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Er ist der Rücken-Papst der Schweiz, prägt die - Kieser Training

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BLUMENPRACHT IM VAL MÜSTAIR
Werner Kieser wandert gerne. Hier mit
Frau Gabriela, Rottweiler Volta und
Bergamasker Aira, der oft in Lü als Gast
dabei ist.
Er ist der Rücken-Papst der
Schweiz, prägt die internationale
Fitnessszene wie kein anderer.
WERNER KIESER steht für
Kraft, Gesundheit, Minimalismus.
Ein Besuch beim Unternehmer
und Philosophen in seinem
­Ferienhaus im Val Müstair.
Der Muskel-G uru und sein Lü
SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 45
Die Luft ist dünn, aber
die Sicht klar. Genau wie
der Verstand der Menschen
hier! WERNER KIESER
MINIMALISTISCH Das Ferienhaus von Werner und Gabriela
Kieser besteht aus nur zwei Materialien, Beton und Arvenholz.
S
TEXT UELI WALTHER
FOTOS FABIENNE BÜHLER
echzig Menschen, achtzig
Kühe, ein paar Pferde und
Hunde. Das ist Lü. Das Bergdorf liegt hoch oben auf
1920 Metern über Meer, ist
bekannt seit 1992 – als Widerstandsnest: als einzige Gemeinde der Schweiz,
in der alle einhellig gegen den EWR-Beitritt stimmten.
Widerstand, das gefällt Werner Kieser, 73. «Der Mensch wächst am Widerstand» ist einer seiner Leitsätze.
«Widerstand stachelt ihn an», bestätigt
Ehefrau Gabriela, 54. Dabei wirkt der
46 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE
Mann mit der kräftigen Statur und dem
breiten Rücken, dem weissen Stoppelhaar und der markanten schwarzen
­Nickelbrille nicht eben konfrontativ,
sondern freundlich.
Kieser ist der Schweizer FitnessPapst, der Rücken-Guru. Lü ist sein
neues zweites Zuhause. Der Zufall
­
­verschlug die Kiesers auf die Sonnen­
terrasse im Val Müstair. Fündig wurden
sie durch ein Inserat für günstiges Bauland (150 Franken der Quadratmeter).
«Lü? Nie gehört. Tönt eher chinesisch»,
dachten sie sich. Trotzdem gingen sie
hin, waren begeistert. «Auf 2000 Metern
über Meer ist die Luft dünn, aber die
Sicht klar. Genau wie der Verstand der
Menschen hier oben», sagt Kieser.
Das Ferienhaus ist im Mai 2012
fertig geworden, gebaut von Architektin
Carole Iselin, der Schwester von
­Gabriela. Hier wollen die Kiesers im Jahr
12 bis 15 Wochen verbringen. Der Bau
passt zu Kieser. «Weniger ist mehr» lautet sein zweiter Leitsatz. Entsprechend
puristisch, ja minimalistisch ist das
Haus. Es besteht aus nur zwei Materia­
lien – Beton und Arvenholz –, hat nur einen rechten Winkel. Ein krasser Gegensatz zur ländlich rustikalen Umgebung.
Eine bewusste Provokation von
­einem, der sich Individualanarchist
nennt? «Nein», sagt Kieser. Doch er
weiss: «Das Haus polarisiert!» Selbst
Freund Sepp, 96, der auf eine Tasse Tee
und Bündner Nusstorte hereinschaut,
findets «leider gar nicht schön», wie er
händeringend zugibt. Kieser lacht.
Kritik beirrt ihn nicht, weder geschäftlich noch privat. Er zieht seine Linie
durch, stur wie er ist. Er findet sein
Haus, das herrlich nach Arvenholz
riecht, «authentisch und ehrlich». Sagt:
«Die ­Reduktion auf nur zwei Materia­
lien beruhigt.»
Die grossen Linien des «Œuvre»
hat Kieser vorgedacht, die Detail­arbeit
überliess er gerne seiner Ga­briela, u
GUTES TEAM
Werner und
­Gabriela Kieser
sind seit 34 Jahren
ein eingespieltes
Paar. RottweilerWeibchen Volta
schaut treuherzig.
Sie gehorcht gut –
aber nicht immer.
TRAUMRAUM Die Inneneinrichtung passt zum puristischen Stil
des Hauses. Offene Winkel vermitteln ein neues Raumgefühl.
GESTYLT An der Wand hängt Kunst von Freunden. Der Tisch ist
blau wie das Firmenlogo. Hündin Aira (Bergamasker) ists wohl.
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WOHLKLINGEND Vor drei Jahren
begann Kieser mit dem Schwyzerörgeli.
Er tönt schon «fast perfekt».
Werner braucht den Widerstand,
das stachelt ihn an GABRIELA KIESER
«weil die das besser kann». So halten
es die Kiesers, die sich seit 34 Jahren
kennen, auch im Geschäft. Er ist
Verwaltungsratspräsident des Kraft-­
Imperiums, Stratege und Visionär,
entwickelt neue Maschinen. Sie ist
als Mitbesitzerin die Praktische, berät
als Ärztin die Kunden beim Training, hat
dank ihrem MBA (Wirtschaftsstudium)
die Zahlen im Griff.
Bereits 1960 baut Kieser sein erstes Studio – in der Waschküche seines
Elternhauses. Die Geräte schweisst er
aus 40 Tonnen Alteisen selber zu­
sammen. Als Vorlage dienen ihm Bilder
aus amerikanischen Kraftsport-Magazinen. 1967 eröffnet der gelernte Schreiner sein erstes Trainings-Center in
Zürich. Derzeit zählt seine Gruppe weltweit 143 Trainingszentren (eigene und
u
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Franchiseunternehmen). Die meisten
davon stehen in Deutschland. 280 000
Kunden kräftigen sich bei Kieser.
In der Schweiz macht sich Kiesers
Franchisenehmer 2011 selbstständig,
geht eigene Wege, firmiert neu als Exersuisse. Kieser muss deshalb quasi als
Jungunternehmer sein Stammland neu
erobern. Sieben eigene Studios sind es
heute. Sie sind nüchtern und funktional,
ohne Firlefanz und Wellness-Oasen.
­Dafür stehen darin ausgeklügelte Kraftgeräte, neuestens die weltweit erste
­Maschine zum Trainieren des Becken­
bodens – was gut für die Libido sein soll.
Mit Krafttraining kennt sich Kieser
aus. Das beweist er in seinem Blog,
wo er Trainingstipps gibt und Fragen
beantwortet. Er kann es differenziert,
aber gerne auch zugespitzt. «Ein starker
Rücken kennt keine Schmerzen», sagt
er. «Die Evolution hat kein Interesse,
dass wir älter als 25 Jahre werden. Das
ist unser Verfallsdatum – wenn wir
nichts dagegen tun.» Kieser macht
zweimal 30 Minuten Krafttraining pro
Woche. «Viele Menschen trainieren
zu viel, aber zu wenig hart», urteilt er.
Zudem geht er gerne mit seinem Rottweiler-Weibchen Volta, 4, und Gabriela
wandern. Lü ist dafür ideal.
Zu Lü passt auch das Schwyzer­
örgeli. Vor drei Jahren hat er damit begonnen. «Weil es Spass macht und weil
ein Instrument lernen das beste Bodybuilding für den Kopf ist.» Das halte ihn
jung: «Ich bin glücklich, Zeit für Neues
zu haben.» Etwa für die Philosophie, die
ihn seit je begeistert. Er hat an der Open
University in Milton Keynes, England,
einem Bachelor gemacht und arbeitet
derzeit an der Masterarbeit.
Neu denkt der Philosoph auch die
Schweiz. Dabei dient ihm sein Lü – der
Alltag der Menschen – als Vorbild für
ein neues Gesellschaftsmodell, bei dem
«jeder Mensch für sich sorgt, weil er
niemandem zur Last fallen will – und
­zugleich stets bereit ist, einzuspringen
und den anderen zu helfen. Weil er
weiss, dass es das nächste Mal ihn treffen könnte», schreibt Kieser in der Zeitschrift «Schweizer Monat». Die Schweiz
profitiere von ihrer Kleinräumigkeit. Sie
müsse sich als «europäisches Gegenmodell weiterentwickeln, die direkte
Demokratie ausbauen, das duale Ausbildungssystem (Studium und Lehre)
hochhalten und die wirtschaftlichen
und wissenschaftlichen Kontakte mit
aussereuropäischen Staaten intensivieren.» Das sei nicht konservativ, sondern
vorausschauend, findet Kieser und
­lächelt verschmitzt.
Nicht konservativ seien sie hier
oben, sagen die Menschen in Lü. Sie
hätten nur «gesunden Menschen­
verstand». Den besitzt auch Werner
Kieser. Und ganz viel Cleverness und
Sturheit. Das hat ihn stark gemacht, als
Unternehmer und Mensch. 
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