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Der Begriff Hazard ist eng verwandt mit dem Begriff des Risikos, wie

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Corinna Lüthje, Universität Hamburg
Einzelereignis oder permanente Bedrohung? Überlegungen zu den Funktionen und Interdependenzen von medial vermittelten Diskursen und kollektivem Gedächtnis bei der
Bewältigung einer Naturkatastrophe und ihrer Umwertung in einen regionalen Geohazard
Das Thema dieses Aufsatzes sind extreme Wetterereignisse, die in der medialen Berichterstattung vor allem als Naturkatastrophen auftauchen. Bereits in frühen Flugblättern waren
Naturkatastrophen ein bevorzugtes Element der medialen Berichterstattung – und sie sind es
noch immer.
Abb. 1: Flugblatt zum Erdbeben in Lissabon aus Prag, 1756 (Quelle: http://www.scienzz.de/magazin/
upload/forschung8/Lissabon-Flugblatt.jpg, 27.10.2009)
Von größtem Interesse sind die eigene Region betreffende Ereignisse. Aber auch über Katastrophen in weit entfernten Teilen der Welt wird berichtet, wenn sie bestimmte Nachrichtenfaktoren erfüllen. Die Zahl der Toten und die Größe des wirtschaftlichen Schadens bestimmen
über den Grad medialer Aufmerksamkeit. Groß ist auch das Interesse, wenn unter den Opfern
Menschen der eigenen Nationalität sind oder Prominente betroffen sind. Diese Naturkatastrophen werden regional oder lokal verortet und zumeist als singuläre Ereignisse betrachtet. Tatsächlich sind ein Großteil der Naturkatastrophen aber keine Einzelereignisse. Sie sind die
Manifestation eines regionalen Geohazards und es ist jederzeit möglich, dass sie sich wiederholen. Ein regionaler Geohazard hat damit sowohl eine historische als auch eine perspektivische Dimension. Die Risiken des Klimawandels sind für viele Menschen nicht direkt wahr1
nehmbar. Sie sind abstrakt, liegen weit in der Zukunft oder betreffen (scheinbar) weit entfernte Regionen. Die regionalen Auswirkungen des Klimawandels sind kaum im Bewusstsein.
Oder anders gesagt: Regionale Wetterereignisse oder auch Naturkatastrophen werden kaum in
globale Zusammenhänge gebracht. In diesem Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle das kollektive Gedächtnis bei der Wahrnehmung von regionalen Geohazards spielt
und welche Funktionen die Medien bei der Formung von kollektiver Erinnerung haben. Von
besonderem Interesse ist dabei die sich verändernde Lokalisierung der Ursachen eines Geohazards im Zuge der aktuellen Diskussion um den Klimawandel. Wie wird eine regionale Bedrohung zu einem globalen Thema?
Im Folgenden wird zunächst die disziplinenübergreifende und holistische Bedeutung des
Begriffs „regionaler Geohazard“ geklärt und am Beispiel von Sturmfluten weiter ausgeführt.
Exemplarisch für Sturmflutkatastrophen im Ausland werden der Zyklon in Bangladesch im
Jahr 1991 und der Hurrikan Katrina in den USA im Jahr 2005 genannt. Die Diskursanalyse
der lokalen Tagespresse zur Erinnerung an die Sturmflut in Hamburg im Jahr 1962 vervollständigt die Trilogie.
1. Regionaler Geohazard
Der Begriff Hazard ist eng verwandt mit dem soziologischen Begriff des Risikos, wie er von
Ulrich Beck in der „Weltrisikogesellschaft“ (2007) konzipiert wird: „Risiko ist nicht gleichbedeutend mit Katastrophe. Risiko bedeutet die Antizipation der Katastrophe.“ Ein Risiko ist
also nicht das Ereignis selbst. Es bezeichnet mögliche zukünftige Ereignisse und die Unsicherheit über ihr Eintreffen. In dem traditionellen Verständnis von Risiko müssen zwei Perspektiven unterschieden werden. In der versicherungsmathematischen Formel wird das Risiko
aus der Multiplikation von Eintrittswahrscheinlichkeit mit Schadenshöhe errechnet (Peters
1991). Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadens soll so genau wie möglich berechnet werden, um auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen. Von dieser Expertensicht
wird strikt die „Laiensicht“ abgegrenzt, in der Risiko keine Kategorie der Wahrscheinlichkeit,
sondern der Wahrnehmung ist. Diese subjektive Wahrnehmung kann sich von der „objektiven“, berechneten Experteneinschätzung stark unterscheiden. Der Begriff Hazard hingegen
vereinigt diese beiden Komponenten des Risikos, er kann als Addition von Wahrscheinlichkeit und Wahrnehmung verstanden werden (Petak / Atkisson 1982).
2
Regionale Geohazards sind in der Terminologie der Geowissenschaften extreme Naturereignisse wie Sturmfluten, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Lawinen. Sie sind eine
(permanente) Bedrohung der Gesellschaft einer bestimmten Region. Erst die Zerstörung der
Stadt Lissabon machte das große Erdbeben im Jahr 1755 zu einer Naturkatastrophe.
Abb. 2: Erdbeben von Lissabon
335774,00.html vom 27.10.2009)
(Quelle:
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,grossbild-423855-
Ohne diese Auswirkung wäre es bei einem Naturphänomen geblieben. Und erst diese Katastrophe führte zu den Anfängen der Seismologie. Die Katastrophe gab also einen wissenschaftlichen Impuls zur Untersuchung der Ursachen des Naturphänomens, um durch Vorhersagbarkeit eine Wiederholung der Katastrophe zu verhindern. Gleichzeitig wurden vorsorglich spezielle Bautechniken entwickelt, um die Häuser erdbebensicher zu machen und eventuelle Schäden zu lindern. Und die Katastrophe war auch die große Chance für einen individuellen Akteur. Der Premierminister tat sich als pragmatischer Krisenmanager hervor und in
Folge des Wiederaufbaus von Lissabon stieg er zum eigentlichen Machthaber Portugals auf.
Der traumatisierte und klaustrophobische König hatte die Regierungsgeschäfte in seine Hände
gelegt. Die Katastrophe führte also auch zu politischen Umwälzungen.
Neben der regionalen Betroffenheit von akuten Auswirkungen und latenter Bedrohung hat ein
regionaler Geohazard noch weitere Merkmale (Neverla 2009, Ratter 2009):
a) Physisch-geographische Ereignisse und Umstände in einer bestimmten Region/einem
Ausschnitt aus der Erdoberfläche
b) Nichtlineare Mensch/Natur-Interaktion
c) Unsicherheit und schlechte Vorhersagbarkeit aufgrund von Struktur- und VerhaltensKomplexität
3
d) Schlüsselereignis: Ein traumatisches Erlebnis und die kollektive Erinnerung daran
Die (permanente) Bedrohung der Region ist einmal durch spezifische physisch-geographische
Ereignisse und Umstände gegeben. So ist z. B. Japan durch seine spezifische Lage permanent
von Erdbeben bedroht. Regionale Geohazards sind eine bestimmte Form von Mensch/NaturInteraktion. Zunächst einmal ist Voraussetzung für den Geohazard, dass der Mensch trotz
seines Wissens um die Gefährdung in der gefährdeten Region siedelt. Er setzt sich damit einerseits wissentlich der Gefahr aus. Gleichzeitig nutzt er die natürliche Umgebung, in der er
lebt und gestaltet die Natur- in eine Kulturlandschaft um. Damit greift er in das natürliche
System ein und verändert die Entstehungsbedingungen für extreme Naturphänomene. Nach
einer Katastrophe entwickelt eine Gesellschaft bestimmte Bewältigungsstrategien und vorbeugende Maßnahmen, mit denen ebenso wie bei der Kultivierung der Landschaft in das Natursystem eingegriffen wird. Neu ist das Bewusstsein für globale Zusammenhänge wie die
Frage nach dem Einfluss von Meeresspiegelanstieg und Erderwärmung auf die steigende
Wahrscheinlichkeit von extremen Wetterereignissen wie Stürme.
Jedes einzelne Ereignis ist außergewöhnlich und überraschend. Der Hazard ergibt sich jedoch
daraus, dass sich dieses Ereignis jederzeit wiederholen kann. Mit seinem Eintreffen kann aufgrund der kollektiven Erfahrung und der physischen Umstände gerechnet werden, es ist aber
nicht genau vorhersagbar.
Das Bestreben, nicht nur die Folgen einer Katastrophe zu lindern, sondern auch Schaden
durch eine möglichst exakte Vorhersage von Ereignissen zu begrenzen hat zu einem ständigen
Mehr an wissenschaftlichem Wissen geführt. Haben Menschen in früheren Zeiten Extremereignisse noch mystifiziert und den Zorn Gottes für Katastrophen verantwortlich gemacht, so
folgte im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritt eine Phase der vermeintlichen Gewissheit,
über die Natur siegen zu können, sie „bewältigen“ zu können. Aber anhaltende Fehlschläge
und Überraschungen machen immer wieder bewusst, dass die Nichtlinearität der
Mensch/Natur-Interaktionen und der Komplexität der Wechselwirkungen die Vorhersagemöglichkeit unmöglich macht. Beck (2007) benennt das Paradoxon der heutigen Zeit, dass
durch die Vermehrung der Erkenntnisse bei gleichzeitiger Widersprüchlichkeit der Expertenmeinungen in der Kategorie des Risikos die Kategorien Wissen und Nichtwissen an Trennschärfe verlieren. Die Gewissheit der absoluten Wahrheit und Objektivität der Naturwissenschaften ist in eine Vielzahl von Relativwahrheiten zersprungen. Die Ungewissheit und Unsi4
cherheit, die heute mit dem Geohazard verbunden sind, konnten nicht durch ein Mehr an Wissen überwunden werden, sondern gehen in dieser modernen Form aus einem Mehr an Wissen
hervor.
Voraussetzung für die Wahrnehmung der Bedrohung ist ein Schlüsselereignis, ein kollektives
traumatisches Erlebnis. Der „traumatic impact“ liegt jedoch nicht in dem Ereignis selbst, sondern in seinen Auswirkungen. Um zu einem Geohazard zu werden, muss sich dieses Ereignis
entweder wiederholen oder es wird in der Verarbeitungsphase die potentielle Wiederholbarkeit dieses Ereignisses bewusst. Daraus entsteht ein Bewusstsein für die permanente Gefahr,
die wiederum zu vorbeugenden Maßnahmen (Lösungsstrategien) führt. Ein regionaler Geohazard hat also einmal einen besonderen Raumbezug durch (a) die lokalen/regionalen und akuten Auswirkungen und (b) durch die spezifischen geographischen Gegebenheiten. Zum zweiten hat ein regionaler Geohazard aber auch einen bestimmten Zeitbezug, der sich (a) über die
Erinnerung an das traumatische Ereignis an die Vergangenheit richtet, (b) durch die Antizipation zukünftiger Ereignisse in die Zukunft denkt und (c) in der Gegenwart im Bewusstsein
präsent ist und zur Änderung von Praktiken führt. Der öffentliche Diskurs zu regionalen Geohazards wird von verschiedenen Feldern und ihrem zirkulären und interagierenden Zusammenspiel geprägt: (a) wissenschaftliches Wissen, (b) Wissen und Handeln in Politik und Verwaltung, (c) mediale Konstruktion und Verarbeitung des wissenschaftlichen und politischen
Wissens und (d) Bevölkerungswahrnehmung und -deutung.
2. Sturmflut
Eine Sturmflut ist ein Ereignis, bei dem an der Küste als Folge von starken Winden der Wasserstand über die Normalhöhe steigt. Es besteht ein Zusammenhang zwischen diesem Ereignis
der Tide, der jeweiligen Mondphase und der Windrichtung. Aktuell werden die Zusammenhänge zwischen der Zunahme von Anzahl und Stärke von Sturmfluten mit dem globalen Klimawandel diskutiert. Die Zusammenhänge sind noch nicht eindeutig geklärt. An den Ost- und
Südküsten der USA werden storm tides durch tropische Wirbelstürme erzeugt, die Hurricans
genannt werden. Solche Winde nennt man im pazifischen Raum Taifune und in Südostasien
Zyklone.
5
2.1 Katrina 2005
Abb. 3: We were warned? New Orleans is sinking! (Quelle: http://www.greatdreams.com/weather/
hurricanes_2005-page2.htm, 27.10.2009)
Am 29. August 2005 wurden südöstliche Teile der USA von dem Hurrican Katrina getroffen.
Katrina forderte ca. 1.800 Menschenleben. Der Sachschaden betrug ca. 81 Milliarden USDollar: Besonders betroffen war New Orleans. Nach zwei Deichbrüchen wurden ca. 80 % des
Stadtgebietes überflutet. Die Stadt musste schließlich evakuiert werden.
Abb. 4: Geographische Lage von New Orleans (Quelle: http://www.greatdreams.com/weather/hurricanes_2005page2.htm, 27.10.2009)
Die Stadt liegt im Delta des Mississippi zwischen dem Fluss im Süden und dem Lake Pontchartrain im Norden. Die Stadt ist auf trockengelegten Sümpfen gebaut. 70 % des Stadtgebietes liegen unter dem Meeresspiegel. Zudem liegt New Orleans im Einzugsgebiet von Hurrikanen, die Gefahr ist bekannt.
2.2 Bangladesch 1991
Im April 1991 traf ein ungewöhnlich starker Zyklon die Küste von Bangladesch. Dieses Unglück forderte über 100.000 Menschenleben.
6
Abb. 5: Bangladesch 1991 (Quelle: http://uprisingradio.org/home/?p=2146, 27.10.2009)
Bangladesch gehört zu den ärmsten Nationen der Welt. Das Gebiet des Landes liegt zu einem
großen Teil im Delta der Flüsse Brahmaputra, Ganges und Mehgna.
Abb. 6: Geographische Lage von Bangladesch (Quelle: http://www.uwec.edu/jolhm/eh2/molnar/path.htm,
27.10.2009)
Das Klima in dem flachen Schwemmland ist subtropisch. Es kommt häufig zu Wirbelstürmen
und Überschwemmungen. Die Bevölkerungsdichte ist sehr groß. Die ursprüngliche Waldvegetation ist weitgehend Ackerland gewichen. Vor allem Reisfelder prägen die Landschaft.
Bangladesch ist häufig von Zyklonen betroffen, die regelmäßig enorme Zahlen von Todesopfern nach sich ziehen.
2.3 Hamburg 1962
Auch an der Nordseeküste ist das größte geophysikalische Risiko in Sturmfluten zu suchen.
Eine lange Reihe von historischen Naturkatastrophen haben die Allgegenwärtigkeit dieser
Gefahr tief in das kollektive Gedächtnis und den kollektiven Habitus eingegraben. Aber nicht
7
nur die unmittelbare Küstenregion, sondern auch die Stadt Hamburg ist von diesem Geohazard betroffen.
Abb. 7: Geographische Lage von Hamburg (Quelle: http://www.diercke.de/kartenansicht.xtp?artId=978-3-14100700-8&seite=30&id=4868&kartennr=1, 27.10.2009)
Dies erscheint zunächst paradox, liegt doch Hamburg ca. 130 km von der Küste entfernt an
der Elbe, aber am Ende des Ästuars. Hamburg wurde in seiner Geschichte oft von Sturmfluten
mit großen Schäden betroffen. Jedoch hat es seit der Sturmflut 1855 bis zum Jahr 1962 eine
Pause von über 100 Jahren gegeben. Die Große Flut in der Nacht vom 16. zum 17. Februar
1962 traf eine unvorbereitete Stadt.
Abb. 7: Deichbruch (Quelle: Eismann / Mierach 2002: 13)
Die Deiche brachen an über 60 Stellen auf einer Gesamtlänge von 2,5 km. Ungefähr 1/6 des
Stadtgebietes wurde überschwemmt.
8
Abb. 8: Überflutungsgebiet mit Lage der Deichbrüche (Quelle: Eismann / Mierach 2002: 16)
Die Sachschäden beliefen sich auf ca. 3 Milliarden Mark. Über 20.000 Menschen mussten
evakuiert werden. 315 Todesopfer waren zu beklagen (Eismann / Mierach: 2002). Auch hier
waren vor allem sozial Benachteiligte unter den Opfern.
Abb. 9: Knapp den Fluten entkommen (Quelle: Eismann / Mierach 2002: 17)
17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebten in der von Bombenzerstörung noch gezeichneten Stadt viele Vertriebene, vor allem in dem Stadtteil Wilhelmsburg.
9
Abb. 10: Wilhelmsburger Kleingartenkolonie (Quelle. Eismann / Mierach 2002: 30)
Wilhelmsburg liegt auf einer Insel im Fluss, auf einem tiefen Gebiet. Viele der Flüchtlinge
waren in Hütten in einer Kleingartensiedlung am Flussufer untergebracht. Diese Menschen
befanden sich in einer besonders gefährlichen Gegend, ohne durch Überlieferung von der
Gefahr zu wissen.
Die Sturmflut 1962 war ein traumatisches Erlebnis für Hamburg und rief gleichzeitig die
permanente Gefahr, in der sich die Stadt befindet, wieder ins Bewusstsein. In der Bewältigung
der Katastrophe trat vor allem ein Akteur hervor: Der damalige Hamburger Innensenator und
spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt, der durch sein Krisenmanagement hohe Reputation
erwarb. Schmidt integrierte vor allem auch die Bundeswehr in die Rettungsaktionen, womit
sich die Armee den Status einer „humanitären Hilfsorganisation“ erwarb. Außerdem rief
Schmidt die NATO zur Hilfe und integrierte damit die internationale Staatengemeinschaft in
die Rettungsaktion. Nach der Katastrophe wurde pragmatisch und technokratisch gehandelt.
Seit 1962 wurde massiv in den Küstenschutz investiert und die Deiche erhöht. Ebenso wurde
in der Stadt gesetzlich verboten, vor der Deichschutzlinie zu wohnen.
Abb. 11: Deichkonstruktion früher und heute (Quelle: Eismann / Mierach 2002: 40)
10
Nach der Flutkatastrophe 1962 nahm die Zahl der Sturmfluten drastisch zu.
Abb. 12: Sturmfluten in Hamburg 1750 bis 2000 (Quelle: Eismann / Mierach 2002: 105)
Bereits im Jahr 1976 ereignete sich eine Flut mit einem noch höheren Pegelstand als 1962.
Doch die neu errichteten Deiche hielten und nur geringe Schäden wurden vermeldet. In der
Bevölkerung hat sich trotz der Häufigkeit der Sturmfluten und ihrer zunehmenden Stärke das
Gefühl der absoluten Sicherheit verfestigt (von Storch et. al. 2006). Dieses Selbstbewusstsein
ist so groß, dass die Stadt Hamburg von ihrem Prinzip des Wohnungsverbots hinter den Flutmauern abgerückt ist. Im Jahr 1997 beschloss die Hamburger Bürgerschaft, im Hafen einen
neuen Stadtteil zu errichten: Die Hafencity. Seitdem befindet sich dieses mit Prestige behaftete Großprojekt im Bau und ist zum Teil schon fertig gestellt und bezogen. Auch bei diesem
Projekt wird allerdings an die Flutgefahren gedacht. Hier wird aber nicht mehr das Prinzip des
„Kampfes gegen die Naturgewalt des Wassers“, sondern das Arrangement mit der Natur gelebt. Statt Deichen und Mauern wird auf das Prinzip des Bauens auf Warften, auf künstlichen
Hügeln, gesetzt.
3. Medien zu Naturkatastrophen im Ausland
3.1 Katrina 2005
Die mediale Berichterstattung zu Katrina war bereits häufig Gegenstand von wissenschaftlichen Studien (z. B. Tierney et. al. 2006, Robinson 2009, Manning 2008). In den US-Amerikanischen Medien wurde vor allem über zivile Unruhen in New Orleans berichtet. Es wurde
11
die Verbreitung und Schwere von Plünderung und Gesetzlosigkeit enorm übertrieben. In den
Medien wurde strikte soziale Kontrolle und starke Einbindung des Militärs in das Katastrophenmanagement gefordert. Für Tierney e. al. (2006) ist dies vor allem ein Indikator für die
große Bedeutung von Militarismus als Ideologie in den USA, aber auch für den Mythos, dass
ein Desaster grundsätzlich von Plünderung, sozialer Desorganisation und abweichendem Verhalten begleitet wird. Dieser Mythos wird nach Tierney et. al. von den Medien aufgenommen
und fortgeschrieben. Eine andere Erklärung für diesen Medienframe drängt sich aus der Tatsache auf, dass die Opfer größtenteils sozial Schwache und Farbige waren. Soziologen werten
dies als Indikator für einen latenten Rassismus (Manning 2008). Robinson (2009) hingegen
betont, dass die Katastrophe erst durch das inadäquate Krisenmanagement von Nation, Staat
und lokalen Autoritäten katastrophal wurde. Mit der Diskussion um die verpassten Ausgaben
im Bereich des Küstenschutzes wurde die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Ausgaben
im Irak-Krieg verknüpft. Im Zuge der Katrina-Diskussion kam es im September 2005 im Washington zu ersten großen Demonstrationen gegen den Krieg. Robinson verweist weiter darauf, dass Katrina zu einem sensationellen Medienereignis gemacht wurde. Die Aufarbeitung
der Katastrophe und ihr Einbau in die kollektive Erinnerung erfolgten mit der Berichterstattung zum ersten Jahrestag. Nationale und regionale Medien haben die Katastrophe ganz unterschiedliche gerahmt. Auf der nationalen Ebene wurde auf nationale Ideale zurückgegriffen.
Referenzereignis war die Terrorattacke 9/11. Vor allem das persönliche Versagen des Gouverneurs wurde herausgestellt und seine Inkompetenz als Wurzel der Katastrophe benannt. Es
wurde sogar diskutiert, die Stadt New Orleans wegen ihrer Lage aufzugeben. Auf der lokalen
Ebene hingegen waren vor allem lokale Interessen wichtig. Die lokale Kernbotschaft war „We
will rebuild“. Historische Referenz für die Krisenbewältigung waren frühere Hurrikans. Besonders herausgestellte Akteure waren individual heroes. Die Wurzeln der Katastrophe wurden bei „Mutter Natur“ gesucht und die Medien rahmten die Berichterstattung in religiöse
Prinzipien und Glauben. In beiden Perspektiven jedoch wurde versucht, über die Wahrnehmung und Verarbeitung der Katastrophe das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und eine kollektive Identität aufzubauen. Nach den vorliegenden Studien zu Katrina wurde die Katastrophe in
den US-Amerikanischen Medien nicht mit dem globalen Phänomen des Klimawandels in
Beziehung gebracht. Allerdings stellte z. B. das Magazin Time am 3. Oktober 2005 auf seinem Titel die Frage „Are we making hurricans worse?“ und thematisierte den Einfluss der
Erderwärmung auf den Anstieg von regionalen Geohazards. Ob es sich dabei um einen Einzelfall handelt, kann hier nicht geklärt werden.
12
Abb. 13: Titel der Time, Oktober 2005
3.2 Bangladesch 1991
Auch der Zyklon im Jahr 1991 in Bangladesch war bereits Gegenstand von medienwissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Die Studie von Dove und Khan (1995) untersuchte die Berichterstattung des Zyklons im bengalischen und im internationalen Kontext. Aus der internationalen Perspektive wurde bemerkt, dass für die katastrophalen Auswirkungen des Zyklons vor
allem die individuelle Armut und die soziale Ungerechtigkeit der bengalischen Gesellschaft
verantwortlich wäre. Dadurch wären die Menschen gezwungen, in gefährdeten Gebieten zu
siedeln. Aus der bengalischen Perspektive heraus allerdings wurde zunächst die Unabwendbarkeit des Naturphänomens betont. In den bengalischen Medien wurden vor allem die beschränkten Ressourcen des Landes für die Katastrophe verantwortlich gemacht. Aus der bengalischen Perspektive heraus wurde der Zyklon bereits Anfang der 1990er Jahre mit Erderwärmung und Gashauseffekt in Zusammenhang gebracht. Da dies vor allem auf die Emissionen der Industrienationen zurückzuführen ist, wird damit der Fokus von internen strukturelle
Problemen und Ungleichheit auf internationale strukturelle Probleme und Ungleichheit verschoben. Der Klimaframe wird also in der Berichterstattung über den Zyklon in Bangladesch
vor allem dazu benutzt, Verantwortung für die katastrophalen Auswirkungen des Naturereignisses an die internationale Gemeinschaft abzugeben.
13
4. Hamburg 1962: Aufmerksamkeit in der regionalen Tagespresse
4.1 Methode und Sample
In dem Projekt „StarG – Storm surges as regional Geohazards“ wird untersucht, ob sich die
kollektive Erinnerung an die Sturmflut von 1962 im Zusammenhang mit der aktuellen Klimadebatte verändert hat. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Projekt, das Konzepte der
Kommunikationswissenschaft und der Humangeographie integriert. Insgesamt werden vier
Teilstudien durchgeführt, die die vier verschiedenen interagierenden Felder bei der Bewältigung eines Geohazards fokussieren: Wissenschaft, Politik, Medien und Gesellschaft. Untersuchungsmethode der hier vorgestellten Teilstudie ist eine Diskursanalyse der Berichterstattung in der regionalen Tageszeitung „Hamburger Abendblatt“. Im Rahmen dieser explorativen Vorstudie werden die Kategorien für eine anschließende quantitative Inhaltsanalyse der
Berichterstattung in weiteren Medien entwickelt. Trotz des frühen Stadiums können dieser
Studie bereits einige wichtige Erkenntnisse entnommen werden.
Die Auswahl der zu untersuchenden Artikel erfolgte in einem mehrstufigen Verfahren nach
einem theoretische basierten Plan (theoretical sampling). Aus forschungspraktischen Gründen
konnten nicht alle Ausgaben des Hamburger Abendblatts von 1962 bis heute in die Untersuchung einbezogen werden. Zudem wurde angenommen, dass die Sturmflut kein permanentes Medienthema darstellt, sondern zur Kontextualisierung und Erklärung von bestimmten aktuellen Ereignissen dient. Dies bedeutet aber auch eine Aktualisierung des historischen Ereignisses und eine Transformation der Erinnerung im Zuge der Verbindung mit einem neuen Ereignis in einem neuen zeitlichen Rahmen. Tagesaktuelle Medien sind damit als „memory
agents“ (Zierold 2006) für „Erinnerungskarrieren“ (Zelizer 2008) zuständig. Als erste Auswahlstufe wurden für diese Studie bestimmte Erinnerungsanlasstypen festgelegt:
(1) Gedenktage/Jubiläen der Sturmflut 1962
(2) Historische Kontextualisierung: Schwere Sturmfluten in Hamburg nach 1962
(3) Historische Analogien: Flutkatastrophen im Ausland
Jahrestage wurden im Fünfjahresrhythmus ausgewählt, da sich der Fünfer-Abstand in
modernen westlichen Gesellschaften zur Erinnerung an besondere Ereignisse eingebürgert
hat. Zusätzlich wurde mit 1963 der erste Jahrestag der Flut berücksichtigt. Insgesamt wurden
damit zehn Erinnerungsanlässe zwischen 1963 und 2007 für die Untersuchung definiert. Bei
1962 folgenden schweren und sehr schweren Sturmfluten mit einem Wasserstand von
14
mindestens 4,50m über Normal Null (NN) bzw. 2,40m über dem Mittleren Hochwasser
(MHW)1 wird über die Erinnerung an eigenen Erfahrungen in der Katastrophe von 1962 und
der eigenen Bedrohung durch das neue Ereignis ein historischer Kontext hergestellt. Nach
1962 fanden elf solcher Ereignisse statt. Flutkatastrophen im Ausland finden weit entfernt
statt, Hamburg ist von den Auswirkungen nicht direkt betroffen. Jedoch sind dies Ereignisse,
die über die die Analogie der Situation der betroffenen Bevölkerung in anderen Kulturkreisen
eine kulturelle Nähe über Erfahrungsidentität beinhalten. Durch Erinnerung an die Sturmflut
1962 im Kontext von regional weit entfernten Fluten wird über historische Analogisierung
eine empathische Betroffenheit ausgelöst. Exemplarisch wurden für diese Studie vier Flutkatastrophen im Ausland ausgewählt. Zunächst zwei Zyklone im Raum Ostpakistan/Bengalen
bzw. Bangladesch in den Jahren 1970 und 1991. Diese Fluten betrafen die gleiche Region.
Der Staat Bangladesch wurde erst im Jahr 1971 gegründet. Als dritte Referenzflut im Ausland
wurde der Hurrikan Katrina ausgewählt, der im Jahr 2005 Teile der US-amerikanischen
Ostküste verwütet hat und besonders New Orleans stark getroffen hat. Der Tsunami im Dezember 2004 im ostasiatischen Raum gehört eigentlich zu einem anderen Ereignistyp, weil er
nicht durch Winde im Zusammenspiel mit der Tide erzeugt wird, sondern seine Ursache in
einem Seebeben liegt. Diese Flut wurde aber in die Untersuchung einbezogen, weil sie ähnliche Auswirkungen für die Bevölkerung hat.
Insgesamt wurden 25 Erinnerungsanlässe definiert, die an 23 Jahren zwischen 1962 und 2007
stattfanden. An zwei Jahren (2002 und 2007) gab es Doppelungen.
1
Das Mittlere Hochwasser (MHW) ist ein aus Messungen über einen gewissen Zeitraum an einem bestimmten
Ort berechneter Mittelwert (mittlerer Hochwasserstand). Er variiert von Ort zu Ort und verändert sich im Laufe
der Zeit. Der MHW für Hamburg bezieht sich auf den Pegel St. Pauli und wird jährlich vom Bundesamt für
Seeschifffahrt und Hydrographie angepasst. Wasserstandsvorhersagen beziehen sich zumeist in Metern auf
Normal Null (NN), dies ist die amtliche festgelegte, unveränderliche Bezugsebene für alle Höhenmessungen.
Die Differenz zwischen NN und MHW differiert, man kann aber sagen, dass der MHW plus ca. 2,10m NN
ergibt. (Vgl. Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Inneres 2008: 4 und 7)
15
Abb. 14: Erinnerungsanlässe (gelb: Jahrestage, blau: Analogien, rot: starke Sturmfluten)
1962
1963
1964
1965
1966
1967
1968
1969
1970
1971
1972
1973
1974
1975
1976
1977
1981
1981
1982
1983
1984
1985
1986
1987
1988
1989
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2007
NN + 5,70 m
1 Jahr
5 Jahre
Bengalen/Ostpakistan
10 Jahre
NN + 5,33 m
NN + 6,45 m
15 Jahre
NN + 5,81 m
20 Jahre
25 Jahre
NN + 5,75 m
Bangladesch
30 Jahre
NN + 5,76 m
NN + 6,02 m
NN + 6,02 m
35 Jahre
NN + 5,74m
NN + 5,95
NN + 5,26m / 40 Jahre
Tsunami
Katrina
45 Jahre / NN + 5,40m
Das Sample wurde aus Ausgaben des Hamburger Abendblatts gebildet, die im Zeitraum von
zwei Wochen um den Erinnerungsanlass herum erschienen. Bei den Jahrestagen eine Woche
vorher und eine Woche nachher, um die Vorbereitung des Jubiläums zu verfolgen. Bei den
anderen Erinnerungsanlässen wurde zwei Wochen nach dem Ereignis gezählt, da dieses nicht
vorhergesagt werden konnte. In die Analyse wurden Artikel aufgenommen, die folgende
Hauptthemen hatten oder in denen diese Themen erwähnt wurden: (1) die Sturmflut 1962, (2)
Sturmfluten allgemein, (3) den jeweiligen Erinnerungsanlass und (4) Klimawandel.
16
Sample:
•
25 Erinnerungsanlässe
•
309 Ausgaben
•
574 Artikel
Verteilung des Samples nach Erinnerungsanlässen:
•
Jahrestage: 85 (15 % des Gesamtsamples) bei 10 Anlässen (40 %)
•
Starke Sturmfluten: 190 (33 % des Gesamtsamples) bei 11 Anlässen (44 %)
•
Analogien: 299 (52 % des Gesamtsamples) bei 4 Anlässen (4 %)
Die Artikel zu den Analogien sind mit 52 % der gesamten Artikel im Verhältnis zu der Zahl
der Anlässe stark überrepräsentiert. Dies liegt darin begründet, dass ein Ereignis aus den Erinnerungsanlässen besonders herausragt. Dem Tsunami wurden im Jahr 2004 innerhalb von
zwei Wochen 208 Artikel im Hamburger Abendblatt gewidmet. Damit war dies das Ereignis,
dem im gesamten Untersuchungszeitraum die meiste Aufmerksamkeit gewidmet wurde, noch
vor der Berichterstattung 1962 über die Sturmflut mit 172 Artikeln.
4.2 Ergebnisse
Von 574 Artikeln hatten 137 die Sturmflut 1962 zum Hauptthema oder erwähnten dieses Ereignis. 17 Artikel hatten Klima zum Hautthema oder erwähnten es. Das Sample wurde nicht
nach dem Thema Küstenschutz ausgewählt. Bei einer ersten Sichtung des Materials stellte
sich aber heraus, dass dieses Thema außerordentlich wichtig ist. 32 Artikel hatten als Hauptthema Küstenschutz, Deichbau oder auch die Gefahren des Küstenschutzes.
17
Abb. 15: Häufigkeit von Themen im Zeitverlauf (gelb: Jahrestage, blau: Analogien, rot: starke Sturmfluten)
Jahr
1963
1967
1970
1973
1972
1976
1977
1981
1982
1987
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1997
1999
2000
2002
2002
2004
2005
2007
2007
Datum
12.11.
7.12.
3.1.
24.11.
28.2.
29.4.
23.1.
28.1.
10.1.
5.2.
31.1.
29.1.
26.12.
28.8.
9.11.
Gesamt
9
0
6
8
9
75
0
22
14
25
8
11
6
13
13
10
8
14
7
7
14
208
74
1
12
574
1962 Klima
9
0
1
7
6
26
0
6
14
25
3
0
5
1
3
3
7
4
0
1
13
2
1
0
0
137
Küstenschutz
0
2
0
0
0
1
0
1
0
8
0
0
5
0
0
3
2
1
2
2
2
1
3
1
3
0
1
1
1
2
0
0
1
0
6
0
0
17
32
Abb. 16: Verteilung von Häufigkeiten von Themen auf die Erinnerungsanlässe (In einem Artikel konnten
mehrere Themen gleichzeitig angesprochen sein, deshalb ergibt die Addition der Prozente nicht 100 %.)
Erinnerungsanlass Erinnerung:
1962
Klima
Küstenschutz
(Hauptthema
oder Erwähnung)
(Hauptthema)
Gesamtzahl
Artikel
80 (in 94 %)
53 (in 28 %)
2 (in 2 %)
8 (in 4 %)
7 (in 8 %)
25 (in 13 %)
85 (100 %)
190 (100 %)
4 (in 1 %)
137 (in 29 %)
7 (in 2 %)
17 (in 3 %)
/
32 (in 6 %)
299 (100 %)
574 (100 %)
(Hauptthema
oder Erwähnung)
Jahrestage
Starke Sturmfluten
Analogien
Gesamt
Es ließen sich einige beständige Muster in den Artikeln nachweisen:
-
Information über Art und Höhe der Schäden und Service
-
Effizienz des Krisenmanagements
-
Wichtige Akteure: Helmut Schmidt und Bundeswehr
-
Vergleich von 1962 (a) mit folgenden Sturmfluten, um die Effizienz der Baumaßnahmen zum Küstenschutz zu belegen, der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl zu vermit-
18
teln und die Kompetenz der politischen Entscheidungen zu belegen, (b) mit der Notlage der Betroffenen von ähnlichen Ereignissen, um an die Spendenbereitschaft der
Hamburger zu appellieren
-
Abnahme der medialen Erinnerung an 1962 im Kontext von politischen Entscheidungen
Die Erinnerung an die Sturmflut 1962 war an den Jahrestagen besonders präsent. Allerdings
änderte sich der Rhythmus. In den Jahren 1967 und 1977 (fünfter und 15. Jahrestag) wurde
das Ereignis gar nicht erwähnt. Besonders wichtig waren der 20. und der 25. Jahrestag (1982
und 1987). 1982 bis 2002 gab es regelmäßig im Fünfjahresabstand mehrseitige Specials, in
denen Zeitzeugen zu Wort kamen. Allerdings nahm der Umfang der Erinnerungsberichterstattung im Laufe der Zeit ab. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die Sturmflut erreichte mit
dem vierzigsten Jahrestag im Jahr 2002 einen letzten Höhepunkt und vorläufiges Ende. Im
Jahr 2007, dem 45. Jahrestag, wurde die Sturmflut nicht mehr erwähnt. Stattdessen erschien
am 16. Februar (dem exakten Jahrestag) ein Artikel über die Lage in Thailand drei Jahre nach
dem Tsunami. Dies ist ein Indikator dafür, dass das kollektive Gedächtnis nicht nur an die
inhaltliche Kategorie des Ereignisses selbst gebunden ist, sondern auch an ein bestimmtes
Datum. Gründe für den Wegfall der Jahrestagsberichterstattung können zunächst einmal in
der insgesamt nachlassenden Aufmerksamkeit aufgrund des verschwindenden Risikobewusstseins liegen. Außerdem ist nach vierzig Jahren allmählich ein Generationswechsel eingetreten. Dann ist mit der städtebaulichen Entscheidung, die Hafencity zu errichten und auch den
Stadtteil Wilhelmsburg für die expandierende Stadt Hamburg aufzuwerten auch in der Politik
die Motivation geschwunden, die Erinnerung an die Katastrophe lebendig zu erhalten.
Auch bei folgenden schweren Sturmfluten wurde an 1962 erinnert. Sie wurde bei jeder neuen
Sturmflut als Referenz dafür herangezogen, dass die Baumaßnahmen erfolgreich waren und
dass auch ein höherer Pegelstand der Stadt und ihren Bürgern nichts anhaben konnte.
Die einzige Katastrophe bei der nicht an 1962 erinnert wurde, war der Zyklon 1991. Hier und
auch 1970 wurde zwar über das Ereignis informiert, aber in einem wesentlich geringeren Umfang als bei dem Hurrikan Katrina und dem Tsunami in Thailand. Diese beiden waren wichtige Medienereignisse – auch in Hamburg. Es wurde (außer 1991) über die Erinnerung an
eigene Erfahrungen 1962 an die Spendenbereitschaft der Bürger appelliert. Im Touristenparadies Thailand waren viele Europäer unter den Opfern und auch ca. 500 Deutsche. Es gab so
19
viele Tote aus den skandinavischen Ländern, dass in Finnland und Schweden der Tsunami als
eine der größten eigenen Katastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg wahrgenommen wird (Kivikuru 2009). Durch einheimische Opfer wird also ein weit entferntes Ereignis regionalisiert.
Auch Berichte zum Klimawandel wurden im Kontext der Erinnerung an die Sturmflut 1962
publiziert. Der Klimaframe erscheint ab 1990 in den Berichten zur Sturmflut oder im Kontext.
Hier ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Veröffentlichung der IPCC-Reporte in den
Jahren 1990 und 1995 (Neverla 2008) und der schnellen Abfolge von vier schweren Sturmfluten in den Jahren 1990, 1993, 1994 und 1995zu beachten.
Abb. 17: Zusammenhang zwischen Klimaframe, IPCC-Reporten und politischen Entscheidungen zur Stadtentwicklung (gelb: Jahrestage, blau: Analogien, rot: starke Sturmfluten)
Jahr
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1997
1999
2000
2002
2002
2004
2005
2007
2007
Datum
28.2.
29.4.
23.1.
28.1.
10.1.
5.2.
31.1.
29.1.
26.12.
28.8.
9.11.
Gesamt
8
11
6
13
13
10
8
14
7
7
14
208
74
1
12
1962
3
406
43
5
1
3
3
7
4
1
13
2
1
Klima
2
1 IPCC 1
2
Mai 90
2
1
1
IPCC 2
1
Dez 95
1
HafenCity:
Entscheidung
Politik 1997
Baubeginn
2001
IPCC 3
Feb 01
6
IPCC 4
Mai 07
17
Global Warming scheint zu einer logischen Erklärung für die ungewöhnlich hohe Zahl an
Sturmfluten zu werden – aber nur zu einer möglichen Erklärung unter anderen.
Für den Anstieg des Sturmflutrisikos wurde von wissenschaftlicher Seite auch schon vor dem
Aufkommen des Klimadiskurses ein anderer Faktor verantwortlich gemacht. Durch den Ausbau des Küstenschutzes und die Vertiefung der Elbe steigt der Tidenhub schneller und höher
an. Außerdem hat das Wasser keine Ausweichmöglichkeit mehr, sondern wird bei einer
Sturmflut zwischen den Deichen flussaufwärts gedrückt. Dies führt in extremen Wetterlagen
zu höheren und damit gefährlicheren Sturmfluten. Dieser Diskussion wird über die Jahrzehnte
hinweg viel Aufmerksamkeit im Hamburger Abendblatt gewidmet. Der Hazarddiskurs kann
also eher als ein Umweltdiskurs denn als ein Klimadiskurs angesehen werden. Das Klima20
thema ist eher wie eine neue Facette, die den Umweltframe ergänzt und ihm eine Erweiterung
der Perspektive in globale Zusammenhänge erlaubt. Das Klimathema verlor nach der Jahrtausendwende an Bedeutung in der Berichterstattung über Sturmfluten, obwohl die Zahl der
Sturmfluten weiter hoch blieb. Bei der letzten Sturmflut im Jahr 2007 wurde Klima gar nicht
mehr erwähnt, obwohl der vierte IPCC-Report erst im Mai dieses Jahres veröffentlich worden
war. Viel wichtiger war die Meldung, dass die neu gebaute HafenCity ihre erste Sturmflut
ohne Schaden überstanden hatte. Jedoch war der Hurrikan Katrina das Ereignis unter den untersuchten, bei dem der Klimadiskurs mit vier Artikeln am stärksten war.
5. Schluss
Die Studien zu Katrina 2005 und Bangladesch 1991 zeigen, dass die medialen Diskurse über
die Verbindung von Natur und Gesellschaft vor allem die Bedeutung von Religion und Fatalismus, Technokratie und Katastrophenmanagement sowie politische Dimensionen und den
Einsatz des Militärs thematisieren. Medienberichte über regionale Geohazards geben Hinweise auf soziale Strukturen und die maßgeblichen sozialen Institutionen. Gleichzeitig gibt
die Berichterstattung auch Indikatoren für vorherrschende Ideologien und Werte in einer Gesellschaft. Gleiches kann für die regionale Berichterstattung über die Sturmflut 1962 gesagt
werden. Hier wird außerdem deutlich, dass sich die Wahrnehmung der Möglichkeit einer Katastrophe im Laufe der Zeit verändert. Vor allem durch den Generationenwechsel wird das
Schlüsselereignis in den Hintergrund gedrängt. Auch wird die Empfindung der Bedrohung
durch die Erfahrung der Sicherheit bei Folgeereignissen verdrängt. Ein weiterer Faktor sind
Interessen von verschiedenen Akteursgruppen wie der Politik und der Wirtschaft. Das Thema
des Klimawandels kann, wenn es mit dem Thema des regionalen Geohazards verbunden wird,
zu einer Transformation der Gefahrenwahrnehmung führen und das regionale Ereignis zu
einem globalen Thema machen. Dies passiert, wenn dieses langfristige Thema durch ein bestimmtes Ereignis wie die Veröffentlichung der IPCC-Reporte zu dem gleichen Zeitpunkt auf
die Medienagenda rückt, zu dem wichtige Erinnerungsanlässe für das traumatische Schlüsselereignis stattfinden. Allerdings funktioniert diese Globalisierung nur temporär und ist abhängig von den regionalen Erfahrungen mit Folgeereignissen und Interessen.
Wie sich allerdings die Menschen in den betroffenen Gebieten an Naturkatastrophen erinnern
und ob sich ihre Wahrnehmung der regionalen Auswirkungen des Klimawandels mit der medialen Berichterstattung deckt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Dass es hier Differenzen gibt, zeigt jedoch eine repräsentative Umfrage mit 500 Hamburger Bürgern. Demnach
21
sahen im April 2008 61 % der Hamburger Klimawandel als eine große bis sehr große Bedrohung für die Stadt an. Als Naturkatastrophe mit den potenziell schwersten Folgen für Hamburg fürchteten 83 % Sturmfluten (Ratter 2008). Nur kurze Zeit vor dieser Umfrage, im November 2007, hatte sich die letzte Sturmflut in Hamburg ereignet. Bereits in der folgenden
Umfrage (April 2009) sahen nur noch 53 % der Hamburg Klimawandel als große bis sehr
große Bedrohung für die Stadt an (Ratter 2009). In dem vorherigen Jahr hatte sich keine
Sturmflut ereignet und es fehlte eine zeitnahe, direkte Erfahrung der Bevölkerung mit den Naturgewalten. Dafür rückten durch die Finanzkrise andere Risiken in das Bewusstsein der Bevölkerung. Die Klimabedrohung verlor dementsprechend an Relevanz. Die Ergebnisse dieser
Befragung deuten eine Diskrepanz zwischen der medialen Berichterstattung über Gefahren
und die Wahrnehmung von Gefahren in der Bevölkerung an, die es im Folgenden noch zu erforschen gilt.
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