close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Die Rucksackwette Wer haut wem am besten die Taschen voll? Wie

EinbettenHerunterladen
Die Rucksackwette
Wer haut wem am besten die Taschen voll?
Wie auch anderen Ortes wurde es hinsichtlich der Wahrheit besonders dramatisch, wenn
Seeleute und Jäger zusammenkamen. Nun fehlte es gerade in den ersten
Nachkriegsjahren nicht an Zusammenkünften aller Art. Nach all den Entbehrungen, dem Leid
und den Sorgen, die der Krieg mit sich gebracht hatte, suchten die Menschen den Kontakt
und die Geselligkeit. Das Fernsehen existierte noch nicht, Radiogeräte gab es kaum,
Stromsperren waren häufig. So traf man sich, um zu singen, Karten zu spielen oder zu feiern auch ohne Alkohol - oder eben nur zum Klönen. Wenn dann Jäger und Seeleute zusammen
trafen, wurde es interessant:
Die Runde, über die ich hier berichte, wurde ausgetragen zwischen „Kaiser“ Richard Lange
und einem Heringsdorfer, genannt Hein Mück, von dem man den richtigen Namen gar nicht
kannte. Hein brachte immer seinen „Assistenten“ Jochen mit, der weiter nichts zu tun hatte,
als die Ausführungen seines Meisters zu bestätigen. Jochen glänzte dann durch Wendungen
wie „sehr richtig“, „jawoll, so war dat“, „er sagt die volle Wahrheit“ oder „dat hab' ick gesehn“.
Hein war zwar tatsächlich immer nur die „große Route“ zwischen Swinemünde und Saßnitz
gefahren, erzählte aber aus aller Herren Länder so anschaulich und detailgetreu wie sonst
wohl nur noch Karl May. Hier nun einige Auszüge aus dem „Erzählerwettstreit“, der durch die
Wette ausgelöst wurde, wer wohl den größten Rucksack besäße.
Der Bericht von „Kaiser“ Richard: „Neulich sett ick in den Busch, weitst du, gliek achtern
Krüzweg na' Reigenhürn* tau. De Mond wier noch unner, dat wier so düster, du künnst nich
de Hand vor Oogen seihn. Na, ick kiek genau hen, wer kümmt ut denn Busch - twei Keilers,
öwer stramme Jungs, so up 50 Schritt. Genau as sei hinnereinanner stünnen, let ick fleigen un dor legen sei ock all.“
Richard legte eine kurze Pause ein, in der er seine verloschene Pfeife wieder zum
Glimmen brachte und bemerkte dann wie nebenbei: „Un denn heff ick beid' in min Rucksack
stäken.“
Und nun war Hein am Zuge. Er hatte äußerlich kaum Ähnlichkeit mit einem Seemann, eher
war er „son lütten, schmalitzigen“, wie man hier landläufig sagt. Seine Stärken waren eine
erstaunliche Fantasie und eine kaum zu beschreibende Schlitzohrigkeit.
„Tja, Richard“, sagte er, „ich glaub', du hast gewonnen. Zwei Keilers in ein' Rucksack mein je“. Und so blieb er noch eine Weile dabei, und schob Richard die Favoritenrolle immer
mehr zu, der dann auch promt anbiss: „Dor kannst' nich mit hollen, wat Hein? Hermann bring'
uns man schon 'ne Buddel Alkolat auf diesen Herrn seine Rechnung hier.“
Hein Mück dachte aber gar nicht daran, zu kapitulieren und fing nun an, weitschweifig von
seinen Abenteuern in Kanada zu erzählen. Unter anderem ließ er sich breit aus über
Hasenfangmethoden dortzulande. Denn in Kanada schießt man keine Hasen, man fängt
sie!
Im Sommer geht das so: Am Rande eines Kohlfeldes sucht man sich eine stattliche
Kohlpflanze aus, streut auf die Außenblätter etwas Pfeffer und stellt jeweils einen Stein,
mit der Spitze nach oben, darunter. Der Hase kommt, schnuppert am Kohl, muss niesen und bei der heftigen Kopfbewegung nach unten schlägt er mit dem Kinn auf den Stein. Er
ist, sozusagen, k.o. Man geht dann nur hin und sammelt den Bewusstlosen auf.
Das war´s aber noch nicht, denn erst die Winterfangmethode sollte die Wette neu beleben.
„Tja, Richard, weißt du, in Kanada ist's im Winter so kalt, wenn du da ausspuckst, is die
Spucke all Eis, bevor sie auf die Erde kommt. Un Hasen gibt dat da un dat besondere an
ihr is', sie sind so furchtbar neugierig. Und eins ging ick mit meinem Assi Jochen auf ein
großes Feld“. „Un dor hebben wie ein' groten Refraktor upgestellt“, platzte Jochen
dazwischen.
„Mensch, Jochen, du lässt aber auch nach. Dat war doch kein Refraktor, dat war'n
Reflektor. Na, eigentlich war dat 'ne Petroleumslampe mit Spiegel dahinter, so wat für die
Küche. Wir brannten jetzt die Lampe an un stellten sie bloßen so hin. Un die Sterne
schienten so schön, un der Frost kniept uns in'ne Augen - da kommen sie auch schon an,
die neugierigen kanadischen Hasen. Der erste kommt ran, macht Männchen, kieckt in dat
große Licht, die Augen fangen an zu tränen, die Tränen klackern man so - un dat bei den
Frost! So wuchsen von oben die Stalagtiten un von unnen die Stalagniten. Als der Hase
sah, dat ick ankam, wollte er weg. Dat ging aber nich, denn er war festgefroren. Ick hab'
ihn denn abgebrochen, Jochen hielt den Rucksack auf, und rein mit Meister Lampen.
Wir waren noch keine Stunde da, wieviel Hasen hatten wir dann Jochen?“
„Ick weit nich miehr ganz genau, wiehren dat nu 42 oder 43, Hein?"
„Aber alle haben wir sie dann in den einen Rucksack gesteckt!“
Nun war guter Rat teuer, denn es war wirklich schwer zu sagen, wer den größeren
Rucksack hatte. Die Zuhörer, aufgefordert zu urteilen, entschieden einstimmig:
Unentschieden! Dann nämlich musste jeder eine Buddel ausgeben. Und so war es dann
auch.
* Gemeint ist der Kreuzweg, der gebildet wird durch die Straße Bansin-Benz und den Landweg Reetzow
Seilin. Unter Reigenhürn versteht man die Waldecke nach Altsallenthin zu. Dort fegten Hirsche und Rehe
den Bast von Geweih bzw. Gehörn. Reigenhürn bedeutet, dass die Tiere dort ihr Gehörn reinigen.
Document
Kategorie
Reisen
Seitenansichten
1
Dateigröße
24 KB
Tags
1/--Seiten
melden