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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
„Aufwachsen ohne Gott
Humanistische Erziehung heute“
Autorin: Nela Fichtner
Redaktion: Christoph König
Autorinnenproduktion
Sendung: Samstag, 25.10.2014, 8.30 Uhr, SWR 2
_________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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1
01 Wissen Atmo Kita außen
Sprecherin:
Unter einer ausladenden Platane spielen Kinder im Sand, rutschen oder fahren mit
Bobby-Cars. Der Garten am Fuß der Stuttgarter Karlshöhe, gehört zur alten Villa des
Humanistischen Verbandes Baden-Württemberg.
Kreuzblende 01 mit 02 Wissen Atmo Kita innen
Sprecherin;
Im Souterrain ist seit einem Jahr (Herbst 2013) die verbandseigene Kindertagesstätte
samt Krippe in Betrieb – die einzige humanistische Kita im deutschen Südwesten.
02 Atmo innen kurz hochziehen (unter Text, O-Ton 3 und O-Ton 4 weiter)
Sprecherin:
Leiterin Susanne Winkler kommt mit einer Gruppe Drei- bis Fünf-jähriger zur Tür herein.
Sie hilft ihnen beim Schuhe Ausziehen. Dabei erklärt sie mir, worum es in einer
religionslosen, humanistischen Erziehung geht.
03 Wissen Kitaleiterin Winkler humanistische Pädagogik, 0`29
„Weltoffenheit, geistige Offenheit, Toleranz den anderen gegenüber walten zu lassen.
Dann das Vertrauen auf sich selbst zu fokussieren, die Eigenständigkeit, ja, die
Eigenverantwortlichkeit…das sind einfach so ganz wesentliche Grundsätze, die für
mich, in meinem Leben ganz wichtig sind, und die ich natürlich in der Bildung als
wesentliche Bausteine für jedes Kind sehe, um für die Zukunft gewappnet zu sein.“
Sprecher:
„Aufwachsen ohne Gott. Humanistische Erziehung heute.
Ein Feature von Nela Fichtner“.
Sprecherin:
Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein - diese Ziele schreiben sich viele
Kitas auf die Fahnen. Humanistische Erzieherinnen, sagt Susanne Winkler, legen
außerdem Wert darauf, dass Kinder Vorgaben hinterfragen und einen eigenen
Standpunkt entwickeln. Religiöses Wissen vermitteln sie den Kindern nicht, obwohl sie
Gläubigkeit als eine von vielen Möglichkeiten akzeptieren. Diese Zurückhaltung schätzt
Jane Klemann besonders. Deshalb hat sie sich dafür entschieden, ihren vierjährigen
Sohn Florin in die humanistische Kita zu schicken. Sie selbst sei zwar Christin, sagt sie
und streicht Florins Bruder übers Baby- Köpfchen, aber ihr Mann sei nicht gläubig.
Beide seien sich einig gewesen, dass Florin in Glaubensfragen nicht beeinflusst werden
soll.
04 Wissen Kitamutter 1 zu rel. offenen Erziehung, 0`20
„Wir versuchen generell, dass er sich selbst ein Bild machen kann, nicht so sehr
vorzugeben: das und das hast Du zu denken oder zu glauben, sondern ich möchte
meinem Kind keine Richtung vorgeben, ich möchte ja, dass es schlussendlich
irgendwann selbst rausfinden kann, was ist für mich das Richtige. Ich möchte ihm das
nicht schon so in eine Bahn lenken und ihm meinen Glauben aufdrücken.“
2
05 Wissen Atmo Kinderlied (unterm letzten O-Ton Kita-innen-Atmo mit Kreuzblende
aus-, Kinderlied einblenden), eine Strophe hochziehen, dann unterm Text leise weiter
06 Wissen Kitamutter 2 , 0`24
„Ich bin die Rebecca Kemmler, ich hab einen Sohn hier, der ist jetzt drei Jahre alt, ich
bin schon auch christlich erzogen, ich bin konfirmiert, getauft, bin mittlerweile nicht mehr
in der Kirche, aber deswegen sind ja auch die Werte, die hier die Humanisten vermitteln
im Prinzip sehr ähnlich dem Christentum, nur eben ohne diesen religiösen Hintergrund
und von dem her entspricht das eigentlich sehr gut dem, wie mein Mann und ich leben,
mein Mann ist Atheist, im Prinzip entspricht` s eben sehr gut unserem Weltbild.“
05 Wissen Atmo Kinderlied hochziehen, unterm O-Ton weiter
(am Ende Kreuzblende mit 07 Wissen Atmo Kitamutter 3 liest vor)
08 Wissen Kitamutter 3 keine relig. Einflussnahme, 0`23
„Mein Name ist Ingrid Wiesner und mein Sohn ist drei Jahre alt, besucht seit Januar die
Kita, uns war das einfach wichtig: wir wollen das einfach ihm überlassen, wie er sich
später mal entscheidet, ob er glaubt oder nicht glaubt, wir wollen ihn da nicht
beeinflussen. Er kommt jetzt nicht auf die Idee, dass es Gott gibt oder nicht gibt und ich
geb ihm jetzt diese Idee von Himmel und Engeln und so, die geb ich ihm nicht vor.
07 Wissen Atmo Kitamutter 3 liest vor hochziehen, bisschen stehenlassen,
ausblenden
09 Wissen Kitamutter 3 Weihnachten, 0`21
„Also z.B. wie man Weihnachten feiert, da haben wir dann viel diskutiert, wie wir das
feiern, ob wir ne Krippe aufstellen oder nicht. Wir haben uns dann doch durchgerungen,
einen Christbaum zu kaufen, aber so mit der Weihnachtsgeschichte nicht,
Weihnachtsgeschichten hab ich noch nie gekauft, ne, würd ich auch nicht machen. Das
ist einfach nur so ein schönes Familienfest, wo wir einfach nur zuhause sind meistens.“
10 Wissen Atmo Kinderlied (unterm vorigen O-Ton schon eingeblendet, hochziehen,
unterm Text leise weiter)
Sprecherin:
Die Erzieherinnen am Fuß der Karlshöhe integrieren das Fest in den humanistischen
Kalender. Weihnachten fällt auf die Wintersonnwendfeier, die sie ebenso feiern wie jede
andere Jahreszeit. So würdigen die Humanisten den Kreislauf der Natur. Die
Weihnachtgeschichte erzählen sie den Kindern nicht. Auch „O, Du fröhliche“ oder „O
Tannenbaum“ stehen nicht auf dem Programm. Dennoch, betont Kitaleiterin Susanne
Winkler, sei sie für alles offen.
11 Wissen Winkler Weihnachten, 0`32
„Wenn die Kinder jetzt danach fragen, dann muss man einfach sagen: `es gibt die
Lieder und es gibt die Lieder, wenn Du`s hören möchtest, können wir`s gern nochmal
singen, aber unser Fokus ist hier vom Liedgut her ganz gezielt eben auch in dieser
Phase im Jahr das Miteinander und das Fest der Liebe und wir haben das mit
dementsprechendem Liedgut und dementsprechender Literatur bestückt und gelebt und
haben es zusammen gefeiert. Und es war ein sehr schönes, ein sehr stimmungsvolles
Fest, aber wir haben gesagt: ein Miteinander, ein Fest der Liebe.“
…und kein Fest, das vom Christkind handelt. Das kommt nur auf Nachfrage vor.
3
02 Wissen Atmo Kita innen hochziehen (unter vorigem O-Ton am Anfang mit LiedAtmo kreuzgeblendet), dann unter folgendem Text ausblenden
Sprecherin:
Christliche Feste ohne religiösen Inhalt feiern – das tut nicht nur der Humanistische
Verband, der republikweit 20.000 Mitglieder zählt. Nach neusten Umfragen finden das
die meisten Konfessionslosen in Deutschland ganz normal. Sie machen mittlerweile ein
gutes Drittel der Bevölkerung aus, Tendenz steigend. Entsprechend lernen auch immer
mehr Kinder Weihnachten ohne Christkind und Ostern ohne Auferstehung kennen.
Darin sehen viele Menschen kein Problem. Anders der Tübinger Religionspädagoge
Professor Friedrich Schweitzer. Sein Argument: Wenn Kinder die Inhalte von Religion
nicht erfahren, können sie sich auch kein Urteil bilden. Die natürliche Neugier von
Kindern werde so missachtet
12 Wissen Prof. Friedrich Schweizer natürl. relig. Neugier, 1`07
„Ich kann das an dem berühmten Beispiel von Kindern, die zum ersten Mal erleben,
dass jemand stirbt, gut zeigen. Es ist ja so: Kinder wollen natürlich wissen, wohin die
Toten kommen und dass die Toten begraben oder verbrannt werden. Das ist alles sehr
sehr wichtig. Aber wenn das alles beantwortet ist, dann wollen die Kinder immer noch
wissen, ja und wohin gehen denn die Toten, wie leben sie denn dort? Und früher hat
man darauf sehr schnell geantwortet und gesagt, ach, die leben gar nicht mehr. Aber
das ist keine Antwort, die die Kinder zufrieden stellt. Also ich will damit sagen und
zeigen, Kinder fragen über die Welt hinaus, früher nannte man das metaphysische
Fragen, die Kinder haben, ihr Interesse bezieht sich auf Transzendenz, das kann man
natürlich ablehnen, wenn man Kinder nun von transzendenten Fragen abbringen will,
aber das ist ein Eingriff in das Aufwachsen von Kindern. Deshalb, meine Maxime heißt:
Kinder in ihrem natürlichen Interesse an Religion, Glaube, an Gott zu unterstützen und
sie hier genauso auch wachsen zu lassen wie in anderen Bereichen auch.“
Sprecherin:
Dass Kinder ein natürliches Interesse an Religion haben, kann Erzieherin Susanne
Winkler nicht erkennen. Sie seien zwar neugierig. Aber nach Gott -oder einem Leben
nach dem Tod- habe in ihrer Kita noch niemand gefragt.
13 Wissen Winkler keine relig. Fragen, 0`22
„Also von den Kindern kam diesbezüglich keine Frage oder kam bisher keine Frage. Wir
hatten jetzt unlängst mal, dass eben ein Todesfall in der Familie war, wo dann die Frage
kam, ja, wie kann ich jetzt damit umgehen? Aber das war dann auch eher bei den Eltern
der Punkt, das war aber bisher die einzige Situation, wo man sagen kann, das geht in
diese Richtung.“
Dabei sei es vor allem um Verhaltens-Fragen gegangen, betont Winkler. Z.B. um die
Frage, wie viel Trauer Kinder mitbekommen dürfen. Religiöse oder philosophische
Überlegungen hätten für die Familie keine Rolle gespielt.
Ähnliche Erfahrungen hat Ulrike von Chossy gemacht, die im bayrischen Fürth die
einzige humanistische Grundschule Süddeutschlands leitet. Auch ihre Schülerinnen
und Schüler, erzählt sie, fragen kaum danach, ob es Gott gibt oder ob die Geschichten
von Jesus wahr sind.
14 Wissen von Chossy keine Frage nach Wahrheit, Todesfall, 1`06
4
„Diese Frage ist erstaunlich selten kommt die, die Kinder erzählen meistens lieber, was
sie selber denken oder was ihre Eltern erzählen. Nein, die Kinder sind bei uns gewohnt
selber zu denken. Die fragen tatsächlich nicht, ist das wahr oder nicht, weil sie nicht das
Bedürfnis haben, erstaunlich selten kommt sowas. Die meisten Kinder wollen erzählen,
wie`s ihnen selbst geht oder was sie selbst denken. Ich kann Ihnen sagen, wie das
Thema des Sterbens mal zu uns kam: Eines unserer Kinder ist verstorben, zuhause,
das Kind war schwerst behindert. Und da mussten wir uns mit dem Thema natürlich
auseinandersetzen und wir haben uns dann mit den Kindern zusammengesetzt und
dann haben wir überlegt, was wir denn jetzt gemeinsam so tun können und da meldete
sich ein Mädchen und sagte, sie wisse jetzt genau, was man da macht: da betet man
jetzt. Und da wollt ich schon sagen: Für manche Kinder, die das jetzt möchten, ist das
vielleicht ne gute Lösung, aber ich kam gar nicht dazu, weil hinter mir sagte so ein
Kleiner: `was ist denn das?` Und dann erklärte sie: `Da faltet man die Hände, denkt an
den Verstorbenen und verabschiedet sich innerlich. `Und das ist eine derart schöne
Definition von so einem gemeinsamen Abschiedsritual, da konnten wir alle was damit
anfangen. Natürlich haben wir nicht alle gebetet logischerweise, aber die Idee,
gemeinsam so ein Ritual durchzuführen, was Halt gebendes, das hat natürlich was, das
geht auch ohne die Anreicherung von mystischen Vorstellungen.“ (9`00)
15 Wissen allg. Schulatmo innen(unter Text und O-Ton leise weiter)
Sprecherin:
Die Kinder an Ulrike von Chossys Grundschule kommen nur zu einem Drittel aus
atheistischen Familien. Die anderen sind christlich, muslimisch oder jüdisch. Für sie gibt
es an der humanistischen Grundschule zwar keinen Religionsunterricht, doch
Glaubensfragen sind nicht tabu.
16 Wissen Kinder aus Fürth 0`30
„Kinder können von zuhause Sachen über die Religion mitbringen und vorstellen“, „ich
wollte mal, aber ich habs vergessen“ „..““einmal den Islam, die Religion gemacht und
einmal, das weiß ich nicht mehr“, „wir hatten auch, wie man das betet in Mekka und da
durften wir auch am PC einen kleinen Film darüber schauen, wie das da ist.“
Sprecherin:
Alles, was die Kinder einbringen, wird aufgegriffen, betont die Schulleiterin. Dadurch
würden Gläubige und Nichtgläubige den gleichen Raum bekommen. Selbst an
staatlichen Schulen sei das keine Selbstverständlichkeit. Denn der Ethikunterricht, der
als Alternative zum Fach Religion fungiert, werde erst in höheren Klassenstufen
angeboten, erklärt von Chossy. So würden Grundschüler, die nicht zum
Religionsunterricht gehen, mit ihren weltanschaulichen Fragen allein gelassen. Noch
extremer sei es manchmal für konfessionslose Kindergartenkinder: Viele von ihnen
besuchten wegen der räumlichen Nähe zum Wohnort einen kirchlichen Kindergarten,
fügt sie hinzu. Dort fühlten sie sich häufig ausgegrenzt.
17 Wissen von Chossy Benachteiligung nicht-religiöser Kinder, 0`40
„Denn das ist ja manchmal ein Problem für nicht-religiöse Menschen, dass sie – egal,
wo sie hinkommen, da sitzt dann jemand, der die Wahrheit für sich gefunden hat für
sich und den Rest der Welt und dann ungeachtet und manchmal auch respektlos über
die Welt der Kinder hinweg geht und ihnen die eigene Wahrheit versucht überzustülpen.
Und wenn Sie so gucken am Land bei uns in Bayern zumindest ist es häufig so, da
gibt’s kirchliche Kindertagesstätten, da sitzen die Kinder drin und da wird dieses Wir5
Gefühl eben durch religiöse Rituale erzeugt und jeder, der das nicht glaubt ist außen
vor. Das heißt mit jedem Wir-Gefühl wird auch ein Ihr-Gefühl erzeugt. Jetzt werden aber
auch diese Kindertagesstätten mit öffentlichen Mitteln finanziert. Das ist eigentlich nicht
fair, ich möchte mit meinen Steuergeldern gleichberechtigt behandelt werden und nicht:
Meinem Kind wird täglich klargemacht, dass es nicht zum „Wir“ gehört, sondern ein „Ihr“
ist. (10`10)
18 Wissen Schulhof (Kreuzblende im vorangegang. O-Ton)
Sprecherin:
Die Pädagogin spricht aus eigener Erfahrung: Sie hat zwei erwachsene Kinder, für die
es noch keine humanistische Kita oder Schule gab. Ulrike von Chossy hat vor fünf
Jahren die erste Schule dieser Art in Süddeutschland gegründet, die vom
humanistischen Verband Bayern getragen wird. Das Konzept orientiert sich an
reformpädagogischen Ansätzen: Jedes Kind soll eigenbestimmt lernen und
Verantwortung übernehmen. Die Schülerinnen und Schüler werden ermutigt, alles
kritisch zu hinterfragen, sich eine eigene Meinung zu bilden und ihre Interessen aktiv
einzubringen. Darauf richten die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht aus. Auf dem
Programm stehen Religionen nur im wertneutralen Ethikunterricht und im Fach
humanistische Lebenskunde.
19 Wissen Atmo Lied "Lebenskunde - Was ist das..." („one, two three“ schon unterm
vorigen Text eingeblendet; dann paar Takte allein, dann unterm Text weiter,
Kreuzblende nächstes Lied
Sprecherin:
Den Weltanschauungsunterricht „Lebenskunde“ gibt es bislang nur in wenigen
Bundesländern. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hat der Humanistische
Verband zu wenige Mitglieder, um an den Schulen präsent zu sein. In NordrheinWestfalen ist das anders. Doch die Landesregierung blockiert die Zulassung, weil sie
dann -neben Religionslehrern- auch noch Lebenskundelehrer bezahlen müsste.
Dagegen klagt der Landesverband, bislang jedoch ohne Erfolg. In Berlin und
Brandenburg dagegen war die gleiche Klage vor Jahren erfolgreich. Seitdem ist der
Lebenskundeunterricht dort weit verbreitet: In der Berliner Schule am Friedrichshain
z.B. schmettern die Fünftklässler begeistert.
20 Wissen Lied „na und“ hochziehen 0`20-39 „Na und, na und…… was in ihm
steckt... dann unterm Text leise weiter)
Sprecherin:
Kein Mensch ist perfekt. Das vermittelt Lebenskundelehrer Olaf Schäfer seinen
Schülern ebenso wie die Lust am Fragen-Stellen und Philosophieren. Außerdem
bestärkt er sie, ihre Kinderrechte einzufordern, persönliche Schwierigkeiten
auszudrücken und Alltagsprobleme zu benennen. Um sie dann in Rollenspielen
gemeinsam zu verarbeiten.
21 Wissen, LK Lehrer fragt Schüler“, 0`46
„Ihr habt ja jetzt fünf Jahre sozusagen Lebenskundeunterricht gehabt. Und an welche
Themen erinnert Ihr Euch, was hat Euch beeindruckt?“
„Ich würd sagen, dass man dabei gelernt hat, dass Erwachsene auch nicht perfekt sind
und dass man erst mal bei sich selber anfangen sollte auch.“
6
„Wir haben versucht rauszufinden, was einen glücklich macht“
„Für die Einen ist es Glück von einem Schuppen zu springen und zu überleben für die
anderen ist es Glück, ein 1-Cent-Stück zu finden. Für jeden ist das was
Unterschiedliches: Glück“
„Was ist denn für Dich Glück?“
„Wenn meine Mama das Baby kriegt.“
„eigentlich freu ich mich ja immer nicht so auf die Schule, aber auf Lebenskunde am
Freitag, das find ich doch ganz okay.“
„Man kann auch seine Meinung sagen und wir singen auch viel und das lockert auf.“
Sprecherin:
Den Lebenskundeunterricht besuchen in Berlin mittlerweile rund 55.000 Schülerinnen
und Schüler. Das sind zwar deutlich weniger als im evangelischen Religionsunterricht.
Aber es sind wesentlich mehr als im katholischen Unterricht, den nur 30.000 Kinder und
Jugendliche besuchen. Ein Grund ist wohl die atheistische Tradition der Ostberliner.
Aber auch viele Westberliner sind nicht mehr gläubig. Zwei Drittel der
Hauptstadtbewohner gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Dennoch wollen sie
ihren Kindern Werte vermitteln. Viele schicken ihre Kinder deshalb in den
Lebenskundeunterricht. Der ist –wie der Religionsunterricht – in Berlin ein freiwilliges
Zusatzfach. Nur den Ethikunterricht müssen ab Klasse sieben alle besuchen. Doch was
unterscheidet überhaupt Ethik von Lebenskunde? Lehrer Alexander Bischkopf erklärt:
22 Wissen, LK Bischkopf“, 0`36
…dass Ethik ein vermittelndes Fach ist-und zwar würde ich von einem Ethiklehrer
erwarten, dass er sich neutral verhält und die verschiedenen Weltanschauungen und
Religionen miteinander vergleicht, wohingegen der Lebenskundelehrer Stellung
beziehen kann und auch muss. Also er ist ja auch Mitglied des humanistischen
Verbandes, das ist eine bewusste Entscheidung auf einen Blick auf die Welt und auf
das Leben, auf gewisse Werte und Postulate, die wir hochhalten: Also es ist ein
eindeutiger Bezug zur Weltlichkeit, zum wissenschaftlichen Weltbild, kein
Dogmatismus, der Zweifel ist bei uns ein hohes Gut, Gleichheit, Freiheit,
Verbundenheit, und Gemeinschaft, Solidarität und das kritische Weltbild.“ (14`20)
Sprecherin:
Kritisch sieht Bischkopf auch, dass Religionsunterricht in fast allen Bundesländern
ordentliches Lehrfach ist, während die Humanisten für die Zulassung von Lebenskunde
vor Gericht ziehen müssen. Das ärgert auch Manfred Isemeyer, der dem
humanistischen Landesverband Berlin-Brandenburg vorsitzt. Die staatlichen
Widerstände gegen den Lebenskundeunterricht passten nicht zum Grundgesetz, sagt
er. Denn dort seien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ausdrücklich
gleichberechtigt. Dieses Verfassungsrecht, betont Isemeyer, werde auch in finanzieller
Hinsicht verletzt.
23 Wissen, Isemeyer zu Staatsgeld an Kirchen“ , 0`25
„Die religiösen, weltanschaulichen Gruppen sind sozusagen ein Partner in dieser
Gesellschaft. Und genau wie ein Sportverein Geld bekommt aus dem
Steuereinkommen, sollen auch religiöse, weltanschauliche Gruppen ihren Teil kriegen.
Aber sie sollen es nicht kriegen, weil sie vor 200 Jahren mal enteignet worden sind –
dafür kriegen ja die meisten Religionsgemeinschaften ihre Dotationen, das ist schon
lange abgegolten, wie wir meinen, und das müsste man jetzt auf neue Füße stellen.“
7
Sprecherin:
Doch die Kirchen beharren auf ihren Entschädigungsansprüchen. Nach ihren
Schätzungen schuldet der Staat ihnen noch mindestens 12 Milliarden Euro. Wenn die
beglichen würden, wären sie durchaus bereit, künftig auf regelmäßige Zahlungen zu
verzichten. Doch eine Verhandlungsoffensive starten die Kirchen ebenso wenig wie die
Bundesregierung. Beiden Seiten scheint das Eisen zu heiß zu sein.
Solange der Staat sein Verhältnis zu den Kirchen allerdings nicht klärt, wird auch das
Verhältnis zu anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften vage bleiben.
Die Forderung nach finanzieller Gleichbehandlung wird weiterhin verhallen.
Aus eigener Kraft können die Humanisten im deutschen Südwesten keinen
Lebenskundeunterricht anbieten. Deshalb wollen sie, dass die Schulen für
konfessionslose Kinder wenigstens das neutrale Fach Ethik anbieten. Doch das gibt es
in Baden-Württemberg erst ab Klasse sieben. In Rheinland-Pfalz dagegen können
schon Erstklässler zwischen Religions- und Ethikunterricht wählen. Das versuchte Anna
Ignatius aus Freiburg auch für ihr Kind einzufordern und ging bis vor das
Bundesverwaltungsgericht in Leipzig – der Humanistische Landesverband unterstützte
ihre Klage.
24 Wissen Ignatius, Motiv, 0`17
Also mir geht’s darum, dass es eben eine Alternative zum Religionsunterricht gibt an
der Grundschule, dass Menschen, die keine Religion haben, ernst genommen werden,
dass es auch hier ein Angebot gibt für die Kinder, dass sie sich mit gesellschaftlichen,
kulturellen, sozialen Problemen auseinandersetzen können.
Sprecherin;
Doch das Gericht lehnte diese Forderung im vergangenen April ab. Nach Meinung der
Richter muss der Staat Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zwar die
Möglichkeit geben, ihren Werte-Unterricht an den Schulen anzubieten. Doch er sei nicht
verpflichtet, selbst ein entsprechendes Angebot zu machen. Also bekommen jüngere
Schüler in Baden-Württemberg weiterhin keinen Ethikunterricht
25 Wissen Ignatius, Urteil schade, 0`24
In den höheren Klassen wird es als selbstverständlich angesehen, dass es wichtig ist.
Und ich denke, gerade bei den Kleinen, wo das Denken ja auch wirklich beginnt, ist es
absolut wichtig. Ich finde es schön, wenn Kinder Fragen stellen und ich finde es schön,
wenn Kinder nicht immer nur meine Antwort kriegen, sondern vielleicht auch mit
anderen Kindern zusammen und eben einem ausgebildeten Lehrer die Themen
besprechen können. Und deswegen finde ich es schade.
Sprecherin:
Anna Ignatius will die Niederlage nicht akzeptieren: Sie will vor das
Bundesverfassungsgericht ziehen. Auch dabei werden die Humanisten sie unterstützen.
Unterdessen bieten sie in ihren eigenen Räumen Werte-Unterricht im kleinen Stil an für Mädchen und Jungen, die sich auf die Jugendfeier einstimmen: eine Feier zum
Erwachsen-Werden – ähnlich wie Kommunion und Konfirmation, nur eben ohne Gott.
Zur sechsmonatigen Vorbereitung gehören gruppendynamische Spiele, die heute im
schattigen Hof der Verbandsvilla stattfinden. Sieben Jugendliche lauschen den
Anweisungen eines Erlebnispädagogen
26 Wissen Atmo Spiel, 2` 04, „wo seid Ihr denn hier……bis 0`27 alleine stehen
lassen, dann unterm Text weiter
8
Sprecherin:
Sören, Niklas und Janna versuchen, gemeinsam auf nur einer umgedrehten
Sprudelkiste Platz zu finden. Eric angelt inzwischen eine neue Kiste, auf der die
Mannschaft ihren Weg durch den Sumpf fortsetzen kann. Doch Krokodil Laura macht
sie ihm streitig.
Atmo kurz hoch, dann leise weiter bis fast zum O-Ton
Sprecherin:
Neben Spielen, die Teamgeist und Selbstvertrauen steigern sollen, unternimmt die
Gruppe Ausflüge und diskutiert, welche Werte jedem Einzelnen wichtig sind. Außerdem
setzen sich die Jugendlichen mit Religionen und Weltanschauungen auseinander, vor
allem mit dem Humanismus. Andreas Henschel, der Geschäftsführer der Humanisten
Baden-Württemberg
27 Wissen Henschel mit Jugendlichen, 1`13, ihre Themen
So, wir haben ja nun einen langen Abriss hier gemacht von den alten Philosophen über
den Renaissance-Humanismus hin zu den Freireligiösen – 48ger-49gerRevolution…und sind dabei gelandet, dass wir ja nun hier in Stuttgart sitzen und Euch
auf die Jugendfeier vorbereiten und Ihr seid darauf gekommen, dass Ihr die Feier
macht, weil Ihr was von Euch sagen wollt – Euren Freunden, Eurer Familie, Euren
Verwandten. Was Ihr denen sagen wollt, das bereiten wir ja hier vor auch ein bisschen,
aber das sind Themen, die Ihr wählt. Was wollt Ihr da auf die Bühne bringen?
„Äh, ich sprech über Wünsche vom Leben…“ „Ich werde über den Umweltschutz, also
mehr über die Umweltzerstörung reden, da das ein Thema ist, das mich fast täglich
betrifft“,
„Ich werde über die DLRG reden, also Deutsche Lebensrettungsgemeinschaft, warum
ich in der DLRG bin und was mir das bedeutet: Da kann man halt auch was erleben und
anderen Menschen helfen.“ „Ich wird über meine Musik reden, heavy metal, weil für
mich da einfach extrem viele Emotionen drinstecken und mir das auch sehr viel
bedeutet.“
Sprecherin:
Kolja, Sören, Aaron und Eric feilen wochenlang an der Präsentation ihres Themas.
Ebenso Laura und Janna. Ihre Aufregung wächst, je näher die Jugendfeier rückt.
28 Wissen Laura und Janna nervös, 0`10
„Ähm - Ich bin relativ nervös, aber auch erleichtert, also es ist ein gutes Gefühl.“
“Ziemlich aufgeregt und so ein bisschen hibbelig, aber auch ziemlich gut, also es wird
schon cool.“(21`10)
29 Wissen Atmo Begrüßung nur unterlegt – erst unter der Musik ausblenden
Sprecherin:
Endlich ist es soweit. Im Festsaal versammeln sich rund 200 Gäste. Sie begrüßen
einander und setzen sich in die Stuhlreihen vor der Bühne. Jugendleiterin Andrea
Hänneke geht nochmal den Ablaufplan durch
30 Wissen Hänneke, 0`15, gespannt
9
Hoffen wir, dass alles klappt und dass alle die Erwartungen sich erfüllen – von den
Kindern im Speziellen natürlich, aber auch die Angehörigen, die Eltern, die sich so
lange darauf gefreut haben, dass der Tag endlich kommt und heut ist er da und wir sind
sehr gespannt.
31 Wissen Atmo Band „gib Dir selbst die Chance…. zu verstehn“ bei 0`19…
Sprecherin:
Die sieben Jugendlichen schreiten im Takt herein – in schicken Kleidern und sichtlich
angespannt. Vor der Bühne stellen sie sich nebeneinander auf, lächeln angestrengt und
nehmen nacheinander in der ersten Reihe Platz
Atmo hochziehen Klatschen – über letztes Klatschen:
32 Wissen Festrede Hänneke, Klatschen und Film – bis 0`18 alleine, bei Musik
„Die Vorstellung der Jugendlichen übernehmen wie jedes Jahr die kids selbst….aus
unserem Vorbereitungswochenende in Erpfingen auf der Schwäbischen Alb ist ein Film
mit Interviews entstanden, den wir Ihnen heute zeigen möchten – viel Spaß“ Klatschen
–(22`40)
sobald Musik kommt, diese leise weiter unterm Text
Sprecherin:
Nachdem sich die Jugendlichen im Film gegenseitig vorgestellt haben, hält jeder
Einzelne seinen Vortrag. Janna referiert über die Fairness-Regeln bei ihrem
Lieblingssport Karate, Kolja spricht über Mobbing und seinen Wunsch nach mehr
Respekt. Und Laura präsentiert sich im japanischen Manga-Kostüm. Ihr Hobby,
Cosplay, Kostüm-Spiel, sei mit besonderer Toleranz verbunden, betont sie am
Rednerpult
33 Wissen Atmo-O-Ton Laura, 0`20, ab 0`09 leise unterm Text weiter
„Diese Seite am Cosplay hat mir sehr geholfen. Also ich bin viel offener und
selbstbewusster geworden, was mit auch ermöglicht hier so vor Euch zu stehen und so
offen zu reden…es hat mir halt geholfen………“
Sprecherin:
Während Laura auf der Bühne steht, wischt sich ihre Mutter, Iris Glöck, eine Träne aus
dem Augenwinkel.
34 Wissen Mutter Iris Glöck und Vater Uwe Machts, 0`29
„Des ist zwiespältig: auf der einen Seite freut man sich natürlich sehr für das Kind, auf
der anderen Seite ist es doch so ein Übergang zum Erwachsen-Werden und man
merkt, dass man loslassen muss so langsam.“
„das ist schon was sehr besonderes, nicht nur zu sehen, wie sie herangewachsen ist,
sondern auch das Ritual jetzt zu erleben zum Erwachsen-Werden. Ja, das ist schon
aufregend, auch für mich..“
Sprecherin:
Seine eigene Jugendweihe hat Jannas Vater Uwe Machts in Leipzig als Gruppenzwang
erlebt. Die DDR hatte die Jugendfeier der Freidenker abgekupfert und für ihre
ideologischen Zwecke missbraucht. Daraus entwickelte sich auch nach der Wende eine
10
lebendige Praxis: Der Jugendweihe-Ausschuss der SED ging nämlich in den Verein
„Jugendweihe Deutschland " über, der bis heute vor allem in Ostdeutschland zahlreiche
Feiern veranstaltet. Daran haben allein im letzten Jahr über 34.000 Jugendliche
teilgenommen - die Nachfrage wächst.
Doch damit hat das Fest in Stuttgart nichts zu tun. Der humanistische Verband knüpft
direkt an die Freidenker-Tradition an. Sie war aus der Arbeiterbewegung der 1920er
Jahre entstanden ist. Darauf ist Lauras Opa, Manfred Glöck, besonders stolz
35 Wissen Opa Manfred Glöck, 0`29
„ für mich ist das ein ganz großes Fest heute. Mein Vater war schon bei der
Jugendweihe hier in der Weimarer Republik, des ist ne lange Tradition, dass wir
freigeistige, freireligiöse und humanistische Tradition haben in der Familie. Das ist
eigentlich eine Lebenseinstellung, die wir als Familie hatten schon von Kleinkind auf.
Man muss das gar nicht antrainieren oder eintrichtern, sondern es ist eine
Selbstverständlichkeit, dass man anständig ist, dass man ehrlich ist, aufrichtig sein
Leben geht und nicht wartet, dass irgendjemand kommt, der einem Vorschriften macht .
Die Würde des Menschen ist unantastbar- das ist der Grundsatz unserer
Lebenseinstellung, die wir haben, und das haben wir unseren Kindern und Enkelkindern
mitgegeben in das Leben hier. Und ich freue mich, dass meine Enkelkinder jetzt auch in
diese Fußstapfen getreten sind und sich aus freien Entschlüssen, aus eigener
Entscheidung raus entschlossen haben, an einer humanistischen Jugendfeier
teilzunehmen.“ (25`40)
Atmo
Sprecherin:
Unterstützung beim Erwachsen-Werden – ganz ohne Gott. Das ist der Unterschied
zwischen humanistischer und christlicher Erziehung. Dennoch gibt es eine Parallele:
Das Ziel, die sozialen Werte der Kinder zu festigen und die Solidargemeinschaft zu
stärken.
*****
11
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