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Die Krankheit aus der Sicht von Patient und Arzt – wie - Online ZFA

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Originalarbeit
Die Krankheit aus der Sicht von Patient und Arzt –
wie beurteilen beide die Situation?*
R. Klein, J. Scherer, F. Meyer
Zusammenfassung
Von September 2001 bis März 2002 wurden in zwei Landpraxen
175 Patienten mit neuen Beratungsproblemen standardisiert hinsichtlich ihrer Krankheitseinschätzung befragt. Diese wurde mit
der Einschätzung der Ärzte verglichen. Als Vergleichsinstrument
wurden visual-analog-scales gewählt. Die Auswertung ergab im
Wesentlichen folgendes:
Die Einschätzung hinsichtlich Akuität, organischer oder psychischer Problematik, Notwendigkeit einer Überweisung zum Spezialisten bzw. einer Krankenhauseinweisung differierte wenig zwischen Arzt und Patient. Die Patienten schätzten die Situationen
tendenziell gefährlicher ein als die Ärzte. Der Patient erwartet in
höherem Maß technisch-diagnostische Maßnahmen und Therapie als der Arzt es für nötig hält.
Summary
Health problems from the point of view of patients and doctor:
How do they judge the situation?
From September 2001 until May 2002, 175 patients with new
health problems, visiting two doctors in rural practices, were
asked to complete a questionnaire about their views and expectations before visiting the physicians. The physicians completed
the same questionnaire after the visit. Visual-analogue-scales
were used to compare the assessment of the physicians and the
patients.
Results: The views of patients and doctors were nearly the same
concerning acute or chronic necessity (organic or mental disorders) for visiting a specialist or even hospitalisation. Patients often
estimated the situation to be more dangerous than the physicians
did. In many cases, they also expected more diagnostic activities
and treatment than were considered necessary by the doctors.
Key words
Doctor-patient relation, patient expectations, general practice,
reason for encounter
Jeder Hausarzt wird täglich mit einer Fülle unterschiedlicher Beratungsprobleme konfrontiert, die in ihrer Bedeutung richtig eingeordnet und bewertet werden müssen – und das so gut wie immer unter dem Zeitdruck der
vollen Sprechstunde. Wie bewertet der Arzt die Probleme,
* Herrn Prof. Dr. Frank Mader zum 60. Geburtstag gewidmet
248
die den Patienten zu ihm führen? Der Arzt kennt oft die
Beweggründe, die den Patienten zu ihm führen, zu wenig
(5). Welche Diskrepanz liegt zwischen der professionellen
Beurteilung des Arztes und der Laieneinschätzung des Patienten? Diese Frage sollte für jeden Arzt von höchstem
Interesse sein – konnten doch u. a. Joos et al. (6) 1993 zeigen, dass Patienten, deren Erwartungen erfüllt wurden,
zufriedener und daher auch leichter zu betreuen sind.
Methode
Von September 2001 bis März 2002 sollten in zwei hausärztlichen Landpraxen Arzt und Patient unabhängig voneinander das zum Arztbesuch führende Beratungsproblem standardisiert analysieren. Anschließend wurden
die jeweiligen Einschätzungen verglichen. Zu diesem
Zweck wurden innerhalb eines bestimmten Zeitraums
alle Patienten mit neu aufgetretenen Beratungsproblemen erfasst, die während der Anwesenheit einer Hilfskraft (Famulus/Helferin) zum Arzt kamen. Lagen mehrere Beratungsursachen vor, beschränkte sich die Erhebung auf das erstgenannte Problem.
Unter Anleitung eines Studenten bzw. einer Arzthelferin
füllte der Patient vor dem Arztkontakt einen Bogen aus,
der visual-analog-scales (VAS) enthielt. Abgefragt wurde
– wie bei dem an der TU München für die Studentenausbildung verwendeten Hospitationsbogen (2) – die Einschätzung von sieben Items (Abbildung 1). Dadurch sollte ein primär stufenloses Rating durchgeführt werden.
Statt einer häufig üblichen – meist 5-stufigen Vorgabe
(4) – wurden Zahlenwerte im Nachhinein durch cm-genaue Ausmessung der Strecken vom linken Ende bis zur
vom Patienten gesetzten Markierung bestimmt.
Dr. med. Reinhold Klein
Hüterweg 5, 85235 Pfaffenhofen
Dr. med. Josef Scherer
Auenstraße 6, 82467 Garmisch-Partenkirchen
Dr. med. Fritz Meyer
Zwinger 6, 86732 Oettingen/Bayern
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
Originalarbeit
Die Ärzte dokumentierten
ihre Einschätzung auf einem identischen Bogen
nach der Konsultation, ohne
die Einträge des Patienten
gesehen zu haben. Als
Zusammenhangsmaß zwischen Arzt- und Patientenurteil wurde die Differenz
von Patientenwert und
Arztwert für jede Variable
der VAS gebildet und
mittels Regressionsanalyse
zwischen Arzt- und Patientenurteil statistisch geprüft.
Die Patienten
Subjektive Bewertung der Schwere der Krankheit bei Fällen mit neuer
Beratungsursache
Name: _____________ Vorname: ______________ Geb. Datum: ______________
Lfd. Nr.: ____________ Datum: ________________
Krank seit _____ J. _____ Mon. _____ Tg.
Erstgenannte Beratungsursache: ________________________________________
eher akut
eher ungefährlich
eher körperlich
Labor / techn. Diagnostik in
der Praxis dringend
Behandlung dringend
Überweisung dringend
Krankenhauseinweisung
dringend
Einschätzung Patient
I______________________________I eher chronisch
I______________________________I eher gefährlich
I______________________________I eher seelisch
I______________________________I unnötig
I______________________________I unnötig
I______________________________I unnötig
I______________________________I unnötig
Subjektive Bewertung der Schwere der Krankheit bei Fällen mit neuer
Beratungsursache
Name: _____________ Vorname: ______________ Geb. Datum: ______________
Lfd. Nr.: ____________ Datum: ________________
Krank seit _____ J. _____ Mon. _____ Tg.
Erstgenannte Beratungsursache: ________________________________________
Die Studie wurde in zwei
Praxen durchgeführt. Von
Einschätzung Arzt (nach der Untersuchung)
181 primär eingeschlosseeher akut I______________________________I eher chronisch
nen Patienten waren fünf
eher ungefährlich I______________________________I eher gefährlich
nicht auswertbar, weil die
eher körperlich I______________________________I eher seelisch
Labor / techn. Diagnostik in
Patienten nicht in der Lage
der Praxis dringend I______________________________I unnötig
waren, eine visual-analogBehandlung dringend I______________________________I unnötig
scale korrekt auszufüllen.
Überweisung dringend I______________________________I unnötig
Ein Patient verweigerte die
Krankenhauseinweisung
dringend I______________________________I unnötig
Mitarbeit. Somit konnten
175 Fälle vollständig ausgeAbbildung 1: Erhebungsbögen
wertet werden. Die meisten
auswertbaren Fälle (N = 145)
stammten aus der Praxis des Erstautors – dazu kamen 30 ihrem Urteil weitgehend überein. In über 45 % der Fälle
weitere Fälle aus der des Drittautors.
ergibt sich vollständige Übereinstimmung der EinschätDas Durchschnittsalter der Patienten lag bei 35,7 Jahren. zung von Arzt und Patient.
Es gingen etwas mehr Männer als Frauen in die Untersuchung ein (N = 92 zu N = 83).
Gefährlich – ungefährlich
Beratungsursachen
Auf den Dokumentationsbögen wurde die Antwort auf
die von der Hilfskraft gestellte Frage »Warum kommen
Sie heute in die Praxis?« protokolliert. Bei der Auswertung wurde versucht, die Antworten analog der zweidimensionalen Darstellung der Beratungsergebnisse (1)
in entsprechende Kategorien einzuteilen (Abbildung 2).
Akut – chronisch
Das Ergebnis hinsichtlich der Einschätzung »chronisch«
gibt Abbildung 3 wieder. Arzt und Patient stimmen in
Abbildung 4 zeigt, dass die Patienten die Situation häufig
gefährlicher einschätzen als der Arzt. Immerhin schätzt
noch ein gutes Drittel der Patienten die Situation ebenso ein wie der Arzt (erklärte Varianz R2 = 0,34).
Körperlich – psychisch
Hinsichtlich der Psychogenese von Beschwerden wiederum zeigt sich eine deutliche Übereinstimmung zwischen Arzt und Patient (Abbildung 5). In 35 % war dies
eine volle Übereinstimmung zwischen Arzt und Patient
(erklärte Varianz R2 = 0,35).
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
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Originalarbeit
Arzt: »eher chronisch«
50
90
22%
40
80
35
70
30
13%
25
Fallzahl N
Anzahl N
Patient: »eher chronisch«
100
25%
45
10%
20
8%
15
6%
10
5%
2%
2%
5
1%
3%
3%
60
50
40
30
20
/N
er
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10
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uf
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m
e
Ab
do
m
en
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 3: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt
und Patient hinsichtlich der Chronizität; dargestellt ist die
Differenz Patient minus Arzt (Einschätzung akut = 0, Einschätzung
chronisch = 10, N = 175)
Abbildung 2: Beratungsursachen nach der zweidimensionalen Systematik (N=175). UF: Uncharakteristisches Fieber, AFAR: Afebrile
Allgemeinreaktion.
Arzt: »eher gefährlich«
Patient: »eher gefährlich«
100
Technische Diagnostik in der Praxis:
Dringend oder unnötig?
90
80
Patient und Arzt wurden hier gefragt, ob eine technische
Diagnostik (EKG, Ultraschall, Lungenfunktion, Labor
usw.) ihrer Meinung nach in diesem Erkrankungsfall
notwendig sei. Den diesbezüglichen Einschätzungsvergleich gibt Abbildung 6 wieder.
In der vorliegenden Studie zeigt sich insgesamt eine gute
Übereinstimmung – 62 % der Patienten waren der gleichen Meinung wie der Arzt. Tendenziell erwartet jedoch
eher der Patient weitere Diagnostik, während der Allgemeinarzt dies oft für entbehrlich hält. Interessant wäre
hier der Vergleich mit anderen Fachgruppen!
Fallzahl N
70
60
50
40
30
20
10
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 4: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Gefährlichkeit; dargestellt ist die Differenz
Patient minus Arzt (Einschätzung ungefährlich = 0, Einschätzung
gefährlich = 10, N = 175)
Behandlung dringend oder unnötig?
Arzt: »eher psychisch«
Patient: »eher psychisch«
100
Überweisung zum Spezialisten?
Die Kunst des Allgemeinarztes – so könnte man sagen –
besteht unter anderem darin, den Patienten einen Tag,
bevor er es fordert, zum Spezialisten zu überweisen. Wie
differiert hier die Einschätzung? Offensichtlich sind sich
250
90
80
70
Fallzahl N
Erwartet der Patient ärztliche Behandlung oder genügt
ihm der Ausschluss abwendbar gefährlicher Verläufe
(Abbildung 7)? Offensichtlich bringt der Wunsch nach
Therapie die Patienten in die Praxis – auch wenn der Arzt
hiervon häufig nicht überzeugt ist. Das Maximum der
Kurve hat sich hier von 0 nach plus 2 verschoben. Trotzdem stimmen in über der Hälfte der Fälle Arzt und Patient hinsichtlich der Notwendigkeit einer Behandlung
überein (erklärte Varianz R2 = 0,52).
60
50
40
30
20
10
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 5: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Psychogenese; dargestellt ist die Differenz
Patient minus Arzt (Einschätzung organisch = 0, Einschätzung
psychisch = 10, N = 175)
Arzt und Patient in dieser Frage meist einig (Abbildung
8). Vollständige Übereinstimmung herrschte sogar in
88 % der Fälle.
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
Originalarbeit
Patient: »Diagnostik dringend«
Arzt: »Behandlung dringend«
100
90
90
80
80
70
70
60
60
Fallzahl N
Fallzahl N
Arzt: »Diagnostik dringend«
100
50
40
50
40
30
30
20
20
10
10
0
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 6: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Notwendigkeit von technisch-diagnostischen Maßnahmen; dargestellt ist die Differenz Patient minus Arzt
(Einschätzung Diagnostik unnötig = 0, Einschätzung Diagnostik
dringend = 10, N = 175)
Patient: »Behandlung dringend«
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 7: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Behandlungsnotwendigkeit; dargestellt ist
die Differenz Patient minus Arzt (Einschätzung Behandlung unnötig = 0, Einschätzung Behandlung dringend = 10, N = 175)
Arzt: »Überweisung dringend«
Patient: »Überweisung dringend«
100
90
Krankenhauseinweisung?
80
Fallzahl N
70
Da Krankenhausbehandlung im unausgelesenen Krankengut der Allgemeinpraxis nur selten erforderlich wird
(sie liegt um die 2 %), ist hier zu erwarten, dass Arzt und
Patient diese mehrheitlich ablehnen.
Wie erwartet sind die Abweichungen gering (Abbildung
9): 94 % der Patienten sind genau der gleichen Meinung
wie der Arzt.
50
40
30
20
10
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 8: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Überweisungsnotwendigkeit; dargestellt ist
die Differenz Patient minus Arzt (Einschätzung Überweisung unnötig = 0, Einschätzung Überweisung dringend = 10, N = 175)
Diskussion
Arzt: »Krankenhauseinweisung dringend«
Patient: »Krankenhauseinweisung dringend«
100
90
80
70
Fallzahl N
Vergleicht man die Häufigkeit der Beratungsursachen
mit der zweidimensionalen fällestatistischen Systematik im unausgelesenen Krankengut (1), so zeigt sich auch
hier wiederum, dass uncharakteristisches Fieber (U.F.),
afebrile Allgemeinreaktion (AFAR), Luftwegskatarrhe,
Tonsillitis die Statistik anführen; gefolgt von Myalgien,
Neuralgien, Arthropathien, Kreuzschmerzen, Neuritiden. In der Masse der Fälle entsprach in dieser kleinen
Stichprobe also die Beratungsursache im Wesentlichen
bereits dem Beratungsergebnis. Abholz et al. kamen
2001 zu einem ähnlichen Ergebnis (3). Dies deckt sich
mit der Erfahrung, dass durch die Konsultation in der
Sprechstunde nur ausnahmsweise sich ganz überraschende neue Aspekte ergeben. Der Patient weiß in den
meisten Fällen schon grob, »worum es geht«!
Die Einschätzung der sieben Items erfolgte per visualanalog-scale, ein elegantes Verfahren, um Einschätzungsunterschiede deutlich zu machen. Ein Problem der
visual-analog-scales ist allerdings die Neigung der Probanden, eine Markierung nahe der Mitte zu setzen.
Bei allen Fragen zur Einschätzung zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Einschätzung von
60
60
50
40
30
20
10
0
Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff Diff
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 10
Abbildung 9: Einschätzung des Beratungsproblems durch Arzt und
Patient hinsichtlich der Notwendigkeit einer Krankenhauseinweisung;
dargestellt ist die Differenz Patient minus Arzt (Einschätzung Einweisung unnötig = 0, Einschätzung Einweisung dringend = 10, N = 175)
Arzt und Patient: Sig. T lag in allen Fällen weit unter 0,05,
d. h. war unter 5 % signifikant.
Die Frage nach der Einschätzung der Gefährlichkeit der
Krankheitssituation wirft ein Schlaglicht auf die Frage:
»Warum kommt der Patient zum Arzt?«
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
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Originalarbeit
Jackson fand 1999, dass 64 % der Patienten den Arzt aufsuchen, weil sie eine ernsthafte Erkrankung fürchten –
dies obwohl im Studiendesign neben der Demenz Erkrankungen des oberen Respirationstraktes schon ausgeschlossen worden waren (7). »Die Angst treibt die Patienten in die Praxis«, der Arzt kann offensichtlich aber
die Patienten häufig beruhigen. Jeffrey et al. (8) geben
an, dass 63 % ihrer untersuchten Patienten vor der Konsultation eine ernsthafte Erkrankung fürchten, unmittelbar nach der ärztlichen Beratung nur noch 30 %.
»Organisch« oder »seelisch« ist für den Arzt eine wichtige Einschätzung bei vielen Beratungsproblemen. Das Ergebnis dieser Einschätzung ist allerdings für eine Deutung hier nicht so einfach. Waren die Ärzte so sensibel,
dass sie treffend die psychische Verursachung der Beschwerden erkannten, oder ist die Grafik Ausdruck einer
eher unkritischen Bewertung, die meist der Einschätzung des Patienten folgt? Hier sind weitere Untersuchungen nötig, um diese Fragen zu beantworten.
Reicht Fünf-Sinne-Diagnostik oder sind Maßnahmen
wie Blutentnahme, EKG oder sonstige technische Untersuchungen in der Praxis nötig? Laut Literatur erwarten
etwa 67 % der Patienten diagnostische Tests in der Praxis
(9, 10, 11, 12, 13). Auch in dieser Studie wurde deutlich,
dass Patienten oft diagnostische Maßnahmen erwarten,
obwohl sie aus ärztlicher Sicht entbehrlich sind.
Bereits 1987 wurde der Frage nachgegangen, inwieweit
die Zufriedenheit von Kreuzschmerzpatienten davon
abhängt, ob ihr Wunsch nach einer Röntgenaufnahme
erfüllt wird (18). Wird ein intensives Betreuungsprogramm angeboten, so sind sie mit oder ohne Röntgenaufnahme gleichermaßen zufrieden. Vielleicht können
diese Ergebnisse uns ermutigen, öfter einmal auf fehlindizierte, häufig sinn-, weil konsequenzlose CT-Untersuchungen zu verzichten. Schließlich werden die Beschwerden des Patienten durch die »Fahrt durch die
Röhre« keineswegs besser! Dagegen besteht die große
Gefahr der iatrogenen Fixierung durch aufgedeckte
»Nicht-Krankheiten«.
Neben der Angst bringt offensichtlich der Leidensdruck
den Patienten zum Arzt, aber dieser hält in vielen Fällen
eine Behandlung gar nicht für nötig.
Laut Literatur erwarten bis zu etwa 55 % der Patienten
eine medikamentöse Therapie (9, 10, 11, 12, 13). Allerdings gibt es hier je nach Art der Erkrankung große
Unterschiede. So sind Patienten mit kardiovaskulären
Erkrankungen, was Medikamentenwünsche angeht, wesentlich zurückhaltender als solche mit akuten Atemwegserkrankungen (14).
Gerade aber bei dieser Erkrankungsgruppe verschreiben
Ärzte oft Antibiotika, obwohl sie diese selbst nicht für indiziert halten (15). In einer Studie von Macfarlane waren
die Patienten deutlich zufriedener, wenn der Arzt ihrem
252
Wunsch nach Antibiotikaverordnung nachkam. Andere
Studien konnten dies allerdings nicht bestätigen (16, 17).
Zusammenfassung
Das nach der Konsultation vom Arzt formulierte Beratungsergebnis ist für den Patienten nur in Ausnahmefällen überraschend – entspricht es doch häufig der von
ihm vorgetragenen Beratungsursache.
Die Einschätzung hinsichtlich Akuität, organischer oder
psychischer Problematik, Notwendigkeit einer Überweisung zum Spezialisten bzw. einer Krankenhauseinweisung differierte wenig zwischen Arzt und Patient.
Die Patienten schätzten die Situationen tendenziell
gefährlicher ein als die Ärzte.
Der Patient erwartet in höherem Maß technisch-diagnostische Maßnahmen als der Arzt es für nötig hält.
Die Patienten wünschen vom Arzt in höherem Maße
Behandlungsmaßnahmen als dieser für erforderlich hält.
Warum also kommt der Patient zu seinem Hausarzt?
Weil er Angst hat,
weil er gründlich untersucht werden möchte,
weil er Linderung seiner Beschwerden sucht.
Literatur
1. Mader FH, Weißgerber H: Allgemeinmedizin und Praxis. 4. Aufl.,
Springer Berlin, Heidelberg, New York 2002: 3–21
2. Mader FH: Hospitationsbogen pers. Mitteilung
3. Abholz HH, Hager WC, Rose CM: Der Behandlungsanlass –
Oberfläche und Hintergrund. Z Allg med 2001; 77: 409–414
4. Wüthrich-Schneider E: Patientenzufriedenheit wie messen?
Schweizerische Ärztezeitung 2000; 81 (2): 1116–1119
5. Jaya K, Rao MHS, Weinberger PhD, Kroencke K: Visit-Specific
expectations and patient-centered outcomes. Arch Fam Med 2000;
9: 1148–1155
6. Joos SK, Hickam DH, Borders LM: Patients’ desires and satisfaction in general medicine clinics. Public Health Rep (United States)
1993; 108 (6): 751–759
7. Jackson JL, Chamberlin J: Effects of physician awareness of
symptom-related expectations and mental disorders. A controlled
trial. Arch Fam Med 1999; 8 (2): 135–42
8. Jeffrey L, Jackson MPH, Kroenke K: The effect of unmet expectations among adults presenting with physical symptoms. Ann
Intern Med 2001; 134: 881–888
9. Kravitz RL: Measuring patients` expectations and requests. Ann
Intern Med 2001; 134: 889–897
10. Kravitz RL, Cope DW, Bhrany V, Leake B: International medicine: patient’s expectations for care during office visits. J Gen Intern
Med 1994; 9: 75–81
11. Froehlich GW, Welch HG: Meeting walk-in patients’ expectations for testing. Effects on satisfaction. J Gen Intern Med 1996;
11 (8): 470–4
12. Kravitz RL, Callahan EJ, Paterniti D, Antonius D, Dunham M,
Lewis CE: Prevalence and sources of patients’ unmet expectations
for care. Ann Intern Med 1996; 125 (9): 730–7
13. Marple RL, Kroenke K, Lucey CR, Wilder J, Lucas CA: Concerns
and expectations in patients presenting with physical complaints.
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
Originalarbeit
Frequency, physician perceptions and actions, and 2-week outcome. Arc Intern Med 1997; 157 (13): 1482–8
14. Montgomery AA, Fahey T: How do patient’s treatment preferences compare with those of clinicians? Quality in Health Care
2001; 10 (Suppl. I): i 39–i 43
15. Macfarlane J, Holmes W, Macfarlane R, Britten N: Influence of
patients’ expectations on antibiotic management of acute lower
respiratory tract illness in general practice: questionnaire study.
BMJ 1997; 315: 1211–4
16. Hamm RM, Hicks RJ, Bemben DA: Antibiotics and respiratory
infections: are patients more satisfied when expectations are met?
J Fam Pract 1996; 43 (1): 56–62
17. Himmel W, Lippert-Urbanke E, Kochen MM: Are patients more
satisfied when they receive a prescription? The effect of patient
expectations in general practice. Scand J Prim Health Care 1997;
15 (3): 118–22
18. Deyo RA, Tsui-Wu YJ: Functional disability due to back pain.
A population-based study indicating the importance of socioeconomic factors. Arthritis Rheum 1987; 30 (11): 1247–53
Zur Person
Dr. med. Reinhold Klein, Facharzt für
Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie, seit 1986 niedergelassen als Allgemeinarzt in großer Landpraxis, die seit
1993 als Gemeinschaftspraxis geführt
wird. Praxisschwerpunkte Sportmedizin,
Chirotherapie, kleine Chirurgie und medizinische Fotodokumentation. Seit 1995
Referent im Rahmen der »Praktika-Fortbildung zum Mitmachen«. Seit 1988 Fachprüfer und seit Einführung der Blockpraktika Referent und Moderator für die Seminarweiterbildung im Fach Allgemeinmedizin bei der Bayerischen Landesärztekammer. Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des
Instituts für Praxisforschung (PRAFO) im BDA. Seit 1996
Lehrauftrag für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München. Geboren 1955, verheiratet, zwei Kinder.
Dr. med. Josef Scherer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Diplommathematiker. Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Garmisch-Partenkirchen, Lehrauftrag der
Universität München »Epidemiologie psychosozialer Störungen«. Geboren 1948, verheiratet, sechs Kinder.
Dr. med. Fritz Meyer, Facharzt für Allgemeinmedizin,
Sportmedizin, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde.
Niedergelassen als Allgemeinarzt in einer ländlichen
Gemeinschaftspraxis zusammen mit dem Zwillingsbruder
seit 1987, Weiterbildungsermächtigung für das Fach Allgemeinmedizin seit 1988. Mitarbeiter am Lehrauftrag Allgemeinmedizin der Technischen Universität München seit
2000.
Buchtipp
Arbeitsrechtlicher Leitfaden für das Gesundheitswesen
V. Großkopf, M. Schanz, Spitta Verlag 2003, 166 S., plus CD-ROM,
19,80 Euro
Auch im Gesundheitswesen wird es zunehmend bedeutsam,
die rechtlichen Zusammenhänge von Beschäftigungsverhältnissen zu kennen. In dem vorliegenden Büchlein versuchen die
Autoren dem juristischen Laien arbeitsrechtliches Grundwissen
zu vermitteln, um zumindest nicht von vornherein nachteilige
Entscheidungen für seine Praxis bzw. Krankenhaus zu treffen.
Wenngleich ein deutlicher ( Beispiel-) Schwerpunkt im Klinikbereich liegt, so findet sich doch das eine oder andere Bedeutsame auch für den niedergelassenen Arzt. Die Zielgruppe (Personalsachbearbeiter, Personalvertretungen und Pflegedienstleitungen) ist richtig gewählt. Etliche Beispiele machen typische
arbeitsrechtlich bedeutsame Bedingungen klar, die Hinweise
auf die entsprechenden Paragrafen helfen dem Leser jedoch
kaum weiter.
Sehr übersichtlich die Gliederung, die einem ermöglicht, gezielt die Antwort auf seine Frage zu finden. Ganz praktisch sind
die individualisierbaren Texte und Formulare auf der mitgelieferten CD-ROM. Auch wenn z. B. die Beispielzeugnisse nur in
drei Varianten vorliegen, so mag das Abmahnungsformular
oder das Kündigungsschreiben recht hilfreich sein. Naturgemäß kann dieses Buch nicht alle arbeitsrechtlichen Fragen vom
Beginn bis zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses beantworten und jeder Verantwortliche ist gut beraten, sich insbesondere bei Streitigkeiten rechtzeitig kompetenten fachlichen Rat bei
einem Arbeitsrechtler zu holen.
Zusammenfassend erhält man für das Geld einen guten Einblick in das Arbeitsrecht im Gesundheitswesen, dennoch sollte
man sich den Grenzen seiner juristischen Kompetenz bewusst
bleiben.
Dr. med. Hans-Michael Mühlenfeld, Arzt für Allgemeinmedizin,
Bremen
Z. Allg. Med. 2003; 79: 248–253. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003
253
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Gesundheitswesen
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