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KULTUR Wie die chinesischen Denker die Welt - tages anzeiger

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Tages-Anzeiger · Dienstag, 1. September 2009
KULTUR
Dioramen: Als es noch kein Kino
gab, sorgten Bild-Theater für Freude
Migrosmuseum: Wie sich junge
US-Künstler von Trivialkultur und
und gruselige Schauer.
TV-Trash inspirieren lassen.
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Leben: Julia Child, Amerikas
einstige Koch-Ikone, kommt
nun auch ins Kino. 54
Wie die chinesischen Denker die Welt verändern
Reform gelingt nur als Täuschmanöver, Demokratie schadet,
und der Weg zur Supermacht ist
ein Schleichweg: Was Chinas
Intellektuelle über ihr Land und
die Welt denken.
Von Dominique Eigenmann
Chinas halsbrecherischer wirtschaftlicher
Aufstieg der letzten Jahre ist in all seinen
Facetten bekannt. Hunderte Bücher sind
erschienen, die China als künftige Supermacht porträtieren. Doch während wir
alles über die diversen Strömungen der
amerikanischen oder deutschen Politik
wissen, ist uns nahezu unbekannt, was
eigentlich Chinas Intellektuelle denken.
Kaum jemand ausserhalb Chinas kennt
Zhang Weiying, Wang Hui, Yu Keping,
Pan Wei, Yang Yi oder Yan Xuetong. Dennoch werden Denker wie sie die Welt verändern, in der wir leben. Dieser Ansicht ist
der 35-jährige Engländer Mark Leonard,
Direktor des European Council on Foreign
Relations, des ersten paneuropäischen
Thinktanks. Während dreier Jahre hat
Leonard über 200 chinesische Intellektuelle besucht – nicht Dissidenten, sondern
Insider, deren Stimmen im offiziellen
China Einfluss haben. Das Resultat dieser
Erkundung erscheint nun erstmals auf
Deutsch.
«Was denkt China?» ist ein faszinierender Reiseführer durch eine – angesichts
der Diktatur – verblüffend vielfältige Welt
politischen Denkens. Wer etwa hat
gewusst, dass im Innern einer scheinbar
monolithischen Kommunistischen Partei
«Neue Linke» und «Neue Rechte» heftig
um die ideologische Lufthoheit kämpfen?
Dass sich chinesische Politologen intensiv
mit den Mängeln der real existierenden
westlichen Demokratie beschäftigen? Und
dass ihre Globalisierungskonzepte heute
in Schwellen- und Entwicklungsländern
längst mehr Anklang finden als diejenigen
des Westens?
Zebras sind besser als Pferde
China ist in 30 Jahren von einem steinzeitkommunistischen Armenhaus zu einer
blühenden Wirtschaftsdiktatur mutiert,
ohne nominell den Kommunismus fallen
zu lassen. Wie dieser ideologische Salto
mortale möglich war, ohne dass sich China
BILD VINCENT YU/AP/KEYSTONE
Die chinesische Diktatur hat keine Mühe, die Insignien des kommunistischen Systems in eine blühende wirtschaftliche Zukunft zu tragen.
dabei das Genick gebrochen hätte,
beschreibt Zhang Weiying mit der Parabel
des «Zebra-Dorfes»: In einem Dorf erledigen Pferde alle Arbeit. Die Dorfältesten
sind überzeugt, dass Pferde viel leistungsfähiger sind als die Zebras, welche das
Nachbardorf benutzt, und terrorisieren jeden, der das Gegenteil behauptet. Mit der
Zeit freilich merken die Ältesten, dass die
verabscheuten Zebras der Nachbarn in
Wahrheit viel mehr leisten als ihre hochgelobten Pferde. Nach Jahrzehnten des
unbedingten Pferdekults entscheiden sie
sich, auf Zebras umzusteigen. Doch wie
dies den Dorfbewohnern beibringen, nach
all den Jahren der Gehirnwäsche?
Die Ältesten entwickeln einen genialen
Plan: Mitten in der Nacht, wenn das Dorf
schläft, malen sie Streifen auf einige
Pferde. Beim Aufwachen erschrecken die
Dorfbewohner über die unerwünschten
Tiere in ihrer Mitte, werden aber von
den Ältesten umgehend beruhigt: Die gestreiften Tiere seien keine richtigen Zebras, sondern nur Pferde mit harmlosen
Streifen.
Mit der Zeit gewöhnen sich die Dörfler
an immer mehr eigenartig gestreifte Tiere
in ihrer Umgebung. Schliesslich, nach langem Warten, gehen die Führer des Dorfes
aufs Ganze und tauschen die gestreiften
Pferde durch richtige Zebras aus. Die leistungsfähigeren Zebras steigern im Nu die
Produktivität und verhelfen dem Dorf zu
ungekanntem Wohlstand. Erst viele Jahre
später, als die Pferde längst alle durch
Zebras ersetzt sind, rufen die Ältesten das
Dorf zusammen und verkünden, dass ihre
Gemeinde ab jetzt ein Zebra-Dorf ist und
Ein alternatives Modell für die Globalisierung
Noch ist China eine diskrete
Weltmacht. Jetzt will das Land
seine Ausstrahlung stärken –
kulturell und machtpolitisch.
Das Nachdenken darüber, welche Reformen den Aufstieg weiter vorantreiben
können, ist die zentrale Aufgabe der offiziellen chinesischen Intelligenz. Neben
denen, die sich an Universitäten, in
Thinktanks und Ministerien über die innere Verfassung des Landes Gedanken
machen, beschäftigen sich Hunderte, ja
Tausende von Politologen, Historikern,
Soziologen und Ökonomen mit der Rolle
Chinas in der Welt. China ist bereits
heute eine politische Grossmacht und
wird bis in zwanzig Jahren eine Supermacht auf Augenhöhe mit den USA sein.
Im offiziellen chinesischen Sprachgebrauch sind diese Feststellungen freilich
tabu; zu gross war seit je die Sorge, dass
solche Töne die latente China-Angst im
Westen nur noch verstärken würden.
Entsprechend ist China heute, im Unterschied etwa zum polternden Russland,
auf dem weltpolitischen Parkett immer
noch eine diskrete Macht. Ihre Diplomaten kommen auf leisen Sohlen, vertreten
die nationalen Interessen diskret und
verwischen gerne die Spuren ihres
beträchtlichen Einflusses. Slogans wie
der des «friedlichen Aufstiegs» oder der
«harmonischen Entwicklung» sollen
westliche Befürchtungen über eine
unausweichliche Konfrontation schon
im Ansatz zerstreuen. Ausnahmen von
dieser Zurückhaltung erlaubt sich China
nur, wenn es seine innere Integrität von
«aussen» bedroht sieht (etwa in der Taiwan-, Tibet- oder Uiguren-Frage).
Tatsächlich ist China als globale
Macht aber längst ein Pferd mit so vielen
Streifen, dass es von einem Zebra nur
noch schwer zu unterscheiden ist. Während der Westen noch darüber nachdenkt, wie auf seinen Aufstieg Einfluss zu
nehmen sei, machen sich chinesische
Intellektuelle längst Gedanken darüber,
wie China mit dem absehbaren Abstieg
des Westens umgehen soll. Mark Leonard (siehe Text oben) schildert, wie heftig liberale Internationalisten, realistische Pragmatiker und überzeugte Nationalisten über den Weg in eine neue, von
China mitgeprägte Weltordnung streiten. Er hebt aber auch drei Strategien
hervor, auf die Chinas Vordenker für den
weiteren Aufstieg vertrauen: die Mehrung der «soft power», die Doktrin der
«asymmetrischen Kriegsführung» und
den «Multilateralismus».
Grosse Erfolge in der Uno
China hat seine Nachbarn und die
Welt bisher vor allem mit seiner wirtschaftlichen Bedeutung an sich gebunden; Denker wie Yang Yi, Leiter des
Instituts für Strategische Studien bei der
Volksarmee, und Jan Xuetong, Direktor
der Abteilung für Internationale Politik
an der Tsinghua-Universität und einer
der einflussreichsten aussenpolitischen
Denker des Landes, betonen, dass Chinas
«weiche Macht», also seine kulturelle
und politische Anziehungskraft, bisher
weit hinter der wirtschaftlichen Grösse
zurückgeblieben ist.
Entsprechend vehement sind die Anstrengungen, dies zu ändern: KonfuziusZentren weltweit sollen Verständnis für
den Reichtum chinesischen Denkens wecken, Chinas Elite-Universitäten wollen
zu Anziehungspunkten für die besten
Studenten und Professoren der Welt
werden, und die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 in Peking sollte das
Bild einer friedfertigen und wettbewerbsstarken Nation in die Welt tragen.
Auf dem Gebiet der «hard power» hat
China kein Interesse, sich auf einen
ruinösen Rüstungswettlauf mit den USA
einzulassen. Die laufende Modernisierung seiner militärischen Arsenale folgt
einem anderen Ziel: mittels asymmetrischer Drohungen will China den Preis
erhöhen, den die USA im Kriegsfall –
etwa um Taiwan – zu bezahlen hätten.
Zudem hat China den vom Westen
hochgelobten «Multilateralismus» für
sich entdeckt, um die Vorherrschaft der
USA einzudämmen und den eigenen Einfluss zu mehren. Die Shanghaier Kooperationsgruppe, die seit 1996 Länder zwischen Russland und Japan unter Ausschluss der USA verbindet, ist zu einem
starken Mittel regionaler Integration,
Ressourcen- und Machtpolitik geworden. Immer stärker nutzt China auch das
Forum der Uno, um konstruktiv an Weltproblemen mitzuarbeiten, aber auch um
strategische Konkurrenten zu marginali-
sieren – mit Erfolg: Seit 1995 hat sich der
Einfluss und Erfolg der USA bei Abstimmungen in der Vollversammlung auf
24 Prozent halbiert, während Chinas Erfolgsquote sich etwa in Menschenrechtsfragen auf 80 Prozent verdoppelt hat.
Investitionen in Afrika
Chinas Vordenker wissen genau, dass
das «Reich der Mitte» im Geheimen
längst zu einem Vorbild für Entwicklungs- und Schwellenländer weltweit geworden ist. Als autokratische, aber wirtschaftlich erfolgreiche Macht bietet es
eine attraktive Systemalternative zum
demokratischen Marktliberalismus des
Westens. Statt den afrikanischen Ländern Vorlesungen über Moral und gute
Staatsführung zu halten, kooperiert
China ohne Bedingungen und investiert
massiv in die marode Infrastruktur.
Chinesische Intellektuelle entwickeln
dazu nichts weniger als ein alternatives
Modell der Globalisierung: Anstelle
einer vom Marktliberalismus «flach
gemachten» Welt favorisieren sie eine
Welt, in der nationale «Mauern» trotz allem wirtschaftlichen Austausch bestehen
bleiben: als Garanten nationaler Souveränität, politischer und kultureller Eigenständigkeit. Welches Modell sich als das
erfolgreichere erweisen dürfte, ist nicht
von vornherein entschieden. (de.)
Mark Leonard: Was denkt China?
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2009.
200 S., ca. 24 Fr.
dass Zebras also gut und Pferde schlecht
sind.
Zhang Weiying ist einer dieser im
Westen nahezu unbekannten chinesischen
Intellektuellen: ein Vordenker der «Neuen
Rechten», einer der berühmtesten Ökonomen Chinas, Berater der Regierung, Verwaltungsrat vieler staatlicher wie nichtstaatlicher Unternehmen. Seine Theorie
des «zweigleisigen Preissystems» leitete
1984 den schrittweisen Übergang von festgesetzten Preisen zu Marktpreisen ein –
eine entscheidende Etappe auf dem Weg
zum Kapitalismus. Zhang Weiying und
seine Mitstreiter bemühten sich, möglichst vielen Pferden Streifen zu verpassen, um China in ein Land der Zebras zu
verwandeln.
Den Wohlstand gerechter verteilen
Von Beginn weg gab es in der chinesischen Elite aber auch Widerstand gegen
das Tempo der wirtschaftlichen Öffnung.
Selbst die sogenannte Freiheitsbewegung
von 1989, die schliesslich auf dem Tiananmen-Platz von Panzern gestoppt wurde,
war nicht nur ein Volksaufstand für mehr
Demokratie und Freiheit, wie man im
Westen gerne meinte, sondern ebenso
eine Revolte, mit der sich Arbeiter gegen
abrupt steigende Preise und die wirtschaftliche Liberalisierung zur Wehr setzten. Diese Opposition, innerhalb wie ausserhalb der Partei, ist in den letzten Jahren
weiter erstarkt.
Wang Hui, Ökonom an der renommierten Pekinger Tsinghua-Universität, wird
von Leonard als einer jener «Neuen Linken» vorgestellt, die die Führung davon zu
überzeugen versuchen, dass der zunehmende Wohlstand in China gerechter verteilt werden muss. Dem schrankenlosen
«Perlfluss-Kapitalismus» an den Küsten
Chinas setzen sie den «Kapitalismus des
Gelben Flusses» entgegen, der die Entwicklung des gesamten Landes stärker
ausbalancieren soll. Nicht ohne Erfolg: In
der jüngsten Führungsgarde unter Präsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao
ist das absolute Primat des Wirtschaftswachstums gegenüber dem einer insgesamt «harmonischen Entwicklung» etwas
in den Hintergrund getreten.
Die Zebra-Parabel ist ein Sinnbild dafür,
auf welch verschlungenen Wegen in
China Reformen überhaupt möglich sind –
Fortsetzung Seite 46
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