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Euphorische Stimmung bei Patienten mit MS – wie häufig ist sie

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Rund um den Beruf
Leserbrief
Euphorische Stimmung bei Patienten mit MS – wie häufig ist sie wirklich?
Im NeuroTransmitter 6/2011, Seite 33, berichten Hartung et al., Schlosspark-Klinik Berlin, über Formen,
Ursachen und Differenzierung krankhaft gehobener Stimmungen. Die seit Charcot bei der Multiplen
Sklerose immer wieder beschriebene Euphorie konnten die Autoren jedoch nicht beobachten, wie Dr. Andreas Schneider, Leitender Oberarzt, Neurologische Klinik mit klinischer Neuropyshiologie, Gelsenkirchen, in einem Leserbrief anmerkt. Lesen Sie auch die Stellungnahme von Dr. Heinz-Dieter Hartung.
Dr. Andreas Schneider: Ein sehr schöner
Artikel, der die klinischen Erscheinungen zu erkennen hilft. Allerdings kommt
die gehobene Stimmung bei MS häufiger
vor, als Sie annehmen. Ich arbeite in einer neurologischen Akutklinik und wir
haben gerade bei fortgeschrittenen Fällen wenn auch nicht regelhaft so doch
immer wieder gehobene Stimmungs­
lagen. Ich gebe Ihnen recht, dass das Typische nicht immer das Häufige ist (das
kennen wir ja auch von der progressiven
Paralyse, wo es ebenfalls selten aber typischerweise zu gehobener Stimmung
kommt). Sie sehen die MS-Patienten
aber als Konsiliarius, und wie Sie selbst
sagen, die Euphorie ist kein Grund für
ein psychiatrisches Konsil auf der neurologischen Station. Insofern haben Sie
keinen Anlass, gehobene Stimmungslagen bei MS zu untersuchen und können
sie daher auch nicht sehen. An Charcot‘s
Darstellung der MS kommen wir aber
auch heute noch nicht vorbei.
Dr. Heinz-Dieter Hartung: Herr Kollege
Schneider hat als Leitender Oberarzt einer neurologischen Akutklinik ohne
Zweifel mehr neurologische Patienten
gesehen und kennt als Neurologe neurologische Krankheitsbilder sicher besser
als jeder psychiatrische Konsiliarius. Sicher stimmt es auch, dass eine euphorische Stimmung bei einem MS-Kranken
nicht unbedingt ein Grund ist, den psychiatrischen Konsiliarius hinzuzuziehen.
Aussagen über die Existenz und Prävalenz psychiatrischer Krankheitsbilder
können nicht mit der gleichen Aussage32
kraft gemacht werden wie das (meist) bei
somatischen Erkrankungen der Fall ist.
Der Psychiater kann sich bei seiner diagnostischen Einschätzung nicht auf „objektive“ Untersuchungsmethoden wie
etwa labortechnische oder bildgebende
Verfahren stützen. Trotz allgemein verbindlicher Definitionen bei der Diagnostik (ICD-Klassifikation) und Befunderhebung (AMDP-System) ist die Einschätzung einer psychischen Erkrankung, ihrer
Dignität und ihres Schweregrades, doch
in starkem Maße subjektiv.
Befunderhebung nach dem
AMDP-System
Die Arbeitsgemeinschaft für Methodik
und Dokumentation in der Psychiatrie
(AMDP) hat Mitte der 1960-Jahre damit
begonnen, die sich bis dahin herausgebildet habende deutschsprachige Tradition der psychiatrischen Befunderhebung
zu systematisieren. Dieser Prozess dauert
an. Die Begriffe zur Beschreibung des
psychopathologischen Befunds entstammen der Alltagssprache und wurden für
den wissenschaftlichen Gebrauch spezifiziert. Das bringt Verständnisprobleme
mit sich und stiftet immer wieder Verwirrung. Wir trainieren in unserer Klinik
immer wieder die Befunderhebung nach
dem AMDP-System um wenigstens klinikintern die Interrater-Reliabilität zu
vergrößern. Ein Erfolg zeigt sich, aber er
hält sich in Grenzen.
Mephisto sagt als Faust verkleidet zu
dem ratsuchenden Schüler:
„Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur
einen hört
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im Ganzen – haltet euch an Worte,
Dann geht Ihr durch die sich’re Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.“
Auf den verwunderten Einwand des
Schülers, dass doch ein Begriff bei dem
Worte sein müsse, kommt die Antwort
prompt und sie fällt angesichts seiner Begriffsstutzigkeit etwas ungehalten aus:
„Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu
ängstlich quälen:
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte lässt sich trefflich glauben,
Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.“
Fazit: Bevor man sich über die Häufigkeit
euphorischer Stimmungslagen bei MSKranken „trefflich“ streiten kann, müsste
man sich zunächst dessen versichern,
dass man die gleiche Vorstellung von einer euphorischen Stimmungslage hat.
Sonst redet man aneinander vorbei. Leserbriefe an die Redaktion
senden Sie bitte an die Schriftleitung des
NeuroTransmitter, PD Dr. Albert Zacher,
oder direkt an den Verlag/die Redaktion.
E-Mail: bvdnzacher@t-online.de
E-Mail: gunter.freese@springer.com
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
gegebenenfalls zu kürzen.
NeuroTransmitter 10 · 2011
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Seele and Geist
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