungskompetenz bedarf, um hinter
die Schleier der Alltäglichkeit zu blicken. Alltag ist kommunikativ verfasst. Um die
Ursachen scheiternder Kommunikation zu entschlüsseln ist von Seiten der Professionellen neben Können und Aufmerksamkeit ein Vertrauensvorschuss gegenüber
dem/der KlientenIn notwendig, um einen Kommunikationsprozess überhaupt in Gang
zu setzten.
1.
John
„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen
Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums
1
Diese Forderung steht auf dem Boden einer handlungstheoretischen Begründung der Sozialwissenschaft, die „soziales Handeln deutend versteht und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen
ursächlich erklären will“ (Weber 1956, 1).
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reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der
Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er
geeignet wie kein anders Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. (...)
Dem Spiel konnte John nicht folgen, also nicht Schiedsrichter sein. Er sah nicht genau, wann der Ball die Erde berührte. Er wußte nicht, ob es wirklich der Ball war,
was gerade einer fing, oder ob der, bei dem er landete, ihn fing oder nur die Hände
hinhielt. Er beobachtete Tom Barker. Wie ging denn das Fangen? Wenn Tom den
Ball längst nicht mehr hatte, wußte John: das Entscheidende hatte er wieder nicht
gesehen. Fangen, das würde nie einer besser können als Tom, der sah alles in einer
Sekunde und bewegte sich ganz ohne Stocken, fehlerlos. (...)
»Tranfunzel«, hörte John sagen. Tom Barker stand vor ihm, beobachtete ihn durch
halbgeschlossene Augen und zeigte die Zähne. »Laß ihn!« rief der kleine Sherard
dem schnellen Tom zu, »der kann doch nicht wütend werden!« Aber das wollte Tom
eben herausfinden. John hielt die Schnur wie zuvor und sah Tom ratlos ins Auge.
Der redete nun mehrere Sätze, so rasch, daß kein Wort zu verstehen war. »Verstehe
nicht«, sagte John. Tom deutete auf Johns Ohr, und weil er schon so nahe dran war,
packte er es und zog am Ohrläppchen. »Was soll ich?« fragte John. Wieder viele
Worte. Dann war Tom weg, John versuchte sich umzudrehen, obwohl in jemand
festhielt. »Laß doch die Schnur los!« rief Sherard. »Ist der blöd!« schrien die anderen. Jetzt traf der schwere Ball gegen Johns Kniekehlen. Er fiel um wie eine zu steil
gestellte Leiter, erst langsam und dann mit Wucht. Von der Hüfte und vom Ellenbogen her breitete sich Schmerz aus“ (Nadolny 1987, 9, 14).
Das Ballspiel der Kinder ist zu Ende. Der zehnjährige John, Hauptfigur in Stan Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“, hält trotz der Hänseleien und massiven Bedrängungen von Seiten Tom Barkers weiterhin unverdrossen die Schnur in die
Höhe, die den Kindern zuvor als Netz diente. Die Eigenart seines verlangsamten
Wahrnehmungsvermögens hindert John daran zu realisieren, dass er als Schnurhalter
nicht mehr gebraucht wird. Diese Langsamkeit im Wahrnehmen und Handeln und die
damit verbundene stoische Beharrlichkeit ist es, durch die sich Tom Barker provoziert
und zur Demonstration seiner Überlegenheit veranlasst fühlt. Im weiteren Verlauf der
Auseinandersetzung gelangen die Kontrahenten in eine Rangelei, die damit endet,
dass Tom dem unbeholfenen John einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Blutver-
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schmiert, mit zerrissenem Hemd und einem fehlendem Zahn trottet John nach Hause.
„Das mußte den Vater kränken. »Deiner Mutter das anzutun!« hörte John, und dann
kamen schon die Prügel. »Tut weh!« stellte John fest, denn der Vater mußte ja wissen, ob seine Anstrengungen Erfolg hatten. Der Vater meinte, er müsse seinen
Jüngsten ordentlich verdreschen, damit er aufwache. Wer nicht kämpfen und sich
nicht ernähren konnte, fiel der Gemeinde zur Last, das sah man an Sherards Eltern,
und die waren nicht einmal langsam“ (Nadolny 1987, 16).
Die Einblicke, die uns Stan Nadolny hier in die Alltagswelt des John Franklin gewährt,
geben ein minutiöses Bild des Protagonisten wieder. Der Zehnjährige lebt im Jahr
1796 in Spilsby, einem kleinen mittelenglischen Dorf unweit der Ostküste. Die Dörfler
leben von Schafzucht, Ackerbau, aber auch von Seefahrt, Jagd, Handwerk und Kleingewerbe. Der Vater, ein rechtschaffener Bürger des Dorfes, möchte auf jeden Fall
vermeiden, dass sein Sohn zum Träumer oder Nichtsnutz wird und ergreift entsprechend drakonische Erziehungsmaßnahmen.
Auch wenn er es nicht zu artikulieren vermag, so empfindet John dennoch seine Andersartigkeit. Er spürt auch ganz deutlich die damit verbundenen Defizite und Benachteiligungen. Obgleich er sich redlich darum bemüht so zu sein wie Tom, den er
insgeheim ob seiner Schnelligkeit bewundert, bekommt er immer wieder drastisch
seine Grenzen zu spüren. Die mangelnde Schnelligkeit seiner Denk- und Wahrnehmungsweisen lassen den jungen Franklin immer wieder an der unerbittlichen Realität
scheitern.
Freilich steht diesem offenbaren Unvermögen eine außergewöhnliche Hartnäckigkeit
des Willens und Konsequenz des Handelns gegenüber. Angesichts seines desillusionierenden Alltags und seines beständigen Scheiterns verzweifelt John keinesfalls. Mit
stoisch erscheinender Gelassenheit lässt er die Hänseleien und Prügelstrafen über
sich ergehen. Wie gelingt es ihm, die Demütigungen zu ertragen ohne zu verzweifeln? John fasst den Entschluss, Seefahrer zu werden. Er möchte seine alltäglichen,
beengten Verhältnissen hinter sich lassen und in eine andere, freiere, offenere Welt
fliehen. Freilich gelingt dieser Plan nicht auf Anhieb. Mehrere Versuche, aus dem
trostlosen und erniedrigenden Alltag auszubrechen und auf Schiffen anzuheuern,
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scheitern. Trotz zahlreicher Rückschläge und Enttäuschungen und gegen den Widerstand seines Vaters setzt sich John aber letztlich durch.
Der englische Seefahrer und Entdecker John Franklin (1786 bis 1847) hat wirklich
gelebt. Die im Roman geschilderten Ereignisse sind weitgehend authentisch. Allerdings entspringen die oben zitierten Passagen und das darin enthaltene Portrait des
jungen John einer fiktiven Komponente in Nadolnys Darstellung. Das Interesse des
Erzählers richtet sich nicht auf die exakte Schilderung der historischen Ereignisse. Im
Zentrum steht vielmehr die allmähliche und schrittweise Entwicklung der Hauptfigur
vom benachteiligten Kind hin zum hellsichtigen und erfolgreichen Seefahrer. John
Franklin scheint – schon für die damalige Zeit – als zu langsam. Er genügt den von
außen an ihn herangetragenen Anforderungen nicht, sei’s im Kinderspiel, sei’s in den
alltäglich-praktischen Verrichtungen. Allerdings entzieht er sich immer wieder den
Disziplinierungsversuchen seines Umfeldes oder aber lässt sie stoisch über sich ergehen. Ihm gelingt es fallweise immer wieder, sich gegen Geschwindigkeit und Beschleunigung der Zeit zu behaupten und seiner Eigenart treu zu bleiben. Später sollte
sich, in den Extremsituationen auf seinen zahlreichen Forschungsexpeditionen, gerade die Positivität der Franklinschen Langsamkeit offenbaren. Vor allem in prekären
Notsituationen verwandelt sich der scheinbare Nachteil der Langsamkeit in einen
Vorzug, der sich letztlich für viele Seeleute auf seinem Schiff als lebensrettend erweisen wird. John entwickelt sich – entgegen allen Erwartungen - zum Held. Nadolnys
Hauptfigur wird so zum Protagonisten einer subtilen Zivilisationskritik. Gegen die fatale Beschleunigung der beginnenden Moderne stellt Nadolny das Verfahren der
langsam-umsichtigen Urteilsfindung. Langsamkeit zeigt sich so als zutiefst humane
und soziale menschliche Eigenschaft.
Mir geht es an dieser Stelle jedoch weniger um diese spezielle zivilisationskritische
Akzentuierung in Nadolnys Roman. Auch wollen wir von der fiktionalen Komponente
im Portrait des englischen Seefahrers und Entdeckers einmal absehen. Im Zusammenhang mit den Themen Alltag und Lebenswelt scheinen mir vielmehr drei Aspekte
von besonderer Bedeutsamkeit, die, wie ich meine, in besonders eindrücklicher Weise in den zitierten Passagen zum Ausdruck kommen.
5
2.
Alltag – Perspektivität und Vieldeutigkeit
Wenden wir zunächst den Blick darauf, wie uns Johns Alltag vom Autor hier präsentiert wird. Eine ganz alltägliche, eigentlich banale Situation, die sich so oder ähnlich
tausendfach auch anderswo und andernorts abgespielt haben könnte. Rekapitulieren
wir kurz: Ball spielende Kinder - das Spiel ist aus - zwei Buben streiten sich - geraten
aneinander, raufen miteinander. Der Stärkere verpasst dem Schwächeren Schläge.
Irgendwann lässt er schließlich von ihm ab. Der Unterlegene trottet nach Hause und
erhält dort, zu allem Überfluss, noch einmal Schläge von seinem Vater. In der Tat
eine durch und durch alltägliche Situation. Und deshalb eigentlich nichts Besonderes.
Dennoch ist es kein Zufall, dass uns Nadolny diese Szene als Einstieg in den Roman
präsentiert. Diese alltägliche Begebenheit entpuppt sich – trotz ihrer scheinbaren Banalität – als weit mehr denn nur eine beliebige, wahllos herausgegriffene Alltagssituation. Durch sie hindurch macht uns der Autor Stan Nadolny – natürlich mit Hilfe aller
Stilmittel schriftstellerischer Kunst – etwas sichtbar. Er öffnet uns, gleichsam durch
das Fenster alltäglicher Banalität, den Blick auf eine Dimension, die hinter und unter
der Oberfläche liegt, sie grundiert. Die Szene steht für mehr. Sie besitzt gewissermaßen eine Tiefenstruktur. Die knapp skizzierte Schilderung der ballspielenden Kinder
steht exemplarisch für die Lebenssituation des zehnjährigen John insgesamt. Sie
kann als Metapher stellvertretend für dessen lebensweltliche Bezüge und Verhältnisse genommen werden. Durch sie hindurch wird perspektivisch Johns Lebenswirklichkeit sichtbar. Der Zusammenhang, die Rollen und die Bedeutung der handelnden
Figuren werden so mit einem Schlag offenbar. Die Szene der ballspielenden Kinder
fungiert quasi als Schlüsselloch, durch das hindurch Einsichten in die Gesamtverhältnisse möglich werden.
Die Frage, um die es mir dabei in diesem Zusammenhang geht ist die: „Wie ist es für
die Sozialarbeiterin bzw. den Sozialarbeiter in der Arbeit mit KlientInnen möglich,
hinter den Schleier der Alltäglichkeit zu blicken?“ oder, anders gefragt: „Wie ist es
möglich, im und durch den Alltag eines Menschen mit all’ seinen Banalitäten, Verstrickungen, seinen Sorgen und Nöten, seinen Ressourcen und Perspektiven sichtbar
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und verstehbar zu machen?“ Können wir hier vielleicht etwas von dem Romancier
lernen?
Sozialarbeiterisches Handeln, das dürfte unstrittig sein, erfordert vor jeder Intervention, vor jeder Bedarfsermittlung und Hilfeplanung eine Phase der Beobachtung,
Hypothesenbildung, der Analyse, des Verstehens und der Interpretation. Nun wissen
wir aber genauso gut, dass es im alltäglichen Geschäft der Sozialarbeit kaum möglich
ist, intensiv, umfassend und mit ausgefeilter wissenschaftlicher Methodik Einzelfallanalyse zu betreiben. Der/dem SozialarbeiterIn stehen keine unbeschränkten zeitlichen und materiellen Ressourcen zur Verfügung, um jeden „Fall“ umfassend zu erheben. Umso mehr kommt es meines Erachtens dabei darauf an, solche „Schlüssellöcher“ zu finden, die den Blick freigeben – gleichsam hinter den Schleier der Alltäglichkeit – auf die lebensweltlichen Gesamtverhältnisse einer Person. Wie lassen sich
aber solche „Schlüssellöcher“ finden? Ist es Zufall, Geschick oder Können, das den
Interessierten an solchen Schlüsselszenen teilhaben lässt? Ist es vielleicht sogar für
einen Beobachter, der sich nicht in der privilegierten Position eines allwissenden Romanautors befindet ganz und gar unmöglich, solche Einblicke in den Alltag der Beteiligten zu erhaschen?
Den professionellen HelferInnen steht die Alltagswelt der Betroffenen nicht als etwas
Fertiges und Festgefügtes gegenüber. Die Probleme, Nöte, Erlebnisweisen und Erfahrungen eines Menschen begegnen uns vielmehr in Form von perspektivischen Aus-
schnitten und Bruchstücken, die wir Kraft unserer Erfahrung, unseres Wissens und
unseres „Einfühlungsvermögens“ integrieren und zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Dies ist in gewisser Weise durchaus der Tätigkeit eines Schriftstellers vergleichbar. Wie dieser sind wir gezwungen, unser Bild aus Sentenzen und Splittern zusammenzusetzen. Freilich mit dem Unterschied, dass der Stoff, aus dem unsere Geschichten sind, den realen, gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen entspringt. Damit kein Missverständnis entsteht: SozialarbeiterInnen bzw. SozialpädagogInnen sind keine – im pejorativen Sinne des Wortes - Geschichtenerzähler. Dennoch
sind sie in ihrer Arbeit des Fallverstehens dazu gezwungen, aus den alltäglichen Erzählungen, Schilderungen und Ereignissen der KlientInnen neue Erzählungen zu formen. Und dies ist in jedem Fall ein Akt der Rekonstruktion. Sozialarbeiterisches Fallverstehen erfordert eine unablässige und unabschließbare Auswahl, Bewertung und
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Interpretation von Erlebnissen und Ereignissen, anhand derer eine Rekonstruktion
der Bewältigungsprobleme von KlientInnen erfolgen.
Es geht mir also hier darum, den Vorgang der Rekonstruktion durch die bzw. den
Professionelle/n sichtbar zu machen. Diese Rekonstruktion ist zugleich aber auch ein
Vorgang der Neu-Konstruktion. Die Handlungen, der Alltag des Akteurs ist nichts Objektives, Feststellbares. Alltag und Lebenswelt sind kommunikativ verfasst und wurzeln in den unterschiedlichen perspektivischen Sichtweisen der Betroffenen. Nun ist
es aber umgekehrt auch nicht so, dass der Beobachter einer chaotischen Vielfalt von
Handlungen und Situationen gegenüber steht, aus der er quasi beliebig auswählen
könnte. Die Handlungen der Akteure, ihre Motive und Verhaltensweisen folgen
durchaus gewissen Motiven und Strukturen. Alltag ist ja geradezu gekennzeichnet
durch Routine, Konformität, Regelmäßigkeit. Nadolny gelingt es in der eingangs zitierten Passage, eine Alltagssituation heraus zu präparieren, die
- trotz ihrer
Ausschnitthaftigkeit – in gewisser Hinsicht als typisch bezeichnet und stellvertretend
für Johns Lebenssituation insgesamt genommen werden kann. Hinter dem Schleier
der Alltäglichkeit offenbaren sich so kontinuierliche und relativ stabile Verhaltensund Wahrnehmungsstrukturen der Akteure.
3.
Psychisches System – soziales System
Die Arbeit der Rekonstruktion von Lebenswelt erfordert also eine Bezugnahme auf
konkrete Alltagssituationen. Jedoch reicht es nicht aus, solche typischen Alltagssituationen ausfindig zu machen. Die Situation selbst muss noch einmal perspektivisch
aufgeschlüsselt werden.
Denn zunächst sehe ich mich als Beobachter Personen und deren Handlungen gegenüber, deren Bedeutung sich mir nicht ohne weiteres erschließt. Warum hält John
die Schnur? Warum schlägt Tom John? Welche Rolle hat Sherard inne? Um diese
Fragen schlüssig beantworten zu können, bedient sich Stan Nadolny in seinem Roman in den eingangs zitierten Passagen einer Doppelstrategie. Auf geschickte Weise
kombiniert er zwei gegenläufige Perspektiven und verschmilzt sie zu einem schlüssigen Gesamtbild. Nadolny wechselt von der Erzählposition des neutralen, distanzier-
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ten Beobachters mühelos in die Innenperspektive von Johns Wahrnehmungswelt.
Freilich schöpft hierbei der Romanerzähler seine Möglichkeiten voll aus. Ihm gelingt
es so ohne Brüche und in aller Kürze ein konzises Bild des Protagonisten zu zeichnen.
Die Welt der „äußeren“ Ereignisse und die Welt der „inneren“ Erlebnisse, Phantasien
und Tagträume werden so zur Deckung gebracht. Die neutrale Beobachterposition
des Erzählers gibt die Ereigniswelt wieder, durch Introspektion wird die Erlebniswelt
der Hauptfigur John Franklin offengelegt und verstehbar gemacht. Der Leser hat die
Möglichkeit – und dies ist ja gerade eine der zentralen Intentionen des Romans – die
Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen des Zehnjährigen als sinnvoll und in
sich stimmig nachzuvollziehen. Dem Leser wird die Chance geboten, sich in die Figur
John Franklin hineinzuversetzen um so aus dessen Perspektive die Welt - gleichsam
im verlangsamten Tempo - neu und anders zu erleben. Gleichzeitig zeichnet uns
Nadolny ein differenziertes Bild der sozialen und ökonomischen Lage der Romanfiguren. Beide Blickwinkel – Außensicht und Innensicht - ergänzen sich zu einem schlüssigen Gesamtbild von dem wir annehmen können, dass es die Lebenswelt der Romanfigur pars pro toto wiedergibt.
Was hier als legitimes schriftstellerisches Stilmittel sichtbar wird, eben der Wechsel
der Erzählperspektive von Außensicht und Innensicht, lässt sich durchaus auch in
sozialwissenschaftlichen Kategorien beschreiben und – so meine Intention – möglicherweise gewinnbringend für sozialarbeiterisches Fallverstehen anwenden. Die
„Ganzheitlichkeit“ der Nadolny’schen Problemskizze ist das Produkt dieser Doppelper-
spektive. Es werden – in Hegelscher Terminologie gesprochen – Sein und Bewusstsein gleichermaßen berücksichtigt. Das Sein, also die historisch-sozioökonomischen
Rahmenbedingungen der Akteure, deren Lebenslagen gleichermaßen wie das Bewusstsein, die Denk- Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen ergänzen sich dialektisch und fügen sich zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen. In Begrifflichkeit
Niklas Luhmanns gesprochen: Der Fokus der Perspektive pendelt zwischen psychischem System und sozialem System hin und her. Genau dieser Wechsel der Perspektiven und deren gegenseitige Ergänzung ist es, mit deren Hilfe uns der Romanautor
sowohl das Handeln der Hauptfigur wie auch das der anderen Akteure jeweils aus
deren Sicht verstehbar und nachvollziehbar macht. John als der unbeholfene, fast
autistisch wirkende, aber dennoch um Kontakt bemühte Junge; Tom Barker als der
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überlegene Anführer der Gruppe, jederzeit in der Lage, seine Schnelligkeit, Stärke
und die damit verbundene Machtposition an Schwächeren zu demonstrieren und
schließlich Sherard als der Anteil nehmende und um Ausgleich Bemühte, der gleichwohl gegen die Machtposition Tom Barkers nichts auszurichten vermag.
Was für mich die eingangs zitierte Passage so eindrucksvoll macht ist die Art und
Weise, wie das Scheitern von Kommunikation sichtbar und nachvollziehbar gemacht
wird. Um dies zu erläutern möchte ich die oben gemachte Unterscheidung zwischen
psychischem und sozialem System verdeutlichen. Während soziale Systeme auf
Kommunikation beruhen, sind psychische Systeme ganz in ihre Wahrnehmung eingeschlossen. Ihnen fehlt gewissermaßen die Anschlussfähigkeit an Wahrnehmungen
anderer psychischer Systeme. „Wahrnehmung bleibt“, so drückt es Niklas Luhmann
aus, „zunächst ein psychisches Ereignis ohne kommunikative Existenz. Sie ist innerhalb des kommunikativen Geschehens nicht ohne weiteres anschlussfähig. Man kann
das, was ein anderer wahrgenommen hat, nicht bestätigen und nicht widerlegen,
nicht befragen und nicht beantworten. Es bleibt im Bewusstsein verschlossen und für
das Kommunikationssystem ebenso wie für jedes andere Bewusstsein intransparent.
Es kann natürlich ein externer Anlass werden für eine folgende Kommunikation. Beteiligte können ihre eigenen Wahrnehmungen und die damit verbundenen Situationsdeutungen in die Kommunikation einbringen; aber dies nur nach den Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, zum Beispiel nur in Sprachform, nur
durch Inanspruchnahme von Redezeit, nur durch ein Sichaufdrängen, Sichsichtbarmachen, Sichexponieren – also nur unter entmutigend schweren Bedingungen.“2
Hürden der Kommunikation, die für den Zehnjährigen John Franklin unüberwindbar
sind. Ihm gelingt es nicht, seine Wahrnehmungen anschlussfähig zu machen und in
eine kommunizierbare Form zu transformieren. Was bleibt, ist ein unüberbrückbarer
Hiatus, den John aus eigenen Kräften und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu überschreiten vermag. Zwar springt der kleine Sherard in die Bresche
und versucht auf redliche Weise, diese Kluft zu schließen, er kann sich jedoch nicht
gegenüber dem mächtigeren und unverständigen Tom durchsetzen. Das zerrissene
Hemd und der fehlende Zahn dokumentieren auf drastische Weise das Scheitern von
2
Luhmann, Niklas 2001: Was ist Kommunikation?, in: Ders. 2001:Aufsätze und Reden, Stuttgart 94110.
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Kommunikation. Dabei wird die Schuld an diesem Misslingen John angerechnet, was
schließlich ein neuerliches Scheitern von Kommunikation zur Folge hat. Die misslin-
gende Überbrückung von psychischem und sozialem System und die damit einhergehende misslingende Kommunikation ist es also, die sich letztlich für John zu einer
existenziellen Krise auswächst. Ihm bleibt in dieser Situation letztlich nur ein einziger
Ausweg: Flucht.
Freilich gelingt ihm dies nicht auf Anhieb und ohne Widerstände. Der erste Versuch
zu fliehen und auf einem Schiff anzuheuern scheitert kläglich. Trotz aller Rückschläge
gelingt es John schlussendlich, seinen innersten Wunsch zu erfüllen. Er entflieht der
dörflichen Enge und wird Seemann. Allerdings: ohne Hilfe von außen wäre ihm dies
kaum möglich gewesen.
4.
Dr. Orme
John findet schließlich – und damit sind wir beim dritten Aspekt, der für unser Thema
von Relevanz ist – in dem Schullehrer Dr. Orme einen ihm wohlgesonnenen Fürsprecher. Im Gegensatz zu seinem Umfeld erkennt dieser Johns Qualitäten und Fähigkeiten, die sich hinter dessen Langsamkeit verbergen. Er hatte Johns Bücher und
Schreibhefte eingesehen, worin seine selbständigen und intensiven Bemühungen
sichtbar werden, sich die Grundlagen der Schiffahrtskunst anzueignen. In seinen einsamen Stunden liest John Bücher, lernt Trigonometrie, Navigation und Schifffahrtszeichen und dokumentiert damit die Ernsthaftigkeit seines Willens, Seefahrer zu werden.
Dr. Orme verkörpert gewissermaßen die Rolle des Professionellen. Durch Beobachtung, gezielte Recherche und ein intensives Gespräch mit John verschafft er sich einen Zugang zu Johns Denk-, Wahrnehmungs- und Empfindungswelt. Man kann also
sagen: Dr. Orme versteht John. Im Verstehen erkennt er gleichzeitig Johns’ verborgene Ressourcen, die bis dato gleichsam stumm hinter der Fassade der Langsamkeit
verborgen lagen. Ohne dieses Verständnis und die daraus erwachsene Beihilfe seines
Lehrers wäre es für John womöglich nie gelungen, der Verschlossenheit seiner
Wahrnehmungswelt zu entrinnen. Dies wirft m. E. ein bezeichnendes Licht auf die
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Rolle der Professionellen, ihre Möglichkeiten, ihre Aufgaben aber auch auf ihre Grenzen.
Zunächst: „Verstehen“ ist eine zentrale Kategorie sozialarbeiterischer Praxis wie sozialarbeitswissenschaftlicher Theorie. Ein Zugang zur Eigenwelt von KlientInnen
scheint mir ohne Verstehen kaum möglich. Damit es dazu aber überhaupt kommen
kann, müssen zuvorderst bestimmte Voraussetzungen von Seiten der Professionellen
erfüllt sein. Denn auch zwischen der professionellen Sozialarbeiterin und ihrem Klienten besteht ein Hiatus, der nicht ohne weiteres überbrückt werden kann. Ja eigentlich mehr noch als zwischen Gleichaltrigen ist eine professionelle Arbeitsbeziehung
wie das Lehrer-Schüler-Verhältnis eine Beziehung, die durch konstitutionelle Fremd-
heit gekennzeichnet ist. Nicht nur, weil die Professionelle einen ungleich größeren
Wissensstand hat als der betroffene Klient sondern auch, weil sie oftmals einer anderen soziokulturellen Schicht mit entsprechend unterschiedlichen Problemlagen angehört. Wie also ist hier ein Fallverstehen überhaupt möglich? Wie überwindet Dr. Orme diese Fremdheit?
Ein Zugang zum psychischen System, zu der Denk- und Wahrnehmungswelt Johns,
so zeigt sich hier, ist nur möglich durch einen entsprechenden Vertrauensvorschuss
Dr. Ormes. Ohne diese – zunächst ungedeckte – Investition in die Fähigkeiten und
Möglichkeiten des Klienten wäre ein Zugang und damit auch ein Verstehen der Problemlage gar nicht möglich. Fritz Schütze drückt diese Einsicht folgendermaßen aus:
„Zwischen den Interaktionsparteien kann die wechselseitige prinzipielle Fremdheit
der Handlungsrelevanzen und Interaktionsstandpunkte – Interaktionspartner ego
kann seine Identität und Wahrnehmungsperspektivität nicht mit der von Interaktionspartner alter verschmelzen und umgekehrt – nur durch wechselseitige Vertrauensvorschüsse überwunden werden“ (Schütze 1996, 208). Freilich stehen, darauf
weist Schütze ausdrücklich hin, diese Vertrauensvorschüsse in einem paradoxen
Konkurrenzverhältnis zum Realitätsprinzip, das in die entgegengesetzte Richtung dafür sorgt, dass nicht illusionäre selbstverschleiernde Wahrnehmungen die Oberhand
gewinnen. Genau dieser Vertrauensvorschuss ist es, der den Blick des Professionellen
hinter den Schleier der Alltäglichkeit möglich macht. Vertrauen überwindet vereinfachende Perspektiven und Stigmatisierungen. Sie öffnet Kommunikationswege und
kann auf diese Weise die Basis für die Dekonstruktion alltäglich-banaler Interpretati-
12
onen bilden. Denn Rekonstruktion der Lebenswelt des Klienten ist nicht möglich ohne
Dekonstruktion überkommener Wertschätzungen.
Indem Dr. Orme Johns Vertrauen gewinnt, erhält er gleichzeitig Einblick in dessen
Wirklichkeit. Er wird ihm damit zum Helfer, Sprachrohr und Vermittler. Die Kluft, die
John aus eigener Kraft nicht zu überwinden vermag, wird so geschlossen. Dank Dr.
Ormes Unterstützung und seiner Fürsprache bei Johns Vater ist der entscheidende
Schritt hin zur Realisierung seines lang ersehnten Traums gemacht.
Literatur:
Luhmann, Niklas 2001: Was ist Kommunikation? in: Ders.: Aufsätze und Reden,
Stuttgart, 94-110.
Nadolny, Stan 1987: Die Entdeckung der Langsamkeit, München
Schütze, Fritz 1996: Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen
im Sozialwesen, in: Arno Combe (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns, Frankfurt
Weber, Max 1956: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen
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Seele and Geist
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