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1) Was hat Dich zum Schreiben bewegt? Wie hast Du zu - DAAD

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Christian Strowa, DAAD London, im Gespräch mit Jan Brandt, diesjährigem DAAD Writer in
Residence und Autor des Erfolgsromans “Gegen die Welt” (Dumont Verlag, 2011)
1) Was hat Dich zum Schreiben bewegt? Wie hast Du zu schreiben angefangen?
Mit dem Schreiben habe ich in der Grundschule angefangen, kleine Erlebnisse, aber nicht
im Tagebuchstil, sondern als Kurzgeschichte, die kollektive Biographie fiktional
verfremdet. Ich wollte verstehen, warum die Menschen um mich herum so anders sind als
ich selbst; deshalb versuchte ich, die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen.
Meinen ersten Roman habe ich in den Osterferien 1992 geschrieben, mit 17, 200 Seiten
in drei Wochen auf dem C64, stark beeinflusst von Charles Bukowski; es ging um
Alkohol und Sex, ein Roman ohne Erfahrungshintergrund. Während des Studiums immer
wieder Schreibattacken, Coming Out als Autor 1998 in England während eines ErasmusJahres am UCL, Füllen von Erfahrungslücken, danach – kein Kausalzusammenhang –
erste Veröffentlichungen von Kurzgeschichten.
2) Welche Bücher, Filme und Serien haben Dich am meisten geprägt?
Die großen Romane: Laurence Sterne „Tristram Shandy“, Herman Melville „Moby
Dick“, Thomas Mann „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, James Joyce „Ulysses“,
Vladimir Nabokov „Lolita“, die drei Johnsons: B. S. Johnson „The Unfortunates“. Uwe
Johnson „Jahrestage“, Denis Johnson „Already Dead“; Stephen Kings „Shining“, „The
Stand“, Zadie Smith „White Teeth“, Tristan Egolf „Lord of the Barnyard“, Mark Z.
Danielewski „House of Leaves“; die Erzählungen von Franz Kafka, Alice Munro und
Andre Dubus.
Filme: „Zurück in die Zukunft I-III“, „Donnie Darko“, „Wonderboys“;
Fernsehserien: „Heimat“, „V“ „Twin Peaks“.
3) Wie würdest Du Dein Erasmusjahr am UCL rückblickend beschreiben?
Alles auf Anfang. Ich konnte Deutschland hinter mir lassen, meine ganze
Identität; in England habe ich mich zum ersten Mal viel mehr als Europäer
wahrgenommen und in einem globalen Zusammenhang gesehen; plötzlich ging es
nicht mehr nur um deutsche Geschichte, deutsche Literatur, deutsche Nachrichten,
deutsche Freunde, sondern um die ganze Welt, das war ungeheuer befreiend.
4) Beschreibe Deine Erfahrungen als DAAD Writer in Residence ...in der 3. Person!
Jemand musste J. vorgeschlagen haben, denn ohne dass er selbst etwas dafür getan hatte,
wurde er eines Morgens nach England eingeladen. In Oxford wurde J. im Lincoln
College einquartiert und von drei charmanten jungen Frauen in Empfang genommen, die
ihm das wahre Jericho zeigten: eine völlig vergeistigte Art der Provinz; zum High Table
Dinner einluden und ihn in die Kunst des stilvollen Trinkens einführten. Das Ganze
wiederholte sich in Cambridge, nur mit dem Unterschied, dass es mehr Dinner und mehr
Drinks und mehr Damen gab, er im Gonville & Caius logierte, sich den Evensong in der
Chapel des King’s College anhörte (während draußen Dutzende Studentinnen lautstark
gegen eine Rede von Dominique Strauss-Kahn protestierten), den Senior Parlour Room
mit Napalm Death beschallte, vor Husten und Heiserkeit kaum lesen konnte und erst
durchs Punten auf der Cam geheilt wurde, das aber vollständig.
An dem Tag, als er sein WG-Zimmer im Ostlondoner Stadtteil Dalston am Regent’s
Canal bezog und in der Wirklichkeit ankam, wurde ein Torso aus dem Wasser gefischt,
die Leiche einer Frau, eine ehemalige Schauspielerin aus der Fernsehserie „EastEnders“.
Bei jedem Blick aus dem Fenster meinte er von da an, in den Plastiktüten oder den
Gänsen, die auf der Oberfläche trieben, einen Kopf zu erkennen, Arme und Beine, Hände
und Füße. Um darüber nicht den Verstand zu verlieren, ließ er sich von den männlichen
DAAD-Agenten zu sehr vielen Pints überreden, zum Angrillen bei Regen, zu WiiSpielen und zu Zeitzeugenaussagen von Erlebnissen, die er selbst nur am Fernsehen
verfolgt hatte – Geschichte aus zweiter Hand.
Immer wieder wiesen die beiden DAAD-Agenten, die ihn nach England eingeladen
hatten, darauf hin, dass er ja neben seinen Aufenthaltspflichten auch noch Zeit zum
Schreiben haben müsse, in der Hoffnung, dereinst in seinen Tagebüchern erwähnt oder zu
literarischen Figuren seines zweiten Romans zu werden, womöglich zu Plutoniern,
gleichzeitig spannten sie ihn mit Übersetzungskursen und Pubcrawls derart ein, dass er es
in vier Wochen nicht schaffte, seiner Mutter eine Postkarte zu schicken, um sie darüber
zu informieren, dass er gut angekommen sei.
In den wenigen ruhigen Momenten spazierte er am Kanal entlang zu David Wagners
Schriftstellerresidenz am Queen Mary College, hörte sich Altenheimjazz im Palm Tree
an, las am UCL und am Kings College und an der Deutschen Schule aus seinem
umfangreichen ersten Werk und musste sich einmal, im Anschluss daran, von einer
Zuhörerin als „Sie Arschloch“ beschimpfen lassen, woraufhin er ihr sofort das Du anbot.
Nachtrag:
Der Kopf der Wasserleiche ist bis heute nicht gefunden worden.
„Against The World“ erscheint 2014 bei Seagull in Indien.
Die Scham wird ihn nicht überleben.
5) Ein junger Student im Ausland fragt Dich, ob Du ihm ein deutsches Buch
empfehlen kannst. „Gegen die Welt“ hat er schon. Welches Buch empfiehlst Du
ihm?
Thomas Glavinic „Die Arbeit der Nacht“. Gibt’s auch auf Englisch: „Night Work.“
6) Stephen King hat einmal gesagt, er wünsche sich, er hätte Der Herr der Fliegen
geschrieben. Gibt es ein Buch, das Du gerne geschrieben hättest?
Denis Johnsons Novelle „Train Dreams.“
7) Kannst Du uns etwas zu Deinem nächsten Projekt erzählen?
Der nächste Roman handelt von deutschen Auswanderern und Selbstmördern, ein
Thema, das britischen Lesern deutschsprachiger Literatur dank W. G. Sebalds
„Die Ausgewanderten“ nicht ganz fremd sein dürfte, allerdings wandern meine
Protagonisten, in die USA aus, von Ostfriesland nach Kansas City, den
Mittelpunkt der Hölle.
8) Im Ausland kommen Deutsche häufig als arrogant rüber, im Inland heißt es
oft, sie seien zu selbstkritisch. Worin begründet sich Deiner Meinung nach diese
Diskrepanz?
Sobald man die Landesgrenzen verlässt, verschiebt sich die Selbstwahrnehmung.
Plötzlich erscheint die eigene Herkunft, die eigene Leistung in einem völlig anderen
Licht. Ich habe in London aber nur arrogante Banker kennengelernt – und die kamen aus
der ganzen Welt; Selbstkritik ist ihnen fremd, egal, wo sie ihre moralisch zweifelhaften
Geschäfte betreiben.
9) Was hat Dich bei Deinem Aufenthalt in England am meisten überrascht?
Die Gesprächskultur, die hohe Kunst des Smalltalks. Im Pub, beim Dinner lernt man
wildfremde Menschen kennen, kann sich stundenlang wunderbar angeregt auf höchstem
Niveau mit ihnen unterhalten, um dann, ohne Emailadressen oder Telefonnummern
auszutauschen, auseinanderzugehen – mit dem nachhaltigen Gefühl, interessante Leute
kennengelernt und Entscheidendes erfahren zu haben.
10) Was erzählst Du im Berliner Freundeskreis von Deinen vier Wochen London?
Und was verschweigst Du?
Ich erzähle ihnen lang und breit von den attraktiven, klugen, witzigen und weltgewandten
DAAD-Agentinnen, von der Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der ich in
Oxbridge aufgenommen wurde, von den Ritualen beim High Table Dinner; von der
Pubkultur, den viel zu kurzen Abenden mit den trinkfesten, schlagfertigen, über alles
erschreckend gut informierten DAAD-Agenten in London – und verschweige ihnen, dass
ich sie die ganze Zeit über nicht vermisst habe.
11) Daniel Kuper hat in Deinem Roman eine Begegnung der dritten Art. Was war
Deine ungewöhnlichste Begegnung?
In der Küche meiner WG in Dalston lebte eine Ratte. Wir waren beide nachtaktiv, sind
uns aber trotz vieler gemeinsam verbrachter Stunden fremd geblieben.
12) Wenn nur Du wüsstest, dass morgen die Welt endet, wie würdest Du die letzten
24 Stunden der Menschheit verbringen?
Ich würde meinen Bademantel anziehen, ein Handtuch einpacken und bis zur letzten
Minute auf Ford Prefect warten.
13) In Deinem Roman beschreibst Du u.a. die Langeweile, Einsamkeit und Paranoia,
die das Aufwachsen in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt, mit sich
bringen kann. Kannst Du Dir dennoch vorstellen, wieder aus Berlin zurück in
Dein Heimatdorf zu ziehen? Was wäre einfach, was schwierig?
Es gibt keinen Weg zurück.
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Seele and Geist
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