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(So.) 21.Sept.

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Gedanken zum 25. Sonntag im Jahreskreis
Das Gleichnis schildert einen Vorgang, wie er im Orient
bis auf den heutigen Tag vorkommt. Die Arbeitswilligen
sammeln sich nach Sonnenaufgang auf einem Platz und
warten auf Grundbesitzer und andere wohlhabende
Leute, die sie für die Arbeit dingen. Wer zuerst kommt,
kann sich dann die besten Arbeitskräfte aussuchen. Übrig
bleiben die Alten und die nicht voll Arbeitsfähigen. Der
Tageslohn betrug damals, wenn er in bar ausbezahlt
wurde, einen Denar. Man konnte damit eine sechsköpfige
Familie für einen Tag ernähren. Da die Arbeitskräfte
billig waren, pflegten die Arbeitgeber von vornherein
genügend Arbeitskräfte zu dingen. Der Gutsherr unseres
Gleichnisses entspricht also nicht dem üblichen Muster.
Dass er mit den Arbeitern der ersten Stunde einen Denar
fest vereinbarte, war normal, nicht aber, dass er mehrfach
am Tag auf den Marktplatz zurückkam, um andere
anzuheuern. Zu beachten ist auch, dass der Gutsherr mit
den später Angeworbenen keinen Betrag vereinbart. Er
werde ihnen geben, »was recht ist«, sagt er.
Bei der Lohnauszahlung geht der Gutsherr provozierend
vor. Er lässt zuerst die Arbeiter der letzten Stunde
ausbezahlen, damit alle sehen können, wie viel sie
bekommen. Er legt es geradezu auf den Widerspruch der
Arbeiter der ersten Stunde an. Sie bekommen zu hören:
»Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Du bekommst,
was wir vereinbart haben. Also nimm dein Geld, und geh!
Darf ich mit meinem Geld nicht tun, was ich will? Darf
ich nicht gütig sein?« Der Gutsherr handelt nicht wie ein
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Gutsherr, nicht wie ein Arbeitgeber. Wer so handelt, geht
auf die Dauer Pleite.
Eine Geschichte, die gerade andersherum abläuft, soll uns
das Gleichnis Jesu erschließen helfen.
Ein Vater hatte drei Söhne. Der begabteste war
Ernst-Walter. Er begriff rasch, erfasste auch komplizierte
Situationen und kam den anderen mit seinen guten Ideen
zuvor. Der Vater setzte große Hoffnungen auf ihn und
ließ ihn studieren. - Sein Sohn Günter war nicht so
intelligent wie Ernst-Walter,- er war langsam und
bedächtig, sowohl beim Lernen wie beim Arbeiten. Der
Vater schickte ihn zu einem Gärtner in die Lehre. - Die
meisten Sorgen machte dem Vater der dritte Sohn,
Hubert. Er war von Geburt an geistig behindert; später
als andere Kinder lernte er das Laufen, und das Sprechen
lernte er nie richtig. Die ganze Familie war rührend um
Hubert besorgt, der in einer Beschützenden Werkstätte
arbeitete.
Einmal musste die Mutter für einige Zeit ins
Krankenhaus. Der Vater sagte zu den drei Söhnen:
»Jeder muss jetzt etwas von Mutters Arbeit mit übernehmen.« Ernst-Walter übernahm die Betreuung der
Missio-Mitglieder. Er öffnete das Paket aus Aachen,
suchte Mutters Mitgliederheft, ging zu den Mitgliedern,
brachte ihnen ihr Missio-Heft, kassierte den Beitrag, trug
es ins Beitragsheft ein und überwies das Geld nach
Aachen. - Günter arbeitete im Garten; aus der Gärtnerei
brachte er Salat- und Tomatenpflanzen mit und pflanzte
sie an, er jätete das Unkraut und beschnitt die Büsche. Hubert deckte den Tisch für die Mahlzeiten, nach dem
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Essen spülte er das Geschirr und legte es in die Schränke,
ganz so, wie er es bei der Mutter gesehen hatte.
Am Abend ließ der Vater sich berichten, was jeder
gemacht hatte. Zu Hubert sagte er: »Das war keine große
Leistung, das Tischdecken und Spülen. Deine Brüder
haben mehr geschafft. Dafür darfst du morgen im
Fernsehen >Heidi< gucken.« Hubert war zufrieden, er sah
»Heidi« sehr gern. Zu Günter sagte der Vater: »Du hast
etwas Nützliches gemacht; dafür kannst du morgen mit
deinen Freunden Fußball spielen gehen.« Den
Ernst-Walter aber lobte er so, dass dieser rot wurde, und
sagte: »Du hast das Meiste geleistet; dafür nehme ich mit
dich am Sonntag zum Flugplatz mit und spendiere dir
einen Rundflug.« Er hoffte, Ernst-Walter würde sich
freuen, doch dieser sagte nur: »Vater, ich habe nicht mehr
Belohnung verdient als meine Brüder. Wir sind doch alle
eine Familie; jeder hat getan, was er kann, und wir haben
alle denselben Lohn verdient.« Wie Recht er hat, der
Ernst-Walter! Sein Vater hat nicht wie ein Vater gehandelt,
sondern wie ein Arbeitgeber. Er hat die erbrachte
Arbeitsleistung belohnt ohne Rücksicht darauf, was ein
jeder konnte. So darf ein Vater seine Kinder nicht
behandeln. In der Familie müssen andere Maßstäbe gelten
als in der Arbeitswelt.
Im Gleichnis Jesu hat der Gutsherr die Arbeiter behandelt
wie ein Vater seine Söhne; in der Kontrastgeschichte hat
der Vater seine Söhne behandelt wie ein Gutsherr seine
Arbeiter.
Das Gleichnis Jesu beginnt mit dem Satz: »Mit dem
Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer ...« Dieser
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Gutsbesitzer zeigt die Maßstäbe, die im Reich Gottes
gelten. So, wie dieser Gutsbesitzer die Arbeiter der elften
Stunde behandelt, behandelt Gott die Menschen: als Söhne
und Töchter. Er beurteilt uns nicht nach den erbrachten
Leistungen, sondern mit väterlicher Güte. Damit nimmt
Jesus Stellung zur pharisäischen Vergeltungslehre seiner
Zeit. Man findet sie auch unter Christen: ernste und
ängstliche Menschen, die sich durch besondere
Anstrengungen bei religiösen Werken Gottes Lohn sichern
wollen.
Soll
man
eine
solche
Lohnund
Leistungsfrömmigkeit für harmlos halten? Soll man
sagen: Sie ist ja gut gemeint und schadet niemandem? Ich
kann das nicht. Ich glaube, dass unser Vater im Himmel
uns wie seine Kinder behandelt und nicht wie Tagelöhner.
Wer ihm misstraut und mit Leistungen imponieren will,
der stellt den Kern der Frohbotschaft in Frage.
Das zu glauben fällt denen leicht, die vor Gott nur wenig
aufzuweisen haben, den Arbeitern der elften oder neunten
Stunde. Schwerer tun sich die Arbeiter der ersten Stunde,
welche die Last und Hitze des Tages getragen haben.
Gottes Güte zu akzeptieren fällt jenen schwer, die in ihm
einen Arbeitgeber und in den Mitmenschen Konkurrenten
auf Gottes Arbeitsmarkt sehen. Wenn wir hingegen alle
Menschen als eine große Familie sehen und in den
Missratenen unsere Brüder und Schwestern, dann werden
wir uns herzlich freuen bei dem Gedanken, dass sie von
Gott denselben Lohn empfangen wie wir.
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Seele and Geist
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