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27.10.2014
Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen
Loch oder Krater
Etwas mehr Mut bitte Frau
Yellen
Was war denn das für ein Start
in den Oktober? Bis Ende September sah es ganz danach aus,
dass sich der Swiss Market Index
(SMI) endlich über der Marke
von 8‘800 Punkten halten kann.
Doch dann sackte der Schweizer
Leitindex innerhalb von zwei
Wochen auf vorübergehend
7870.89 (Tagestief am 16.10.2014) ab. Die bis Ende
September mühsam über das Jahr angesammelte Performance war in zwei Wochen mit dem Einbruch um
11% fast komplett weggeschmolzen und viele Anleger
waren zu recht erschrocken ob der Heftigkeit dieser Korrektur. Ausgehend von Konjunkturängsten um Europa
sowie den damit verbundenen Befürchtungen, die Eurokrise könne sich zurück melden exerzierten die Finanzmärkte vor, was uns erwartet, wenn ihre Erwartungen
nicht erfüllt werden. Dann kann alles sehr rasch ins Rutschen kommen. Auch wenn sich die Kurse wieder erholt
haben und der SMI bei einem Stand von über 8‘500
Punkten ins Wochenende ging, dürfte es an den Börsen
vorerst volatil weitergehen. Der Herbst kann zu einem
heissen Herbst werden, in jeder Hinsicht.
Woher der Stress nicht kommt
Der Stress kommt nicht vom eben abgeschlossenen
gleichnamigen Test des Europäischen Bankensektors. Die
Kapitalausstattung von 25 der 130 getesteten Banken
wurde zwar beanstandet, wovon allein 9 aus Italien
stammen. Das liegt aber am unteren Rand der Erwartungen und 12 Banken erfüllen mittlerweile bereits die geforderte Eigenmittelausstattung. Die übrigen 13 Banken
haben nun zwei Wochen Zeit, das nötige Kapital aufzutreiben und der EZB entsprechende Massnahmen zur
Stärkung ihrer Widerstandskraft aufzuzeigen. Ob das
genügt, das Vertrauen in den Bankensektor Europas
insgesamt wiederherzustellen, ist zwar zweifelhaft. Denn
die Asset Quality Reviews brachten auch die wahre Höhe
der faulen Kredite ans Tageslicht. Im Wert von beinahe
900 Milliarden Euro haben die europäischen Banken
solche in ihren Büchern. Dennoch dürften die Finanzmärkte die Baustelle Europabanken fürs erste einmal
abhaken. Akute Gefahr besteht schliesslich keine.
Auch ein explosiver geopolitischer Cocktail bestehend
aus Krieg in der Ukraine, Terror im Nahen Osten, einer
instabilen Lage im arabischen Raum insgesamt oder sonst
wo aufkeimenden Unruhen wie jüngst in Hongkong wird
kaum mehr Stress verursachen als bisher. Die Märkte
werden zwar intensiv damit beschäftigt sein, die Weltpolitik zu verdrängen, das aber mehr oder weniger erfolgreich tun so lange sich keine Eskalation abzeichnet – so
wie das ganze Jahr über. Auch die bisher einigermassen
Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen
Raiffeisen Economic Research
economic-research@raiffeisen.ch
Tel. +41 (0)44 226 74 41
soliden Quartalsabschlüsse der börsenkotierten Unternehmen, die nicht enttäuschten aber auch nicht zu entzücken vermochten, sind kaum Quellen zukünftigen
Stresses. Die Kurse scheinen nach unten sogar recht gut
abgesichert.
Woher der Stress kommt
Wenn überhaupt kommt der Stress wieder einmal aus
Amerika und zwar dann, wenn Janet Yellen endlich Klartext spricht. Sie muss endlich den Märkten sagen, wann
und wieviel sie an der Zinsschraube dreht und nicht unter
welchen Voraussetzungen sie das in unbestimmter Zeit in
Betracht zieht. Die ganze Finanzwelt wartet darauf, wann
sie das genauso herbeigesehnte wie gefürchtete Ende
der sechsjährigen Flut am Geldmarkt endlich herbeiführt.
Die zaghafte Art, wie sich die amerikanische Notenbankchefin an diesen Moment der Wahrheit herantastet zeigt
klar: sie weiss, dass sie da eine äussert heikle Mission vor
sich hat.
Zinswenden waren schon immer schwere Kost für die
Finanzmärkte. Sie wurden aber stets verdaut, wenn die
Realwirtschaft genügend Robustheitssignale sendete. In
Europa ist von solcher Robustheit dermassen wenig zu
spüren, dass die EZB Mitte Jahr den europäischen
Zinszyklus vom amerikanischen abgekoppelt hat. Das ist
nachvollziehbar. Der US-Dollar hat seitdem kräftig zugelegt, da die Märkte dies antizipierten und sich Amerika
zuwandten. Allmählich fragen sich die Märkte aber zunehmend, auf was Frau Yellen noch wartet. Ihr Zaudern
hat die Akteure am Bondmarkt dazu ermuntert, am längeren Ende der Zinskurve nochmals eine Rallye zu veranstalten. Kurzfristig sank die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen Mitte Oktober unter 2%. Das
brachte die Volatilität zurück an die Märkte, die trotz der
aktuellen Beruhigung seit Sommer 2012 nicht mehr so
hoch gewesen war. Es entfernte die Märkte aber auch
weiter von der Zinswende, mit der sie sich erst einigermassen abgefunden hatten. Von einer Zinswende, die
längst überfällig ist, da das Wachstum hoch, die Leistungsbilanzdefizite reduziert wurden und der Arbeitsmarkt stabilisiert scheint. Eine Zinswende, die gleichzeitig
aber auch als nicht nötig taxiert wird, da sich die Inflationsrate noch immer unter 2% bewegt. Das macht die
Geldpolitik der USA zusehends unberechenbar und die
Fed-Chefin täte gut daran, diese Abwägung abzuschliessen. Und zwar besser im laufenden als im kommenden
Jahr. Ich bin sicher, dass früher den Märkten besser täte
als später, denn das Signal wäre eine gute Diagnose der
US-Konjunktur. Die Wirtschaft ist nach langer Krankheit
über den Berg und kann nun wieder alleine gehen. Das
wäre ein starkes Signal, nach sechs Jahren geldpolitischer
Stütze, und zwar eines zum Kauf.
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen
Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen
Loch oder Krater
27.10.2014
Raiffeisen Economic Research
economic-research@raiffeisen.ch
Tel. +41 (0)44 226 74 41
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