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Glück und Glas, wie leicht bricht das - Deutschlandradio Kultur

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von DeutschlandRadio
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benutzt werden. Berlin benutzt
darf das Manuskript
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Deutschlandradio Kultur
Deutschlandrundfahrt - 16.09.06
„Glück und Glas, wie leicht bricht das! Unterwegs auf der
Glasstraße in Bayern.“
Von Sabine Korsukéwitz
JINGLE + Kennmusik
O 1a,b,c,d,e (auf Kennmusik):
a) Tom
I think it’s schööön!
b) Urmann
Es war gar nichts da, nur ein großes Moorgebiet, und da hat er das
Moor trocken gelegt, gerodet...
c)K. Eisch
Im Mittelalter versucht man eben die Wälder urbar zu machen, den
Holzreichtum zu nutzen irgendwie, und Glas braucht eben zur
Herstellung sehr viel Holz als Brennmaterial und auch zur
Rohstoffgewinnung, für Asche für die Glasschmelze.
d)S. Fezer
Das ist wie wenn man mit ‚nem Löffel in ein Glas Honig reingeht und
da praktisch den Honig aufwickelt...
e) E. Eisch
Und dann hab ich nur noch funktionale Gläser gezeichnet. Da ist
meine ganze Wut gegen dieses Funktionale gewachsen, weil ich
gespürt habe: Da ist nichts!
Spr.v.D.:
Glück und Glas,wie leicht bricht das!
Unterwegs auf der Glasstrasse in Bayern
Eine Deutschlandrundfahrt mit Sabine Korsukéwitz
Kennmusik geht über in
Geräusch 1 Glas-Mobile 1 (unter Autor langsam verschwinden lassen)
Aut
Über Hügel und Berge schlängelt sich die Glasstraße durch den
Pfälzer - und den Bayerischen Wald, auf 250 Kilometern von Weiden
über Zwiesel bis zur Dreiflüssestadt Passau.
2
Das Herz der Glasstraße bildet der Bayerische Wald um Zwiesel.
Was für eine Landschaft!
„Waldwoge steht hinter Waldwoge bis eine die letzte ist und den
Horizont schneidet“, schrieb Adalbert Stifter Mitte des 19.
Jahrhunderts. Ein wenig ist das heute noch nachzuempfinden:
Sobald man Autobahn und Bundesstraßen verlässt, taucht man ein
zwischen dunkelgrüne hohe Tannen. Es riecht nach Harz und Nebel.
Hellviolette Blütenseen von Türkenbund leuchten am Straßenrand;
gelblich-weisse Schaum-Dolden von Mädesüß verströmen ihren
starken Duft.
Atmo 1 Feuer immer unter Durandl
Durandl
(Spöttisch) Ach, wie idyllisch! Aber da ging’s früher anders zu! Der
Wald war dicht und dunkel, und voller Bären, Luchse, Hexen, Riesen
und Geister – so wie der Durandl, das bin ich, jawohl! Und dann sind
eines Tages die Menschen gekommen ...
Geräusch 2 Holz hauen/Baum fällt
Durandl
Sie haben angefangen, die Bäume umzuhauen, haben das Quarz
aus dem Berg gehackt und Glashütten gebaut. Da hat’s mir gut
gefallen! Da war’s immer warm. Und ich konnte den Menschen beim
Glas machen zuschauen! Manchmal helfe ich ihnen. Aber wehe,
wenn sie keinen Respekt zeigen! (drohend:) Dann fahr ich in die
Glasschmelze, dass der Hafen birst und der Ofen explodiert! (lacht
heimtückisch)
Aut
Glas hat man im Dreiländereck Böhmen, Östereich und Bayern seit
dem 14. Jahrhundert hergestellt. Die vielen Ortsnamen, die auf –
hütte, - wald oder –öd enden, lassen ahnen wie das Leben in der
Region damals ausgesehen hat.
Eine der ältesten Familien hier sind die Poschinger, durch die
Glasmacherei reich geworden und sogar geadelt. Stephan Freiherr
von Poschinger, oder „einfach“ Baron Poschinger ist die 14.
Generation.
3
O 2 Posch.
Die Familie ist im niederbayerischen Raum schon seit dem
14.Jahrhundert sind die Poschingers immer wieder aufgetaucht, aber
der Vorfahre, der in den bayerischen Wald vorgedrungen ist, wo es
ja schon Glashütten gab und zwar hauptsächlich von den Klöstern,
die Klöster haben Waldungen besessen und die Holznutzung war
eigentlich minimal früher, eine Handwerksschiene die viel Holz
verbraucht hat, hat man gerne gesehen. Und die Münchner die
Herzöge musste man natürlich jedes Jahr wieder mit denen
sprechen, ob wir wieder einen Bereich bekommen, wo wir dann halt
entnehmen für Bau der Hütte drum, Glashütte, das war ein ganz
einfacher Bau.
Aut
Die Poschinger-Glashütte in Frauenau, die letzte von ehemals 10,
hat eher Gutshof-Charakter, als den einer Fabrik. Die eigentliche
Hütte mit dem Schmelzofen ist umgeben von Wirtschaftsgebäuden,
ehemaligen Ställen, Wohnhäusern für Meister und Arbeiter. Dazu
gehörte früher ein Schloss, das nach dem Krieg abgerissen wurde.
Baron Poschinger empfängt in einem altehrwürdigen Kontor, durch
dessen Fenster man auf Wiesen und Wald hinaus blicken kann.
O 3 Posch.
Man muss sich halt vorstellen, 1568, was das war: hier diese kleinen
Holzhäuser, ein Kirchlein, und insofern waren alle autark, wo wir
nicht geholfen haben, dass sie halt irgendwo dann zum Mähen, für
die Kühe oder bei uns ihr Brennholz geholt haben, weil man ja
meistens auch die kleinen Häuser errichtet hat im Interesse des
Betriebes, dass die Menschen der Zeit angemessen auch
untergebracht sind. Man muss sich das sehr klein und sehr eng und
sehr familiär vorstellen. Das heißt das Gros der Bevölkerung war in
irgendeiner Weise mit den Glashütten verbunden und waren auch
die Menschen, die – außer vielleicht noch ein bisserl Granit brechen,
oder eben im Wald tätig zu sein, war das die anspruchsvollste
mögliche Arbeit und entsprechend der Verdienst war der höchste
und darum wurden die Mitwirkenden die „Herren Glasmacher“
genannt. Sie waren die, die auch bewundert waren, weil sie eben in
der Lage waren Glas zu fertigen.
Aut
Die Glasmacher hüteten natürlich eifersüchtig ihre Geheimnisse, ihre
besonderen Rezepte für das Gemenge, die Mischung der Zutaten,
aus denen nachher der rotglühende Glasbrei geschmolzen wurde.
Und manches alchimistische Geheimnis soll ihnen eben der
Hüttengeist Durandl verraten haben.
Atmo 1 Feuer
4
Durandl
(flüstert) Zerstoßenes Quarz, Hühnerblut und Taubenbeinasche,
zwei Schippen Schneckenhäuser und ein Dukaten muss hinein! Gold
muss hinein, rotes Gold!
Aut
Der Durandl ist ein Einwanderer aus dem Böhmischen, dort hieß er
Turandel, ein kleines Männchen mit roter Nase und feuerroten
Haaren, langen Armen und einem kugelrunden Bauch.
Atmo 1 Feuer unter Durandl
Durandl
Einmal, während der Rauhnächte, 1612 war es – glaube ich – da
haben sich mal so ein paar Gesellen betrunken und haben Witze
über mich gerissen. Immer ärger ist es geworden: Dass ich nur so
ein armer kleiner Wichtel sei, vor dem niemand sich fürchten müsse,
und dass ich gar nichts vom Glas verstünde und so fort.
Und da bin ich wie der Blitz hin zu ihrem Gemenge-trog und hab die
Zutaten durcheinander geschmissen, dass keiner hat genau sehen
können, was ich gemacht habe!
Und nach der Schmelze, da haben sie gesehen, dass ein
wunderbares, feines Goldglas herausgekommen ist, und ihr Herr hat
im Geiste schon die Dukaten gezählt! Aber weil sie nicht wussten,
wie sie das wiederholen sollten, da hat der Herr sie in den Kerker
werfen lassen, weil er gedacht hat, sie wollten ihm das Goldglas
böswillig vorenthalten.
Musik 1: Glasharmonika (Archivband)
Atmo 1 Feuer
Durandl
... so quietschig hört sich halt eine alte Glasharmonika an.
Ja, also am Anfang, da haben sie hier im Bayerischen Wald nur so
grünliches Glas herstellen können, das sogenannte „Waldglas“. Weil:
in dem Quarz von hier, da ist viel Eisen und das macht das Glas halt
grün. Später hab ich ihnen dann gezeigt, wie man reines, weißes
Glas macht und all die schönen Farben hinein bekommt. Heute heißt
es, ein fahrender venezianischer Glasmacher habe ihnen das
Geheimnis verraten – von wegen - Venezianer! Ha!
5
Geräusch 3
Glasperlen
O 4 Posch
Ja, das waren natürlich schon nur die Herrschaften, die sich das
leisten konnten. Man hat an den Zarenhof geliefert, mit
Pferdefuhrwerken. Die Gläser wurden weit herum gefahren, weil der
Ruf dieser Gläser aus Böhmen, Bayern - dann haben halt alle, die
Glas haben wollten, gewusst: da müssen wir uns an Poschinger im
Bayerischen Wald wenden.
Aut
Die Transportwege durch Wälder und Gebirge nannte man damals
die „Goldenen Steige“, golden, weil der Handel Gold einbrachte und
das nicht zu knapp...
O 5 Posch
Die Poschingers sind natürlich erst dann mit einem „von“ versehen
worden und aufgrund ihrer Verdienste für die Region sind sie vom
Bayerischen König in der Form geadelt worden, dass ihnen der
Freiherren-Titel verliehen wurde.
Aut
Ganz so familiär und einvernehmlich, wie es der Glasbaron schildert,
sehen nicht alle die Geschichte der Hütten und die Lebensumstände
der Glasmacher. Die Familie Eisch zum Beispiel....
Atmo 1 Feuer/Durandl
Durandl
Ja! Die Eisch, die hab’ ich alle gekannt! A-lisch hießen die früher. Der
Ur-ur-urgroßvater, der war ein Aschenbrenner und ist aus Böhmen
eingewandert. Der Alfons Eisch, der leitet heute die Glashütte:
O 6 A.Eisch
1945 da war ich bereits Lehrbub beim Commerzienrat Gistl hinten
das war der deutsche Glaskönig mit ungefähr 500 Beschäftigten,
sein Wort hatte Geltung immer in der deutschen Glasindustrie. Da
war unser Vater schon Graveurmeister. Na ja ein Jahr war ich da als
Lehrling hinten, das war 1946, mei! Was zu lernen war, das hatte ich
in der Ferienzeit schon gelernt, ich war sofort voll im Einsatz – so um
die 60 Stunden hab ich da schon zusammengebracht, und dann
haben wir gut verdient. Der Meister, unser Vater, hat das Geld dann
aufgeteilt unter die Gesellen, wie das so war, und da hat er gesagt:
Schau her, wir haben gut verdient, ich kann dir 12 Mark einschreiben
als Verdienst in einer Woche. Am nächsten Tag hat er mir’s gezeigt;:
schau her! Der Commerzienrat Gistl, der Hüttenher: mit Rotstift
durchgestrichen: Das ist zuviel für einen Buben! Dann hab ich wieder
sechs Mark verdient auf sechzig Stunden Arbeitszeit.
Aut
Wir sitzen in einer kleinen bayerischen Wohnküche, Kuckucksuhr
und allerlei Gerätschaften an der Wand, verkramt und gemütlich. Es
riecht nach Hefeteig und Wacholder. Auf Tisch und Stühlen liegen
stapelweise Zeitschriften, Notizen und Bücher. Alfons Eisch ist
6
Hobby-Historiker und er findet nichts romantisches an den
Lebensumständen der Glasmacher früherer Zeit, denn so schrecklich
gut bezahlt waren die nicht, meint er.
O 7 A.Eisch
Sie durften gar nicht heiraten, das war ein Gesetz. Wer arm war
durfte nicht heiraten. Entweder hundert Reichstaler oder der
Gegenwert in Haus und Grund. Auch bei unseren Vorfahren war
eine, die Korona Eisch, und da heißt es dann in einem
Beschwerdebrief von der Gemeinde an die königliche Regierung: „Ist
das vielleicht ein Grund, die zwei heiraten zu lassen, weil sie schon
vier Kinder haben?“
In Böhmen war’s nicht gar so streng wie bei uns. Die sind da übern
Wald reingewandert und dieser Josef Schmalzl hat das zu einem
kleinen Geschäft gemacht. Der hat diesem heiratswilligen Paar aus
dem bayerischen Wald eine Wohnung gegeben und dann einen
Arbeitsplatz. Er hat sie als Holzhauer in den Wald mitgenommen.
Das waren die zwei wichtigsten Punkte. Und dann, wenn das erfüllt
war, hat der Pfarrer sie getraut. Dann sind sie wieder raus
gekommen, aber das wurde nicht anerkannt da heraußen! Nur nach
einem Jahr ist die Verjährungsfrist dann eingetreten. Nach einem
Jahr durften sie dann sagen: wir sind verheiratet. Da ist der
Heiratsschein!
Geräusch 4 singende Gläser(Glasharfe): „Etoiles filantes“ Riasprod. C 0002979
Aut
Nach dem 2.Weltkrieg ging es ja bekanntlich für alle erstmal bergauf,
auch für die Glasmacher. Baron Poschinger....
O 8 Posch
Wir haben nach dem Krieg noch mal Aufschwung gehabt, bald 450
Menschen waren hier beschäftigt, weil das Glas war zerdeppert,
daher kein Glas ....
Aut
Und da kamen auch kleine Leute wie der Graveurmeister Valentin
Eisch und seine drei Söhne und drei Töchter auf die Idee, sich
selbstständig zu machen.
O 9 A.Eisch
Am Anfang ist das einigermaßen angelaufen nach der
Währungsreform, wir hatten dann schon die Messe beschickt und wir
hatten ein schönes Sortiment beisammen und dann haben wir
Aufträge bekommen und die Vertretungen von den damals
mächtigen Glashüttenherrn haben daher gemeldet: am Markt
draußen taucht „Eisch“ aus Frauenau auf, Eischglas aus Frauenau,
was ist da los? In Frauenau gibt’s doch bloß den Freiherrn von
Poschinger und Commerzienrat Gistl! Na ja, dann sind’s
aufgeschreckt aus Konkurrenzdenken. Und der Commerzienrat Gistl,
der hat dann alle Glashüttenherrn zusammen berufen und hat
befohlen: Die Werkstätte Eisch , die bekommen kein Stück glattes
Glas mehr zum weiter veredeln, die sollen wieder hingehen, wo sie
hergekommen sind! Und sie glaubten das Todesurteil für die
Werkstätte Eisch gesprochen zu haben. Aber unsere Mutter:
7
Unheimliche Energie! Wir bauen einen kleinen Schmelzofen, und
können unser Glas selber machen und dann können uns alle am
Buckel steigen! Hat sie wortwörtlich gesagt.
Atmo 1 Feuer unter Durandl
Durandl
Hihi! Ein wenig Hilfe hatten sie natürlich schon! Obwohl das heute
natürlich keiner mehr zugeben will! Heute sagen sie, mich gäb’s gar
nicht wirklich. Aber sie machen trotzdem ein Kreuzzeichen auf den
Schlussstein von jedem neuen Glasofen, damit ich ihn nicht wieder
rausschieben kann! Das ist nämlich so: Wenn ein Glasofen fertig
gebaut ist, dann kommt der Hütten-Herr und schlägt feierlich den
Schlussstein ein. Und je öfter der Stein wieder zurückspringt, desto
mehr Freibier muss der Hüttenherr an die Maurer zahlen. Als ob
mich ein Kreuzzeichen hindern könnte! Ich bin doch kein Teufel!
Musik 2 „L’Armonica“ Kantate für Sopran, Glasharmonika und Orchester v.
Johann Adolph Hasse (Introduzione 4:09)
Atmo 2: Glasofen, ab hier immer unter Durandl
Durandl
An der Glasstraße im damals noch wilden Bayerischen Wald... Ach,
was waren das doch noch für schöne Zeiten, als der Schmelzofen
noch ordentlich mit Holz eingeheizt wurde. So elf bis dreizehn
Stunden brauchte das, bis aus dem Gesätz ein leuchtender, orangerotglühender Honig-brei geworden war. Dann liefen die Lehrlinge und
weckten die Glasmacher, die flott hintereinander den ganzen Hafen
leer arbeiten mussten – und dann ging’s wieder von vorne los! Ach,
was hab ich das geliebt, ihnen vom Dachbalken aus zuzusehen, wie
sie das Glas mit der Spitze ihrer langen Pfeife aufgenommen haben,
es geblasen, in feuchten Buchenholzformen geglättet und dann
verziert haben!
Aber heute ist’s aus mit der Herrlichkeit. Die Öfen werden mit Gas
betrieben und fauchen wie böse Riesenkatzen. Und das Glas, ach
das Glas wird von Maschinen gewalzt und gepresst. Meine Rezepte
braucht keiner mehr – es kommt alles fertig aus dem Sack!
Geräusch 5: Glasgeklimper
8
Aut
Frauenau im Bayerischen Wald nennt sich selbst das Herz der
Glasstraße. Aber eigentlich ist ein „gallisches Dorf“, denn von hier
ging in den 60er Jahren ein Widerstand aus: gegen das
„Maschinenglas“.
Bis dahin war dekoriertes, bemaltes und graviertes Glas am
höchsten geschätzt und diejenigen Hütten waren am erfolgreichsten,
die sich Künstler leisteten.
Also wurde Erwin, einer der drei Söhne der Eisch-Familie, an die
Kunstakademie nach München geschickt. Aber was musste er da
entdecken?
O 10 E.Eisch
Bei Bauhaus ist das schon los gegangen, die Ablehnung des Dekors,
das Funktionale ist dann hoch gekommen.
Das hab ich dann an der Akademie hautnah erlebt als junger
Mensch, der Professor damals war Bauhaus-Anhänger. Der hat das
Dekor abgelehnt schon. Und dann habe ich nur noch funktionale
Gläser gezeichnet. Das war tödlich langweilig! Da ist meine ganze
Wut gegen dieses Funktionale gewachsen, weil ich gespürt hab: da
ist nichts! Funktional: Weinglas, Kelch, Schale - immer das gleiche!
Und da ist die ganze Fülle von Idee, von Fantasie, hat mir der
weggenommen!
Aut
Nach drei Jahren Frust an der Akademie beschloss Erwin Eisch für
sich, Glas nicht funktional, wie seine Lehrer es wollten, sondern im
Gegenteil: ausschließlich künstlerisch anzugehen – ganz befreit vom
Gebrauchswert...Bruder Alfons erinnert sich an eine Geschichte, die
frühe Kunden erzählt haben:
O 11A.Eisch
Anfang der 60er Jahre in Frauenau da in so einer Fremdenpension,
da waren zwei ältere Damen, die haben das bewirtschaftet und wir
haben dann in der Eischhütte eine Vase gekauft von Erwin Eisch
gemacht, von Erwin Eisch signiert. Dann sind wir voller Freude damit
in die Pension zurück gegangen und haben wir’s den Frauen gezeigt,
die sind erschrocken! Ja was wollt ihr mit dieser Vase? Die ist ja
noch nicht einmal rund! Denn der Erwin, der hat oben Bewegung rein
gemacht, der hat verbogene Vasen gemacht, so Flattervasen und da
haben’s dann: „Gehen’s doch zurück! Der muss Ihnen doch das
Geld wieder zurück geben!“
Aut
„Gelump“ nannten die Leute das, aber: unbeirrt machte Erwin Eisch
weiter seine Flattervasen und Glas-Skulpturen, und bekam eines
Tages Besuch von einem Künstler aus Amerika....
9
O 12 E.Eisch
Das ist ein unglaublicher Zufall gewesen, dass dieser Harvey
Littleton nach Frauenau gekommen ist. Also der war in Amerika erst
einmal Keramiker. Er wollte schon irgendwas tun in Richtung Glas
und dann war er in Paris und in Murano und auf dem Weg nach Wien
ist er hier im Bayerischen Wald gewesen. Das war August 62. Die
Fachschule in Zwiesel war geschlossen zu dieser Zeit und dann geht
er in ein Glasgeschäft gleich gegenüber wo traditionelle böhmische,
bayerische Gläser jede Menge da waren, und findet im Büro des
Glasgeschäfts von mir einen verkrüppelten Krug, einen nicht
funktionalen Krug, den man nicht verwenden kann, und der steht so
rum. Und das war ein Signal für den Harvey Littleton. Wer hat denn
den Krug gemacht?
Aut
Harvey Littleton besuchte Erwin Eisch in der Glashütte und ließ sich
von ihm seine Philosophie erklären. Und so kommt es, dass ein
Glasmacher aus dem Bayerischen Wald zu den Gründungsvätern
der internationalen Studioglasbewegung gezählt wird.
O 13 E.Eisch
Es hat geheißen: You have to do it by yourself, du machst das alles
selbst. Da wird nicht mehr designt, du machst deinen Entwurf, du
machst die Dekoration, du machst die Ausführung, alles, so wie es in
der Malerei, wie es in den anderen Bereichen ja auch ist.
Atmo 2 Glasofen unter Durandl
Durandl
So gefällt mir die Sache wieder: Keine Maschinen! Kleine Glasöfen,
an denen wieder richtige Macher stehen. Jedes Stück, dass sie
herstellen einzigartig! Nicht zu wiederholen! Und die Formen, und die
Farben: Rot, grün, blau, gold! Das hat Bewegung, das hat Leben,
das schimmert opak, patiniert, regenbogenfarben! Kommen Sie mit
in eine richtige Glashütte....
Geräusch 6 : Glasspiel
O 14 Fabrik
(Ofen faucht, viel Hintergrundgeräusch, Eisch kommentiert das
Geschehen, zwischendrin ist der Glasbläser zu hören)
...das wird dann eine Vase nehm ich an, mit einem raffinierten
Muster drin. Das hat ein bisschen Ähnlichkeit mit Jugendstilmustern
drin, aber das ist dann seine eigene Form, er entscheidet, was draus
wird.
Das ist eine Kammzugtechnik, da werden jetzt Fäden verzogen,
Glasfäden für die Vase....
10
Jetzt wird das ganze Glas noch mal erwämt, damit die Farben
ineinander verschmelzen, dann wird eine Vase draus gemacht –
Freihand – richtige Poesievasen, Freihandvasen...
Aut (über O-Ton) Heiß ist es und dunkel in der Halle. Rund um den großen Glasofen
herum sind zehn oder zwölf Leute beschäftigt. Vier davon blasen und
formen die weiche, glühende Glasmasse. Die anderen sind Helfer,
die zureichen, „Nabel“ ansetzen, und die fertigen Stücke zum
Kühlofen tragen. Einer der Helfer bringt einen tropfnassen,
ausgehöhlten Block Buchenholz ...
Weiter O 14
Jetzt forme ich das Glas vor... mit einem Holz wird das ganze
vorgeformt, dann wird’s noch veredelt...
...muss feucht sein, sonst tät ja des brennen, wenn das heiße Glas
an des Holz rankommt. Jetzt wird’s spannend.... jetzt muss das glas,
die Form, die Vase, die er machen will, von der Pfeife muss das jetzt
runter... von der Blaspfeife ... muss da weg...
Gell Hanserl, des koa schief gehn...
... das kann auch passieren, ist auch schon passiert... hups, was ist
jetzt? Und ein bisserl Wasser... und zack, jetzt ist es weg... jetzt hat
er oben, das ist die Öffnung da, das wird jetzt wieder erhitzt, vier,
fünf, sechs, zehn Mal immer wieder erhitzt bis am Ende dann die
Form fertig ist, seinen Vorstellungen entspricht.
O-Ton unter Autor wegblenden, Autor mit Atmo untelegen (selbe Atmo)
Atmo 3 Glashütte
Aut
Solch aufwändige Herstellung individueller Gläser hat ihren Preis.
Und den wollen heute nur noch Wenige bezahlen. Die Eisch-Hütte ist
in Schwierigkeiten. Erwin Eisch sieht die Rettung in der Kunst:
O 15 E.Eisch
Was hier in der Region bedeutsam ist, das sind die einzelnen Leute,
da gibt’s die jungen Leute, die heißen „Männerhaut“, das ist eine
Gruppe von 6 Leuten, die individuelles Glas machen. Das ist das,
was das kreative Potential dieser Region ist. Und das sollte man
stützen. Die Glashütten im traditionellen Sinn sind im Grunde
genommen weg.
Aut
Aber das wissen die Touristen nicht. Allgegenwärtig entlang der
Glasstraße sind die Disney-Welten der Andenken-Läden mit Glas
aus China, Korea und Polen, billigem Import- und Maschinen-Glas,
11
auch wenn noch mit überlebensgroßen Glasbläser-Figuren
geworben wird.
Manche sogenannte „Hütte“ am Wegesrand leistet sich noch einen
Schau-Bläser, der zur Gaudi der Touristen vormacht, wie es früher
mal war. Und wem’s Spaß macht, der kann sich selbst einmal an der
Glaspfeife versuchen.
O 16 E.Eisch
Die Glasstraße ist für mich ein Bluff!
Musik 3 : „I love the sound of breaking glass“ Nick Lowe 3:09 ausgespielt
JINGLE Deutschlandrundfahrt
Aut
Die Glasstraße – eine Marketing-Erfindung, die sich entlang der alten
Handelswege für Glas bewegt, im Pfälzer und im Bayerischen Wald,
dort, wo heute nur noch wenige der früher so zahlreichen alten
Glashütten stehen. Die Region ist landschaftlich wunderschön und
einige Reste des traditionellen Handwerks kann man schon noch
entdecken: In den kleinen Künstlerateliers am Wegesrand und zum
Beispiel im nagelneuen Glasmuseum in Frauenau, das von einem
weiteren Mitglied der Familie Eisch gestaltet wurde:
O-Töne K.Eisch haben Museumsatmo/evtl Aut entsprechend unterlegen
O 17 K.Eisch
Ich wollte eigentlich weg vom Glas und weg von der Kunst (lacht). Es
hat mich nur wieder eingeholt dann mit diesem Auftrag für das
Glasmuseum.
Atmo 4 Museum Frauenau
Aut
Katharina, Tochter von Studioglas-Erwin-Eisch, ist studierte
Ethnologin und übrigens auch Organisatorin der Sommerakademie
Bild-Werk Frauenau. Sie interessierte, wie sich im Glas Kultur und
Alltagsleben spiegelt.
O 18 K.Eisch
Wir haben im Moment die Situation, dass das künstlerische Glas
sehr aktiv ist. Insgesamt stirbt die Glasindustrie im Bayerischen
Wald. Das ist eine ganz einschneidende Situation und wir wollten in
der Museumskonzeption zeigen, wie diese Zyklen historisch immer
wieder kommen. Also dass die Glasindustrie, Glasproduktion – Glas
ist ja ein Luxusprodukt – mit der wirtschaftlichen Entwicklung, mit der
12
historischen Entwicklung mit geht und da eben auch ihre Aufs und
Abs hat.
Atmo 4 Museum Frauenau
Aut
Das Glasmuseum Frauenau ist ein moderner runder Bau. Innen ist er
in zwei konzentrische Kreise gegliedert, das Zentrum ist ein
Glasofen. Im inneren Kreis geht es um die Arbeit und das Leben der
Glasmacher. Der äußere Kreis führt von der Entdeckung der
Glasschmelze durch phönizische Händler durch die Geschichte bis
heute. Interessante Idee: Die Brüche zwischen den Epochen sind
durch Gräben mit zerbrochenem Glas repräsentiert:
O 19 K.Eisch
Wir haben hier Scherben von mittelalterlichen Glasfenstern eingelegt
in so einen Graben und es gibt noch vier weitere solche Gräben,
jeweils zum Ende einer Epoche, die symbolisieren jeweils einen
Krieg im Allgemeinen, in dem Fall sind das die Hussitenkriege und
die Reformationskriege, wo ja durch die Bilderstürmer buchstäblich
Glas zerschlagen wurde. Als damals war das auch schon das
Problem, das das Bild Gottes nicht mehr dargestellt werden durfte,
für die Reformierten und man hat zum Beispiel in Böhmen den
Glasfensterbestand komplett zerschlagen. Und für uns ist das
symbolisch auch: Eine Gesellschaft steigt auf mit dem Glas und
dann wenn es zu Ende geht, geht eben das Glas auch zu Bruch und
dann geht’s mit einer ganz neuen Wirtschaft los und mit einer ganz
neuen Ästhetik. Das läuft immer Hand in Hand.
Geräusch 7 Glasbruch
Atmo 4 Museum Frauenau
Aut
In der Barockzeit werden die Gläser mit Schmuck überladen. Die
Spiegel werden zum ganz großen Geschäft – und in der Revolution
wiederum zerstört zusammen mit allem Adelspomp. Und so geht die
Reise weiter bis zu dem Graben, der den zweiten Weltkrieg
repräsentiert. Im Feuersturm geschmolzene Haushaltsgläser sieht
man da im Graben und ein Klumpen, der mal ein mittelalterliches
Kirchenfenster war. Ein ebenso einfaches, wie wirksames Bild. Ein
ganz neues Verständnis von Form und Zeit nimmt man mit, nach
einem Besuch in dieser außergewöhnlichen Ausstellung.
Vor dem Museum steht eine große Arche aus grünlichem Glas...
13
O 20 E.Eisch
Da haben zwei Künstler eine große Glasarche gebaut als Symbol:
Hier ist dieser sterbende Wald dort droben und diese Glasarche steht
dort wo nun wieder neues Wachstum ist. Zu symbolisieren: die Natur
erholt sich und die Arche ist ein Zeichen für Neubeginn. Und die ist
im Bayerischen Wald zwei Jahre lang an verschiedensten Plätzen
war die Arche etabliert, und im Böhmischen. Und im Böhmischen
sind dann zwei Bildhauer gekommen und haben Hände zu dieser
Arche geschnitzt und zwei Hände tragen nun diese Arche von Ort zu
Ort, so als Geste des Miteinander, der Versöhnung zwischen hier
und dem Böhmischen, dem Bayerischen und dem Tschechischen
um diese Menschlichkeit zu dokumentieren mit dieser Arche.
Musik 4: Glasharfe/kurze Zäsur
Els Ilg, Annemarie Moergeli, Pius Brogle: Menuett , J.Haydn aus Flötenuhrstücke
Hob.XIX
1:32
Aut
Ein Ausflug in die Tschechische Republik, nach Böhmen, wo die
Glaskunst der Region ihren Ursprung und ihre Blüte hatte.
Biegt man bald nach dem Übergang Philippstal von der Autobahn
Richtung Prag ab, dann kommt man in das Dorf Lenora. Die Straßen
sind hier deutlich schlechter als auf der Bayerischen Seite, die
Häuser in schlechterem Zustand, alles ärmlicher. Aber die
Landschaft ist weit, weniger zersiedelt, ursprünglicher.
In einem kleinen Haus mit einem gepflegten Garten erwartet uns
Egon Urmann. Rosig und fröhlich wie man sich Schweijk vorstellt. Er
ist gerade von seiner Arbeit als KfZ-Meister nach Hause gekommen
und stärkt sich an einem guten Pils. Er ist der erste seiner Familie,
der nicht im Glas arbeitet...
0 21 Urmann
Lenora ist gegründet worden von Johann Mayer nach dem
Napoleon-Krieg. Und da hat der Johann Mayer damals einen Platz
gesucht, wo noch Holz im Überfluss ist und wo auch der Transport
billiger ist und da hat er den Platz gefunden bei uns in diesem
Moldau-Tal beim Zusammenfluss von der warmen und von der
grasigen Moldau. Es war gar nichts da, nur ein großes Moorgebiet
und da hat er das ganze Moorgebiet trocken gelegt, gerodet.
Der hat die Glasmacher von der ganzen Umgebung
zusammengezogen, die besten Glasmacher auch von Nordböhmen
her, Glasmaler, Glasschleifer, Künstler auch, und hat bei uns sogar
eine Glasmalerschule gegründet und Hinterglasmalerei auch
gemacht, und so ist das Dorf in Wirklichkeit ein Industriegebiet
geworden, wo auch das Leben ziemlich leicht war für die Leute.
Der Eigentümer hat gute Beziehungen zum Fürstenhaus
Schwarzenberg gehabt und der Fürst damals, bei der Gründung war
ja da bei Einweihung, und die Fürstenfrau hat ja Eleonora geheißen
14
und so ist das Dorf Eleonorenhain geheißen. Und damals war eine
große Ehre für das Dorf.
Aut
Das ganze Dorf ist um die Glashütte herum gebaut worden. Man
lebte einigermaßen gut davon. Der Glashüttenherr Mayer war
ziemlich fortschrittlich und ließ für seine Arbeiter sogar eine Schule,
eine Turnhalle und ein Haus für kulturelle Veranstaltungen bauen.
Und so lief das mit den üblichen wirtschaftlichen Auf und AbBewegungen bis zum zweiten Weltkrieg.
O 22 Urmann
Die Deutschen sind ja vertrieben worden nach dem Krieg, 46, und
mein Vater, weil er Glasmacher war ist er geblieben. Nicht nur weil er
ein braver Deutscher war, aber weil er Glasmacher war und den hat
man gebraucht. Das war der einzige Grund, warum in unsrem Dorf
ziemlich viel Deutsche geblieben sind. Die mussten da bleiben, das
war nicht „durften“ oder „wollten“, die Deutschen waren ja in
Wirklichkeit ohne Rechte.
Aut
Auch das änderte sich wieder und in Lenora, wie der Name
inzwischen tschechisch lautete, ging alles seinen gewohnten
gläsernen Gang, bis... ja, bis...
O 23 Urmann
Die samtene Revolution hat die Kommunisten gestürzt, der Staat hat
sich von diesen Industriebetrieben gelöst und hat sie privatisiert. Ich
bin ja kein Fachmann aber jedenfalls war das ein Fehltritt, denn die
meisten Betriebe, die so schnell privatisiert worden sind, sind in den
Graben rein gegangen. Und das war auch der Fall von dieser
Glashütte. Der Eigentümer, der was das privatisiert hat, der hat keine
Ahnung vom Glas gehabt. Das waren Prager, das waren keine
Glasmacher und der hat nur reich werden wollen, jedenfalls hat das
nicht richtig funktioniert und dann hat er alles was auf Lager war
verkauft und dann hat er pleite gemacht. Ende.
Aut
Trauriges und plötzliches Ende einer langen Tradition. So wie in
Lenora ging es meist. Egon Urmann spricht bitter von Bestechungen
und Versicherungs-Absahnern. Heute gibt es wieder ein ganz kleine
Glashütte im Dorf, die Barbora-Hütte, die 5 Menschen ein
bescheidenes Auskommen bietet.
Noch eine schöne Geschichte hat Egon Urmann zu erzählen, die
Geschichte eines Liedes und eines Mannes namens Andreas
Hattauer:
15
O 24 Urmann
Der ist geboren in einer kleinen Glashütte oben in Hochmoorgebiet,
die Glashütte hat „Goldbrunn“ geheißen. Da ist im Mittelalter Gold
gewaschen worden auch. Und damals ist er zu uns gekommen, hat
das Glasgewerbe gelernt und – wie ein normaler Glasmacher: Immer
unzufrieden und Wanderblut, und dann ist er weiter gezogen nach
Nordböhmen, nach Nowibor, das heißt: Haider und da war schon
auch eine Hügellandschaft aber nicht dieser Wald wie bei uns, der
lebendige, immer grüne Wald, und da hat er Heimweh bekommen
und weil er Musikant war, ist ihm dieses Melodie und diese Worte
eingefallen : „Tief drin im Böhmerwald“ und so hat sich das langsam
weiterverbreitet und das Lied ist eine Hymne von unserem Gebiet
geworden und sogar die vertriebenen Deutschen: bei jedem Fest
wird das Böhmerwaldlied gespielt und gesungen. Das hat alles nur
mit dem Böhmerwald zu tun, mit diesem schönen Böhmerwald.
Musik 5 : Böhmerwaldlied (1 Strophe mit Refrain)
Aut
Das Böhmerwaldlied – also keine Vertriebenenhymne, es ist viel
älter. Lenora hat auch ein kleines Glasmuseum, aber von dem
wertvollen Glas aus der Blütezeit des Handwerks, vor allem um
1900, ist fast nichts mehr vor Ort.
Einen Teil der alten Pracht kann man allerdings in Passau
bestaunen. Dort hat ein Privatmann einen wahren Drachenhort
zusammengetragen: Georg Höltl, ein kleiner, vierschrötiger Mann im
Armani-Anzug fährt in einem nachtblauen Daimler vor, Kennzeichen
Pa-pi..
Immer noch ist er aufgeregt, wenn er Gäste durch das Museum führt,
sein Schatzhaus...
(O-Töne Höltl haben ein wenig Atmo, Autorin kann ohne bleiben, notfalls ist
Atmo 5 Glasmuseum vorh.))
O 25 Höltl
Ich habe hauptsächlich in England, in London gesteigert, also 80
Prozent der Gläser kommen aus London, von Sothebys, Christies warum? Weil dort das Geld war. Industrie funktionierte und die Kultur
floss dorthin ab. Und heute brauchen die Prinzen Geld und sehen
Sie hier: Wir sind mitten in der Abteilung „königliche Gläser“ aus allen
Königshäusern Europas sind hier die Gläser. Vor allem im 19
Jahrhundert war die Veredelungskunst derart groß und
unvergleichbar mit allen Jahrhunderten voraus! Hier das 19.
Jahrhundert war eigentlich die Krone der Glasveredelungskunst
überhaupt!
Das beste Glas war das böhmische Glas. Hier stehen wir vor einer
Vitrine, da sind vier Pokale die dem König von Preußen, König
16
Friedrich Wilhelm von Preußen gehörten, hier! Alexander von
Humboldt war dabei bei der Übergabe dieser Gläser, alles
dokumentiert!
Aut
Lange Jahre sei er fast allein am Markt gewesen, weil niemand sich
für Glas interessierte, behauptete er. Inzwischen wird er angerufen...
O 26 Höltl
Ganz hervorragende Gläser von Poschinger, Buchenau, die waren in
Chicago auf der Weltausstellung und den Grand Prix in Paris haben
die bekommen und da war der Sammler der Hüttenmeister selber,
der hat sich die besten Stücke behalten, ist verständlich und die
Enkelin hat mich angerufen, ob ich Gläser will, sie hat’s schon
zweimal Frauenau angeboten und die kommen nicht. Und da hab ich
gesagt: Poschinger aus Buchnau? Um Gottes Willen! Ich war am
nächsten Tag bei der Frau und hab diese zwei Vitrinen Gläser, die
wichtigsten Gläser dieser Zeit bekommen!
Aut
Die Sammlung ist einzigartig: 600 Vitrinen in vier Etagen,
europäische Glaskunst aus allen Epochen, berühmten Werkstätten,
Künstlern. Bemalt, geschliffen, in allen Farben. Geblasen, gedreht,
facettiert, mit Email belegt, mit eingeschmolzenen Perlen, vergoldet,
opak irisierend - vielschichtig, glitzernd, funkelnd - Bleiglas,
Kristallglas, Rubin- und Alabasterglas, Kobalt - orientalisch,
Biedermeier, Jugendstil... den Besuchern aus China stockt fast der
Atem:
O 27
Fantastic collection! I’ve never seen such a comprehesive collection,
never!
Atmo 2 Glasofen
Durandl
Der hat wahrhaft ein gläsernes Herz, der Georg Höltl! Ein tüchtiger
Mann! Hat mit 17 angefangen als Reisebusfahrer und sich nach und
nach ein weltweites Unternehmen rollender Hotels – Rotel –
aufgebaut, hat unterwegs jedes Museum besichtigt und sich so ein
Gefühl für Kunstwert selbst angeeignet!
O 28 Höltl
Ich hab tausende Gläser gesammelt und wusste ich nicht, welche
Gläser ich da kaufe. Aber, sehen Sie, die künstlerische Arbeit, die
musste man ja sehen, schauen Sie dieses Glas – Jugendstil,
hervorragende Arbeit, das musste was Gutes sein und heute wissen
wir von jedem Glas wo es herkommt.
17
Und jetzt hab ich die Gläser der Schönheit nach gesteigert, der
Veredelung nach, schaun Sie: das sind ja wunderschöne Stücke,
muss ja was Besonderes sein – und heute weiß ich’s! Früher wusste
ich das nicht. Niemand wusste das!
Aut
30 Jahre lang spürte Georg Höltl dem Glas nach. Frau Höltl tolerierte
die Ausgaben, sah zu, wie ihr Mann oft nachts von Reisen nach
Hause kam und Bananen-Kisten-weise schöne aber dubiose
Schätze ins Haus schleppte. 30.000 Stück waren es , als er vier
Häuser in der Passauer Innenstadt kaufte, restaurierte und zum
Museum umfunktionierte. Und er freute sich wie ein Kind, als dann
die Experten kamen und sich sein Gefühl bestätigte. Aber als
schwerreicher Sammler möchte er nicht begriffen werden:
O 29 Höltl
Ich bin kein Sammler sondern mir geht’s um die Sache.
Ich besitze kein Glas. Ich hab’s hier zusammen getragen für Europa.
Unsere Kultur ist das und die wollte ich sicherstellen , sonst gar
nichts!
Ich war mein Leben lang nie stolz und ich bin auch hier nicht stolz.
Musik 6: Glasharfe Mozart Sonate S-Dur (angespielt)
Atmo 2 Glasofen
Durandl
Eine von Deutschlands schönsten Ecken ist das hier im Bayerischen
Wald, und eine der kreativsten! Ja mei! Fast hätt ich das ganze
schöne Glasgeschäft kaputt gemacht! Stellen Sie sich bloß vor: ich
dummer Wicht – da habe ich es besonders gut gemeint mit einem
Glasmacher-Meister und hab ich ihm das Rezept für
unzerbrechliches Glas geschenkt!
Und da geht er ganz stolz zu seinem Fürsten hin und führt ihm das
vor: Werfen Sie es auf den Boden, gnädiger Herr! Mit aller Kraft!
Zerschmettern sie es! – der Fürst tut’s und begreift... Begreift aber
auch gleich, was das für Folgen hätte! Hat schließlich seinen Titel
bekommen, weil er mit dem Verkauf von Glas so reich geworden ist!
Und da verfluchte er den armen Glasmacher und ließ ihn hinaus
werfen! Keiner von den Hüttenherren wollte sein unzerbrechliches
Glas! An die Gurgel sind sie ihm gegangen! Verprügelt haben sie ihn!
18
Ich hab’s aber wieder gut gemacht und hab ihm was anderes
gezeigt. Puah! Das wär fast schief gegangen.
Geräusch 3 Glasperlen
Aut
Mit dem Namen „Glasstraße“ hofft man Touristen anzuziehen. Aber
die Glashütten, die wenigen, die es noch gibt, haben schwer zu
kämpfen.
Aut
Vielleicht ist es ja auch wirklich so: Glas geht und kommt wieder.
Eine neue Generation von Glasmachern ist schon da, Künstler, wie
Simone Fezer, die nicht verschult, sondern auf althergebrachte
Weise das Handwerk gelernt haben - auf der Wanderung von Hütte
zu Hütte, Atelier zu Atelier. Und wieder verändern sich Menschen
und Glas...
(O-Töne Fezer haben Atmo Glasofen)
O 32 Fezer
In der freien Szene gibt’s es eigentlich sehr viele Frauen, vor allem
Frauen, die es lernen. Es gibt so Aspekte des Glasblasens in der
freien Szene, die so als das macho-blowing bezeichnet werden, also
grad dieses Große, Schwere, du hast dann diese schweiß gebadeten Männer, die irgendwelche großen Stücke durch die
Gegend wuchten und das ist dann ganz toll und ... Ich fand das auch
immer ganz toll – von daher bin ich da eher in Konkurrenz getreten.
Was ich aber von den Hütten her kenne, da ist es schon interessant,
vor allem sind ja die Glasmacherhütten oft sehr in traditionellen
Gegenden, das heißt auch das Bewusstsein der Menschen, die in
diesen Hütten arbeiten ist nicht unbedingt dieses einer mit vielen
feministischen Frauen in Kontakt gekommenen Männern einer
Großstadt. Da braucht’s ne Weile bis man ihnen Respekt
abgerungen hat, aber dann hat man ihn als Individuum auch.
Atmo 2 Glasofen
Durandl
(brummig) Weiber in der Glashütte? Ja, wo kommen wir denn da
hin?! – (freundlicher) Obwohl, wenn’s so nett ausschauen wie die
Simone, braun gebrannt, honigblondes Haar, blaue Augen ... (wieder
brummig) ... aber Muskeln wie ein Kerl!
Aut
Du alter Macho! Aber - was ist es denn eigentlich – was fasziniert
uns so am Glas?
0 33 Fezer
Wir betrachten ja unsere Welt größtenteils durch Glas. Es hat eine
historische Qualität durch diese Gefäße, für die es hauptsächlich
verwendet wurde. Es hat die Qualität dieser Klarheit eben, die auch
19
als Metapher verwendet werden kann, wenn ich ein Stück mache, wo
ich praktisch Innenseite - Außenseite darstellen will, ...du kannst zum
Beispiel eine Blase nehmen, die ja auch im Sprachgebrauch als
Blasen in denen sich Menschen abschließen, diese kleine Kugeln
dieser Innenwelten in denen wir uns bewegen, dann natürlich die
Durchsicht immer wieder mit Malerei kombiniert oder mit Gravur, wo
man dann Transparenzen oder Halbdurchsichtigkeiten herstellen
kann, dann gibt’s im massiven Glas diese optische Qualität, wo
wieder mit der Wahrnehmung der Welt zusammen hängt.... ja: Licht
und Schatten ist etwas, womit man sehr schön arbeiten kann beim
Glas, gibts einiges.
O-Ton mit Atmo 2 verlängern für Durandl
Durandl
(Seufzt zufrieden) Ach ja, ein gutes Glas! Wenn das so funkelt und
schimmert im Kerzenlicht - was Schöneres gibt kaum!
Schlussmusik mit Absage
Spr.v.D.:
Glück und Glas,wie leicht bricht das!
Unterwegs auf der Glasstrasse in Bayern
Eine Deutschlandrundfahrt mit Sabine Korsukéwitz
Musik bis Ende
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