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Die Eingriffsregelung in der Bauleitplanung – wie wird ein

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Geoökologie
Die Eingriffsregelung in der Bauleitplanung –
wie wird ein Eingriff bewertet, welchen
Kompensationsbedarf verursacht er?
Ein Vergleich verschiedener Bewertungsverfahren zur Ermittlung von
Eingriffsstärke und Kompensationsbedarf
Das Erstellen von Eingriffs-/Ausgleichsbilanzen ist zentraler Bestandteil der Eingriffsregelung in der
Bauleitplanung und zählt zur täglichen Arbeit in der Landschaftsplanung. Doch wie lassen sich die
Auswirkungen eines Eingriffs auf Naturhaushalt und Landschaft objektiv bewerten, wie kann der
Umfang der notwendigen Kompensationsmaßnahmen exakt ermittelt werden? Da beispielsweise in
Baden-Württemberg (noch) kein landesweit eingeführtes Verfahren zur Ermittlung des Ausgleichsbedarfs existiert, wird in der Planungspraxis auf verschiedene Bewertungsverfahren zurückgegriffen.
Außer der verbal-argumentativen Vorgehensweise, der häufig angelastet wird, dass sie zu subjektiv
sei, kommen verschiedene Verfahren zur Anwendung, bei denen Eingriff und Kompensationsbedarf
nach festgelegten Regeln berechnet werden. So ergeben sich i.d.R. klar nachvollziehbare Ergebnisse.
Es drängt sich dabei jedoch die Frage auf, ob die verschiedenen Berechnungsverfahren in der Ermittlung von Eingriff und Kompensationsumfang vergleichbar sind. Oder ergibt sich möglicherweise
durch die verschiedenen Verfahren bei ein und demselben Eingriff ein ganz unterschiedlicher Kompensationsbedarf? Sind damit eventuell bestimmte Verfahren aus Sicht der Vorhabensträger eher
nachteilig, aus Sicht des Naturschutzes eher wünschenswert? Diesen Fragen sind wir, eine Gruppe
von Geoökologiestudenten unter Leitung von Karin Jehn, im Rahmen eines Workshops des Instituts
für Geographie und Geoökologie der Universität Karlsruhe nachgegangen.
Von Torsten Brauer, Sabine Dorn, Moritz Zemann, Daniel Klein und Karin Jehn
D
1. Einleitung
ie Sicherung sowohl der
Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts als auch des
Landschaftsbilds ist in der naturschutzrechtlichen Gesetzgebung der
Bundesrepublik Deutschland fest
verankert. Entsprechend sind alle
Eingriffe in den Naturhaushalt oder
das Landschaftsbild zu unterlassen,
bzw. auszugleichen, wenn der Eingriff aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder anderen Gründen
unerlässlich ist.
Als Eingriff im Sinne der Gesetzgebung gilt jede Maßnahme, welche
die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbild
46
erheblich und / oder nachhaltig
beeinträchtigen kann. Unter diese
Definition fallen beispielsweise auch
alle Neubaugebiete. Dementsprechend ist es nötig und auch gesetzlich gefordert, bei der Bauleitplanung neben der eigentlichen Bebauungsplanung zusätzlich einen Umweltbericht anzufertigen, welcher
die Problematik der Umweltbeeinflussung berücksichtigt. Allerdings
gibt es für die Anforderungen an
Umfang und Detaillierung des Umweltberichts keine klaren gesetzlichen Vorgaben, so dass in den letzten Jahren durch verschiedene Stellen Verfahren entwickelt wurden,
um die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen.
Das Ziel dieses Artikels ist es, an
einem konkreten, jedoch fiktiven
Beispiel die nach vier verschiedenen
Verfahren nötigen Kompensationsmaßnahmen zu ermitteln und einen
fallbasierten Vergleich der unterschiedlichen Anforderungen an die
Bauleitplanung bzw. den Bauträger
zu ermöglichen. Dazu wird in einer
Modelllandschaft ein Neubaugebiet
geplant und eine Eingriffs-/Ausgleichsbilanz nach den verschiedenen Verfahren erstellt. Folgende
Verfahren werden verglichen:
„Landschaftsrechtliche Eingriffs- und
Ausgleichsberechnung (Essener
Modell)“ (Ordnungsamt und Untere
Landschaftsbehörde, Stadt Essen
2006), „Bewertung der Biotoptypen
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
Geoökologie
dieser Tatsache Rechnung zu tragen,
wurde ggf. die Bewertung fehlender
Schutzgüter verbal-argumentativ
ergänzt.
Der geplante Eingriff, ein Wohnbaugebiet mit zehn Doppelhäusern,
beschränkt sich auf einen Teil
(1,1 ha) des Gebietes (s. Abb. 3).
Die Planung schließt sich an den
bestehenden östlichen Ortsrand an.
Überplant sind vor allem der Maisacker (zu 90,5%), die Brachfläche
(53,5%), die Lagerfläche (100%)
und Teile der Bachufer. Die Bauweise ist offen; um jedes Doppelhaus
sind Gärten geplant.
Abb. 1: Fotografische Ansicht des entwickelten Modellgebietes.
Baden-Württembergs zur Bestimmung des Kompensationsbedarfs in
der Eingriffsregelung“ (LfU BadenWürttemberg 2005), „Naturschutzfachliche Hinweise zur Anwendung
der Eingriffsregelung in der Bauleitplanung“ (Niedersächsisches Landesamt für Ökologie 1994), „Karlsruher Modell“ (Henz 1998).
2. Methodik
2.1 Modellerstellung
Um die Verfahren besser vergleichen
zu können, wurde ein Modell des
etwa 5,5 ha großen fiktiven Untersuchungsraums erstellt (s. Abb. 1).
Dadurch konnte auf die Datenerfassung im Gelände verzichtet und alle
Verfahren anhand desselben Landschaftsausschnittes verglichen werden.
Der Modelllandschaftsraum, der sich
im Gebiet der Oberrheinebene befinden soll, gliedert sich in sechs
größere Einheiten: eine Waldfläche
(Kiefern-Buchen-Eichenmischforst),
zwei Ackerflächen (eine extensiv
genutzte mit Rote Liste-Arten, eine
Maismonokultur), eine Streuobstwiese (extensive Nutzung), ein
Wohngebiet, eine Lager- sowie eine
Brachfläche (s. Abb. 1 und 2). Komplettiert wird der Planungsraum
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
durch einen Ost-West laufenden
Feldweg, einen Waldparkplatz sowie
ein begradigtes, Nord-Süd verlaufendes Fließgewässer. Die Uferrandstreifen sind mit Ruderalvegetation
sowie teilweise Neophyten und Hybrid-Pappeln bestanden.
2.2 Bewertung
Die ursprüngliche Landschaft (IstZustand) wurde für jedes der vier
Verfahren getrennt bewertet. Bei
einigen Verfahren werden nicht alle
Schutzgüter von Naturhaushalt und
Landschaftsbild in der quantitativen
Auswertung berücksichtigt. Um
2.3 Kompensation
Nach Umsetzung des Vorhabens im
Modell wurde für jedes der vier
Verfahren eine Neubewertung der
Modelllandschaft vorgenommen.
Wie erwartet ergab sich bei allen
Verfahren eine niedrigere Wertigkeit
im Vergleich zu der ursprünglichen
Modelllandschaft.
Die Eingriffe in das Untersuchungsgebiet machten Kompensationsmaßnahmen erforderlich, um die
entstandenen Beeinträchtigungen
auszugleichen. Damit die Vergleichbarkeit der Verfahren gewährleistet
war, wurde für die Wahl der Kompensationsmaßnahmen eine Reihenfolge festgelegt. Als erstes war das
Neubaugebiet durch die Anlage von
Abb. 2: Karte der im Modellgebiet unterschiedenen Biotoptypen.
47
Geoökologie
setzung der Kompensationsmaßnahme ermittelt. Die Differenz zwischen diesem Gesamtwert und dem
Gesamtwert vor Umsetzung der
Kompensationsmaßnahme (IstZustand) stellt den Kompensationswert der entsprechenden Biotopfläche dar. Die so errechneten Werte
aller Kompensationsmaßnahmen
müssen in ihrer Summe der Höhe
der Wertminderung entsprechen.
Abb. 3: Karte des Modellgebietes mit geplantem Neubaugebiet.
hochwertigen Hecken bzw. Feldgehölzen einzugrünen. Anschließend
waren die beiden Gewässerabschnitte und die zugehörigen Uferrandstreifen aufzuwerten. Darüber hinaus erforderliche Kompensationsmaßnahmen waren räumlich und
funktional frei wählbar.
3. Verfahren
Zur besseren Vergleichbarkeit werden die Verfahren im Folgenden so
weit wie möglich gleichartig strukturiert dargestellt.
3.1 Essener Verfahren
Konzept
Das Konzept der Grün- und Landschaftsplanung ist ein urbanes Konzept, welches eng mit der Stadtentwicklung verknüpft ist, und einen
Ausgleich im selben Stadtbezirk
ermöglicht. Die Funktionsfähigkeit
der Natur und deren Attraktivität
soll in allen Stadtteilen gefördert
werden. Nur noch in Ausnahmefällen sollen zur Kompensation neue
städtische Grünflächen angelegt
werden. Schutz, Pflege und Entwicklung von Landschaft und Natur sind
somit verstärkt in die Hände von
Bewohnern und Unternehmern vor
Ort gelegt. Somit sind Ausgleichsmaßnahmen auch auf privaten Flächen möglich.
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Vorgehensweise und
Berechnung
Die Landschaft wird in verschiedene
Biotoptypen untergliedert. Für jeden
Biotoptyp wird anhand verschiedener Kriterien der Biotopwert ermittelt, wobei jedes Kriterium anhand
einer fünfstufigen Tabelle mit Punkten bewertet wird. Zu den Kriterien
gehören: Natürlichkeit, Wiederherstellbarkeit, Gefährdungsgrad, Maturität, Struktur- und Artenvielfalt,
Häufigkeit sowie Vollkommenheit.
Durch Addition der Punkte aller
Kriterien eines Biotops wird sein
Biotopwert ermittelt. Dieser Wert
ergibt multipliziert mit der Flächengröße den Gesamtwert eines Biotops.
Durch Addition der einzelnen Gesamtwerte ergibt sich der aktuelle
Wert des Untersuchungsraums.
Nach dem baulichen Eingriff wird
der Untersuchungsraum erneut bewertet. Dieser Wert wird von dem
vor dem Eingriff gewonnenen Wert
abgezogen und stellt die Wertminderung des Planungsraumes dar. Hieraus kann der Kompensationsbedarf
abgeleitet werden, welcher durch
Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
realisiert werden muss.
Auf der Kompensationsfläche wird
dazu für einen bestimmten Biotop,
der aufgewertet werden soll, der
Gesamtwert des Biotops nach Um-
Ermittlung von Eingriffsstärke
und Kompensationsumfang
Der Gesamtwert der Modelllandschaft vor dem baulichen Eingriff
betrug 859.494 Punkte. Durch die
Baumaßnahmen entstand eine
Wertminderung von 56.120 Punkten, die durch folgende Maßnahmen
kompensiert werden konnte:
• Eingrünung des Neubaugebiets
durch Heckenpflanzungen,
• Renaturierung des Fließgewässers,
• ökologische Aufwertung der
Uferrandstreifen,
• Anlage eines Feldgehölzes.
Kritik
Eine einfache und schnelle Durchführung und Bewertung ist möglich.
Die Bildung von Biotoptypengruppen
auf Basis von Tierlebensräumen
ermöglicht die Darstellung eines
Lebensraums, der sich über verschiedene Biotope erstreckt, als eine
Einheit. Das Verfahren lässt bei der
Bewertung einen sehr großen Spielraum, da es keine mathematischen
Bewertungsvorgaben gibt. Die Methodik kann im Einzelfall durch
verbal-argumentative Ergänzungen
angepasst werden, was aber die
Objektivität beeinträchtigen kann.
Die Wahl der Kompensationsmaßnahmen an sich bleibt relativ offen.
Beispielsweise ist auch die Nutzung
erneuerbarer Energien möglich. Eine
einfache Berechnung des Kompensationsbedarfs und des Kompensationswerts auf den Ausgleichsflächen
macht das Verfahren praxistauglich.
Im Zuge der Kompensationsmaßnahmen werden relativ wenige Ausgleichsflächen benötigt. Dadurch ist
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
Geoökologie
zwar einerseits ein Ausgleich innerhalb des betroffenen Gebiets möglich. Andererseits wird damit gleichzeitig der Wert der verlorenen Biotopflächen bzw. die Eingriffsstärke
nicht sehr hoch eingestuft.
Schutz, Pflege und Entwicklung der
Natur sollen verstärkt ins tägliche
Leben eingebunden werden. Hierzu
zählen auch Schutz und Pflege des
jeweiligen Wohn- oder Gewerbeumfelds. Ausgleichsmaßnahmen sollen
verstärkt auf privaten Flächen
durchgeführt und somit in den Verantwortungsbereich des Eingriffsverursachers überführt werden.
Das Essener Modell beschränkt sich
auf das Kompartiment „Biotoptyp“
einschließlich Fauna. Auf die
Schutzgüter Boden, Wasser, Luft
und Landschaftsbild wird nicht eingegangen. Durch Bildung von Biotoptypengruppen auf Basis von Tierlebensräumen kann es zur doppelten
Bewertung von Biotoptypen kommen, da sich die Habitate verschiedener Tierarten überlagern können.
Das Verfahren ist für den urbanen
Raum ausgelegt, so dass sich eine
Übertragung auf das eher landwirtschaftlich geprägte Modellgebiet
teilweise als schwierig erweist.
3.2 Bewertung der Biotoptypen Baden-Württembergs zur
Bestimmung des Kompensationsbedarfs in der Eingriffsregelung
Konzept
Dieses Verfahren zielt auf die standardisierte Bewertung von Biotoptypen ab. Wesentliche Bewertungskriterien sind Naturnähe, die Bedeutung für gefährdete Arten sowie die
Bedeutung als Indikator für standörtliche und naturräumliche Eigenart.
Das Konzept besteht aus vier Modulen. Das wichtigste ist das Standardmodul, das auf einer 64-PunkteSkala basiert und jedem Biotop einen Grundwert zuweist. Ein FeinFORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
modul erlaubt die genauere Betrachtung der Biotopausprägung. Das
Basismodul ordnet die Biotoptypen
zur einfacheren Handhabung nur
fünf Wertstufen zu. Das Planungsmodul bewertet geplante Biotope
wiederum auf einer 64-Punkte-Skala
und bezieht sich auf die Biotopqualität in 25 Jahren.
Vorgehensweise und
Berechnung
Zur Bewertung eines konkreten
Planungsraums werden für die einzelnen Biotope die Grundwerte ermittelt. Diese werden durch Anwendung des Feinmoduls entsprechend
besonderer Ausprägungen weiter
auf- oder abgewertet. Daraus resultiert ein Biotopwert, der nun mit der
Flächengröße des entsprechenden
Biotops multipliziert wird. Es entsteht hieraus für den betrachteten
Biotop ein Bilanzwert. Die Bilanzwerte aller Biotopflächen eines Planungsraums bilden in der Summe
einen absoluten Wert für den IstZustand (Ist-Wert).
Findet auf der Fläche eine bauliche
Maßnahme statt, wird für den erwarteten Zustand nach 25 Jahren
ebenfalls eine Gesamtbilanz erstellt
(Erwartungswert).
Zur Quantifizierung der nötigen
Kompensationsmaßnahmen wird die
Differenz des Ist-Werts mit dem Erwartungswert nach Durchführung
des Bauvorhabens gebildet. Das
Ergebnis spiegelt den Kompensationsbedarf wider. Um diesen zu decken, muss im Soll-Plan eine entsprechende Aufwertung der Biotope
stattfinden, bis Soll- und Ist-Wert
den gleichen Betrag haben.
Ermittlung von Eingriffsstärke
und Kompensationsumfang
Im konkreten Projektbeispiel ergab
sich ein Gesamtwert für den Modellraum im Ist-Zustand von 761.000
Punkten. Unter Berücksichtigung
des geplanten Bauvorhabens wurde
ein Erwartungswert von 713.000
generiert. Die Differenz von 48.000
Punkten galt es nun durch folgende
Kompensationsmaßnahmen auszugleichen:
• Eingrünung des Neubaugebiets
durch Heckenpflanzungen und
Feldgehölze,
• Renaturierung des Fließgewässers,
• ökologische Aufwertung der
Uferrandstreifen,
• Dachbegrünung, Gehölzpflanzung auf den Baugrundstücken,
Anlage einer Allee im Neubaugebiet.
Kritik
Als positiv kann eine einfache Anwendung des Verfahrens angesehen
werden. Problematisch stellt sich die
freie Wahl der Kompensationsmöglichkeiten dar. Was wo und womit
kompensiert wird, spielt keine Rolle,
wodurch die Wahl der Kompensationsmaßnahmen sehr subjektiv geprägt sein kann. Funktionale Zusammenhänge zwischen Eingriff und
Kompensation können dabei leicht
auf der Strecke bleiben.
Erschwert wird die Bewertung dadurch, dass manche Biotoptypen in
verschiedenen Ausprägungen vorliegen. Zudem definiert sich ein Biotop
z.B. über seine Artenvielfalt, ein
anderer aber durch strukturelle
Aspekte. Vergleiche sind hier nur
schwer zu ziehen. Im konkreten
Beispiel ergaben sich außerdem bei
einzelnen Flächen erhebliche subjektive Bewertungsunterschiede zwischen den verschiedenen Bearbeitern, die zu teilweise enormen Unterschieden hinsichtlich des Umfangs der Kompensationsmaßnahmen führten.
Das Verfahren berücksichtigt lediglich das Schutzgut Biotoptypen.
Weitere Verfahren zur Bewertung
der anderen Schutzgüter werden
derzeit erarbeitet. Stehen diese erst
einmal zur Verfügung, sind Änderungen des Gesamtkompensationsbedarfs möglich.
49
Geoökologie
3.3 Niedersächsisches Verfahren
Konzept
Das niedersächsische Verfahren
untersucht die für das Bauvorhaben
veranschlagte Fläche unter Berücksichtigung von fünf Schutzgütern:
Arten und Lebensgemeinschaften,
Boden, Wasser, Luft sowie Landschaftsbild. Im Planungsbereich
werden die einzelnen Biotoptypen
unterschieden und räumlich erfasst.
Für jeden Biotoptyp werden die
oben genannten Schutzgüter einzeln
betrachtet und bewertet. Für jedes
Schutzgut gibt es einen Kriterienkatalog, der den Wert eines Areals in
Bezug auf das jeweilige Schutzgut
bestimmt, wobei eine Einteilung in
drei Wertstufen, von „besondere
Bedeutung“ (Wertstufe 1) über
„allgemeine Bedeutung“ (Wertstufe
2) bis zu „geringe Bedeutung“
(Wertstufe 3) vorgenommen wird.
Mit dem Abschluss des Bauvorhabens müssen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen in einem solchen
Umfang erfolgt sein, dass der auf
der bebauten Fläche eingetretene
Wertverlust für jedes Schutzgut auf
anderen Flächen durch Aufwertung
kompensiert worden ist. Dabei kann
eine Kompensationsmaßnahme
durchaus für verschiedene Schutzgüter wirksam sein. Eine nötige
Kompensation eines Schutzguts
kann aber in keinem Fall durch eine
Überkompensierung eines anderen
Schutzguts obsolet werden. Ein
Sonderfall ist die Kompensation für
die Beeinträchtigung des Schutzguts
Boden durch Versiegelung. Die hierfür benötigten Flächen dürfen nicht
zur Kompensation für das Schutzgut
Arten und Lebensgemeinschaften
angerechnet werden.
Vorgehen
Nach der vorläufigen Planung des
Bauvorhabens sind die Änderungen
der Flächennutzung im Bereich der
einzelnen Biotoptypen quantitativ zu
ermitteln und die damit einhergehenden Minderungen der Wertstufen
50
der einzelnen Schutzgüter zu
bestimmen. Nach dem Vermeidungsgebot sind der Wertverlust des
Naturhaushalts und des Landschaftsbilds durch angepasste Planung und
modifizierte Bauweise zu minimieren. Nicht zu vermeidende Beeinträchtigungen im Bauplanungsgebiet
müssen durch Aufwertung anderer
Flächen kompensiert werden, wobei
die Größe der aufzuwertenden Fläche nach dem Umfang der Wertminderung gewichtet wird. Beispielsweise kann bei einer Verringerung der Bedeutung von Wertstufe 1
auf 3 auf einer Fläche die Kompensation durch Verbesserung von
Wertstufe 3 auf 1 auf gleich großer
Fläche oder von Wertstufe 2 auf 1
auf der doppelten Flächengröße
erreicht werden. Eine Fläche mit
Ausgangswertstufe 1 muss durch
Erreichen der Wertstufe 1 auf anderer Fläche kompensiert werden.
Vorrangiges Ziel der Kompensationsmaßnahmen ist es, die betroffenen Biotoptypen auf alternativen
Flächen zeitnah mit gleicher Naturnähestufe wieder herzustellen. Ist
dieses Ziel nicht zu erreichen, weil
betroffene Biotoptypen zeitnah nicht
wiederhergestellt werden können,
sind Ersatzbiotope zu entwickeln,
die in ihrer Ausprägung den zu ersetzenden Biotopen möglichst nahe
kommen.
Ermittlung der Eingriffsstärke
Die Betrachtung der nötigen Kompensationsmaßnahmen erfolgte
schutzgutbezogen. In jedem Fall
wurden vermeidbare Beeinträchtigungen vermieden; für die einzelnen
Schutzgüter waren zusätzliche Vorkehrungen zur Vermeidung von
Beeinträchtigungen zu treffen und
auf folgenden Flächen Kompensationsmaßnahmen umzusetzen:
Arten und Lebensgemeinschaften:
Aufwertung von 3.183 m2 um eine
Wertstufe.
Boden: Begrenzung der Bodenversiegelung durch flächensparendes
Bauen und Verwendung wasserdurchlässiger Oberflächenbeläge,
Flächenentsiegelung; zusätzlich
Aufwertung von 934 m2 um eine
Wertstufe.
Wasser: Begrenzung der Bodenversiegelung durch Verwendung wasserdurchlässiger Oberflächenbeläge,
Auffangen des Niederschlagswassers
in naturnah gestalteten Wasserrückhaltungen im Baugebiet, Versickerung in Mulden-Rigolen-Systemen;
zusätzlich Aufwertung von 5.010 m2
um eine Wertstufe.
Luft: Aufwertung von 2.593 m2 um
eine Wertstufe.
Landschaftsbild: Naturraum- und
standortangepasste Bauformen,
Eingrünung und Durchgrünung des
Baugebietes mit standortheimischen
Laubgehölzen. Weitere Vermeidungseffekte waren im Rahmen der
Kompensationsmaßnahmen für die
anderen Schutzgüter zu erzielen, so
dass keine gesonderten Ausgleichsmaßnahmen mehr erforderlich waren.
Ermittlung des
Kompensationsumfangs
Für die verschiedenen Schutzgüter
waren die folgenden Kompensationsmaßnahmen durchzuführen:
Arten und Lebensgemeinschaften:
• Anlage einer Feldhecke zur Eingrünung des Baugebiets,
• Renaturierung des Fließgewässers,
• ökologische Aufwertung der
Uferrandstreifen,
• Gehölzpflanzungen auf Baugrundstücken.
Boden:
• Anlage eines Feldgehölzes zur
Eingrünung des Baugebiets,
• Entwicklung von Ruderalfluren
auf intensiv genutzter Ackerfläche,
• externe Kompensationsmaßnahmen auf 431 m².
Wasser:
• Anlage eines Feldgehölzes zur
Eingrünung des Baugebiets,
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
Geoökologie
•
•
•
Entwicklung von Ruderalfluren
auf intensiv genutzter Ackerfläche,
431 m² externe Flächen im
Rahmen der Ersatzmaßnahmen
für das Schutzgut Boden,
weitere externe Ersatzmaßnahmen auf 4.076 m².
Luft:
• Umwandlung der wassergebundenen Decke (im Bereich der
Lagerfläche) in Gartenfläche (im
Baubereich),
• Begrünung der Dachflächen.
Kritik
Mit den Kompensationsmaßnahmen
für das Schutzgut Arten und Lebensgemeinschaften ist bereits ein
erheblicher Teil der im Projektgebiet
für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zur Verfügung stehenden Fläche verbraucht. Zwar ist damit auch
ein Teil der nötigen Maßnahmen für
das Schutzgut Wasser abgegolten,
die Restfläche reicht aber bereits
nicht mehr zum Ausgleich der Wertminderung des Schutzgutes Boden.
Die mit Abstand größte zu kompensierende Fläche weist das Schutzgut
Wasser auf, die selbst dann nicht im
Projektgebiet ausgeglichen werden
könnte, wenn die anderen Schutzgüter nicht betroffen wären. Insgesamt
erscheint die für die Kompensationsmaßnahmen nötige Fläche in
einem Missverhältnis zu der Fläche
des Bauvorhabens, da viele der geforderten Ausgleichs- bzw. Ersatzmaßnahmen im anzustrebenden
Zustand, besonders für die Schutzgüter Boden und Wasser, nur sehr
schwer auf durchschnittlich wertvollen Flächen zu realisieren sind.
3.4 Karlsruher Modell
Konzept, Vorgehen und Berechnung
Das Karlsruher Verfahren basiert auf
einer ganzheitlichen Betrachtung
von einzelnen Biotopen in einem
Landschaftsraum. Es berücksichtigt
die Naturfaktoren (Schutzgüter)
Boden (Gewichtung 15%), Klima
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
(15%), Pflanzen (30%), Tiere (30%)
und Wasserkreislauf (10%) eines
jeden Biotops. Der „durchschnittliche Zustand“ jedes Faktors wird
gleich 100% gesetzt. Zu- und Abschläge sind möglich und können für
die Faktoren Boden, Klima und Wasserkreislauf aus Tabellen ermittelt
werden, ansonsten ist eine Abschätzung nötig. Durch die Betrachtung
einzelner Faktoren und die Möglichkeit einer verbalen Beschreibung soll
sich das Verfahren flexibel den natürlichen Gegebenheiten anpassen.
Jeder der fünf Naturfaktoren wird
separat für jeden Biotop bewertet.
Somit ist es auch möglich, gezielt
einzelne Faktoren (z.B. im Rahmen
von Kompensationsmaßnahmen) zu
bilanzieren und aufzuwerten. Die
Multiplikation dieser Zustandsbewertung mit der Gewichtung und
die anschließende Division durch
100 ergibt für jeden Naturfaktor
eine Teilwertzahl (TWZ); die Summe
der fünf Teilwertzahlen eines Biotops ergibt die Wertzahl (WZ). Diese
ist für „durchschnittliche“ Biotope
gleich 1,0. Die Multiplikation der
WZ mit der Biotopfläche ergibt eine
Punktebewertung eines jeden Biotops. Die Addition der Punktsummen aller Biotope eines Gebietes
ergibt die Wertsumme des Bestands.
Anhand der Wertsummen vor und
nach einem Eingriff wird Bilanz
gezogen und somit der Kompensationsbedarf ermittelt.
Ermittlung von Eingriffsstärke
und Kompensationsumfang
Die betrachtete Modelllandschaft
von rund 5,5 ha wurde in 15 Biotoptypen unterteilt. Dabei wurden gleiche Biotope (z.B. Uferrandstreifen)
zu einem Biotoptyp zusammengefasst.
Besonders positiv bewertet wurden
das Waldgebiet (WZ 1,125), die
Hecken (WZ 1,17) und die Brachfläche (WZ 1,02). Als eher geringwertig zu betrachten waren beispielsweise der Waldparkplatz (WZ 0,08),
der Lagerplatz (WZ 0,08) und der
Maisacker (WZ 0,455). Die Wert-
summe der gesamten Modelllandschaft im Ist-Zustand betrug 41.857
Punkte und nach Umsetzung des
Bauvorhabens 35.969 Punkte, wobei
der Wert des Plangebietes in einem
Zwischenschritt gedanklich auf 0
gesetzt wurde. Zu kompensieren
war damit zunächst ein Wertsummenverlust von 5.888 Punkten.
Im nächsten Schritt wurde die geplante Bebauungsfläche ihrerseits in
fünf neue Biotoptypen (Gebäude,
Straßen, Feldwege, Stellplätze,
Hausgärten) unterteilt und nach
obigem Verfahren bewertet. Damit
ergab sich für das Plangebiet eine
Wertsumme von 5.409 Punkten.
Verrechnete man diese mit dem o.g.
Wertsummenverlust, ergab sich ein
Nettoverlust von 479 Punkten, der zu
kompensieren war.
Die Kompensation erfolgte durch
Aufwertung einzelner Naturfaktoren
(Erhöhung der Wertzahl) mit folgenden Maßnahmen:
• Eingrünung des Neubaugebiets
durch Heckenpflanzungen,
• Ökologische Aufwertung des
Uferrandstreifens im Bereich des
Pappelbestandes,
• Umwandlung des Maisackers in
eine Brachfläche.
Kritik
Das Karlsruher Verfahren ermöglicht
eine schnelle Bewertung eines Landschaftsraumes. Jedoch sind für die
Naturfaktoren „Pflanzen“ und „Tiere“ keine Tabellen vorhanden, anhand derer der Zustand dieser Faktoren eingestuft werden könnte. Die
Folge sind subjektive Abschätzungen, die stark ins Gewicht fallen
(zusammen 60% der Gewichtung
eines Biotops!).
Die Naturfaktoren werden für jeden
Biotop unabhängig untersucht, was
den Vorteil einer einfachen Rechnung hat. Faktoren wie „Konnektivität“ einzelner Biotope oder Zusammenhänge innerhalb der Naturfaktoren spielen jedoch keine Rolle. Dies
hat vor allem bei der Kompensation
zur Folge, dass „alles mit allem“
51
Geoökologie
kompensiert werden kann, was in
der Regel nicht im Sinne des Biotopschutzes ist. So kann ein sehr wertvoller Biotop, der durch einen Eingriff unwiderruflich überprägt wird,
durch beliebige Aufwertungsmaßnahmen anderer Biotope rechnerisch
kompensiert werden. Die getrennte
Betrachtung der Naturfaktoren führt
z.B. auch dazu, dass ein Großteil des
Punktverlusts bereits durch die
Hausgärten kompensiert werden
kann, obwohl diese eine gänzlich
andere Funktion erfüllen als die
überprägten Biotope.
Zusammenfassend lässt sich sagen,
dass das Karlsruher Verfahren eine
einfache und vor allem schnelle
Berechnung erlaubt. Die aus diesem
Grund eingegangenen Vereinfachungen und Kompromisse führen
jedoch dazu, dass das Verfahren zu
einem reinen Rechenverfahren wird,
das die Aufgabe des Biotopschutzes
und -erhalts nur schwer erfüllen
kann.
4. Vergleich der Verfahren
Der Bezug zur Fläche ist bei allen
Verfahren ähnlich. Der entstehende
Kompensationsbedarf ergibt sich aus
dem Wertverlust (in Punkten oder
Wertstufen) multipliziert mit der
vom Eingriff betroffenen Biotopfläche.
Die größten Unterschiede zwischen
den Verfahren ergeben sich bei der
52
Es ist offensichtlich, dass diese Art
der Kompensation dem tatsächlichen Verlust von Lebensräumen
deutlich weniger gerecht wird. Entsprechend geringer fällt auch der
ermittelte Kompensationsbedarf aus
(s. Abb. 4). Andererseits hat diese
eher von den funktionalen Zusammenhängen losgelöste mathematische Betrachtung den Vorteil einer
einfachen und pragmatischen Handhabung.
Ackerfläche (intensiv)
Brachfläche
3000
2000
1000
0
he
ru
Ka
rls
rs
.
ie
de
N
W
ü
Gewässer mit
Uferrandstreifen
Ba
-
Es
se
n
Worin sich die verschiedenen Verfahren
jedoch deutlich unterscheiden, sind die
berücksichtigten
Schutzgüter bzw.
Faktoren und ihre
Gewichtung. So berücksichtigt das Essener Modell, das für
städtische Bereiche
Berechnung und Festlegung der
Kompensationsmaßnahmen. Es lassen sich zwei grundlegende Philosophien unterscheiden: Beim
niedersächsischen Verfahren ist ein
in Anspruch genommener Biotop
durch einen gleichen oder ähnlichen
Biotoptyp zu ersetzen. Im Gegensatz
dazu können bei den anderen Verfahren die Kompensationsmaßnahmen sowohl schutzgut- als auch
biotopunabhängig umgesetzt werden. Konkret heißt das zum Beispiel,
dass nach dem baden-württembergischen Verfahren ein überbauter und
somit zerstörter Ackerbiotop durch
Dachbegrünung kompensiert oder
nach dem Karlsruher Modell ein
Verlust im Naturfaktor „Boden“
durch eine Aufwertung im Bereich
„Flora“ ausgeglichen werden kann.
Externe Flächen
m2
Alle Verfahren basieren auf dem
gleichen Grundprinzip zur Feststellung des Ist- Zustandes: Festlegung
der vorhandenen Biotoptypen und
Bestimmung der jeweiligen Flächengrößen, Bestimmung
der Wertigkeit jedes
Biotoptyps, Multiplikation der Wertigkeit
9000
mit der Flächengröße,
8000
und – mit Ausnahme
7000
des niedersächsischen
6000
Verfahrens – Bestim5000
mung der Wertigkeit
4000
des Gesamtgebiets.
entwickelt wurde, zwar sieben Kriterien, die zur Bewertung des Gesamtbiotops führen, der als allein zu bewertende Einheit betrachtet wird.
Weitere Schutzgüter wie Wasser,
Boden usw. werden jedoch nicht
separat betrachtet. Im Gegensatz
dazu werden im niedersächsischen
Verfahren für jeden Biotoptyp eben
diese Schutzgüter getrennt bewertet.
Eine Gesamtbetrachtung des Biotops
findet nicht statt. Das badenwürttembergische Verfahren ist in
diesem Punkt eher mit dem Essener,
das Karlsruher Modell eher mit dem
niedersächsischen Verfahren vergleichbar. Alle Verfahren mit Ausnahme des niedersächsischen erlauben eine verbal-argumentative Beschreibung und Bewertung einzelner
Biotoptypen, da nicht alle Schutzgüter/Faktoren quantitativ definiert
und in einem Bewertungskatalog
aufgeführt sind.
Abb. 4: Vergleich der vier untersuchten Verfahren hinsichtlich des durch den Eingriff entstehenden Bedarfs an Kompensationsflächen.
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
Geoökologie
Durch den stark unterschiedlichen
Umfang der geforderten Kompensationsmaßnahmen können die einzelnen Verfahren entweder eher den
Interessen der Vorhabensträger an
schneller und kostengünstiger Umsetzung oder eher den Belangen des
Naturschutzes gerecht werden.
5. Zusammenfassung
Eingriffs-/Ausgleichsbilanzen und
Kompensationsmaßnahmen sind
heute wichtige Bestandteile in der
Landschaftsplanung. Eine objektive
Bewertung des Ausmaßes der Eingriffe und der nötigen Kompensationsmaßnahmen ist meist sehr
schwierig – einheitliche Verfahren
stehen derzeit nicht zur Verfügung.
Im Rahmen eines Workshops wurden vier bestehende Verfahren auf
ein fiktives Fallbeispiel angewendet.
Hierbei handelte es sich um: „Landschaftsrechtliche Eingriffs- und Ausgleichsberechnung (Essener Modell)“ (Ordnungsamt und Untere
Landschaftsbehörde, Stadt Essen
2006), „Bewertung der Biotoptypen
Baden-Württembergs zur Bestimmung des Kompensationsbedarfs in
der Eingriffsregelung“ (LfU BadenWürttemberg 2005), „Naturschutzfachliche Hinweise zur Anwendung
der Eingriffsregelung in der Bauleitplanung“ (Niedersächsisches Landesamt für Ökologie 1994) und das
„Karlsruher Modell“ (Henz 1998).
Ziel war ein Vergleich der verschiedenen Verfahren hinsichtlich der
Methodik und des ermittelten Kompensationsbedarfs. Anhand einer
Modelllandschaft mit Bauvorhaben –
ein geplantes Neubaugebiet in Ortsrandlage – wurde für jedes Verfahren eine Bewertung des Modellgebietes vor und nach dem Eingriff
durchgeführt. Aus der Differenz der
beiden Bewertungen ergab sich
dann der jeweilige Kompensationsbedarf. Um die Vergleichbarkeit der
Verfahren zu gewährleisten, wurde
für die Wahl der Kompensations-
FORUM GEOÖKOL. 17 (1), 2006
maßnahmen eine Reihenfolge festgelegt.
Alle Verfahren quantifizierten den
Wert der vorhandenen bzw. resultierenden Biotope mittels Punkten
bzw. Wertstufen. Differenzen ergaben sich in der Gewichtung (bzw.
Berücksichtigung und Nicht-Berücksichtigung) einzelner Schutzgüter/
Faktoren wie Boden, Luft, Pflanzen,
Tiere und Wasser. Bei der Ermittlung der Kompensationsmaßnahmen
fanden sich die größten Unterschiede. Während das Karlsruher und das
Essener Modell sowie das badenwürttembergische Verfahren eine
schutzgut- und biotopunabhängige
Kompensation erlauben, kann die
Kompensation beim niedersächsischen Verfahren nur durch die Anlage eins gleichen bzw. ähnlichen
Biotops geschehen. Hieraus resultiert ein wesentlich höherer Kompensationsbedarf.
Abschließend lässt sich feststellen,
dass die vier diskutierten Verfahren
sich deutlich unterscheiden – sowohl
in der Art der Bewertung als auch in
den Anforderungen an Kompensationsweise und -umfang. So hat sich
beispielsweise herausgestellt, dass
das Verfahren mit dem Anspruch an
eine „gleichwertige“ Kompensation
beanspruchter Biotope – das
niedersächsische Verfahren – im
Gegensatz zu den anderen Verfahren den Eingriff im Modellgebiet
selbst nicht kompensieren kann, da
die zur Verfügung stehenden Flächen für den sehr hohen Kompensationsbedarf nicht ausreichen.
Je nach Interessenlage (Vorhabensträger oder Naturschutz) lässt sich
durch die Wahl eines „geeigneten“
Verfahrens der Umfang der nötigen
Kompensationsmaßnahmen stark
beeinflussen.
schardt, die uns während des
Workshops unterstützt haben.
Literatur
•
Henz, A. (1998): Das Karlsruher
Modell. Eingriff und Ausgleich im
Bebauungsplanverfahren. Naturschutz und Landschaftsplanung, Jg.
30, H. 11: 345-350.
•
LFU (Landesanstalt für Umweltschutz) Baden-Württemberg
(2005): Bewertung der Biotoptypen
Baden-Württembergs zur Bestimmung des Kompensationsbedarfs in
der Eingriffsregelung.
•
Niedersächsisches Landesamt für
Ökologie (1994): Naturschutzfachliche Hinweise zur Anwendung der
Eingriffsregelung in der Bauleitplanung.
•
Ordnungsamt und Untere Landschaftsbehörde, Stadt Essen (2006):
Landschaftsrechtliche Eingriffs- und
Ausgleichsberechnung (Essener
Modell).
http://www.essen.de/Deutsch/
Rathaus/Aemter/Ordner_67/
Eingriffsregelung.asp
Torsten Brauer, Sabine Dorn,
Moritz Zemann, Daniel Klein
Institut für Geographie und
Geoökologie
Universität Karlsruhe (TH)
Kaiserstr. 12
76128 Karlsruhe
Dr. Karin Jehn
Mailänder Geo Consult GmbH
Karlstr. 67
76137 Karlsruhe
E-Mails:
TorstenBrauer at yahoo.de
stacheledorn at web.de
moritz.zemann at gmx.de
danielklein79 at gmx.de
kjehn at mic.de
Dank
Wir danken Lena Schöneberger,
Daniel Dangel, Christian Ott, Johannes Skarka und Tillmann Butt-
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