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Justine Larbalestier FEENTAUSCH Hilfe, wie werde ich sie los?

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Justine Larbalestier
FEENTAUSCH
Hilfe, wie werde ich sie los?
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© Samantha Jones
Justine Larbalestier ist im australischen
Sydney geboren. Mit ihren Eltern, zwei
Anthropologen, wohnte sie mehrfach
für einige Zeit in anderen Gegenden
Australiens, u. a. bei den Aborigines. Sie
ist mit dem amerikanischen Autor Scott
Westerfeld verheiratet und pendelt zwischen Australien und den USA hin und
her. Ihre »Magische Töchter«-Trilogie
machte sie als Fantasyautorin bekannt.
DIE AUTORIN
Von Justine Larbalestier ist bei cbt bereits erschienen:
Magische Töchter (30369)
Magische Spuren (30370)
Magische Verwandlungen (30467)
Lügnerin! (cbt HC 16077)
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Justine Larbalestier
Feentausch
Hilfe, wie werde ich sie los?
Aus dem New Avalonischen Englisch
übertragen von Katarina Ganslandt
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cbt ist der Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House
Für Stephen Gamble und Ron Serdiuk,
meine beiden Lieblingsfeen
Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100
Das für dieses Buch verwendete
FSC®-zertifizierte Papier München Super Extra
liefert Arctic Paper Mochenwangen GmbH.
1. Auflage
Erstmals als cbt Taschenbuch Dezember 2011
Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe cbt/cbj Verlag,
München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2008 by Justine Larbalestier
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2008
unter dem Titel »How to Ditch Your Fairy«
bei Bloomsbury U. S.A. Children’s Books
Übersetzung: Katarina Ganslandt
Lektorat: Stefanie Rahnfeld
Umschlaggestaltung: Zeichenpool, München,
Umschlagbilder: © shutterstock (Fee: Algol)
im · Herstellung: AnG
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-570-30766-3
Printed in Germany
www.cbt-jugendbuch.de
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Anmerkung
Feentausch« spielt in nicht allzu ferner Zukunft in der Stadt
New Avalon in einem ausgedachten Land, das weder Australien (wo ich herkomme) noch die USA ist, sondern eine Art
Mix aus beidem. Es gibt dort zwar auch eine Ost- und eine
Westküste, aber niemand isst Toasts mit Butter und Vegemite
(das ist dieser salzige braune Hefe-Aufstrich, nach dem alle
Australier süchtig sind) oder Hamburger. Dafür spielt man in
New Avalon Kricket und Baseball.
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Das (Alb)Traumtop
Tage als Fußgängerin: 60
Strafpunkte: 4
Unterhaltungen mit Stef: 5
Meine Möppel sahen in dem Top irgendwie dorkig aus,
was merkwürdig war, weil sie normalerweise gar nicht aussahen – sprich: winzig waren. Ich zerrte an dem Stoff und
versuchte, sie an die Stelle zurückzuschieben, wo sie eigentlich hingehörten, aber es war zwecklos. Das Teil war so geschnitten, dass mein rechter Möppel unter die rechte Achsel
gedrückt wurde und der linke so weit nach oben, dass er sich
praktisch direkt unterhalb meines Kinns befand.
Ich gebe zu, dass ich noch nicht daran gewöhnt war, überhaupt welche zu haben. Ich war ja erst vierzehn. Sie waren
vor ungefähr einem halben Jahr plötzlich da gewesen und
normalerweise – wie schon gesagt – ziemlich unsichtbar.
Meine Mam sagte immer, ich solle froh sein, in meinem Alter
schon Möppel zu haben. Ich fragte mich, wie sie darauf kam.
Alle meine Freundinnen hatten welche. Aber worauf ich eigentlich hinauswollte: Bisher hatten sie sich noch nie von der
Stelle bewegt.
»Deine Fee kann mich nicht leiden«, sagte ich zu meiner
besten Freundin Rochelle.
Ro bewunderte sich im Spiegel der Umkleidekabine. Das
enge schwarze Minikleid, das sie anprobierte, stand ihr perfekt, und ihre Möppel waren genau da, wo sie rechtmäßig hin7
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gehörten, ohne an andere Stellen ihres Körpers abzuwandern.
Das Schwarz des Kleids ließ ihre Augen golden leuchten, was
eigentlich kaum sein konnte, weil Schwarz ja gar kein Gold
enthält. Vielleicht war es heruntergefallener Feenstaub.
»Deine Eltern erlauben dir garantiert nicht, so rumzulaufen«, warnte ich sie. Rochelles Eltern achteten nämlich immer streng darauf, dass ihre Tochter nicht zu aufreizend angezogen war. Ich zerrte mir das möppelverunstaltende Top vom
Oberkörper und guckte es mir noch mal genau an. Eigentlich sah es ganz normal aus: breite Träger, herzförmiger Ausschnitt, gerade geschnitten. Noch nicht mal besonders eng.
Warum hatte es mir das angetan?
»So kurz ist es auch nicht«, widersprach Rochelle.
Ich musterte ihr Kleid kritisch. Es bedeckte zwar den größten Teil ihrer Oberschenkel, aber da Rochelle extrem groß
war, sahen alle Kleidungsstücke an ihr immer kürzer aus als
an anderen. »Das nicht, aber dafür ist es sehr tief. Du kriegst
bestimmt wieder Klamottenkauf-Verbot«, sagte ich, während
ich mein T-Shirt wieder anzog.
»Wetten nicht?« Rochelle zupfte das Kleid obenrum etwas
höher. »Hier, bitte. So ziehe ich es an, wenn ich es meinen
Eltern zeige. Pap findet mich darin bestimmt hübsch, und
Mam achtet sowieso nie darauf, was ich anhabe, solange es
nicht schockinös aufreizend ist.« Sie stellte sich wieder vor
den Spiegel, straffte die Schultern (Rochelle hatte deutlich
sichtbare Möppel) und spreizte die Finger wie eine Tänzerin.
»Außerdem kostet es bloß zwanzig Dollar.«
»Was?«, entfuhr es mir, obwohl es mich eigentlich nicht
hätte überraschen dürfen. »Die Kleider hier kosten alle um
die zweihundert!« 8
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Rochelle griff sich in den Nacken, nestelte das Preisschildchen heraus und ging in die Knie, damit ich es lesen konnte.
Es standen lauter durchgestrichene Beträge darauf. Ich beugte
mich vor und entzifferte mit zusammengekniffenen Augen:
$ 200. Darunter stand $ 150, darunter $ 100 und am untersten
Rand des Schildchens in klitzekleiner (Feen?)Schrift: leichte
Mängel: $ 20.
Ich seufzte. »Und wo bitte sollen diese leichten Mängel
sein?« Die matte Seide schimmerte in faltenloser Brandneuigkeit und kompletter Niemals-Getragenheit. Nicht das allerkleinste herausgerissene Fädchen war zu sehen. An dem Top,
das ich gerade ausgezogen hatte, hingen dagegen an mehreren Stellen welche heraus. Und trotzdem stand auf dem Preisschild $ 75, und es war kein bisschen runtergesetzt.
»Es hat keine.« Rochelle betrachtete sich zufrieden im
Spiegel.
»Deine Fee enttäuscht dich echt nie, oder?«
»Doch.« Rochelle sah mich an. »Ich finde es zum Beispiel
total dorkig, dass sie dich so hängen lässt.« Sie nahm mir das
Top aus den Händen, drehte es und zupfte an einem der losen
Fäden. »Dabei war ich mir so sicher, dass es geniastisch an
dir aussehen würde. Ich mag meine Fee am liebsten, wenn
sie auch was Gutes für dich tut. Übrigens hab ich in der Stars
Weekly ein Interview mit Unserer Tui gelesen, und die sagt,
Feen würden am zuverlässigsten arbeiten, wenn ihr Mensch
edel und gut ist. Sie hat festgestellt, dass ihre Fee keinen Finger rührt, wenn sie böse Gedanken …«
»Hat sie endlich mal verraten, was sie für eine hat? Es ist
eine Charme-Fee, stimmt’s?«
Rochelle schüttelte den Kopf. »Keinen Ton hat sie verraten.
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Aber ich frage mich, ob ich heute vielleicht etwas Böses getan habe und das der Grund dafür ist, dass meine Fee nicht
richtig arbeitet.«
»Es kann gar nicht sein, dass Feen nur für gute Menschen
arbeiten, denk bitte mal an Leute wie Fiorenze Schnöselname.
Ihre Fee lässt sie nie im Stich und dabei ist sie ja wohl ganz
schlimm eingebildet.«
»Hm, stimmt auch wieder«, sagte Rochelle nachdenklich.
»Außerdem hab ich vier Strafpunkte, was ja wohl der Beweis dafür ist, dass ich kein sonderlich guter Mensch sein
kann«, fuhr ich fort. »Trotzdem bin ich mir sicher, dass meine
Fee genauso zuverlässig wie immer arbeitet.«
»Das ist was ganz anderes! Die Strafpunkte hast du doch
bloß bekommen, weil du deine Fee loswerden willst!« Ich schnalzte mit der Zunge. »Jedenfalls tust du nie was
Böses, Ro.«
»Ich habe Joey vor ein paar Tagen verboten, zum Training
mitzukommen.«
»Vollkommen zu Recht. Dein Bruder nervt. Er nervt fast so
schlimm wie Nettles.«
»Nettles nervt gar nicht. Und Joey auch nicht.«
Zugegeben, die beiden nervten nicht immer. Vor einer
Woche hatte Nettles mir sogar meinen Lieblingskuchen gebacken – Zitronenrolle. Aber gleich danach hatte sie sich für
ein Kunstprojekt einen meiner Tennisschläger »ausgeliehen«,
ihn abgeschliffen und die Bespannung rausgeschnitten! Und
statt sie umzubringen, hatten Mam und Pap sie für ihre Kreativität gelobt und bloß gesagt, sie solle mir von ihrem Taschengeld einen neuen kaufen.
»Seid ihr fertig da drin?« Bevor wir antworten konnten,
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riss die Verkäuferin den Vorhang zur Seite. Ein Glück, dass ich
mich schon wieder angezogen hatte.
»Geniastisch.« Sie starrte Rochelle beeindruckt an. »Das
Kleid sieht absolut geniastisch an dir aus. Wie für dich gemacht!«
Rochelle strahlte. Die Verkäuferin arbeitete noch nicht
lange bei Best Dresses. Auf ihrem Namensschildchen stand
Suzy, aber so hieß sie wahrscheinlich nicht. Ms Leatherbarrow, die Besitzerin, kam nur nie dazu, neue Namensschildchen zu drucken, deshalb steckten sich die Mädchen einfach
immer eines von den fünf Schildchen an, die in der Kassenschublade lagen. Das funktionierte problemlos, weil sowieso
nie mehr als drei Verkäuferinnen gleichzeitig im Laden waren, und die hießen dann eben abwechselnd Suzy, Ilian, Daisy,
Rhani oder Lucinda.
Die übrigen Verkäuferinnen kannten Rochelle und ihre
Fee schon und machten ihr längst keine Komplimente mehr.
Wahrscheinlich waren sie neidisch, weil sie alle bloß ganz
durchschnittlich berückend aussahen, sprich: große Augen,
volle Lippen, kleine Nasen. Rochelle war zwar nicht berückend, aber sie sah trotzdem immer um Klassen besser aus
als sie.
Sie hatte eine Shopping-Fee – aber das habt ihr euch vermutlich schon gedacht. Viele Leute beneideten sie um ihre
geniastische Fee, aber jeder, der Rochelle kennenlernte,
gönnte sie ihr, weil sie a) sehr nett war, b) ihre Fee manchmal
auch für ihre Freundinnen arbeitete (leider nicht oft) und sie
c) schockinös horromatische Eltern hatte. Rochelle hatte ihre
Fee wirklich verdient.
Sie zog das Kleid aus und ihre eigenen Sachen wieder an
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(karierter Faltenrock, weißes T-Shirt, taillierte schwarze Jacke
mit kariertem Besatz an den Ärmeln und am Kragen, was jetzt
schlimm klingt, an ihr aber alles andere als schlimm aussah),
dann bezahlten wir und verließen den Laden. Auf dem Weg
zum Ausgang aus dem Einkaufszentrum kamen wir an Fairy
World vorbei, wo es Feenfänger aus Plastik im Sonderangebot
gab – Reifen mit klebrigen Fäden dran, mit denen man angeblich Feen fangen konnte (die aber, wie ich zufälligerweise
wusste, komplett nutzlos waren).
Auf der Straße zog ich meinen Glückskricketball aus der
Tasche, rieb mit dem Daumen über die Naht und warf ihn
ein paarmal in die Luft. »Und jetzt?«, fragte ich. »Sollen wir
ein Eis essen? Ich hab mein Fettlimit heute noch nicht ausgeschöpft.«
»Ich auch nicht. Außerdem hab ich sowieso mit Pap ausgemacht, dass er mich an der Eisdiele abholt.«
»Also los, nach dem Desaster mit dem Top brauch ich ganz
dringend gefrorenes Fruchtgeschmack-Fett.«
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Rochelle
Tage als Fußgängerin: 60
Strafpunkte: 4
Unterhaltungen mit Stef: 5
Geniastische Klamotten: 0
Ich bestellte Schoko und Erdbeere in einer Knuspernuss-
Waffel und Rochelle Zitrone und Limette in einer Vanillewaffel. Unser Abendessen würde dafür etwas fettärmer ausfallen
müssen, aber das kleine Opfer war es uns wert.
Als ich zahlen wollte, legte Rochelle einen Schein auf die
Theke. »Nix da. Ich bin dran. Als kleine Wiedergutmachung
dafür, dass meine Fee dich hängen gelassen hat.«
»Ist nicht so schlimm, Ro. Sie macht sowieso fast nie was
für mich.«
»Stimmt, aber heute war sie ganz besonders dorkig …« »Egal. Ich bin an dorkige Feen gewöhnt.« Ein Biss in die
Eiskugel genügte, um mein Gehirn schockzufrosten. »Ahhh!
Ahhh! Ahhh!« Ich presste eine Hand an die rechte Schläfe
und umklammerte mit der anderen meine Eiswaffel.
»Du bist eben zu gierig.« Rochelle leckte vorsichtig an
ihren Kugeln, um mir zu demonstrieren, wie vernünftige
Menschen Eis aßen. »Nur ganz zart lecken und knabbern,
Charlie, niemals beißen.«
Ich nickte, obwohl es mich immer nervte, wenn Leute mir
Dinge erklärten, die man nicht erklären musste. Aber vielleicht war Rochelles Fee ja im Zweitjob Besserwisser-Fee.
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Die Schockfrostation meines Gehirns begann langsam abzuebben. »Stef findet übrigens, dass …«
»Stef?«
»Der Neue aus der Schule. Stefan, du weißt schon.«
Er war mit seinen Eltern kürzlich in unsere Gegend gezogen.
»Der Berückende?«, fragte Rochelle.
Ich spürte, wie ich rot wurde. Stef war wirklich außerordentlich berückend – hohe Wangenknochen und dazu hinreißende lange schwarze Locken, ganz zu schweigen von seiner
sahneschokoladenfarbenen Haut.
»Hallo? Charlie? Bist du noch da?« Rochelle leckte wieder
anmutig an ihrer Eiskugel.
»Äh … ’tschuldigung. Ja, genau den meinte ich. Da, wo er
herkommt, haben ihn alle immer Stef genannt, hat er mir erzählt.«
»So? Hat er dir das erzählt, ja?« Rochelle kicherte und stieß
mir scherzhaft den Ellenbogen in die Rippen.
»Au!« Ros Rippenstöße taten verdammt weh. Sie waren
nicht scherzhaft, sondern schmerzhaft.
»Weichei.«
»Bin ich nicht.«
»Bist du doch.«
»Gar nicht.«
»Doch. Unendlich mal Millionen mal doch.« Rochelle
stieß mich wieder in die Rippen, diesmal sogar noch fester.
»Ha! Du hast verloren und ich hab gewonnen.«
»Erzähl aber niemandem, dass ich ihn berückend finde.«
»Feenwort«, versprach Rochelle mir feierlich. Sie hielt ihre
Versprechen immer. »Du hast dich also mit ihm unterhalten?« 14
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»Äh … ja.«
Stef wohnte bei mir in der Nähe und wir hatten schon fünf
Mal miteinander geredet. Nicht dass ich Buch darüber führte.
»Er ist ziemlich intelligent … und witzig.«
»Und berückend.«
Ich wurde wieder rot und knabberte schnell an meinem
Eis. »Ja stimmt, aber darum geht es nicht. Er ist irgendwie
nicht so wie die anderen Jungs, verstehst du? Ich weiß nicht,
wie ich es erklären soll.« Ich war schon öfter verliebt gewesen, aber diesmal war
es ganz anders. So radikal anders wie ein echter sonniger
Sommertag im Vergleich zu einem, den man sich an einem
eiskalten Wintertag nur vorstellt. Wenn ich an Stef dachte,
wurde mir heiß, bei allen anderen Jungs war mir höchstens
lauwarm geworden.
»Du magst ihn so richtig gern, was?« Rochelle sah mich
gespannt an.
Ich nickte.
»Und er dich?«
»Ich glaub schon. Jedenfalls lacht er über meine Witze.
Aber er kennt hier noch kaum jemanden. Er ist ja gerade erst
hergezogen.« Ich zuckte mit den Achseln. »Schwer zu sagen,
auf welche Art er mich mag.«
»Na ja, immerhin redet er mit dir. Das ist schon mal besser
als damals bei Sandra und Freedom Hazal.«
Ich nickte. Freedom hatte Sandra überhaupt nicht beachtet.
Sie war todunglücklich gewesen, bis ihr irgendwann klar geworden war, dass Freedom zwar reine Haut, große Augen und
wuschelige Haare hatte … aber sonst eben nichts.
»Oder sie ist schlecht gelaunt«, sagte Rochelle plötzlich.
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»Wer? Sandra?«
»Nein, meine Fee. Ihre Aura ist heute so milchig.« Ich schnalzte mit der Zunge. »Ihre Aura? Was ist das denn
für ein Quall?« »Fiorenze sagt, dass Feen eine Aura um ihre Menschen bilden. Wenn eine Fee schlechte Laune hat, sieht man nur noch
ganz verschwommen, weil die Aura alles vernebelt.« »Du glaubst doch wohl nicht, was diese dorkige Fio
Schnöselname dir erzählt, oder?« »Dass Fio Schnöselname dorkig ist«, sagte Rochelle, »heißt
nicht, dass sie sich nicht mit Feen auskennt. Ihre Eltern sind
immerhin beide Doktor der Feeologie.«
»Ja, aber sie haben an einer Altweltuni studiert und das
zählt nicht! Ich wette, die haben sich ihre Doktortitel gekauft.
Du weißt doch, wie reich die sind.«
»Ihre Mutter unterrichtet jetzt aber an der Universität von
New Avalon. Wenn ihr Titel nicht echt wäre, hätte sie dort
niemals eine Stelle bekommen.«
»Hm.« Das überzeugte mich. Meine Mutter hatte an der
Universität von New Avalon Biologie studiert, und da die
UNA die beste Universität der Stadt war, war sie automatisch
die beste Universität der Welt. »Na gut. Aber angeblich haben
sie ihr Geld bloß geerbt.« »Ja, hab ich auch gehört. Ihre Großmutter soll irgendein
Computerdings erfunden haben.« Rochelle zuckte mit den
Achseln. »Aber dass Fiorenzes Eltern Feexperten sind, hat
nichts mit Geld zu tun. Ihre Mutter forscht über die Feenaura.
Sie hat Spezialspiegel, in denen man die Aura seiner Fee sehen
kann. Das ist so eine durchsichtige schimmernde Wolke, die
den gesamten Körper umgibt. Meine ist lila.«
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»Du warst bei Schnöselname zu Hause? Bei unserer absoluten Erzfeindin?! Du hast mit ihren Eltern geredet?«
Wie konnte sie nur! Wir hatten einen Pakt geschlossen,
dass keine von uns sich jemals mit der umnachteten Jungsmagnetin Fiorenze Burnham-Stone einlassen würde, die noch
widerlicher und angeberischer war als ihr Name.
»Basketball, Charlie«, erinnerte Rochelle mich. »Sie ist nun
mal unsere Kapitänin. Ich war nicht allein da, sondern mit
der ganzen Mannschaft! Ich musste mitkommen. Außerdem
war sie letzte Woche krank, und ich hatte versprochen, ihr
meine Aufschriebe zu bringen.«
»Ach, du und dein dorkiges Basketballteam!« Basketball
war ein ganz schlechtes Stichwort. Ich war zwar genau wie
Rochelle eine astrale Sportlerin – wir gingen nicht umsonst
beide auf die New-Avalon-Sportakademie, die beste Sportschule der Stadt und damit automatisch der ganzen Welt –,
aber ich war nicht sonderlich groß. Na gut, noch nicht mal
annähernd groß, sondern das exakte Gegenteil von groß. Genauer gesagt war ich die Kleinste meines Jahrgangs. Immer
schon gewesen.
Meine Mutter sagte immer, ich sei umweltfreundlich,
weil ich so wenig Platz verbrauche und damit auch weniger
Energie. Aber das war kein Trost, wenn man davon träumte,
ins Basketballteam aufgenommen zu werden und stattdessen nur ausgelacht wurde. »Hey, Kurze!«, hatten sie gerufen.
»Brauchst du vielleicht eine Trittleiter?«
Dabei war ich in der Sport-Mittelschule eine grandiose Verteidigerin gewesen und hatte pro Spiel durchschnittlich sechs
Assists gehabt. Sechs! Und meine zehn Punkte pro Spiel waren auch nicht zu verachten gewesen. Tragischerweise hatte
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ich nichts davon unter Beweis stellen können, als ich an die
New-Avalon-Sportakademie kam und mich für die Aufnahme
ins Basketballteam bewarb. Ich schaffte gerade mal zwei
Assists. Der Ball hatte sich angefühlt, als wäre er mit Vaseline eingeschmiert. Und meine große Stärke – die Freiwürfe?
Fragt lieber nicht. Ich kriegte keinen Einzigen hin.
Die hatten mich noch nicht mal ins D-Team aufnehmen
wollen! Bloß weil ich mal einen Tag nicht in Form gewesen
war.
Solange ich denken konnte, hatte ich immer nur einen
Traum gehabt – ich wollte ins Kricket- und ins Basketballteam. Ich hatte mich seit Jahren auf das Auswahltraining gefreut und wäre niemals auf die Idee gekommen, dass ich in
Basketball nicht spitzenmäßig abschneiden könnte. Im Gegenteil, ich hatte mir sogar schon ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob ich im Abschlussjahr, wenn wir uns für eine
Sportart entscheiden mussten, Kricket oder lieber Basketball
abwählen sollte.
Tja, die Sorge war mir erst mal abgenommen worden. Ich
hatte frühestens Anfang des nächsten Schuljahres eine neue
Chance, mich zu bewerben, und wollte gar nicht darüber
nachdenken, wie viele Monate das noch waren … aber ich
trainierte jede freie Minute. Das nächstes Mal würde ich garantiert keinen schlechten Tag haben.
»Das Basketballteam ist nicht dorkig«, sagte Rochelle beleidigt. »Außerdem kann niemand Fiorenze leiden. Aber sie ist
nun mal unsere Kapitänin. Ich muss irgendwie mit ihr klarkommen!«
Fiorenze Burnham-Stone war bei allen Mädchen an unserer Schule unbeliebt, weil sie eingebildet war und nicht
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mit uns redete, aber hauptsächlich hatte es etwas mit ihrer
Alle-Jungs-liegen-dir-zu-Füßen-Fee zu tun. Obwohl sie weder besonders intelligent noch witzig noch berückend noch
sonst irgendwas Positives war, liefen ihr sämtliche Jungs hinterher.
»Gah!«, machte ich nur.
»Ich war nicht zum Vergnügen da«, verteidigte Rochelle
sich. »Wir haben uns bei ihr getroffen, um die Strategie für
die kommende Saison zu besprechen.«
»Ist das Haus so groß, wie alle sagen?«
»Größer«, sagte Rochelle. »Und überall stehen Bücher
über Feen rum, aber keine mit Glitzercover, sondern so richtig dicke Wälzer mit ernsthaft klingenden Namen. Du interessierst dich doch so für Feen. Du solltest dich mal mit ihren Eltern unterhalten. Fiorenzes Vater hat schon Bücher über Feen
geschrieben. Richtig wissenschaftliche Werke! Die beiden
sind sozusagen die weltgrößten Feexperten.«
»Und du glaubst das mit der Aura?«
»Ich habe sie im Spiegel von ihrer Mutter selbst gesehen.
Und heute Morgen musste ich ganz lange blinzeln, weil sie
so milchig war, dass ich alles verschwommen gesehen hab.«
»Meinst du nicht, dass das daran lag, dass du noch verschlafen warst?«
»Das habe ich früher auch immer gedacht, aber jetzt weiß
ich es besser.«
»Du meinst das ernst, oder?«
Rochelle nickte.
»Glaubst du, dass die Feen unsere Gedanken lesen können?«, fragte ich.
»Nein, sie sind ja keine Hellseherinnen oder so was.«
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»Also haben sie eine Aura, aber Gedanken lesen können
sie nicht?«
»Genau.« Rochelle ignorierte den Spott in meiner Stimme.
»Hm«, machte ich. »Und woher sollen sie dann wissen,
ob wir schlechte Menschen sind?«
»Sag mal, stellst du dich absichtlich so dumm, Charlie?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Sie sehen doch, wie wir uns verhalten. Mehr braucht man
nicht, um zu merken, ob jemand fies ist und keine Fee verdient. Wir können Fiorenzes Gedanken doch auch nicht lesen
und wissen trotzdem, wie sie ist.«
Ich schüttelte mich. »Grauenhafte Vorstellung, auch nur
einen Blick in ihr umnachtetes Gehirn zu werfen.«
»Sag ich doch.« Rochelle schob sich den Rest ihrer Eiswaffel in den Mund.
Ich wusste zwar nicht, was sie mit Sag ich doch genau gemeint hatte, aber jedenfalls bewies die Tatsache, dass wir die
Gedanken von Fio Schnöselname nicht lesen konnten, noch
lange nicht, dass die Feen unsere nicht lesen konnten. »Meine
Mutter glaubt, dass es reiner Zufall ist, was für eine Fee man
bekommt, und dass es nichts mit dem Charakter zu tun hat«,
sagte ich. Dann kam mir ein Gedanke. »Wieso kann man Feen
eigentlich nicht sehen?«
»Weil sie un-sicht-bar sind. Wieso kann man Staubmilben
nicht sehen?«
»Weil sie sehr, sehr klein sind. Außerdem kann man sie
wohl sehen. Durchs Mikroskop.«
»Das gilt nicht.«
»Meinst du, man könnte Feen durch ein Mikroskop
sehen?«
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»Hör endlich auf!«
Eine Autohupe ertönte. Rochelles Vater ließ das Wagenfenster herunter und rief ungeduldig nach ihr, obwohl sie schon
aufgesprungen war. »Sollen wir dich wirklich nicht nach
Hause fahren?«
Ich schüttelte den Kopf. Selbst wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, nur noch zu Fuß zu gehen, hätte ich mich
bestimmt nicht von Rochelles horromatischem Vater fahren
lassen.
»Glaubst du wirklich, dass das die richtige Methode ist,
um deine Fee loszuwerden?«, fragte Rochelle, als ihr Vater ein
zweites Mal auf die Hupe drückte.
»Ich hoffe es jedenfalls.«
»Na gut, dann bis morgen in der Schule!«
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Meine Parkplatz-Fee
Tage als Fußgängerin: 60
Strafpunkte: 4
Unterhaltungen mit Stef: 5
Geniastische Klamotten: 0
Ich war vierzehn. Ich hatte keinen Führerschein, ich hasste
Autos. Und ich hatte eine Parkplatz-Fee.
Rochelle hatte eine Shopping-Fee und war immer geniastisch angezogen. Ich hatte eine Parkplatz-Fee und müffelte
immer leicht nach Benzin. Wo blieb da die Gerechtigkeit? Ich
interessierte mich auch für Klamotten und ging gern shoppen. Gut, ich hatte eine nette Familie (mal abgesehen von
meiner Schwester, der zukünftigen Starfotografin Nettles –
aber sogar die war zeitweise erträglich), wohingegen Rochelles Familie horromatisch war. Dafür hatte sie natürlich
irgendeine Form von Entschädigung vom Schicksal verdient.
Aber wieso hatte ich nicht eine Immer-geniastische-HaareFee? Oder – auch nicht schlecht – eine Immer-genügendKleingeld-Fee? Ich kannte viele Leute, die so eine hatten.
Rochelles Vater zum Beispiel, Sandras Cousin und die Schwester der besten Freundin meiner Mutter. Mit einer Immer-genügend-Kleingeld-Fee wäre ich vollstens zufrieden gewesen.
Manchmal war es anstrengend, mit Rochelle befreundet zu
sein. Sie sah in ihren perfekten Klamotten immer geniastisch
aus. Und es war nicht immer spaßig, die ganze Zeit mit ihr
shoppen zu gehen. Da half es dann auch nichts, wenn ihre
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Fee ausnahmsweise mal was für mich tat. Teilweise sehnte
ich mich richtig nach Regen, obwohl wir dann in der Halle
Tennis spielen mussten. An Regentagen arbeitete ihre Fee
nämlich nicht.
Meine Fee hatte nichts gegen Regen. Sie machte aber auch
nichts Nützliches, außer dafür zu sorgen, dass der Fahrer jedes Fahrzeugs, in dem ich saß, immer den idealen Parkplatz
fand. Deswegen ging ich auch lieber zu Fuß nach Hause, statt
mich von Rochelles Vater fahren zu lassen. Ich wollte meine
Fee nämlich loswerden und wusste auch schon wie: Ich
würde sie aushungern.
Ich gab ihr einfach keine Gelegenheit mehr, ihre Arbeit zu
erledigen. Eines Tages hatte sie dann hoffentlich genug und
würde sich einen anderen Arbeitsplatz suchen. Den Trick
hatte ich mir von Unserer Zora-Anne abgeschaut. Die hatte
in einem Interview mal gesagt, das sei die beste Methode,
um unerwünschte Feen loszuwerden. Sie war auf diese Weise
an ihre Charisma-Fee gekommen, obwohl sie ursprünglich
mal mit einer Navigator-Fee geboren worden war. Um die
loszuwerden, war Unsere Zora-Anne fünf Jahre lang an ein
und demselben Ort geblieben und nirgendwo hingegangen,
damit sie sich auf gar keinen Fall verlaufen konnte und die
Dienste ihrer Fee nie in Anspruch nehmen musste. Und dann
war sie eines Morgens mit einer brandneuen Fee aufgewacht
und ruckzuck berühmt geworden.
Genau darauf hoffte ich auch.
Deswegen ging ich nur noch zu Fuß. Ich hätte natürlich
auch den Bus, die Fähre oder die Lichtbahn nehmen können,
weil die ja nirgends parken mussten, aber ich stellte mir vor,
dass das ständige Zu-Fuß-gehen für eine Parkplatz-Fee noch
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UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE
Justine Larbalestier
Feentausch - Hilfe, wie werde ich sie los?
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 12,5 x 18,3 cm
ISBN: 978-3-570-30766-3
cbt
Erscheinungstermin: November 2011
Nichts als Ärger mit den Wunsch-Feen
Charlotte Steele Seto ist gesegnet mit einer Parkplatz-Fee – ausgerechnet, denn Charly ist
erst 14, kann gar nicht selbst fahren und überhaupt hasst sie Autos abgrundtief. Während
ihre Freundinnen die fabelhaften Vorzüge der Shopping-Fee, Die-Frisur-Sitzt-Immer-Fee
und Alle-Jungs-Stehen-Auf-Mich-Fee genießen, wird Charly bei jeder noch so willkommenen
Gelegenheit von ihrer Familie und Bekannten dafür »eingesetzt«, überall und immer den
richtigen Parkplatz zu finden ... unsäglich! Wie aber stellt frau es an, die eigene Fee, die einen
seit dem Tag der Geburt begleitet, einzutauschen?
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Seele and Geist
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