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Gastkommentar von Jeffry D. Sachs:
„Amerikas Reiche: Wie die reichsten Nationen der ärmsten helfen
können“
Zu einer Zeit, in der Präsident George W. Bush viele Milliarden Dollar für
Steuersenkungen zugunsten der reichsten Amerikaner verschwendet hat,
gibt ihm seine Kurzreise nach Afrika die beste Gelegenheit ihnen, den
Reichsten, vorzuschlagen, einiges an Verantwortung für die Verbesserung
der schrecklichen Lage der Ärmsten auf dieser Welt zu übernehmen.
Dem letzten Bericht des „Internal Revenue Service“ zufolge hatten im Jahr
2000 die rd. 400 superreichen Amerikaner ein Durchschnittseinkommen
von nahezu 174 Mio. Dollar oder zusammengenommen ein Einkommen
von rd. 69 Mrd. Dollar.
Kaum zu glauben, aber das ist das mehr als die Summe der Einkommen
von 166 Mio. Menschen, die in vier von den Ländern leben, die der
Präsident in dieser Woche besucht: Nigeria, Senegal, Uganda und
Botswana. Amerikas Superreiche könnten jetzt den Lauf der afrikanischen
Geschichte ändern und der Präsident, der die Bedeutung der persönlichen
Verantwortung stets hervorhebt, sollte ihnen dringend empfehlen, es auch
zu tun.
Wenn Bush über die übliche Rhetorik angesichts der afrikanischen Notlage
hinausgeht, würde er feststellen, dass Armut im gesamten Kontinent über
Leben und Tod entscheidet – meist allerdings über den Tod. Während die
durchschnittliche Lebenserwartung in den USA heute 77 Jahre beträgt,
liegt sie niedriger als 50 Jahre in den meisten Gegenden Afrikas und
weniger als 40 Jahre in einigen von den von AIDS verheerten Ländern.
Solange bis die Pandemien AIDS, Tuberkulose, Malaria und andere
tödliche Krankheiten unter Kontrolle gebracht sind, wird die
wirtschaftliche Entwicklung und die politische Stabilität unerreichbar
bleiben. Ein Durchbruch bei der Überwindung der Krankheiten würde in
eine Spirale zunehmender Produktivität, besserer Ausbildung, niedrigerer
Geburtenraten und zu weiteren Verbesserungen der Gesundheit und des
Wohlstandes führen.
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Afrikas Armut aber macht dieses Problem unlösbar ohne die Hilfe der
USA und anderer reicher Länder. In den USA betragen der WHO zufolge
die jährlichen Ausgaben für Gesundheit durchschnittlich $2000 pro Person.
In Afrika dagegen belaufen sich die Gesundheitsausgaben auf rd. $ 10 pro
Person und Jahr – nicht genug, um die Bevölkerung am Leben zu erhalten.
Überall in Afrika versuchen Länder verzweifelt mehr zu tun, können es
sich aber nicht leisten, wenn das Durchschnittseinkommen ihrer Bürger
weniger als $ 1 pro Tag beträgt und ihre Regierungen Auslandsschulden an
reiche Länder zurückzahlen1 müssen anstatt ihren Kranken und Sterbenden
zu helfen.
Vor zwei Jahren hat die Kommission für Makroökonomik der WHO, deren
Vorsitz ich inne hatte, eine verblüffende Entdeckung gemacht: wenn reiche
Länder insgesamt rd. $25 Mrd. pro Jahr bereitstellen, dann könnte die
Erhöhung der Investitionen für Vorbeugung und Behandlung in den armen
Ländern weltweit jährlich rd. 8 Mio. Todesfälle verhindern.
Ihrer Größe wegen und im Vergleich zu anderen Geberländern würde der
Anteil der USA rd. $8 Mrd. betragen. Der größte Teil des Geldes wird in
Afrika gebraucht, wo die ärmsten Länder sind und die Belastung durch
Krankheiten am größten ist.
Die vorgesehenen Ausgaben der USA im Fiskaljahr 2004 für auswärtige
Gesundheitsprogramme einschließlich der neuen AIDS-Initiative belaufen
sich auf ungefähr $2 Mrd. oder ein Viertel von dem, was auf die USA
zukommen würde. Mehr Geld könnte unter anderem AIDS-Patienten mit
antiretroviralen Therapien am Leben erhalten, Müttern helfen,
Komplikationen bei Geburten zu überleben und verhindern, dass
Hunderttausende Kinder an Malaria und Krankheiten sterben, die durch
Impfung verhindert werden können.
Hier und jetzt können die 400 Reichsten den Lauf der Geschichte
ändern.1995 zahlten die 400 Bezieher der höchsten Einkommen fast 30%
Einkommensteuer. Nach Bushs Steuerermäßigungen und einigen anderen
Faktoren wird sich der Satz auf weniger als 18% belaufen.
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Einiges von dem Schuldendienst (vor allem Zinszahlungen) der ärmsten afrikanischen Länder wird wohl auch
an die 400 superreichen Amerikaner fließen. Für die ärmsten Afrikaner könnte es viel, für die superreichen
Amerikaner dagegen nur sehr wenig – peanuts eben – bedeuten (G.L.).
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Angenommen die Superreichen verwendeten ihre Steuerersparnisse, um
die Überlebenschancen in Afrika zu verbessern. Die zehn Prozent ihres
Einkommens – in Dollar des Jahres 2000 sind das nahezu $7 Mrd. – würde
einen beträchtlichen Anteil der $8 Mrd. ausmachen, den die USA zum
weltweiten Gesundheitsaufwand zu erbringen hätten.
Dieses Geld könnte sofort und zuverlässig dem „Global Fund to Fight
AIDS, Tuberkulose und Malaria“ übergeben werden und dann für einen
spektakulären Einsatz zur Rettung von 8 Mio. Menschenleben
bereitgestellt werden. Gibt es denn für Individuen, die über allen nur
möglichen irdischen Besitz verfügen, den man zusammenraffen kann,
überhaupt eine bessere Gelegenheit, von ihrem gewaltigen Wohlstand
etwas abzugeben?
Die Vorstellung, dass die Superreichen sich freiwillig engagieren ist nicht
grotesk, besonders dann nicht wenn Bush sie ermutigt, es zu tun. Bill
Gates, der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, hat auf brillante Weise mit
einer Spende von mehr als $20 Mrd., die hauptsächlich für die
internationale öffentliche Gesundheit verwendet werden soll, den Weg
gewiesen. Viele der Superreichen waren gegen die letzten
Steuerermäßigungen und sagten, dass dazu das Elend der Armen zu groß
sei.
Es ist natürlich befremdend, sich nur auf den guten Willen von ein paar
Hundert superreichen Leuten verlassen zu wollen, um das Leben von
Millionen Armen zu retten. Im Grunde genommen sollten alle Amerikaner
sich die Verantwortung einer solchen Anstrengung teilen, nicht nur aus
humanitären Gründen sondern auch aus praktischen Gründen zugunsten
der öffentlichen Gesundheit. Aber angesichts der riesigen
Steuerermäßigungen für die reichsten Amerikaner ist deren moralische und
praktische Verpflichtung größer als je zuvor.
Unsere Welt ist in gefährlicher Weise aus dem Lot geraten, wenn ein paar
hundert Leute in den USA über mehr Einkommen verfügen als 166 Mio. in
Afrika – unter ihnen Millionen, die jedes Jahr an ihrer Verarmung sterben.
Am Ungewöhnlichsten ist vielleicht sogar die Tatsache, dass diese Fakten
so selten in unserem Land wahrgenommen werden.
Bushs Reise nach Afrika sollte unsere Augen für diese Realitäten und für
die Möglichkeiten öffnen, das Elend auf der Welt lindern zu helfen.
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Jeffry D. Sachs ist Direktor des Earth Institute an der Columbia University,
N.Y.. Sein Kommentar erschien am 10/07/03 in der International Herald
Tribune unter dem Titel: America’s wealthy, How the richest nations can
help the poorest.(Rohübersetzung: G.L., 06/08/03).
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