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Dokumentation.pdf (616 KB) - Arbeitsgemeinschaft der Freien

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Ambulantisierung in
der Behindertenhilfe und
Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus?
Dokumentation
Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V.
am 31. August 2006
Seite
3
Einleitung von Michael Edele, AGFW
4-6
Begru
̈ ßung Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus? von Richard Wahser, AGFW
7-8
Grußwort Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus? von Herbert Bienk, Senatskoordinator für die
Gleichstellung behinderter Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg
9 - 13
Rede Gemeinsame Veranstaltung der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in
Hamburg und der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen von
Karin Evers-Meyer, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen
14 - 19
Beitrag Ambulantisierung in der Eingliederungshilfe von Dr. Peter Gitschmann, Behörde
für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz – Amt Soziales und Integration,
Eingliederungshilfe
20 - 21
Beitrag Kurzdarstellung der Programmsegmente des Mietwohnungsbauprogramms
2006 von Herrn Selle, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
22 - 24
Vortrag Das Hamburgische Stadtteilentwicklungsprogramm „Aktive Stadtteilentwicklung 2005 - 2008“ von Klaus-Peter Friebel, Referat Stadterneuerung der Behörde
für Stadtentwicklung und Umwelt
25 - 32
Beitrag Allgemeine Thesen zur Sozialen Stadtteilentwicklung
von Dipl.-Soz. Marcus Menzl, HafenCity Universität Hamburg
33 - 34
Beitrag aus Sicht der Bürger/innen des Stadtteils und des Bürgerschaftliches Engagement.
Information und Einbindung der Bürger/innen Ambulantisierung in der Eingliederungshilfe und Stadtteilentwicklung – Wie kann ein ideales Quartier aussehen?
von Ursula Preuhs
35 - 37
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung – Wie sieht das
ideale Quartier aus? Beitrag aus der Sicht der BürgerInnen / des bürgerschaftlichen
Engagements Freiwilligen Zentrum Hamburg / Agnes-Neuhaus-Heim
von Dipl. Päd. Kirsten Leischel und Dipl. Soz-Päd. Hannah Schonig-Nasr
38 - 39
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung – Wie sieht das
ideale Quartier aus? Beitrag aus Sicht eines Stadtentwicklers
von Axel Vogt, Bezirksamt Eimsbüttel
40 - 41
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung – Wie sieht das
ideale Quartier aus? Beitrag aus Sicht eines Architekten
Über Erfahrungen mit Menschen, die aus einer Heimunterbringung in den
eigenen Wohnraum in einen Hamburger Stadtteil gezogen sind
von Karsten Wagner, Lawaetz-Stiftung, Stadtentwicklung und Projektmangement
42 - 45
Ergebnisprotokoll zum Veranstaltungsteil: Zusammenfassung der Ergebnisse der
Arbeitsgruppen und Diskussion
von Sandie-Christine Schröfel
Einleitung Michael Edele
Die in der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossenen
Wohlfahrtsverbände begrüßen und unterstützen das Projekt der Ambulantisierung in
der Behindertenhilfe in Hamburg. Von Beginn an waren die Verbände bei der Formulierung der Rahmenbedingung der Ambulantisierung mit einbezogen und unterstützen die Träger bei der Umsetzung.
Das Gelingen dieses Vorhabens ist abhängig vor allem von der Berücksichtigung der
Interessen von Menschen mit Behinderung. Nur wenn die Ambulantisierung freiwillig
geschieht, Rückkehroptionen bestehen und die Rahmenbedingungen angemessen
gestaltet werden, kann für den einzelnen der Wechsel in eine ambulante Wohnform
gelingen. Aber auch die Interessen der Träger der Einrichtungen müssen berücksichtigt werden. Hier ist vor allem Planungssicherheit und die Entwicklung entsprechender neuer Angebote notwendig.
Darüber hinaus ist ein wichtiger Erfolgsfaktor der Ambulantisierung die Integration
der Menschen mit Behinderung in den Stadtteilen, wo neue ambulante Wohnformen
entstehen bzw. stationäre in ambulante umgewandelt werden. Hier spielt auch das
bürgerliche Engagement eine besondere Rolle.
Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege hat sich deshalb in Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen explizit mit dieser
letzten Fragestellung beschäftigt und dazu einen Fachtag „Ambulantisierung in der
Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung - Wie sieht das ideale Quartier aus?” am
31.08.2006 durchgeführt.
Nachfolgend finden Sie nun die Dokumentation dieser Veranstaltung. Daraus lassen
sich viele interessante Informationen und Hinweise für das Projekt der Ambulantisierung insbesondere hinsichtlich der Frage der Stadtteilentwicklung gewinnen.
Viele verschiedene Gruppen haben bei dieser Veranstaltung mitgewirkt und zum
Gelingen beigetragen und für viele ist die Relevanz dieses Thema durch den Fachtag
überhaupt erst deutlich geworden. Dazu gehören Verbände, Wohlfahrtsverbände,
Einrichtungen, Betroffenenorganisationen, Fachbehörden, Bezirke und Vertreter aus
Wissenschaft und Stadtentwicklung.
An dieser Stelle möchte ich dem Vorbereitungsteam der Veranstaltung danken: Ilona
Markossa (Paritätischer Wohlfahrtsverband), Peter Hambrinker (Diakonisches Werk),
Karl Stengler (Arbeiterwohlfahrt) sowie einer Reihe von Vertreter/innen verschiedener
Organisationen, die insbesondere an einem Vorbereitungsworkshop teilgenommen
haben: Axel Vogt (Bezirksamt Eimsbüttel), Klaus-Peter Friebel (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt), Karsten Wagner (Lawaetz-Stiftung), Herbert Bienk (Senatskoordinator für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung) und Gudrun
Dräger (Behörde für Soziales, Familie und Verbraucherschutz). Ein weiterer Dank geht
an Sandie-Christine Schröfel, Joanna Heppner und Diana Hauschildt für die Erstellung
von Mitschriften der drei Arbeitsgruppen, die in einem Protokoll von Frau Schröfel in
der Dokumentation zusammen geführt worden sind.
Wir hoffen mit der Vorlage dieser Dokumentation einen Beitrag zum Gelingen des
Ambulantisierungsprozesses beizutragen und werden dieses Vorhaben weiter kritisch
konstruktiv begleiten.
Hamburg, im März 2007
Michael Edele
Geschäftsführer
Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V.
3
4 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Begru
̈ ßung
Richard Wahser, AGFW
Sehr geehrte Damen und Herren!
Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Hamburg heißt Sie herzlich
Willkommen zum Fachtag Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung – Wie sieht das ideale Quartier aus?
Nicht nur Verbände, Leistungsanbieter und das Amt für Soziales und Integration sind
unserer Einladung gefolgt, ich begrüße Frau Karin Evers-Meyer, die Beauftragte der
Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Herrn Herbert Bienk, Senatskoordinator für die Gleichstellung behinderter Menschen beide werden gleich zu uns
sprechen. Danke, dass sie gekommen sind.
Das Thema unseres Fachtages ist ohne die Beteiligung der Bezirksämter der für die
Stadt- und Stadtteilentwicklung zuständigen Behörden und die Wohnungswirtschaft
nicht zu bearbeiten. Dank für Teilnahme und Mitwirkung.
Spitzenverbände der freien Wohlfahrtsverbände und grofl e Träger der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen in Hamburg haben im Frühjahr d. J. mit der
Sozialbehörde Zielvereinbarungen abgeschlossen, um in einem festgelegten Zeitrahmen zu erreichen, dass Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in
einem größeren Ausmaß als bisher und mit neuen Konzepten ambulant betreut
werden können.
Die Hamburger Politik für behinderte Menschen weist eine deutliche Kontinuität aus.
Dies wird nachvollziehbar, wenn man heute die Berichte zur sozialen Situation der
Behinderten und zur Entwicklung der Rehabilitationsangebote in Hamburg in den
Jahren 1981, 1986 und 1999 liest und sie mit den derzeitigen im Konsens entwickelten
Vereinbarungen abgleicht.
So z. B. werden im Bericht zur Lebenssituation behinderter Menschen von 1999 als
Grundsätze für die Weiterentwicklung moderner Behindertenpolitik genannt,
>
>
>
>
Normalisierung,
Selbstbestimmung,
Integration und
Regionalisierung.
Über die Beachtung dieser Grundsätze sollen behinderte Menschen gleiche Chancen
zur Lebensgestaltung erhalten wie Menschen ohne Behinderung.
Begrußung Richard Wahser
Die Umorientierung der Hilfen folgte den Zielen
– der Erweiterung der Wahlmöglichkeit für behinderte Menschen durch Differenzierung der Angebote, weg von den Konzentrationen auf Großeinrichtungen und
ganz wenige grofl e Träger
– der stärkeren Orientierung auf vor¸bergehende teilstationäre und ambulante
Hilfen; dies entspricht auch der Rechtsentwicklung des Bundessozialhilfegesetzes
und des SGB XII
– der Verknüpfung von Hilfen des selbst ndigen Lebens in eigenen Wohnungen
oder Wohngruppen und
– der Integration der Hilfen in die Lebensumgebung der hilfeberechtigten Menschen,
also der sozialraumorientierten Hilfe.
Die Zielvereinbarungen 2006 bis 2010 zur sog. Ambulantisierung stellen einen weit
reichenden Prozess der strukturellen und konzeptionellen Weiterentwicklung der
Eingliederungshilfe dar.
Rund 2400 Menschen, werden zurzeit in Hamburg stationär betreut, bis zu 800
sollen in den kommenden Jahren in ambulante Hilfe-Settings wechseln.
Jedes Jahr kommen 300 Menschen mit Unterstützungsbedarf neu ins System der
Eingliederungshilfe auch sie sollen ein differenziertes offenes und vielfältiges Angebot
vorfinden.
Diese Menschen werden aufgrund der vorgesehenen, zurückgefahrenen stationären
Vollversorgung neue Versorgungsstrukturen im Stadtteil benötigen.
Es stellt sich also die Frage, wie die Stadtteile auf diesen Zuzug bzw. die Existenz von
Menschen mit Behinderungen in den Stadtteilen vorbereitet sind.
In der Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 19.04.06 (Drucksache 18/127)
zur Aktiven Stadtteilentwicklung 2005-2008 kommen Menschen mit Behinderungen
so gut wie nicht vor. Gespräche, die wir in Vorbereitung dieser Veranstaltung geführt
haben, haben das bestätigt.
Es stellt sich auch die Frage, ob das Projekt „Wachsende Stadt” an Menschen mit
Behinderungen berücksichtigt.
Wir brauchen neue begleitete Wohnangebote, die mehr als sind als beispielsweise die
Pädagogische Betreuung im eigenen Wohnraum, aber trotzdem weniger strukturiert
sind als das Leben in einer stationären Wohngruppe. Wenn also mehr behinderte
Menschen zukünftig in ihrer eigenen Wohnung oder in der neuen Form der ambulant
betreuten Wohn- oder Hausgemeinschaften mitten unter uns leben wollen und
sollen, stellt das neue Anforderungen an das Quartier, die Region, an das soziale
Miteinander, an Eingliederungshilfe, an Bürgerschaftliches Engagement, an tertiäre
Netzwerkes.
Einfach gefragt: Wenn der Senat eine solche Änderung beschlossen hat, sind dann
alle, die es konkret angeht, darauf vorbereitet?
Uns interessieren heute nicht die grofl en Themen, die einem zuerst in den Sinn kommen, wie die Förderung des sozialen behindertengerechten Wohnungsbau oder der
Ausbau barrierefreien Personennahverkehrs.
5
6 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Uns bewegen Fragen wie:
• Wie sehen die Quartiersentwickler der Bezirksämter diese Veränderungen?
• Gibt es in den Stadtteilen den Sozialräumen genügend Infrastruktur für einen
gelingendenen Alltag, wie Läden und Freizeittreffs, die für behinderte Menschen
auf kurzen Wegen erreichbar sind?
• Ist die Region von ihren Zuwegungen und Übersichtlichkeiten her so ausgestattet,
dass behinderte Menschen mit Orientierungsproblemen, aber auch mit Sinnesbehinderungen oder Mobilitätseinschränkungen zurechtkommen?
• Wie steht es um ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement?
Gibt es Personenvereinigungen, die sich diesem Personenkreis gegenüber
verpflichtet fühlen?
• Wie steht es um die Öffnungsfähigkeit von Freizeiteinrichtungen behinderten
Menschen gegenüber?
Diesen und anderen Fragen wollen wir in unserer Fachtagung nachspüren.
Die in der AGFW zusammengeschlossenen Verbände der Freien Wohlfahrtspflege
begrüßen Sie herzlich und laden Sie ein, mit uns und den anwesenden Experten und
Expertinnen Wege aufzuzeigen, die den begonnenen Umstrukturierungsprozess unterstützen und die Integration der behinderten Menschen in den Stadtteil
erleichtern.
Richard Wahser, 31. August 2006
„Es gilt das gesprochene Wort”
Grußwort Herbert Bienk 7
Grußwort
Herbert Bienk, Senatskoordinator für die
Gleichstellung behinderter Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg
Sehr geehrte Frau Evers-Meyer,
sehr geehrte Damen und Herren!
Ich danke den Veranstaltern für die Einladung. Sie haben sich – wie ich denke – ein
neues und ein „großes Thema“ für die heutige Tagung gewählt.
Was das „Neue“ betrifft, bin ich erinnert an das Dichterwort „Es läuft die Zeit im
Sauseschritt – wir laufen mit“
Was das „große Thema“ betrifft, hierzu einige Gedanken.
„Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung Wie sieht das ideale Quartier aus?“
Ich will über meine Gedanken die Worte setzen: „Dem Leben einen eigenen Weg
ermöglichen.“
Am Anfang ein paar Zahlen:
1900 war die durchschnittliche Lebenserwartung mit 47 Jahren gegeben, Ende 1960
68,5 Jahre. Mitte der siebziger Jahre (1970) betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der behinderten Menschen in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung
etwa 49 Jahre.
Seit 1990, der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bis 2000 ist die
durchschnittliche Lebenserwartung der ehemaligen DDR-Bürger um rund 5 Jahre
gestiegen.
Heute werden die Menschen in Deutschland zwischen 76 und 80 Jahren alt und für
die ab 2000 geborenen Menschen rechnet das statistische Bundesamt mit einer
Lebenserwartung von 100 Jahren und darüber bei 2/3 der Mädchen/Frauen und 1/3
der Jungen/Männer.
Ein anderer Aspekt:
Nach dem Wiederaufbau nach dem Krieg (Kriegsende 1945) sind jetzt rund 50 Jahre
vergangen. Das heißt bei den üblichen Abschreibungen von 2 % p.a. werden jetzt
Altbaubestände abgerissen und im guten Fall durch Neubauten ersetzt, neu saniert
und/oder restauriert. Warum sag ich Ihnen diese Zahlen?
Sie sollen daran erinnern, darauf hinweisen, alle Dinge die unter dem gestellten
Thema betrachtet und zur Beurteilung beigezogen werden, fordern auf zu beachten:
• Die Bedingungen sind nicht statisch, sie sind wandelbar und unterliegen einem
ständigen Wandel.
8 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
• Welche Bedingungen sind meinem Leben angepasst? Kann ich sie meinem
Leben anpassen? Wieweit muss auch ich mich den Bedingungen anpassen?
Wie verhält sich meine jetzige Erwartung zu meiner sich entwickelnden und veränderten Lebenserwartung und Lebenszielbestimmung in der Zukunft?
Selbstbestimmung hat dynamischen Charakter! Selbstbestimmung und „zurzeit“ ist
eine Seite der Medaille, Selbstbestimmung „in der Zeit“ die andere Seite.
Und so eingebunden in die gesellschaftliche Teilhabe, die gesellschaftliche Gemeinsamkeit definiert sich eben „Stadtteilentwicklung und Quartier“ meint
• Kommunikation, Begegnung, Erleben und Leben. Und dies nicht hier als und über
Sprache. Eingeschlossen ist jede Form menschlicher Begegnung, so wie der
Begriff „Standort“ eine räumliche und dynamische Dimension impliziert.
Um für Menschen mit Behinderungen einen Weg in die selbstbestimmte Integration –
Wiederherstellung eines Ganzen – zu ermöglichen, bedarf es der Solidarität der
Gesellschaft. Nicht in Abhängigkeit hiervon, sondern des Erkennens gemeinsamer
Interessen. So wie bei der gewollten und geforderten Barrierefreiheit. Ich denke die
Zeit für Auseinandersetzungen um „behindertenfreundlich, behindertengerecht,
barrierearm” ist überholt, wenn auch leider noch nicht vorbei. Barrierefreiheit als
umfassendes Ziel, für alle Bürger, sollte das Programm sein. Hierzu gehört sowohl aus
Erfahrungen lernen, Zielvorstellungen entwickeln als auch bei anderen abgucken. Nehmen wir das Beispiel Stockholm.
Hier entsteht ein Neubaugebiet mit 20.000 Wohnplätzen und 10.000 Arbeitsplätzen.
Stockholm will 2010 die barrierefreiste Stadt der Welt sein.
Um der Barrierefreiheit in Hamburg ein Stück näher zu kommen, d.h., darauf hinzuarbeiten, haben der Landesseniorenbeirat Hamburg, das Beratungszentrum „Barrierefrei
Leben e. V. und der Senatskoordinator für die Gleichstellung behinderter Menschen
eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Sie dient der Hand-lungskoordinierung.
Die Zielformulierung sagt aus:
„ . . . gemeinsam abgestimmtes Erreichen der Barrierefreiheit im Interesse aller
Menschen, insbesondere behinderter und schwerbehinderter sowie älterer und
betagter Menschen“. Für die Arbeit gilt es, Hindernisse für die Gleichbehandlung und
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu identifizieren und zu beseitigen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich wünsche Ihrer Tagung gutes Gelingen und der Arbeit viel Erfolg. Ich bin, soweit
ich helfen und einen Beitrag leisten kann, gern an Ihrer Seite. Danke!
Rede Karin Evers-Meyer
Karin Evers-Meyer, Beauftragte der
Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen
Anrede,
ich danke Ihnen für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung. Das Thema
Ambulantisierung ist ja für alle, die sich mit der Politik für behinderte Menschen in
unserem Land beschäftigen, ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Ambulantisierung
ist eines der zentralen Elemente des Umdenkungsprozesses in der Behindertenpolitik
– hin zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe am Leben. Ich würde sogar soweit
gehen, zu sagen, dass sich der Fortschritt dieses Umdenkungsprozesses am Fortschritt
der Ambulantisierung messen lässt.
Um an dieser Stelle jedoch nicht gleich in die Diskussion einzusteigen, will ich Ihnen
zunächst ein paar grundsätzliche Überlegungen präsentieren, wie Sie der Arbeit der
Bundesregierung zugrunde liegen.
Aus Sicht der Bundesregierung gibt es zwei Eckpfeiler, die die Behindertenpolitik in
den kommenden Jahren signifikant beeinflussen werden: Dazu zählen auf der einen
Seite die Entwicklung der Fallzahlen und die Entwicklung der Ausgaben der
Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen, auf der anderen Seite die
Veränderung des Selbstverständnisses und der Hilfebedarfe von Menschen mit
Behinderungen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrugen die Nettoausgaben im Jahr
2003 für die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen 9,6 Mrd. Euro. Dies
sind 43 % der Sozialhilfeausgaben insgesamt. Im Vergleich dazu machten die
Nettoausgaben für die Hilfe zum Lebensunterhalt, also gemeinhin die Sozialhilfe im
engeren Sinne, mit insgesamt 8,7 Mrd. Euro 39 % der Sozialhilfeausgaben aus. Seit
Einführung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) im Jahre 1962 sind die Ausgaben
der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung stetig angestiegen.
Betrugen im Jahr 1993 die Bruttoausgaben im Rahmen der Eingliederungshilfe für
Menschen mit Behinderung noch 5,7 Mrd. Euro, so haben sich diese Ausgaben in den
vergangenen 10 Jahren für diese Hilfeart nahezu verdoppelt.
Gründe für diese Entwicklung lassen sich in drei Bereiche aufteilen: Zum einen ist der
medizinische Fortschritt zu nennen. Ein zweiter Bereich betrifft die demografische
Entwicklung. Den dritten Bereich will ich hier einmal als „Gesellschaftlichen Wandel im
Allgemeinen” bezeichnen.
Da die Lebenserwartung behinderter Menschen in der Regel nicht geringer einzuschätzen ist als die Nichtbehinderter, ist in unter dem Strich mit weiteren Kostensteigerungen für die Sozialhilfeträger zu rechnen. Aufgrund des früheren Verlassens des
Elternhauses, mit dem weit mehr jüngere behinderte Menschen als früher ihr Recht
9
10 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
auf ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben wahrnehmen, steigt der
Bedarf an spezifischen ambulanten und stationären Betreuungsangeboten stetig an,
ohne dass dem nennenswerte Abgänge aus stationären Wohneinrichtungen gegenüberstehen.
Hinzu kommt, dass in Anbetracht des medizinischen Fortschritts auch der Anteil
schwerstbehinderter Menschen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe
zunimmt. Es ist davon auszugehen, dass sich insbesondere vor dem Hintergrund der
demografischen Entwicklung der Ausgabenanstieg im Bereich der Eingliederungshilfe
für behinderte Menschen in Einrichtungen in den nächsten Jahren fortsetzt, wenn
nicht wirksam gegengesteuert wird.
Das sind die grundlegenden Zahlen und Fakten der Eingliederungshilfe.
Dem Gegenüber steht die Veränderung des Selbstverständnisses und der Hilfebedarfe
von Menschen mit Behinderungen, angestoßen durch die sich in den frühen 70ern in
Amerika ausbreitende "Independent Living-Bewegung". Diese Bewegung hat
Deutschland inzwischen erreicht und sich hier seit Anfang der 90er Jahre als
"Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" fest etabliert. Diese Bewegung fördert die
Entwicklung eines neuen Selbstbewusstseins behinderter Menschen. Sie sind nicht
mehr Objekte von Fürsorge, sondern gleichberechtigte Partner in einem Dialog mit
dem Ziel einer gleichberechtigten selbstbestimmten Teilhabe an der Gesellschaft.
Die Leitforderungen behinderter Menschen, "Teilhabe verwirklichen – Gleichstellung
durchsetzen – Selbstbestimmung ermöglichen“ unterstützt die Bundesregierung, und
in ihr das Haus der Beauftragten für die Belange behinderter Menschen, seit 1998 in
besonderer Intensität:
das SGB IX,
das Behindertengleichstellungsgesetz und jetzt auch
das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz
sind die großen Meilensteine, die der Gesetzgeber in den vergangenen 6 Jahren
gesetzt hat.
Die vergangenen Freitag in New York fertig verhandelte UN-Konvention zum Schutz
und zur Förderung behinderter Menschen wird weitere Impulse auch in Deutschland
setzen.
Einhergehend mit den Leitforderungen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung verändern sich natürlich die Bedarfe von Menschen mit Behinderungen. Die Hilfebedarfe
werden differenzierter. Gefordert werden mehr Beweglichkeit und Effizienz in der
Angebotsstruktur. Dies bedeutet aus meiner Sicht die verstärkte Notwendigkeit von
Wahlfreiheit unter den Hilfsangeboten und die Möglichkeit zur Mitgestaltung der
individuellen Hilfearrangements.
Diese Anforderungen sind nur mit einer Pluralität des Dienstleistungsangebots erfüllbar.
Voraussetzung dafür ist eine Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und
die Veränderung von einem regulierten Angebotsmarkt zu einem vielgestaltigen
Nachfragemarkt von Pflege- und Unterstützungsleistungen. Behinderte Menschen
werden zu Kunden, die aus dem Angebot auswählen und selbst entscheiden, welche
Dienste und Leistungen sie in welchem Umfang nutzen wollen.
Rede Karin Evers-Meyer
Es muss möglich sein, als hilfsbedürftiger Mensch in der eigenen Wohnung oder in
einer selbst gewählten Wohngemeinschaft zu wohnen und dort eine individuelle und
bedarfsgerechte Unterstützung zu erhalten.
Die Grundsteine für diesen Veränderungsprozess hat die Regierung bereits 2001 mit
dem SGB IX gelegt: mit der Stärkung des Grundsatzes „ambulant vor stationär”, mit
der Implementierung des Persönlichen Budgets als neue Leistungsform und mit der
Stärkung des Wunsch- und Wahlrechtes behinderter Menschen. Auch mit der Reform
des Sozialhilferechts nach SGB XII wurde ambulanten Hilfe ein Vorrang eingeräumt.
Wir befinden uns damit seit Beginn dieses Jahrtausends in einer Zeit des Umbruchs:
Das bestehende System der Behindertenhilfe steht auf dem Prüfstand.
In allen Bundesländern finden Überlegungen statt, welche Wege wir gehen müssen,
um behinderten Menschen eine selbstbestimmte Lebensführung und Teilhabe am
Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen; die Ambulantisierung ist in vollem Gange.
Motor der Entwicklung sind einerseits die langjährigen Forderungen von Menschen
mit Behinderung nach einem selbstbestimmten Leben inmitten der Gesellschaft.
Auf der anderen Seite müssen aufgrund der finanziellen Lage in den Bundesländern
die Weichen für die Leistungsstrukturen neu gestellt werden. Die steigenden Kosten
für die Eingliederungshilfe zwingen dazu, neue Wege zu gehen.
Bisher, so stelle ich fest, haben die bestehenden Reformansätze den stetigen Ausgabenzuwachs bei der Unterbringung in stationären Einrichtungen noch nicht aufhalten
können.
Die Kostenträger haben sich jedoch „ambulant vor stationär” auf ihre Fahne geschrieben.
Sie eröffnen damit gleichzeitig neue Chancen für ein selbstbestimmtes Leben.
Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie wissen genauso gut wie ich:
Keine Chancen ohne Risiken!
In Zeiten knapper Kassen ist die herrschende Sorge um eine Verschlechterung der
Qualität der Hilfen nicht unbegründet, und Menschen mit schwersten Behinderungen
geraten bei der Diskussion um Selbstbestimmung und Teilhabe und um die damit
notwendigen Veränderungen der Hilfestrukturen unter Umständen aus dem Blick.
Es besteht Anlass zur Befürchtung, dass der Ausbau des ambulant betreuten Wohnens neue Restgruppen in den Einrichtungen schafft – mit bedenklichen Folgen.
Das muss verhindert werden.
Die Kernfragen, die wir uns stellen müssen, sind daher:
Wie müssen wir die Begleitung beim Wohnen von Menschen mit schweren
Behinderungen weiterentwickeln? Wie können wir ganz konkret verhindern,
dass sie als „Restgruppe“ in großen Institutionen „übrig bleiben”?
Wie können wir die Entwicklung einer „Assistenzhaltung“ der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern?
Wie bekommen wir die fachlichen Ziele, den Unterstützungsbedarf der
Einzelnen und die Sparzwänge der öffentlichen Hand unter einen Hut?
11
12 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Ist die „Ambulantisierung“ überhaupt ein Sparprogramm oder ist sie vielleicht
sogar ein teurer Spaß?
Wie kann Qualitätssicherung in der ambulanten Versorgung sichergestellt
werden?
Das ist ganz entscheidend, denn nur eine bedarfsgerechte ambulante Versorgung
wird die Akzeptanz finden, die ein solcher Reformprozess auch braucht.
Der nächste große Schritt für die Begleitung dieses Umstrukturierungsprozesses ist
die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Erbringung der
Eingliederungshilfe. Gemeinsam mit den Ländern, Kommunen und den Verbänden
behinderter Menschen wollen wir dafür unter anderem die Leistungsstrukturen der
Eingliederungshilfe so weiterentwickeln, dass auch künftig ein effizientes und leistungsfähiges System zur Verfügung steht. Der Grundsatz „ambulant vor stationär”,
die Verzahnung ambulanter und stationärer Dienste, die Leistungserbringung „aus
einer Hand” und die Umsetzung der Einführung des Persönlichen Budgets werden
dabei einen zentralen Stellenwert einnehmen.
Hiermit beschäftigt sich seit Anfang des Jahres die Konferenz der Obersten Landesbehörden (KOLS) unter Beteiligung des Bundes. Sie hat verschiedene Arbeitsgruppen
etabliert, die sich mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten auseinandersetzen.
Mit einem Ergebnis wird vermutlich nicht vor Ende diesen Jahres zu rechnen sein.
Mit Spannung werden wir natürlich die Entwicklung in NRW beobachten, nach der
Zielvereinbarung der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen Lippe mit den
Freien Wohlfahrtsverbänden in Nordrhein-Westfalen über den Abbau von 5 Prozent
stationärer Heimplätze.
Hier gilt es natürlich, besonders wachsam zu sein und - gerade auch vor dem Hintergrund der Föderalismusreform und dem damit einhergehenden breiteren Handlungsspielraum der Länder – Leistungsverschlechterungen und Rückschritte zu hindern.
Zurzeit befindet sich das Erste SGB XII-Änderungsgesetz im parlamentarischen Verfahren. Diese Änderungen betreffen jedoch nur am Rande die Eingliederungshilfe.
Leistungsverschlechterungen sind hier nicht zunächst nicht zu befürchten.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Kernstück der Weiterentwicklung der Leistungsstrukturen für Menschen mit Behinderungen bleibt aus meiner Sicht das Persönliche Budget. Ich sehe darin eine große
Chance, selbstbestimmte Teilhabe zu ermöglichen. Es wird noch in Modellvorhaben
erprobt, es gibt noch viel Skepsis, Bedenken, Fragen, Probleme. Diese gilt es, zu analysieren und - natürlich gemeinsam mit behinderten Menschen und ihren Verbänden,
aber auch mit den Leistungserbringern und den Beschäftigten in den Institutionen Lösungen zu finden.
Meine Erfahrungen in Ländern wie Schweden oder den Niederlanden zeigen jedoch
ganz deutlich, dass der Weg über ein Persönliches Budget für alle Beteiligten große
Chancen birgt. Es ist beeindruckend, was dort möglich geworden ist.
Schwerstbehinderte Menschen leben dort selbstständig mit einem Persönlichen
Budget und Persönlicher Assistenz. Auch für mich eine wirklich beeindruckende Erfahrung. Gleichzeitig haben auch die Angehörigen und die Beschäftigten die Situation
Rede Karin Evers-Meyer
angenommen und ich denke nicht, das irgendjemand dort auf die Idee käme, die
Entwicklung wieder zurückdrehen zu wollen.
In der vergangenen Woche hatte ich in den USA auch noch einmal Gelegenheit, mich
auf einer breiten internationalen Ebene über dieses Thema auszutauschen. Auch dort,
wo man noch nicht so weit ist, geht die Politik in die Richtung der „Customized
Budgets”. Ich sage damit sicher nicht, dass wir in Deutschland etwa das skandinavische System eins zu eins übernehmen können. Jedes Land hat seine ganz eigenen
und speziellen Bedürfnisse und Voraussetzungen. Ich bin jedoch davon überzeugt,
dass die grundsätzliche Entscheidung für eine Ambulantisierung mithilfe Persönlicher
Budgets richtig und vor allem unumkehrbar ist.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich weiß, behinderte Menschen und ihre Verbände haben in den letzten Jahren viel
gekämpft, haben sich produktiv in die Behindertenpolitik eingebracht und viel erreicht, die Regierung hat die entscheidenden Weichen gestellt und den Paradigmenwechsel eingeleitet, und ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt, gemeinsam auch
die künftigen demografischen, gesellschaftlichen und finanziellen Herausforderungen
zu meistern und das bisher Erreichte zu manifestieren und auch positiv weiterzuentwickeln.
Wichtig ist, dass wir dies gemeinsam tun –
mit allen, die von diesem Prozess in ihrer Lebenssituation berührt werden.
Zu meinem Bedauern muss ich Sie in der Pause verlassen, da um 12.30 Uhr in Berlin
mein Arbeitskreis Pflegereform tagt. Dieses Thema erfordert natürlich die volle Aufmerksamkeit der Beauftragten für die Belange behinderter Menschen. Der Arbeitskreis besteht – wie es gute Tradition in meinem Haus ist – aus Vertretern von Ministerien und Vertretern von Behindertenverbänden gleichermaßen.
Ich will die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die zum Teil ehrenamtlich ihre Zeit für
den Arbeitskreis widmen nicht warten lassen. Ich bitte dafür herzlich um Verständnis.
Ich hätte gerne auch noch die Beiträge zur Stadtplanung und Stadtentwicklung, die
für den Nachmittag vorgesehen sind, gehört. Als ich in der ersten Jahreshälfte auf
einer Informationsreise durch Schweden Adolf Ratzka in Stockholm getroffen habe,
einen der Pioniere der Independent Living Bewegung, antwortete er mir auf die
Frage, was das wichtigste ist um behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben
zu ermöglichen: Das wichtigste sei Barrierefreiheit.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine interessante und erkenntnisreiche Tagung.
Vielen Dank!
13
14 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Beitrag von
Dr. Peter Gitschmann, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz
– Amt Soziales und Integration, Eingliederungshilfe
Ambulantisierung in Hamburg
ist auf guten Weg gebracht
Gemeinsam mit allen
Beteiligten wird sie
Schritt für Schritt
umgesetzt!
Ambulante Betreuung für behinderte Menschen
Ziel:
Bedingungen für selbstbestimmte
Lebensgestaltung optimieren
Ziel:
Hilfeleistungen individueller und
bedarfsgerechter gestalten
Ziel:
Mit dem Eingliederungshilfebudget
effizienter und effektiver umgehen
Beitrag Dr. Peter Gitschmann 15
Wünschen der Leistungsberechtigten, die sich auf die Gestaltung der Leistung richten,
soll entsprochen werden, soweit sie angemessen sind.
Wünschen der Leistungsberechtigten, den Bedarf stationär oder teilstationär zu
decken, soll nur entsprochen werden, wenn dies nach der Besonderheit des Einzelfalles
erforderlich ist, weil anders der Bedarf nicht oder nicht ausreichend gedeckt werden
kann … Der Träger der Sozialhilfe soll in der Regel Wünschen nicht entsprechen, deren
Erfüllung mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden wäre.
Soweit die Ziele nach Prüfung des Einzelfalls mit vergleichbarer Wirksamkeit erreichbar
sind, werden Leistungen unter Berücksichtigung der persönlichen Umstände in ambulanter, teilstationärer oder betrieblicher Form und ggf. unter Einbeziehung familienentlastender und -unterstützender Dienste erbracht.
2003
2001
Fallzahlen bundesweit
555.000
593.000
+ 6,8 %
Fallzahlen Hamburg
7.014
7.268
+ 3,6 %
Kosten bundesweit
9,5 Mrd. Euro
10,9 Mrd. Euro
+ 15,4 %
Kosten Hamburg
277 Mio. Euro
298 Mio. Euro
+ 7,6 %
16 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
rd. 1.800 Menschen erhalten
ambulante Leistungen der EGH
rd. 4.800 Menschen
werden in Heimen
und Wohngruppen
stationär versorgt
Ausgangssituation in 2004
Vorrang für
ambulante
Betreuung –
Stationäre
Versorgung
vermeiden
•
Freiwilligkeit des Wechsels
•
Rückkehrmöglichkeiten entsprechend
des individuellen Bedarfs
•
Beteiligung und unabhängige Beratung
der betroffenen Menschen
•
Auskömmlichkeit, Verlässlichkeit,
Qualität und Kontinuität der Unterstützung
Beitrag Dr. Peter Gitschmann 17
ESA
400 von ca. 1.235 Plätzen
Arbeiterwohlfahrt
70
Leben mit Behinderung
125 von ca. 380 Plätzen
Diakonisches Werk/
Paritätischer
175 von ca. 620 Plätzen
Gesamt
770 von ca. 2.450 Plätzen
von ca. 215 Plätzen
Vereinbarung
Umwandlung stationärer Plätze in ambulante Betreuung
Ambulante Betreuung im bestehenden Hilfesystem
(PBW, Wohnassistenz)
Ambulante Betreuung in Wohngemeinschaften
• Vereinbarung von Maßnahmepauschalen/ Tagespauschalen
• Pauschalen differenziert nach Hilfebedarfsgruppen
• Bündelung der Maßnahmen ergibt bedarfsgerechte Betreuung
• Bedarfsgerechte Betreuung in WGs gesichert
18 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Stadtteileinrichtung
Pflegedienst
Teilstationäre
Einrichtung
Stationäre
Einrichtung
Nutzung
vorhandener regionaler
Angebote, Beispiel:
stationäre Einrichtungen
Betreuung
Case Management
Pflege
Hauswirtschaftliche Hilfen
Essensversorgung
Krisenintervention
Nachtbereitschaft
Freizeitangebote
Beschäftigung/Tagesförderung
Ambulanter
Dienst
Beitrag Dr. Peter Gitschmann 19
➭
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➭
➭
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Konzeptionelle Entwicklung mit allen Beteiligten
Vereinbarungen abgeschlossen
Organisatorische Maßnahmen sind auf den Weg gebracht
Interne Arbeitsstruktur wird verändert
Infrastruktur wird bedarfsgerecht verändert
z.B. durch ein neues Leistungsangebot,
den Aufbau von Stützpunkten und
durch Vernetzung der Angebote
Die nächsten Schritte
Zielvereinbarungen umsetzen –
Leistungsvereinb. abschließen
Gemeins. Umsetzung mit
den Bezirken
Begleiten, ggf. nachsteuern –
Kommunikation mit Beteiligten
Erfahrungen sammeln –
Prozess evaluieren
Finanzcontrolling durchführen
Ambulante Betreuung für behinderte Menschen
20 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Beitrag von
Herrn Selle, Behörde für
Stadtentwicklung und Umwelt
Programmsegment
Programmziel
Besondere Quartiersent-
Förderung des Mietwohnungsbaus in Quartieren,
wicklung (Landesprogramm)
in denen ohne Förderung kurz oder mittelfristig
kein Wohnungsbau stattfinden würde; in denen
aber aus stadtentwicklungspolitischen Gründen
Mietwohnungsbau wünschenswert ist.
Große Wohnungen für Haus-
Ausweitung des Angebotes von großen preis-
halte mit mind. 4 Personen
günstigen Mietwohnungen für Familien mit mind.
(WoFG – Förderung)
2 Kindern im Geschosswohnungsbau, einzelne
Wohnungen in gemischten Objekten, bzw. bei
kleineren Bauvorhaben das gesamte Objekt, oder
als Mietreihenhaus
Rollstuhlbenutzerwohnungen
Förderung von behindertengerechten Mietwoh-
(WoFG – Förderung)
nungen. Die Anforderungen der DIN 18 025
Teil 1 sind zu beachten
Betreute Altenwohnungen
Förderung von altengerechten, barrierefreien
(WoFG – Förderung)
Wohnungen
Studierendenwohnungen
Förderung von studentischen Wohnen für an
(WoFG – Förderung)
Hamburger Hochschulen immatrikulierte
Studierende
Umbau von Wohnungen
Förderung des Umbaus von Wohnungen, in der
nach § 16 (1) WoFG
Regel mit Grundrissveränderungen,
(WoFG – Förderung)
Zusammenlegung zu großen Wohnungen.
Beitrag Herr Selle 21
Programmsegment
Programmziel
Baugemeinschaften
Genossenschaftswohnungen die von Baugemeinschaften zur Selbstnutzung errichtet werden.
Förderung insbesondere von Familienwohnungen,
barrierefreien und behindertengerechten
Wohnungen.
Wohnungen für sonstige
Wohnungen für sonstige Behinderte werden
Behinderte
entsprechend ihrer Ausbau- und Standarderfordernisse wie die vorgenannten Programmsegmente gefördert.
Zusätzlich existiert ein Programm zum Umbau von einzelnen Wohnungen zur barrierefreien Wohnungen für Rollstuhlbenutzer und für Menschen mit sonstigen Behinderungen.
Dieses Programm umfasst Miet- und Eigentumswohnungen wie auch für Eigenheime.
22 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Vortrag von
Klaus-Peter Friebel, Referat Stadterneuerung der
Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Stadterneuerung in Hamburg hat zwei große Säulen: Bereits seit den 70er Jahren
kommt das Bund-Länder-Programm Städtebauliche Sanierungsförderung und seit
1998 das Hamburgische Stadtteilentwicklungsprogramm zum Einsatz. Da beide
Programme ähnliche Zielsetzungen verfolgen, stellt sich die Frage: Warum wurde die
zweite Säule geschaffen? Der Grund besteht hauptsächlich darin, dass man in der
Sanierung stark an bundesrechtliche Vorgaben gebunden ist. Man wollte und will als
Bundesland, als Stadtstaat, ein zusätzliches Stadterneuerungsprogramm haben, bei
dessen Gestaltung und Ausführung man freier ist. Dies ist beim Hamburgischen Stadtteilentwicklungsprogramm der Fall, obwohl es seit dem Jahr 2000 ebenfalls in ein
Bundesprogramm („Die Soziale Stadt“) eingebettet ist, wodurch in den betroffenen
Fördergebieten die Möglichkeit eröffnet wurde, die hamburgischen Programm-Mittel
durch Mittel aus Programmen des Bundes und auch der EU zu ergänzen.
Die Vorgeschichte der „zweiten Säule“ beginnt Ende der 80er / Anfang der 90er
Jahre. Damals wurden in Hamburg mehrere Einzelprogramme konzipiert und angewendet, wie z. B. das „Revitalisierungsprogramm“, das „Armutsbekämpfungsprogramm“ oder „Westliche Innere Stadt (WIS)“. Immer ging es darum, bestimmte
Gebiete, in denen man eine starke Zusammenballung von Problemen entdeckt hatte,
gezielt aufzuwerten.
Die Indikatoren waren z. B. ein hoher Anteil von Arbeitslosen, hoher Anteil von
Sozialhilfeempfängern, hoher Ausländeranteil, Probleme mit alter Bausubstanz, zu
kleine Wohnungen, Mängel in der Infrastruktur. Die Gegenmaßnahmen waren – und
sind noch heute – u. a. Weckung des Bürgerinteresses und Anregung der Bürgerbeteiligung, Wohnumfeldverbesserungen, Gebäudemodernisierungen und Aufwertung
von Freiflächen.
1998 wurden die genannten Einzelprogramme zum Hamburgischen Stadtteilentwicklungsprogramm „Soziale Stadtteilentwicklung“ zusammengefasst. Damit war in
Hamburg die große zweite programmatische Säule der Stadterneuerung neben dem
Bund-Länder-Sanierungsprogramm entstanden. Das Programm „Soziale Stadtteilentwicklung“ war bis 2005 in Kraft. Es wurde dann abgelöst durch das Programm
„Aktive Stadtteilentwicklung“.
Warum? Und: Worin besteht die Neuausrichtung?
Anlass waren die Ergebnisse einer externen Evaluation, deren Ergebnisse sich über
weite Strecken mit den praktischen Erfahrungen deckten, die man in den vorangegangenen 7 Jahren gesammelt hatte. Eine wichtige Konsequenz war die Änderung
Vortrag Klaus-Peter Friebel 23
des Leitzielkataloges.
Im neuen Leitzielkatalog wird noch stärker als bisher die Notwendigkeit der aktiven
Bürgerbeteiligung betont, weil eines sich immer wieder sehr deutlich gezeigt hatte:
Nur dort, wo sich die Bürgerinnen und Bürger für ihr Quartier interessieren und engagieren, können Aufwertungsmaßnahmen eine wirklich nachhaltige Wirkung, die über
den Zeitraum der gebietsbezogenen Förderung hinausreicht, entfalten.
Eine weitere Änderung des Leitzielkataloges besteht darin, dass künftig die Themen
„Sicherheit“, „Demographische Entwicklung“, „Zuwanderung“ und – das wird natürlich
bei dieser Veranstaltung von besonderem Interesse sein – „Menschen mit Behinderung“ bei der Gestaltung von gebietsbezogenen Aufwertungsprozessen eine deutlich
größere Beachtung als bisher finden sollen.
Sämtliche noch bestehenden Fördergebiete des Vorgängerprogramms wurden in das
neue Programm übergeleitet. Dies betrifft z. B. Gebiete wie Barmbek-Süd, die Veddel
oder die Lenzsiedlung. Hier wird die gebietsbezogene Förderung unter dem Dach des
neuen Programms ohne Schwierigkeiten fortgesetzt und zu Ende geführt.
Im Gegensatz zum alten Programm, das lediglich einen einzigen Fördergebietstyp
(die sogenannten STEP-Gebiete) kannte, wird bei den neuen Fördergebieten zwischen so genannten „Entwicklungsquartieren“ und „Themengebieten“ unterschieden,
um hierdurch die Flexibilität und Zielgenauigkeit des Programms zu erhöhen.
In den Entwicklungsquartieren geht es vorrangig darum, über einen längerfristigen
Zeitraum von etwa 7-9 Jahren hinweg integrierte Entwicklungsstrategien umzusetzen,
um komplexen Problemstellungen gezielt zu begegnen und nachhaltig wirksame
Lösungen zu erreichen. Hierbei sind insbesondere auch angrenzende Potenziale zu
erfassen und räumlich sowie konzeptionell stärker als bisher einzubeziehen.
Entwicklungsquartiere werden durch Senatsbeschluss festgelegt. In ihnen kommen
externe Quartiersentwickler zum Einsatz.
Themengebiete sind deutlich kleinere Gebiete, in denen ausgesuchte thematische
Schwerpunkte innerhalb schlanker Verfahren in maximal vier Jahren bearbeitet werden sollen. Themengebiete werden durch die Leitung der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Abstimmung mit den beteiligten Fachbehörden in das Programm aufgenommen.
Bisher wurden die Gebiete Essener Straße (Bezirk Hamburg-Nord), Hohenhorst (Bezirk
Wandsbek) und St. Georg-Mitte (Bezirk Hamburg-Mitte) als Entwicklungsquartiere
sowie Eidelstedt-Ost (Bezirk Eimsbüttel) als Themengebiet festgelegt. Eine Reihe weiterer Fördergebietsanmeldungen der Bezirksämter werden derzeit von der BSU bearbeitet.
Eine Besonderheit innerhalb der „Aktiven Stadtteilentwicklung“ ist der Entwicklungsraum Billstedt/Horn mit seinen rd. 100.000 Einwohnern. Hier gibt es bereits seit längerer Zeit Fördergebiete wie die Horner Geest oder die Großsiedlung Mümmelmannsberg und zugleich eine Reihe von Gebieten, die als künftige Interventionsschwerpunkte erkennbar sind. Der Senat hat am 06. Dezember 2005 die Aufnahme in das
Programm „Aktive Stadtteilentwicklung“ beschlossen. Hierdurch soll eine gezielte
Aufwertung und Entwicklung der zusammenhängenden Stadtteile Billstedt und Horn
auf der Basis eines zu erarbeitenden Entwicklungskonzeptes ermöglicht werden.
Zentrales Thema ist dabei das Wohnen mit dem Schwerpunkt einer familienfreund-
24 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
lichen Ausrichtung. Es handelt sich hierbei um einen sehr spannenden Prozess. Wer
sich für das Thema interessiert, sollte die Zukunftskonferenz Billstedt / Horn besuchen,
auf der ab Oktober über mehrere Monate hinweg Ideen für das Entwicklungskonzept gesammelt werden.
Bei der Arbeit in den Fördergebieten der Aktiven Stadtteilentwicklung muss darauf
geachtet werden, dass nicht nur Probleme bekämpft, sondern auch Potenziale
erkannt und so weit wie irgend möglich für das jeweilige Gebiet nutzbar gemacht
werden.
Zugleich spielt der Verstetigungsgedanke eine große Rolle: Bei allen Maßnahmen und
Projekten, die in den Fördergebieten in Angriff genommen werden sollen, ist zu prüfen, ob sie geeignet sind, auch über den Förderzeitraum hinaus Bestand zu haben
und positive Wirkung zu entfalten. Eine entsprechende Strategie muss von Beginn an
im Quartiersentwicklungskonzept enthalten sein. Mit dem Ziel, die nachhaltige Sicherung von Entwicklungserfolgen zu unterstützen, werden von der BSU unter bestimmten Voraussetzungen im unmittelbaren Anschluss an die gebietsbezogene Förderung
für einen Zeitraum von bis zu vier Jahren Verstetigungsmittel bereitgestellt.
Zum Abschluss muss ganz deutlich darauf hingewiesen werden, dass der Erfolg des
Programms „Aktive Stadtteilentwicklung“ ganz wesentlich von der guten Zusammenarbeit aller Beteiligter abhängt. Die große Bedeutung einer aktiven Bürgerbeteiligung
wurde eingangs bereits erwähnt. Ebenso wichtig ist ein gut koordiniertes Engagement z. B. der Fachbehörden, bezirklichen Dienststellen, Wohnungsunternehmen.
Dies gilt natürlich insbesondere auch für das finanzielle Engagement: Ein Programm,
das mit jährlich ca. 8 Millionen Euro investiver Mittel ausgestattet ist, kann alleine
nicht die Welt bewegen, sondern es kann in der Regel nur einen finanziellen Anschub
geben oder Fehlbedarfe abdecken.
Deshalb ist es wichtig, sektorales Denken zu überwinden! Gerade bei der Auseinandersetzung mit dem Thema „Menschen mit Behinderung“ wird sehr schnell deutlich,
dass es unsinnig ist, immer nur fach- und gruppenbezogen zu denken. Denn wer
unser alltägliches Lebensumfeld – Straßen, Bahnhöfe, Parkanlagen, Gebäude etc. –
so gestaltet, dass behinderte Menschen darin besser zurechtkommen, der macht
damit in der Regel auch für Menschen, die keine Behinderung haben, aber z. B. mit
einem Kinderwagen unterwegs sind, das Leben erheblich leichter.
Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der heutigen
Veranstaltung einen weiterhin spannenden und für uns alle lehrreichen Verlauf.
Vortrag Dipl.-Soz. Marcus Menzl 25
Dipl.-Soz. Marcus Menzl,
HafenCity Universität Hamburg
Die Situation von behinderten Menschen in der Stadt und insbesondere ihr Bezug zu
dem Wohnquartier, in dem sie leben, ist von Seiten der Stadtforschung bislang kaum
thematisiert worden. Wenn überhaupt wird die Wohn- und Lebenssituation behinderter Menschen im Zusammenhang mit Überlegungen angesprochen, barrierefreie
Quartiere und Gebäude zu schaffen oder rollstuhltaugliche Wohnungen einzurichten.
Dagegen scheint das Quartier in seiner Bedeutung als sozialer Lebensraum für Menschen mit Behinderung ein noch nicht entdecktes Themenfeld darzustellen – was
natürlich zu einem erheblichen Teil auch daran liegt, dass der Alltag behinderter
Menschen bislang tatsächlich überwiegend (wenn auch keineswegs ausschließlich) in
stationären Einrichtungen stattfand, in Sonderräumen, die nicht in den städtischen
Kontext integriert sind und die folglich von der breiten Öffentlichkeit sowie der
Stadtforschung weitgehend ignoriert wurden. Der Bezug zu den Stadtteilen, der für
andere Bevölkerungsgruppen bereits herausgearbeitet wurde (Migranten, alte
Menschen, Studierende, junge Familien etc.), spielt in der Auseinandersetzung mit
dem Alltag behinderter Menschen bislang kaum eine Rolle.
Mit der Ambulantisierung der Behindertenhilfe wird sich diese Situation ändern.
Ambulant wohnende Menschen mit Behinderung werden wesentlich präsenter in
den Wohnquartieren sein und Bedarfe und Bedürfnisse an ihr Wohnumfeld formulieren, deren Einlösung sowohl die Quartiere und ihre Infrastruktur als auch die nichtbehinderten Bewohner vor eine erhebliche Herausforderung stellen wird. Es gilt
daher, mögliche Gefahren, aber auch Chancen der Ambulantisierung frühzeitig zu
erkennen und durch entsprechendes Handeln aktiv zu gestalten.
Die folgenden Ausführungen blicken aus stadtsoziologischer Perspektive auf den
Zusammenhang zwischen der Ambulantisierung der Behindertenhilfe und dem sozialen Leben in den Wohnquartieren. Dabei werden Thesen formuliert, wie eine soziale
Stadtteilentwicklung aussehen müsste, die sich den Herausforderungen stellt, die mit
der Ambulantisierung der Behindertenhilfe voraussichtlich verbunden sein werden.
Soziale Stadtteilentwicklung – was bedeutet das?
In der (Fach-)Öffentlichkeit wurde soziale Stadtteilentwicklung lange Zeit in sehr stark
eingeschränkter Weise wahrgenommen. Soziales wurde vielfach schnell unter der
Rubrik „soziale Probleme“ abgebucht, der Fokus des Handelns lag folglich auf der Gefahrenabwehr oder der Problembewältigung. Betrachtet wurden damit soziale Probleme und nicht soziale Prozesse. Als verantwortlicher Akteur galt dieser Wahrnehmungslogik nach der Staat, der an den „sozialen Brennpunkten“ intervenieren und die
gravierendsten Defizite dieses Quartiers beseitigen sollte. Soziale Stadtteilentwicklung
hatte damit den Charakter eines „Reparaturbetriebs“ (Breckner 2005: 2), der hinzugezogen wird, wenn soziale Prozesse negative Eigendynamiken entwickeln, die die
Lebensqualität im Quartier beeinträchtigen und benachteiligende Effekte für dessen
Bewohner verursachen.
26 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Wenn im Folgenden von sozialer Stadtteilentwicklung die Rede ist, soll damit nicht die
staatliche Intervention in besonders konflikthafte Quartiere oder in soziale Konstellationen, die zu eskalieren drohen, angesprochen werden. Vielmehr geht es darum,
wesentliche Charakteristika des Sozialen in Städten (und eben nicht nur in sog. „sozialen Brennpunkten“) zu benennen, um hieran anknüpfend aufzuzeigen, was bei der
Ambulantisierung der Behindertenhilfe bedacht werden müsste, um die sozialen
Potentiale städtischer Quartiere zu aktivieren. Soziale Stadtteilentwicklung wird hier
also im Sinne von Potentialentwicklung verstanden, als Förderung bereits vorhandener und auch mehr oder weniger funktionierender sozialer Strukturen auf Quartiersebene.
Was sind wesentliche Charakteristika
sozialer Strukturen und Prozesse in Städten?
1. Formen des Sozialen finden sich in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität
überall: Nachbarschaftsbeziehungen, Vereine, Initiativen, Kirchen, informelle, alltägliche
Kontakte, usw. Die sozialen Kompetenzen der Bewohner bilden eine zentrale Ressource für die Entwicklung von Stadtteilen. In Quartieren mit sehr aktivem lokalem Gemeinwesen können sich soziale Strukturen herausbilden, die dazu imstande sind,
Belastungen oder Veränderungen im Quartier eigendynamisch aufzufangen. Diese
Strukturen können sich weiterentwickeln und anpassen, sie sind offen für die kreative
Verarbeitung von Neuerungen und die Integration von Menschen oder Themen, die
bislang nicht Bestandteil des Quartiers waren.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert D. Putnam prägte in den 1990er Jahren den Begriff des „Sozialkapitals“ – er versteht hierunter gesellschaftliche Ressourcen, die von Vertrauen und wechselseitiger Unterstützung, von Kooperation und alltagspraktischer Effektivität geprägt sind (Putnam 1995, 1995a). Sozialkapital entsteht
in funktionierenden Stadtteilen quasi als Nebenprodukt alltäglicher Routinen und
Praktiken, da die Bewohner dieser Quartiere meist in vielfältige soziale Netze eingebunden sind. Diese reichen von formellen sozialen Organisationen (Kirche, Vereine,
soziale Hilfsdienste, Gemeinderat usw.), über informelle soziale Gruppierungen (Bürgerinitiativen, Nachbarschaftstreffs, Stadtteilforen usw.) bis hin zu zufälligen sozialen
Treffen (beim Bäcker, auf dem Markt, in der Kneipe usw.). Der Begriff ist bewusst
gewählt, will er doch andeuten, dass auch jenseits ökonomischen Kapitals Strukturen
existieren, die positive soziale Konsequenzen generieren können. Dort, wo soziale
Kontakte und Netzwerke lebendig und vielfältig sind – so der Grundgedanke –, dort
strömt der Informationsfluss, wächst die wechselseitige Hilfestellung sowie das Vertrauen und werden letztlich auch ohne großen Einsatz von Geld effektive Problemlösungen erzielt, die für den Einzelnen wie die Gemeinschaft von Nutzen sind – sei es
bei der Organisation von Kinderbetreuung, beim Umgang mit kriminellen Handlungen
oder sogar der Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten.
Deutlich wird somit das Gewicht, das dem Sozialen beizumessen ist und die Chance,
die in seiner Förderung liegt. Doch natürlich gibt es auch Kritik an diesem Ansatz, insbesondere die Überschätzung der Reichweite des Sozialkapitals wird moniert. Bemängelt wird zudem die immer wieder zu beobachtende „Überfrachtung der lokalen zivilgesellschaftlichen und intermediären Organisationen mit (Selbst-) Aktivierungs- und
Reparaturanforderungen“ durch staatliche Akteure (Mayer 2005: 595). Die Tatsache,
dass nie zuvor „zivilgesellschaftliche Netzwerke, lokaler Aktivismus und bürgerschaftliches Engagement an so prominenter Stelle in politische Maßnahmen zur Förderung
Vortrag Dipl.-Soz. Marcus Menzl 27
von (Stadt-) Entwicklung eingebaut wurden“ (ebd.), sei daher zumindest ambivalent
zu betrachten. Dieser Hinweis ist sicher sehr ernst zu nehmen, er wird später erneut
aufgegriffen.
2. Das Leben in einem städtischen Wohnquartier wäre allerdings unvollständig beschrieben, wenn ausschließlich die vielfältigen Handlungsoptionen und existierende
soziale Vernetzungen betont würden. Mindestens ebenso charakteristisch für den
Alltag in der Stadt ist die – positiv wie negativ wahrnehmbare – Möglichkeit der
Anonymität. Das Stadtquartier als sozialer Lebenszusammenhang unterscheidet sich
damit wesentlich etwa vom Idealtyp des Dorfes. Nachbarschaften und Netzwerke,
Kontaktdichten und Unterstützungsmuster, aber auch Formen der sozialen Kontrolle
weisen in dörflichen und städtischen Kontexten einen in der Regel anderen Charakter
auf. Das heißt: Städtische Quartiere dürfen nicht gleichgesetzt werden mit der dörflichen Überschaubarkeit, die dem Einzelnen automatisch einen (mehr oder weniger
vorteilhaften) Platz in der Dorfgemeinschaft zuweist. Und es heißt auch: Soziale Integration oder Vernetzung ist in der Stadt noch stärker als etwa im Dorf voraussetzungsvoll. Es erfordert gezieltes Handeln der Individuen, man ist nicht selbstverständlich Teil
einer sozialen Gemeinschaft, die einen absichert und im Alltag unterstützt, man wird
noch nicht einmal selbstverständlich wahrgenommen, sondern kann auch völlig in der
städtischen Anonymität untertauchen bzw. im negativen Fall verloren gehen.
3. Bei der Analyse von sozialen Prozessen in städtischen Quartieren ist ein dritter
wichtiger Aspekt zu berücksichtigen: Es macht immer weniger Sinn, pauschal von den
Stadtteilen zu sprechen. Stadtteile unterscheiden sich heute nicht mehr nur nach ihrer
Lage, der Bebauungsstruktur, den geforderten Preisen und damit letztlich der Sozialstruktur der dort lebenden Bewohner, sondern auch nach Milieus. Gemeint ist damit
nicht nur das jeweilige Einkommensniveau, auf dem sich die Haushalte bewegen und
dass ihnen die Realisierung unterschiedlicher Lebensstile ermöglicht. Angesprochen
werden mit dem Begriff „Milieu“ auch die lebensweltlichen, die kulturellen und sozialen Orientierungen der Bewohner. In den letzten Jahren haben umfassende gesellschaftliche Differenzierungsprozesse stattgefunden, in deren Folge an die Stelle von
„Normalbiographien“ (Normalfamilie, Normalarbeitsverhältnis, standardisierte Arbeitsund Urlaubszeiten und Entlohnungen, normale und standardisierte Konsummuster)
stärker individualisierte Lebenslagen und vielfältige Milieus mit zum Teil sehr unterschiedlichen Alltagsverläufen getreten sind.
Stimulierende Aktivitäten der sozialen Stadtteilentwicklung bzw. der Förderung von
sozialen Prozessen in städtischen Quartieren müssen daher fallspezifisch und flexibel
gedacht werden, sie dürfen nicht schematisch konzipiert werden, sondern müssen
dazu imstande sein, sich spezifischen Rahmenbedingungen und Alltagsmustern anzupassen. Dabei sollten sie generell an das vorhandene Sozialkapital anknüpfen und für
die Akteure vor Ort gestaltbar sein. Darüber hinaus gibt es heute jedoch weniger
denn je eine fertige Gebrauchsanweisung für die Steuerung sozialer Prozesse oder die
Integration einer neuen Bewohnergruppe in einen Stadtteil. Und klar ist auch: Nicht
jeder Stadtteil ist gleichermaßen geeignet für die Integration neuer Bewohner, da es
offenere und eher auf sich selbst bezogene soziale Milieus gibt.
4. Schließlich soll noch auf ein viertes Charakteristikum für soziale Prozesse in heutigen Großstädten eingegangen werden, die Tendenz zur Segregation, d.h. zur kleinräumlichen Konzentration spezifischer sozialer oder ethnischer Gruppen. Solche
Segregationsprozesse können freiwillig erfolgen und Stadtteile wie Blankenese oder
die Walddörfer zur Folge haben, sie können jedoch auch erzwungenermaßen statt-
28 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
finden: Die Situation auf dem Wohnungsmarkt zwingt dann einkommensschwache
Personen in bestimmten Quartieren zu leben. Die Trennlinien zwischen Freiwilligkeit
und Zwang sind dabei oftmals recht unscharf: Der Fortzug junger Familien in ein
Eigenheim im Umland kann ebenso beide Fassetten enthalten wie die konzentrierte
Ansiedlung von Migrantengruppen in bestimmten innerstädtischen Quartieren.
Die Auswirkungen von Segregationsprozessen werden heute kontrovers diskutiert.
Als Nachteil von Segregation wird die mögliche Auslösung von eigendynamisch sich
verstärkenden Abwärtsspiralen angesehen (etwa die Reaktionskette: hohe Arbeitslosigkeit, geringe Kaufkraft, Verlust von Einzelhandel, weiterer Fortzug deutscher
Mittelschichtshaushalte, Erosion sozialer Strukturen). In der Konsequenz können den
Bewohnern dieser Quartiere Entwicklungschancen verbaut werden, auch fehlen
Rollenvorbilder jenseits des eigenen Milieus. Benachteiligte Gebiete haben dann auch
benachteiligende Effekte für ihre Bewohner, sie können ihnen im Vergleich zu anderen Quartieren weniger Entwicklungschancen bieten. Hinzu kommt, dass die räumliche Konzentration spezifischer sozialer Gruppen deren Sichtbarkeit erhöht, was
Stigmatisierungen ganzer Quartiere zur Folge haben kann.
Als Vorteile von Segregationsprozessen gelten insbesondere die gute informelle
Vernetzung, das vertraute und Sicherheit gebende Umfeld und das Vorhandensein
einer kritischen Masse, um milieu- oder teilgruppenspezifische Infrastrukturbedarfe
einfordern zu können (z.B. Kinderspielplatz, Altenbegegnungsstätte etc.).
Bezogen auf den hier diskutierten Kontext stellt sich nun die Frage, nach welchen
Logiken die künftigen Wohnstandorte behinderter Menschen ausgewählt werden
sollten. Folgt man sich bietenden Gelegenheiten und damit dem Markt oder sollte
versucht werden, regulierend einzugreifen? Wäre es wünschenswert, behinderte
Menschen in einzelnen Quartieren zu konzentrieren oder sollte gerade das vermieden
werden? Die Vor- und Nachteile sozialer Segregationsprozesse sind benannt worden,
sie werden im Folgenden bezogen auf das Wohnen behinderter Menschen erneut
aufgegriffen.
Thesen zum Zusammenhang von sozialer Stadtteilentwicklung und
der Ambulantisierung der Behindertenhilfe
1. Ambulantes Wohnen von Behinderten darf sich nicht auf die Stadtteile
fokussieren, in denen sich soziale Probleme konzentrieren.
Die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel sprechen hinsichtlich der
Integration von Migranten davon, dass es nicht sinnvoll sei, gerade denjenigen Bevölkerungsgruppen, die selbst mit größten sozialen Problemen zu tun haben, die
komplizierte Integrationsleistung von Migranten aufzubürden (Häußermann/Siebel
2001: 61). Diese Überlegung lässt sich auf die Ambulantisierung der Behindertenhilfe
übertragen und unterstreichen: Es wäre mehr als fragwürdig, etwa aus Kostengründen ambulantes Wohnen von behinderten Menschen in benachteiligten Stadtteilen
zu konzentrieren. Hier sind seitens der Bewohner eine tendenziell geringere Inklusionsbereitschaft und generell weniger Bürgerengagement zu erwarten. Auch würden solche Quartiere für die behinderten Menschen nur begrenzt und im Zweifel
sogar in negativer Weise die Aufgabe eines Orientierungs- und Lernraums übernehmen können. Diese Funktion von Quartieren – darauf weist der Stadtsoziologe
Häußermann (2001: 80f.) explizit hin – ist von zentraler Bedeutung für den Verlauf
Vortrag Dipl.-Soz. Marcus Menzl 29
von Integrationsprozessen, da über alltägliche Beobachtungen die im Quartier verbreiteten Normen und Verhaltensweisen übernommen werden. Da die über das
Quartier vermittelten Prozesse „sozialen Lernens“ gleichermaßen positive wie negative
Effekte nach sich ziehen können, sollten Wohnstandorte für behinderte Menschen mit
großer Sorgfalt ausgewählt werden.
2. Behinderte Menschen befinden sich in der Rolle des ‚Marginal Man’.
Die Aufgabe lautet daher, ein Leben auf der Schwelle adäquat zu organisieren.
Der Mitbegründer der Chicago School, Robert E. Park, hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Integrationsprozesse der Einwanderer in US-amerikanischen Städten, insbesondere in Chicago, untersucht. Dabei prägte er den Begriff des „Marginal Man“.
Gemeint ist damit ein Mensch, der sich am Rande, bzw. im Grenzbereich zweier Kulturen befindet, der an zwei Kulturen teilhat, ohne einer ganz und gar anzugehören.
Mit einem Bein lebt dieser Mensch noch in der Community seines biographischen
Hintergrunds, mit dem anderen Bein lässt er sich auf die neue Kultur, das neue Leben
ein.
Park sieht im Marginal Man einen neuen Persönlichkeitstypus, der, entlassen aus den
sein Leben bislang prägenden, traditionellen Bedingungen, zum „Träger kulturellen
Wandels und zur Verkörperung moderner Subjektivität“ wird. Er beschreibt diesen
Zustand auf der Schwelle als anstrengend, aber gewinnbringend. Gerade der teilweise Verbleib in der vertrauten Community gibt die Sicherheit, sich auf Neues einzulassen (Park 1928).
Die Analogie zu der im Zuge der Ambulantisierung zu erwartenden Situation behinderter Menschen ist offensichtlich. Auch sie treten aus einem in vielerlei Hinsicht
begrenzten, aber eben auch vertrauten Wohn- und Lebensumfeld heraus. Sie befinden sich dann zwischen zwei Welten, müssen sich neu orientieren und ihre gewohnten Alltagsmuster grundlegend umstrukturieren. Eine enorme Herausforderung, die
vielerlei Chancen und Risiken birgt.
Ziel muss es daher sein, den behinderten Menschen nicht allein eine Rückkehrmöglichkeit in die bisherige Welt stationärer Einrichtungen einzuräumen, sondern ihnen
einen längeren oder sogar dauerhaften Verbleib auf der Schwelle zu ermöglichen.
Dieses Leben auf der Schwelle muss dabei so strukturiert werden, dass es einerseits
ein solides Standbein bekommt, das den behinderten Menschen das Gefühl von
Sicherheit vermittelt (elementare Versorgung, vertraute soziale und räumliche Bezüge,
Menschen in gleicher Lebenslage). Darüber hinaus jedoch muss ein Spielbein entwickelt und die Aneignung des Neuen und Unbekannten gefördert werden – die
Zugänglichkeit zu dieser Welt sollte unterstützt werden, damit unvertraute Zugangsbarrieren und soziale Praktiken nicht abschrecken, sondern als Herausforderung empfunden werden und zu weiteren Entdeckungen einladen. Bei den Unterstützungsmaßnahmen ist allerdings auch darauf zu achten, dass nicht erneut abgeschlossene
oder künstlich inszenierte Welten geschaffen werden, die mehr oder weniger exklusiv
für behinderte Menschen sind.
Grundlegend für den hier vertretenen Gedanken ist damit die Beobachtung, dass
man sich erst auf der Basis einer gesicherten Identität auf das Abenteuer des Neuen
einlassen kann. Es ist daher erforderlich, den behinderten Menschen ein Stück
„Heimat in der Fremde“ (Siebel 2001: 239) zu lassen, das sie absichert und stabilisiert
und ihnen überhaupt erst die Möglichkeit gibt, etwas Neues anzufangen.
30 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
3. Die Berücksichtigung biographischer, räumlicher und sozialer Kontinuitäten
ist für einen erfolgreichen Übergang in das ambulante Wohnen von zentraler
Bedeutung.
Aus verschiedenen Forschungszusammenhängen ist bekannt, dass Bewohner zu ihrer
Wohnsituation intensive Bindungen aufbauen. Diese können sich auf das jeweilige
Wohnquartier beziehen, das vertraut und mit konkreten Erinnerungen besetzt ist, sie
können sich aus bestehenden sozialen Beziehungen speisen oder auch biographischer
Art sein, im Sinne etwa, dass man mit einer bestimmten Wohnform einen als besonders glücklich empfundenen Teil seines Lebens verknüpft. Entsprechend schwer fällt
es vielen Menschen, nach einem Umzug die Bindungen an den alten Wohnstandort
aufzugeben. Nicht selten werden noch Kompromisse eingegangen, wird weiterhin
der alte Sportverein besucht, das Kind in den bisherigen Kindergarten gebracht oder
werden die bisherigen Einkaufs- und Dienstleistungsangebote genutzt (vgl. Menzl
2007).
Es ist davon auszugehen, dass es vielen behinderten Menschen ähnlich gehen wird
und sie die Nähe zu ihrem bisherigen Lebensmittelpunkt – in welcher Form und Intensität auch immer – aufrechterhalten wollen. Es wäre daher sinnvoll, in erreichbarer
Entfernung der bisherigen Heimstandorte oder Freizeittreffpunkte der behinderten
Menschen nach Standorten ambulanten Wohnens zu suchen. Existierende Bindungen
und soziale Bezüge könnten so erhalten werden.
In der Konsequenz würde eine solche Ausrichtung bedeuten, dass insbesondere in
den Quartieren, die an stationäre Einrichtungen angrenzen, Wohnmöglichkeiten für
behinderte Menschen gesucht würden. Es sind bereits mögliche Vor- und Nachteile
solcher Konzentrationsprozesse angesprochen worden. Der gewichtigste Vorteil liegt
sicherlich darin, dass so der Aufbau einer adäquaten Infrastruktur, aber auch von sozialen Netzwerken für die ambulant lebenden behinderten Menschen erleichtert werden könnte. Es wäre für die Träger der Behindertenhilfe ohne Frage einfacher, dem
im Stadtteil bereits existierenden Netz sozialer Aktivitäten neue Netzknoten hinzuzufügen, wenn dort eine nennenswerte Zahl behinderter Menschen wohnt.
Dagegen würde die dezentrale Unterbringung den behinderten Menschen den
Quartierszugang möglicherweise nicht unerheblich erschweren. Im Quartier bereits
existierende Orte sozialen Lebens und Engagements würden ein deutlich größeres
Gewicht im Alltag der behinderten Menschen bekommen. Sie wären dann keine
Zusatzaktivität mehr, die sie sich schrittweise erschließen können, sondern die behinderten Menschen wären mangels Alternativen darauf angewiesen, hier soziale Kontakte zu entwickeln. Solche Situationen – man könnte sagen: ein „wackeliges Standbein“ – sollten vermieden werden, sie könnten die behinderten Menschen, aber auch
die im Quartier engagierten nicht behinderten Bewohner überfordern und den Integrationsprozess erschweren.
4. Die Akzeptanz und ggf. die Unterstützung der im Quartier präsenter
werdenden Menschen mit Behinderung durch die dort lebenden nicht-behin
derten Bewohner ist kein Selbstläufer.
Angesichts jahrzehntelanger Dominanz der Heimunterbringung ist damit zu rechnen,
dass die Ambulantisierung bei nicht-behinderten Bewohnern auch Irritationen auslösen wird. Erforderlich scheinen daher Maßnahmen der Sensibilisierung und generell
Aktivitäten, die ein unverbindliches wechselseitiges Beschnuppern zulassen (z.B. die
Vortrag Dipl.-Soz. Marcus Menzl 31
Präsenz bei Stadtteil- oder Gemeindefesten, in Quartierspublikationen, in Vereinen
usw.).
Wenn man darauf spekuliert, dass die bisherigen Bewohner die Integration der neu
hinzuziehenden behinderten Menschen in das Quartier unterstützen, ist insbesondere
das Prinzip der Reziprozität, d.h. der Wechselseitigkeit zu beachten und die Frage zu
beantworten, welche Vorteile für das Quartier oder engagierte Bewohner aus dem
Zuzug der behinderten Menschen resultieren können. Die Aktivierung sozialen Engagements oder allgemeiner noch: von Sozialkapital unterliegt bestimmten Regeln,
die nicht ignoriert werden dürfen. So darf man das Sozialkapital nicht überlasten, es
darf von staatlicher Seite nicht als „feste Größe“ eingeplant werden, da es vielfach
auf freiwilligem Engagement basiert. Insbesondere wenn das Gefühl aufkommt, dass
das eigene Engagement von einer anderen (aus Sicht der Bewohner „eigentlich“
zuständigen) Seite bewusst ausgenutzt wird, werden die Aktivitäten nicht selten eingeschränkt oder eingestellt. Formen der (symbolischen) Anerkennung, intensive
Kommunikationsprozesse und das bereits erwähnte Reziprozitätsprinzip sind daher
von großer Bedeutung für die Aktivierung von Sozialkapital. Insofern scheint es ratsam zu sein, die soziale Einbindung von behinderten Menschen in das Quartier vor
übertriebenen Erwartungen zu bewahren und sie stattdessen als einen voraussetzungsvollen, oft langwierigen Prozess zu betrachten.
5. Zur behindertengerechten Ausstattung der Quartiere sollten Ressourcen aus
unterschiedlichen Fachressorts zusammengedacht werden.
Bei der Gestaltung ihres Alltags werden die behinderten Menschen aufgrund eingeschränkter Mobilitätsmöglichkeiten vielfach in höherem Maße als andere Bewohner
auf die nahräumlichen Angebote des Quartiers angewiesen sein. Die stärkere Abhängigkeit von den Optionen des Quartiers trifft jedoch gleichermaßen auf ältere
Bewohner zu, deren Zahl aufgrund des demographischen Wandels deutlich zunimmt.
Und auch junge Familien sind oftmals stark fixiert auf die unmittelbare Wohnumgebung, auf nahräumliche Läden und Freiräume, das Beratungs- und Ärzteangebot,
auf Cafes und Mobilitätsangebote. Es ist daher absehbar, dass in nächster Zeit in
vielen Stadtteilen neue Infrastrukturbedarfe und neue Standards etwa hinsichtlich
Barrierefreiheit oder Service-Angeboten entstehen werden. Das ist eine große Chance
zur Durchsetzung neuer Knoten im sozialen Netz des Quartiers, es erfordert jedoch
das Zusammendenken der – in vielerlei Hinsicht durchaus ähnlichen – Bedarfe unterschiedlicher Zielgruppen.
Erforderlich ist somit die Aufgabe der Fachressort-Logiken und die Etablierung von
problemorientierten Herangehensweisen – damit ist ein Themenfeld angesprochen,
das immer wieder hervorgehoben wird (etwa auch im Kontext von Programmen der
Sozialen Stadtteilentwicklung), meist jedoch nicht wirklich umgesetzt wird. Erforderlich ist das Denken in Zusammenhängen, die näher an die betroffenen Bewohner
heranrücken als dies den Fachressorts üblicherweise gelingt. Solche Klammern bilden
das Quartier, aber auch – auf individueller Ebene – der Alltag. Diese Klammern sind
daher geeignet, den unterschiedlichen Bedarfen und Bedürfnissen der Bewohner
und insgesamt der Komplexität der Wirklichkeit näher zu kommen – aus diesen Perspektiven müssen daher Ansätze zur Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen im Quartier entwickelt werden.
32 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
6. Ambulantisierung der Behindertenhilfe erfordert angemessene Regulierung:
Sie muss über den engeren Bereich der Behindertenhilfe hinausgehen und
auch das Quartier sowie das lokale Gemeinwesen einschließen.
Regulierung ist im Fall der Ambulantisierung der Behindertenhilfe unabdingbar, es
wäre sicherlich fatal, sich bei einem so sensiblen Thema allein auf die Steuerungswirkungen des Marktes zu verlassen. Es besteht allerdings auch die Gefahr einer Überregulierung – viele parallel agierende Institutionen sind mit je spezifischen Sonderinteressen um „Verbesserungen“ bemüht, ohne dass dabei das Ganze, etwa im Sinne der
eben angesprochenen Klammern Quartier und Alltag unterschiedlicher Bewohnergruppen in den Blick gerät. Es spricht somit einiges dafür, dass künftig in den
Quartieren der Bedarf nach einem vermittelnden Akteur zunimmt, nach jemandem,
der die Belange spezifischer sozialer Gruppen erhebt, sie aufeinander abstimmt und
ausgehend von den Optionen und den Ressourcen des Quartiers durchzusetzen versucht.
Bei der Anpassung von Quartieren an die Bedarfe der Bewohner – die auch, aber
eben keinesfalls ausschließlich im Zuge der Ambulantisierung der Behindertenhilfe
erforderlich sein wird – ist es durchaus empfehlenswert, auf Bausteine und Instrumente zurückzugreifen, die sich im Rahmen der Programme zur Sozialen Stadtteilentwicklung bewährt haben, etwa auf Quartiersmanager oder die Einrichtung von
Verfügungsfonds. Sie sind dazu geeignet, näher an den Alltag der Bewohner und die
Problemlagen im Quartier heranzukommen und zeitnahe Verbesserungen herbeizuführen – Verbesserungen, die aus Sicht behinderter wie nicht-behinderter Bewohner
wünschenswert sind.
Literatur:
Breckner, Ingrid (2005): Strategien der Sozialen Stadt: Konzeptionelle Ansprüche, Kämpfe gegen
Windmühlen und Herausforderungen für die Zukunft. Vortrag im Rahmen der Fachtagung „Wohnen in der
Stadt – Perspektiven für die Zukunft“ am 16.9.2005. Ms.
Häußermann, Hartmut (2001): Marginalisierung als Folge sozialräumlichen Wandels in der Großstadt.
In: Gesemann, Frank: Migration und Integration in Berlin. Wissenschaftliche Analysen und politische
Perspektiven. Opladen: Leske + Budrich, S. 63 – 85.
Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter (2001): Soziale Integration und ethnische Schichtung. Zusammenhänge zwischen räumlicher und sozialer Integration. Gutachten im Auftrag der Unabhängigen Kommission
„Zuwanderung“. (unter: http://www.schader-stiftung.de/docs/haeussermann_siebel_gutachten.pdf)
Mayer, Margit (2005): Das Konzept des Sozialkapitals in der stadtpolitischen Diskussion.
In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 9/10.2005, S. 589 – 597.
Menzl, Marcus (2007): Leben in Suburbia. Raumstrukturen und Alltagspraktiken am Rand von Hamburg.
Frankfurt/New York: Campus. (im Erscheinen)
Park, Robert E. (1928): Human Migration and The Marginal Man. In: American Journal of Sociology, Vol. 33,
Nr. 6, S. 881 – 893.
Putnam, Robert D. (1995): Tuning In, Tuning Out: The Strange Disapperance of Social Capital in America. In:
Political Science and Politics, 28. Jg., H. 4, S. 664 – 683.
Putnam, Robert D. (1995a): Bowling Alone: America’s Declining Social Capital. In: Journal of Democracy,
Vol.6, Nr. 1.
Siebel, Walter (2001): Segregation und Integration. Voraussetzungen für die Integration von Zuwanderern.
In: Schader-Stiftung (Hrsg.): wohn:wandel. Szenarien, Prognosen, Optionen zur Zukunft des Wohnens.
Darmstadt, S. 228 – 242.
Beitrag Ursula Preuhs
Ambulantisierung in der Eingliederungs-hilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie kann ein ideales Quartier aussehen?
Beitrag von
Ursula Preuhs
Rückblick:
Seit dem Ende der Nazi-Zeit und auch da noch nicht gleich, hat sich sehr langsam
aber stetig etwas verändert im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die zunächst kleinen
Versuche der Integration in Kindergärten und Schulen tragen ganz langsam Früchte.
Hat sich schon im Bewusstsein der gesamten Bevölkerung etwas verändert?
Ich bin mir da nicht so sicher.
Für mich ist ein Stadtteil immer am liebenswertesten, wenn eine gesunde Mischung
vorhanden ist:
Arme. Reiche. Kinder, Jugendliche, Mittelalter und Ältere.
Und darin eingeschlossen für alle Bereiche Behinderte.
Nur das sind oft Traumvorstellungen.
Leider werden von der Stadtentwicklung oft geschlossene Gebiete geplant.
Das heißt:
Nur
Nur
Nur
Nur
Nur
große Wohnungen
teure Wohnungen
Sozialwohnungen
Kleine Wohnungen,
Große Wohnungen
Das heißt dann:
Zuerst nur junge Familien mit vielen Kindern,
das bedeutet dann :
Zu wenig Kindergartenplätze,
Zu wenig Schulklassen
Später nach 3o Jahren: leere Kindergärten, leere Klassen
Bei nur kleinen Wohnungen nur junge Leute (Studenten),
Ältere oder Alleinstehende Personen.
Bei nur Sozialwohnungen: Gehäufte Soziale Probleme.
Eine gute Mischung macht einen liebenswerten Stadtteil aus.
33
34 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Und ich denke auch bei der Ambulantisierung in der Behindertenhilfe sollte darauf
geachtet werden, keine Häufung von Wohngruppen zuzulassen.
Nach meiner Beobachtung werden bei vielen Wohngruppen mit Behinderten in
einem Quartier die Gesamtgruppe gesehen und nicht der einzelne Behinderte,
zu dem sich viel schneller ein Kontakt herstellen lässt.
Das sind natürlich nur meine eigenen Beobachtungen.
Ich wohne in der Nähe der ESA und habe von Anfang an, die Einrichtung des
Alsterdorfers Markt erlebt. Das ist, so glaube ich, ein gelungenes Objekt.
Aber es gibt auch Menschen, die dort nicht einkaufen gehen.
Mir hat noch keiner als Grund, die Anwesendheit von Behinderten genannt, aber ich
glaube schon das er eine Rolle spielt. Mir hat mal ein Psychologe versucht zu erklären,
warum es Menschen gibt, die sich nicht mit Krankheit, Sterben, Behinderung befassen
wollen.
Es ist wohl die Angst selber davon befallen zu werden.
Der lange, oft schwierige Weg des gegenseitigen Verstehen sollte weiter beschritten
werden. Das heißt, Bewusstseinsveränderungen zu bewirken. Es muss immer wieder
darüber geredet werden aber auch Kontakte mit Behinderten hergestellt werden.
Das fängt in der Familie an, über den Kindergarten, die Schule, die Arbeitswelt, usw.
Ich kann von einem persönlichen Beispiel erzählen, das liegt cirka 2o Jahre zurück.
Ein Herr , der in meinen Augen nicht unbedingt hoch sozial eingestellt war, hat mich
völlig überrascht als ich ihn mit einem Rollstuhlfahrer völlig gelassen umgehen sah.
Kein Mitleid ,sondern ein total normales Verhalten! Die Beiden waren zusammen zur
Schule gegangen. Ich finde es gut, dem Behinderten, der es möchte in einer Wohngruppe die Möglichkeit zu geben, sehr viel eigenständiger zu leben.
Aber es darf keine Unterversorgung geben. Ich beziehe dieses auf die Umgebung, da
könnte es sonst leicht zur Ablehnung kommen.
Dieser Prozess der Ambulantisierung darf nicht im Schnellverfahren durchgezogen
werden, das meine ich im Hinblick auf die Stadtteile und bedeutet, ein sehr langsam
und behutsames Vorgehen. Es sollte auch durch Bürgergespräche vorbereitet werden.
Erinnern wir uns, es hat auch Bürgerbewegungen gegeben, um Behinderte in Wohngruppen zu verhindern. So etwas würde Vieles kaputt machen.
Dieses bezieht sich auch auf die Einbeziehung der Bürgertreffs. Als Seniorenbeirat
denke ich da besonders an die Seniorentreffs, die werden in der überwältigenden
Mehrheit von Ehrenamtlichen betrieben. Nach unserer Auffassung gehört zum Gelingen der Integration behinderter Menschen eine zusätzlich fachlich qualifizierte personelle Ausstattung der jeweiligen Einrichtung. Die Einrichtungen, die überwiegend mit
ehrenamtlichen Kräften ausgestattet sind, können über den bisherigen Umfang hinaus zusätzliche Anforderungen nicht erfüllen. Diese Auffassung wurde der Behörde
auch schon mehrfach mitgeteilt. Eine wirkliche Integration kann so nicht gelingen.
Wir wollen die wirkliche Integration.
Ich kann natürlich nicht für die Bürger/Innen sprechen, aber in vielen Gesprächen und
Diskussionen ist bei mir dieses Bild entstanden. Vielleicht liege ich auch falsch, und Sie
können mich jetzt korrigieren.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Beitrag von Dipl. Päd. Kirsten Leischel und Dipl. Soz-Päd. Hannah Schonig-Nasr 35
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus?
Beitrag von
Dipl. Päd. Kirsten Leischel und
Dipl. Soz-Päd. Hannah Schonig-Nasr
Projektbeschreibung
Das Agnes-Neuhaus-Heim (ANH) und das dezentrale Wohnen (DeWo) des ANH sind
eine Rehabilitationseinrichtung für psychisch kranke Frauen. Das Haus hat 40 Wohnplätze und 4 Plätze im DeWo-ANH (Wohnen im eigenen Wohnraum).
Träger der Einrichtung ist der Sozialdienst katholischer Frauen Hamburg e.V..
Im Januar 2005 startete das Ehrenamtsprojekt (EAP) im ANH, das einem bundesweiten Modellversuch der Caritas (Fachverband Behindertenhilfe und Psychiatrie; Referat
Gemeindecaritas) angegliedert ist. Das EAP-Projekt wird aus Mitteln der Aktion
Mensch finanziert.
Zielsetzung der teilnehmenden Modellprojekte ist es, durch ehrenamtlich Tätige,
Behinderten – hier psychisch kranken Menschen – mehr Teilhabe am Leben in der
Gemeinschaft und Gesellschaft zu ermöglichen. Die teilnehmenden Einrichtungen, insgesamt zehn, werden wissenschaftlich begleitet.
Das EAP ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Sozialdienst katholischer Frauen
Hamburg e.V., dem Freiwilligenzentrum Hamburg und dem Caritasverband/Gemeindecaritas.
Derzeitig engagieren sich 12 ehrenamtlich Tätige in dem Projekt. Es werden zwei
Gruppen angeboten, sechs Einzelbegleitungen und vier sporadische Begleitungen zu
Ausflügen o.ä..
Faktoren für das Gelingen des Projektes
Im Rahmen der Veranstaltung haben wir uns gefragt, welche Faktoren das Gelingen
des Projektes auszeichnet, um diese Erkenntnisse auf eine Ambulantisierung im
Stadtbezirk theoretisch übertragen zu können.
-
-
-
Durch die Kooperation mit dem Freiwilligen Zentrum Hamburg wird das Projekt
fachlich unterstützt und begleitet; die Werbung geeigneter Personen wird durch
Engagementberatungen im Freiwilligen Zentrum erleichtert.
Das ANH dient sowohl den psychisch kranken Frauen, als auch den interessierten
Ehrenamtlichen als ein sicheres Übungsfeld, um einen selbstverständlichen Umgang
miteinander auszuprobieren.
Die Ehrenamtlichen haben die Möglichkeit unverbindlich und zwanglos während
eines offenen Kaffeetrinkens den oft „fremden“ Personenkreis psychisch Kranker
kennen zu lernen.
36 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
-
-
Berührungsängste werden zugelassen und können in Ruhe besprochen werden
Ehrenamtliche Tätigkeiten werden selbst ausgesucht und können individuell
gestaltet werden
Koordinatorinnen begleiten die Einsätze, indem Absprachen mit den hauptamt
lichen Mitarbeiterinnen vereinbart werden; monatlich ein Ehrenamtlichen-Forum
veranstaltet wird, das zum Austausch untereinander dient, für organisatorische
Absprachen, Informationsaustausch und auch zur Fortbildung anhand konkreter
Begegnungen mit den psychisch kranken Frauen
Ehrenamtliche Arbeit wird anerkannt und ideell honoriert (Vermittlung von Freikarten zu Konzerten/Theater o.ä., Geburtstagsgrüße, Einladungen zu Festen im
ANH)
Chancen und Grenzen in der ehrenamtlichen Arbeit mit
psychisch kranken Menschen
Auf Grund unserer Projekt-Erfahrungen sehen wir sowohl Grenzen, als auch Chancen
in der ehrenamtlichen Arbeit mit psychisch kranken Menschen:
Psychisch kranke Menschen sind im Verlauf ihrer Biografie immer wieder mit mangelnder Wertschätzung, Gewalterfahrung und Beziehungsabbrüchen konfrontiert
worden, daher sind verlässliche Beziehungen und ein offener, vorurteilsfreier Umgang
sehr wichtig. Dagegen spricht, dass Ehrenämter häufig als zeitlich befristetes Engagement übernommen werden, das je nach Lebenssituation wieder abgegeben wird.
Dadurch werden erneute Beziehungsabbrüche riskiert.
Ehrenamtlich Engagierte stoßen auf Grenzen in ihrem Engagement, wenn sie nicht
das Einfühlungsvermögen mitbringen, krankheitsbedingte Grenzen, Ängste oder
Besonderheiten zu respektieren.
Aufopfernder Wille zu „helfen“ steht im Widerspruch zur professionellen Hilfe zur
Selbsthilfe, dies kann die Kooperation zwischen ehrenamtlichen und professionellen
MitarbeiterInnen erheblich erschweren.
Die Einführung und Begleitung ehrenamtlicher MitarbeiterInnen ist zeit- und kostenintensiv.
Chancen für psychisch kranke Menschen durch den ehrenamtlichen Einsatz entstehen,
wenn dadurch ihre Lebensräume erweitert werden und mehr Teilhabe am Leben in
der Gesellschaft ermöglicht werden kann.
Durch die Ehrenamtlichen entstehen Kontakte und Beziehungen zu „gesunden“
Menschen, die keine professionellen BetreuerInnen sind, dadurch ergibt sich zwischen
einander ein gleichberechtigtes Verhältnis.
Das ideale Quartier
aus Sicht der BürgerInnen und aus Sicht des bürgerschaftlichen Engagements
entwickelt auf der Grundlage der Arbeit mit Ehrenamtlichen in einem Wohnheim und
im Dezentralen Wohnen für psychisch kranke Frauen
Wenn Menschen mit Behinderungen in ambulante Wohnsettings in die Stadtteile
ziehen, ist es notwendig, dass das Wohnumfeld Möglichkeiten bietet, niedrigschwellig
am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Beitrag von Dipl. Päd. Kirsten Leischel und Dipl. Soz-Päd. Hannah Schonig-Nasr 37
Sind die Stadtteile, d.h. BürgerInnen und Einrichtungen, nicht auf die neuen Bewohnerinnen vorbereitet, besteht die Gefahr, dass sich Parallel- und Inselgesellschaften
bilden. Die behinderten Menschen bleiben dann abgeschieden in ihren ambulanten
Wohneinrichtungen stecken. Für Menschen mit psychischer Behinderung kann dies
eine Verschlimmerung ihrer Krankheit bedeuten und damit die Rückkehr in eine
stationäre Wohneinrichtung oder sogar in einen klinischen Aufenthalt.
Darum ist ein soziales Netz in den Stadtteilen für die Umsetzung des Ambulantisierungsvorhabens unbedingt erforderlich!!! Hierzu können die BürgerInnen des Stadtteils und ehrenamtliche/freiwillige MitarbeiterInnen unter bestimmten Voraussetzungen entscheidend beitragen:
Wohnortnahe Anlaufstellen
• Ein Treffpunkt als niedrigschwelliger Ort der Begegnung und Kontaktaufnahme
für behinderte und nichtbehinderte BürgerInnen des Stadtteils
• Begegnungsstätte, Info-Börse, Kulturangebote
• Möglichkeit der (ehrenamtlichen) Mitarbeit für behinderte und nichtbehinderte
BürgerInnen
Bürgerbeteiligung/ Soziale Verantwortung im Stadtteil
• Sensibilisierung der Bürger im Stadtteil für die (neuen) BewohnerInnen
• BürgerInnen im Treffpunkt als AnsprechpartnerInnen für Menschen mit
Behinderung
• Ehrenamtliche Helfer treten als aufmerksame Lotsen im Stadtteil auf
• Ehrenamtliche Helfer begleiten Menschen mit Behinderung in den Stadtteil/in
verschiedene Einrichtungen
Hauptamtliche Koordination
• Personalmanagement und fachliche Begleitung für ehrenamtliche Helfer
• Koordination des Treffpunktes
• Koordination zwischen Menschen mit Behinderung, ehrenamtlichen Helfern,
Hauptamtlichen BetreuerInnen und Einrichtungen im Stadtteil
Soziale Verantwortung bei der Städteplanung
• Fachkräfte und Betroffene bei der Städteplanung beteiligen
• Information der BürgerInnen über die (neue) Situation im Stadtteil und Appell an
deren soziale Verantwortung
• Aufbau von wohnortnahen Treffpunkten
• Stadt/Bezirk übernehmen den Unterhalt für die Anlaufstellen
• Stadt/Bezirk sind Anstellungsträger für die Koordinationsstellen
Fazit:
Ambulantisierung ja, vorausgesetzt, dass in den Stadtteilen für ein soziales Netz
gesorgt ist, so dass für Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist !!!
38 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus?
von
Axel Vogt, Bezirksamt Eimsbüttel
Mein Name ist Axel Vogt. Ich arbeite als Koordinator für Aktive Stadtteilentwicklung
im Bezirksamt Eimsbüttel. Persönlich habe ich in meinem bisherigen Leben relativ
wenig mit behinderten Menschen zu tun gehabt.
Auch unser Programm Aktive Stadtteilentwicklung hat behinderte Menschen zwar
ausdrücklich im Fokus, sie sind aber in den Eimsbüttler Gebieten bisher kein Schwerpunktthema gewesen. Allerdings wird bei allen Wohnumfeldmaßnahmen und Veränderungen in den Hauseingangsbereichen auf Barrierefreiheit wert gelegt. Auch
wurde z.B. in einer Kita in Schnelsen der Einbau eines Fahrstuhls über das Programm
gefördert, damit die in ihrer Mobilität eingeschränkten Kinder ebenfalls ohne größere
Probleme den 1. Stock benutzen können. Bei näherem Hinsehen, wird deutlich, dass
wir häufig mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, ohne dass die Behinderung im
Mittelpunkt steht.
Insgesamt bin ich aber mehr der Experte für das Quartier, Wohngebiet oder Gemeinwesen. Herr Menzel hat schon ziemlich viel von dem vorweg genommen, was ich in
meinem Kurzstatement erzählen wollte.
Das Quartier hat Konjunktur – die Erwartungen sind groß
Das Quartier oder Wohngebiet hat in verschiedenen Politikfeldern erheblich an Bedeutung gewonnen. Es soll natürlich familienfreundlich sein, altersgerecht, integrierend und grün. Es ist Ort der gesunden Stadt und für Stadtteilschulen sowie Ansatzpunkt für die sozialräumliche Jugendhilfe.
Die positiven Erwartungen an das Quartier sind vielfältig. Es steht für: Nachbarschaft,
menschliche Wärme, sozialen Zusammenhalt, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben,
sozialen Ausgleich, Ort der Integration von Zuwanderern, Vernetzung, Empowerment
und Beteiligung sowie Ort der Bildung und Arbeit.
Einige sehen sogar die Möglichkeit auf der Ebene des Quartiers gegen die Trends wie
Individualisierung, Entsolidarisierung, Globalisierung, Ausgrenzung und heterogene
Lebensformen anzugehen.
Doch auf der Quartiersebene kann man natürlich auch genau die gegenteiligen
Prozesse finden. Es gibt Ausgrenzung, soziale Kälte, überforderte Nachbarschaften
oder ein verbindungsloses Nebeneinander.
Beitrag Axel Vogt
Wichtige Bereiche des Sozialraums
Um beurteilen zu können, welches Quartier für die Integration behinderten Menschen am besten geeignet ist, sollte man sich die verschiedenen Bereiche des Sozialraums verdeutlichen. Im materiellen Bereich gibt es Wohnumfeld und Freiflächen,
Schulen, Kitas etc., Ämter, Behörden und Soziale Infrastruktur wie Bürgerhäuser,
Häuser der Jugend usw., mögliche Arbeitsplätze, Einzelhandel und sonstige Einrichtungen der Grundversorgung sowie Verkehrs- und Kommunikationsmittel.
Im weichen Bereich sind dagegen zu beachten Nachbarschaften und soziale Beziehungen, soziale Schicht der Bewohnerschaft, Integrationsfähigkeit sowie Image/Ruf.
Welches Quartier ist für die Integration ideal?
Um es gleich vorweg zu nehmen. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ist es das
Quartier mit dem links orientierten Milieu mit dem Verständnis für Alle und Alles?
Oder doch eher das konservative Milieu mit dem Hang zum Bürgerengagement und
einer ausgeprägten Fürsorgementalität? Oder ist nicht vielleicht doch gerade das
benachteiligte Quartier besonders geeignet, in dem ohnehin schon jede Absonderlichkeit hingenommen wird? Die Integrationsfähigkeit und der Integrationswille
erweist sich wohl doch erst im Alltag.
Wichtig erscheint mir jedoch, dass die Anzahl der behinderten Menschen so groß
sein sollte, dass sie im normalen Quartiersleben auffallen. Ansonsten kann es sicherlich
schnell passieren, dass besondere Bedarfe – sofern diese bestehen – untergehen.
39
40 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Ambulantisierung in der Behindertenhilfe und Stadtteilentwicklung –
Wie sieht das ideale Quartier aus?
Über Erfahrungen mit Menschen,
die aus einer Heimunterbringung in den eigenen Wohnraum
in einen Hamburger Stadtteil gezogen sind
Beitrag von
Karsten Wagner, Lawaetz-Stiftung
Stadtentwicklung und Projektmangement
Beispielprojekte
Projekte in Begleitung der Lawaetz-Stiftung
Unzerstraße, am Grünzug Holstenstraße
•
•
•
•
Ca. 2450 qm Wohnfläche
34 verschieden große Wohnungen, für Menschen mit und ohne Behinderung.
Wohnprojekt, Gemeinschaftsräume
Niedrigenergiestandard Evangelischen Stiftung
Alsterdorf, Errichtung von zwölf 12 der Wohnungen.
• Bezug von Menschen mit Mehrfachbehinderung in den eigenen Wohnraum
• Bisher in Heimunterbringung
Marktstraße, Karo-Viertel, Wohnprojekt
•
•
•
•
•
14 Wohnungen
2 Wohnungen für Rollstuhlfahrer
Alle Bewegungsräume rollstuhlgerecht
Wohnungen nach Richtlinien des Sozialen Wohnungsbaus
Sozialmieten
Autofreies Projekt Saarlandstraße
• Im ersten Bauabschnitt werden 61 Wohnungen erstellt,
47 Wohnungen als Wohnprojekt, 14 für mehrfach behinderte Menschen,
erstellt von Leben mit Behinderung.
• Gemeinschaftraum für Alle
• Wohnungen für die behinderten Menschen sind normale Sozialwohnungen mit
rollstuhlgerechten Bewegungsräumen.
Beitrag Karsten Wagner 41
Im Stadtteil
Der Stadtteil
• „Die sind einfach da“
• Im Stadtteil ändert sich nichts, weil nach kurzer Zeit niemand mehr bemerkt,
dass etwas ungewöhnlich sein könnte
• Bei ESA: Ein Beispiel von vorübergehend Problemen mit Jugendlichen in einem
Problemstadtteil
• Ein Beispiel von vorübergehenden Probleme mit wohlhabenden Publikum,
die eine Wertminderung ihrer Immobilie sahen
• Die Lidl-Kassierinmerkt was, aber nur die ersten Male
Im Haus
• Die Wohnprojekte: Anspruch, eine sozial sinnvolle Sache zu unterstützen
• Die klassischen Nachbarn: Anfang ungewöhnlich ist, aber „man tut ja was Gutes“
• Anfängliche Probleme mit Grenzüberschreitung und Lärm:
wird durch besseres Kennenlernen behoben
Kriterien
Ist der Wohnraum für mehrfach behinderte Menschen passend?
• Es soll normal vermietbarer Wohnraum sein
• Teilweise nach DIN 18025 -Teil 1 ggf.
• Rollstuhlfahrer nicht in Erdgeschosswohnungen ohne Fahrstuhl, da dann die
Nachbarn nicht besucht werden können
• Neubau nur, wenn Fahrstuhl im Haus vorhanden
• Wohngemeinschaftwohnung: bei mehreren Personen in einer Wohnung nicht mehr
als zwei Personen die sich ein Bad teilen
• Nicht weit mehr als über 20 Personen in einem Haus
• Erreichbarkeit: Einkauf fußläufig
• ÖPNV soll behindertengerecht sein:
bei Bussen kein Problem mehr, bei U-/und S-Bahn ggf. schon
• Wohnungen sollen hartz4-fähig sein; das bezieht sich vor allem auf die Miete
• Die m2-Wf pro Person liegen unter den Vorgaben der WK
• Stadtteilbezogen gibt es keine Ausschlusskriterien
• Stadtteile mit aufnahmefähigen Bevölkerungsstrukturen wären gut
• Am besten urbane Lage (Vermutung), nicht zu hochpreisige Lage
42 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
Ergebnisprotokoll von
Sandie-Christine Schröfel
1. AG Perspektive Menschen mit Behinderung
Die AG beschäftigte sich mit der Frage nach dem idealen Quartier aus der Sicht
von Menschen mit Behinderung. Dazu stellten eingangs drei Vertreter von konkreten
Projekten ihre Einrichtungen vor.
• Begegnungsstätte Bergstedt, Rainer Wilke
Die Begegnungsstätte Bergstedt ist ein Projekt, das Senioren mit und ohne Behinderung zusammenführen möchte. Es gab einen Vorläufer des aktuellen Projektes,
das von den Betroffenen sehr gut angenommen wurde aber nicht nachhaltig finanziert werden konnte. Die neue Einrichtung profitiert von den Erfahrungen und
stellt schon jetzt eine soziale Schnittstelle für ältere Menschen dar. Die Einrichtung
bietet den Raum für informelle Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne
Behinderung. In nächster Zukunft soll ein Café installiert werden, um weitere Impulse in diese Richtung zu bieten.
Die TeilnehmerInnen des Projektes leben in eigenen Wohnungen und kommen zum
größeren Teil selbständig zur Einrichtung. Das Projekt richtet sich im engeren Sinn
an die Stadtteilbewohner, ist aber prinzipiell für alle Menschen offen. Zur Zeit finan
ziert sich das Projekt über verschiedene Träger, wie Leben mit Behinderung e. V.,
Aktion Mensch e. V., Alsterdorf Assistenz Ost. Kennzeichnend für die Begegnungsstätte ist ihre enge Vernetzung mit den involvierten Trägern und mit dem Behindertenforum Walddörfer. Zur regionalen Presse gibt es ebenfalls regelmäßigen
Kontakt.
• Projekt des Rauhen Hauses und der Kirchengemeinde Borgfelde, Detlef Boie
Das Rauhe Haus hat in einem ehemaligen Gemeindehaus ein Projekt zur ambulan
ten Betreuung von Menschen mit Behinderung ins Leben gerufen. Das Projekt
besteht aus mehreren Teilen. Es gibt mehrere Wohnungen und eine Wohngruppe
für Menschen mit Behinderung, eine Wohngruppe und ein Arbeitsbegleitungsangebot speziell für Jugendliche mit Behinderung (vamos) und die Theatergruppe
Klabauter. Die BewohnerInnen der Wohnungen und Wohngruppen werden ambu
lant betreut, sofern sie Hilfe benötigen. Dazu gibt es eine Rufbereitschaft und
verschiedene kulturelle Angebote. Das Projekt konzentriert sich vor allem auf Bildungsangebote.
Ergebnisprotokoll Sandie-Christine Schröfel 43
• Projekt Hausgemeinschaft im Schanzenviertel, Leben mit Behinderung e. V.,
Martin Rösner
Das Projekt Hausgemeinschaft im Schanzenviertel ist Teil des größeren Projektes
Max-Brauer-Allee, das zum Teil von Eigentümerprojekten aber auch von einer
Baugenossenschaft getragen wird. Die Hausgemeinschaft ist größtenteils ein ambu
lantes Angebot für Menschen mit Behinderung im Schanzenviertel. Das Projekt
umfasst auch stationäre Betreuungen, so dass umfangreiche Unterstützungsstrukturen in unmittelbarer Nähe gegeben sind, die in den ambulanten Bereichen
im Bedarfsfall Hilfe leisten können.
Herr Rösner veranschaulicht an vielen Beispielen, welche Rahmenbedingungen
notwendig sind, um die Autonomie der BewohnerInnen zu ermöglichen. Es reicht
nicht aus, allein das Haus barrierefrei zu gestalten. Auch in der unmittelbaren Umgebung muss es barrierefreien Zugang beispielsweise zu Geschäften, Geldautomaten, Postschaltern geben. Außerdem muss eine bestimmte Verkehrssicherheit gegeben sein. Am wichtigsten ist, dass die Menschen im Stadtteil offen für Menschen
mit Behinderungen sind.
Fazit: Grundvoraussetzungen für ambulante Angebote aus Sicht der Menschen
mit Behinderung
• Infrastruktur
- Die Barrierefreiheit der konkreten Einrichtung reicht allein nicht aus. Menschen
mit Behinderung brauchen eine gesamte barrierefreie Infrastruktur in ihrem
Stadtteil.
- Hierzu gehören barrierefreie Postschalter, Geldautomaten, Einkaufsläden, kulturelle Angebote und Gastronomie.
- Diese Angebote müssen nicht nur barrierefrei sondern für Menschen mit Behinderung auch bezahlbar sein.
• Inklusion
- Menschen mit Behinderung wollen in der Gemeinde einbezogen werden.
Im Stadtteil muss dafür eine grundsätzliche Offenheit herrschen.
- Die Einrichtungen selbst können sich positive Aufmerksamkeit verschaffen, indem
sie ihr Profil schärfen, beispielsweise über ihre kulturellen Angebote.
• MitarbeiterInnen im ambulanten Bereich
- Die MitarbeiterInnen, die vom stationären in den ambulanten Bereich wechseln,
müssen ihre Perspektive entsprechend auf die veränderten Bedingungen anpassen.
2. AG Perspektive Bürgerschaftliches Engagement
Die AG beschäftigte sich mit der Frage nach dem idealen Quartier aus der Sicht der
BürgerInnen des Stadtteils und des Bürgerschaftlichen Engagements. Dazu wurden
drei Leitfragen diskutiert:
44 Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. am 31. August 2006
- Wie können die BürgerInnen eingebunden werden?
- Wie können vorhandene Freizeit- und Stadtteileinrichtungen eingebunden
werden?
- Wie können bereits vorhandene Strukturen Bürgerschaftlichen Engagements auf
gegriffen werden?
• Wie können die BürgerInnen eingebunden werden?
- Die BürgerInnen müssen rechtzeitig informiert und sensibilisiert werden ohne dass
Drohkulissen aufgemalt werden.
- Es müssen dabei vielmehr die Chancen für die BürgerInnen vermittelt werden.
- In Kultur- und Sporteinrichtungen müssen gezielt Verbündete gesucht werden,
die bereit sind Menschen mit Behinderung aufzunehmen.
- Trotzdem müssen auch eigene Angebote geschaffen werden
(z. B. Stadtteilfeste, Tag der Offenen Tür etc.).
- Die Träger haben dabei eine Vermittlungsfunktion zwischen den BürgerInnen des
Stadtteils und den Menschen mit Behinderung.
• Wie können vorhandene Freizeit- und Stadtteileinrichtungen eingebunden
werden?
- Die Einrichtungen haben die Chance ihr Profil durch die Integration von Menschen
mit Behinderung zu schärfen.
- Die Einrichtungen sind meistens ausschließlich von Bürgerschaftlichem Engagement getragen und haben daher kein oder nur wenig professionelles Personal.
Das heißt sie müssen so ausgerichtet werden, dass sie die Aufnahme von Menschen mit Behinderung leisten können.
- Dazu müssen Kooperationen gesucht werden.
- Die Entwicklung muss begleitend stattfinden.
- Es können auch professionelle Angebote für Menschen mit Behinderungen geschaffen werden, wichtig sind aber vor allem Angebote, die auch Menschen ohne
Behinderung involvieren.
• Wie können bereits vorhandene Strukturen Bürgerschaftlichen Engagements
aufgegriffen werden?
- Das Bürgerschaftliche Engagement kann die Aufgaben nicht allein übernehmen.
Die Vorbereitung, Koordination und Begleitung muss hauptamtlich erfolgen.
- Die Träger müssen ihr Personalmanagement für Ehrenamtliche aufbauen (Anwerbung, Anreizsysteme etc.). Ein mögliches Modell wäre auch, Patenschaften zu
initiieren.
Ergebnisprotokoll Sandie-Christine Schröfel 45
AG Perspektive Stadtteilentwicklung
Die AG beschäftigte sich mit der Frage nach dem idealen Quartier aus der Sicht der
Stadtplanung. Dazu wurden offene Fragen gesammelt:
- Die Ambulantisierung ist in der Stadtplanung noch nicht angekommen. Die
Programme der Stadtplanung erfassen nur Gruppen. Dabei gehen die Bedürfnisse
von einzelnen unter. Wie können die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung
hinsichtlich eines idealen Quartiers erfasst werden? Wie können diese Bedürfnisse
tatsächlich in die Planung einfließen?
- Der Fokus der Politik liegt derzeit nicht auf Menschen mit Behinderungen son
dern auf Familien. Teilweise werden deshalb Fördermittel für barrierefreien
Wohnraum nicht abgerufen. Wie kann eine bessere Vernetzung zwischen
Menschen mit Behinderungen, Trägern und Politik aussehen?
- Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen verändert werden?
- Wie können neue Finanzierungsquellen erschlossen werden?
46
Mitglieder der AGFW:
-
Arbeiterwohlfahrt, Landesverband Hamburg e.V.
Caritasverband für Hamburg e.V.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg e.V.
Deutsches Rotes Kreuz, Landesverband Hamburg e.V.
Diakonisches Werk Hamburg, Landesverband der Inneren Mission e.V.
Jüdische Gemeinde, Körperschaft des öffentlichen Rechts
Herausgegeben durch die
Arbeitsgemeinschaft der
Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V. (AGFW)
Grevenweg 89
20537 Hamburg
Layout: Claudia Zinnert
April 2007
Dokumentation
Fachtag der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V.
am 31. August 2006
Arbeitsgemeinschaft der
Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V.
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