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Der Granit gehört zum Bayerischen Wald wie Rachel - Götzer Granit

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Der Granit gehört zum Bayerischen
Der Blick geht forschend nach
oben: Was der Steinbruch
preisgibt, kann selbst Lydia
und Manfred Sommer immer
wieder überraschen
Wald wie Rachel und Lusen. Seit mehr
als 500 Jahren nutzen die Menschen die
riesigen Vorkommen des Jahrmillionen
Führt das Granitwerk in
der dritten Generation:
Lydia Sommer
alten Gesteins. Ein Besuch im Steinbruch
der Familie Sommer in Hauzenberg
Leidenschaft für
das „graue Gold“
Arbeit und Brot für viele Menschen
Lange Zeit prägte der Granit das Leben vieler Menschen
in diesem östlichsten Zipfel Bayerns. Suchten sie den harten,
vielseitig verwendbaren Stein anfangs noch auf den Feldern,
um daraus Wälle, Kirchen und Burgen zu bauen, wurden
92 | Land & Berge
im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert richtige
Steinbrüche erschlossen, um den Baustoff in den gewünschten Mengen zu gewinnen. Und die Eisenbahn sorgte dafür,
dass die Granitsteine schnell zu ihren Abnehmern gelangten. Das Schloss Charlottenburg in Berlin, die Uni München
oder die Ruhmeshalle in Regensburg: Sie alle sind mit Granit aus dem Bayerischen Wald gebaut. 200 Steinbrüche gab
es im Laufe der Jahre allein in der Region um Hauzenberg.
Der Großvater hatte große Pläne
Diese lange Geschichte wird wieder gegenwärtig, wenn
man im Steinbruch des Götzer Granit- und Schotterwerks
in der Nähe von Hauzenberg steht: Imposant ragen die
Wände empor, aus denen die Rohblöcke gesprengt werden,
die später oben in den Steinhauerhütten verarbeitet werden.
Seit Anfang der 1930er-Jahre befindet sich der Steinbruch
im Besitz der Familie Götzer, aus der Manfred Sommers
Frau Lydia stammt. Ihr Großvater hatte ihn gekauft, um sich
in dem damals florierenden Gewerbe eine Existenz aufzubauen. Doch der Zweite Weltkrieg machte alle Zukunftspläne des Großvaters zunichte. Er fiel im Krieg. Das Gelände
wurde erst einmal verpachtet.
Ende der 1950er-Jahre war schließlich der älteste Sohn,
der Vater der heutigen Besitzerin, alt genug, um nach der
Ausbildung zum Steinmetz die Geschäfte selbst zu führen.
Die Familie nahm das Geschäft wieder auf. Ein günstiger
Zeitpunkt: Die deutschen Wirtschaftswunderjahre ließen
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Fotos: Gabriele Zelisko (2), Manuel Kreuzer
L
achend sitzt Manfred Sommer am Steuer seines
giftgrünen Geländewagens und meint: „Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen, die einen wirklichen
Grund haben, mit so einem Fahrzeug unterwegs zu
sein.“ Ob er merkt, wie mulmig mir zumute ist? Wir fahren
nämlich gerade die steile Rampe des Granitsteinbruchs
Götzer hinab, die zur Sohle des Abbaugeländes führt. Zum
Glück ist die Strecke nur kurz, und ich vertraue dem Fahrer,
schließlich macht er das nicht zum ersten Mal. Von April bis
November ist er täglich hier unterwegs, um den technischen
Betrieb am Laufen zu halten.
Die Fahrt gerät auch zu einem kleinen Ausflug in die
Erdgeschichte: Manfred Sommer erklärt mir, was es mit
dem „grauen Gold“ in dieser Region überhaupt auf sich hat.
Wir sind hier nämlich mitten im Bereich des Hauzenberger
Granits – dem zweitgrößten Granitvorkommen im Bayerischen Wald, entstanden vor 320 Millionen Jahren. Seit dem
15. Jahrhundert wird das Gestein, das hier auf einer Fläche
von 60 Quadratkilometern zu finden ist, für Bauten genutzt.
Seit gut 500 Jahren also – und trotzdem eine gemessen am
Alter der Steine winzige Zeitspanne.
Früher gang und gäbe,
heute jedoch selten: Im
Granitwerk Götzer werden
einzelne Stücke noch von
Hand bearbeitet
Land & Berge | 93
Hartes Brot: Die
historische Aufnahme
zeigt Steinhauer im
Südlichen Bayerischen
Wald um 1925
Solche riesigen Findlinge treten
manchmal aus dem Massiv zutage.
Ausgebohrt eignen sie sich ideal zum
Bepflanzen oder als Wassertröge
die Nachfrage nach Baustoffen steigen. Trotzdem hatte das
Steingewerbe im Bayerischen Wald immer wieder Höhen
und Tiefen zu verkraften. „Aber Jammern gehört vielleicht
auch ein bisschen dazu“, vermutet Lydia Sommer. Sie hat
von klein auf zu hören bekommen, „dass gerade kein guter
Stein aus der Wand kommt, die Preise schlecht, die Lagerplätze zu voll sind.“ Und sie hat immer wieder miterlebt,
dass dann doch wieder eine gute Phase folgte.
Wo große Grantiblöcke
klein gemacht werden: Lydia
Sommer mit Tochter Klara
(21) und ihrem Mann Manfred
in der Steinhauerhütte
Was beim Abbau übrig
bleibt: Schotter wird beim
Straßenbau verwendet als
Schicht unter dem Teer
94 | Land & Berge
Fotos: Gabriele Zelisko (2), Manuel Kreuzer (2), Bildarchiv Granitzentrum Bayerischer Wald
Zwei Sozialpädagogen im Steinbruch
Die Entscheidung, den Betrieb weiterzuführen, machten
sich Lydia Sommer und ihr Mann Manfred nicht leicht.
Beide hatten vorher Sozialpädagogik studiert, manches ausprobiert und dem Bayerischen Wald erst einmal den Rücken
gekehrt. „Aber so einfach lässt man dann doch nicht
zurück, was die Eltern über viele Jahre aufgebaut haben“,
sagt Lydia Sommer. „Und der Granit hat hier eine große
Tradition, der man sich gar nicht so leicht entziehen kann.“
Mehr als 20 Jahre hatte Lydia Sommers Vater den Steinbruch vorangebracht, als er 1979 unerwartet starb. Wie
schon in der Generation zuvor, blieb erneut eine Witwe
zurück, die eine Entscheidung über die Firma zu treffen
hatte. Maria Götzer hatte zwar bis dahin das Büro geführt,
war aber mit den technischen Abläufen im Steinbruch nicht
vertraut. Und die Steinhauer des Bayerischen Waldes, die
früher wie heute im Akkord arbeiten und Wert auf selbstbestimmtes Arbeiten legen, galten als raue Gesellen: Die
würden sich von einer Frau nichts sagen lassen, lautete
der allgemeine Tenor. Freunde und Bekannte rieten Maria
Götzer, besser zu verkaufen. Doch davon ließ sie sich nicht
beeindrucken. Hartnäckig, zielstrebig und unterstützt von
einem verlässlichen Betriebsleiter zeigte sie es jenen, die ihr
das zweifelsohne schwierige Geschäft nicht zugetraut hatten.
Die „eiserne Lady“ aus Hauzenberg zeigte neben Autorität
aber auch viel Herz, eine wirkungsvolle Kombination. Noch
heute – sie ist inzwischen 87 Jahre alt und hat sich längst
aus dem Geschäft zurückgezogen – lassen „ihre“ Steinhauer
nichts auf sie kommen.
Als mit zunehmendem Alter der Chefin die Frage nach
der Zukunft des Familienbetriebs wieder im Raum stand,
schaute Tochter Lydia ihrer Mutter zunächst eine Saison
lang über die Schulter, fuhr täglich in den Steinbruch, um
alle Abläufe kennenzulernen – von der Sprengung der
großen Rohblöcke aus dem gewaltigen Steinmassiv über die
Weiterverarbeitung bis hin zum Verladen und Abtransport.
„Das war mein Probejahr, und erst danach fiel die Entscheidung, wir machen weiter.“ Auch Manfred Sommer fand die
Herausforderung reizvoll. Er hat sich eingearbeitet. Und
noch viel mehr als das: Wenn man ihm heute zuhört, merkt
man schnell, dass er eine echte Leidenschaft für den Granit
entwickelt hat.
Im Winter ruht der Granitabbau
Heute teilt sich das Paar die Arbeit ganz klassisch: Er kümmert sich um „das Grobe“, also um alles, was im Steinbruch
passiert. Sie übernimmt im Büro den kaufmännischen Teil
und die Organisation. „Bereut haben wir es nie“, sind sich
beide einig. Auch wenn sich manche Erwartungen nicht
bewahrheitet haben. Vor allem die Aussicht auf vier Monate
Freizeit im Winter, in denen der Steinabbau ruht, erwies
sich als Trugschluss. Denn in dieser Zeit ist viel Arbeit zu
erledigen, die bei laufendem Betrieb liegen geblieben ist.
Außerdem fiel die Übernahme 1990 in eine Zeit, in der es
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Granitstein: Ein wirklich
harter Brocken
Die Bezeichnung Granit (abgeleitet vom lateinischen
„granum“ für Korn) ist ein Sammelbegriff für verschiedene Gesteine ähnlicher Zusammensetzung und Eigenschaften. Sie entstanden bei der
Kollision von Kontinentalplatten. Dabei stieg Magma aus
dem Erdinneren auf und erstarrte innerhalb der Erdkruste,
in Tiefen von mehreren Kilometern. Granit ist somit ein
Tiefengestein, das erst durch weitere Bewegungen der
Erdkruste und Abtragung darüber befindlicher Schichten
an die Oberfläche gelangte. Granite sind auf allen Erdteilen zu finden und wegen ihrer sprichwörtlichen Härte
und Widerstandskraft („auf Granit beißen“) vor
allem bei Gebäuden, im Straßen- und Gartenbau gefragt,
doch auch Steinbildhauer arbeiten gern mit diesem Material. Das Hauzenberger Massiv umfasst ein Gebiet von
etwa 60 Quadratkilometern, der Granit ist schwarz-weiß
gesprenkelt. Er kann leicht bläulich bis grau gefärbt sein
oder einen gelben bis bräunlichen Grundton haben.
Blaugrau und wegen der
besonders feinen Körnung
ebenflächig spaltbar – das
zeichnet den Stein aus dem
Granitwerk Götzer aus
Mit dem Geländewagen die Rampe
hinunterzuholpern, das ist Manfred
Sommer gewohnt. Den Beifahrern
verschlägt es schon einmal den Atem
Tipp: Hauzenberger
Granitwanderweg
Fortschritt: Die Bahnstrecke
von Hauzenberg nach
Passau wurde 1904 eröffnet
Der 20 Kilometer lange, mittelschwere GranitErlebnis-Wanderweg führt zwischen Hauzenberg
und Sonnen zu Steinbrüchen, in denen noch Granit
abgebaut wird, und anderen, die stillgelegt wurden.
Museum: Das Granitzentrum
In letzteren sind Biotope entstanden, die wieder
Das 2005 eröffnete Granitzentrum in Hauzenberg liegt an
der Bruchkante eines alten Steinbruchs. Dort ist alles über
den Stein zu erfahren, der die Region über Jahrhunderte
geprägt hat. Alles toll aufbereitet, mit Kino und Ausstellungen. Überall begegnet man Granit, an manchen Stellen
wächst er sogar durch die Wände. Nicht umsonst wurde
das Gebäude mit Architekturpreisen bedacht. Draußen im
Schausteinbruch können Besucher in der Kantine der
Steinhauer vespern. Auch zur heutigen Verwendung von
Granit wird beraten. Weitere Auskünfte: Granitzentrum
Bayerischer Wald, Tel.: 0 85 86/22 66, www.stein-welten.de
vielen, teilweise seltenen Pflanzen einen Lebensraum bieten. Auf Schritt und Tritt begegnet
man Beispielen, wie der Granit vor Ort verwendet
wurde und wird: als Straßenbelag, Bordstein, Türund Fenstergericht, Marterln, Wassertröge, Skulpturen bis zu ganzen Häusern und Kirchen. Bester
Ausgangspunkt ist das Granitzentrum in Hauzen-
In den 60er-Jahren
transportierten
Lkw die großen
Blöcke aus dem
Steinbruch. Heute
tun das Bagger
und Radlager
berg. Der Weg führt über die Orte Freudensee,
Oberfrauenwald, Geiersberg, Auhäusl, Oberneu-
mit dem Bayerwaldgranit schwierig wurde: Denn mit der
Öffnung des Eisernen Vorhangs drängten verstärkt Importe
aus Osteuropa auf den Markt, die Preise brachen ein. Hinzu
kamen auch noch Billigimporte aus Indien und China. „Es
herrscht ein ständiger Verdrängungswettbewerb“, erzählt
Manfred Sommer.
reuth, Schauberg bis Sonnen. Unterwegs gibt es
Einkehrmöglichkeiten, auf halber Strecke empfiehlt
sich die „Sonnenalm“ im Geiersberg mit einer herrHauzenberg verkehrt ein Bus. Infos: Tourismusbüro
Hauzenberg, Tel.: 0 85 86/30 30, www.hauzenberg.de
In den stillgelegten
Steinbrüchen kommt
die Natur wieder zu
ihrem Recht: An den
Felswänden und in
Abraumhalden sind
nach und nach Biotope
entstanden, in denen
seltene Pflanzen und
Tiere zu Hause sind
Fotos: Gabriele Zelisko (2), Manuel Kreuzer, Dionys Asenkerschbaumer, Bildarchiv Granitzentrum Bayerischer Wald (2)
lichen Panoramaterrasse. Von Sonnen zurück nach
Das Spalten von Hand ist eine Kunst
Aber Resignieren ist nicht die Art der beiden, für sie
zählt, auf Veränderungen zu reagieren. 2001 gründeten sie
einen eigenen Steinhandel. Denn von den Großhändlern
fühlten sie sich nicht mehr gut vertreten. Sie vermissten das
Engagement für heimische Produkte. „Irgendwie sind wir
da Idealisten, wir suchen uns die passenden Partner, die die
Wertigkeit unserer Produkte zu schätzen wissen. Und von
denen gibt es immer mehr.“
Das Spalten der Steine per Hand ist eine Besonderheit
bei Granit Götzer. Der Betrieb ist einer von nur zwei oder
drei in der gesamten Region, die neben der Spaltung mit
hydraulischen Maschinen eine handwerkliche Schiene
beibehalten haben. Offiziell gilt der Beruf des Steinhauers
heute als ausgestorben, im Betrieb von Lydia und Manfred
Sommer kann man diese Handwerker aber noch täglich bei
der Arbeit beobachten. Ihnen ist es ein Anliegen, diese über
Jahrhunderte überlieferte Kunstfertigkeit zu bewahren, die
viel Gespür und einen guten Blick für den Stein voraussetzt.
Die Arbeit an den hydraulischen Spaltmaschinen, die
heute gängig sind, erfordert kein tief gehendes Wissen und
Gespür für den Stein. Doch wozu soll das alte Handwerk
denn gut sein, wenn die modernen Maschinen die Arbeit
effizienter erledigen? „Man kann das ganz gut mit der Holzverarbeitung vergleichen“, erklärt Manfred Sommer. „Früher musste ein Zimmermann einen guten Blick für Wuchs
und Eigenheiten eines Baumstammes haben, damit er ihn
ordentlich verarbeiten konnte. Bei den modernen Maschinen spielt das keine große Rolle mehr.“ Mit dem Stein
verhält es sich ähnlich: „Die maschinellen Produkte sind
im Vergleich zur handwerklichen Verarbeitung seelenlos“,
urteilt Manfred Sommer. Mit ihren perfekten Schnittkanten
weichen sie kein bisschen von der vorgegebenen Norm ab,
entsprechend eintönig ist die Wirkung, wenn sie verlegt
sind. „Ein Pflaster oder eine Mauer aus handgespaltenen
Steinen besitzt viel mehr Leben“, ist sich Manfred Sommer
sicher. Ein prominentes Beispiel dafür ist das Pflaster für
den Platz vor der Münchner Synagoge. Es stammt aus dem
Granitwerk Götzer – handgespalten natürlich.
Vielleicht macht Tochter Klara weiter
Die Sommers bieten die Gelegenheit, den Steinhauern bei
der Arbeit über die Schulter zu schauen. Hat man einmal
verfolgt, wie viele Arbeitsgänge nötig sind, bis ein Pflasterstein fertig zum Verladen ist, betrachtet man so einen Platz
oder eine Straße mit ganz anderen Augen. Und im Steinbruch bleibt es spannend: „Unwägbarkeiten gibt es immer“,
meint Lydia Sommer. Doch sie und ihr Mann haben im
Laufe der Jahre die nötige Gelassenheit entwickelt. „Die
Aufgaben ändern sich ständig. Das ist einerseits anstrengend, andererseits macht genau das die Sache aber auch
Ausgangsstoff und
fertiges Produkt:
Schön poliert
kann Granit so
glänzen, dass sich
Lydia und Manfred
Sommer mühelos
darin spiegeln
können
so interessant.“ Und weil die Leidenschaft für den Granit
in der ganzen Familie brodelt, kann sich auch Tochter
Klara, 21, vorstellen, den Steinbruch einmal weiterzuführen.
Dass Frauen das können, hat schließlich schon ihre Oma
Maria bewiesen. Gabriele Zelisko
Info Von Mai bis November werden durch das Götzer
Granit- und Schotterwerk kostenlos Führungen angeboten. Sie finden immer mittwochs um 10 Uhr statt. Weitere
Auskünfte und Anmeldung beim Götzer Granit- und Schotterwerk, 94051 Hauzenberg, Tel.: 0 85 86/12 84, oder bei
einStein Natursteinhandel, Tel.: 0 85 86/97 62 20, E-Mail: info@
alle-steine.de. Infos auch online unter www.granit-goetzer.de
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