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Die Basisinterventionslinie der MPTT besteht, wie - DIPT-Forschung

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Die Basisinterventionslinie der MPTT besteht, wie erwähnt, in der Stärkung und Differenzierung des
Traumas kompensatorischen Schemas TKS. Dieses ist bei Frau ZK durch überstarke Wachsamkeit, durch
Misstrauen und „Sensitisierung“ bestimmt (das Gras wachsen hören). Anfangs wurde versucht, die
Patientin durch eine Entspannungsübung (progressive Muskelentspannung) zu beruhigen, was aber nur
zu einer verstärkten Anspannung führte. Der Grund dafür? Dieser Ansatz arbeitet dem TKS dieser
Patientin entgegen, während die MPTT das TKS ja unterstützen soll. Daher wurde der Patientin die
„Wachsamkeitsübung“ (Aus Neue Wege …) vorgeschlagen. Sie solle alles aufschreiben, was ihr zwischen
den Therapiesitzungen „verdächtig“ vorkam, damit in der folgenden Sitzung darüber gesprochen werden
kann. Das führte dazu, dass sich die Patientin in ihren Ängsten zunächst einmal verstanden fühlte und
sich dann mehr und mehr selbst beruhigen konnte. Das TKS der Patientin wurde gestärkt, die
Erregungszustände gingen zurück und sie konnte immer besser differenzieren zwischen wirklichen
Gefahren und subjektiven Bedrohungen, in denen sie überängstlich reagierte. Die Basisintervention der
MPTT als einer „psychodynamisch-dialektischen“ Variante von Psychotherapie erfüllt ihr Ziel durch
Aufgreifen des TKS und gezielte Hilfe zur Wiederherstellung der Selbstregulation.
Das folgende Diagramm, das mit dem Kölner Dokumentationssystem für Psychotherapie und
Traumabehandlung erstellt wurde, zeigt die wichtigsten Veränderungsschritte bei Frau ZK unter der
Fragestellung: „In welchem Ausmaß ist die Patientin in dieser Sitzung ihren Zielen näher gekommen?“
(Auf einer Skala von 0 bis 5).
Das Diagramm lässt einen fast kontinuierlichen Anstieg der Veränderungswerte über die ersten
Sitzungen hinweg erkennen, mit einem deutlichen Einbruch in der 7. Sitzung. Zu diesem Zeitpunkt hatte
die Klientin ein Entschuldigungsschreiben des Täters an ihre Privatadresse erhalten, was ihre Ängste
wieder belebt hatte. Der Rechtsanwalt des Täters hatte die Adresse vom Staatsanwalt bekommen und
seinem Mandanten empfohlen, sich für die Tat zu entschuldigen, um eine geringere Strafe zu bekommen.
Für die Klientin war das ein schwerer Schock, der dazu führte, das Misstrauen und die Ängste ihrer
therapeutischen Ausgangslage wieder zu beleben. Wie dem Diagramm zu entnehmen ist, konnte dieser
Rückfall gegen Therapieende dann wieder aufgefangen werden.
# Dialektisch-ökologisches Denken in der psychotherapeutischen Praxis
Die folgende Tabelle zeigt, wie man nach Kriterien des dialektischen Denkens den Umgang mit
Übertragung und Gegenübertragung bestimmt und die für den einzelnen Klienten erforderliche
„förderliche therapeutische Haltung“ ermittelt, am Beispiel von Frau ZK.
Inszenierung
I
Gegenübertragung
Pol A
Naives Welt-vertrauen
II
Wechsel von
brav, angepasst, naiv
und
Arbeitsbündnis
Lehrer,
väterliche
Haltung, was
beibringen
müssen
Vertrauen ist
Pol A‘
ungleich
gewachsenes Vertrauen
Wechsel von
Ärger und
verstärkter
Aktivität
Weder
A‘ impliziert Z‘
belehren
Ein nicht naives
Weltvertrauen impliziert
vorbereitet sein auf eine
gefährliche Welt (auf
Restunsicherheit)
naiv sein
noch
sich drängen
lassen
sich zurückziehen
III
Pol Z
generalisiertes
Misstrauen
A
Outcome
Überaktivität,
unter Druck, die
Patientin zu
erreichen
B
Misstrauen ist
ungleich
Wachsamkeit
C
Pol Z‘
“gesundes“ Misstrauen
D
Tab. 8: Förderliche therapeutische Haltung am Beispiel von Frau ZK. (aus KPs 2007, S. 340)
Die beiden Extrempole des traumabedingten Konflikts, der durch den Banküberfall zustande kam oder
verstärkt wurde, wurden bei Frau ZK. als „naives Weltverstrauen“ (Pol A) gegenüber „generalisiertes
Misstrauen“ (Pol Z) notiert. Die Buchstaben A und Z als Anfangs- und Endbuchstaben des Alphabets
symbolisieren zwei voneinander abgespaltene und jeweils ins Extrem gegangene psychische Tendenzen,
in diesem Falle Vertrauen gegenüber Misstrauen. Mit dem traumabedingten Konflikt wird auch die
Selbstregulation des aufgespaltenen Schemas verloren, so dass der Konflikt in der Therapie als
sprunghaft wechselndes Verhalten inszeniert wird, als Wechsel von „brav, angepasst, naiv“ gegenüber
„sich zurückziehen“, letzteres wenn immer der Pol des Misstrauens in der Therapie wirksam wird.
Wie reagiert der um etwa 30 Jahre ältere Therapeut in diesem Beispiel auf die Konfliktinszenierung der
Patientin? Dies ist in Spalte B als seine „Gegenübertragung“ aufgeführt. Aus Fenster B I geht hervor,
dass er sich in eine Art Lehrerrolle gedrängt sieht, wenn das etwas naive, abhängige Teilschema der
Patientin zum Tragen kommt. Auf den Druck der Patientin, welche die Therapie wie eine schulische
Lernsituation auffasst, ihr „etwas beibringen zu müssen“, reagiert der Therapeut innerlich leicht
verärgert, und andererseits fühlt er sich durch den Rückzug der Patientin unter Druck, sie erreichen zu
müssen und in diesem Sinne zu verstärkter Aktivität gedrängt. Diese Aspekte der Gegenübertragung
sollten nun nicht agiert, sondern reflektiert werden. „Weder belehren noch sich drängen lassen“: Diese
reflexive Verarbeitung der Gegenübertragung ist im Fenster C II aufgeführt. Die Reflexion seiner
Gegenübertragung erlaubt dem Therapeuten, zum Arbeitsbündnis zurückzukehren und die für diese
Patientin förderliche therapeutische Haltung zu verwirklichen, zunächst innerlich, für sich selbst, wird
aber dann nach außen hin zum Vorbild für die Patientin, ihren eigenen inneren Konflikt zu bearbeiten und
jenen doppelten Schritt der Differenzierung zu tun, der in C I und C II eingetragen ist: „Vertrauen ist
ungleich naiv sein“ und „Misstrauen ist ungleich Wachsamkeit“.
Natürlich muss der Therapeut seine Haltung des Weder Belehren noch Sich-Drängen-Lassen nicht nur
einmal, punktuell verwirklichen. Zu dieser reflektierten Haltung muss er zurückfinden, wann immer er
gleichsam in den Sog der beiden Konfliktpole A und Z gerät. Damit nimmt er in seiner eigenen Haltung
den entscheidenden Veränderungsschritt vorweg, der im Ergebnis einer erfolgreichen Therapie zu
erwarten ist (Spalte D): Die Vermittlung der aufgespaltenen Konfliktpole, ihre gegenseitige dialektische
Implikation „Ein nicht naives Weltvertrauen impliziert vorbereitet sein auf Gefahren in der Welt bzw. eine
‚Restunsicherheit‘“ (D II) sowie die qualitative Transformation von Pol A in A‘ (gewachsenes Vertrauen)
und von Z in Z‘ (gesundes Misstrauen). Indem es dem Therapeuten gelingt, seine zunächst unbewusste
Gegenübertragung sich bewusst zu machen und dialektisch „aufzuheben“, wird er zur Identifikationsfigur
für die Patientin. Diese kann von ihm lernen, ihre eigene aufgespaltene Polarität von Vertrauen vs.
Misstrauen wieder zusammen zu führen und die dialektische Selbstregulation der Pole wieder
herzustellen: Vertrauen und Misstrauen werden relativ zueinander (relativierende Dekonstruktion des
pathogenen Schemas). Darüber aber verwandeln sich die beiden zunächst pathogenen Pole in ihre
salutogene Gegen-Gestalt von „gewachsenem Vertrauen“ und „gesundem Misstrauen“. Durch
Vermittlung dieser therapeutischen Haltung werden die pathogenen Folgen der traumatischen Erfahrung
überwunden.
Dialektisches Denken wird darin deutlich, dass die anfangs in Extreme aufgespaltene Polarität von
Vertrauen vs. Misstrauen am Ende der Therapie zu einer dialektischen Einheit zurückgefunden hat: ein
nicht naives Vertrauen impliziert ein gesundes Misstrauen und umgekehrt. Die aufgespaltenen Pole
haben ihre Mitte gefunden, sie sind mit Hegel gesprochen miteinander „vermittelt“. Die förderliche
Haltung des Therapeuten besteht nach klassischer dialektischer Logik in einer „doppelten Verneinung“:
Weder „Belehren“ noch „Sich-Drängen-Lassen“, die Patientin zu erreichen. Nach dem dialektischen
Veränderungsmodell wird so die „optimale Differenz“ hergestellt zwischen Arbeitsbündnis und
Übertragungsbeziehung, Voraussetzung für einen Schritt qualitativer Veränderung in der Psychotherapie.
In der Terminologie des Psychoanalytikers Franz Alexander kann man auch sagen, dass die Patientin eine
„korrektive emotionale Erfahrung“ macht. Sie erlebt einen Beziehungspartner, der „belehrt“ noch sich
dazu drängen lässt, sie wie ein kleines Kind zu behandeln. Dadurch werden die Kräfte der
Selbstwirksamkeit bei der Patientin bestärkt, ihr Potential zur Selbstheilung kann sich ungehindert
entfalten, eine Vorgang, der durch die „förderliche therapeutische Haltung“ unaufdringlich unterstützt
und „gehalten“ wird (im Sinne der „holding function“ nach Donald Winnicott).
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Seele and Geist
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