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1. Einleitung In der DDR war – wie in der BRD - Dagmar Gelbke

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Klopapier und Sozialismus
1.
HA G5/SS 2012
Dagmar Gelbke, Matrikel 7738188
Einleitung
In der DDR war – wie in der BRD - die gesellschaftspolitische Entwicklung der
1960er
Jahre in enger Wechselwirkung mit kulturpolitischen Entscheidungen
dekadenübergreifend geprägt, u. a. durch den ‚Bitterfelder Weg’ (1959), den Mauerbau
(1961), das 11. Plenum des ZK der SED (1965), die Leipziger Beat-Demo (1965) oder
den Einmarsch der Warschauer Pakt-Armeen in die CSSR (1968) bis hin zur Ablösung
Walter Ulbrichts durch Erich Honecker im Jahre 1971.
In dieser erfahrungsgeschichtlichen Hausarbeit wird angestrebt, die Motivation
eines Zeitzeugen, in dieser Ära Kabarett als eine Form von Gesellschaftskritik zu
betreiben, der Umsetzung dieses Anspruchs unter parteipolitischer Kontrolle der SED
gegenüber zu stellen. Aufgrund der vorgegebenen Seitenzahl kann hier nur ein knapper
Überblick über die Kabarettstrukturen in der DDR zum damaligen Zeitpunkt gegeben
werden. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht kabarettistische Routinearbeit, das so
genannte
‚Typische` dieser Szene, nicht „ausschließlich Höhepunkte in der innen- und
kulturpolitischen Satire“
1
wie beispielsweise in Sylvia Klötzers Arbeit „Satire und
Macht“.
Auskunft über seine Arbeit als Kabarettist gibt Lutz Stückrath, der vom
Amateurkabarett kommend, im Kabarett „Kneifzange“, die „die helfende, positive Satire
über die Volksarmee zur ureigenen Mission erwählte“ 2, „zu einem skurrilen Komiker
ganz eigener Note heranwuchs“3. Beim Sichten des Kabaretttext-Bestands der „Distel“
musste wegen Verzettelungsgefahr entschieden werden, auf ausführlichere und den
diskutierten Zeitraum insgesamt erfassende Textbeispiele zu verzichten. Sie liegen aber
für weitere Forschung hier vor.
2. DDR- Kabarett – wie alles anfing
Auf deutschem Boden konnten sich sofort nach Ende des Zweiten Weltkriegs
Kabaretts und Cabarets nebeneinander etablieren: Es gab die Amüsiertempel mit dem
klassischen Conférencier, der leicht bekleidete, singende und tanzende Damen wie auch
Artisten und Komiker ankündigte. Und es gab die literarischen, antifaschistischaufklärerischen Kabaretts, die sich aus historischer Tradition heraus manchmal auch
„Cabaret“ nannten.
1
Vergl. Klötzer, Sylvia „Satire und Macht“, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2006, S. 16 ff.
Pill, Jochen in „artistik“ fachblatt für varieté – zirkus – kabarett, 9/1965, Hg: Henschelverlag Kunst und
Gesellschaft Berlin, S.22
3
ebenda
2
1
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Dagmar Gelbke, Matrikel 7738188
Deren Autoren – „Kabarettisten, die den zweiten Weltkrieg lebend überstanden
hatten, (…) - veranstalteten“ zunächst einmal „ bescheidene „Bunte Abende“. Aber
schon „am 15.8.1945 gründeten Rudolf Schündler, (…) und Otto Osthoff in den
Münchener Kammerspielen „Die Schaubude“, das erste deutsche Nachkriegskabarett
(…). Ein Vierteljahr nach der „Schaubude“ (am 17.11.1945) hob sich der Vorhang für
das erste deutsche Nachkriegskabarett auf dem Boden der späteren DDR,, (…) der
Leipziger „Rampe“. 4
„Mit der Gründung zweier deutscher Staaten…entstand 1949 eine politisch völlig
neue Situation…“ 5, die natürlich auch kulturpolitische Folgen für das politische
Kabarett, über das hier zu sprechen ist, mit sich brachte. In der Bundesrepublik
entfalteten sich die beiden Kleinkunstformen Cabaret und Kabarett frei nebeneinander,
wobei die Amüsier- und Animiercabarets immer mehr an öffentlichem Raum und
Medienpräsenz gewannen. Die politischen Kabaretts zogen sich auf den Nischenstatus
für das neu aufstrebende Bildungsbürgertum zurück, bis es im Rahmen der 68er
Kulturrevolution eine agit-propagandistische Hoch-Zeit durch Floh de Cologne oder
Wolfgang Neuss erlebte. „Since the 1970s, however, live cabaret as a form of artistic
expression has been in constant decline.(…) Entertainment has largely desplaced the
once crucial political message.“6
In der DDR sollte es unter Führung der machthabenden SED in allen Künsten um
sozialistische Moral gehen, die sich „auf die historische Mission der Arbeiterklasse
begründet, die alle Verhältnisse beseitigt, in denen der Mensch ein erniedrigtes,
geknechtetes, (…) Wesen ist.“7 „Im demokratischen Teil Deutschlands war es (…)
staatsrechtlich verboten, die als Unterhaltung getarnten Machwerke mit faschistischen,
militaristischen, pornographischen oder anderen antihumanen Inhalten offen zu
verbreiten.“ 8 So wurde betont, dass sich mit „Bodenreform, Enteignung der Nazi- und
Kriegsverbrecher, (…) Beseitigung des Bildungsprivilegs und sozialistische(r)
Kulturrevolution
die wichtigsten historischen Prozesse“ vollzogen, in deren
„Gesamtprozeß (…)
auch die Satire eine neue Funktion“ erhielt, „die sich
grundsätzlich von der der Satire in der bürgerlichen Gesellschaft unterscheidet“.9
4
Deißner-Jenssen, Frauke (Hrsg) „Die Zehnte Muse“, Kabarettisten erzählen, Henschelverlag, Kunst
und Gesellschaft, Berlin, 1982, S.545
5
ebenda, S. 551
6
Blühdorn, Annette „Pop and Poetry – Pleasure and Protest; Udo Lindenberg, Konstantin Wecker and
the Tradition of German Cabaret“, Peter Lang AG, European Academic Publishers, Bern 2003, S. 95
7
Meyers Kleines Lexikon, Zweiter Band,, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, Nachdruck der 10.
Aufl., 1968, S.735
8
Slomma, Horst „Sinn und Kunst der Unterhaltung“, Henschelverlag Berlin 1971, S. 214
9
Otto, Rainer; Rösler, Walter „Kabarettgeschichte“, Abriß des deutschsprachigen Kabaretts,
Henschelverlag Berlin, 1977, S. 212
2
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2.1. Die Säulen des DDR-Kabaretts
2.1.1 Satire
„Kabarett ist szenische Darstellung von Satire. Satire ist die artistische
Ausformung von Kritik.“10 Dieses Zitat eines österreichischen Star-Kabarettisten
scheint den theoretischen Ansatz des Kabarettschaffens in der DDR zu treffen, denn das
bezog sich bis zum Mauerfall im Jahre 1989 auf die satirischen Wurzeln seines Metiers
in Abgrenzung zur Varietétradition der „Cabarets“.
Satire diente schon in der römischen Antike zur Verbreitung von Spottversen, die
Tugendlosigkeit und gesellschaftliche Missstände anprangerten, und schon Juvenal
meinte hoch aktuell, dass es schwer sei, keine Satire zu schreiben. Durch die
wirkungsästhetische Auseinandersetzung mit der Satire in Aufklärung, Sturm und
Drang, Weimarer Klassik und mit der Ironie in der Romantik, die sich u. a. auch über
die
Funktion
des
Lachens
als
heilsamem
und
belehrendem
Korrektiv
im
Erkenntnisprozess zu verständigen suchte - Gottsched, Lessing, Schiller, (…) seien hier
stellvertretend
erwähnt
–
wurde
ihre
Sonderstellung
als
„zehnte
Muse“11
herausgefiltert.’12
Neben der Entwicklung der ´sozialistischen Unterhaltungskunst’ auf Basis der
Varieté-Tradition wurde in der DDR hochwissenschaftlich an einer sozialistischen
Satiretheorie gearbeitet, denn „Anfangs gab es Schwierigkeiten mit der Satire, (…), weil
sich der Satiriker in grundsätzlicher Übereinstimmung mit den Zielen der Gesellschaft
und des Staates befindet (…) Hinzu kam die Forderung nach „positiver“ Satire, wobei
(…) völlig außer acht gelassen wurde, daß Satire stets aus der Verneinung des
Bestehenden erwächst.“
13
„Nicht einfach lachen an sich, nein, die Partei wünschte,
dass ‚positiv` gelacht wird. Nicht spontan lachen, weil (…) die Kabarettisten das
formulierten, was der Zuschauer dachte, aber so schön nicht ausdrücken konnte – (…)
‚vorwärtsorientiert’ gilt es zu lachen, sonst gibt es nichst zu lachen.“14
Diese positive Satire stellte die Gegenkonzeption zu einer angeblich existierenden
und als „revisionistisch ästhetische Grundkonzeption“ bezeichneten Plattform dar, „von
der aus bereits in den Jahren 1955-1956 der Versuch unternommen wurde, den
positiven
Helden
und
damit
den
Hauptanknüpfungspunkt
für
das
(…)
10
Schneyder, Werner (1978) in Budzinski/Hippen, Metzler Kabarett Lexikon, 1996, S.1
Mit diesem Beinamen wurde schon im Altertum die Dichterin Sappho geehrt. – Und so würdigt der Schriftsteller
Maximilian Bern 1902 das Kabarett in ‚Die zehnte Muse. Dichtungen fürs Brettl und vom Brettl, aus vergangenen
Jahrhunderten und aus unseren Tagen gesammelt`, aus: Geflügelte Wörter, Zitate, Sentenzen und Begriffe in ihrem
geschichtlichen Zusammenhang, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1988, § 38
11
12
zit. aus Hausarbeit L2 – WS 2010/11 d.A.
Deißner-Jenssen, Frauke (Hrsg.) „Die Zehnte Muse“, Kabarettisten erzählen, Henschelverlag Kunst
und Gesellschaft, Berlin 1982, S.551 ff
14
Klammer, Jürgen „Woll’n wir doch mal ehrlich sein – Die Kabarett-Biografie von Edgar Külow“,
SELBST-IRONIE-VERLAG 2005, S. 67,
13
3
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vorwärtsorientierte Lachen aus der Satire zu verbannen und sie in eine Kontrastellung
zur sozialistischen Ordnung zu bringen.“15 Mit dieser Plattform war der Kreis um Erich
Loest gemeint, der auch für das Leipziger Kabarett „Pfeffermühle“ geschrieben hatte
und 1957 auf Betreiben der SED-Bezirksleitung Leipzig zu 7 ½ Jahren Zuchthaus
verurteilt worden war.16
Die Installation der positiven Satire, die als Aussageform mit der Bühnenform
Kabarett identisch sein sollte17, sozusagen als die zwei Seiten einer Medaille,
bestimmte anfangs mehr, später weniger, aber grundsätzlich die Kabarettszene der DDR.
Das führte zu absurden Diskussionen wie „Lacht euer Publikum richtig?“.18 Marx,
Hegel, Schiller, Jean Paul, Lenin – wer von den Klassikern in seinen Schriften auch nur
andeutungsweise über Humor und Satire nachgedacht hatte, wurde bemüht.19 Aber „Im
wesentlichen waren es Georgina Baum und Werner Neubert, die (…) den neuen
Charakter der sozialistischen Satire zu definieren (…) versuchten, wobei sie sich auf die
bereits vorhandenen Ansätze Georg Lukács` und Jurij Borevs stützten. Die Arbeiten (…)
blieben (…) bis 1989 Leit- und Bezugspunkt (…) der ostdeutschen Definition von Satire
und Kabarett (…).“20
2.1.2
Agitprop
Ausgehend von seinen Erfahrungen mit dem politischen Theater Erwin
Piscators21 war es in den frühen 50er Jahren dann auch kein geringerer als Bertolt
Brecht, der „(…) auf die ideologische Bedeutung der kleinen künstlerischen Form des
politischen Kabaretts (…)“ hinwies22, und „es gibt in den Tagebüchern aus dem
amerikanischen Exil Feststellungen zu den Hauptunterscheidungen zwischen Realismus
und Naturalismus; und die Merkmale, die Brecht für Realismus genannt hat, stimmen
alle auch für unsere Kabarett-Arbeit. Das betrifft vor allem das analytisch-dialektische
Denken
als
eine
grundsätzliche
kabarettistischer Theaterarbeit.“
23
Voraussetzung
sowohl
epischer
als
auch
Der Bezug auf das von Brecht entwickelte Epische
Theater, das mit dem Element der Verfremdung arbeitet, der Satire und Agitprop
innewohnen, wurde in zahllosen Werkstatt-Tagen des Amateurkabaretts benutzt, um die
15
zit. nach ebenda, S. 66, aus. Information Hans Lauters, SED-Bezirksleitung Leipzig, an Genossen
Professor Alfred Kurella, Zentralkomitee der SED, Berlin, vom 23.10.1961, Privat-Archiv Edgar Külow
16
vgl. Klötzer, Sylvia „Satire und Macht“,, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2006, S. 156 ff.
17
vgl. Jacobs, Dietmar „Untersuchungen zum DDR-Berufskabarett der Ära Honecker“, Peter Lang
GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 1996, S.15 ff.
18
„artistik“, internationales fachblatt für varieté – zirkus – kabarett“ heft 8. August 1962, S.1
19
vgl. Jacobs, Dietmar „Untersuchungen zum DDR-Berufskabarett der Ära Honecker“, Peter Lang
GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 1996, S. 17-34
20
ebenda S. 17
21
vgl. Budzinski, Klaus „Pfeffer ins Getriebe“, Universitas Verlag München, 1982, S. 128 ff „Das
Agitations-Kabarett“
22
Ebenda, S. 379 ff.
23
Oechelhaeuser, Gisela in „Kabarett heute“, Hg.Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1986, S. 217
4
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ideologische Ausrichtung des Kabaretts zu begründen. und eine Verbindung zwischen
Satire und Agitprop im Sinne der SED-Agitation anzumahnen: „Agitprop ist –
entsprechend den Erfahrungen aus der Kampfzeit gegen den Faschismus – keine
besondere künstlerische Form, sondern eine politische Haltung. Auch die früheren
Agitprop-Truppen verwendeten weitgehend kabarettistische Mittel. Es gibt also keinen
Grund, von zwei Genres zu sprechen. Wenn ein Kabarett im Interesse der Arbeiterklasse
seinem Publikum hilft, die Wirklichkeit zu verstehen und bestimmte Zusammenhänge zu
erkennen, dann arbeitet es agitatorisch und propagandistisch für die Politik unserer
Regierung.“24
2.3.
Amateurkabarett
„Einen erheblichen Einfluß auf die Bildung von Kabarettgruppen übte die
Gründung des Zentralhauses für Laienkunst 1952 aus (…). Ein Jahr später konnte die
erste Konferenz der Laienkabaretts stattfinden.“
25
So entstand eine schier
unüberschaubare Bewegung des „volkskünstlerischen Kabarettschaffen(s) in der DDR“im Untersuchungszeitraum waren es mehr als 1000 Amateurensembles.26
Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine ernsthafte Diskussion über den Vergleich
von kabarettistischer Laien- und Berufskunst, bei der den Profis vorgeworfen wurde,
dass sie
keine Kabarettisten seien, sondern Schauspieler, „´passive´ Spieler eines
angekauften Textes“27, denn „ein Kabarettist ist eigentlich einer, der sein eigener Autor
ist.“ 28
Die Leistungen der Amateure betreffend, erinnert sich der Zeitzeuge Lutz
Stückrath.:
Den Unterschied zu Berufsleuten, die an der „Distel“ spielten, die also
meisterhafte Schauspieler waren, oder zu Schauspielern bei den “Stachelschweinen“(…), der fiel da gar nicht auf. Im Gegenteil, die jungen Leute, die
sich meist mit der politischen Gegenwart auseinander zu setzen hatten, machten
das mit sehr viel Elan, und das merkte man, und das spürte man. Da war keine
Routine dabei, sondern das war echte Überzeugung. Z125-13029
24
artistik, fachblatt für varieté – zirkus – kabarettartistik, Heft 8, 1962, S.2; Hg: Henschelverlag Kunst
und Gesellschaft, Berlin Heft 8, 1962, S.2 25
Hösch, Rudolf, Kabarett von gestern und heute nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken, Texten und
Erinnerungen, Band II: 1933-1970, S. 379, Henschelverlag Berlin 1972
26
Informationen des Ministerums für Kultur, Sektor Veranstaltungswesen, Beilage zur Fachzeitschrift
„artistik“, 1964, S. 11
27
artistik, Heft 2, 1966 S.21
28
Jacobs, Dietmar, S. 102, dort zit. nach: Otto, Rainer et al.: Standpunkte, Probleme und Tendenzen. In :
Horst Gebhardt (Hg.): Kabarett heute, S. 33
29
Zitate aus dem Interview-Transkript ab hier fett gedruckt, ohne Zitatzeichen, mit Zeilenangabe
5
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Bis zum Ende der DDR war Amateur-Kabarett (für die Darsteller übrigens eine
geringfügige, aber hilfreiche Nebeneinnahme30) durch die Anbindung an die kulturellen
Aktivitäten der Arbeitsstätten und Großbetriebe ein allgegenwärtiger, etablierter
Bestandteil der Kulturlandschaft, getreu dem angestrebten Ideal des Luxemburg-Zitats:
„Ein wichtiges Symptom des geistigen Lebens der Kulturvölker ist die Stellung, die der
Satire in ihrer Literatur zukommt.“31
3.
Der Zeitzeuge Lutz Stückrath (nachfolgend S. genannt)
In „Die Zehnte Muse“ wird der Kabaretthistoriker Klaus Budzinski zitiert, der im
Kabarettisten „ein Kind von Kunst und Intellekt, (…) ein aus Komödiant und
Sittenrichter zusammengesetztes Zwitterwesen…“32 sieht. Außerdem mache er, so die
Herausgeberin, „auch in seinen autobiografischen Aufzeichnungen – neben der
Rückschau auf seine eigene Laufbahn … - die Beziehungen zwischen Kunst und
Gesellschaft sichtbar und gibt ein genaues Bild vom Metier und der Zeit.“33 Als
typischer Vertreter dieser Zunft soll hier der Zeitzeuge S präsentiert werden. Er wurde
1938 in Berlin geboren und begann seine kabarettistische Laufbahn Mitte der 50er Jahre
in Ost-Berlin. In den 70er Jahren erlangte er große Medienpopularität als einer der „3
Dialektiker“ in der DFF-Show „Ein Kessel Buntes“ und in einer Reihe von DEFASatirefilmen. Im mit ihm geführten offenen Interview bemühte er sich stets, das Warum
der Ereignisse aus seiner Sicht zu rechtfertigen, wobei das Was und Wie relativ
verschwommen erinnert wurde. 2005 erschienen seine Lebenserinnerungen „Gute Seiten
– schlechte Seiten“, die deshalb hier ergänzend zitiert werden.
3.1.
Sozialisation und Motivation
Seine Motivation, sich dem Kabarett zu widmen, beschreibt S. im Interview wie
folgt:
Also, wenn man mit der Motivation anfangen will, da müsste man sagen, dass
ich 1960 ein 20jähriger junger Mann war. Meine Motivation beginnt wahrscheinlich
ein bisschen eher. Zu einer Zeit, wo es die DDR noch nicht gab, wo es noch
Bombennächte gab in Deutschland. Wo die politische Situation eine Diktatur war –
eine faschistische (…).Z4-9
30
sog. Förderbeiträge, gestaffelt von 5, 10, 15, 20 und 25 DDR-Mark entsprechend Qualifikationsnachweis, die nicht selten unterlaufen und frei verhandelt wurden – vgl. artistik, 12/1964, S. 2
31
Zitatenlexikon , VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1985, S. 912 zit. nach Luxemburg, Rosa. Die Seele der
russischen Natur Schriften über Kunst und Literatur, Dresden 1972
32
Deißner-Jenssen, Frauke (Hg.): „Die zehnte Muse – Kabarettisten erzählen“, Henschelverlag Kunst
und Gesellschaft Berlin 1982, S. 9, zit. nach: Budzinski, Klaus: „Die Muse mit der scharfen Zunge“,
Vom Cabaret zum Kabarett, München 1961
33
ebenda
6
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Das ging in der damaligen Zeit offensichtlich nicht anders, dass man gegen das
bestehende Regime Stellung beziehen musste. Und so haben das auch meine Eltern an
ihrer jeweiligen Stelle getan. Das scheint mir – ist die Motivation [für meinen]
Widerstand und zum Widerspruch in politischen Situationen.Z11-14
Dazu muss gesagt werden, dass S. 1945 sieben Jahre alt war und sein Vater nicht
aus dem Krieg zurückgekehrt ist, so dass vor allem seine Mutter den Widerspruchsgeist
vorlebte. Sie stand Weihnachten 1944 wegen ‚staatsfeindlicher Einstellung’ vor Gericht,
weil sie sich geweigert hatte, im Bäckerladen „Heil Hitler“ zu rufen (S. 13/14) 34.
Das scheine ich beibehalten zu haben. Das zieht sich auch so ein bisschen
durch meine Schulzeit, die damals noch nicht in der DDR war, sondern in der
sowjetischen Besatzungszone, und das zieht sich dann auch weiter nach 1948, also
nach Gründung der DDR, durch mein Leben. Vielleicht ist es das. Ich bin mir da
nicht ganz sicher, aber ich denke mal, das könnten die Ursachen (…) für meine
Motivation [zum]Widerspruch sein. Vielleicht nicht immer und nicht nur in der
politischen Situation, sondern auch im täglichen Leben. (lacht) Z14-20
S. war als Heranwachsender zunächst einmal vom Kino begeistert, dort wurde er
über die frühen Satirefilme der DEFA („Stacheltiere“) erstmals mit kabarettistischer
Denkweise konfrontiert und begann, sich für die Situation des Kabaretts in Berlin zu
interessieren:
Ich denke mal, das Kabarettleben in der DDR begann so in den (…) 50er Jahre.
Im Westteil der Stadt waren schon die „Stachelschweine“, (…) das „Reichskabarett“,
ich glaube sogar die „Wühlmäuse“, (…). Natürlich konnte der Ostteil nicht
nachstehen, denn nach [den] Ereignissen von 1953, nach den politischen und
wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, die (…) zum 17. Juni 53 führten, (…) musste
die politische Führung die Zügel etwas lockerer lassen und da kam also
möglicherweise auch die Satire…Z55-64
Historisch korrekt ist, dass am 2. Oktober 1953, relativ zeitnah zu den JuniUnruhen, das erste Berufskabarett der DDR, die „Distel“ in Berlin, gegründet wurde.
3.2.
Erste Kabarettpraxis und Berufswunsch
S. begann 1954, mit 16 Jahren, die Schlosserlehre. Er bestätigt das oben
beschriebene aktive Amateurkabarettschaffen jener Zeit. „Es gab in meinem
Lehrbetrieb, dem Berliner Glühlampenwerk, ein Volkskunstkabinett (…) und es gab
auch ein Betriebskabarett mit dem sinnvollen Namen „Das Blitzlicht“. Hier machte ich
die erste richtige Bekanntschaft mit einer Bühne und mit Zuschauern in einem Saal (…)
In unserem Kabarettprogramm wurde öffentlich Kritik an menschlichen, betrieblichen
und politischen Problemen ausgesprochen…“ (S.69)
34
vgl. Stückrath, Lutz, „Gute Seiten – schlechte Seiten“, Verlag Neues Berlin, 2005/2006, ab hier
beziehen sich alle in Klammer gesetzten Seitenangaben im Text auf diese Quelle
7
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Im Interview erinnert sich S. konkret:
Zum Beispiel, dass es im Berliner Glühlampenwerk einen Frauenruheraum zu
geben habe. Und (…) der wurde dann nach unserer Kritik auch eingeführt. Das war
ein Erfolg, denke ich. Und mit diesem Erfolg geht man dann hausieren und versucht
sich an andere kritische Probleme heran zu kabarettisieren.Z24-28
„Kabarett war für mich ein ideales Betätigungsfeld. Etwas bewegen zu können;
nicht mehr tatenlos daneben zu stehen. Jetzt begann das Leben!“ (S.69)
Diese 50er Jahre waren geprägt durch die Ulbricht-Ära, die eine Form der
Arbeiter- und Bauerndiktatur war. Es ging darum, einen neuen Staat aufzubauen, ihn
gegenüber anderen Ländern zu Wohlstand zu führen(…), und das war (…)bei einer
offenen Grenze damals eigentlich nicht möglich. Der Mensch ist so, wie er ist, er
strebt nach Wohlstand, Gesundheit, nach Profit, es soll ihm besser gehen, als dem
Nachbarn, unter möglichst geringem Aufwand, wenn`s geht. Und bei einer offenen
Grenze, wie wir sie damals hatten, war das, denke ich, [für den Westen]35 relativ
einfach, mit Hilfe der Massenmedien, des Fernsehens, des Rundfunks, Einfluss zu
nehmen (…) und die Qualen, die es damals in der DDR gab (…) – die politischen, die
wirtschaftlich und die kulturellen – konnte man sehr schnell durch einen Weggang
beenden. Nun könnte man sagen: Die Faulen blieben hier [im Osten] und quälten
sich durchs Leben, die intelligenten, jungen Leuten gingen in die Bundesrepublik
oder in den Westteil der Stadt Berlin. (lacht) Z28-42
Diese Koketterie, sich unausgesprochen den „Faulen“ zuzuordnen, ist satirisch
gemeint, denn eigentlich bedeutete das Dableiben, mehr an Anstrengungen auf sich zu
nehmen. In seinem Buch reflektiert S. die damalige gesellschaftliche Situation ebenfalls
und rechtfertigt seine Motivation, unter diesen Umständen in der DDR Kabarett zu
machen: „Es wurde zu diesem Zeitpunkt allmählich einsam in unserem Kiez. Immer
mehr meiner ehemaligen Klassenkameraden, Freunde und Kumpels zogen mit ihren
Eltern in den Westteil der Stadt (…) Ich hingegen hatte eher Bodenhaftung. Vielleicht
wegen Mutter und Großvater, vielleicht wegen Wald- und Wassernähe (…) oder des
Kabaretts. Und ich empfand, dass man als junger Mensch das Recht und die Pflicht hat,
bestimmte Teile der Realität in Frage zu stellen – und das tat ich. Hier, auf meine
Weise.“ (S. 69/70)
Bei offener Grenze lebten auch die Leute im Westteil der Stadt ganz gut,
denn sie kamen in den Osten, kauften ein, ließen sich die Haare machen,
nahmen Dienstleistungen in Anspruch, die auf der anderen Seite teuer
waren(…) also, alles, was so an politischer und wirtschaftlicher Brisanz Ende
der 50er Jahre war, haben wir versucht, [im Kabarett] (…) ein bisschen zu
charakterisieren.Z42-47
Nach Abschluss der Lehre arbeitete S. als Schlossergeselle für rund 350 Mark der DDR
weiter im Berliner Glühlampenwerk, „Das war viel Geld. Meine Mutter bekam Kostgeld (…).
In der Freizeit spielte ich nun wieder beim „Blitzlicht“. Außerdem leistete ich mir jetzt auch
gelegentliche Besuche in den Berliner Kabaretts. „O Du geliebtes Trauerspiel“ hieß mein
35
[ ] bedeutet, dass die Autorin auf Nachfrage beim Interviewpartner ergänzt
8
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erstes Programm, das ich in der „Distel“ sah und nie vergessen werde (…) So wie Werner
Lierck oder Gerd E. Schäfer spielten, so wollte ich einmal werden. Sie waren meine Idole, und
ich hatte mir fest vorgenommen, ein guter Kabarettist zu werden. (…)(S. 72) Bei den
„Stachelschweinen“, die im Westteil der Stadt spielten, sah ich als erstes Programm „Die
Wucht am Rhein“; (…) und die „Insulaner“, dieses Rundfunkkabarett vom „RIAS Berlin“,
waren eine meiner liebsten Sendungen.“ (S. 73)
Für S. waren di Kabarettisten ein Vorbild, weil:
(…) sie etwas kritisierten. Und (…) das auf eine Art und Weise taten, die mir sehr
entgegen kam. Nämlich, dass die Leute, die rings um mich im Zuschauerraum saßen,
darüber lachten! Ich wusste manchmal gar nicht, warum sie lachten, und das hatte aber
auch seinen Reiz, weil ich mich hinterher schlau gemacht habe, worüber haben die denn
eigentlich gelacht.Z100-104
S. hat im Kabarett somit eine Art von Wissensvermittlung erfahren, ein Punkt der in der
aktuellen Kabarettforschung sehr kontrovers diskutiert wird, hier aber nicht weiter thematisiert
werden soll. Übrigens wurde S. nach 1989 für kurze Zeit Mitglied der „Stachelschweine“ unter
Wolfgang Gruner. In der Zeit vor dem Mauerbau ist er den Schritt, sich dort zu bewerben, nicht
gegangen, was wohl auch seinen Standpunkt zur DDR mit all ihren Fehlern unterstreicht. Er hat
nie daran gedacht, wegzugehen:
Mein Ziel war, an die Distel zu kommen. [Diesen Wunsch] hatte ich schon als Schüler
entwickelt, und das wollte ich gerne. Und das ist mir dann letzten Endes auch gelungen,
wenn auch viele, viele Jahre später (…).Z560-562
2.3.
Kunst und Waffe - Der Weg zum Berufskabarettisten
Als im Berliner Glühlampenwerk (BGW) das Kabarett „Die Kneifzange“ gastiert,
bewirbt sich S. dort. Ursprünglich war dieses Kabarett den Grenztruppen der DDR und dem
dazugehörigen Hans-Beimler-Ensemble zugeordnet und kam erst nach dem Mauerbau zum
Erich-Weinert-Ensemble der NVA.
„Die „Kneifzange“ ist das Parade-Brettl der ´Nationalen Volksarmee`.
Demgemäß treten ihre Mitglieder in Uniform auf. Ihr Erziehungsauftrag besteht in der
´kritisch-konkreten
Hilfe
verantwortungsbewusst
bei
der
handelnder
Erziehung
36
Soldaten’ ,
verantwortungsbewusster
darüber
hinaus
´Auseinandersetzung mit Ideologie und Politik des Imperialismus’
37
in
und
der
- westlicher
Prägung natürlich.“ Ob sie (…) zum Beispiel 1968 – der „brüderlichen Hilfe“ der
36
Budzinski, Klaus „Pfeffer ins Getriebe“, Universitas Verlag, München, 1982 S.280, zit. nach Otto,
Rainer/Rösler, Walter: “Kabarettgeschichte – Abriß des deutschsprachigen Kabaretts“ Henschelverlag
Berlin 1977
37
ebenda
9
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Paktstaaten für die CSSR lachideologisch Hilfestellung geleistet hat, ist aus östlichen
Quellen nicht zu erfahren gewesen.“ 38
S. beschreibt seinen Zwiespalt so: „Einerseits wollte ich unbedingt auf die Bühne,
andererseits war mir alles Militärische äußerst unangenehm. (…) Ich dachte an meine
Mutter, an meinen Großvater, an zu Hause. Meine Arbeitskollegen fielen mir ein, meine
Kindheit, mein Vater, der Krieg... (…) Es ratterte in meinem Kopf. Was sollte ich tun?“
(S.81) Die Bühne siegt, getreu dem Spruch: „Kunst als Waffe“ unterschreibt S. 1957
eine zweijährige „Freiwillige Dienstverpflichtung der Deutschen Grenzpolizei“ (S. 81)
und war bis 1965/66 im Ensemble der Kneifzange engagiert, wo er auch die Möglichkeit
erhielt, 1965 den Berufsabschluss als Schauspieler an der Berliner Schauspielschule
„Ernst Busch“ abzulegen. Danach erhielt er interessante Angebote an klassische Theater,
entschied sich aber für das Kabarett, als der damalige Intendant Dr. Gerhard Honigmann
ihn an die „Distel“ engagierte, nachdem er S. bei einem Gastspiel der „Kneifzange“ dort
gesehen hatte.
4.
Kabarett nach dem Mauerbau
Während seiner Zeit bei der „Kneifzange“
trat S. 1958 der SED bei, deren
Mitglied er bis 1977 (sic!) war, und es kam der 13. August 1961: der Mauerbau. In der
DDR-Fachzeitschrift der Unterhaltungskunst, der „artistik“, findet man Erklärungen und
Stellungnahmen von Unterhaltungskünstlern dazu, Kritik nicht – aber immerhin – als
buhlten die Machthaber um Zusammenarbeit von Politik und Kritik – wird im Oktober
1961 „anlässlich des 12. Jahrestages der Gründung der DDR das Kollektiv des Berliner
Kabaretts „Die Distel“ mit dem Nationalpreis III. Klasse ausgezeichnet „für seinen
Anteil an der Gestaltung der „Distel“ zu einem volkstümlichen politisch-satirischen
Kabarett, das eine wirksame Waffe im Kampf für Frieden und Sozialismus, gegen
Militarismus und Krieg darstellt.“ Der damalige Distel-Direktor Hans Heinrich Krause
und Heinz Draehn, Schauspieler und Parteisekretär der Distel, wurden mit dem
Vaterländischen Verdienstorden für Kultur in Bronze geehrt.39
S. erinnert sich: Dann kam der Mauerbau. Man muss ja, denke ich mal, (…) aus der
heutigen Sicht die wirtschaftlichen Dinge eines Landes betrachten.Z143-145
Und die Auseinandersetzung mit dem anderen Teil Deutschlands [vor dem
Mauerbau], der auf der einen Seite politisch, auf der anderen Seite vor allem wirtschaftlich
lief, den machte man als Berliner aus, indem man den amerikanischen oder französischen
Sektor betrat und sah, was es dort gab. Und wenn man zurück kam in den sowjetischen
Sektor, sah man, was es nicht gab.
Z171-175
38
ebenda
vgl. „artistik“ 11/1961, internationales fachblatt für varieté, zirkus, kabarett, Henschelverlag Kunst und
Gesellschaft, Berlin, S. 2
39
10
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Und mit dem Mauerbau kam eigentlich so die wirtschaftliche Ruhe ins
Land.Z198 (…) Zum ersten Mal in der Existenz (…) dieser DDR, konnte man [die
Regierung] jetzt in Ruhe planen und wirtschaften, weil [mit dem] Personenschwund
von Heute auf Morgen [Schluss war]. Ob man das nun eingemauert nennen will (…)
oder ob man das anders bezeichnet, aus der jeweiligen politischen Sicht wird es so
dargestellt, wie es dem politischen Betrachter in den Kram passt. Was aber nicht
abzustreiten ist, dass es der DDR plötzlich besser ging. Z202-207
Also, Lebensmittelkarten wurden abgeschafft, Punktkarten wurden abgeschafft,
Kohlenkarten, glaube ich, wurden auch zu diesem Zeitraum abgeschafft, das war ein
Zeichen. Z215-217
Und jetzt kommt die politisch-satirische Auseinandersetzung mit diesem Leben,
die man als Kabarettist ja haben muss: (…) wir stellten plötzlich fest, dass diese
Zensur nicht mehr so stark war, wie sie mal ursprünglich gewesen ist. Z227-230
Diese Feststellung deckt sich mit anderer Forschung, die in der Kulturpolitik der
DDR bis zum 11. Plenum des ZK der SED (16.-18.12.1965) größere allgemeine
Freiheiten, so auch in den Künsten dokumentiert.40 Andere Kabarettisten allerdings –
wie Mitglieder des „Rats der Spötter“, dem Studentenkabarett der KMU Leipzig um
Peter Sodann und Ernst Röhl – wurden nach der Generalprobe ihres Programms „Wo
der Hund begraben liegt“ am 5. September 1961 verhaftet und nach sechs Monaten
Untersuchungshaft aufgrund eines strafmildernden, neuen „Rechtspflegeerlasses“ zu
Strafen auf Bewährung verurteilt.41
4.1.
Zensur
S. reflektiert diese Zeit aus eigener Erfahrung anders:
Dazu muss man aber sagen, dass eine Zensur stattgefunden hat, die peinlich
darauf bestanden hat, die politischen Verhältnisse in der DDR nicht zu verändern.
Also: Kritik ja, aber Kritik am politischen System nein. Da musste man abwägen, was
wollte man denn nun?
Eine dementsprechende Haltung führte zu offiziellen Statements von DDRKabarettisten wie „Wir sind dagegen, weil wir dafür sind!“42
Wir wollten die Widersprüche, die es im Sozialismus gab, aufdecken, wir wollten
besser in ihm auskommen. Das hat nischt damit zu tun, dass wir sozusagen den
Ulbricht aus dem Sessel schießen wollten. Wir wollten Anregungen stiften,
Unruhestifter sein, und wir haben uns einen großen Spaß gemacht daraus, die
Zensoren zu überlisten. Z399-402
Das Überlisten der Partei-Zensoren zieht sich durch alle Literatur zum Thema
DDR-Kabarett und wird auch von anderen Zeitzeugen als ein ständiges Taktieren
40
vgl. z.B. Wollweber, Ernst in „“Kahlschlag – Das 11. Plenum des ZK der SED 1965, Aufbau
Taschenbuch Verlag 1991, S. 148, dort: Krenzlin, Leonore „Vom Jugendkommuniqué zur
Dichterschelte“ : „’was man heute, 1963/64 als selbstverständlich betrachtet: dass man dem Menschen
eine persönliche Intimsphäre lässt und sich nicht in alles mögliche einmischt` (…) Walter Ulbricht (…)
hatte die von Wollweber konstatierte erfreuliche Entwicklung kräftig befördert (…)“
41
vgl. Klammer, Jürgen „Woll’n wir doch mal ehrlich sein“, S.63, SELBST-IRONIE-VERLAG 2005
42
vgl. „artistik“ 2/1966, Nosko, Eugen, dort zit. nach Hans Harnisch im Dezember 1965
11
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beschrieben, das darin bestand, „der SED in den Hintern (zu) kriechen, um das nächste
aktuelle Programm dann richtig schön scharf würzen zu können“ 43
Ich erinnere mich, (…)in dieser Zeit wurden die so genannten Abnahmen
gemacht. Also, da kamen Leute aus der Berliner Bezirksleitung der SED,
setzten sich in den Zuschauerraum und sahen uns bei der Arbeit zu, und wir
machten einen Durchlauf von A-Z, bevor überhaupt ein Zuschauer ins
Kabarett kommen durfte. Und die zogen sich dann zu einer so genannten
Beratung zurück, mit dem Intendanten, dem Dramaturgen, mit allen
Verantwortlichen, mit den Genossen, die es dort gab am Theater, und die
(…)sagten: „Das könnt Ihr da so nicht machen, das ist nicht in unserem
Sinne. Das dient nicht der Erhaltung der Macht der Arbeiter und Bauern!
Z300-308
Und wenn es im Vorfeld schon Auseinandersetzungen [wegen einer
Szene] gab, dann habe ich probiert, (…) sie entweder anders zu formulieren, so
dass sie nach meiner damaligen Überzeugung nicht anstößig war[en]. Oder ich
habe mich mit dem Autoren oder der Dramaturgie auseinander gesetzt.Z356360
Ein anderer Zeitzeuge L., der lange Jahre Dramaturg an der „Distel“ war, sieht das
ähnlich: „Auseinandersetzungen waren normal (…) und an sich ja nicht schlecht.
(...). Wir haben dann immer gesagt: ‚Wir haben uns den besseren Argumenten
gebeugt’.“ 44
4.2. Selbstzensur
Eine große Rolle für die Umsetzung von Tucholskys Ausspruch „Was darf die
Satire? Alles!“45 spielte in der DDR, dass ein Berufskabarett von der SED unterstellten
Institutionen (wie Rat der Stadt, Magistrat von Berlin oder auch Ministerium für
Verteidigung)
finanziert
wurde, und
der
Arbeitgeber -
wie
heute
auch
-
weisungsberechtigt war. Prinzipientreue im Sinne des Marxismus-Leninismus war somit
eine selbstverständliche Arbeitsvoraussetzung, die aber auch die vorauseilende
Selbstbeschränkung im Umgang mit Texten mit sich brachte. „Der Staat selbst förderte,
verwaltete und bezahlte seine Kritiker, was die Kabaretts in ein konfliktreiches
Spannungsfeld zwischen den Anforderungen ihres Genres und dem Loyalitätsinteresse
ihrer übergeordneten Organisation brachte.“46“ Peter Ensikat, Urgestein der DDRKabarettautoren, gesteht: „Der erste Zensur saß immer neben mir an der
Schreibmaschine und sagte, noch bevor der kritische Gedanke auf dem Papier war:
`Das kriegst du sowieso nicht durch’.47
43
zit. nach ebenda, S. 88, dort: Hoernig, Hanskarl: Harlekin im Stasiland, Leipzig 1991
Jacobs, Dietmar, Untersuchungen zum DDR-Kabarett der Honecker-Ära, S.299
45
Eichelberger, Ursula „Zitatenlexikon“, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1985, S.658, aus:
Tucholsky, Kurt „Drei Minuten Gehör“. Leipzig 1958
46
Jacobs, Dietmar, S. 11
47
ebenda, S. 99, zit. nach: Ensikat, Peter: „Ab jetzt geb ich nichts mehr zu“, S. 103
44
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Der DDR-Kabarettautor und –theoretiker Mathias Wedel beschrieb das Problem
von Kabarettmachern und –besuchern 1988 endlich so: „Nicht wenige reden mit
DOPPELTER ZUNGE und denken abwechselnd in verschiedenem Bewusstsein. Die
Satire ist ein Ort, wo man sich diese Schizophrenie von der Seele lacht.“48
4.3.
Themen im DDR-Kabarett
Den inhaltlichen Schwerpunkt in Kabaretts „gleich ob kapitalistisch oder
sozialistisch, bildete natürlich auch im Kabarett der DDR die Beschäftigung mit
innenpolitischen und alltäglichen Fragen, die die direkte Lebenswelt der
Kabarettisten wie der Zuschauer betrafen (…). Die (…) geforderte mindestens
gleichwertige Beschäftigung mit dem „Klassengegner“ sowie mit der
„Freundschaft zu Sowjetunion“ (…) gelangte aber bei weitem nicht an die
Quantität der internen Themen heran.“ 49 S. pointiert es so:
Ein großes Problem war das Toilettenpapier. Toilettenpapier war so
knapp wie Gold, ich übertreibe jetzt mal. Jedes Kabarett hat sich mit dem
Thema beschäftigt! Aber Toilettenpapier stand sinnbildlich für andere Dinge,
die es nicht gab. Also, es gab nicht nur kein Toilettenpapier, es gab kein
Pergamentpapier, es gab dieses nicht, es gab jenes nicht. Was es immer gab,
war Schnaps. (…)Z188-193
Tatsächlich tauchte dieses Thema konkret als „Klopapier“ im ersten
Monolog von S., den er als ‚Neuer’ an der „Distel“ zu halten hatte, auf.50 Oder in
einer Szene, in der die Praxis der Künstleragentur der DDR, für teure Devisen
abgetakelte West-Stars in die DDR zu engagieren, angeprangert wurde, diente
„Klopapier“ als Metapher für „West-Unkultur“.51
Ganz allgemein kann aber auch S. bestätigen:
Außenpolitisch hat das Kabarett, soweit ich mich erinnere, kaum was
gemacht.Z382 Das war – ich sag jetzt mal so – ein Nebensatz, der da fiel zu
einem Außenpolitikum, aber ansonsten…Z391-392
48
zit. nach ebenda, S. 44, dort :Wedel, Mathias; Biskupek, Matthias: Streitfall Satire. Halle und Leipzig
1988, S. 43
49
ebenda S. 105
50
vgl. „Gruss aus Berlin“, Distelprogramm Nr. 34, „Requiem für alte Hüte“, Premiere 12.10.1967,
Quelle: Deutsches Kabarett-Archiv, Disteltexte, rkc01-034-0027
51
vgl. „Baby balla balla“ von Kurt Bartsch, Distelprogramm Nr. 33 „Panoptical 67“, Premiere 9.6.1967,
Quelle: Deutsches Kabarett-Archiv, Disteltexte, rkc01-034-0027
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Klopapier und Sozialismus
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Und wenn, dann wurde im Sinne der SED-Politik polemisiert. Kurz nach
dem Mauerbau, als S. noch bei der „Kneifzange“ angestellt war, hat die „Distel“
am 6.10.1961 ein Erich-Weinert-Programm auf die Bühne gebracht, ein
Programm mit klassisch zu nennende Agitationstexten eines überzeugten
Kommunisten
also.52
Bessere
agitatorische
Parteiarbeit
für
die
als
´antifaschistischer Schutzwall´ deklarierte Mauer hätte das Kabarett der SED
nicht liefern können. So lautet die letzte Strophe des Weinert-Poems „Der Friede
ist stärker“:
Doch wagt der Räuber, dem wir niemals traun, Die Werke des Friedens
anzurühren, So soll er schon beim ersten Anschlag spüren, Dass wir das Werk des
Friedens nicht nur baun, Dass wir zu seinem Schutz auch Waffen führen!
Und alle Völker werden zu uns stehen, Wo heut des Sozialismus Fahnen wehen.
Es steht zu uns das halbe Erdenrund, Geschart um die sowjetischen Armeen Und
53
von Berlin bis Peking reicht der Friedensbund.
Laut aktuellem Forschungsstand hat die Berliner Mauer 136 Todesopfer
gefordert, die ersten Schüsse fielen bereits am 24.8.196154.
Wenn so etwas bekannt wurde, ging es immer über die Westmedien. Also wir
hörten in der ARD oder im Rias oder in anderen Medien der Bundesrepublik: Heute
ist an der Grenze geschossen worden. Und dann stand am nächsten oder am
übernächsten Tag im Neuen Deutschland, also in den Zeitungen der DDR, (…):
Eine Provokation ist erfolgreich zurückgeschlagen worden. Jeder DDR-Bürger
wusste, dass er dieses Land nicht mehr ungestraft verlassen kann.Z465-470
Aber auf den Gedanken zu kommen, dass ich es als Kabarettist hätte
verhindern können, darauf bin ich nie gekommen! Ich musste mich mit den
politischen Gegebenheiten abfinden, und ich habe die Schüsse an der Grenze erstens
nie gehört und zweitens, denke ich mal, sind sie auch von mir verdrängt worden,
denn dass es welche gab, habe ich über das Westfernsehen gehört und ich habe auch
Bilder gesehen von Toten (…), aber dass ich daraus ein politisch-satirisches Thema
gemacht hätte, also ich(…)kann mich zum Beispiel nicht erinnern, jemals auf
irgendeiner Kabarettbühne der DDR eine Auseinandersetzung zur Grenze gesehen
zu haben. Ich habe nie einen Kabarettisten öffentlich sagen hören, die Grenze ist ein
Todesstreifen oder so. Und (…) wir haben es ja alle gewusst.Z522-527
Edgar Külow, ein Kollege von S. bestätigt: „Die Generäle vom Grenzkommando55 machten mal wieder eine Feier (…). Natürlich wollten die auch mal
52
Weinert war ein bedeutender Satiriker und Lyriker während der Weimarer Republik und ein wichtiger Vertreter
der proletarisch-revolutionären Literaturbewegung dieser Jahre. Der Text der Hymne der internationalen
Brigaden, die im spanischen Bürgerkrieg kämpften, stammt von ihm. Er war bemüht, seine satirischen Dichtungen
mit der Volksdichtung zu verbinden. Vgl. www.wikipedia.de [22.09.2012]
53
54
Deutsches Kabarett-Archiv, Bernburg, Disteltexte rkc01-019T0052.jpg, s. Druckfassung im Anhang
ebenda [23.09.2012]
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richtig lachen. ‚Kannst ruhig ein paar scharfe Texte raussuchen’, hatte mir der KulturOffizier vorab gesagt. Da war ich clever genug. Ich hätte nie eine Nummer gegen die
Grenze gebracht. (…) Also, so dumm war ich nicht mehr. Ich handelte nach dem Motto,
man muss wissen, wo die Grenze liegt, auch bei den Generälen vom
Grenzkommando.“56
Allerdings wurde die Grenze dann doch manchmal im Sinne der SED-Ideologie
thematisiert, z.B. im „Grenzmonolog“ eines Grenzsoldaten aus dem Distel-Programm
Nr. 42 „Wir bitten zur Klasse“, das am 24.3.1967 Premiere hatte.
Es trägt auch jeder von uns ein Gewehr, beidseitig der Grenze – indes:
Interbrigadier war mein Kommandeur – Sein Vorgesetzter Waffen-SS.
Das ist die Lage. Wer, warum und wie das Gewehr gebraucht – ist `ne
Klassenfrage!57
Andere außenpolitische Themen wie der Vietnamkrieg wurden in Lyrik58 oder der
Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes in die CSSR 1968 in einem Nebensatz,
wie schon S. weiter oben bemerkte, verarbeitet:
Am Ufer der Moldau, da sitzt ein Poet, Und äußert Gedanken vom Winde
verweht, Der Westwind hat ihm Theorien zugetrieben, Ach wärn die mal lieber
zu Hause geblieben59
Liest man nur die Zitate aus den hier vorliegenden SED-ideologisch
ausgerichteten Distel-Texten, muss man Dietmar Jacobs’ Feststellung, die die Ära
Honecker betreffen, auch für die 60er Jahre bestätigen, nämlich „Deutlich staatstreu
und pädagogisch verhielt sich das ostdeutsche Kabarett dazu, wenn es sich mit dem
Kapitalismus befasste. (…) Die Kabaretts ließen (…) keinen Zweifel daran, dass die
DDR real der bessere Staat sei“60 und
„dass sich das DDR-Berufskabarett (…)
prinzipiell auf dem Boden des Sozialismus befand. (…) Es gibt kein Stück, in dem sich
die Kabarettisten auch nur andeutungsweise für die Abschaffung (…) der DDR oder
gar die Übernahme des westlichen Kapitalismus aussprechen.“61 Distel-Dramaturg L.
bestätigt: „Faßt man Ideologie im Sinne von Moral und das Theater als moralische
55
„eine besonders heikle mititärische Einheit der DDR und deshalb nicht der Armee, sondern der
Staatssicherheit des Genossen Mielke direkt unterstellt“ – vgl. Klammer, Jürgen, „Woll’n wir doch mal
ehrlich sein“, Selbstironie-Verlag 2005, S, 130
56
ebenda, S. 130
57
Deutsches Kabarett-Archiv, Bernburg, Disteltexte rkc01-042t0173, vgl. Anhang
58
vgl. „Wie weit ist Vietnam“ von Hans Krause, ebenda rkc01-34-0078/0079
59
ebenda, rkc01-036.t0052.jpg
60
Jacobs, Dietmar, S.262
61
Jacobs, Dietmar, S.264
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Anstalt, dann (…) ist (das) ja auch nichts Schlechtes. Wir wollten den Sozialismus
verbessern. Wir sagten uns: „Die Idee ist gut, lasst uns die Ideale anstreben, und lasst
uns das kritisieren, was den Idealen im Weg steht.“62
So wurde der Westen kritisiert, auch aus taktischen Gründen, weil „je besser die
Westnummer war, (…) umso schärfer konnte die DDR-Nummer sein. Wenn die
sogenannte Standpunktnummer anständig war, dann konnte man auf der anderen Seite
als Gegengewicht eine ganze Menge mehr sagen.“ 63
Zeitzeuge S. fasst es zusammen:
Also, was zu kritisieren war unter diesem [linkspolitischen] Aspekt, habe ich
getan. (…) Ich wollte, dass es `den Linken` gut geht. Denn ich war felsenfest davon
überzeugt, dass das alles im Prinzip richtig war. Die Auswüchse, die es gab, die
haben Einzelpersönlichkeiten zu verantworten gehabt. Aus welchen Gründen auch
immer. Das ist heute übrigens nicht anders!Z546-550
5.
Fazit
DDR-Kabarett, das aufgrund seiner Organisationsstruktur vom SED-Staat
ge- und ertragen wurde, war dennoch ein Ort, wo in allen Phasen seines
Bestehens öffentliche Kritik überhaupt möglich war, und „selbst wenn es so
gewesen sein sollte, dass das oppositionell-kritische Gebaren des Kabaretts aus
taktischen Gründen akzeptiert und funktionalisiert wurde, blieb es doch eine der
ganz wenigen Institutionen der DDR, in der gesellschaftliche Tabu-Themen
angesprochen und kritisch behandelt werden konnten.“64
In den ‚Langen 60er Jahren’ wurden dekadenübergreifend die Grundlagen
gelegt für seine bis zum Ende der DDR anhaltende ungebrochene
Publikumsresonanz, denn im geschlossenen System hinter Mauer und
Stacheldraht gab es zum aktiven Widerstand, wie ihn zum Teil Schriftsteller und
Liedermacher proklamierten und der strafrechtliche Konsequenzen nach sich
zog, allgemein keine bessere Alternative, um seine Unzufriedenheit am realen
Sozialismus sozusagen konspirativ mit anderen teilen zu können. Dass die
Lachsalven in den Kabarett-Vorstellungen kaum etwas verändern konnten, gilt
nicht nur für totalitäre Systeme, eher hat das Lachen eine befreiende
62
Jacobs, Dietmar, S.294
ebenda
64
Jacobs, Dietmar S.288
63
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Ventilfunktion, die „helped maintain the status quo“65. Schon Ernst von
Wolzogen, der Gründer des ersten Kabaretts in Deutschlands, stellte in der
„Vossischen Zeitung“ am 16. Dezember 1900 fest:
„Ein unterdrücktes
Gelächter treibt allemal Galle ins Blut, während umgekehrt ein aufgestauter
Gallenüberschuß durch kein Mittel leichter entfernt wird als durch eine kräftige
Erschütterung des Zwerchfells. (…) Die weitgeöffnete Tatze, die sich lachend auf
den Schenkel schlägt, ist weit harmloser als die in der Tasche geballte Faust.“66
„Kabarettisten in der DDR mussten in gewisser Weise Schwerstarbeit
leisten.“67 Seine Protagonisten, wie der hiesige Zeitzeuge Lutz Stückrath,
bekannten sich meist aufgrund ihrer Sozialisation zum Ideal des Sozialismus. Sie
wollten das humanistische Erbe mit satirischen Mitteln im Sinne Tucholskys,
Kästners und all der anderen links orientierten Väter des Kabaretts bewahren.
Dazu war es unter den gegebenen Bedingungen notwendig, sich zu entscheiden
bzw. zu arrangieren – wie sagte Andersen Nexö doch: „Wohl dem, der die große
Kunst beherrscht, sich mit allem, was nun einmal nicht zu ändern ist, versöhnen
zu können und gleichzeitig unverzagt den Kampf mit dem Dasein
aufzunehmen!“68
.
Das
bringt
Zeitzeugen
heutzutage
in
einen
Erklärungs-
und
Rechtfertigungszwang, wenn sie als moderne Hofnarren oder satirische
Angestellte vorgeführt werden. „Sie hatten die Balance herzustellen zwischen
eigenem Anspruch – wirklich Kabarett zu machen – und den Ansprüchen der
jeweiligen (Kultur-)Funktionäre.“
So bestätigt der Zeitgenosse und Kollege
Hanskarl Hoernig Lutz Stückraths Auffassung: „Die Sache ist doch so: Wir
haben vierzig Jahre in einem Land gelebt. Wir haben uns mit den Gegebenheiten
arrangiert, weil man uns immer wieder eingebläut hat, es sei schon was dran an
der Marxschen Theorie. Es gäbe schon Ideale, für die man sich einsetzen könnte.
Daß die Praxis ganz anders aussah, das steht auf einem anderen Blatt. Um diese
miese Praxis zu verändern, haben wir Kabarett gemacht.“
Das führte nach hiesiger Auffassung neben Verdrängungsstrategien zu
einer bewundernswert künstlerisch umgesetzten Doppelzüngigkeit – einem
65
Jelavich, Peter „Satire under Socialism“ in „Die freche Muse – The Impudent Muse“ – Literarisches
und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, Hrsg. Bauschinger, Sigrid, A. Francke Verlag Tübingen und
Basel 2000, S.
66
ebenda
67
Dietrich, Christopher „Schild, Schwert und Satire“, KSZ Verlag Medien GbR Rostock, 2006, S.7
68
Eichelberger, Ursula, Zitatenlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1985, S.166
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uralten satirischen Stilmittel übrigens - und einer beim Publikum sich
entwickelnden Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen bzw. zu hören, was von
der Fähigkeit, anders - im Sinne von kreativ - denken zu können, zeugt. Insofern
wurde der Anspruch, in der DDR eine unverwechselbare „sozialistische Satire“
zu entwickeln, durch die Kabarettisten tatsächlich erfüllt.
Ob diese Satire „richtiges“ Kabarett hervorbrachte
– der Kritikerstreit
scheint müßig. Die Ausführungen des Zeitzeugen und andere Literatur belegen,
dass dieses umstrittene Kabarett auf die DDR bezogen in den 60er Jahren die
einzig machbare und somit legitime Form von Kritik war. Zielten denn Juvenals
Satiren auf die Abschaffung der römischen Gesellschaftsordnung? Nein. Wollen
die
heutigen
Kabarettstars
mit
ihrer
Kritik
wirklich
ein
anderes
Gesellschaftssystem befördern, wo sie sich im Demokratismus (sic!) sehr gut
eingerichtet haben? Nein. Die typischen Satiriker aller Zeiten wollten und wollen
nicht mehr und nicht weniger als Lutz Stückrath als Prototyp seiner Zunft - an
seinem Ort, in seiner Zeit: Widersprüche aufdecken, Anregungen stiften,
Unruhestifter sein.
Erstaunlicherweise formulierte der westdeutscher Kabarettexperte Heinz
Greul 1971 für das westdeutsche Kabarett das, was für das ostdeutsche im SEDStaat genauso zutraf: „Es ist eine Sozietät der Angreifer und der Angegriffenen
zustandegekommen, die fast pervers scheint, wenn man die alten, kämpferischen
Zeiten des Kabaretts in Deutschland bedenkt. […]Was die Kabaretts heute an
Provokation nicht mehr zu leisten vermögen, haben sie längst durch Perfektion
wettgemacht…Folge: wir haben großartige Kabaretts. Aber Kabarett gibt es
kaum mehr.“69
In Bezug auf den aktuellen Streit um bestimmte Mohamed-Karikaturen regt
die Autorin an zu bedenken, dass die Zeit des satirischen Kabaretts
zurückkommt, wenn es – wie ehemals in der DDR - einen von ´political
correctness´ verordneten Maulkorb tragen soll – denn dann – um mit Tucholsky
zu schließen – „schreit die Zeit nach Satire!“70
69
Greul, Heinz „Bretter, die die Zeit bedeuten. Die Kulturgeschichte des Kabaretts“, 2. Band, Deutscher
Taschenbuch Verlag München 1971, S. 479 zit. nach: Blühdorn, Annette „Pop and Poetry – Pleasure and
Protest“, Peter Lang AG, European Academic Publishers, Bern 2003, S.95
70
zit. nach „Informationen des Ministeriums für Kultur, Sektor Veranstaltungswesen“, Beilage zur
Fachzeitschrift „artistik“ 1964, S.11
18
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